Nr. 167
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Notattonsdruck u. Verlag bv Brü h l'sche Untvers. Buch»u.Stei. drucker^i (Pietsch Erben) heoafi' Expedttto.» um Drucrerei:
Schul st raße 7.
Adreffe für Depeschen: Auzetger Gießen.
Kernsprechanschluß Nr. bl.
Zweites Blatt.
153. Jahrgang
Samstag 19. Juli 1902
Gietzener Anzeiger
M General-Anzeiger ®
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen
vezngsprets, monatlich75Pf., viertel jährlich Mk. 3.20; durch Abhole- u. Zweigstellen monatlich 65 Pf.; durch diePostMk.2,—viertel« jährl. ausschl. Beslellg. Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer bis vormittags 10 Uhr. Zeilenpreis: lokal 12 Pf, auswärts 20 Psg.
Verantwortlich: für den pellt, u. allgem. Teil: P. Witt ko; für .Stadt und Land* und „Gerichtssaal": Eurt Plato; für den Anzeigenteil: Hans Beck.
Z>ie heutige Wummer umfaßt 16 Seiten.
Politische Tagesschau.
DaS Urteil im Sandeuprozeß.
Man schreibt uns:
Berlin, 18. Juli. Aus dem Urteil im Sanden-Pro- z e ß ist noch nachzutragen, daß den Angeklagten Heinrich Schmidt, Otto Sanden und Hänschke auch die Geldstrafen als durch die Untersuchung verbüßt erachtet wurden. Eduard Sanden wurde, nachdem er von seiner Familie Abschied ge= nommen halle, ins Gefängnis zurückgebracht. Tie übrigen Angeklagten wurden freigelassen. Der Vorsitzende erklärte bei der Urteils-Begründung, daß die Beweisaufnahme sich in einem für die Angeklagten günstigen Sinne geändert habe. Es sei nicht nachgewiesen, daß oie ungeheuren Verluste von über 100 Millionen nur durch die Schuld der Angeklagten entstanden seien.
Daß bei diesem großen Prozeß nicht viel herauskommen werde, in dem Sinne, daß es nicht gelingen werde, die durch verwegenste Machenschiasten ungeheuerlich verworrene Situation aufzuklüren, das stand seit längerem fest. Im Gegensatz zu dem unmöglich brs ins kleinste sachverständigen Gerichtshof verstanden die Angeklagten natürlich das, worauf es ankam, ausgezeichnet, die lange Tauer der Untersuchungshaft bot ihnen Gelegenheit, darüber sich vollends klar zu werden, wo bei ihren Handlungen die Grenze des gesetzlich Erlaubten war, und wo die strafbare That begann. Die Angeklagten sind denn auch im allgemeinen ihre „besten Verteidiger" gewesen. Selten war in ihren Ausführungen zu den einzelnen Punkten der Anklage ein Widerspruch zu entdecken. Beim Lesen der Prozeßberichte hatte man mitunter die Empfindung, als ob die Angeklagten und die Vertedigung die Beweisaufnahme übernommen hätten. Es war interessant, den gleichzeitigen Leipziger Bankprozeß zu verfolgen und .Vergleiche zu ziehen. Man wird dem Vorsitzenden des Berliner Prozesses nicht zu nahe treten, wenn man den Eindruck wiedergiebt, daß in Leipzig der Präsident mehr die Situation beherrschte, mehr als die „dirigierende" Persönlichkeit erschienen ist. Die m Leipzig von dem Vorsitzenden gestellten Fragen bewiesen nicht Nur eine ungewöhnliche Aktenkenntnis — diese besitzt selbstverständlich der Vorsitzende im Berliner Prozeß ebenfalls —, sondern auch ein tiefes;, fachmännisches Ändringen in überaus komplizierte kaufmännische und technische Angelegenheiten. Die in Leipzig im Verlaus der Beweisaufnahme von dem Vorsitzenden gestellten Fragen an die Angeklagten, an die Zeugen, die SachverMndigen trafen oftmals den Nagel aus den Kopf, waren mitunter so verblüffend geschickt in ihrer einfachen und klaren Logik, daß sie wie Scheinwerfer einen Teil des Aufklärungsfeldes in scharfe Beleuchtung setzten.
