Delegiertenkonferenz der hessischen Handelskammern (7. Dezember 1901 Mainz) für Verteilung des Sraats - Zuschusses an die kau fmänn sichen Fachschulen ausgestellten Bedingungen seine Genehmigung erteilt hat, wurde durch die Kammer der Zuschuß für die Schulen in Gießen (1360 Mk.), Alsseld (230 Mk.) und Lauterbach (230 Mk.) aus gezahlt. Die kaufmännische Fachs chule Gießen hat sich entsprechend der Verfügung Großh. Ministeriums der Oberaufsicht der Handelskammer unterworfen; als deren Vertreter gehören die beiden Vorsitzenden der Schulkvrn- mission an. Gleiche Unterordnung seitens der kaufmännischen Fachschulen Alsfeld und Lauterbach ist demnächst zu erwarten.
Im Hauptvoranschlag für 1902/3 ist erstmalig der Betrag von 5000 Mk. zur Unter st ützung von R v h st o s f- einkaufsgenossen schäften der Handwerker gefordert worden. Aus Anregung des Vereins der Detaillisten unterstützten wir eine Eingabe des Verbandes deutscher Eisenwarenhändler zu Mainz an die Zweite Kammer, diese 5000 Mk. nicht bewilligen zu wollen, da wir in einer staatlichen Unterstützung des genossenschaftlichen Zusammenschlusses, welchen wir nur dann für berechtigt halten, wenn er aus sich heraus erfolgt und sich aus eigenen Mitteln lebensfähig zu erhalten vermag, einen gefährlichen Eingriffins Wirtschaftsleben erblickten, der nur geeignet sein kann, den Konkurrenzkampf im Zwischenhandel selbst zu verschärfen. Die betreffende Summe ist trotz des Einspruchs im Landtag nunmehr bewilligt worden.
Bezüglich des hessischen Handelskammergesetzes unterstützten wir eine Eingabe der Handelskammer Bingen, worin die Landstände ersucht werden, den § 19 des Entwurfs, wie er vom Hess. Handelskammertag vom 21. Oktober 1900 gebilligt worden ist, anzunehmen; wir sprechen uns also für eine sechsjährige Dauer der Wahlperiode mit jedes zweite Jahr stattfindender Ergänzungswahl aus, im Gegensatz zur Handelskammer Darmstadt, die eine jährliche Ergän zungswahl eines Drittels der Kammermitglieder befürwortet.
Dem Kaiser!. Patentamt wurde Bericht über die Benutzung der Patentschriftenauslegeftelle in Gießen erstattet. Es wird an dieser Stelle ausdrücklich und wiederholt auf die in der Grvßh. Universitätsbibliothek aus- liegenden Patentschriften (Klassen 2, 4, 6, 21, 22, 28, 30, 34 i, 42, 45, 49, 51, 57, 68, 70, 79, 80 und 85) aufmerksam gemacht. Auf eine bezügliche Anfrage wurde dem Kaiser!. Patentamt mitgeteiü, daß die grundsätzliche Eintragungsversagung von orientalisch klingenden Namen für Tabakfabrikate nicht erwünscht erscheine. Immerhin aber würde Morten, die infolge besonderer Bildung und Gestaltung geeignet seien, den Eindruck eines Firmennamens hervorzurufen, die Eintragung ins Zeichenregister unbedingt zu versagen sein.
2. Einführung von Gewichtsstücken zu 250 und 125 Gramm. Ausprägung von Scheidemünzen zu 25. Pfg. Ter Zentralverband deutscher Kaufleute und Gewerbetreibender hat dem StaatsseLetär des Innern, Berlin, die Bittc: unterbreitet, „für die Einführung von Gewichtsstücken von 250 und 125 Gramm, für die Ausprägung von Scheidemünzen im Nennwert von 25 Pfennig feinen Einfluß geltend machen zu wollen.^ Die Kammer beschließt, die Bestrebungen des Zentral- Verbandes an zuständiger Stelle zu unterstützen.
3. Beseitigung der kleinen Wechsel, lieber den von der Handelskammer Heidenheim beim deutschen Handelstag gestellten Antrag (Beseitigung der Wechsel unter 100 Mark) wird zur. Tagesordnung übergegangen.
