Ausgabe 
19.7.1902 Zweites Blatt
 
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ftttrfstürrdiger ALsführmrg zu Punkt eins bei Anklage gegen Exner und Gentzsch die Frage des betrügerischen Bankervtts behandelt hat, unter Hinweis des § 314 des Handelsgesetz­buches, wendet sich der Staatsauwa.lt heute dem Falle der Verschleierung zu, begangen im Geschäftsbericht, in der Bilanz für 1900, sowie im Expose anläßlich der General­versammlung im März 1901, sowie in den beiden am 25. Statt 1901 veröffentlichten Kommuniques. Ueberall hatten die Direktoren der Bank es darauf abgesehen, unwahre Darstellungen zu geben und Verschleierungen hervortreten zu lassen. Der Staatsanwalt kommt auf die einzelnen Betrugsfälle zu sprechen, die Exner und Gentzsch zur Last gelegt werden. Das gerade liefere den Beweis, daß beiden Angeklagten eine unehrliche, betrügerische Handlungsweise zuzuschreiben sei. Der Staatsanwalt bespricht den Vorfall mit Direktor Seefried von der Frankfurter Filiale der Deutschen Bank im März 1901, den Fall mit Lohn, in Firma Warschauer L Co. in Berlin, wobei Exner die größten Lügen vorgelwacht habe, und die Betrugsfälle, die von Exner und Gentzsch bezw. Exner allein verübt wurden, durch Vorspiegelung falscher Thatsachen gegen die Firmen Heydt und S. Bleichröder in Berlin. Der Staatsanwalt bezeichnet am Schluß feinet Plaidoyers die Handlungsweise von Exner und Dr. Gentzsch als so frivol, wie sie kaum je da gewesen sei. Es sei so raffiniert vor- vorgegangen und in so unsagbarer Weise operiert worden, daß dem Gesetzgeber eine Strafnorm für die verschiedenen Delikte abgehe. Exner habe im vollen Einverständnis mit Gentzsch gehandelt, ebenso beide zusammen mit dem Auf­sichtsrat Der Urheber alles dieses Unglücks sei Exner. Exner verdiene idie schärfste Verurtellung. Er sei schwerer zu strafen als Gentzsch Gegen beide müsse auf Zucht­hausstrafe erkannt werden. Die Frage nach mildern­den Umständen müsse beiden gegenüber verneint werden.

Staatsanwalt Konz wendet sich in seinem Plai- öoyer gegen die sieben Aufsichtsräte der Bank, Dodel, Meyer, Vörster, Fiebiger, Willens, Wölker und Schröder, als Mit­schuldige an dem Zusammenbruch Gegen keinen der Be­schuldigten richte sich die Anllage wegen Beihilfe zum be­trügerischen Bankerott, wohl aber komme § 314 Ziffer 1 des Handelsgesetzbuches bezügliche Verschleierung zur An­wendung. Es komme hierbei der Geschäftsbericht und die Bilanz für 1900 in Betracht, ebenso das Expose der Gene­ralversammlung und die beiden Kommuniques bei der Zahlungseinstellung. Redner fährt fort, es sei unzweifel­haft, daß es den sieben Mitgliedern des Aufsichtsrates mögllch gewesen sei, den Stand der Trebergesellschaft zu erkennen. Sie mußten chn erkennen und haben ihn auch erkannt, und damit das Obligo der Trebergesellschaft, denn schon in den Sitzungen vom 13., 15., 18. Juni 1900 kon­statierte die Verlesung des 55 Millionen-Verzeichnisses die außerordentliche Spannung der finanziellen Situation der Bank. Der Staatsanwalt wendet sich dann den einzelnen Angeklagten zu. Dodel, der seit 1887 dem Aufsichtsrate angehörte und unzweifelhaft um die Höhe des Treberobligos gewußt habe, werde beschuldigt, bei dem Geschäftsbericht, der Bilanz und dem Expose thätig gewesen zu sein. Schröder habe unzweifelhaft spätestens 1900 um die Höhe des Treber­obligos gewußtz Meyer, seit 1885 im Aufsichtsrat, sei bei dem Geschäftsbericht, der Bilanz und dem Exposs und bei beiden Kommuniques thätig gewesen. Wölker sej die Kennt­nis des Treberobligos noch nachzuweisen. Wie Vörster werde auch Wilkens der Verschleierung in mehreren Fällen beschuldigt. Der Staatsanwalt beantragt, daß für die sieben Auffichtsräte die vorliegenden Schuldfragen mitJa" zu beantworten seien. Wohl seien bei ihnen Gemeinheit der Gesinnung und Gewinnsucht nicht das Motiv gewesen, aber die Bejahung der Schuldfrage sei notwendig, vor allem bei den älteren Aufsichtsräten, Dodel, Mayer, Schröder und Möller, welche mildernde Umstände nicht verdienen. Dagegen könne man Vörster, Fiebiger und Willens mildernde Umstände zubilligen. Staatsanwalt Konz behandelt sodann die Schuldfrage betreffend das den Angeklagten Exner in Gemeinschaft mit Gentzsch und Dodel zur Last gelegte Ver­gehen der Untreue im Sinne des Handelsgesetzbuches zum Nachtelle der Leipziger Hypothekenbank, diach Ansicht des Redners haben die Angeklagten dieses Delikt durch Be­lassung des Guthabens der Hypothekenbank bei der Leipziger Bank verübt. Auch diese Schuldfrage, bei der § 312 des Handelsgesetzbuches in Berücksichtigung komme, sei zu be­jahen. Der Staatsanwalt beantragt hierbei, für alle drei Angeklagten keine mildernden Umstande eintreten zu lassen.

