Ausgabe 
20.6.1902 Zweites Blatt
 
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Nr. 142

vrsch-t«t tLgltch außer Sonntags.

Dem Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit dem »elfischen Landwirt die Siebener Familien, blätter viermal in der Woche beigelegt.

Rotationsdruck u. Ver­lag der Brühl'schen Univerf.-Buch u.Stein­druckerei (Pietsch Erbech Redaktion, Crpeditioa und Druckerei:

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Frettag 20. Juni!»<**

152. Jahrgang

Zweites Blatt.

ve»ua»Pr*isr monatlicb7bPf., viertel­jährlich Mk. 2.20; durch Abholc- u. Zweigstellen nwnatlich 6o Pf.; durch diePostMk.2.viertel- jährl. auSschl. Bestellg. Annahme von Anzeigen für bic Tagesnummer bis vormittags 10 Uhr. Zeilenpreis: lokal 12Pf^ auswärts 20 Pfg.

Verantwortlich: für den polit. u. allgem. Teil: P. Wittko; für Stadt unb ßanb'1 u»b Gerichtssaal": Curt Plato; für den An­zeigenteil: Hans Beck.

Gietzeim Anzeiger

General-Anzeiger v

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen

Dummer umfaßt 10 Seiten,

KcKanntmachung,

Betr.: Feldbereinigung in der Gemarkung Gießen, rechts der Lahn; hier: den allgemeiuen Meliorationsplan.

In der Zeit Dom 25. Juni l. Js. bis einschließlich 8. Juli l. Js. liegt auf dein Bureau Großh. Bürgermeisterei Gießen, Zimmer 9tr. 2,

der allgemeine Meliorationsplan nebst ErläuterungS- bericht und Prüfungsprotokoll 511 demselben

tfur Einsicht der Beteiligten offen.

Tagfahrt zur Entgegennahme von Einwendungen hier­gegen findet statt:

Mittwoch den S. Juli l. I., vormittags von 10*/2 Uhr bis 11/2 im Büreau Großh. Bürgermeisterei Gießen, Zimmer Nr. 2, wozu ich die Beteiligten unter dem Anfügen einladc, daß die Nichterscheinellden mit Einwendungen ausgeschlossen sind. Die Einwendungen sind schriftlich abzufasscn, zu begründen und auf Papier in Mtcngröße (mindestens Vs Bogen) ein­zureichen.

Friedberg, den 18. Juni 1902.

Der Großh. Bereinigungstonnnissär:

S p a m e r, Kreisamtmann.

Bekmnitmachung.

Betr.: Fcldber'einigung in der Gemarkling Bettenhausen; hier: den allgemeinen Äteliorationsplan.

In der Zeit vom 24. Juni l. Js. bis einschließlich 7. Juli 1. I. liegt auf dein Gemeindehaus zu Bettenhauseii der allgemeine Meliorationsplan nebst Erläuterungs- bericht und Prüfungsprotokoll zu demselben zur Einsicht der Beteiligten offen.

Tagfahrt zur Entgegennahme von Einwendiingen hier­gegen findet statt

Dienstag, S. Juli l. IS., vormittags von 9l/a Uhr vis lO'/r Uhr, tm Gemeindehaus zu Bettenhausen, wozu ich die Betei­ligten unter dein Anfügen einlade, daß die Nichterscheinenden mit Einwendiingen ausgeschlossen sind. Die Einwendungen sind schriftlich abzilfasscn, zu begründen unb auf Papier in Aktengröße (inindestens Vr Vogen) einzureichcn.

Friedberg, 18. Juni 1902.

Der Großherzogliche Bereinignngskommiffär: Spamer, Krcisamtmann.

Körrig Albert Vvn Sachsen

König Albert von Sachsen ist am 19. d. M., abends 8 Uhr 5 Minuten auf seinem Schlosse Sibhllenort sanft und ruhig entschlafen.

So meldete das von uns beute, Freitag, in den frü­hesten M'.- genstunden ausgegebene Ex 1 rablat t.

Mnig Albert war einer von den wenigen Männern,

airm'Kaiser A'ilhelm der Ehrwürdige von uns, ihm folgte der edle Kaiser Friedrich, lieber dem preußischen Heere wacht nicht mehr die Sorge Roons, Moltke sinnt nicht über Schlacktenplöiie, und das weitsckMuende Autze des Alten vom Sachsenwalde ist gebrochen. Es war eine köstliche W-c der Vorsei,daß ihnen alten, die unserem Herzen nahe- aestaiiden oao fiel des Lebens weit hiuausgeruckt war, daß nur einer von ihnen, Friedrich der Dulder, zu früh den Weg m die Ewigkeit dahrnztehen mußte. Nun ist

auch Köllig Albert dahingegangen, im ehrwürdigen Alter von 74 Jahren.