4. Vervollständigung des polizeilichen Meldewesens. Der Verband der Vereine Kreditreform hat den Ministerien der Bundesstaaten den Vorschlag unterbreitet: „Die polizeilichen Meldämter möchten angewiesen
tucrben, in allen Fällen den letzten Anferttbaltsort neu an gemeldeter Personen zu ermitteln und dorthin die erfolgte Anmeldung zu berichten." Die Kammer erkennt die Zweckmäßigkeit einer derartigen Bestimmung für die Erleichterung der Krediterkundigung an, und beschließt einstimmig, für den Antrag einzu- treten.
5. Verstaatlichung des Mobiliar-Feuer- Bersicherungswesens in Hessen. Die Kammer ist ersucht worden, dahin vorstellig zu werden, daß dem in der zweiten Ständekammer einstimmig angenommenen Antrag betr. Errichtung einer staatlichen Mobiliarfeuer- versicherung im Großherzogtum Hessen seitens Großh. Staatsbehörde stattgegeben werde. Nach einem Referat des Sekretärs und einer kurzen Vorbesprechung werden die Verhandlungen aus die nächste Sitzung vertagt.
6. Eingänge. 1. Mitteilung des Großh. Polizeiamts, daß für das Jahr 1902 die gleichen Ausnahmetage betr. Offenhaltung der Geschäfte vor den Feiertagen wie für 1901 festgesetzt worden sind. 2. Mitteilung der Großh. Bürgermeisterei, daß der Vorentwurf für die Haltestelle am Nordende Gießens seitens der Eisenbahndirektion Frankfurt und der Großh. Bürgermeisterei einer Umarbeitung unterzogen wird. 3. „Der deutsche Handelstag in feiner Entwickelung und Thätigkeit 1861—1901", bearbeitet von Dr. Genfels. 4. Amtlicher Katalog der Ausstellung des deutschen Reichs auf der Weltausstellung in Paris. 5. Bedingungen für die Ausführung von Fernsprechanschlüfsen für Aussteller der Düßeldorfer Ausstellung. 6. Mitteilungen über zweifelhafte Firmen in Paris, St. Franziseo, Kiew, Barcelona, London, Natal, Tunis, Niederlande. 7. Mitteilungen über: Verdingungswesen in den Niederlanden. Lieferung von Eisenbahnwagen nach Belgien. Lage der Textilindustrie in den Vereinigten Staaten. Handelsverkehr mit Kanada. Geschäftskrsiis in Argentinien. Handelsbeziehungen mit eingeb. Firmen in Bombay, Siam. Hande! zwischen Deutschland und den ausstral. Kolonien. Industrie Kanadas. Jnteresfenten erhalten nähere Auskunft auf dem Sekretariat. 8. Anfrage der Zentralstelle für Vorbereitung von Handelsverträgen betr. den soeben veröffentlichten Entwurf eines neuen schweizerischen Zolltarifs. Da, wie uns bereits mitgeteilt worden ist, auch Firmen unseres Bezirks durch Zustandekommen dieses Tarifs geschädigt würden, ersuchen wir hiermit die betr. Interessenten, ihre event. Wünsche baldigst zu unserer Kenntnis zu bringen.
Wir machen an dieser Stelle auf die vor einiger Zeit für die Zwecke des Jahresberichts versandten F r a gebogen aufmerksam und bitten dieselben baldmöglichst ausgefüllt der Handelskammer zugehen lassen zu wollen.
Einer liebenswürdigen Einladung der Herren Kommerzienrat Gai! und Kommerzienrat Heyligenstaedt folge leistend, besichtigte die Kammer im Anschluß an heutige Sitzung die Gail'sche Dampsziegelei und Thon- warenfäbrik, sowie die Maschinenfabrik und Eisengießerei von Heyligenstaedt u. Co. Die Besichtigungen sanden ihren Abschluß mit einem von Kommerzienrat Heyligenstaedt in feiner Kantine freundlichst gebotenen Abendtrunk. Unser Vorsiüender, Kommerzienrat Koch, sprach bei dieser Gelegenheit den beiden Herren, die in zuvorkommendster Weise selbst die Führung ihrer Gäste übernommen hatten, in herzlichen Worten den Dank der Handelskammer aus.
Aus Stadt und Sand.
Gießen, den 18. März 1902.
