Ausgabe 
20.10.1902 Zweites Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Nr. »46

Ursch-»»« täglich außer SormtagS.

dem Gießener Anzeiger »»erden im Wechsel mit dem Kesfischen Landwirt die Siegener Zamiliev« blätter viermal in der Woche beigelegt.

Notatton-druck u. Ver­lag bei Brüh l'schen ttnwers.-vuch- u.Slein- drucke rrt (Pietsch ürben) Heboftton. Expeditio» und Druckerei:

Gchnlstraße 7.

Üdresie für Depeschen» «uzetger Gieße».

ß^rnsprechanschluß 92t. 5L

Zweites Blatt.

152. Jahrgang

Montag 20. Oktober 1902

GietzeimAiMiger

u General-Anzeiger w

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen

®ca«g»>reUt monatIich7bPft oterteU jährlich Mk. SL0; durZ Abhole- u. Zweigstellen monatlich 66 Pf.: durch diePoft Ml Dlertd» fährt. au6ld)L Bestellg. Annahme von Anzeige« für bie TageSnummrr bis vormttlogS 10 Uhr, ßetlenprei»; lokal ISPf^ au-wärt- 20 Pfg, Veraalwortlich: für den poltt u. allgem, keil: P. Witiko:, .Stadt und Land^ und ^SerichlSsaal': 6 nrt Plato, für den An­zeigenteil: Han» Beck.

5>ie heutige Yummer umfaßt 12 Seite».

ei?. ... uum* . . . 11

Nie ASreise der Auren-Kenerale in Uerlin.

Die Buren-Generale haben, wie wir bereits in unserem heutigen Morgenblatte meldeten, am SamStag Abend die Reichshauptstadt wieder verlassen. Nachmittags konferierten sie noch mit ihren Sekretären und soupierten abends im Hotel mit dem Burenkomitee. Gegen halb 9 Uhr verabschiedete sich Dewet von demselben und fuhr mit seinem Sekretär und einigen anderen Herren nach dem Bahnhof Zoologischer Garten, wo um 10 Uhr mit dem Kölner Schnellzug die Ab­fahrt nach dem Haag erfolgte. Auf dem Wege nach dem Bahnhofe wurden Dewet wieder stürmische Ovationen be­reitet, hauptsächlich am Bahnhofe selbst hatte eine große Menschenmenge Aufstellung genommen. Auf den verschie­denen Perrons waren mehrere Tausend Menschen versammelt, welche Dewet, als er kurz nach 9 Uhr auf dem Bahnsteig für den Fernverkehr eintraf, mit Hurrarufen begrüßten. Bis zur Abfghrt des Zuges verweilte Dewet im Stations-Dienst- raum und unterhielt sich mit zahlreichen Herren, unter denen sich auch der Abg. Liebermann v. Sonnenberg befand. Als der Zug in den Bahnhof einlief und Dewet mit seinem Sekretär ein für ihn reserviertes Koupee erster Klasse bestieg, wiederholten sich die Hochrufe und dauerten an, bis der Zug die Halle verlassen hatte. Immer wieder verneigte sich der Gefeierte zu beiden Seiten des Perrons. Wenige Minuten später trafen Botha und Delarey auf dem Bahnhof ein, ebenfalls auf das lebhafteste von den Anwesenden begrüßt. Sie fuhren mit dem Nord-Expceßzug, der ausnahmsweise auf dem Bahnhofe Zoologischer Garten hielt, um 11 Uhr 15 Min. direkt nach Brüsiel und werden heute (Montag) mit Dewet in London Zusammentreffen. Bei ihrer Abfahrt erneuerten sich die Ovationen seitens der zahlreichen Menschen­menge. Die Generale führten eine große Anzahl von Kränzen mit sich, die ihnen während ihres Berliner Aufenthalts über­reicht worden waren.

