Ausgabe 
18.10.1902 Viertes Blatt
 
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Nr. 245

Samstag, 18. Oktober 1902

152. Jahrg.

Erscheint tSgllch mit DuSnahme de» Sonntag».

DieSiebener ZamilienblStter" werden dem Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der »hessische Landwirt" erscheint monatlich einmal.

Eichener Anzeiger

Verantwortlich für den allgemeinen Teil: P. Wittko; für den Anzeigenteil: H. Beck.

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Unioersitätsdruckerei (Pietsch Erben), Ließen.

General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Sietzen.

Parlamentarische Verhandlungen.

Nachdruck ohne Vereinbarung nicht gestattet,

Deutscher Reichstag.

196. Sitzung vom 17. Oktober.

12 Uhr. Das Haus ist g u t besetzt.

Am BundeSrachStisch: bei Beginn der Sitzung nur Kom­missare.

Aus der Tagesordnung steht die Fortsetzung der zweiten Be- rathung deS Zolltarif-Gesetzes. Die Berathung beginnt beim § 1, der die Mindestzölle für Getreide und Vieh enthält, und zwar bei den Positionen Roggen und Weizen.

Zum § 1 liegt ein Antrag v. Wangenheim (kons.) vor, der er­höhte Mindestzölle für Getreide und hohe Mindestzölle für sämmt- ! tche landwirthschaftlichen Produkte verlangt, sowie ein Antrag der Sozialdemokraten, der Zollfreiheit für sämmtliche Getreidearten fordert.

Abg. Antrick (Soz.): Herr Graf Posadowsky hat den Zolltarif mit einer schönen Bildsäule verglichen; wir möchten ihn viel eher eine Mißgeburt nennen, aus der nichts Brauchbares zu Stande kommt. (Heiterkeit.) Und wir glauben, daß wir diesen Entwurf auch in der richtigen Weise behandeln. Der Herr Reichskanzler glaubte uns warnen zu wollen, er sprach von dem Ansehen des Par­lamentarismus, das wir nicht untergraben sollten. Ich glaube, das Ansehen des Parlamentarismus ist Sache des Reichstages. Wenn der Reichskanzler Vorträge über Ansehen und Würde halten will, so thäte er bester, seine Belehrung an eine Stelle zu richten, durch deren Verhalten in letzter Zeit den Boerengeneralen gegenüber das Ansehen des Reiches zum Spott der ganzen gebildeten Welt ge­worden ist. (Am Bundesrathstisch, der bis jetzt leer war, erscheint Graf Posadowsky.) Wir werden uns durch die Ermahnungen deS Reichskanzlers nicht davon abhalten lasten, unsere Pflicht als Abge­ordnete dem Volk gegenüber zu thun, das uns hierher geschickt hat, damit wir seine Jnteresten wahrnehmen. Mit dieser Pflicht nehmen wir eS ernst, während die Herren auf der rechten Seite des Hauses sich nur als Vertreter der besitzenden Klassen fühlen. Wir werden in ruhiger sachlicher Weise für eine gründliche Durchberathung deS Entwurfs sorgen, wir werden unsere Bedenken geltend machen und die Anträge stellen, die wir für das Volk der Gesammtheit, vor Allem der schwer mLeitenden Klasten, für nothwendig halten.

Die Beweisführung, die der Herr Reichskanzler gestern ver­suchte, war für unS nichts weniger als überzeugend. Vor Allem scheint uns der Hinweis auf das Ausland sehr verfehlt. Der Ge- treidczoll in Frankreich hat trotz seiner Höhe von 5,60 Mk. keines­wegs die preissteigernde Wirkung, die unser Tarifzoll haben würde, und zwar einfach aus dem Grunde, weil Frankreich seinen Haupt­bedarf an Getreide auS seinen eigenen Kolonien deckt, die zollfrei importircn. Der hohe Zoll besteht also dort in Wahrheit nur zum Scheine. Noch unangebrachter war der Hinweis auf England. Der neu eingeführte Weizen- und Mehlzoll beträgt nur 50 Pfennige, kann also als Schutzzoll überhaupt nicht zählen. In der That han­delt eS sich da nur um einen reinen Finanzzoll, der durch die .Kosten deS südafrikanischen Krieges nothwenoig geworden ist.

