Ausgabe 
21.2.1902 Zweites Blatt
 
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Nr. 44

Erscheint täglich außer Sonntags.

Dem Gießener Anzeiger werden un Wechsel mit dem hesfischen Landwirt die Siebener Zamilien- blitler viermal in der Woche be,gelegt.

Rotationsdruck u. Der» lag der Brühl'schen Unwers.-Buch» u.Stein- druckerei (Pietsch Erben) Redaktion, Spedition und Druckerei:

Lcholstraße 7.

Adresse für Depeschen: Anzeiger Gieße».

Akrnsprkchanschluß Nr. 51.

Verantwortlich:

Zweites Blatt. 152. Jahrgang Freitag 21. Februar LSES

____ _ Bezugspreis:

Ä 'MM monalUck75Pf.,viertel»

GlchenerAnMger

" General-Anzeiger "

v für den polit. u. allgem.

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen MGW

" 1 KP zeigenteil: Hans Beck.

Krlranntmachung.

Betr.: Vorträge über Obstbau.

Herr Obstbautechmker Koch au8 Friedberg beabsichtigt, die nachbenannten Orte des Kreises Gießen zu besuchen, um Vorträge über Obstbau zu hallen, sowie praktische Unter­weisungen an Obstbäumen vorzunehmen.

Die Vorträge beginnen an Sonntagen um 3 Uhr nach­mittags, an Werktagen um 8 Uhr abends. Die praktischen Unterweisungen werden stets am anderen Morgen um 9 Uhr erteilt.

I» Obbornhofen findet nach Beendigung des Vortrages für die dortigen Mitglieder eine Gratisverlosung von Obst- bäumen statt.

Sonntag den

23. Februar

in Obbornhofen,

Montag

24.

n

, Bellersheim,

Dienstag

25.

Trais-Horloff,

Mittwoch ,

26.

n

Inheiden,

Donnerstag

27.

w

, Hungen,

Freitag tf

28.

w

, Villingen,

Samstag

1.

März

, Muschenheim,

Sonntag ,

2.

V

Ober-Hörgern.

Den Herren Bürgermeistern und Obmännern gehen noch besondere Mitteilungen zu.

Zahlreiche Beteiligung ist erwünscht.

Gießen, 12. Februar 1902.

Der Vorsitzende deS Vereinsbezirks Gießen des Oberhesi. Obstbauvereins. Dr. Heinrichs.

Z>ie Erklärung der Aeichsregienmg zum Zolltarif.

Berlin, 20. Febr.

Bei Beginn der heutigen zahlreich besuchten Sitzung der Zolltarif-Kommission, zu welcher die Staats­sekretäre v. Richthofen und Gras PosaLowsky erschienen sind, erklärte der Vorsitzende, daß die erloartenden Regierungs­erklärungen vertraulich zu behandeln seien.

Der Staatssekretär des Innern, Gras Posadowskh gab dann ine (bereits gestern von uns telegraphisch mit» geteilte) TrULrung ab: Angesichts der früheren Erklärungen des Reichskanzlers werde es nicht überraschen, wenn er jetzt erkläre, daß die Zustimmung bei Verbündeten Re­gierungen für den Kompromißantrag in keinem Stadium der Beratungen zu haben sein werde.

Zu der Sitzung hatten sich über hundert zur Kom­mission nicht gehörende Reichstagsmitglieder eingefunden. Es folgte eine längere Debatte über die Frage, wie jene Erklärung zu behandeln sei.

Die Abgg- Bebel und v. Kardorff sind beide der Ansicht, daß die Erklärung des Staatssekretärs nicht geheim gehalten werden könne, ohne daß die Debatte darunter leide.

Abg. Heim erklärt, nach den Mitteilungen des Stactts- sekretärs sei seine Stellung eine andere wie bisher, nach­dem er erkannt, daß die Gerste, die Hauptfrucht des kleinen Bauern, geopfert werden solle.

Abg. Sp e ch t hält es für das beste, wenn die Erklärung des Staatssekretärs zu Protokoll genommen würde, dann wisse jeder, was von der Erklärung berührt werden könnte.

Graf Posadowskh verwahrte sich dagegen, daß er seine vertraulichen Mitteilungen zu Protokoll geben könne.

Ferner wird debattiert Über den Modus der Wort­erteilung seitens des Vorsitzenden. Ein Beschluß hier­über erfolgt nicht.

