Ausgabe 
19.8.1902 Erstes Blatt
 
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Nr.1v»

ehrf^ehrt tägttch außer Sonntags.

Dem Gießener Anzeiger werden im Wechsn mit dem Vesfischen Landwirt die Siebener Kamillen, vllttter viermal in der Woche beigelegt.

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Erstes Blatt.

152. Jahrgang

Dienstag 19. August 1903

Gießener Anzeiger

** General-Anzeiger v

Amis- md Anzeigeblatt für den Kreis Gießen

Bezugspreis, monatlich 7b Pft vierte jährlich Mk. 2.20; durch Abhole- u. Zweigstellen monatlich 6b Pf.» durch diePost Mk. 2.viertel- jährl. ausschl. Bestellg. Annahme von Anzeige» für dre TageSnummer bis vormittag- 10 Uhr. ZeilenpreiS: lokal ISP,* auSwärtS 20 Psg. Verantwortlich» für den volit. u. aOgern. Teil: P. Wittko:- ,Stadt und fiantr und .Gerichtssaal" r Curl Plato; für den An­zeigenteil: HanS Beck.

Volitische Tagesschau.

Petroleum-Monopol und Eisenbahneiuuahmeu.

Die, auf die vollständige Monopolisierung des deutschen Petroleurnhandels hinauslaufenden Bestrebungen der deutsch- amerikanischen Petroleum-Gesell­schaft in Bremen, hinter welcher der Großkapitalrst Rocke - feiler im Bunde mit Rothschild u. a- steht, macht ge­waltige Fortschritte. Das Großkapital plant bekanntlich nicht mehr uno nicht weniger, als das deutsche Petroleumgeschäft mit' brutaler Rücksichtslosigkeit und nach einer bestimmt ausgedachten Methode an sich Ku reißen. Das schließ­liche Endziel, das den Petroleumtönigen vorschwebt, ist das Weltmonopol in Petroleum oder, wie es ein Ein­geweihter aus jenen Kreisen sinnig zu veranschaulichen wußte, die internationale Kontrollevon der Quelle bis zur Lampe". Die Petroleumhändler wehren sich nach Kräften wider die ihnen von Seiten des amerikanischen Groß­kapitals bereitete geschäftliche Bedrohung. Auch finden die Händler in ihrem Borgehen Unterstützung der Konsumenten, die zu ermessen vermögen, was ihres Geldbeutels harrt, falls die wucherischen Absichten der Finanzmächte endgültig realisiert sein sollten. In dem jetzt erschienenen Bericht der Chemnitzer Handelskammer wird zahlenmäßig der Nachweis geführt, daß das beabsichtigte Borgehen des Petroleum^ ringes, wenn es durchgeführt wäre, die Einnahm e der Staatseisenbahnen beeinträchtigen würde. Es heißt darin:

Angenommen, Chemnitz brauche jährlich an Petro­leum 1000 Doppelladungen, so nehme die Bahn hierfür an Fracht von Riesa bis Chemnitz'53 000 Mk. ein. In diesen Doppelladungen befänden sich netto 160 000 Ztr. Petroleum. Um dieses Quantum tn Zisternenwagen zu beziehen, bedürfe es nur einer Fracht von 42 400 Mk. (nämlich für 800 Zisternendoppelwaggons ä 53 Mk.)- Das ergebe einen jährlichen Einnahmeausfall von 10 600 Mk. Zu dieser Mindereinnahme kämen noch die Retourfrachten für 57 000 leere Barrels, die nicht mehr zur Füllung zurückgesandt würden. Auch der Eisenbahnrat habe sich dieser Gefahr nicht verschlossen, sich vielmehr für die Ablehnung des Antrages der deutsch-amerikanischen Pe­tro leümgesellschaft ausgesprochen."

Auch in unserer Nachüarstaüt Butzbach hat die ameri­kanische Gesellschaft zu agitieren begonnen, und die Butz­bacher -Firmen, die Großhandel betreiben,^ haben sofort Gegenmaßregeln getroffen.

Wie aus Newyork gemeldet wird, hat der frühere Gou­verneur des Staates Texas, Hogg, einer her hervorragendsten Petroleummagnaten, die mit ihm von anderen Interessenten eingeleiteten Unterhandlungen wegen Bildung einer neuen Petroleum-Transportgesellschaft in Landon zum Abschluß gebracht. Die neue Gesellschaft, deren Kapital viele Millionen beträgt, wUl eine neue Konkurrenz auf dem Petroleum-Weltmarkt bilden und namentlich mit den Produ­zenten aus den Petroleumfeldern in Baku in Wettbewerb treten. ________

Wie es in Rußland ausfieht.