Wir tragen noch die Rede Dewets vom Frühstück des Alldeutschen Verbandes nach. Er führte aus:

Nicht nur die Mitglieder des Alldeutschen Verbandes begrüße ich in Ihnen, sondern ich meine alle Deutschen zusammen. Es sind angenehme Augenblicke, die ich in Deutschland erlebte, ich habe nicht gedacht, daß wir so viele Freunde hier im Lande haben. Wir haben viele Freude erfahren und viele Ehre. Aber glauben Sie auch, wir sind so matt geworden. Seit Atonalen haben wir keine volle Nachtruhe mehr gehabt, zwei, drei, fünf Stunden höch­stens. Jetzt kommen wir als Bittende; wir wollen, daß unser Volk nicht untergeht. Und es wird nicht untergehen. Wir Afrikaner sind tief heruntergesunken in den Morast, aber wir halten die Nase steif nach oben, und wenn sogar die Nase versinkt, dann bleibt doch der Nacken steif. Bleiben Sie auf dem Wege, dem aftikanischen Volke zu helfen. Wir sind ein Volk von afrikanischer und deutscher Ab­stammung. (In diesem Augenblicke flammte unvermutet das Blitz­licht zum Photographieren auf, em leichter Schrecken flog über die Gesichter, Dewet aber stand da mit einem herzlichen Lrchen auf den sonst so unbeweglich ernsten Zügen, und lachend rief er in den Saal: »Ich wäre beinahe weggelaufenI") Dann fuhr er fort: Sagen Sie, daß Ihr Volk Gutes an uns thut. Ich danke Ihnen, daß Sie uns so ehren. Mein Leib wird müde dabei. Aber die Ehre gilt nicht uns, sondern unserem Volke. Darum erfrischen sich auch die Glieder wieder. Wir haben nichts mehr, wir haben Alles, Alles geopfert. Und der Ruhm ist nicht unser, an ihm werden sich unsere Kinder und Kindeskinder erfreuen, was Euer Volk Gutes an uns gethan hat. Zum Schluß betonte er, wie sehr er sich freue, daß Pfarrer Großkopf aus Bloemfontein seine Rede verdolmetsche, er sei nicht nur sein persönlicher Freund, sondern ein lieber Freund des ganzen Burenvolkes, er habe unendlich viel für dieses in seiner Not gethan und schon vor dem Kriege sei er ein lieber Freund gewesen, der oft mit Gebet die gesetzgebenden Versammlungen er­öffnete.

Botha allein spricht außer dem aftikanischen Hollän- disch, das durch seine vielen Gutturallaute eigentümlich auf­fällt, auch noch englisch, Dewet aber hatte so sagte er in seiner Jugend, als er Schafe hütete, leider keine Gelegen­heit gehabt, fremde Sprachen zu erlernen. Dafür spricht er seine eigene mit einer Fertigkeit und einem Geschick, daß wenn einem solchen Mann gegenüber Neid aufkommen könnte auch gelernte Redner, selbst Parlamentarier darunter, uoch von ihm lernen könnten ließe so etwas nur sich lernen. Er übt die Redekunst des unbefangenen Menschen, wie sie sich auch in unserem Lande manchmal bei ganz ein­fachen Leuten findet, die auch in ihrer Jugend Vieh gehütet oder sonst grobe Arbeit verrichtet haben. Es ist ja wohl die Beredsamkeit des Herzens. Er svricht fließend, unterhal­tend, fesselnd und hinreißend. Daß ihm der Schelm im Nacken sitzt, machte sich auch in manchen Stellen seiner Rede bemerbar. Auch Dewet, wenn er nicht sprach, anzusehen, machte einem Vergnügen. Wie hübsch er, der Bauern­sohn, am ersten Abend im HotelPrinz Albrecht" seinen Fisch mit Gabel und Semmel! Vom Wein aber nippte er nur.

Die drei Männer, Botha, Dewet und Delarey haben in diesen Tagen Berlin ganz für sich erobert. Was brachte das zu Wege? Die Bescheidenheit, die ihrem Heldenmut sich paart, ihr Zartgefühl in kleinen und großen Dingen, der Takt, der sie davor bewahrte ein ÜNoli tangere zu berühren, ihre mit Klugheit so wunderbar verbundene Einfalt, ihre herzgewin­nende Liebenswürdigkeit, die sie, die einfachen Bauern, auch den Frauen gegenüber zu den echtesten Kavalieren macht.

Gegen Ende der langwährenden Versammlung in der Philharmonie ging etwas überaus Reizendes in Scene, das

war die Begrüßung der Burengenerale dprch drei Berliner Fräulein:

Mit goldenen Kränzen traten drei Mägdlein in den Saal Und reichten dar die Kränze den Recken von Transvaal.