Müller-Meiningen sagt, er begrüße die ablehnende Erklärung des Staatssekretärs mit Freuden. Posadowskh erscheine in der Lage eines Mannes, der auf einer hohen Leiter sitze und nicht herunter könne. Hoffentlich versinke die Zolltarifvorlage bald in den Orkus. Vom Zentrum habe bisher nur Heim die Konsequenz aus der Erklärung Pofadowskys gezogen und sich der Opposition angeschlossen. Er befurchte, daß das Zentrum zuletzt doch auf der Brücke ^ur Regierungsvorlage hinübergehen werde. Reimer legt m längeren Ausführungen seine Bedenken gegen den Mini­maltarif dar und bekämpft scharf die Erhöhung des Gerstenzolles.

Die Beratung wird hierauf wegen Beginns der Plenar­sitzung vertagt.

Zu der Erklärung des Staatssekretärs Grafen Poso- dowsky schreibt dieKreuzztg.": Wenn wir uns in dem bisherigen Verlauf der Verhandlungen der Kommission davon überzeugen müßten, daß diese Erklärung das letzte Wort der Regierung bedeute, so müßten wir allerdings unsere H o f f n u n g, daß überhaupt etwas zu stände kommt bedeutend h e r a b s e tz e n. DieBerl. N. Nachr." sagen Mit dieser Kundgebung sind die Interpretationen, die von konservativer imb agrarischer Seite hinsichtlich der bis­herigen Erklärungen des Reichskanzlers behebt wurden, end- gillig abgeschnitten. DieGermania" erklärt' daß nunmehr die Aussichten der ganzen Zolltarif^Zorlage auf ern Minimum herabgedrückt worden seien. Qu selbst äußert sich dieDtsch. Tgsztg." noch ntchü^Das Blatt schreibt aber im Anschluß an eine Notiz derFreis. Ztg.", wonach der Kompromiß-Antrag nur eine Stopfe im weiteren Rückzüge des Gros der Agrarier sei, daß sie Verständigungs-Versuche nicht von

Nie Heutige Murmer umfaßt 10 Seiten.

der Hand weise, daß aber hierbei eine Grenze fest- aehalten und gewährt werden müsse. Diese Grenze sei schon in dem Kompromiß überschritten worden. Sollten nun auch noch die Mindestzölle für die anderen landwirt­schaftlichen Erzeugnisse ganz oder zum größten Teile preis- gegeben werden, dann wäre an eine Ve rständigung kaum noch zu denken.

Tie Erklärung des Grafen Posadowhky ist zum größten Tell vertraulicher Art gewesen, da sich die Ausführungen auch auf hochpolitische Gründe und Erwägungen stützten. Alle solche intimen Darlegungen der Regierung über Be­ziehungen zum Auslande in der Regel erfolgen der­artige Mitteilungen bei Gelegenheit von größeren Forde­rungen für Heer und Marine werden sekret behandelt. Auch diesmal wird das Geheimnis gewahrt werden, obwohl über hundert Abgeordnete der Rede des Staatssekretärs zuhörten, der Kreis der Teilnehmer also viel weiter ge­zogen war, als es sonst in Kommissionssitzungen der Fall ist. Die Schwierigkeit liegt aber barm, die Diskussion fort* Msetzen, ohne auf den hauptsächlichen Inhalt einzugehen. Einigermaßen naiv war beiläufig das Ersuchen an den Grasen Posadowskh, die geheim zu haltenden Eröffnungen zu Protokoll zu geben. . . .

In keinem Stadium" werden also die verbün­deten Regierungen für den Kompromißantrag (Er­höhung der Getreide-Mindestzölle) zu haben sein. Diese Worte und das wiederholt angewandtedurchaus aus­geschlossen" wurden vom Grasen Posadowskh, wie uns aus Berlin geschrieben wird, mit großer Nachdrücklichkeit und ernster Bestrmmtheit gesprochen. Trotzdem giebt dieKreuz­ztg." nicht alle Hoffnung auf. Wohl selten ist in der Politik soviel unverwüstlicher Optimismus beobachtet wor­den! Das konservative Organ will also noch einaller­letztes" Wort! Mancher Komvromißfteund hatte gehofft, die Antwort der Regierung werdenicht so schlimm werden." Sofort nach Schluß der Erllärung enteilten ine Agrarier dem Sitzungssaal, um in lebhaften Gruppen, ungehört von Un­berufenen, das Vernommene und die Sachlage zu erörtern. Mau wirft nun die Frage auf, wie die Kompromißmehrheit die Erklärung der Regierung beantworten wird? Zunächst wird wohl der Antrag auf Erhöhung der Getreidezölle in der Zolltarifkommisfion bis zur Abstimmung gebracht werden, wobei eine knappe Mehrheit für den An­trag sich ergeben dürfte. Dann kann die Regierung, wenn sie will und es für nötig hält, ihrUnannehmbar" wieder­holen, und dann ja, was dann wird, wüßte schwerlich jemand richtig vorauszusagen.

