Ausgabe 
21.2.1902 Drittes Blatt
 
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152. Jahrg.

General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Ureis Sichen.

System, sondern der Pächter. Man sollte einem Manne nur eine

sinnung im

hrgen Eindruck gemacht; der ich meinerseits anerkenne.

auch,

wie

in

einer

sehr von Aus

Verantwortlich für den allgemeinen M: P. Wittko; für den Anzeigenteil: H. Beck.

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Unioersitätsdruckerei (Pietjch Erben), Gießen.

ernste Wille vorhanden wäre. Die Jenenser Broschüre ist nicht etwa sozialdemokratisch; im Gegentheil, der Verfasser will der Sozialdemokratie das Wasser abgraben und macht dazu Verbesse­rungsvorschläge, denen wir aber vollkommen zustimmen. Wir sind eben viel objektiver als Sie. Ich wundere mich, daß Graf Roon

sich über meine erste Rede so entrüstet hat; auf den Minister hat meine Rede einen ruhigen Eindruck gemacht; der Minister hat denn 'f"Xo *

währende Verlesung der Kriegsartikel. Dazu würde anch eine Kontrolversammlungen ausreichen.

Kantine übergeben.

Generalmajor von Einem: Ich befinde mich in der angenehmen Lage, dem Vorredner sagen zu können, daß die Militärverwaltung ganz auf seinem Boden steht. Sein Wunsch ist bereits erfüllt worden. Es ist eine Verordnung ergangen, daß nach Möglichkeit die Kantinen nicht an Großunternehmer verpachtet werden sollen. Wir haben überhaupt nur acht Großunternehmer in der Armee, bei den Hunderten von Kantinen doch gewiß eine geringe Zahl. Ich hoffe, der Vorredner wird zufrieden sein.

Abg. Groeber (Ctr.): Ich muß nochmals auf das Verfahren im Falle Krosigk zurückkommcn. Ich würde es für sehr bedenklich erachten, wenn dem Gerichtsherrn die Befugniß zustande, noch nach der Anordnung des Ermittelungsverfahrens selbständige Er­hebungen anzustellen. Die Behauptung, im Falle Krosigk habe Herr von Alten nicht Untersuchungshandlungen in dem Sinne vor­genommen, wie sie allein dem Untersuchungsrichter zustehen, son­dern nur militärpolizeiliche Handlungen und Oricntirungen, ist ohne Belang. Wo soll die Grenze gefunden werden zwischen Er­hebungen, Orientirungen und militärpolizeilichen Handlungen? Eine solche Differenzirung wird auch von dem Gesetz nicht gemacht. In der Militärstrafprozeßordnung steht klar und deutlich, daß der Gerichtsherr durch die Anordnung des Ermittelungsverfahrens den Thatbestand erforschen zu lassen hat. Er selber hat sich also in dieses Ermittelungsverfahren nicht mehr einzumischen. Man darf nicht mit dem Wort,, militärpolizeilich" kommen, um dem Gerichts­herrn auf Umwegen die Befugnisse zuzuschreiben, die ihm ausdrück­lich auch die Militärstrafprozeßordnung genommen hat. Sonst wird schließlich die Thätigkeit des untersuchenden Juristen lahmgelegt.

Abg. Bebel (Soz.): Den Erlaß des Kriegsministers von 1897 über das Verbot der Betätigung sozialdemokratischer Ge- Heer halte ich für ungesetzlich. Wenn Politik im Heere >en werden borf, dann muß das gegenüber allen Par-