Was soll mit dem Wcchsclbalg dieser Vorlage geschehen? So recht weiß keine Partei Bescheid. Die National-Liberalen haben auf ihrem Parteitag erklärt, sie beharrten auf dem ursprünglichen Entwurf und würden keineswegs über die Satze destelben hinaus- ?ehen. Was wollen solche Erklärungen aber bei einer Partei be- agen, die mit Recht den Namen Partei Drehscheibe führt? Auch die Haltung des Centrums ist nichts weniger als fest. Nun, es wird schließlich schon über den Stock springen. Der ganze Streit zwischen den Mehrheitsparteien ist nur Manöver. Man will durch Betonung der Kommissionsbeschlüsse die Aufmerksamkeit von der Regierungsvorlage ablenken, um sich dann schließlich auf diese zu einigen. Wir aber lassen uns nicht tauschen, wir sind keine Gimpel, wir gehen nicht auf den Leim. Wir behalten fest im Auge, daß die Regierungsvorlage der eigentliche Feind ist, den wir mit allen .Kräften bekämpfen müsten. (Während der Rede wird der Saal immer leerer. Die wenigen übrig bleibenden Abge­ordneten sitzen paarweise in leiser Unterhaltung oder lesen Zeitun­gen, schreiben, gähnen, sehen nach der Uhr u. s. w. Am Bundes­rathstische erscheinen auch die Minister Frhr. v. Rheinbaben und Möller.) Redner ergeht sich hieraus in längeren historischen Dar­legungen. Besonders eingehend behandelt er die Geschichte der französischen Handelspolitik; er sucht nachzuweisen, daß Frankreich durch sein Schutzzollshstem und die daraus entstandenen Handels­kriege sich sell>st geschädigt und seine Industrie der Englands und Deutschlands gegenüber konkurrenzunfähig gemacht habe. (Minister von Podbielski erscheint am Bundesrathstische, so daß nunmehr 4 Minister anwesend sind, die übrigens dem Redner keinerlei Be­achtung schenken, sondern mit einander sprechen. Im Saal sind, einschließlich der Sozialdemokraten, noch 30 Abgeordnete anwesend. Die Bänke der gesammten Rechten und des Centrums sind völlig leer. Reichsschatzsekretär Frhr. v. Thielmann erscheint, um bald wieder zu verschwinden.) Redner führt inzwischen aus, daß die Zölle für den Kleinbauern nicht nur keinen Vortheil, sondern Schaden bringen. (Abg. Bebel: Sebr richtig!)

Nicht der Landwirthschaft soll geholfen werden, sondern dem Großgrundbesitz sollen ungezählte Millionen in den Schooß ge­worfen werden, um kapitalisirt zu werden. Bei dermittleren Linie" des Reichskanzlers ergiebt die Steigerung der Grundrente kapitalisirt 16 Milliarden. Aber die Agrarier sind damit nicht zu­frieden: sie drohen und hängen ihre monarchische Gesinnung an den Nagel. Geld ist ihnen ja die Hauptsache; erst dann kommt bei ihnen die Vaterlandsliebe. Die Agrarier sagen, die Kornzölle vertheuerten daS Brod nicht, das thäten vielmehr die Bäcker. Das ist aber nicht wahr, denn die Brodpreise richten sich nach den Ge­treidepreisen. Dazu kommt, daß noch ein besonderer Vampyr die Bäckermeister aussaugt, daS sind die Hausagrarier, die, sobald daS Geschäft irgend geht, die Ladenmicthen tn unerhörter Weise hinaufschrauben. Die Agrarier nennen bte Brodvertheuerungs- politik nationale Heimathspolitik, ich nenne sie eine Raub- und AusbcutimgSpolitik. Wie sich die mit ihrem Gewissen und mit ihrem Christenthurn verträgt, ist mir rätselhaft _