Während Fürst Obolenski, der bei dem Attentat in Charkow ohne erhebliche Verwundung geblieben sein

soll, tn derChark. Gouvernements-Ztg." mitteilen laßt, daß ihm der Kaiser und die Kaiserin-Mutter zu dem un­blutigen Ausgang des Vorfalles beglückwünscht hätten, kommt aus St. Petersburg eine Meldung, die sich darzu- legen bemüht, daß der Anschlag auf Obolenski und die anderen Mordversuche der letzten Zeit nicht der Ausdruck einer allgemeinen Gärung seien, sondern, daß es sich um nichts weiter (!) handle, als um eine verhältnis­mäßig (!) kleine Zahl von Kommunisten, die sich die Um­wälzung und Errichtung der Kommune als End- ziel gesteckt haben." Zur Begründung dieser Auffassung wird in jener Meldung bemerkt:

Tie verhältnismäßig in kurzen Zwischenräumen ein» aüder folgenden Attentate auf den Gouverneur von Wilna, General v. Wahl, und auf den Fürsten Obolenski in Charkow haben zu sehr umfassenden Maßregeln Anlaß gegeben. Man hat neuerdings mit Sicherheit festgestellt, daß eine weitverbreiteteVerschwörungeiner sozialrevolutionär-anarchistischen Gruppe besteht, welche die Ermordung sämtlicher Gou­verneure der westlichen Gouvernements plant. Die betreffenden Attentäter sind bestimmt, die Bevölkerung sowie die Regierung zu terrorisieren und kommunistische Unruhen Hervorzurusen. Die Untersuchung in Sachen der Attentate auf den General v .Wahl in Wilna hat zur Evidenz ergeben, daß die Ermordung desselben bereits zu einer Zeit geplant war, in der derselbe eben sein Amt in Wilna übernommen hatte. Die später verbreitete Nachricht, daß dies Attentat einzig und allein die Folge des angeblich rücksichtslosen Auftretens des Gouverneurs gewesen sei, hat sich als völlig unbegründet erwiesen. Der Attentäter von Wilna war übrigens ein aus Jeka- terinoslaw von den Kommunisten verschriebenes Indi­viduum, das den General v. Wahl ermorden sollte. Erst kurze Zeit vorher hatte der Attentäter wegen eines Mord­anfalls mittelst Messers, und zwar auf einen Offizier, eine längere Gefängnisstrafe verbüßt, und stand unter Polizeiaufsicht. Auch das Attentat auf den Fürsten Obo­lenski ist das Werk ein und berfeUten anarchjisttschen Gruppe, ja, deutliche Anzeich,en sprechen dafür, daß man versuchte, den Fürsten Obolenski schon vor längerer Zeit zu ermorden. Auch nicht ein Grund liegt vor, der die Behauptung rechtfertigen könnte, daß eben erwähnte Atten­tate als Symptome einer allgemeinen Unzufriedenheit in den fraglichen Gouvernements gelten können. Ebenso­wenig .ver.nag man die HanLlung der Attentäter als eine Vergeltungsmaßregel gegen die genannten Gouverneure selbst auszufassen."

Tas steht im Widerspruch zu der YLachricht, wonach, gerade Obolenski infolge seiner Unmensch, lichenGrau- samkeit zum Gegenstand des allgemeinen Unwillens wurde. Und wenn, wie heute gemeldet wird, der Gouver­neur von Wilna, General v. Wahl seinen Abschied er­halten hat, so spricht das auä), nicht dafür, daß man höheren Orts zwischen seiner Amtsführung und dem gegen ihn ge­richteten Attentat keinerlei Zusammenhang sieht.

Nach einem Telegramm aus Petersburg sind durch ein Dekret des Zaren fast sämtlrchje an den Februar-Un­ruhen in Moskau beteiligt gewesene Studenten aus der

Gefängnishaft in verschiedenen Städten des Reiches entlassen worden. Ungefähr hundert sind aus Sibirien zurückberufen, wohin sie auf 5 Fahre verbannt waren. Sie werden nach chrer Zurückkunft int Herbst wieder in die Universitäten eintreten. Trotz dieses neuen Gnadenaktes dürften int November neue Studentenunruhen aus­brechen. Die Stellung des Unterrichtsürinisters Sänger soll erschüttert sein.

Aus Ktadt M Kund.

Gießen, 19. August 1902.