•* Tagesordnung fiic die Sitzung der Stadtverordueten-Ver' sammlung Donnerstag, den 20. März, nachmittags 4 Uhr. 1. Mitteilungen. 2. Den Neubau einer höheren und erweiterten Mädchenschule hier: a) Bekanntgabe des Urteils des
Preisgerichts und Ankauf eines Entwurfs, b) Ueberwölbung. des Stadtringgrabens in der Nordanlage zwischen Damm-- und Schillerstraße. 3. Baugesuch der Firma Birkenstock u. Schneider für den Brandplatz; hier: Dispens. 4. Baugesach von Schäfer u. Größer für die Noonstraße. 5. Gesuch des Wilh. Seipp II um Befristung zur Erbauung eines Vorderhauses in der Liebigstraße. 6. Bepstanzung der östlichen Dammböschung der Main-Weser-Bahn an der Westanlage. 7. Begießen der Straßen; hier: Vergebung des Fahrens der Gießfässer. 8. Geländeerwerb zwischen Medizinischer Klinik und Cholerabaracke. 9. Gesuch des Bäckermeisters Jacob Klingelhöffer um käufliche Ueberlassung städtischen Geländes. 10. Anlage erhöhter Trottoirs in der Hofmannstraße; hier: Vergebung von Lieferungen. 11. Vorlage der Rechnung der Gememdekrankenversicherung pro 1901. 12. Vorlage der
Rechnung und des Verwaltungsberichts der Stadt Gießen pro 1900/01. 13. Gesuch des Lesehallenvereins um Ge- ivährung eines Zuschusses aus städtischen Mitteln. 14. Voranschlag der Stadt Gießen für 1902/03; hier: Erteilung von Dekreturen zu Lasten derselben. 15. Gesuch des Wilhelm Krätzer um Erlaubnis zum Wirtschaftsbetrieb im Haufe Schützenstraße 1. 16. Desgl. des Ferd. Harnickel daher im Hause Sonnenstraße 8. 17. Desgl. des Emil Freund dahier im Hause Seltersweg 13. 18. Desgl. des Reinhold Choschick in Marburg im Hause Bahnhofstraße 48. 19. Desgl. des Hans Prottengeier dahier im Haufe Schanzenstraße 18.
** lieber Zwangserziehungskosten. Im Juni 1887 wurde für das Großh. Hessen das Gesetz über die Zwangserziehung der Kinder und deren Fürsorge erlassen. Seit dieser Zeit wurden aus dem ganzen Großherzogtum Heften bis zum 31_ März 1901 1869 Kinder in Zwangserziehung gegeben, und zwar aus Starkenburg 834, aus Rheinhessen 545 und aus Oberhessen 490. Von diesen 490 entfallen auf Gießen 165, Alsfeld 43, Büdingen 54, Friedberg 115, Lauterbach 82 und Schotten 31. Am 1. März 1901 befanden sich noch 302 Kinder aus Oberhesfen in Zwangserziehung. Für Kinder wurden aufgewendet 1 225 632,08 Mk., wovon 595136,12 Mark der Staat und 630 495,96 Mk. die Gemeinden leisteten. Zu den Kosten für Starkenburg steuerte der Staat 298 268,93 Mark, die Gemeinden 332 331,32 Mk. bei, für Oberhessen der Staat 137 795,82 Mk., die Gemeinden 135 703,78 Mk., für Rheinhessen der Staat 159 071,37 Mk., die Gemeinden 162 460,86 Mk. Die im Etatsjahr 1900/01 für die Zwangszöglinge aufgewendeten Kosten belaufen sich für das Großherzogtum auf 163783,51 Mk., wovon 81969,30 der Staat und 81814 die Gemeinden tragen, für Starkenburg auf 83 651,49 Mk. (41805,86 Mk. trägt der Staat, 41845,63 Mk. die Gemeinden), für Oberhessen auf 33 340,74 Mk. (16 450,35 trägt der Staat, 16,890,39 Mk. die Gemeinden), für R h einh e ff en 46 791,28 Mk. (23 713,09 Mark trägt der Staat, 23 078,19 Mk. die Gemeinden). Auf Gießen entfallen in 1900/1901 6518,48 Mk. (Staatszuschuß 6078,44 Mk.), Alsfeld 2013,44 (2013,43) Mk., Büdingen 1276,80 (1276,80) Mk., Friedberg 4295,99 (4295,99) Mk., Lauterbach 1989 (1989) Mk^ Schotten 796,68 (796,61) Mark.