Tas Urteil dürfte in der Oeffentlichkeit vielfach als eine unzureichende Sühne betrachtet werden. Zwar ist der Hauptanstister und bas Haupt derüThäter, Eduard Sanden, zu sechs Jahren Gefängnis und zu 15000 Mk. Geldstrafe verurteilt worden; aber die anderewBeteiligten sind sämtlich aus freien Fuß gefetzt worden. Bestehen bleiben die nicht sehr erheblichen Geldstrafen — bei dem Angeklagten Hänschke ist auch diese als verbüßt bezeichnet —, indem die Strafen der Mitangeklagten Ed. Sandens auf die Untersuchungshaft angerechnet wurden. Auch Ed. Sanden ist ein Jahr nachf- gelassen worden. Keinem der Angeklagten sind die bürgerlichen Ehrenrechte aberkannt.
Tas ist das Resultat eines Prozesses nach Vorgängen, durch die, wie das Urteil sagt, „das öffentliche Vertrauen aus das tiefste erschüttert worden ist", „mühsam ersparte Gelder verloren sind." Hundert Millionen und mehr sind „verschwunden" — wo sie geblieben, wieweit die Angeklagten an diesem Jn-Rauch-Auflösen von Millionen beteiligt sind, die Verhandlungen haben das Tunkel nicht aufzuhellen vermocht. Gewinne sind „eingeheimst" worden, das steht fest. Wieviel davon auf diejenigen entfällt, die an dem „Raubzug" beteiligt waren, das konnte nicht sesh- -gestellt werden. „Allah weiß es,"
Deutsches Keich.
Berlin, 18. Juli. Nach einem Telegramm aus Molde ist Kaiser Wilhelm nach 17ftündiger guter Fahrt dort eingetrosfen. Die Temperatur entspricht mehr dem November als dem Juli. An Bord ist alles wohl. Heute nachmittag lief hier die Dacht der Hamburg-Amerila-Linie „Prinzessin Viktoria Luise" ein. Das Schiff hatte Flaggenschmuck und umfuhr unter den Klängen der Nationalhymne die „Hohenzollern". Der Kaiser gestattete die Besichtigung derselben durch die Fahrgäste der Dacht, wovon in ausgiebigster Weise Gebrauch gemacht wurde. Zur Abendtafel wurden die- hervorragendsten Passagiere sowie der Ches des Ausrüstungswesens und der Kapitän der „Prinzessin Viktoria Luise" mit Einladungen beehrt.
— Der Herzog Karl Eduard von Sachsen- Coburg und Gotha wird am 19. Juli 18 Jahre alt. Geboren als Sohn des verstorbenen Herzogs von Albany, jüngeren Bruders des Königs von England und der Prinzessin Helene zu Waldeck und Pyrmont, jüngeren Schwester der Königin der Niederlande, gelangte er zur Thronfolge infolge des Todes seines Oheims, des Herzogs Alfred von Sachsen-Coburg und Gotha, ehemaligen Herzogs von Edin- burg, zweiten Sohnes der Königin Viktoria. Der Herzog hat noch eine ältere Schwester, die jetzt 19jährige Prinzessin Alice. Negierungsoerweser ist für ihn der Erbprinz von Hohenlohe-Langenburg, der Sohn des kaiserlichen Statthalter iji Elsaß-Lothringen. Die englischen Gefellschafts- blütter melden, der Eintritt des jungen Herzogs in das Alter der fürstlichen Großjährigkeit werde in Coburg mit großer Feierlichkeit begangen werden. Der Kaiser habe sein persönliches Erscheinen zugesagt, ebenso der Prinz von Wales. Aucy der Groß Herzog von Hessen werde kommen.
— Prinzessin Beatrice von Coburg, die schon mehrfach verlobt gesagt wurde, soll sich jetzt mit dem Gr o ß- fürsten-Thronfolger Michael von Rußland verloben. Prinzessin Beatrice ist zu Costwell Park als jüngste Tochter des verstorbenen Herzogs von Sachsen-Coburg 1884 geboren, und durch ihre Mutter, Großfürstin Maria von Rußland, Tochter Kaiser Alexander II., eine Cousine des Großfürsten-Thronfolgers Michael Alexandrowitsch, des (alten Stils) zu Petersburg geborenen jüngsten Bruders des Zaren Mkolaus II.