nicht getrieben----------

teien gelten; es darf aber keine Ausnahme gemacht werden gegcn- über einer gleichberechtigten Partei wie der Sozialdemokratie. Gegen das Institut der Einjährig-Freiwilligen sind wir stets gewesen, weil es einen Theil der Bevölkerung privilegirt. Dem Grafen Roon erwidere ich, allerdings erstreben wir die BeseitigunA der Monarchie, aber so lange wir in einem monarchischen Staate leben, sind wir bestrebt, die Zustände in diesem Staate nach den Grundsätzen der allgemeinen Gerechtigkeit zu bessern. Eine Ver­ständigung mit dem Grafen Roon wird für uns nicht möglich sein. Seine Partei sieht nach rückwärts, wir sehen nach vorwärts. (Lachen rechts.) Den Ton unserer Reden können wir uns vom Grafen Roon nicht vorschreiben lassen. Speziell die Mißhandlungen, die in der Armee vorkommen, müssen nach unserer Ansicht hier aufs Schärfste verurtheilt werden. Nicht wir diskreditiren die Armee, sondern die Armee diskreditirt sich durch solche Vorfälle. Ich habe mich nicht auf die Negation beschränkt, sondern positive Vorschläge zur Besserung gemacht. Vor 10 Jahren wurden die vorgekomme­nen Mißhandlungen von allen Parteien aufs Schärfste gcmiß- billigt; jetzt stehen die Redner der andern Parteien auf und sagen: Wir wollen die Armee nicht diskreditiren. Man kann ja die Sünde nicht ganz aus der Welt schaffen und wer weiß, ob der Abg. Bebel nicht falsch unterrichtet ist I Wenn der Reichstag sich so lässig gegen­über den Mißhandlungen verhält, dann ist es kein Wunder, daß die Mißhandlungen nicht verschwinden. DaS Gefühl der Entrüstung scheint beim Reichstag abgestumpft zu sein. Schon Friedrich der Große ordnete an, auch das Schimpfen solle im Heer unterlassen werden. Das galt für eine Söldnerarmee in einer viel roheren Zeit! Und heute? Wir verlangen nicht einmal, daß alles Schimpfen aufhört, wir sind schon ftoh, wenn diese Mißhandlungen aufhören. (Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Ich meine, endlich müßte das doch erreicht werden, und es kann erreicht werden, wenn der

Parlamentarische Verhandlungen.

Lach druck ohne Vereinbarung nicht gestattet.

Deutscher Reichstag.

148. Sitzung vom 20. Februar.

11 Uhr. Das Haus ist sehr schwach besetzt, Am Bundesrathstische: v o n G o ß l e r u. A. Eingegangen ist eine Interpellation, ob dem Rerchs- kanzler bekannt ist, daß in Beuthen das Arbeiter-Sekretariat tn gesetzwidriger Weise als Gewerbebetrieb angemcldet werden mußte.

Die zweite Berathung des Militär-Etats wird bei den dauernden Ausgaben, Titel,Gehalt des Kriegsministers", fort­gesetzt.

Abg. Eickhoff (feis. Vp.) bedauert die ablehnende Haltung des Kriegsministeriums in Betreff der Errichtung eines Truppen­übungsplatzes auf dem Eichsfelde. Den armen Bewohnern der dortigen Gegend würde dadurch sehr geholfen werden. Redner schließt sich im Weiteren dem Wunsche des Abg. Strombeck an, die Militärverwaltung möge die nothleidenden Handwerker durch vermehrte Aufträge unterstützen. Sehr beklagenswerth sei die Art, wie die zu den Kontrolversammlungen herangezogenen Leute mit­unter behandelt würden. So wurde von dem Rittmeister von Crü- ger auf einer KontrolversammlurM in Worbis einem Lehrer ge­sagt:In der Judenschule und in der Kinderfchule wird ge­schwatzt, hier aber wird das Maul gehalten." Sei den Offizieren scheint im Allgemeinen eine große Voreingenommenheit gegen die Lehrer zu herrschen, und dabei haben wiederholt Lehrer wegen ihrer hervorragenden Leistungen den Offiziersrang erhalten. Unser Heer soll doch ein Volksheer fein, da dürfte so etwas doch nicht passiren. Ich bitte den ÄricgSminifter, den Fall m Worbis einer gründlichen Prüfung zu unterziehen.

Generalmajor von Tippelskirch: Ich werde den Fall Worbis untersuchen. Genauer auf den Fall eingehen kann ich nicht, da mir die nöthigen Unterlagen dazu fehlen. In den Zeitungen wurde kürzlich erwähnt, daß ein Lehrer seine Strafe von 24 Stunden im Spritzenhaus abgesessen hätte. Diese Behauptung ist unrichtig, er hat die Strafe im Militärgefängniß zu Könitz abgebüßt.

