Nr. 166
Zweites Blatt.
152. Jahrgang
Freitag 18. Juli 1903
Erscheint täglich außer Sonntags.
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Die Heutige Dummer umsaßt 8 Seiten.
Politische Tagesschau.
Herrn von Podbielski's Festrede.
Auch im agrarischen Lager wird der gestern von uns widergegebene Bericht des „B. T." über Herrn von Pod- bielski's eindringliche Festessen-Rede in Stolp auf seine Echtheit natürlich angezweifelt, sowohl von der ihn in knappester Kürze abdruckenden „Deutsch. Tagesztg." wie von der „Kreuzzeitung"; beide können „kaum annehmen", daß der Minister eine derartige Rede gehalten habe. Aber beide scheinen doch im Grunde die Möglichkeit zuzugeben, daß es der Fall sei. Wenigstens die „Kreuzztg." bemerkt im Zwischensatz, daß der Minister es ja ab und zu liebe, seinen Gedanken und Ansichten in, wie man zu sagen pflegt, „sprudelnder" Weise zum Ausdruck zu bringen. Weiter spricht dafür, daß die „Kreuzztg." die Möglichkeit der Rede nicht ganz von der Hand weist, eine längere Polemik gegen den Inhalt der Rede, insbesondere gegen den Satz von der Unnachgiebigkeit der Regierung in Sachen des Zolltarifs. Die „Deutsche Tagesztg. dagegen begnügt sich mit ihrem kurzen Zweifelsatze. Herr v. Podbielski hat den Bericht noch nicht dementiert; in der heutigen „Nordd. Allg. Ztg." findet sich nichts darüber. (In unserem gestrigen Artikel sollte es übrigens nicht heißen:. „Herr v. Podbielski hat leider mit seltener Aufrichtigkeit" :c., sondern „hat hier mit seltener Aufrichtigkeit" re.)
Parlameutsmüde.
Der Vorsitzende des Bundes der Landwirte, 2Lbg. Frhr. b. Wangenheim, hat auf eine Anfrage bestätigt, daß er sich nach Ablauf seines Vertrages vollständig vonderpolitischenThätigkeitzurückzuziehen beabsichtige.
So wird uns heute aus Berlin gemeldet. Merkwürdig, wie sich die Zahl der Parlamentsmüden mehrt. Es vergeht kaum eine Woche, ohne daß dies Register neuen Zuwachs erhält. Ist es der „Ton" in den Parlamenten, der mißfällt ? Sind es die immer mehr in die Länge sich ziehenden Sitzungen? Ist es die Zeit- und Berufsver- säumnis? Der Diätenmangel? Run, das hauptsächliche Motiv ist wohl die Enttäuschung, die in den meisten Fällen die Parlamentsmüdigkeit hervorruft. Der Erwählte des Volkes hat es sich so ganz anders vorgestellt, was er im hohen Rat ausrichten könne, durch, sein Auftreten, seine politischen und wirtschaftlichen Kenntnisse, seine soziale Stellung und, nicht zuletzt, durch der Rede „Zauberton". Das ist erklärlich: Wenn ein Wahlkandidat in so und so viel Versammlungen den „Leuten" klar gemacht hat, daß es „anders" werden müsse, mit bescheidener Anspielung, daß der rechte Mann dafür augenblicklich sich präsentiere, — dann bildet sich schließlich eine unumstößliche Ueberzeu- gung heraus, daß es sich wirklich so verhält. 'Wie Wenige sind es aber im Grunde, die im Parlament wirkliche Bedeutung besitzen, eine entscheidende Rolle spielen durch Handlung und Rede; wie Wenige, die von den Regierungsmitgliedern, wir wollen nicht sagen: umworben, jedenfalls stets ins Auge gefaßt werden, wenn die parlamentarischen Chancen einer neuen Vorlage zu erwägen sind! Eine „Handvoll" sozusagen. Da ist denn für ehrgeizige Politiker — und welcher Politiker hat nicht das Ziel oder den Traum, seinen Namen auf die eherne Tafel des Ruhms zu schreiben! — eine verstimmende, bedrückende Empfindung, nur zu den Berufenen, nicht zu den Auserwählten zu gehören. Je ereignisreicher die Politik sich gestaltet, je größere und wichtigere Aufgaben dem Parlament zufallen, umsomehr wächst dies Unbehagen, nicht mit an der Spitze zu sein. Es giebt Naturen, die sich absolut nicht in die zweite Rolle finden können.