— Nachdem der polnischeAde l i n P o s e n anläßlich der bevorstehenden Kaiserfeste seine bekannte Enthaltungs-Kundgebung erlassen bat, soll nun, einem Polenblatte zufolge, auch die polnische Aristokratie in Berlin b e sch. lossen haben, an keinerlei Hoffestlich leiten ^nehr teilzunehmen und ihre Winter- Residenz nach Posen zu verlegen. Hierbei würde besonders Fürst Anton Radziwill in Frage kommen. (Ein furchtbarer Schlag für die bedauernswerten Berliner, in ihren obersten Schichten polenrein zu wetden! D. Red. des „Gieß. Anz.")
— Zur Erhöhung der Betriebssicherheit sollen auf den preußisch-hessischen Staatsbahnen die Hauptbahnlinien nach und nach mit Fern- spuechanlagen versehen werden, die sowohl eine schnelle als auch bequeme Verständigung zwischen den Stationen und der Bahnwärterposten ermöglichen. Zwischen je zwei Stationen wird eine Leitung gelegt, in welche alle auf dem betreffenden Streckenabschnitt vorhandenen Bahnwärter- und Schrankenwärterposten eingeschaltet werden.
Posen, 18. Juli. Der Köni g von Italien traf auf seiner Rückreise von Petersburg heute abend mit Sonderzug hier ein und setzte die Fahrt ohne auszusteigen nach einer Viertelstunde fort. Ein Empfang fand nicht statt.
Ausland.
London, 18. Juli. Oberhaus. Earl vf Camper- down fragt an, welche e(f);ritte die Regierung zu unternehmen gedenke, um die Niederländische Eisenbahn-Gesellschaft für ihre Beteiligung am Kriege zu bestrafen. In seiner Antwort macht der Parlaments-Untersekretär im Kolonialamte Earl Onslow auf den Unterschied zwischen den Inhabern von Obligationen
und den Aktionären aufmerksam, indem er sagt, die Inhaber von Obligationen dürsten nicht für Handlungen verantwortlich gemacht werden, über die ihnen keine Prüfung zustehe. Mas aber die Aktionäre betreffe, so läge die Angelegen-- heit ganz in der Hand der Regierung, welche noch über* lege, was zu thun sei im Falle von Personen, welche im guten Glauben Geld in den Aktien der Gesellschaft angelegt haben. Der während des Krieges zugefügte Schaden würde nicht außer Rechnung gelassen werden bei irgend einem Arrangement, das mit den Aktionären getroffen werde.
— Nach amtlicher Mitteilung ist die Krönung des K önigs und der Königin auf den 9. August festgesetzt. — Wie verlautet, findet die Flotten sch au in Spithead am 16. August statt.
Lissabon, 18. Juli. Morgen schiffen sich 1200 Buren nach Südafrika ein. Auch Dr. Leyos ist in Lissabon eingetrosfen und beabsichtigt, sich nach Kapstadt einzuschissen.
Bern, 18. Juli. Der Bundesrat beschloß heute den Beitritt zu d er durch die Berliner Konferenz im Juni 1901 aufgestellten deutschen Rechtschreibung.
P r a g, 18. Juli. Die Meldung, daß der Statthalter dem deutschen Konsul in der Steckbrief-Angelegenheit einen Entschuldigungsbesuch abgestattet habe, wird als u n r i cy t i g bezeichnet.
Zur Aerienorduung
erfahren wir heute, oaß das Realgylnua,ium und die höhere Mädchenschule in Gießen in den letzten Tagen auch schon abgestimmt haben. Was die Direttionen zu solcher Eile veranlaßt hat, ist nicht bekannt geworden, und es giebt sich setzt die Ansicht kund, daß die Abstimmung nicht unter der wünschenswerten Aufklärung erfolgt ist. Unter diesen Umständen scheint aber, unserem Gewährsmanne zufolge, eine Beratung in einer öffentlichen Versammlung kaum mehr angebrücijt; sie käme post sestum. Ueßer die beiden vom Ministerium gestellten F-ragen ist schon entschieden: wie? wird die Zukunft lehren. Für Interessenten als der einzig richtige Weg ist also jetzt wohl der einer Petition anzusehen.