Abg. von Brockhausen (lons.): Bezüglich des Duells gilt das Dichterwort auch für den Einzelnen: Nichtswürdig ist die Ncttion, die nicht ihr Alles fteudig setzt an ihre Ehre. Was Jemand in einem Falle thut, wenn seine Ehre verletzt ist, das hat er nur vor sich selbst und seiner Familie zu verantworten. Doch gebe ich zu, daß sich das Duell vom sittlichen und religiösen Standpunkte nicht rechtfertigen läßt. Aber es haben sich nicht nur Junker duellirt, denken Sie doch an Lassalle! Ich will auf diesen Fall nicht weiter eingehen, lassen wir die Tobten ruhen. Das Recht der Kritik will ich Keinem hier bestreiten, aber man darf sich dabei nur die strengste Wahrheitsliebe zur Richtschnur nehmen. Klatsch und un- beglaubigte Nachrichten darf man von der Tribüne des Reichstags nicht verbreiten. Die Sozialdemokraten versuchen ständig unser Heer zu diskreditiren und herabzusetzen. Immer brennender wird die Frage der hinreichenden Heranziehung von Unteroffizieren. Man wird durch eine finanzielle Besserstellung derselben auf eine Vermehrung der Kapitulationen hinwirken müssen; man muh be­denken, daß eine derartige Maßnahme auch innerlich gerechtfertigt wäre, da der Dienst der Unteroffiziere seit Einführung der zwei­jährigen Dienstzeit erheblich erschwert worden ist. Für sehr zweck­mäßig würde ich eine Vermehrung der kleinen Garnisonen halten, an denen ganz besonders die Provinz Pommern Mangelleidet. Weiter möchte auch ich die ost betonte Bitte wiederholen, möglichst nur beim Produzenten einzukaufen.

GeneraUeutnant von 6Geringen: Wir kaufen dort ein, wo wir am besten und billigsten beziehen. Die Proviantämter sind ange­wiesen, in erster Linie vom Produzenten zu kaufen; in Folge dessen werden auch die Genossenschaften berücksichtigt. Für Preußen sind die Prozentzahlen des vorigen Jahres, in dem aus erster Hand gekauft wurde, für Weizen 73, Roggen 55, Hafer 46, Heu 67, Stroh 63. Wenn für Baiern die Zahlen günstiger liegen, so hat das seinen Grund in den besonderen gleichmäßigeren Anbauver­hältnissen. In Preußen werden wir die Händler nie ganz ent­behren können, da in weiten Gegenden nicht genügend Produzenten vorhanden sind. Eine Anweisung cm die Proviantämter, nur von einer landwirthschaftlichen Centralstelle zu kaufen, kann ich nicht in Aussicht stellen.

Abg. Stadthagen (Soz.) bringt nochmals den Fall des Re­servisten Briese zur Sprache, der von der Militärverwaltung bestraft wurde, weil er vor Gericht gesagt hatte, im Civil sei er Sozialdemokrat. Ein ähnlicher Fall hat sich kürzlich ereignet. Ein Oekonomiehandwerker der Reserve aus Herne verweigerte die An­nahme der Chinadenkmünze. Als er gefragt wurde, warum er sie verweigerte, antwortete der Mann, et könne es mit seinen An­schauungen als überzeugter Sozialdemokrat nicht vereinbaren. Der Mann wurde darauf wegen Ungehorsam gegen einen Befehl in Dienstsachen unter Anklage gestellt und bestraft. Man hat so viele Chinadenkmünzen geprägt, daß man nicht weiß, wohin man damit soll. Der Kriegsminister hat gestern gesagt, Disziplin und Gerechtigkeit müßten sich auf einem Boden vereinbaren. Hier aber wird ein Mann bestraft, weil er pflichtgemäß die Wahrheit sagt. Das widerspricht aller Gerechtigkeit, Disziplin und Ehre. Der Mann hat keine Pflicht, so ein Ding anzunehmen, aber er hat die Pflicht, die Wahrheit zu sagen; der Kriegsminister hat kein Recht, die Sozialdemokaten anders zu behandeln, als andere Soldaten, sonst verletzt er das Gesetz und fein Gewissen. Die wirklich Vater­landsliebenden sind und bleiben die Sozialdemokaten. (Lachen rechts.) Jawohl, denn sie stteben und toirten für das Gemein­wohl; Vaterlandsfeinde aber sind Diejenigen, die unter dem Deck­mantel der Vaterlandsliebe, im Wege der Heuchelei die anderen Staatsbürger ausbeuten. (Sehr richtig! bei den Soziald emo Kate n.) Sie können es den Sozialdemokaten nicht nachweisen, daß sie ein anderes Ziel haben, als das Gemeinsame zu fördern. Wenn aber wirllich, wie der Kriegsminister gestern sagte, die Sozialdemokaten kein Vaterland haben, warum stellt er sie dann in das Heer ein? Im Heer sollen doch nur Deutsche dienen. (Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Warum bringt er denn nicht eine Vorlage ein: die Sozialdemokaten sind nicht mehr verpflichtet, im Heere zu dienen? Darüber würden wir uns unterhalten können. Aber ungerecht ist es, die Sozialdemokaten, die voll ihre Schuldigkeit als Soldaten thun, die die tüchtigsten unten den Soldaten sind, (Lachen.) die so tüchtig sind, daß ihnen sogar die Chinamedaille angeboten wird, (Heiterkeit.) daß man die Sozialdemokaten anders als andere Soldaten behandelt. Mit diesem ungesetzlichen Verfahren muß aufgeräumt werden. (Beifall bei den Sozial­demokaten. )