(Auf der Abgeordnetentribüne erscheinen tn diesem Augenblicke die Boerengenerale Botha, Dewet und Delorey. Das Publikum auf den Tribünen erhebt sich, ebenso die meisten Mitglieder des Hauses, die während der Rede des Abgeordneten Antrick den Saal verlassen hatten, aber nun plötzlich wieder erschienen sind. Im ganzen Hause herrscht große Bewegung. Nach etwa zehn Minuten verlasten die Generale wieder die Tribüne und mit ihnen die meisten Abgeordneten den Saal.) .

Redner sucht hierauf zahlenmäßig nachzuweisen, tn welcher Höhe das Budget einer Arbeiterfamilie durch die Getreidezölle belastet werde. Auch die Beamten müßten dann Theuerungs- zulagen erhalten. Vor Jahren ist das auch schon einmal geschehen. Damals fingen die Tbeuerungszulagen beim deutschen Kaiser an, der eine Erhöhung seiner Civilliste erhielt. Dieser Wuchertarif tn seiner ganzen Scheußlichkeit wird den Arbeitern einen Ver- zweiflungSkampf aufnothigen. Die Empfänger des Blutgeldes er­

halten um so mehr, je reicher sie sind; je größer bet Grunbbesitzer, desto größer ber Sündenlohn. Wenn irgend etwas geeignet ist, die Trunksucht, die Prostitution und die Zahl der Verbrechen zu ver­mehren, bann ist es bieser Wuchertarif. (Sehr richtig! links.) Es ist boch em Heller Wahnsinn, baß man zu derselben Zeit, wo man Kongreste zur Bekämpfung der Tuberkulose einberuft, die schlechte Lebenshaltung der Bevölkerung, die Hauptursache der Tuberkulose, durch diesen Tarif fördert. (Lebhafte Zustimung links.) Die Agrarier sprechen immer von ihrer Liebe zum Volke. 216er wie sieht es damit aus? Ich habe hier das Schreiben eines stellvertretenden Landraths, der einer Familie von fünf Köpfen die Armenunter­stützung verweigert hat unter der Begründung, sie könne mit 8 Mark wöchentlich auskommen. (Hört! hört!) Und wissen Sie, wer dieser Herr ist? Es ist der Reichstagsabgeordnete Freiherr von Nichthofen. (Hört! hört!) Die Agrarier wollen keine Handels­verträge. Sie sagen, die Industrie soll sich auf den heimischen Markt stützen. Aber wer soll denn ihr Abnehmer sein? Die Großgrundbesitzer etwa? Ja, wenn die Industrie Sekt, Pferde und schöne Frauen produzirte! (Lärm rechts.) Für die wirklichen Jnteresten der Landwirthschaft werden wir stets eintreten, aber die Opfer dafür darf nicht die Arbeiterklasse tragen. Warum wollen Sie denn nichts von einer progressiven Einkommensteuer wissen? Ströme von krystallisirtem Arbeiterschweiß werden nach Annahme des Tarifs in die Taschen des preußischen Junkerthums fließen, destelben Junkerthums, das seine Macht auf das elendeste aller Wahlsysteme stützt und für Ausnahmegesetze gegen Gesinde und Landarbeiter schwärmt. Wir sind es uns und der Bevölkerung schuldig, eine Erhöhung der Lebensmittelpreise zu verhindern. Wir werden daher sowohl gegen die Regierungsvorlage wie gegen die Kommissionsbeschlüsse stimmen. Sollte der Reichstag aufgelöst werden, so hofte ich, daß dadurch eine Volksbewegung entfacht wird, die nicht blos den Zolltarif, sondern auch seine Freunde und An­hänger, vor Allem das ganze preußische Junkerthum, in den Orkus schleudert. (Lebhafter Beifall bei den Sozialdemokraten, Unruhe rechts. Die Rede hat 3% Stunden gedauert.)