Die nahmen sie und gaben den Dank gar zierlich kund:

Sie neigten sich zu den Mägdlein und küßten sie auf den rochen Mund.

Deutsches Reich.

Berlin, 19. Okt. Ter 18. Oktober, der Geburts­tag des großen Dulders und Helden Kaiser Friedrich, hat mehreren deutschen Kommunen die er­wünschte Gelegenheit zur Errichtung bleibender Denksteine an die Träger einer großen Vergangenheit unter den Hohenzollernfürsten geboten. In Fehrbellin und Mys- lowitz erhielt die diesem Zweck gewidmete Feier einen besonderen Glanz durch die persönliche Anteilnahme des Kaisers, bezw. des deutschen Kronprinzen- Kaiser Wilhelm wollte es sich nicht versagen, der hohen Verehrung seines großen Ahnen, des Kurfürsten Friedrich Wilhelm, dadurch einen neuen Ausdruck zu leihen, daß er ihm nicht nur auf der geschichtlichen Walstatt von Fehrbellin ein Denkmal in Erz nach dem Vorbilde des Kunstwerks in der Berliner Siegesallee errichtete, sondern auch bei der Enthüllung desselben einen ehrenden Nachruf widmete. Ter Kronprinz traf in Myslowitz am Samstag vormittag mit dem Oberpräsidenten Herzog zu Trachenberg und dem Fürsten zu Pleß zur Enthüllung der Denkmäler Kaiser Wilhelms und Kaiser Friedrichs ein. Nach einer Rede des Bürgermeisters von Myslowitz fielen auf Befehl des Kron­prinzen die Hüllen der beiden Denkmäler. An die Ent- hüllllngsfeier schloß sich ein Frühstück in der festlich ge­schmückten städtischen Turnhalle. Um 12i/3 Uhr fuhr der Kronprinz nach Kattowitz, um sich von dort nach Pleß zu begeben.

Für den Kaiser an gekauft wurde das in der Romintener Heide im ostpr. Kreise Goldapp idyllisch be- legene Gasthaus des Luftkurorts Jagdbude, und zwar ge­legentlich einer Zwangsversteigerung für die Summe von 2 6000 Mark. Das Gebäude soll in ein Jagdhaus umgewan­delt werden.

Tie Kaiserin legte am Samstag vormittag 9 Uhr am Sarkophage Kaiser Friedrichs einen Kranz nieder. Um 9,45 Uhr traf der Kaiser im Mausoleum ein, um eben­falls einen Kranz niederzulegen. Auch Abordnungen ver­schiedener Regimenter, denen Kaiser Friedrich nahe ge­standen hatte, überbrachten Kranzspenden.

Nachdem der Reichskanzler Graf v. Bülow am Freitag mit dem badischen Finanzminister Tr. Buchen­berger und den württembergischen Ministern Tr. v. Pischek und v. Zeyer Besprechungen gehabt hat, empfing er gestern vormittag den bayerischen Finanzminister Frhrn. von Riedel in längerer Unterredung.

Abg. Tr. P ach nicke hat im Reichstage den Antrag auf Einführung einer Verfassung in Mecklenburg ein gebracht.

Wie man von angeblich wohlunterrichteter Seite erfährt, hält man in einflußreichen Kreisen der kon­servativen Partei mit Bestimmtheit an der Hoff­nung fest, daß es in der Frage des Zolltarifs zu einer Verständigung mit der Regierung kommen werde. Tie konservative Fraktion 'hat beschlossen, nach der ersten entscheidenden Abstimmung über die weiterhin ein­zunehmende Haltung in Verhandlungen mit dem Zen­trum einzutreten.

Eine dieser Tage von der anarchistischen Fö­deration einberufene Volks-Versammlung, in welcher der Schriftsteller Schütte überTie alten Griechen" sprechen wollte, wurde vom Polizeipräsidenten, wegen Gefährdung der öffentlichen Sicherheit verboten.