Nach der Mittagspause wendet sich Justizrat von Gordon, Verteidiger Exners, gegen die vom Staats­anwalt vorgeschlagene strenge Zuwendung der Gesetze. Seine (Redners) Sorge sei, ob cs für die Geschworenen möglich sei, über jeden einzelnen Punkt sich Klarheit zu schaffen. Der Verteidiger giebt ein umfassendes Bild von der Verbindung Leipzigs mit der Trebergesellschaft. Kassel habe einen äußerst soliden Eindruck gemacht, und es sei erklärlich, daß die Verwaltung der Leipziger Bank an die Prosperität der Unternehmungen glaubte. Exner, dessen Vermögen bedeutend überschätzt wurde und nur 800 000 Mk. betrug, hatte allein für 600 000 Mk. Treberwerte. Die Sorge um die Erhaltung der Bank habe den Sanierungs-Schrllt unterbleiben lassen, bis die Bank durch die Konsequenzen gezwungen wurde, in das unvermeidliche Weiterarbeiten sich zu fügen. Aufsichtsrat und Direktion waren vollständig eins. Memals habe der Vorstand dem Aufsichtsrat etwas verheimlicht. Der Verteidiger kann das Vorliegen des be­trügerischen Bankervtts nutzt anerkennen. Justizrat von Gordon widerspricht sodann der Ansicht des Staatsanwalts bezüglich der Verheimlichung von Handelsbüchern und be­streitet, daß es unmöglich gewesen sei, aus den Büchern eine Vermögensübersicht zu gewinnen. Der Konkursver­walter, Rechtsanwalt Freytag, habe ausdrücklich erllärt, die Bücher seien so übersichtlich geführt worden, daß es binnen kruzem möglich war, eine Vermögensaufstellung zu machen. Auch sei nicht nachgewiesen worden, daß sich die Angeklagten bewußt waren, durch unübersichtliche Buchführung andere benachtelligt zu haben oder daß ihnen die Absicht einer der­artigen Benachteiligung innewohnte. Der Verteidiger geht dann auf die Einzelheiten der Buchführung ein und sucht die Behauptung zu widerlegen, daß einige Konten ver­schwunden seien.

Aus Stadl und Sand.

Gießen, den 19. Juli 1902.

** Personalien. Dem Pfarrer Georg Zimmmer- mann zu Gräfenhausen ist die evangelische Pfarrstelle zu Wixhausen, Dekanat Darmstadt, und dem Pfarroerwalter Friedrich Heddaus zu Bischofsheim, Dekanat Groß-Gerau, die evangelische Pfarrstelle daselbst übertragen worden.

* Geheimrat Oncken. Man teilt uns mit, daß in einem Anschlag am schwarzen Brett der Universität Geh. Rat

Prof. Dr. W. Duden bekannt gebe, rote er von Montag an seine abgebrochenen Vorlesungen zu Ende bringen will.