Abg. Paasche (nat.-lib.): Diejenigen, denen es ernst mit der Verabschiedung dieses Gesetzentwurfes ist, können es nicht billigen, daß hier so lange Reden gehalten werden. Gestern mußten wir eine mehrstündige Rede ge§ Abg. Gothein anhören und heute hat Herr Antrick beinahe vier Stunden geredet. (Unruhe bei den Soz. Zurufe seitens der Soz.: Wir können noch länger reden!) Ge­wiß, Herr Stadthagen, Ihnen traue ich e5 zu, daß Sie noch länger reden. (Heiterkeit; Rufe von den Soz.: Das ist unsere Sache! Fortwährende Zwischenrufe der Sozialdemokraten. Präsident Graf Ballestrem: Ich bitte um Ruhe. Jeder kann hier seine Meinung äußern.)

Abg. Paasche (fortfahrendj: Ich habe nur die Thatsache kon- ftatirt, daß mein Vorredner die quantitativ größte Leistung aufzu­weisen hat, die jemals von dieser Tribüne aus erfolgt ist. Durch solche Reden wird das Ansehen des Parlaments herabgedrückt. (Großer Lärm links.) Herrn Gothein hätte ich etwas mehr politi­schen Takt zugetraut. (Erneuter Lärm links; die Sozialdemo­kraten stehen tn dichtem Haufen unmittelbar vor ber Rednertribüne und unterbrechen den Redner durch fortgesetzte Zwischenrufe. Glocke des Präsidenten.)

Präsident Graf Ballestrem: Sie haben ruhig sprechen können. Lasten Sie den Redner auch ausreden! (Rufe: Er be­leidigt uns!) Ich habe keine Beleidigungen gehört.

Abg. Paasche (fortfahrend): Der Vorredner hat die Junker in einer Weise angegriffen daß, wenn das Haus darauf so reagirt hätte, wie Sie auf meine Bemerkungen, keinen Augenblick Ruhe geherrscht haben würde. Ich wiederhole: ich hätte eigentlich Herrn Gothein etwas mehr politischen Takt zugetraut, als in einer so hoch­gespannten politischen Situation, wie sie gestern nach der Rede des Reichskanzlers hier herrschte, hier nochmals von Anfang an be­weisen zu wollen, daß nicyt überall eine landwirthschaftliche Noth- lage herrscht. Die Wiederholung von Dingen, die vielleicht vor einem Jahre am Platze waren, bedeutet keine gründliche Berathung, sondern ziemlich unnütze Zeitvergeudung. (Erneuter Lärm links.) Nachdem die Kommission 110 Sitzungen abgehalten und alle Fragen eingehend erörtert hat, beginnt Herr Gothein hier nochmals mit denselben Beweisen. Der Reichskanzler hatte ganz Recht, wenn er sagte, daß man die Noth ber Landwirthschaft nicht bestreiten könne. Doch ich will darauf nicht eingehen, denn selbst wenn ich mit Engelszungen redete, ich würde Sie (nach links) nicht be­kehren. Sie wollen uns nicht bekehren und wollen auch nicht bekehrt sein. Wozu also vierstündige Reden? (Ruf bei den Sozial­demokraten: Das ist doch unsere Sache!) Doch nur, um Reden zum Fenster hinaus zu halten! (Rufe bei den Sozialdemokraten: Ja­wohl!) Nun, das Urtheil darüber überlaste ich Anderen. Auf die Brodwucherfage gehe ich nicht ein, ich könnte Sie (zu den Sozial­demokraten) ja mit Ihren eigenen Parteigenossen schlagen. Herr Schippe! ist anwesend, sein vorterffliches Buch über die Handels­politik könnte man in einer Volksversammlung kapitelweise vor­lesen. (Ruf bei den Sozialdemokraten: Na, bitte 1) Gerade daS Gegentheil von dem steht darin, was Sie hier ausfuhren. (Wider­spruch bei den Sozialdemokraten, die sich dicht vor den Redner hin­stellen. Fortwährende Zwischenrufe.)