Tie augenblickliche Stärke der Fraktionen des Reichstags gestaltet sich folgendermaßen: Es zählen: Konservative 52, Reichspartei 20, Antisemiten 10, Zentrum 106, Polen 14, Nationalliberale 53, Freisinnige Vereinig­ung 14, Freisinnige Volkspartei 26, Deutsche Volkspartei 7, Sozialdemokraten 58, fraktionslos sind 56, im ganzen 396 Abgeordnete. Erledigt ist der Wahlkreis 6. Liegnitz durch den Tod des Stadtrats Kauffmann.

Tr. Karl Peters ist mit den Burensamm­lungen in Deutschland nicht einverstanden. Er schreibt derHannov. Allg. Ztg.":Ich finde, es giebt Not in Deutschland selb st genug für deutsche Mildthätigkeit, und wir haben kaum nötig, damit über See zu gehen. Es giebt etwa 50 000 Burenfamilien in Südafrika. Ihnen sind mehr als hundert Millionen Mark von England bewilligt. Dies macht für jede Familie mehr als 2000 Mark, neben dem Besitz der Farm, welcher ihr verblieben ist. Glaubt man, daß im Deutschen Reich ein ähnliches Turchschnittsmaß an Wohlstand existiert?"

Mannheim, 19. Okt. Heute fand hier die Feier des 50 jährigen Jubiläums des zweiten badischen Grenadier- Regiments Kaiser Wilhelm und in Verbindung damit die Enthüllung des Moltkedenkmals auf dem Zeughaus­platze statt. Ter Großherzog mit Gefolge, sowie der Erb- großherzog und Prinz Karl von Baden trafen zur Teil­nahme an dieser Feier hier ein; die Großherzogin folgte heute. Von da bewegte sich der Zug, welchem sich sämt­liche Vereine Mannheims anschlossen, nach dem Zeughaus- Platz, zur Enthüllung des von Professor Uphucs-Äerlin geschaffenen Moltke-Tenkmals. Anwesend waren die groß- herzoglichen Herrschaften, ferner u. a- der frühere Kom­mandeur des Regiments, jetziger Generalinspelleur der Feldartillerie, Generalleutnant v. P e r b a n d t- £;e Fest­rede hielt Generalkonsul Steiß. Nachdem die Hülle unter Salutschüssen und Fanfaren gefallen war, übernahm Ober- bürgermciftcr Beck das Termnal im Namen der Stadt.

Hieraus hielt der Großher^og eine Ansprache. Er dankte dem Denkmalskomitee und feierte die unvergänglichen Thaten Moltkes als Feldherr, gedachte der großen $eit Kaiser Wilhelms L und schloß mit einem Hoch auf Kaiser Wilhelm II.

Ausland.

London, 19. Okt. Meldungen derDaily Mail" über den Versuch Rußlands, mit der Tür kei eine Allianz anzuknüpfen, veäüenen ernstere Beachtung. Auch eine Pa­riser Korrespondenz desObserver" erklärt die Meldung von icnnehi Allianzangebot Rußlands an die Türkei für vollwmmen richtig und fügt hinzu, Rußland habe seit einiger Zeit mit Beunruhigung bemerkt, daß der domi­nierende Einfluß in der Türkei der Deutsch­lands ist und daß der russische wie der englische Einfluß in Konstantinopel nur noch der Schatten von dem sind, was sic früher waren. Namentlich kommerziell ist die Türkei in den Händen Deutschlands. In dieser schwie­rigen Lage richten die russischen Staatsmänner ihre Blicke auf England und glauben, wenn englisches Kapital ebenso für die Entwickelung der Türkei interessiert werden £ännte, wie das deutsche, dann könnten Rußland und England in gemeinsamer Arbeit dem deutschen Einflüsse zunächst ein Gegengewicht bieten und ihn vielleicht schließlich ver­drängen. Von einer ersten Autorität wird versichert, daß Rußland nur zu gern England auf halbem Wege entgegenkommen möchte, um Deutschland seinenvor- herrschenden Einfluß im Jildizkiosk durch friedliche Mittel zu entreißen.

Amtlich wird gemeldet: Tie Kolonne SwayneS hatte zwei Zusammenstöße mit den Streitkräften Mul­lahs bei Erego in der Nähe von Mudug am 6. Oktober. Nach lebhaftem Kampfe wurde Mullah mit großen Ver­lusten zurückgeschlagen. Tie Engländer verloren zwei Offtziere und 50 Mann tot, zwei Offiziere und 100 Mann verwundet. Ta die eingeborenen Truppen sehr erregt waren, zog sich Swayne nach Bohotte zurück, um Ver­stärkung zu erwarten. Mullah führt von allen Seiten Ver­stärkungen herzu.