* Das Promenaden-Konzert fällt morgen, Sonntag, aus.

B. S. Kun st der ein. Die gegenwärtige Kunst-Aus­stellung, die letzte vor den Sommerferien, enthält einige Werke, die besondere Beachtung wohl verdienen. Dies gielt vor allem von den vier Pariser Bildern des Brüsseler Malers Swyncop, die in durchaus moderner impressionisti­scher Auffassung bedeutende archllektonischc und landschaft­liche Einorücke aus der Weltstadt wiedergeben. Im übrigen herrscht Landschaft (Krippin g-Hannover, Herbstabend am Walde, Rettich-Lübeck, Herbstabend) und Porträt (Kleinschmidt-Kassel). Historisches Interesse knüpft sich an die von Frau H. Duden sorgsam gemalte Kopie eines Damenporträts des Stuttgarter Hofmalers Philipp von Hetsch, eines Freundes von Schiller und Dannecker. We­niger als eigentliches Porträt denn als interessante Studie zu einem solchen ist das Bild von Stockmay e r-Malsch zu bezeichnen, dessen Arbeiten hier wohl bekannt und ge­schätzt sind. Zieht man das Facit der Jahresleistung der Kunstausstellung, so darf man wohl behaupten, daß sie uns vieles Gute und Interessante gebracht und Fort­schritte gegen frühere Jahre aufzuweisen hat. Kann sie so manches minderwertige Stück mit auszustellen nicht ver­meiden auch diesmal fehlte es an solchen nicht, die der gewohnte Turnus der Kunstausstellungen eben auch au uns führt, so bemüht sie sich dafür umsomehr, das Wertvolle und Lehrreiche so günstig, wie es die Raum­verhältnisse erlauben, der Anschauung und dem Genuß dar­zubieten. Der Zuspruch der Kunstfreunde war erfreulicher­weise sehr lebhaft; hoffen wir, daß das auch künftig so bleibt und die Ausstellung zu einem immer wichtigeren, einem unentbehrlichen Faktor in den Bildungsbestrebungen unserer Stadt sich gestaltet.

* * Ein Kinder- und Familienfest (ein sog. Strandfest) findet morgen, Sonntag, in Steins Garten stall. Um die Freude am Feste zu erhöhen, erhält jedes Kind an der Kaste einen Strandhut gratis. Ein Luft­ballon ist in Wirklichkeit riesenhaft zu nennen, denn er hat die respektable Höhe von zirka 20 Fuß. Eine Gratis-Ge- schenkverteilung findet auch statt.

* * Ein alter Bekannter. Auf unserer Redaktion erschien heute Herr Fritz Hüne, der in den Jahren 1848 bis 1849 als Faktor an der Spitze unserer Druckerei stand. Der Eigentümer des Verlages des Gießener Anzeigers war damals Georg Daniel Brühl. Herr Hüne, der seit drei­zehn Jahren Herausgeber eines in Brooklyn bei Newyork erscheinenden Blattes ist, befindet sich zur Zeit auf einer Weltreise, deren Strapazen chn seine ausgezeichnete Ge­sundheit und Rüstigkeit mit Leichtigkeit ertragen läßt. In Gießen ist er im Hotel zum Einhorn, in dem er vor mehr als einem halben Jahrhundert zu Mittag zu speisen pflegte, abgestiegen. Die besten Wünsche begleiten unfern alten Bekannten", den die Liebe zur Heimat wieder zu uns führte, auf seiner weiteren Reise.

* * Der Kreisveterinärarzt Schmidt wird sich im Auftrage des Ministeriums demnächst von hier nach Marburg begeben, um sich in dem dortigen hygieni­schen Jnstllute über das von Geheimrat von Behring entdeckte Tuberkulose - Immunisierungs -Ver- a h r e n zu unterrichten. Mi t der Immunisierung )e r Rindviehbestände gegen die Tuberkulose oll alsdann sofort in der Provinz Oberhes- en begonnen werden, und sind hierzu zunächst die Viehbestände der provinzialen Zuchthöfe in Aussicht ge­nommen. Bekanntlich hat Geheimrat von Behring den von ihm errungenen Nobelpreis diesem Zwecke gewidmet. Die Ausführung des Verfahrens geschieht auf Staatskosten.

