Rr.240
Montag, 20. Oktober 1902
152. Jahrg.
Erscheint tLgNch mit Ausnahme bei SsnntagS.
Die „Gießener KamilienblStter" werden dem Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der «hessische Landwirt" erscheint monatlich einmal.
Gießener Anzeiger
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General-Anzeiger, Amis- und Anzeigeblatt für den Kreis Sietzen.
Wir haben damit zu rechnen, daß tvir eine außerordent-
Badischer Finanzminister Dr. von Buchenberger: Herr von Wangenheim wird wohl selbst kaum glauben, daß auch nur ein nennenswcrther Bruchtheil der Mitglieder des Hauses seinen Anträgen zustimmt, deshalb ist es mir einigermaßen unverständlich, warum er in dieser Stunde nochmals mit diesen Anträgen hervortritt. Es will mir scheinen, daß in diesem Stadium der Be- rathung alles vermieden werden sollte, was geeignet ist, die der Landwirthschast freundlichen Stimmen irgendwie zu zersplittern.
Die Stellung der Verbündeten Regierungen ist ja bezüglich dieser Vorlage ganz besonders schwierig, da sie gewissermaßen nach zwei Fronten zu kämpfen haben, einmal gegen die Parteien auf der Linken deS Hauses, dann aber in gewissem Sinne auch gegen die landwirtschaftlichen Parteien, denen die Regierungen doch in i weitestem Maße entgegengekommen sind. (Lebhafte Zustimmung I
Wg- Dziembowöki (Pole): Es hat in der sozialen Gliede- runa des polnischen Volkes in den letzten Jahren eine bedeutende Verschiebung der einzelnen Organe stattgefunden. Früher war der Großgruudbentz bei uns maßgebend, dessen Interessen standen also nn Vordergrund. Das ist jetzt anders geworden. Der polnische
#U-^e’r ^uruagegangen, nicht zum wenigsten durch die Thatigkeit der Ansiedlungskommission. Es hat bei der Beurtheilung S s?2°r£T£r Gesichtspunkt zurückzutreten. Das
h?aYnrniZn ? für uns Suprema lex. Die Noth
?^Äersist aber Nicht zu trennen von der Noth der
Landwirthschast. Die Zeiten, in denen nach dem AuS- des Fürsten Bismarck der polnische Schlachziz in Monaco sein Vaterland bedeute, sind längst vorüber. Heute befleißigt der
die ins Wanken gerathenen landwirthschaftlichen Verhältnisse einigermaßen wieder fest werden.
Es ist nun gestern weiter der Vorwurf gefallen, die der« büiideten Regierungen befolgen mit ihrer Getreidcpolitik nichtl Anderes als eine Wncherpolitik zu Gunsten einer Handvoll Junker. (Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Unsere Bauern in Süd- oeutschland, die mit verschwindenden Ausnahmen Träger unserer Getreideproduktion sind, werden höchst erstaunt sein, heute Morgen nach den Berichten über die gestrigen Verhandlungen diese StandeS- erhöhung an sich vorgenommen gesehen zu haben. (Heiterkeit.) WaS den Herren von der Linken so unangenehm ist. ist die Thatsache, über die sie sich nicht Hinwegsetzen können, daß wir durch unsere Polstik des nationalen Schutzes der deutschen Getreidcproduktioa die kleinen und mittleren Bauern stärken. (Widerspruch links.) Sie bestresten das, es ist aber eine Thatsache, die für keinen Kenner speziell der süddeutschen Verhältnisse eines Beweises bedarf. Glauben Sie denn, daß unsere süddeutschen Bauern so einfältige Leute sind, daß sie den Großgrundbesitzern nachlaufen, um deren Geschäfte zu besorgen? Ich glaube, unsere Bauern zu kennen, es sind im Allgemeinen recht kluge und gescheidte Leute, die wissen, wo ihr Vor- theil und wo ihr Nachtheil liegt. Die verbündeten Regierungen lehnen es bei allem Wohlwollen gegenüber den unteren Be- völkcrungsklassen ab, eine Politik der Brodpreisverbilligung um jeden Preis zu vertreten, die nur auf Kosten anderer wichtiger Berufsstände erfolgen kann. Allerdings verkennen wir nicht, daß bei der Frage der Getreidezölle in der That eine ganze Reche der vitalsten Momente mitspielen und daß von jeher diese Frage in weiten Kreisen Beunruhigung hervorgerufen hat, und wir glauben Alle, daß gerade unter diesem Gesichtspunkt die Getreidezölle mit einer gewissen Vorsicht und Mäßigung behandelt werden müssen.