Ob dies auch vom Abg. Frhrn. v. Wangenheim gilt, wissen wir nicht. Aber es wäre nicht zu ücrtounbcrn, wenn der Vorsitzende des „Bundes der Landwirte" das Parlament satt hat, weil er sich unbefriedigt fühlt von der Position, die er dort einnimmt. „Tonangebend" ist der Nachfolger des Herrn v. Ploetz keineswegs auf der Rechten; das hat sich mit markanter Deutlichkeit gezeigt beim Zoll-Kompro- mißantrag, der hinter den Forderungen des „Bundes der „Bundes der Landwirte" beträchtlich zurückblieb. Die „Kreuzzeitungs-Konservatioen" fühlen sich geniert durch die „Kontrolle", welche gewissermaßen die Vertreter des „Bunds der Landwirte" über die agrarischen Gesinnungen ausüben. Die Herren erkennen den „Bund" durchaus nicht als Autorität an, und so werden denn oft von der Mehrheit der konservativen Fraktion Beschlüsse gefaßt, die der „Bund der Landwirte" kurz zuvor als „schwächlich", als „halbe Arbeit" in der Presse und in Versammlungen bekämpft hat. Frhr. v. Wangenheim kommt nicht au, gegen Führer wie die Grafen Kunitz und Limburg. Und das wird sein Schmerz sein. Daß der Verlust für den „B. d. L." erheblich ist, verzichtet Frhr. v. Wangenheim auf die Wiederwahl, das läßt sich kaum behaupten. Taktische Geschicklichkeit hat mau an Herrn v. Wangenheim nicht bemerkt, und als Redner wirkt er durch die Nüchternheit und Nonchalance des Vortrags wie eine Flasche Selters.
Sturmlauf gegen die Gerichtsferien.
Daß in diesem Jahre von den verschiedensten Seiten aus, von Handelskammern, von industriellen Vereinigungen, voll der Presse^ von angesehenen Privatpersonen und von Richtern selber ein förmlicher Sturmlauf gegen die Gerichtsf erien unternommen wird, beweist doch wohl.
daß die Abänderung dieser veralteten und mit großen Nachteilen für den Rechtsuchenden verbundenen Einrichtung eine absolute Notwendigkeit ist. Es kann kein Zweifel sein, daß diese Reform auszuführen ist Was in jeoer anderen Verwaltung thunlich ist, was in dem größten Privatbetrieb durchgeführt werden kann durch das einfache Mittel der Ser? tretung, der Ablösung auf Grund zweckmäßiger Einteilung — warum sollte es in der Rechtspflege unthunlich sein? Die Strafrechtspflege kennt ja auch keine Unterbrechung. Es muß eben die Zahl der Richter gesteigert werden. Gegen diese Mehrbelastung des Justizetats wird man sicherlich in keinem Landtage Einspruch erheben. Zur Abänderung der Gerichtsferien ist, worauf die „Nottonalztg." aufmerksam macht, ein Rcichsgesetz erforderlich. Also möge das Reichsjustizamt baldigst in Aktion treten!
Der südafrikanische Krieg im englischen Parlament.
Im Untcrhause hielt am Donnerstag der Kriegsminister Brodrick eine bemerkenswerte Rede, in der er den Stab über den Helden Buller brach. Er sagte u. A.: Nach der Schlacht bei Colenso wurde General Buller nur aus dem Grunde nicht abberufen, weil kein anderer Offizier verfügbar war, der ihn hätte ersetzen können. Bullers Rede war ein schwerer Verstoß gegen die militärischen Regeln und zeigte einen solchen Mangel an Urteil, daß man seine Fähigkeit für den Posten bezweifeln mußte. Es wurde ja eine Kommission gebildet zur Anstellung einer Untersuchung über den Kri eg. Diese Kommission könne auch den Fall Buller prüfen. Er hoffe aber, daß die Verhandlungen, soweit sie das Verhalten der Generale betreffen, geheim gehalten würden. Er habe den Offizieren angezeigt, daß auf jeden Versuch, über die Sache öffentlich zu diskutieren, die Strafe der Entlassung folgen würde. Wenn man etwas anderes gestatten würde, werde die englische Armee der Welt zum Gespött werden. Er sei 15 Jahre mit Buller befreundet gewesen. Die Pflicht, die er zu erfüllen habe, sei für ihn sehr hart gewesen. Bullers Mißerfolg sei für ihn persönlich nicht minder schmerzlich, als für den Staat ein Unglück. Aber persönliche Gefühle könnten ihn nicht veranlassen, einen Offizier im Kommando zu belassen, sobald dessen Verbleiben auf seinem Posten für das Land nicht weiter von Vorteil fei. Campbell Bannermann legte nach dem Kriegsminister dar, man hege im Lande das Gefühl, daß Buller nicht recht behandelt worden sei. Brodrick habe jetzt selbst zugegeben, daß während Buller gepriesen und mit Danksagungen b.'dacht wurde, man nur auf eine Gelegenheit wartete, um sich feiner zu entledigen.