Präsident Graf Ballestrem: Sie unterbrechen den Redner fort­während aus unmittelbarer Nähe. Ich muß Sie bitten, auf Ihre Plätze zu gehen. (Die Sozialdemokraten nehmen ihre Plätze ein.)

Abg. Paasche (fortfährend): Meine politischen Freunde haben von Anfang an den Standpunkt vertreten, daß es im Jntereste der gesunden Entwickelung unseres volkswirthschaftlichen Lebens noth- wendig ist, unsere handelspolitischen Beziehungen in den bisherigen Bahnen zu erhalten und langfristige Handelsverträge zu schaffen, die dafür sorgen, daß der inländische Markt gegen die ausländische Konkurrenz gesichert ist. Wir haben stets den Standpunkt vertreten, daß nicht nur der Industrie, sondern auch der Landwirthschaft der Schutz der nationalen Arbeit gewährt werden muß und daß die Landwirthschaft höherer Zollsätze bedarf. Es ist aber nicht richtig, daß seiner Zeit die Industrie die Landwirthschaft beim Abschluß der Handelsverträge im Stich gekästen hat. Der Centralverband deutscher Industrieller hat ausdrücklich erklärt, daß er keine Handelsverträge wolle, welche nur auf Kosten der Landwirthschaft erreicht werden können. An diesem Standpunkt halten wir auch jetzt fest. Gegenwärtig sind wir mehr als je dazu verpflichtet. Nach der gestrigen Erklärung des Herrn Reichskanzlers, die noch einmal mit allem Nachdruck fest- gestellt hat, was für Die Regierung überhaupt noch möglich ist, bleibt für uns die Frage, wie weit wir uns bewegen können, ein für alle Mal fest umgrenzt. Wer es gut meint mit der Landwirthschaft, muß dafür sorgen, daß der Schutz ihr zu Theil wird, der innerhalb dieser Grenzen überhaupt erreicht werden kann. ES ist unmöglich, über dieselben hinauszugehen und anzunehmen, daß die Regierung noch weiter nachgeben wird. So wenig wir es uns gefallen lasten werden, daß man uns zumuthet, nach unseren festen Erklärungen noch umzufallen (Lachen bei den Soz.), so wenig kann man es den Regierungen zumuthen, daß sie nach ihrer gestrigen Erklärung noch nachgeben. (Lachen links.) Freilich, man sagt wohl:Was wollen solche Erklärungen bedeuten? Minister kommen und Minister

gehen. Was dem einen unannehmbar erscheint, hält der andere für acceptabel." Allerdings. Hier aber handelt e5 sich nicht um die Anschauung eines einzelnen Negierungsvertreters, sondern um die einmüthige Erklärung aller verbündeten Regierungen. Und diese bleibt bestehen, auch wenn die einzelnen Minister wechseln. Wenn die Verbündeten Regierungen nach reiflicher Erwägung, nach gründ­licher Prüfung aller einschlägigen Verhältnisse zur Entscheidung ge­kommen sind, daß im Hinblick auf die abzuschlietzenden Handelsver­träge über die im Tarif zugestandenen Mnuinalzölle für Getreide nicht hinausgegangen werden könne, so ist es ein Faktum, das und als unverrückbare Grundlage für unsere Berathuugen dienen muß. Sollte der Entwurf scheitern, würde das von der allerbedenklichsten politischen Tragweite sein. Das Ansehen und die Bedeutung des Parlaments würde schwer leiden, wenn die Vertretung des deutschen Volkes sich unfähig erweist, die wichtigste Grundlage für unsere ge- sammte Wirthschaftspolitik im Verein mit den Regierungen festzu­stellen. Es würden dem Reichstag daraus die bedenklichsten inner­politischen Konsequenzen erwachsen. Aber auch abgesehen davon halte ich dafür, daß eine Arbeit, die mit soviel Sorgfalt begonnen, mit soviel Fleiß vorbereitet ist, nicht verloren sein soll.