Und nun, meine verehrten Herren von der Rechten! (Heiterkeit bei den Soz.) Sie werden wissen, daß es auch in Ihren Reihen Vertreter gicbt. Die der Ansicht sind, daß es für die deutsche Land- wirthschaft sehr viel wichtiger ist, maßvolle lcnidwirthschaftliche Schutzzölle zu haben als Zölle, die ein einziges Nothstandsjahr mit einem Zuge Hinwegfegen kann. Sie werden ferner nicht bestreiten, daß auch in Ihrer Mitte Männer sitzen, die nicht davon überzeugt sind, daß die landwirthschaftlichen Zollstagen gewissermaßen der Angelpunkt der ganzen Agrarfrage sind. Ein Herr, der seit langen Jahren für die landwirthschaftlichen Interessen thätig ist, der, soviel ich weiß, auch im Interesse des Bundes der Landwirthe arbeitet, erklärte mir vor einigen Jahren, man könne nicht von dem einen Punkt des landwirthschaftlichen Zollschutzes aus allein die Noth der Landwirthschast beseitigen. In der That kommen hier andere Fragen in Betracht, ich erinnere an die Frage der ländlichen Besteuerung. Auch technische Fragen spielen hier mit. Es ist deshalb wesentlich auch die Ansicht meiner Regierung, daß die landwirthschaftlichen Zollfragen nicht der alles beherrschende Mittelpunkt sind.
Wenn Sie sich nun vergegenwärtigen, was Alles im letzten Jahrzehnt für die Landwirthschast geschehen ist in Form von Zuwendungen, so werden Sie, glaube ich, mit den verbündeten Regierungen der Ansicht fein, daß Sie um so größeren Anlaß zu einer gewissen Zurückhaltung haben. Wir könnten Ihnen in der Frage der Getreidezölle ja weiter entgegenkommen, wenn wir noch dieselbe Wirthschaftsordnung in Deutschland hätten, wie vor 30 Jahren, wo die landwirthschaftliche Bevölkerung zwei Drittel der ganzen Bevölkerung ausmachte, wo wir zwar eine Industrie hatten, aber eine noch im Anfang befindliche, die, von verschwindenden Ausnahmen abgesehen, vorwiegend für den inländischen Markt produ- zirte. In den letzten Jahren ist neben der landwirthschaftlichen De-
links; Lachen rechts.) Die badische Regierung, von der man, glaube ich, nicht sagen kann, daß sie nicht agrarsteundlich sei (Widerspruch rechts), legt den größten Werth auf das Zustandekommen des Zolltarifs und befindet sich in vollkommenem Einklänge mit den unzweideutigen Ausführungen des Reichskanzlers. Sie hat den dringenden Wunsch, daß der Reichstag sich ui seiner Mehrheit bezüglich der Agrarzölle auf den von den verbündeten Regierungen vorgeschlagenen Boden der Verständigung stellen möge.
rufsthätigkeit eine großkapitalistisch organisirte Industrie entstanden, die mit einem Fuß im Jnlande, mit dem anderen so zu sagen in allen Welttheilen und auf allen Ozeanen Platz nimmt.