Frankfurt a. M., 17. März. Der Großherzog und die Großherzogin vnn Baden sind heute Vormittag hier angekommen. Zn ihrer Begrüßung war die Prinzessin Friedrich Karl am Bahnhofe erschienen. Sodann begaben sich die Herrschaften gemeinschaftlich zum Besuch der Königin von Schweden nach dem „Frankfurter Hof".
Frankfurt a M., 16. März. In der Waldgegend zwischen Darmstadt und Frankfurt finden sich in der Nähe des Schlosses Kran ich st ein und der Försterei
guter Magen und ein besonders guter Humor gehören. Und der betrogene Gatte geht darauf ein! Das, so meinen nun vielleicht manche, ist also, wie Sudermann hier beweist, ist die Moral der oberen und der unteren Zehntausend: die Einen rühren mit mehr oder minder unlauteren Hülssmitteln rücksichtslos alle Geschichten auf, die durch schwere Seelenkämpfe gesühnt sind, und bemühen sich in ihrer Prositwut ganze Famllien ins Unglück, ja ganze Gesellschaftsklassen ohne Not dem Pesthauche des verallgemeinernden Straßenklatsches preis zu geben; auf der anderen Sette sündigt man und geht, allem natürlichen Gefühl zum Trotz, scheinbar unangetastet und unantastbar vor den Augen der großen Welt kalt lächelnd zur Tagesordnung über. Doch Sudermann will keineswegs verallgemeinern; ihm ist es gerade um den Beweis dafür zu thun, daß Moralttät oder Immoralität federn Einzelnen in besonderer Form eignen, die jeder für und vor sich allein zu verantworten hat. Das Eine wie das Andre, das Individualisieren und das Verallgemeinern, muß für unsere Tage zu den unhaltbarsten Extremen führen, und daß schließlich unsere uralte Gesellschafts- und die Nietzsche'sche Persönlich- kettsmoral ihre Fehler haben und ihre Vorzüge, das bedarf weiter keiner Auseinandersetzung. Die Allgemeinheit unserer Zeit braucht eben die Gesellschaftsmoral, der Einzelne kann sich mit einer Sondermoral abfinden, so lange es die Allgemeinheit nicht angeht.
Es schwebt aber über dem Stücke in Momenten wie ein feiner Hauch von Größe. Das sind die unterdrückten Gefühle und nach Freihett ringenden Gedanken einer Zett, in der aus dem alles nivellirenden Maschinenzeitalter die Sehnsucht nach dem Individualismus an- und aufwächst. ' Nur leider bleibt, wie wir alle, auch der Dichter am Zeitlichen häng en, er findet nicht das erlösende Wort, nach dem wir hungern, er giebt uns Steine statt Brot, äußeres Geschehen und wirkungsvolles Geschehenlaffen, wo seelische Vorgänge entstehen und vergehen, und das wirre und bunte Gewebe einer episch breiten romanhaften Handlung. Just zu der Zeit, da die Künde kommt, daß Gerhart Hauptmann nach seinen letzten dramatischen Mißerfolgen an einem Roman schafft, setzte uns Sudermann diesen dramatisierten Roman vor, der uns bis zu seinem traurigen Ende sehr spannt und beinahe glaubhaft erscheint. Beinahe, denn wir sollen glauben, daß dieses starkgeistigen Weibes „Erwecker und Erlöser" ein so unselbständiger, unentschlossener Zauderer ist wie dieser Richard Völkerlingk, der sich von ihr hin und her schieben läßt, ganz passiv, dessen geistige Freiheit von seinem Sohne, einem unreifen Jüngling, mit ein paar für ein kleines Feuilleton oder einen Leitartikel leidlich geeigneten Worten überwunden wird. Um dieses Schwächlings Leben willen
geht, unauffällig, Beate, die Sterbenskranke, fteiwillig in den Tod, sie, die das Leben so glühend liebt. Muß sie bei ihrem Glauben an den Edelmut ihres Richard nicht annehmen, daß nach ihrem Tode dieses Mannes Leben gänzlich freudenlos dahinfließen, daß es ihm nur eine dauernde Qual sein wird? Kann sie daran glauben, daß schaffenskräftige Lebenslust nun noch für ihn bestehen wird, der immer sie als Stachel brauchte, als Beraterin, Führerin und Förderin? Er sieht es ein, daß nach ihrem Tode er leben muß, weil er gestorben ist — an ihr l So soll einst ein indischer Kaiser gesagt haben, ähnlich spricht sich Ibsen in seinem dramatischen Epilog aus. Aller Lebensgenuß ist nun für ihn dahin, unwiederbringlich, gestorben sind seine Lebensgeister, sein Leib aber muß leben, zur Reue, zur Sühne, — zum besten der Partei! Ihren freiwilligen Tod aber führte sie doch herbei, um ihn dem Genuß des Lebens zu erhalten! Ihr letzter Ausruf „Es lebe das Leben" ist seine vernichtende Lebensverurteilung.