Wir erhalten heute ferner noch zwei Zuschriften. Herr Tr. Bartholomae, ord. Pros, an der Universität, schreibt:
1) Tie Bezeichnung „Universitäts-Vorschlag" für die im Februar d. I. an das Ministerium gerichtete Eingabe in Betreff der Ferienordnung an den höheren Schulen Gießens ist nur insofern zutreffend, als sie von mir verfaßt und in Umlauf gesetzt worden ist. Aber von den etwa 75 Unterzeichf- nern der Em gäbe gehört die Mehrzahl ni cht der Universität an. — 2) Nach der Darstellung der in Nr. 165 abgedruckten Zuschrift müßte man annehmen, daß über die Unzweckmäßigkeit des „Unioersitätsvorschlags" in den Kreisen der Schulmänner volle Uebereinstimmung besteht. Dem gegenüber sei betont, daß erfahrene und maßgebende hiesige Schulmänner von dem Vorschlag im voraus Kenntnis erhalten und daß sie ihn gebilligt haben. — 3) Der „Universi- tätsvorschlag" will im wesentlichen nichts neues; er bezweckt vielmehr nur die Wiederherstellung der Ordnung, die bis zum Jahre 1900 einschließlicb bestanden hat, ohne daß Ein-. Wendungen dagegen öffentlich erhoben worden wären. Der Vorschlag, die Dauer Der Herbstferien von fünf auf sechjs Wochen zu verlängern, ist auf den Rat eben jener Schlußmänner yin erfolgt, die dadurch der übergroßen Ausdehnung des Herbstterzials vorgebeugt wissen wollten.
Eine zweite, bedeutend längere Zuschrift müssen Mit wegen Raummangels für die nächste Nummer zurückstellen.
Lee ^erpzrger Bankprozetz.
XXIII.
Leipzig, 18. Juli.
Der Präsident, Landgerichtsdirektor Müller, stellt weitere Ergänzungssragen zu den Punkten eins und Drei der Anklage gegen Exil er und Gentzpt- wegen betrügerischen Danlerotts und Verschleierung, und gegen Mayer, Wölker und Schröder wegen Verschleierung, ob hier eine Einheit der Handlung öepeije. Alsdann fährt Staatsanwalt Weber in seinem Plaidoyer fort. Nachdem er gestern iv
Feuilleton.
— Das neue Stadttheater in Frankfurt a. M. wird nicht an dem ursprünglich in Aussicht genommenen Termin eröffnet werden können. Wegen der Schwierigkeiten in der Vollendung der umfangreichen inneren Einrichtung des neuen Musenheims, war es nütlg, anstatt Ende September ;eht Ende Oktober für die E rö fsnun g svo r st el tun g in Aussicht zu nehmen. Die Eröffnungsvorstellung wird durch einen von Ludwig Fulda eigens zu tiefem Zwecke verfaßten Einakter eingeleitet und ihm jedenfalls eine Vorstellung eines Goethe 'scheu Dramas folgen.
— Im Münchener Prinzregenten-T Heater finden vom 9. August bis 12. September 20 Aufführungen Richard Wagner'scher Werke und zwar Tannhäuser, Lohengrin, Tristan und Isolde und die Meistersinger von Nürnberg, in, der Reihenfolge, daß sich acht Cyclen ergeben, deren jeder die zur Aufführung be° stimmten 4 Werke umfaßt in jedesmal veränderter Reihenfolge.
Wiederholt erwähnten wir bereits an dieser Stelle die Bunte Theater- und Brettl-Zeitung „DaS moderne Brettl" (Ueberbrettl), die int Verlage „Harmonie' in üBerhn-W. 85 erscheint. Tie neueste reichhaltige 20 Psg.-Nummer (10 Seiten Lexikon-Oktav) bringt neben interessanten Aufsätzen, guten Portraits und eigenartigen Bildern eine Reihe zumeist feiner humoristischer Vorträge aus Berliner und Pariser Cabarets, vom Ueberbrettl und vom VariSts, darunter reizende Lieder-Texte, humorvolle Gedichte, lustige Skizzen, Humoresken rc. Recht hübsch ist vor allem Allem „Ter selige Lessing" von Erich Wunsch. Auch das graziöse Blimienmädel-Lied von Oskar Strauß liegt uns aus dem;eiben Verlage vor. Es ist ganz dazu geeignet, in frohen Kreisen Freunde zu finden.