Ob es gerade besonders glücklich war, daß diese Entwickelung Deutschlands nach der Seite des Industriestaates hin in dieser stürmischen Hast eingetreten ist, ob es nicht vielleicht besser gewesen wäre, wenn diese Entwickelung ruhiger und langsamer vor sich ge-
Jch habe nicht die Absicht, durch meine Ausführungen die Verhandlungen in longum et Jatum zu ziehen, wozu nach den scharfen Angriffen gegen die Regierung die Versuchung nahe läge, ich will nur zwei Vorwürfe von Rednern der Linken zurückweisen. Der eine Vorwurf gipfelt darin, wir hätten einen Tarif vorgelegt, der die Brodvertheuerung fördere. Das ist nicht unsere Absicht. (Heiterkeit links.) Es trifft auch nicht zu, daß die Wirkung der Erhöhung deS Kornzolls die Brodvertheuerung ist. Die Herren von der Linken gehen von der gegenteiligen Behauptung aus, aber für die Richtigkeit ihrer Behauptung fehlt ihnen jeder Beweis. Im Gegentheil, die Vergangenheit lehrt, daß die Brodpreise seit der Einführung der höheren Zölle, von einigen wenigen Jahren mit besonders seltenen Produktionsverhältnissen abgesehen, immer mehr gesunken sind und niedriger waren, als in Zesten mit niedrigen oder gar nicht vorhandenen Zöllen. Nun wollen wir ober in Deutschland keine BrodpreiSpolitik zum Nachtheil der Landwirthschast treiben, wir wollen auch nicht den Zustand anstreben, wie er in England besteht, wo das englische Jnselreich jetzt schon höchstens ein Monatsquantum des Jahresgebrauchs an Getreide vroduzirt. Vergessen wir nicht, daß der Getreidebau in Deutschland immer das Fundament und das Rückgrat der Landwirthschast bleiben wird! (Beifall rechts.) Dir sind ernstlich bestrebt, durch eine entsprechende Erhöhung deS Zollschutzes dafür zu sorgen, daß
schuldig. Herr Paasche will den Eroberungszug des Bundes der Landwirthe und des Centralverbandes deutscher Industrieller organisiren. Er fühlt sich durch unsere Vertheidigung beleidigt. Wir sollen womöglich mit freundlichem Augenaufschlag noch den Herren das Portemonnaie präsentiren. Denn darauf läuft es doch hinaus: Nicht neue Werthe sollen hier geschaffen werden, die vorhandenen Werthe sollen lediglich anders vertheilt werden.
Die Regierungen könnten der jetzigen Schwierigkeiten Herr werden, wenn sie die wirkliche Volkswohlfahrt in den Vordergrund stellten. Erwehren Sie sich Ihrer agrarischen Bedränger, lösen Sie den Reichstag auf, lassen Sie die Wähler über den Zolltarif entscheiden! Ihre Antwort wird zweifellos lauten: Fort mit dem Zolltarif! Wir wollen eine gesunde, allen Interessen dienende Handelspolitik! (B«fall links. Reichskanzler Graf Bülow betritt den Saal.)