Die Urinier des sächsischen Volkes teilt sich den Herzen aller Deutschen mit. Denn König Albert war nicht nur von seiner frühen Juaend an bis zu den letzten seiner Lebensstunden ernst und sorgsam bedacht für das Gedeihen seines Landes, sondern allezeit ein treuer Hüter des Reiches, ein überzeugter Träger des nationalen OK'dankens. Gewiß, die eigentlich große Zeit seines Lebens lag in jenem schicksalsschweren Jahrzehnt, baS die Rache für dänischeil Hochinut brachte, das bei Gitschin und Prvblus den Erben der sächsischen Krone in den Kaurpf führte gegen Preußen, das ihn sah, wie er in harter Arbeit bic ruhmvoll besiegte Armee reorganisierte §11 ruhmvollen Siegel:, das ihm auf ranzösischem Boden reiche kriegerische Lorbeorli brachte nnb den Namen des Helden von Beaumont für alle Zeiten ein- trug in das Ehrenbuch, in bent die besten deutschen Feld­herren verzeichnet sind. Aber die Zukunft wird es mit gleichem Danke in ihre Tafeln graben, daß König Albert, als der Kamps ausgefochten war, unb als es galt, die goldene Saat durch lorgfamc Pflege zur Reife 511 bringen, in Wahrhaftigkeit und Treue zu dem Errungenen slanb, nie­mals bemüht- das eigene Verdienst in den Vordergrund zu teilen, sich der eigenen Thaten zu rühmen, zum Mittel- mutt aller Interessen zu lverden, sondern stets beflissen, bescheiden zur Seite zu stehen, und in dem Bewußtsein der erfüllten Pflicht den elnzigen Lohn zu finden. Nie- luals in den Streit der Parteien sich mischend, st-anb er tets hoch über ihnen; indem er das persönliche Moment weise und würdig in den Hintergrund beäugte, wurde er der Berater des deutschen Volkes. Als ein Fürsteustreit das Volk erregte, mar er der natürliche Schiedsrichter, als Kaiser Friedrich starb, wies er den Erben an den Sachsen- tonig, daß er ihm Mentor sei. Und in später Nachtstunde, ehe der Schicksalstag hereinbrach, eilte König Albert in die Reichshauptstadt, um Worte der Weisheit 111 das Herz des neuen deutschen Kaisers z<u legen. Wie er sein Leben lang über den Parteien stand, so stand er auch über dem Leben und seinen Gegeuiätzen: Hoch von der Warte ge­sammelter Erfahrung und reifer Erkenntnis blickte er herab, den Wunsch im Herzen, daß Deutschland gedeihe und blühe. ,

Wäre König Albert ein Anderer gewesen, so wäre in einem Lande die Stammessncht, die itio in partes, der lartiknlaristische Geist nicht so rasch und so sicher vernichtet worden, wie es geschehen ist. Wie hat man einst gelächelt über jenen sächsischen Partitnlarismus, der jenseits der grünweißen Pfähle nur eine Art von Barbarenland sah, der mit bitterbösen Blicken dem Wachsen der preußischen Vormacht folgte. Uns Deutschen steckt der monarchische Ge­danke, die Liebe zu unseren Herzogen tief im Blute; wie wir willig ihrem Ruse folgen, wenn es den Kamps gilt, so ubt auch ihr Vorbild auf unser Empfinden tiefgehenden Ein- laß. Indem König Albert seinem eigenen Volke wie anderen Fürsten und anderen Völkern voranging aus dem Wege, auf bem sich das sächsische Stammesbewnßtfeiii mit dem deut- cheu Reichsgedanken vermählte, hat er den erwünschten Prozeß beschteunigt und zugteich tiefgründig gestaltet.