* * Fahrplanlesen in der Schule. Wir brachten kürzlich die Nachricht, daß ein schlesischer Lehrer das Fahr­planlesen in seiner Schule eingeführt habe re. Dem können wir heute zufügen, daß in Hessen bereits jeder Lehrer mit Kindern älterer Jahrgänge das Fahrplanlesen alljährlich übt. Schon seit Jahren wurden wiederholt maßgebenden Orts diese Hebungen den Lehrern empfohlen.

* * In der gestrigen Mitteilung über die Gründung eines Städtebundtheaters (s. Stadt- verordneten-Versammlung) ist aus Versehen eine Zeile weg­geblieben. Es muß auf S. 1, erstes Blatt, Zeile 25 ff. von unten heißen:weiter teilt der Bürgermeister mit, daß bett, des hiesigen Theaters Verhandlungen über Verbesserungen in der Zusammensetzung des Theaterpersonals und des Orchesters im Gange seien.

-o- Alb ach, 18. Juli. Bei der heute stattgehabten Beigeordnetenwahl siegte der Landwirt Ludwig Arnold II. mit 42 Stimmen, sein Gegenkandidat Gast­wirt Heinrich Euler III. erhielt 22 Stimmen. Die Wahl fand unter sehr reger Beteiligung statt.

Darmstadt, 18. Juli. Ein äußerst dreister und fri­voler Unfug wurde heute nacht durch eine Anzahl Stu­dierender hier ausgeübt; dieselben haben, nachdem sie schon vorher längere Zeit randaliert hatten, auf dem sogen, alten Friedhöfe, welcher nicht mehr benutzt wird, auf welchem aber noch eine ganze Anzahl gut erhaltener Grabdenkmäler aus dem Anfang des Jahrhunderts stehen, das sog. Jacobs- denkmal, ein-rere Zentner schweres eisernes, viereckiges Denkmal mit Gewalt aus den Fugen gerissen und umge- worsen; den eifrigen Bemühungen der Polizei gelang es alsbald, die Thäter zu ermitteln.

'* Kleine Mitteilungen aus Hessen und den Nachbarstaaten. In Laubach hat der in voriger Woche verstorbene Rentner Krieger, ein Selfmademan, der mehrere Millionen hinterlassen hat, für den Bau einer katholischen Kirche 5000 Mark testamentarisch bestimmt.

Vermischtes.

* Venedig, 18. Juli. Von den fünf Glocken des Camanile dürfte nur dieMarangona" erhalten sein. Die Ecke des Togenpalaftes, die durch den Sturz des Campanlle beschädigt wurde, mußte gestützt wer­den. Minister Nasi wohnte heute der Sitzung des Ge­meinderats bei. Ter Bürgermeister sagte: In dem Unglück, das jetzt die Stadt betroffen, habe Venedig den Trost, sich als Gegenstand des Mitgefühls des ganzen Volkes und der Unterstützung der Regierung zu sehen, deren Ver­treter er herzlichen Gruß entbiete. Fortlaufend gehen von allen Seiten erhebliche Geldsummen für die Wiederher­stellung des Glockenturmes ein. Bankier Morosini aus Newyork sandte eine halbe Million Ltte ein. Unter den Trümmern fand man heute eins der Bronzestandbilder von der Loggia des Sansovino. Dieselbe ist ziemlich gut er­halten. Um den hiesigen Kunstdenkmälern größeren Schutz zu sichern, übertrug der Minister Nasi die Aussicht über

dieselben dem Architekten Boni, der auch mit der Leitung der Arbeiten an dem eingestürzten Glockenturm beauftragt ist. Der Präfekt löste die Intendanz der Markuskirche und das technische Bureau auf, das mit der Aufsicht über den Glockenturm beauftragt war, und enthob den Ingenieur Saccardo.seiner Funktionen.

Ullioersltüts-Nachrichterk.

DasB. T." erfährt, im Befinden des in Schierke im Harz sich aufhaltenden Professors Virchow sei eine Verschlimme­rung eingetreten. Virchow halle in den letzten Tagen bedroh­liche Schwächeanfälle. Demselben Blatt zufolge liegt der Berliner Professor G e r h a r d t schwerkrank auf seiner Besrtzung Tamberg in Baden darnieder.

Gerichtshml.