Abg. Kopsch (steif. Dp.): Ich möchte die Militär-Kantinen zur Sprache bringen Diese Kantinen sollen jetzt immer mehr an Generalpächter vergeben werden, in Hannover soll ein Pächter allein 50 Kantinen haben. Ich bezweifle, daß der Großbetrieb wirkliche Vortheile bringt. Je weniger ein Kantinenpächter in näheren Be­ziehungen zu den Soldaten steht, um so geringer ist sein Interesse au du Sache. Den wahren Vortheil hat nicht der Soldat an diesem

Sommer während der heißesten Zeit sogenannte Dauerritte vor­genommen werden.

Preußischer Generalmajor v. Einem: Die Dauerritte find als Uebungsritte angeordnet worden, weil wir der Meinung find, daß diese Ritte zur Ausbildung der Offiziere durchaus notb- wendig sind. Wie nothwendig solche Ritte im Krieg sind, hat ffch in China und Südafrika gezeigt. Deshalb hat S. M. diese Ritte einführen lassen und Preise für die besten Leistungen gestiftet. Es handelt sich dabei auch darum, taktische Aufträge in geschickter Weise zu lösen. Bei diesen Ritten toirb keiner einen Preis bekommen, dessen Pferd niedergebrochen und ver­letzt ist. Der Offizier soll das Pferd schonen und die Sache unter keinen Umständen so weit keiben, daß das Pferd zusammenbricht. Er soll es vielmehr im besten Zustand erhalten. Wie soll unsere Armee in den Stand gesetzt werden, ihre Aufgaben im Kriege zu erfüllen, wenn ihr nicht schon im Frieden Aufgaben gestellt werden, wie sie im Kriege Vorkommen.

Abg. Fürst Radziwill (Pole) erklärt, daß er es lebhaft be­dauern würde, wenn mit den militärischen Maßnahmen in Posen national-politische Ziele verfolgt werden würden. Derartiges liege nicht in den Aufgaben der Militärverwaltung.

Abg. Dr. v. Jazdzewski (Pole) erklärt, daß auch er gegen die kleinen Garnisonen an sich nichts einzuwenden habe, wenn damit aber ein Boykottirungssystem der Polen in der Art verbunden würde, daß die Soldaten nur von deutschen Kaufleuten kaufen dürften, dann würden sich die Polen für diese Garnisonen sehr bedanken. Außerdem dürften diese Garnisonen nicht dazu benutzt werden, um die staatsbürgerlichen Freiheiten der Polen zu unter­drücken. Die Polen hätten in vielen Schlachten für die Einigung Deutschlands geblutet. Darum sei es unrecht, sie zu Staatsbürgern zweiter Klaffe zu degradiren. Von einem Terrorismus seitens der Polen gegenüber den Deutschen könne keine Rede fein.

Damit schließt die Debatte.

Der TitelGehalt des preußischen KriegöministerS" wird be­willigt.

Die Resolution Bergmann, betreffend gesetzliche und disziplinarische Maßnahmen gegen die Duelle, wird gegen die Stimmen der Rechten angenommen.

Das Haus vertagt die weitere Berathung auf Freitag 1 Uhr.