Es ist nicht schwer für einen Fürsten, sich die Zuneigung seines Volkes zu gewinnen; soll aber solche Zuneigung sich m verehrende Liebe verwandeln, dann müssen persönliche Eigenschaften und segenbringeildes Handetn den Quell olcher Liebe erschließen. Soll aber das gleiche Empfinden die ganze Nation einmütig erfüllen, so dürfen die Ver­dienste nicht ihre Grenze finden aus dem Bodeu der engereu Heimat, sondern sie müssen hinübergreifen in das Lebens gebiet der Gesamtheit. König Albert mag kein Herrscher gewesen sein im modernen Sinn wenn seines Wesens Art uns das Bild eines Anderen wachruft, so ist es das des ersten Hohenzollernkaisers. Denn jenem glich er in der schlichten Güte, seines Wesens, in der ruhigen Stetigkeit, in der Diskretion, die das eigene Verdienst in den Hintergrund stellt. Er hatte den Unterschied zwischen dem absoluten Herrscher und dem konstitutionellen Monarchen tief erfaßt, er erschien uns Deutschen als Patriarch, aber er regierte nicht patriarchalisch. Er wußte, daß die Rechte des Fiirsten geheiligte Rechte sind, aber luie er sie nicht überschritt, sv duldete er auch nicht ihre Beschränkung. Und er übte diese Rechte aus zu Gunsten des Volkes und in Unterordnung unter den Zweck, für den allein der Lenker des Völker- schicksats den Einzelnen mit Macht bekleidet. Dem fri­volen Wort des vierzehnten Ludwig:Ich bin der Staat", stellte er den Wahlspruch gegenüber, den die Weisheit des großen Friedrich geformt hat:Ich bin der erste Diener des Staates". Darum ist die Trauer um sein Dahinscheiden allgemein in deutschen Landen, darum reihen sich ans allen Weiten der Welt, wo Deutsche wohnen, Immortellen kränze um die Bahre, auf der des 'ehrwürdigen wachsentönigs müder Leib ruht. Atbert von Sachsen, der getreue Berater des deutschen Volkes, war ein König, der die Krone zierte.

T *

In König Albert haben wir den letzten Korpsführer aus dem deutsch-französischen Kriege, den letzten Ritter vom Großkreiiz des Eisernen Kreuzes ü er loten. Als ältester Sohn des Königs Johann am 23. 2lpril 1828 geboren, er­hielt er unter der Leitung des Geheimrats Alb. v. Laiigenn, des bekannten Historikers, eine vorzügliche Erziehung. 1845 bezog der damalige Prinz Albert die Universität Bonn, wo er den Freundschaftsbund mit dem gleichfalls dort stu­dierenden iiachmaligen Kaiser Friedrich schloß. Dann trat Prinz Albert als aktiver Offizier in die sächsische Armee ein, um schon 1849 am schleswig-holsteinischen Kriege teil­zunehmen, wo er sich den Ordenpour le möritc" erwarb. Von dieser Zeit an beginnt die inilitärische Laufbahn des Königs, die er nach ben beispiellosen Erfolgen als Feld­marschall und Generalinspekteur bei seinem Regierungs­

antritt beschloß. 1853 heiratete er bic PnnMm Carola von Wasa, mit der er in außerordentlich glücklicher Ehe, die kinderlos geblieben ist, lebte. Bekannt ist in den JftricgS jähren von 1864, 1866 und 1870/71 seine Thatigleit als Offizier'nnd Heerführer. Zahlreich sind die Auszeichnungen, welche er sich auf den Schlachtfeldern erworben hat. Er war auch der eüizigc Inhaber des sächsischen Militär- St. HeinrichSordcnS und des am 50. Jahrestag der Vor leihnng mit Krone und Eichenlaub geschmückten Ordens pour le möritc".

Die verwitwete Königin Carola, die treue Lebens­gefährtin des Dahingeschiedcnen, hat als Tochter des ver­storbenen Prinzen Gustav von Wasa und seiner Gemahlin, der Prinzessin Luise von Baden, im Schloß Schönbrunn bei Wien das Licht >der Welt erblickt. Der Wvhlthatigkeits- inu der nun verwitweten sächsischen Königin ist nicht mir n Sachsen selbst, sondern in allen Teilen Deutschlands bekannt. Unzählige Stifte und Asyle verdanken ihr Ent­gehen einzig und allein ihrer Fürsorge und wahrhaft lömg- Irrt)en Freigebigkeit. Sie ist in vollstem Sinne des Wortes eine Wählt Hüterin des Landes, und fand für ihre Thalig- feit auch bei ihrem Gemahl volles Verständnis und Unter- rüg.

Die Thronfolge .in Sa ch f cn ist auf den jüngeren Bruder König Alberts, den Prinzen Weorg, übergegangen. König Georg von Sachsen ist am 8. August 1832 als zweiter Soyn des Königs Johann und der Königin Amalie geboren,, imb trat frühzeitig bei der Artillerie ein. 1856 war er Major im 3. Jagerbataillon und zwei Jahre püter Oberstleutnant im Gardereiterregiment. Im Kriege von 1-866 kommandierte er als Generalmajor die 1. Ka­valleriebrigade, im deutsch französischen Krieg 1870 71 erst die 1. Division der Sachsen, sodann das 12. (sactififchei Armeekorps au Stelle seines älteren Bruders, welcher das Oberkommando der Maasarmee erhalten hatte. Prinz Georg führte- das Korps in den Vorgefechten bei Nonart und Beaumont und in der Schlacht bei Sedan, daun während der Cernierung von Paris und in den Ausfallgefechten, welche gerade das fächsische Korps sehr Mitnahmen. Am 25. Juni 1888 wurde er zum Generalfeldmarschgll und Ge­neralinspekteur der 3; deutschen Armcein cftion (7., 8. unb 11. Armeekorps) ernannt. Seit 18.>.) mar er mit der portu­giesischen Infantin Maria Aüna (geb. 21. Juli 1843 unb gest. 5. Februar 18841 vermählt; aus bieser Ehe sinb vier Prinzen unb zwei Prinzessinnen entsprossen.