Abg. Frhr. von Wangenheim (kons.): Wir wollen nichts Anderes, als den Schutz der nationalen Arbeit. Das ist das einzige Mittel, um unsere Volkswirtschaft überhaupt aufrecht zu erhallen. Mit halben Maßregeln ist ihr aber nicht gedient. Wenn die Regierungen der nationalen Arbeit keinen ausreichenden Schutz gewähren können, so ist es schon das Beste, man macht mit unserem Wirthschaftssystem überhaupt ein Ende. Dann verstaatlichen Sie lieber die Landwirthschast! Der Reichsschatzsekretär wird, wie ich ihn kenne, das schon gut besorgen. Der Tarifentwurf bietet nicht den geringsten Ausgleich zwischen Landwirtschaft und Industrie. Die Konpromißanträge der Kommission benachteiligen zunächst gleichfalls die Landwirthschast. Sie würden für uns nur annehmbar werden, wenn gleichzeitig eine ganz wesentliche Herabsetzung der Jndustriezölle beschlossen wird. Herr Kollege Herold irrt, wenn er annimmt, für uns komme es nur auf Demonstration an. Von einer Demonstration kann man aber doch nur dann sprechen, wenn man vorher im Brustton der Ueberzeugung donnernde Reden hält und nachher die Seael und alles mögliche Andere einzieht. Wir denken nicht an bloße Agitation. Der Vorstand des Bundes der Landwirthe hat die verfluchte Pflicht und Schuldigkeit, die deutschen Landwirte über ihre Interessen aufzuklären. Wir würden auf eine Agitation in den Centrumswahlkreisen gern verzichten, wenn die Bauernvereine Politik treiben konnten und so ihre Interessen selber vertreten würden. Wie die Sachen aber liegen, geht es nicht anders. Und bei dieser Gelegenheit möchte ich auch den Abgeordneten Heim gegen den Abgordneten Herold in Schutz nehmen (Heiterkeit), da er als Vertreter der Landwirtschaft nur seine Pflicht gethan hat.
Auf die Reden der Linken möchte ich nicht eingehen. Herr Pachnicke hat zwar viel von dem Begriff der Landwirthschast gesprochen. Ich hatte aber die Empfindung, daß er keinen Begriff von der Landwirthschast hat. (Heiterkeit.) Die Herren reden immer davon, daß den Arbeitern das Brod vertheuert wird. Was aber aus dem kleinen Besitzer wird, das ist ihnen ganz aleichgiltig. (Lachen links.) , Wenn die Regierung auf ihrem Stanopunkt beharrt, so wird die Vorlage wohl scheitern. (Hört, hört!) AuS der Rede deS Reichskanzlers glaube ich zu meinem Bedauern entnehmen zu müssen, daß bet dem nächsten russischen Handelsverträge die Kosten doch wieder von der Landwirtschaft getragen werden sollen. Der Reichskanzler sagte zwar, die Jndusttiezölle seien nur so hoch angesetzt worden, damtt man sie als Kompensationsobjekt benutzen könne, sie würden bei den Dertragsverhandlungen wieder herabgesetzt werden, ich sage mir jedoch: die Botschaft hör' ich wohl, allein mir fehlt der Glaube. Ich habe so viel Wandlungen in den Anschauungen der Regierung erlebt, daß ich mich zu meinem Bedauern auf solche Aeußerungen nicht mehr verlassen kann. Es ist ja für einen konservativen Mann sehr schwer, sich in Widerspruch zu der Regierung zu stellen, wir haben cs aber momentan mit einer