Schluß gegen 6 Uhr.

ruhigen Rede geantwortet, die sich Vortheilhaft der des Grafen Roon unterschied. (Heiterkeit.) derKreuzzeitung" habe ich mehr gelernt als Graf Roon; Alles, was ich über die Pläne des stanzösischen Kriegs - ministers gesagt habe, habe ich einem sehr ruhigen und sachlichen

Arttkcl des Generals von Holleben in der Kreuzzeitung entnommen. Herr v. Holleben nimmt diese Pläne durchaus ernst, z. B. die Absicht, einen Theil der Offiziere aus dem Unteroffiziersstande zu nehmen, ein Vorschlag, der das Kopfschütteln, nein das Haar­sträuben des Grafen Roon Hervorrufen würde (Heiterkeit.) Das Citat des Grafen RoonWir wissen, daß wir nichts toiffen" stammt meines Wissens nicht von Goethe, sondern von Sokates. Scharnhorst, auf den er sich berief, hat gesagt: Erft die Miliz habe in Frankreich und England den militärischen Geist geweckt. (Hört! hört! bei den Sozialdemokaten.) Das Urtheil über die Sozialdemokaten im Heer kann nur günstig fein.

Abg. Graf Roon (konf.): Ich verzichte mit Rücksicht auf die Geschäftslage des Hauses auf eine Entgegnung. (Lachen bei den Sozialdemokaten.)

Abg. Frhr. v. Hodenberg (Welfe): Mr find überzeugt, daß an der maßgebenden Stelle der beste Wille vorhanden ist, die Miß­handlungen im Heer zu beseittgen. Leider ist es noch nicht ge­lungen, sie aus der Welt au schaffen. Redner theilt einige Fälle von Mißhandlungen in Hildesheim mit und regt die Schaffung einer Zwischenstufe zwischen Offizierkorps und llnlerosfizier- korpS an. Die Stellung bet Welfen zum Duell ist bekannt. Daß die Korps die Duelle begünstigten ist nicht wahr. Gerade die Korps und mich die Burschenschaften bemühen sich, ihre Mitglieder so au erziehen, daß sie stets die Ehre des Andern hochhalten. , Direktionslose Leute werden heraus- gethan. Auch die Wahrhettsliebe wird dort stets gepflegt. Darauf kommt es an. Wenn Jemand Unrecht gethan hat, muß er es ein- gestehen und um Verzeihung bitten. Dazu gehört ein größerer Muth, als dazu, sich vor die Piswle eines Anderen zu stellen. So lange die Wahrheitsliebe im deutschen Volke nicht mehr zunimmt, toiro das Duell nicht verschwinden.

Abg. Kunert (Soz.) wiederholt seine gestrige Behauptung, der Rittmeister v. Krosigk habe seine Leute sehr schlecht behandelt. Er habe seine Unteroffiziere Clowns und Lakaien genannt. Den Wacht­meister habe er so schlecht behandelt, daß er 12 Wochen krank war. Gegen die Verheirathung Hickels habe er Einspruch erheben wollen. Wenn der Rittmeister so schon die Unteroffiziere behandelt habe, wie müffe er dann gegen die Gemeinen aufgetreten sein 1 Eine solche Behandlung beweise allerdings Unehrenhastigkeit. Redner geht so­dann auf die Polenstage ein, wird aber vom Vicepräsidenten Büsing rettifizirt, als er die Aeußerung thut: Den Polen ist das Vaterland gestohlen. Die Soldaten-Mtßhandlungen seien in Sachsen noch immer seht häufig, es gebe dort unter den Unter­offizieren noch immer eine Menge gewohnhettsmäßiger Leute-

stark beschränkte Zahl von

Es ist auch nöthig, daß die Ankündigungen besser erfolgen. So wie Kontrolversammlungen jetzt angekündigt werden, kann man fie leicht übersehen; es ist daher eine viel zu harte Strafe, daß die Versaumniß mit 3 Tagen Mittelarrest beftraft toirb.

Abg. Kirsch (Ctr.) tadelt, daß jetzt im 7. Armeekorps im

schindet; in einer einzigen JnstruktionSstunde seien nicht weniger als 50 Ohrfeigen ausgetheilt worden.

Sächsischer Major Krug von Nidda befreitet die Richtigkeit der vom Vorredner in Betreff Sachsens aufgestellten Behaup­tungen.

Abg. v. GerSdorff (kons.) wendet sich gegen die von polnischer Seite an der Militärverwaltung geübte Kritik. Selbst viele Polen seien durchaus damit einverstanden, daß einige der kleinen Städte der Ostmark Garnisonen erhalten haben. Allerdings sollten diese Garnisonen dem Schutze des DeutschthumS dienen, aber cs fei doch nicht zu verkennen, daß sie den betreffenden Städten auch erhebliche wirthichaftliche Vortheile brächten.