Grav elottefeier. In Ergänzung unserer gestrigen Mitteilung geht uns noch folgender Bericht zu: Die Krieg er- kameradschaft Gießen feierte am Sonntag mit Familien den Jahrestag der Schlacht bei Gravelotte imCafö Ebel". Der Vorsitzende begrüßte die Gäste und Kameraden und wies auf die Bedeutung des Tages hin, dessen Feier nicht mit den modernen Festen in unseren Tagen, die in Vergnügungen und Lustbarkeiten gipfeln, zu vergleichen sei, sondern daß die Gravelottefeier eine Feier der Trauer und der Dcmkbarkett sei, bei welcher die Eltern und Angehörigen sowie die Kameraden der Gefallenen an den schweren Verlust, der sie damals be­troffen, immer wieder erinnert würden und die alten Wunden von neuem bluteten, die Ueberlebenden Gott zu Dank ver­pflichteten für die Errettung von dem Tod auf den Schlacht­feldern, und für die reiche Ernte, welche aus der blutigen Saat emporgewachsen, nämlich ein großes, einiges deutsches Vaterland, ein Kaiserreich unter dem Szepter Wilhelm des Großen, des Siegreichen. Der Vorsitzende ermahnte die jüngere Generation, auf den errungenen Lorbeeren nicht cms- zuruhen, sondern immer auf der Wacht zu stehen, immer zum Kampf bereit zu sein, wenn das Vaterland ruft, und fest und treu zu Fürst und Vaterland zu halten. Ein Hoch auf S. M. den Kaiser und S. K. H. den Großherzog wurde stürmisch aufgenommen und die Nationalhymne stehend ge­lungen. Ein weiteres Hoch auf das geliebte deutsche Vater­land wurde ebenfalls mit großer Begeisterung ausgenommen.

** Die Sterbekasse des Bundes deutscher Gastwirte hatte im letzten dem neunten Rech­nungsjahre einen Gesamtumsatz von 1075 959 Mark. An Beiträgen wurden 333 952 Mark erhoben, dagegen an©terbe- reuten 172 386 Mark verausgabt. Das Gesamtvermögen be­ziffert sich gegenwärtig auf 782 947 Mark; innerhalb Jahres­frist vermehrte sich dasselbe um 152 305 Mark.

Kg. Grünberg, 17. Aug. Der hiesige Turnverein hielt heute ein Schauturnen ab, das mit einem Konzert der Kapelle des Marburger Jägerbataillons verbunden war. Die Turnübungen wurden gut und exakt ausgeführt und zeugten von großem Fleiß und Mühe, die sich der Verein gegeben hatte. Heute vormittag wurden den diesjährigen Prüf­lingen, welche ihre Gesellenprüfung bestanden hatten, die neuen Gesellenbriefe überreicht. Dieselben sind thatsäch- lich prachtvoll ausgefallen und bleiben ein schönes Andenken für ihre Inhaber. Es wohnten der kleinen Feierlichkett der Bürgermeister, Eltern und Meister der Prüflinge, sowie der

Feuilleton.