Ihnen (nach rechts) weiter entgegengekommen, als vor 5, 7 Jahren erwartet werden konnte. (Widerspruch rechts.) Stellen Sie sich nicht auf den Standpunkt: Alles oder nichts! Ich glaube, es wäre vom Standpunkt der Landwirthschast aus nicht zweckmäßig, auf diesem Grundsatz zu beharren. Ich habe mich gestern über die Erklärung des Abg. Paasche sehr gefreut, und ich möchte nur wünschen, daß fein Beispiel Nachahmer fände. (Lachen links.) Ob aber die Politik des Herrn von Wangenheim den Wünschen ber Landwirthschast entspricht, ist mir zweifelhaft. Ich habe im Laufe des letzten halben Jahres unzählige Male Gelegenheit gehabt, mit Angehörigen des landwirthschaftlichen Berufsstandes in meiner Heimath Rücksprache zu halten, und was war jedes Mal das Resultat der Unterredung? Am Schluffe sagten die Herren immer: Herr Minister, wir nehmen, was wir kriegen können. (Heiterkeit.) Ich verkenne nicht, daß es schwer ist, nachdem man sich auf Wünsche und Hoffnungen versteift hat, einen Thcil davon aufzugeben, c5 ist das eine gewisse Selbstverleugnung, die man sich auferlegen muß. Aber glauben Sie drnn, daß nur Sie diese Selbswerleugnung auS- üben müssen? Es wäre höchste Zeit, daß diese heißen und erbitterten Kämpfe um den Zolltarif in möglichst kurzer Zeit abgeschloffen werden, und ich glaube, dazu können diejenigen Parteien deS Reichstages beitragen, die mit den Verbündeten Regierungen auf dem Boden des Schutzes der nationalen Arbeit stehen. Dafür ist hier im Hause eine ausgesprochene Mehrheit vorhanden, und eS ist auch eine Mehrheit vorhanden, die mit uns gewillt ist, die Hcmbels- vertragSpolitik fortzusehen. Dazu bietet der Zolltarifentwurf der Regierung die geeignete Grundlage. Und deshalb schließe ich mit der Bitte: Helfen Sie uns, daß dies Werk, der Zolltarif, in Bälde geborgen werde l Lassen Sie das, was uns trennt, zurücktreten und ba§, was uns einigt, hervorheben! Vereinigen Sie sich Alle, die Sie Freunde der Landwirthschast sind, Angesichts dieses besttittensten Tbetles des Zolltarifs auf das, was die verbündeten Regierungen Ihnen vorgeschlagen haben! Sorgen Sie dafür, daß der Tarif ge- borgen werde, und Sie werden sich um da§ Vaterland verdient machen! (Beifall.)
Parlamentarische Verhandlungen,
»«»druck ohne Vereinbarung nicht «eftatifc!«
Deutscher Reichstag.
107. Sitzung vom 18. Oktober
I llhr. Das Hauk ist mäßig besetzt.
Am Dundesrathstisch: Graf PosadowSkh u. A.
Die zweite Berathung deS Zolltarifgesetzes wird beim G I (Mindestzölle für Getreide und Vieh) bei den Positionen Roggen und Weizen fortgesetzt.
Hierzu liegen Anträge der Sozialdemokraten auf Zollfreiheit für sämmtliche Getrcidearten vor. außerdem der An- traa deS Frhrn. v. Wangenheim (kons.) auf Erhöhung und wettere Ausdehnung der Mindestzölle; ferner der Antrag Dr. Heim (Centr.). der Mindestzölle von 6 Mk. für die vier Haupt- getreidearten fordert.
Aba. Dr. Pachnicke (steif. Vgg): Der Verlaus der Debatte läßt schon erkennen, daß die Anträge von Wangenheim und Dr. Heim ttne Annahme nicht finden werden. Dagegen ist zum mindesten sehr wahrscheinlich, daß die Kommissionsbeschlüsse angenommen werden. Die Regierungsvorlage wird höchstens sage und schreibe ganze 40 Stimmen auf sich bereinigen. Trotzdem hoffe die Regierung immer noch auf eine Verständigung, etwa nach Analogie oes VichmartteS (Heiterkeit. So einfach liegt die Sache aber in diesem Falle doch nicht. Ich bin bereit, bis zum Beweise des Gegentheils den Mehrheitsparteien das Selbstachtungsbedürfniß zuzuerkennen, welches die eigene Entwürdigung ausschließt. Man bedenke doch, toaS Alles in erster unb zweiter Lesung schon gesagt ist. Graf Schwerin hat im Namen seiner Freunde ausdrücklich erklärt: „Wir halten mit Entschiedenheit cm dem Maßstabe der Wiederherstellung dec Durchschnittspreise fest, wie sie vor dem Abschluß