Politische Tagesschau.

Erntestatistik und Zolltarifkommisfion.

Offiziös wird geschrieben:

In der Zolltarifkommission wurde über einen Antrag verhandelt, die Erntestatistik nach den einzelnen Größenklassen her Umbro. Betriebe aufzumachen. Es wurde dabei von einer Seite die Annahme vertreten, die Aufmachung einer solchen Erhebung sei mit geringem Zeit­aufwande verbunden. Diese Darstellung ist ein recht deut­liches Beispiel dafür, wie die Schwierigkeiten, die mit solchen Ermittelungen verbunden sind, unterschätzt zu werden pflegen. Schon jetzt ist ein sehr umfangreicher Apparat für die Er­hebung der landro. Statistik in Szene gesetzt. Die Zahl der Ernteberichterstatter ist auf 6474 Personen gegenüber 3868 in früheren Jahren vermehrt worden, sodaß auf einen Be­richterstatter hur noch 54 Quadratkilometer gegenüber früher 91 entfallen. Hierin liegt eine ganz außerordentliche Ver­besserung des bisherigen Verfahrens. Dagegen ist es auch mit dem jetzt zur Verfügung stehenden Apparat völlig un­vereinbar, eine so umfasiende Statistik, wie sie in dem An­träge verlangt wird, in kurzer Zeit oder gar periodisch ins Werk zu setzen. Es handelt sich im Ganzen um 5,5 Mill. Betriebe, die sämtlich einzeln befragt werden müßten. Hier trifft das Wort zu, das gelegenllich einmal der Staatssekretär des Innern, Graf v. Posadowsky, geäußert hat: man könne doch nicht die eine Hälfte der Menschheit dazu verwenden, um für die andere Hälfte statistisches Material zu beschaffen. Sollte man einmal eine Enquete in dem angeregten Sinne veranstalten, so würde zur Durchführung derselben ein sehr ausgiebiger Zeitraum erforderlich sein.

Das Schwergewicht einer statistischen Erhebung liegt nicht in der Versendung der Fragekarten, sondern in der Einsamm­lung der Karten und in ihrer richtigen und vollständigen Ausfüllung. Jeder, der bei statistischen Aufnahmen thätig ist, weiß, daß gerade das Mahnverfahren auf Rücksendung der Fragekarten, die Wiederhinaussendung unrichtig ober un­vollständig beantworteter Karten und ihre Wiedereinsammlung die weitaus größte Zeit der Erhebung für sich in Anspruch nimmt und in Anspruch nehmen muß, wenn anders die Auf­nahme darauf abziell, ein die Thatsachen richtig wiedergebendes Bild abzuspiegeln. Selbst wenn es technisch möglich sein würde, eine auf fünfeinhalb Millionen Betriebe sich erstreckende Erhebung in wenigen Wochen durchzuführen, könnte eine solche Erhebung doch keinen Anspruch auf eine richtige und vollständige Wiedergabe der betreffenden Verhältniffe machen.

Zolle aus Garten-Erzeugnisse.

Der Vorstand des Gartenbau-Verbandes für das König­reich Sachsen wendet sich in einer Eingabe an den Reichstag, um sich den Bestrebungen anzuschließen, die durch Einführung

hoher Zölle auf alle Garten-Erzeugnisse auch diese dem Ver­brauche verteuern wollen. Die Eingabe ist von dem Ritter- gute Grüngräbchen datiert. Der Wirtschaftliche Ausschuß hatte, wie in der Eingabe behauptet wird, einen Zoll auf frische Blumen in Höhe von 30 Mk. beantragt, in der Petition wird ein Zoll von 300 Mk. verlangt, und dabei ausgeführt, daß dieser Schutzzoll durchaus kein Einfuhrverbot sein sollte, da die feineren Erzeugnisse des Auslandes auch ferner noch unsere Märkte schmücken würden; denn em Zoll von 300 Mk. pro D.-Ztr. erhöhe den Wert eines Dutzend blühender Rosen von 80 Pfg. auf 140 Pfg. und eines Dutzend frischer Nelken von 70 Pfg. auf 110 Pfg. Die Vor­schläge des Wirtschaftlichen Ausschusses sind dem Vorstand des sächsischen Gartenbau - Verbandes durchweg viel zu niedrig.