Die Zolltarifkommisfion beriet am Donnerstag den Abschnitt Waren aus anderen Schnitzstoffen aus Holz und Kork bei Pos. 643 weiter. Diese wurde zusammen mit Pos. 643 nach der Vorlage angenommen, desgleichen Pos. 644. Die Positionen 645 und 646 waren bereits früher genehmigt. Sodann wurden die Pos. 647 und 649 genehmigt, letztere mit einer redaktionellen Aenderung. Pos. 650 wurde zurückgestellt. Die Kommission nahm unverändert Pos. 651, Waren aus formbarer Kohle oder Gast'ohle, an, und begann sodann den elften Abschnitt, Papier, Pappe und Waren daraus. Die Kommission nahm unverändert Pos. 652, Halbzeug aus Ge- spinnftabfällen, frei an und erhöhte in Pos. 653, Halbzeug aus Holzschliff und Cellulose rc., die Zölle von 1,25Mr. des Entwurfs auf 3 Mk. Ferner nahm tue Kommission die Pos. 654, Pappen, mit der Abänderung an, daß die Zollsätze der zweiten Staffel von 1,50 Mk. auf 4 Mk. erhöht, Strohpappe, Strenzpappe und Torfpappe von der dritten in die zweite Staffel versetzt und in die erste Staffel Vulkanfiber aufgenommen wurde, wodurch Pos. 650 erledigt ist. Die Kommission nahm Pos. 655, Pappen aller Art, unverändert an und erhöhte Pos. 656, gelbes Strohpapier und grobes, graues Lösch Papier von 1,50 Mk. des Entwurfes auf 4 Mk. Weiter wurde Pos. 657, Packpapier, einseitig glatt, unter Streichung des Wortes „gemeines" und Pos. 658, Papier nicht unter andere Nummern fallend, 10 Mk. nebst der Anmerkung unverändert genehmigt.
Im Laufe der Debatte begründeten Dr. Müller-Sagan und Gothein die von ihnen eingebrachten Anträge auf Herabsetzung der Zölle für Papierhalbzeug, Pappe und Papier. Horn (nl.) begründete die von der Kommission angenommenen Anträge auf Erhöhung der Pos. 353, 354 und 356. Staatssekretär Graf Posadowsky bemerkte zu Pos. 653, Holzschliff und Holzstoff, die Frage sei schwierig, er sei für den Schutz des deutschen Waldes aus kulttirpoli- tischen Gründen, halte aber das ausländische »laterial nicht ganz entbehrlich Der Tarif sei nicht auf den zukünftigen, sonderns uf den gegenwärtigen Verhältnissen aufzubauen möglich. Er bitte, die beantragten Erhöhungen abzulehnen. Molkenbuhr greift sodann das P apier kar t e l l an, das die Papierpreise in die Höhe schraube. Man solle ihm nicht eine neue Waffe in die Hand geben. Handelsminister Möller erklärt, die Frage sei eine der umstrittensten des Tarifs. Man müsse zugeben, daß die Papierindustrie in den letzten Jahren unter einem Preisfall gelitten habe, andererseits bedenken, daß über 200000 Arbeiter m Betrieben welche Papier bereiten und verbrauchen, thätig seien Er warne vor einer Erschütterung der Grundlagen der Vorlage. Die verbündeten Regierungen behielten sich die enbgittige Entscheidung bis zum Plenum vor. Hasse (nl.) befürwortet möglichste Verbilligung der Rohstoffe von Papier mit Rücksicht auf das Buchgewerbe.
Deutsches Reich.
Berlin, 17. Juli. Aus Emden wird berichtet: Der Hafen wird auf Anordnung des Auricher Regierungspräfi- deuten am 30. d. M. aus Anlaß des Kaiserbesuchs von 7 Uhr morgens bis VA Uhr nachmittags für jeden Schiffsverkehr gesperrt werden.
— Das „Berl. Tagebl." dementiert die Meldung eines Krakauer Poleublattes, wonach Graf Bülow und Graf Goluchowski ein Abkommen getroffen haben sollen, in dem die deutsche Regierung mit allen Mitteln der von den Alldeutschen in Oesterreich begonnenen Agitation in Deutschland entgegentritt, während andererseits die österreichische Regierung sich verpflichtet, die unruhigen Elemente unter der polnischen Bevölkerung Oesterreichs zu verhindern, die preußischen Polen zum Widerstand gegen die Maßnahmen der preußischen Behörden zu ermutigen.