Nicht nur die Landwirthschaft hat ein Jntereste daran, das zu nehmen, was ihr zugebilligt wird. Auch Industrie und Handel haben das nämliche Jntereste, wie wir aus den vielen Petitionen aus diesen Kreisen sehen. Unser ganzes Erwerbsleben leidet schwer unter der gegenwärtigen Unsicherheit. Uns Allen wäre gedient, wenn überhaupt einmal Klarheit darüber geschaffen würde, wie es in Zukunft sein wird. Was die Landlvirthschaft betrifft, so thäten diejenigen, die ihr Interesse in Wahrheit vertreten, gut daran, das zu nehmen, was die Regierungen ihnen geben. Wenn diese Vorlage abgefeimt wird, bann wird keine Regierung wohl noch im Stande sein, eine neue Zollvorlage zu machen: nach diesem Fiasko ist eine positive Arbeit für sie ja unmöglich. Tann tritt als Konsequenz das ein, daß man an der alten gesetzlichen Grund­lage festhalten muß. Im bisherigen autonomen Tarif haben wir landwirthschaftliche Zölle, die niedriger sind, als die der Vorlage. Also selbst wenn die Regierung den autonomen Tarif wiederher­stellt, so hat die Landwirthschaft niedrigere Zölle, als ihr jetzt ge­währt werden sollen. Und das ist doch schon der Marimalfall; wahrscheinlich treten dann noch durch die Verträge weit nichtigere Zölle in Kraft.

Ich wiederhole daher meine Bitte vor Allem an die Vertreter der Landwirthschaft: Vereiteln Sie durch Ihre Haltung nicht, daß Sie daS erreichen, was zu erreichen überhaupt möglich ist. (Bei­fall bei den National-Liberalen.)

Abg. Graf Kanitr flons.): Mit vollem Recht hat der Reichs­kanzler erklärt, daß eine Obstruktion nur zur Untergrabung deS Parlamentarismus selbst führen könne Aehnliches hat meines Wissens auch der Abgeordnete Richter schon gesagt. Er hat betont, daß die Minorität sich stets der Majorirät fügen müsse.

Die Vorlage, um die es sich hier handelt, ist die wichtigste, die dem Ncichstage überhaupt vorgelegt ist. Im Namen meiner Freunde kann ich nur mein Bedauern über die gestrige Rede des Reichs­kanzlers aussprechen. Wie lange soll das Land denn auf eine wirkliche Reform der Zollgesetzgebung warten? Im Jahre 1887 erklärte die Regierung noch ausdrücklich, bei den damaligen Preisen könne die Landwirthschaft unmöglich bestehen; heute aber sind die Preise noch niedriger als damals. Namentlich seitdem die über­seeischen Frachten so verbilligt sind, ist heute eine Zollerhöhung noch nöthiger als damals. Inwieweit der Morgcm-Trust hier die Hand im Spiele hat, weiß ich nicht; und wenn der Mittelland­kanal gebaut wird, dann wird sich die Einfuhr von ausländischem Getreide noch erheblich steigern. Das ist die Gefahr im Westen, und wie sieht es im Osten aus? Die russische Re­gierung setzt fortdauernd ihre Frachten für Getreide herab. Die Preise sind gesunken, aber der Landwirthschaft sind fortwäh- renb neue Lasten aufgebürdet worden. Denken Sie nur an die Miquelsche Steuerreform. Ein französischer Senator schreibt mit Recht, daß die Herren am Regierungstische sich die Augen viel zu sehr von der feurigen Lohe der Hochöfen blenden lassen und nicht mehr sehen, daß auf dem vom Pfluge durchfurchten Boden das Mark des Staates wächst. Das sollten auch unsere Staatsmänner sich merken. Von einer Brotvertheuerung rann man gegenüber unseren Anforderungen nicht reden. Nach einer Berechnung der westfälischen Landwirthschaftskammer würde die Mehrausgabe bei einer Erhöhung des Zolls von 5 auf 8 Mk. sich für eine fünf- köpfige Familie auf noch nicht 20 Mk. stellen. (Abg. Bebel ruft: Das ist auch gerade genug.) Diese geringe Mehrausgabe wird aber um ein Vielfaches wett gemacht durch die Steigerung der Löhne, die nach jeder Zollerhöhung eintritt. Ter Arbeiter hat also nur Schaden von niedrigen Getreidepreisen. Denken Sie doch an das Jahr 1878, wo viele Zölle aufgehoben wurden! Was hatte der Arbeiter davon? Hunderttaufende waren damals brotlos. Nicht die Zölle vertheuern das Brot, sondern die unverhältnißmäßig hohen Geschäftsunkosten der Bäcker, die hohen Ladenmiethen u. s. w. uni) auch der in manchen Städten noch bestehende Octroi.