Heber deu Besuch des Kaisers in der Düsseldorfer Ausstellung bringt dieRh.-W. Ztg." u. a. folgende Mitteilungen: Professor Roeber gegenüber bemerkte der Kaiser, daß er erstaunt darüber sei, daß die Ausstellung in allen Teilen ein so geschmack­volles und vornehmes Arrangement aufweise. In der Ausstellung der Deutzer Motorenfabrik bekundete der Kaiser ein eingehendes Interesse für eine Schiffsmaschine, die durch Spiritus getrieben wird. Er zeigte durch seine eingehende Besichtigung, wie wichtig ihm die Frage der Verwendung des Spiritus für Kraft- zwecke erscheint. 9ioch deutlicher trat diese Aufmerksamkeit bei der Besichtigung der Ausstellung von Ullrich u. Hinrichs hervor, wo die ausgestellten Spiritusmotoren die Aufmerksamkeit des Kaisers feffeiten. Der Kaiser bemerkte hier:Wir haben ja die Kar­toffeln und den Spiritus und müssen diese zu verwerten suchen." Im weiteren Verlaufe der Besichtigung äußerte der Monarch, er habe von Ausländern gehört, daß bte Ausstellung, was Eisen, Stahl, Maschinen und Bergbau anbelangt, die beste Ausstellung sei, die jemals veranstaltet worden sei. Er freue sich, daß der Eindruck gerade auf das Ausland so günstig sei. In der Kunstausstellung fesselte den Kaiser besonders die kunsthistorische Abteilung, die er sich von Domkapitular Schnütgen in allen Einzel- heilen zeigen ließ. U a. bemerkt er, es sei wunderbar, rote reich die Phantasie der Leute in der damaligen Zett gewesen set. Ueber das Bild von Sascha SchneiderDer Kamps um dte Wahrhest" sprach sich der Kaiser abfällig aus, desgleichen schien Klingers Beethoven keinen besonderen Eindruck auf ihn zu machen. In Bezug auf denEhrenhof", in dem die Skulpturen ausgestellt sind und der aus des Kaisers Initiative entstanden ist, be­merkte der Kaiser, daß dieser das Beste am ganzen Kunstausstellungs­palast sei. Auch über die Ausstellung der Berliner Bildhauer freute sich der Kaiser sehr. Es liegt übrigens em neues Doku­ment für die künstlerische Geschmacksrichtung des Kaisers vor. Wil­helm II. hat die Widmung von Nataly v. Eschstruths neuestem Roman angenommen. Und die Verfasserin rühmt sich, daß der Kaiser seit Jahren einsehr gnädiges Interesse" an ihren Buchern genommen habe, und daß nicht sie es gewesen sei, die die Wid- mung ihres jüngsten Werkes provociert habe. Man sieht, des Kaisers Geschmacksrichtung weicht auch hier von dem sonst in litterarischen Kreisen herrschenden Geschmack ab. Selbst em Schrift­steller, der unlängst selbst einer persölilichen Unterredung mit dem Kaiser gewürdigt wurde, der ehemallge Hamburger Volksschullehrer Otto Ernst, der Verfasser desJugend von heute' unb des Flachsmann als Erzieher", hat unter dem allgemeinen Beifall aller kritischen Kollegen das vernichtendste Urteil über die platte, selbst mit der deutschen Sprache auf dem gespanntesten Fuße lebende Unterhaltungs-Schriftstellerin Nataly o. EscUtruth aus- g^prvchen.

Kaiser Wilhelm II und derDoktor Richter". In Frankreich scheinen die mnbstage mit allen ihren Folgen nun wirklich angebrochen y ': Beweis dafür ist das sonst so ernste gemäßigteJournal ts." AlsNeuestes vom Tage" er­zählt es folgende E deutsche Kaiser ist in der Musik

durchaus nicht / >S-^> Wilhelm IL ist kein Freund

von Wag n/ Bayreuth gewesen. (1) Man

fragte ihn ei/ v*^Wagner habe, er erwiderte:

Zu geräu/ bic Runde durch das

ganze W $ ' S -iem, dredort unten" Le­gion ul' s/g2- -ergernis. Einer von ihnen,

derT.. c»? des Komponisten war (ge­

meint ist Oc v-SunhiS Dirigent Hans Richter), zeigte sich besonders erregt. Er gab seinen Zorn in Zeitungsartikeln kund, deren Ton jeden Tag heftiger wurde. Die Schmähartikel nahmen schließlich einen solchen Umfang an, daß der Minister des Innern in dem Bericht, den er täglich an den auf der Reise befindlichen Kaiser zu senden hat, es für notwendig erklärte, gegen den ftör- rigen Doktor das Verfahren wegen Majestätsbeleidigung einzuleiten. Wilhelm II. weiß aber in seinen Handlungen glück­licherweise Maß zu halten, wenn er auch seine Worte nicht immer auf die Wagschale legt, es zeugt ebenso sehr von Klugheit wie von Mäßigung, daß er sich begnügte, den Bericht mit der Rand­bemerkung zu versehenKeine Majestätsbeleidigungssache. Höchstens Geschmacksache . . . ." Wilhelm II. hebt die französische und die italienische Musik. Die kaiserliche Loge ist leer, wenn manTristan" oder dieTetralogie" spielt, aber der Kaiser fehlt nie bei einer Oper von Massenet, von Mascagni, von Leoncavallo.