der Handelsverträge bestanden haben." Und von anderer konservativer Seite wurde erklärt: Davon, daß die Konservativen bis zur Regierungsvorlage zurückwichen, könne nie und nimmer die Rede sein. In Betteff des Centrums erinnere ich an die Aeußerung deS Abg. Herold aus erster Lesung: Wir werden schon dafür sorgen, daß kein Zolltarifgesetz zu Stande kommt, in welchem nicht die Verwendung der Mehreinnahmen gesetzlich für Zwecke einer Witt- wen- unb Waisenversorgung festgelegt ist, unb gestern erklärte er, daß feine Freunde an den Agrarzöllcn unter allen Umständen fcst- hielten. Herr Bassermann sagte auf dem national-liberalen Parteitage in Eisenach, die Minister könnten sich nicht mehr auf ber Straße sehen lassen, wenn sie ihr Wort brächen. — Wo dürsten sich Angesichts solcher Reden bann erst Die Herren von ber konservativen Partei unb vom Zentrum noch blicken lassen, wenn sie jetzt umfielen. Mit Fingern würbe man auf sie zeigen. Ihre Glaubwüroigkeit Wäre für alle Zeiten erschüttert, ihr moralischer Kredit hätte einen Stoß erlitten, von bem sie sich niemals wieder erholen würden. Aber selbst wenn sie diesen größten Verzicht auf die eigene Ueber- geugung leisteten, so würden sie selbst dadurch noch nicht ba§ Zustandekommen ber Vorlage vor ben nächsten Wahlen sichern; es konnte sehr leicht geschehen, daß sie zugleich bloßgestellt und mit feeren Händen vor ihre Wähler treten. Trotz ber Schärfe der Gegensätze hofft der Kanzler noch immer auf Verständigung. Woher er diese Hoffnung schöpft, ist mit unbegreiflich. Mir fällt ba immer ber Schiller- sche Berg ein: Und der Mensch hofft immer auf Besserung. Aber Hütt auf Besserung hoffen, heißt auf das Wunderbare hoffen, und an Wunder glaube ich nicht. Der Reichskanzler spricht von einer mittleren Linie, aber thatsächlich bedeutet doch immer die De- aünsttamtg des Einen mit Hilfe der Staatsgewalt die Schädigung veS Anderen. Unb vergessen Sie nicht, daß anbere Länder bem Beispiel Deutschlands folgen werden! Deutschland ist viel zu mächtig, als daß fein Vorgehen ohne Einfluß auf außerdeutsche Länder bleiben kann. Der Abschluß neuer Verträge wird also erschwert. Der Kanzler sprach davon, daß nach Ansicht „bet Mehrzahl" der verbündeten Regierungen der Abschluß von HandelS- berträgen noch möglich sei bei den Sätzen des Regierungsentwurfs; er gicbt also zu, daß selbst unter ben tierbünbeten Regierungen Meinungsbisferenzen herrschen. Für ben Kollegen Graf Kanitz allerbings sinb Hanbelsverttäge Nebensache; ihm kommt eS nur aus den Zolltarif an. Der Doppeltarif nur für Getreide ist ein Widerspruch. Der gefammte Handelstag hat sich mit Ausnahme zweier Hanbelskammern gegen bte Mindestsätze auch in ber jetzt vorliegenden Beschränkung erklärt, und auch der Centtal- berbanb Industrieller hat starke Bedenken geäußert. Bezeichnend ift es, daß Graf Bülow seinen in ber ersten Lesung gegen Die Linke erhobenen Vorwurf, baß das Drohen mit dem Zorne bes Aus- lanbeS würbelos sei, nicht widerholt hat. Er hätte ja sonst diesen Vorwurf gegen seine Kollegen richten müssen, die bei ben ver- schiebensten Positionen bes Zolltarifs in ber Kommission schwere Bedenken erhoben haben. Gras Bülow sagt, daß durch die vor- gcschlagenen Zölle kein Berufsstand geschädigt wird. Das ist nicht ber Fall, bie Lebenshaltung der Arbeiterklasse unb damit bie Leistungsfähigkeit wird herabgedrückt, oder eS wttd ein neuer Anreiz zu Lohnkämpfen