Nun sagt man, ein Hinausgehen über die Sätze der Re­gierungsvorlage mache Handelsverträge unmöglich. In der Haupt­sache hat nur Rußland ein Jntereste an einem Handelsverträge mit uns. Es wird aber auch von russischen Nationalötonomen anerkannt, daß die Rusten hohe Zölle nicht zu fürchten brauchten, wenn sie nur ebenso begünstigt würden, wie die Amerikaner. Der Abschluß von Handelsverträgen, meine ich, wird um so schwieriger sein, je mehr wir die Nothwendigkeit betonen, daß Handelsverträge abgeschlossen werden müssen. (Sehr richtig! rechts.) Wir können Rußland sehr viele Vortheile bieten, ohne unsere Industrie zu schädigen. Ich erinnere nur an das Petroleum. Es wäre für Rußland ein ungeheurer Vortheil, wenn wir dem russischen Pe­troleum den deutschen Markt eröffneten.

Bezüglich des A n t r a g s Wangenheim habe ich NamenS meiner Freunde zu erklären, daß die große Mehrzahl der­selben denjenigen Zollerhöhungen, die sich auf das B r o d- getreibe: Weizen und Roggen, beziehen, z u ft i m m t; ferner habe ich zu erklären, daß unsere Fraktion mit einer ange­messenen Herabsetzung der Jndustriezölle vorzugehen beabsichtigt, für den Fall, daß die Jnteresten der Landwinhschaft in dem vorliegenden Tarif nicht ausgiebig gewahrt werden sollten. (Lebhafter Beifall bei den Sozialdemokraten.)

Unsere Stellung gegenüber der Industrie leidet wesentlich unter einem Beschluß, den der Centralverband deutscher Industrieller im vorigen Monat gefaßt hat und worin einfach gesagt wird, daß alle irgendwie weiter gehenden agrarischen Forderungen ohne Wei­teres von der Hand zu weisen seien. Wir sehen nicht ein, wie das freundschaftliche Verhaltniß, das zwischen unserer Industrie und Landwirthschaft besteht, und welches beide Theile aufrecht zu er­halten bestrebt sein sollten, auf die Tauer bestehen soll, wenn unS einfach erklärt wird, daß der Industrie die Forderungen der Land- wirtbschaft unannehmbar seien. Das bedauere ich außerordentlich. k 'S UnL-n .&r Kommission gesagt worden, daß die Erhöhungen .e.r 3roufn:«3olte in dem Tarif in der Hauptsache dazu bestimmt seien, handelspolitisch verwcrthet zu werden. Es würde aber für unfere Arbeit eine ganz außerodentliche Erleichterung sein, wenn