Abg. Fischer-Sachsen (Soz.) schildert einen Fall, der sich beim 102. Regiment in Zittau ereignet habe, wo ein Soldat in Folge von Mißhandlung gestorben fei. Der Tod fei dadurch herbeigeführt worden, daß man den Mann eine volle Stunde lang mit Tornister, in den 24 Pfund Sand gefüllt waren, hätte Laufschritt mache« laffen. Es komme überhaupt nicht selten vor, daß man die Leute so lange Laufschritt machen lasse, bis sie erschöpft zusammenbrechen. Wegen dieser Mißhandlungen wurden in Sachsen immer nur ganz geringe Arreststrafen verhängt. Ein junger säch­sischer Offizier habe sich täglich die ärgsten Mißhandlungen zu Schulden kommen lassen. Er fei schließlich allerdings mit 9 Monaten Festung bestraft worden, er, Redner, wisse aber nicht, ob man ihn nach Verbüßung der Skafe nicht doch wieder zum Dienst heranaiehen werde. Er halte es für dringend erforderlich, daß Leute von so roher Ge­sinnung aus dem Offiziersstande auSgestoßen werden. Auf der Festung Königstein habe man einen Soldaten am Weihnachtsabend auf einen Schrank gesetzt, ihm ein Schild vorgebunden, auf dem die Worte standen: Stille Nacht, heilige Nacht I und ihn, trotzdem er Nichtraucher war, zwangsweise stundenlang schlechte Cigarren rauchen laffen, wovon der Mann natürlich krank wurde. Zu beschweren wagte sich der Mann nicht, aus Furcht, bann noch weiter gemißhandelt zu werden ; seine Krankheit verschlimmerte sich aber so, daß er ins Lazareth kam, und so wurde die Sache entdeckt. Durch die thätlichen und wörtlichen Beleidigungen der gemeinen Soldaten toirb ihr Ehrgefühl auf bas stärkste herab­gedrückt. (Sehr richtig 1) Deshalo müßte mit allen Mitteln ben Mißhandlungen entgegengearbeitet werden, man sollte es auch streng verbieten, daß die Soldaten von Vorgesetzten mit Du angeredet werden, der Regimentskommandeur in Zittau habe auch die Gewohnheit, sich in politische und wirthschafiliche Kämpfe einzumischen. Er ver­hängt mit Vorliebe den Mititärboykott über Lokale, die von ben Wirthen zu gewerkschaftlichen Versammlungen hergegeben toirb. Er nimmt also Partei für die Unternehmer, indem er es zu ver­hindern sucht, daß die Arbeiter eine Verbesserung ihrer Lage her- beiführen. Die ewigen Quälereien und Mißhandlungen der Soldaten zeitigen ein Gefühl der Erbitterung und des Hasses in ihnen, daß sie nach ihrer Eiitlassung sich zum großen Theil der Sozialdemoeratie anschließen. (Beifall b. d. Sezb.)

Sächsischer Major Krug von Nidda: Der betreffenbe Soldat vom 102. Regiment sein Name ist Haustein ist laut Fest­stellung ber Obduktion an Gehirnkrebs gestorben. Ob Mißhandlun­gen den Tod beschleunigt haben, weißich nicht; die eingeleitete gericht­liche Untersuchung wird das ergeben. Die bisher vernommenen Zeugen haben iedeUeberschreitung der Dienstgewalt bestritten. DieSache mit dem Tornister ist gar nicht so schlimm. Die Tornisterlast wird nach und nach erhöht, damit der Soldat sich daran gewöhnt. Das ge­schieht überall. Mißhandlungen treten wir entgegen, wo wir irgend von ihrem Vorkommen erfahren.

Abg. Demmig (fr. Vp.): Durch die Kontrolversammlungen werden dem Volke jährlich 2 Millionen Arbeitstage entzogen. Be- werthet man den Arbeitstag auch nur mit zwei Mark im Durch­schnitt, so macht das eine jährliche Einbuße von 4 Millionen Mark aus. Die Militärverwaltung wird natürlich behaupten, daß diese Konttolversammlungen im Interesse der Disziplin nothwendig seien, aber es steht außer Zweifel, daß sie sehr lästig sind und viel Ueber- flüssiges enthalten. Die Hauptsache ist ja die fort*

ssr. 44 Freitag, 21. Februar 1902

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntag«. AA Afr A M

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