Eine romantische Geschichte vom deutschen Kron­prinzen wird von der englischen und französischen Presse verbreitet. Danach heißt es, der Kronprinz habe bet seinem letzten Besuche m England im Hanse der Herzogin Eonsuelo von Marlborough, der geborenen Vanderbilt, eine amerikanische junge Dame kennen gelernt, ein Fräulein Gladys Deacon, die einen tiefen Ein­druck auf ihn gemacht habe. Der Prmz habe von seiner Ur­großmutter, der Königin Viktoria, einen Ring geschenkt bekommen mit der Weisung, ihn nur der Dame zu schenken, die er ehelichen würde. Und diesen Ring habe er Frl. Gladys Deacon als Pfand für seine 2reue unb Liebe überreicht. Wahrend derMattn" die Sache ganz ernst nimmt, lenkt derDaily Telegraph" em und be­handelt die Angelegenheit mehr humoristisch. Der Kronprinz, sagt das Blatt," verliebt sich furchtbar rasch und surchtbar o ft, und als er das letzte Mal bet ferner hohen Mutter, der Kaiseriit, weilte, erregte es dort großes Amüsement, daß er sogar einen Ring roeggegeben habe, den er zu feiner Konfirmation er­halten hatte. Unterdessen hat sich die Mutter der jungen Dame schon an denMatin" gewandt und die Redaktion gebeten, den Namen ihrer Tochter nicht mehr durch die spalten des Blattes zu zerren. Dieser Bries lautet rote folgt:Mem Herri Erlauben Sie mir, Ihre intimsten Gefühle anzurufen. Ich habe mit tiefer

Betrübnis die imSOlatin" veröffentlichten Artikel gelesen. Meine Tochter hat keine andere Beschützerin als mich, und ich bin be­rufen, Sie über die Unrichtigkeit der Ihnen erstatteten Berichte auf­zuklären. Besser als irgend jemand kenne ich den wahren Charakter der sehr kurzen Beziehungen, welche ein Zusammentreffen von acht- undoierzig Stunden in Blenheim beim Herzog und der Herzogiil von Marlborough zwischen dem deutschen Kronprinzen und meiner Tochter herbeigeführt hat, die beide Kinder sind. Es hat eines großen Aufwandes von Phantasie bedurft, um sie zu einer Staats- affaire zu machen. Sie können mir dies aufs Wort glauben. Ich würde Ihnen sehr dankbar fein, wenn Sie nicht mehr gestatten wollten, daß der Name meiner Tochter imMatin" erwähnt werde. I. Baldwin-Deacon." Wer erinnerte sich hierbei nicht an die romantische Liebesgeschichte des Urgroßvaters des Kron­prinzen mit der schönen jungen Prinzessin Radziwill? Geschlechter kommen und gehen, und das Lied von der Jugendliebe verklmgt nimmer, es kehrt in anderer Form immer wieder . . .

Der Theatcrbau der Zukunft. Wir lesen in der neuen Münchener ZeitschriftDie Freistatt" folgenden höchst verständigen Artikel: Man hat vergangenes Jahr bei Gelegenheit der Eröffnung des Prinzregertten-Theaters die architektonischeThat" hochgepriesen, die von der Bauftrma Heilmann und Littmann mit dem von ihr gelieferten Theaterbau angeblich vollbracht worden war. Man müßte ja nun allerdings ein rechter Böotier sein, wollte man die thatjächlichen Schönheiten des neuen Baues, ganj besonders feine vornehme Innenausstattung, sowie die glückliche Lösung des schwierigen unb wenig dankbaren Problems der äußeren Umriß­linie nicht anerkennen. Aber die Freude an dem Bau wird sehr rasch gründlich vergällt, wenn wir ein klein wenig über seinen Zweck nachdenken: Richard Wagner, bekanntlich ein Deutscher, soll dort, um einem dringenden Bedürfnis abzuhelfen, vor allem zu Worte kommen, außerdem aber nur im Winter für die im Preis bedeutend ermäßigten Münchner andere gute Deutsche, wie Goethe und Schiller, daneben der angelsächsische Bruder Shakespeare. Und wenn die hohe Intendanz durch einige fette Festfpielferien gnädig gestimmt ist, dann öffnet sie vielleicht auch noch einmal den jüngeren deutschen Tondramatikern die 'Thore des neutn Hauses. Ta nun der Rahmen immer zum Bilde passen soll, so'wählte man für das derdeutschen Kunst" geweihte Haus ganz selbstverständlich den griechischen Stil! Tenn ein moderner Theaterbau ohne griechische Säulen, Archttrave, Trig- lyphen, Metopen und Giebeldreiecke nebst Stirnziegeln ist ja gar nicht denkbar. Tiefer ganze archäol^i gische Kram ist eben für den philologifch gedrillten Seutf ° immer mit dem Be­griff von Schönheit und Würde s rbar verbunden. Ein Bau, in dem klafsische Werke aufg v 10 Vi, kann also nach den Anschauungen, angeblich moder, immer nicht

anders als in Bauformen erstellt tn# § 03 nnigermaßen gesundem Empfinden mindestens <c j § »S'-S f f1 *, et. scheinen müssen, wie etwa die mi!£g$ at9ent*'