Nur Lorbeerbäume, die der Ausschuß mit 15 Mk., der Tarifentwurf des Bundesrats mit 3 Mk. belasten will, em­pfiehlt die Petition ftei eingehen zu lassen, und für Bahnen, Gurken, Karotten, Spargel, Radieschen, Kopfsalat, die nach dem Vorschlag des Wirtschaftlichen Ausschusses mit 20 Mk. das ganze Jahr hindurch geschützt werden sollten, will sich die Petition in der Zeit vom 1. Juli bis 30. No­vember mit 3 Mk. begnügen, dafür aber auch den Zoll für die Zeit vom 1. Dezember bis 30. Juni auf 50 Mk. nor­miert roiffen. Frei sollen nach dem Wunsche des Vorstandes des sächs. Gartenbau-Verbandes nur Cycasstämme und Lor­beerbäume sein, alle anderen Produkte dagegen verzollt werden, weil der dercksche Verbraucher kein Anrecht darauf hat, aus der Sonne, die über Südfrankreich und Italien scheint, au8 dem feuchten, milden Klima Hollands und Belgiens oder aus modernen Verkehrseinrichtungen Nutzen zu ziehen.Was vor 10 Jahren unmöglich war," sagt die Petition,ist heute zur Thatsache geworden: die Pariser Zentralmarkthalle be­herrscht mit französischen, italienischen und egyptischen Gemüsen den deutschen Markt, da selbst die besten Treibeinrichtungen der deutschen Gärtnerschaft zwar eine etwas feinere Qualität erzeugen, nicht aber zu so niedrigen Preisen zu liefern ver­mögen als das freie Land der südlicheren Himmelsstriche."

Die jnristischeu Prüfungen

sollen bekannllich in Preußen eine Aenderung erfahren. Die am 17. d. M. begonnene Beratung der Kommission, be­treffend das Gesetz über die juristischen Prüfungen, ergibt schon jetzt, daß die Arbeiten der Kommission eine erhebliche Zeit in Anspruch nehmen werden. Nach b.er beschlossenen Regelung der Geschäfte der Kommission sollen in nachstehen­der Reihenfolge vor der Diskussion über das Gesetz selbst der Studienplan mit den Zwangsübungen und die Zulassung der Realschüler zum juristischen Studium; das Zwischenzeugnis und die Zwischenprüfung; die Gestaltung des Re­ferendar-Examens, der Vorbereitungsdienst der Referendare; das Assefforexamen; die Qualifikation der Professoren; die Ausbildung der Verwaltungsbeamten besprochen werden. Außerdem wurden verschiedene statistische Nachweisungen und die Verteilung der Zusammenstellung des künftigen Studien­planes verlangt, nach deren Eingang erst die weitere Be­ratung stattfinden soll. Aus den Angaben der Vertreter der Staatsregierung über den künftigen Studienplan ist her­vorzuheben, daß eine Abänderung nach folgenden Richtungen geplant ist:

1. ein Einführungsexegetikum für das zweite Semester mit zwei Stunden wöchentlich, das aber auch in späteren Semestern nach Ermessen abgehalten werden kann;

2. eine weitere Hebung im öffentlichen und Staatsrecht;

3. Erhöhung der Stundenzahl der Vorlesung über das Bürgerliche Gesetzbuch auf 1824;

4. Erhöhung der Stundenzahl der Vorlesung übet theoretische und praktische Nationalökonomie auf 610;

5. eine Vorlesung über Grundzüge der Finanzwisienschaft mit 2 Stunden wöchentlich.

Die Zahl der Teilnehmer an den praktischen Hebungen soll auf 50, an den übrigen Vorlesungen auf das Maximum von 75 beschränkt werden. Heber das beabsichtigte Zwischen- zeugnis wurde im allgemeinen mitgeteilt, daß durch die aus Referenten aus dem Hnterrichts- und Justizministerium zu bildende Zentralstelle eine Kontrolle nicht nur für Studierenden, sondern auch die Rechtslehrer aus- geübt werden soll, daß zu diesem Zweck die Mitglieder sich mit den Einrichtungen und den Semmarien der einzelnen Hniversitäten werden bekannt machen müssen und auch fest- zustellen haben werden, ob der Nachweis der erforderlichen Sprachenkunde für das Einführungsexegetikum geführt ist. Die Kontrolle soll aber nur einen moralischen Effekt au§* üben. Ein Unterschied zwischen preußischen und nichtpreußischen Hniversitäten soll nicht gemacht werden.

Der Serbenkonig interviewt.

Das Pariser BlattLe Franecns" veröffentlicht ein Interview des gegenwärtig in Belgrad weilenden Mitarbeiters Gaston Stiegler mit dem König Alexander, welcher ihm vor­erst die Abdankungs- und Abdoptierungsgerüchte als absurd bezeichnete und sich sodann über die finanzielle Situation Serbiens wie folgt äußerte: Der Handel prosperiert und be­darf nur der Entwicklung nach außen. Die Finanzlage ist aber nicht so gut als wir wünschten. Die Auslagen für die