Darmstadt, 18. Juli. Eine ganze Jagdgesellschaft, welche die Wilddieberei seit Jahren in großem Maßstabe be­trieben, erhielt heute durch die hiesige Strafkammer ihre wohlver­diente Strafe. Dieselbe hat in den Jahren 18971902 in den Ge­markungen Biebersheim, Rockstadt, Schmitthausen und der Um­gegend, woselbst sie zu jagen nicht berechtigt war, regelmäßig die Jagd ausgeübt, einige derselben haben sogar während der gesetz­lichen Schonzeit gewildert. Die Strafen gegen 8 Wilddiebe be­wegen sich zwischen 1 und 3 Monat Gefängnis. Der Wildpret- händler Zimmermann, welcher gewerbsmäßig die erbeuteten Jagd- stücke, von denen er annehmen mußte, daß sie durch eine strafbare Handlung erlanot waren, angekauft und wieder abgesetzt hat, wurde zu vier Monaten Gefängnis verurteilt.

Das Prozeßverfahren wegen der angeblichen Aeußer» ungeu des Kaisers über die Duellfrage ift nunmehr entgültig beendigt worden. Bekcmnntlich hatte der frühere Redakteur der Potsd. Ztg.", Paul G r o l l, der wegen der in dem bekannten Artikel enthaltenen Beleidigungen der LeuMants von Kessel und von Goßler vom 1. Garderegiment z. F. zu 2 Monaten Gefängnis von der Potsdamer Strafkammer verurteilt war, Revision gegen das Urteil anmelden lassen. Letzterer roartete mit der Anmeldung den letzten Tag der siebentägigen Frist ab und schickte dann seinen Bureauvorsteher abends nach Potsdam, um dort im Landgericht das betreffende Schreiben abzugeben. Nach 6 Uhr, als die Bureaus geschlossen waren, traf der Bureauvorsteher im Landgericht ein unb gab das Schreiben nilnmehr an den Kastellan ab, ohne zu sagen, daß dasselbe noch an demselben Tage dem zuständigen Beamten zirr Präsentation vorgelegt werden müsse. Ter Bureauvorsteher glaubte, daß in Potsdam derselbe Usus wie bei den Berliner Land- gerichten, wo alle, auch nach Schluß der Dienststunden eingehende Schreiben sofort mit dem Präsentationsstempel versehen werden. Ta dies nnn nicht der Fall war, wurde die Revisivnsanmel- d u n g erst am nächsten Tage präsentiert und deshalb durch Ge° richtsbeschlilß als verspätet angemeldet zurückgewiesen. Diesen Beschluß focht Rechtsanwalt Halpert im Beschwerdewege beim Reichsgericht an, wurde aber nunmehr entgültig damit a b g e * wiesen, sodaß das Utteil gegen Groll jetzt rechtskräftig ge­worden ist.

Landwirtschaft.

Bon der Lahn, 19. Juli. Der K o r n s ch n i 11 hat, wenn auch vereinzelt, in hiesiger Gegend begonnen; hier und da erblickt man auf dem Felde schon Getreidehaufen. Nach Aussage der Schnitter tragen die kräftig herausgewachsenen Halme voll besetzte Aehren. Da die Blütezeit des Weizens, des Hafers und der Gerste günstig verlief, werden auch diese Halmfrüchte bei der herrschenden Hitze rasch der Reife entgegengehen. Sommerfrucht (Hafer und Gerste) ist infolge der Trockenheit etwas kurz geblieben, verspricht aber trotzdem einen guten Körnerertrag. Tie Gattengewächse haben einen sehr befriedigenden Stand, besonders die Bohnen, welche üppig grün sind und sehr reich blühen. Die Kartoffeln sind auch vielversprechend, jedoch liefern die Frühkartoffeln zwar recht viele, auch schmackhafte, aber nur kleine Knollen Die Bienenvölker hatten in diesen Tagen an den in voller Blüte stehenden Linden­bäumen eine reiche Honigtracht. Die Imker waren deshalb fleißig am Honigschleudern. Die allerdings wenig vorhandenen Baum­früchte entwickeln sich vollkommen; es ist so,nit Hoffnung vorhanden, daß schönes Obst im Herbste geerntet werden wird. Die ausge­setzten Dickwurz- und Gemüsepflanzen entwickeln sich in zufrieden­stellender Weise. Falls keine elementaren Ereigniffe die Feldfrüchte schädigen, darf der Landmann auch in diesem Jahre mit den Erträgnissen derselben zufrieden sein. Grünfutter ist hinreichend vorhanden.