Meldungen über eine Verpachtung derportu- giesischen Kolonien an England würden keine Beachtung verdienen, wenn sie nicht Reuters Bureau ver­breitet hätte. Thatsache ist, daß England jetzt nicht daran denkt, irgendwelche portugiesische Kolonien zu pachten. Die Hineinziehung Deutschlands und des deutschen Kaisers in die e rfunbene Geschichte gilt als vollends absurd.

Paris, 18. Okt. Lord Kitchene r ist gestern abend hier eingetroffen und begab sich sofort nach der englischen Botschaft, wo er mehrere Tage Gast des Botschafters sein wird.

Ministerpräsident C o m b e s ließ dem Erzbischof von Bordeaux, der morgen in Audienz empfangen werden sollte, Mitteilen, daß er ihn nach seiner Teilnahme an einer Manifestation gegen die Regierung nicht mehr empfangen könne.

Madrid, 19. Okt. Eine Depesche meldet, es verlaute, daß alle europäischenAngestelltenauSFezaus- gewiesen seien.

Wien, 18. Okt. In der Olmützer Handels­kammer obstruierten ^ehn tschechische Kammermit­glieder gegen die Konstltuierung. Sie stürmten daS Pr äsidium; einer läutete unaufhörlich mit der großen Glocke, indes andere schrille Pfiffe aus Pfeifchen ertönen ließen. Als sie den Deutschen die Stimmzettel aus den Händen reißen wollten, wurden sie zurückgedrängt. Die Tschechen streuten den Inhalt von Stinkdüten, welche mit Chlorkalk, Salpetersäure und Schwefelsäure gefüllt waren, in den Saal. Wiederholt kam es zu Raufereien. Ein deutsches Kammermitglied erhielt eine Ohrfeige. Ter tschechische Abg. Reichstädter schlug mit dem Stock mehrere Wasserglliser zusammen. Tie Lärmszenen dauerten drei­viertel Stunden, als plötzlich unter stürmischen Heilrusen Bürgermeister Brandhuber als Präsident der Handels­kammer, mit 35 deutschen Stimmen gewählt, proklamiert wird. Tie Tschechen erheben Protest. Ter neue Präsident hält seine Antrittsrede, worauf sich die Lärmfzenen er­neuern. Kammersekretär Honig wurde ohnmächtig.

Tr. v. Körber richtete anläßlich seiner lieber* nähme des Justizministeriums ein Rundschreiben an die Obergerichte und Oberstaatsanwälte. An letztere schreibt Körber: Tas freie Wort, wenn es nur aus patriotischem Herzen kommt, scheint mir keine Gefahr; im Gegenteile erachte ich eine freie Presse als eine wichtige Ableitung der durch mannigfache Verhältnisse hochgesteigerten Leiden­schaften. Was der Kritik erliegt, hat kaum Lebensfähigkeit besessen. Ferner betont Ministerpräsident v. Körber unter Hinweis auf die Unabhängigkeit des Richterstandes, daß einerlei Recht für jedermann fein und das Recht vor nie­mandem gebeugt werden solle. Tas Schreiben gedenkt der in Aussicht stehenden Reform des Strafrechts und be­zeichnet es insbesondere als notwendig, daß kein De- schuldigter vor der Fällung des Urteils als Strafwürdiger betrachtet oder behandelt werde. Aber auch als eigent­licher Zweck der Strafe sei die Besserung im Auge zu be­halten. Tas private und das Familienleben der Stats- bürger solle mit aller Energie geschützt werden.

Port Arthur, 19. Okt. Finanzminister Witte traf am 14. Oktober in Mukden ein und empfing im Salonwagen den Gouverneur Shang^Shun, dem er bald darauf einen Gegenbesuch machte. Der Gouverneur trank auf das Wohl des Zaren und des Kaisers von China, und betonte mit Befriedigung die ausgezeichneten Beziehungen, die zwischen den ch ! n e sis ch en Behörden und ben ruffi- sch en Truppen beständen und sprach die »Öff­nung aus, daß eine enge Freundschaft beide VöM