— Gemäß Beschluß der 1900 in Paris gebildeten und unter dem Protektorat der französischen Minister des Handels, der auswärtigen Angelegenheiten, der Finanzen und der öffentlichen Arbeiten stehenden ständigen Kommission der internationalen Handelsund Jndustriekongresse findet vom 26. bis 30. August d. Js. in Ostende ein Internationaler Handels- und In- d u st r i e k o n g r e ß statt. Das deutsche Komitee für den Kongreß bestebt aus folgenden Herren: 1. Bierm er, Professor Dr., Gießen. 2. Brentano, Geh. Hoirat, Professor Tr., München. 3. Dietzel, Prof. Dr., Bonn. 4. Frentzel, Geh. Kommerzienrat, Präsident des deutschen Handelätags, Berlin. 5. Gothein, Bergrat, Mitglied des Reichstags, Breslau. 6. Kaempf, 1. Vi^epräfident des des deutschen Handelstags, Berlin. 7. Lexis, Geh. Regierungsrat, Professor Dr., Göttingen. 8. Lotz, Professor Dr.. München. 9. Michel, Geh. Kommerzienrat, Vorsitzender der Handelskammer, Mainz. 10. Osterrieth, Dr., Generalsekretär des Deutschen und des Internationalen Vereins zum Schutz des gewerblichen Eigentums, Berlin. 11. Roesicke, Kommerzienrat, Mitglied des Reichstags, Berlin. 12. Soetbeer, Dr., Generalsekretär des deutschen Handelstags, Berlin. 13. Stegemann, Regierungsrat Tr., Syndikus der Handelskammer, Braunschweig. 14. Wagner, Geh. Regierungsrat, Professor Tr., Berlin. 15. v. Wcidert, Komnierzienrat, Vorsitzender der Handels- und Gewerbekammer, München.
— Mit der Herausgabe eines Liefermigswerkes, wie es in dieser Art noch nicht dage'wcsen ist, hat der Verlag von E. A. Seemann (Leipzig) soeben begonnen. Es ist eine Sammlung, die den Titel „Hundert Meister der Gegenwart" führt, und, für einen sehr billigen Preis, farbige Facsimiles nach Gemälden moderner deutscher Künstler bringt. Das Werk erscheint in 20 Heften mit je 5 Bildern, und will in diesem Rahmen von den
wichtigsten und hervorragendsten Malern aus Berlin, München, Dresden, Wien, Stuttgart, Karlsruhe, Düsseldorf, Worpswede, je ein Werk in Reproduktion durch Dreifarbendruck bieten. Tas neue Unternehmen Seemanns zeigt nun in dem soeben erschienenen 1. Heft mit wünschenswerter Deutlichkeit, wie sehr die Malerei der Gegenwart bem Treifarbendruckversahreii cutgegenfommt. Diese An'angslieferungs stellt sich als das erste Münchener Heft der Sammlung bar und enthält Facsimiles nach Lend ach (Bismarck- kopf), F. Ä. v. Kaulbach (Weiblicher Studienkops), Grützner (Falstaff), Leibl (Zeitungsleser) und Hans von Bartels (Holländische Mädchen in den Dünen). Zu jedem Blatte hat Fritz v. Ostini einen ausgezeichneten kurzen Tert geschrieben, der den betreffenden Künstler mit eindringlicher Knappheit und sehr anmutig charakterisiert. Geradezu verblüffend ist das Leibl-Blatt; man glaubt ans dem Papier die stark aufgesetzten Striche und Tupfen zu sehen, die dem Original eigen sind. Tie all« prima- Malerei dieses Mannes im Strohhut, der im Baumschatten eines Gartens seine Zeitung liest, ist fabelhaft echt herausgekommen, und es ist nicht zu viel gesagt, ivenn man behauptet, daß der Eindruck der Reproduktion thatsachlich unmittelbar an das Werk des Meisters selbst erinnert, daß er dem Eindruck des letzteren so nahe kommt, wie man das vor Kurzem noch für unmöglid) gehalten hätte, und Lenbachs Bismarck gehört zu den besten seinesgleichen. Wie der Prospekt zeigt, bringen die folgenden Lieferungen alle Großmeister deutscher Malerei: Menzel, Knaus, Thoma, Böcklin, Uhde u. s. w. Der Preis einer Lieferung ist bei Abnahme des Werkes auf nur 2 Mk. bemessen, sodaß man also für 40 Mk. eine ganze Gemäldegalerie erhält. Die Slusftattung des Heftes in Folioformat ist elegant und der Würde des Gegenstandes angemessen.