— Vom Rabbinertage verdient noch ein Vortag von Dr. Guttmann „Heber die Bedeutung d es Judentums in der Gegenwart" Hervorhebung, der in den Sätzen gipfelt:
„Das Judentum dauert fort, weil es seine weltgeschichtliche Mission noch nicht vollendet hat, weil die Menschheit seiner noch nicht entraten kann. Wohin zielen die kühnsten Aufklärungsversuche unserer Zeit als auf eine Entlastung der Gvttesidee von den späteren Zu- thaten, als auf eine Wiederherstellung der reinen Gottes- idee...... Wir sind erwählt als Träger der Gottes,
idee, welche dazu bestimmt ist, schließlich die Schranken der Nationalität zu durchbrechen. Der Fortschritt bez Menschheit läßt sich nicht aufhalten. Auf geheimnisvollen Wegen führt uns die Vorsehung dem Ziele entgegen."
— Dem Vernehmen nach finden gegenwärtig bei dem Hauptzollamte in Eydtkuhnen Erhebungen darüber statt, welche Maßregeln zu treffen fein möchten, wenn die russische Grenze für die Einführ geschlachteter ganzer und halber Schweine geöffnet würde.
— Im Dom zu Gn es en hat, wie die hiesigen „Reuest Nachr." hervorheben, am Jahrestage der Schlacht bei Tannenberg (in der der deutsche Ritterorden durch eine große polnische Hebermacht auf oftpreußischem Boden schwer geschlagen wurde. D. Red. d. „Gieß Anz.") ein feierlicher Dankgottesdienst stattgefunden. Tas genannte Blatt erblickt darin eine Herausforderung des deutschen Volkes und der preußischen Staatsgewalt und sagt:
„Man darf erwarten, daß die Staatsregierung vom Posener Erzbischof v. Stablewski, der äußerlich doch stets eine gewisse korrekte Hnparteilichkeit zu wahren sucht, Rechenschaft für das Verhalten feiner Geistlichkeit bei der Tannenbergfeier fordern wird oder selbst die schuldigen Geistlichen zu treffen weiß."
Dresden, 17. Juli. Die Entscheidung über die Ra ch- f o l g e des Kriegsministers v. d. P l a n i tz ist in diesen Tagen zu erwarten. In gut unterrichteten Kreisen verlautet, daß als Nachfolger nur noch Generaladjutant v. Broizen und der Chef des Generalstabes Generalmajor Graf Paul Vitzthum von Eckstädt in Bettacht kommen.
Stuttgart, 17. Juli. Ter deutsche Fleischer verband nahm in seiner heutigen Schlußsitzung noch Stellung zu verschiedenen, das Fleischergewerbe betteffenden Fragen. U. a. sprach er sich dafür aus, daß mit dem Meister titel größere Rechte, insbesondere das Recht der ausschließlichen Lehrlingsausbildung verbunden werden solle. Ein Antrag der pfälzischen Innung auf Loslösung von dem badisch? pfälzischen Verbände und Bildung eines eigenen Bezirk- Vereins wurde abgelehnt. Des weiteren nahm der Verband Stellung gegen eine staatliche Sch-lachtviehversicherung und gegen den Biehhandel nach Lebendgewicht- Der nächste Verbandstag wird in Potsdam ab geh alten werden.
Ausland.
London, 17. Juli. Das schöne warme Wetter unterstützt die Genesung des Königs. Amtlich wird gemeldet, es sei beschlossen worden, daß am 11. August eine Anzahl britischer Kriegsschiffe sich zu der einige Tage darauf stattfindenden Flottenschau in Spithead versammeln soll.
— Der Vizekönig von Irland Earl Cadogan gab seine Entlassung, die vom König angenommen wurde.
— „Daily Mail" meldet aus Berlin, Expräsident Krüger habe dem Berliner Burenkomitee brieflich mitgeteilt, daß er nicht beabsichtige, die Gastfreundschaft Eng- la nds anzunehmen, und auch nicht nach Transv aal zurückzukehren.
Paris, 17. Juli. Aus London wird das Gerückt verbreitet, daß Lord Salisbury nicht nur aus Gesundheitsgründen demissioniert habe, sondern hauptsächlich deswegen, weil seine Beziehungen zur Krone sehr gespannt gewesen seien.
— Bei dem heuttgen Empfange der Mitglieder des Kongresses zur Hnterdrückung desMädchen - handels richtete der schweizerische Gesandte Dr. Lardy namens der auswärtigen Vertreter eine Ansprache an den Präsidenten So übet, in der er den Wunsch auf Schaffung einer internationalen Gesetzgebung zur Hnterdrückung des Mädchenhandels ausdrückte. Derselbe solle mit Kerker und Gefängnisstrafen bedroht werden. Ferner müsse, eine internationale Heberwachungspolizei ins Leben gerufen werden, welche im stände ist, mit Geschick den internattonalen Kupplern entgegenzutreten. Dr. Lardy verbreitete sich sodann besonders über die zur Uebcrtoadyung erforderlichen Präventionsmaßregeln und Mittel, sowie darüber, wie den Opfern des Handels zu helfen sei. Präsident 2oübet erwiderte, alle zivilisierten Länder müßten in dem jetzigen