Ter älteste Sohu beö Königs Georg, ber jetzige^Kron- prinz von Sachsen, ist ber bisherige Prinz Fricb - rich August. Er ist am 25. Mai 1865 in Dresden geboren und zur Zeit sächsischer Generalleutnant und Kommandeur der 1. Division Nr. 23, Ehef des 5. Jnf.-Regts. Nr. 104. Er wird außerdem a la suite des 1. (Leib-) Gren..Ngts. Nr. 100 unb des 1. Königs Hus.-Regts. Nr. 18 geführt. Des weiteren if> der Kronprinz auch preußischer Generallejuttuutt imb wirb hier a la suite des Garde-Schuhen DatciillvnS ge­führt. Auch ist er Oberstinhaber des K. und K. Inf. :liegts. Nr. 45, Ritter des österreichischen Ordens vom G. Vließ, des Schw- A.-O., des St. Hnbertus-O., des Aüdreas-O. re. Seine Universitätsstudien hat der Kronprinz iit Straßburg und Leipzig absolviert. Seine Gemahlin ist hm 2. Sep­tember 1870 als Tochter Ferdinands IV., Großherzotzs von Toscana und seiner Gemahlin in zweiter Ehe Alice, Prin­zessin von Bourbon und Parma, geboren ui.ib seit dem 21. November 1891 vermählt. Dieser Ehe sind fünf Kinder, die drei Prinzen Georg, Friedrich Ehristiair und Ernst Heinrich, und die z wei Prinzesfimleii Margaretha und Maria Mix entsprossen.

Auf Schloß Sibhllenort, seinem LieblingsansenO- Haltsort, ist König Albert seinem alten Blasenleiden er­legen. Tas im Tudorstil anfgeführte Schloß gohörte früher dem Herzog Wilhelm von Braunschweig und ivurde dem König Albert von diesem testamentarisch vermacht. Es ent­hält eine reiche Bibliothek, eine sehr wertvolle Okmftlbe- galcrie unb liegt in einem großen Wilbpark. Fast regel­mäßig brachte König Albert bic ZeitChibe Frühling unb Anfang Sommer" brot zu, unb stets übte ber dortige Aufent­halt einen sehr wohlthatigen Einfluß aus feine Gesundheit aus. Tas lctzle, zwei Stunden vor bem Tobe ausgegebcnc Bulletin ber Aerztc ließ bas (Silbe nicht so unmittelbar vorauSscheu. Es lautete: Der König zeigte im Laufe des Tages sehr tueniß Teilnahme, das Benommcüscin dauerte mit geringer Unterbrechung an. Puls 100, im allgemeinen noch ziemlich kräftig, Nahrungsaufnahme mangelhaft.

Der Fürstbischof von Breslau, Dr. Kopp, stattete dem König noch am Donnerstag Nachmittag einen Besuch ab unb weilte von 3.45 bis 4 Uhr bei ihm. Die. erbprinzlich meiuingifchen Herrschaften weilten von 1 bis> Uhr nach­mittags im Schlosse. Am Morgen hatte ber König noch einige Austern gegessen. Trotz bcs ernsten Zustanbes er­innerte er sich noch am Mittwoch seines Vermahlunastages. Am Totenbett, kurz vor bem Hin scheiden, traf die Jngend- freundiu ber Königin, Gräfin Fünfkirchen, ein, br jeder- zeit an Frcub unb Leid des Königspaares innigen Anteil genommen hat.

König Albert wirb in ber katholischen Hofktrchc in Tresbcn, in ber bic Gebeine sämtlicher Herrscher des König- Hauses feine letzte Ruh skat le finden. Die Uebersühxnvg der Leiche findet am Samstag früh und die Beisetzung in Dresden am Montag statt.

Aas Aaiscipaar in den Kyeinlanden.

B oiiji, 19. Juni.

Der Kaiser machte heute morgen mit der Kaiserin einen etwa cuistündigen Spaziergang an der Rheinseite des schanmburgischen Partes. Hierbei nahm er GelePeltheit, (gartenarbeitet, die in der anstoßenden Villa ar­beiteten, anzusprechen. Er fragte nach dem Stande