Wien, 18. Juli. Nach dem Saaten st and von Mitte Juli stehen Winter- und Sommersaaten überwiegend günstig. Eine mittlere bis gut mittlere Ernte ist zu erwarten. Hafer ergiebt voraussichtlich nur eine halbe Ernte, Mais steht größtenteils un­befriedigend, Raps besttedigend.

Handel und Verkehr. Volkswirtschaft.

** Reichsbaut. Am 4. August d. Js. wird in Höhr (Hessen- Nassau) eine von der Reichsbankstelle in Koblenz abhängige Reichsbank-Nebenstelle mit Kaffeneinrichttmg und be­schränktem Giroverkehr eröffnet.

Köln, 18. Juli. In der heute hier abgehaltenen Versamm» lung der Vertreter des Rheinisch-Westfälischen Rob- eisen-Syndikats wurde einstimmig beschlossen, das Syndikat unter den bisherigen Bedingungen zunächst bis Ende nächsten Jahres au verlängern, und zwar mit Rücksicht darauf, daß die großen «tahlverbände jedenfalls mit Ende nächsten Jahres einer Neu­bildung entgegenfehen. Die Vorbereitungen zur Bildung einer festeren Form für oas Syndikat sollen inzwischen mtt Nachdruck betrieben werden.

Berlin, 18. Jull. Die Voruntersuchung gegen bie früheren Direktoren der Porn rnerschen Hypotheken- Aktienban k, Kommerzienrat Schultz und Rom eich, ist abgeschlossen. Der Prozeß wird voraussichtlich im Herbst, bald nach Beendigung der Gerichtsferien zur Verhandlung kommen.

Halle a. d. Saale, 18. Juli. Eine Versammlung der Ver­treter der größten Paraffin- und Mineralölfabriken beschloß die Neubildung des Vereins für Mineralölindustrie. Zwecks Beratung über die Vorgänge in der Industrie wurde ein Ausschuß gewählt.

Bei der Leipziger Tabakfirma Oswald Seydel liegt eine Zahlungseinstellung vor. Eine Konkurserklärung ist nicht erfolgt. Die Firma wird voraussichtlich bestehen bleiben. Tie Aktiven betragen ca. 400000 'Mark, die Unterbilanz 100 000 Mark. Tie Firma hofft, die Gläubiger voll befriedigen zu können.

Biehmarki. Während der abgelaufenen Woche konnte sich das Geschäft an den einzelnen Märkten wiederum nicht beleben, die Umsätze beschränkten sich fast überall nur auf den notwendigen Bedarf für den Konsum. Prima Fettvieh war rasch ausverkauft, an einigen größeren Märkten auch mittlere Qualitäten etwas besser beachtet unb abgesetzt. Ter Kälberhandel gestaltete sich im all­gemeinen mittelmäßig, an einigen kleineren Plätzen blieb ziemlich Ueberstand. Fette Schweine gut abgesetzt, es bestand hierin fast überall rege Nachfrage, Läufer und Milchschweine ziemlich gut verkauft.

Tabak. Im Lause der Berichtswoche wurden in Seckenheim 2-300 Ztr. Tabak von Produzenten an Händler zu 28 Mk., circa 600 Ztr. Neckarthaler Tabak, Umlage mit Einlage zu anfang 40 Mk. von Händlern an Fabrikanten, weiter eine Partie (ca. 300 Ztr.) 1901er Gunditabake zu 30 Alk. von Spekulanten an Fabrikanten umgesetzt. Die meisten Fabrikanten sind im Einkauf noch sehr zurückhaltend. Beim Sortieren der Tabake, womit man zur Zeit allgemein beschäftigt ist, zeigt es sich, daß sehr wenig Umblatt vor­handen ist, aber auch sehr viel fauler Tabak findet sich vor. Natt'ir- lich haben die Händler den Verlust zu tragen, sie sind hieran je­doch selbst schuld, da sie alljährlich von der Gepflogenheit Tabake nur in abgehängtem Zustand zu faufen, trotz der vielseitigen Warnungen und den inanchmal sehr großen Verlusten immer wieder abweichen. In loser entrippter Einlage besteht vermehrte Nach-