geschaffen. Und diese Belastung muthen Sie einem Volke zu, das bereits 1 Milliarde in Form indirekter Steuern und etwa 400 Millionen durch direkte Steuern in ben Einzelländern aufzubringen hat! Der Abg. Herold meinte, mit Professoren- citoten sei Alles zu beweisen. Als ich das hörte, dachte ick an das Wort: Verachte nur Vernunft und Wissenschaft, des Menschen allerhöchste Kraft. (Sehr gut! links.) Ich empfehle Herrn Kollegen Herold, seine Kenntnisse durch ein Kolleg bei Herrn Prof. Brentano ober Schmollet zu erweitern. Die Erhöhung ber Getteidezölle bebeutet nut eine Erschwerung ber Wirthschaft. Wir gönnen auch den Großgrundbesitzern, bie bie Treiber in ber Sache sinb, weil sie einzig Den Vortheil davon haben, gute Preise, aber wir wehren unS gegen eine künstliche Preistreiberei. Die Herren Agrarier sprechen beständig von den großen Lasten, die ihnen auf erlegt sind. Sie verlangen dafür eine besondere Entschädigung. Sie scheinen aber zu vergessen, welche Vortheile unb Vorrechte sie auf ber anbern Seite haben. Schon allein, baß alle höheren Militär-, RegierungS- unb Verwaltungsstellen aus ihrer Kaste besetzt werben, ist eine mehr als hinreichende Entschädigung für alle „Lasten".
Der Reichskanzler hat vor der Obsttuktion gewarnt; er Bat aut seine Warnimg an bie falsche Abresse gerichtet: nicht an bte Linke, an die Rechte hätte er sich wenden sollen. Die »Deutsche Tageszeitung" hat ja die Obstruktion in optima forma angefnnbigt. (Hort! hört!) Wir wollen die Vorlage lediglich sachlich behandeln. Gründe anfuhren, Gegengründe prüfen. Auf ein Töff-Toff-Tempo lassen wir uns freilich nicht ein. In der Kommission hat man die Opposition vergewaltigt. Es war schließlich eine besondere Gunst, wenn man überhaupt das Wort als Antragsteller erhielt. Emen Dnttag mußte man aber stellen, sonst erhielt man das Wort schon §ar nickt Wenn Sie derart die Guillottne spielen lassen, dann ürfen Sie sich nicht darüber wundern, wenn hrir unsererseits Schutzmaßregeln Dagegen ergreifen. Herr Paasche glaubte uns über unser Verhalten Vorhaltungen macken zu sollen. Wir müssen Herrn Paasche als Genfer durchaus ablehnen. Wir sind von unseren Wählern hierher geschickt, unb ihnen allein sind wir Rechenschaft
Regierung zu thun, die in wirthschaftlichen Fragen nicht mehr als konservativ angesehen werden kann. (Sehr richtig! rechts.) Deshalb bin ich nicht in der Lage, mit dieser Regierung zusammenzu- arbeiten, sondern muß ihr Widerstand leisten. Trotz aller Reden , u ber Herren von der Linken ist und bleibt die Landwirthschaft da§' gangen wäre, lasse ich dahingestellt. Aber Darauf kommt es auch Fundament des Staates. Das hat auch der Kaiser anerkannt unb nicht an. Wir haben damit zu rechnen, daß wir eine außerordent» in seiner Rede vom 14. Mai 1890 in Königsberg versprochen, er lich blühende und große Exportiudusttie haben, in der Millionen
werde dafür sorgen, daß die Landwirthschast gestärtt und erhalten von Arbeitskräften beschäftigt sind, und an dieser Thatsache können
wird. Wenn aber in wirthschaftlicher Beziehung so weiter ge- die verbündeten Regierungen nicht Vorbeigehen. Thatsächlich sind
arbeitet wird wie unter der Aera Caprivi und wie es jetzt weiter ' wir schon recht weit gegangen (Sehr richtig! bei ben Soz.), hrir sind
gehen soll, Dann sägen die verbündeten Regierungen den Ast ab, auf °<t‘— ----
dem die Monarchie fitzt. (Beifall rechts, Lachen links.)