Das ist nur ein winziger Bruchteil von all den zahllosen Unwahrscheinlichketten und Schiefheiten des Stückes, aber der bedeutsamste, einschneidenste. Es fehlt auch nicht an herzenskalten Geschmacklosigkeiten, von denen die Designierung Völkerlingks zum moraltriefenden Parteiredner über die Scheidungsfrage und der bei den Haaren herbeigezerrte Ur- teilsspruch des Sohnes über den Vater mir die schlimmsten scheinen. Trotzdem ist doch viel innerlich Erlebtes in dem Stück, das just in unseren Tagen der Erörterungen über die Frauen-, die Duell- und andere geschickt behandelte aktuelle Fragen besonderes Interesse hat. Ob es gleich die Szene zum Tribunal macht, wie Brieux, so steht es doch wett über diesem, auch über dem Theatertraliker Sardou, ja es ist eigentlich direkt untheatralisch. Es macht fast den Eindruck, als hätte der Dichter den Stoff ursprünglich zu einem Roman formen wollen, in dem er weit besser Gelegenheit gehabt hätte zu geistigen Feinheiten, zum architektonischen Ausbau der ihm vorliegenden Lebensfülle, zur Ausarbeitung einer vertieften Menschenbeurteilung. Jedenfalls aber hat uns Sudermann hier gezeigt, daß er ein Mann ist, der etwas zu sagen hat und Jntereftantes interessant darzustellen versteht.
Unsere Darstellung des neuen Dramas kann sich neben der des Frankfurter Schauspielhauses sehen lassen. Fräulein Hohenfels gab die Beate und brachte geistige Stärke, Selbstbeherrschung und Vornehmheit ebenso überzeugend zum Ausdruck, wie die anmutige Innigkeit eines reichen Gefühlslebens. Seelisches und körperliches Leid, in rechtem Maße marfirt, wirkten in ihrer Beate zusammen zu einer ergreifenden Wirkung und brachten das Tragische des Lebenswillens voll zur Geltung. Allerdings verträgt ja diese Gestatt noch höheren
seelischen Schwung, blendenderes Hervortreten eines überragenden Innenlebens. Dagegen hatte Herr G e r l a ch aus der wenig günstigen Rolle des Richard v. Völkerlingk nicht das Wenige an Temperament und Sonderart herausgeholt, was aus ihr herauszuholen sehr schwer ist und dem Frankfurter Darsteller Bauer ebenso mißlang. Vielleicht wird nach ein paar Jahren ein geeigneter Darsteller für diesen Reichstagsbaron Herr Z oder sein, der in der Darstellung von Schwächlingen seine Stärke besitzt und der gestern aus einem jugendlichen Naiven, einem liebesseligen oanä.^ur., eine sympathische Gestalt schuf. Herr Ramsey er, der als deutscher Michel sich wie Herr Gerlach mit dem bekannten Sudermannbarte geschmückt hatte, trug ja wohl zuweilen zu stark rusttkal auf, blieb aber einheitlich und tüchtig. Er beherrschte diesmal seinen Part vollkommen, hatte ihn gut und klug durchdacht und durchfühlt. Nur gebrach es ihm leider an der schönen Jovialität, an der unerschütterlichen herzhaft-treuen Zuversicht- kett dieser kerndeutschen Prachtgestalt. Ein paar dem Dichter vorzüglich gelungene Episodensiguren sind der ostelbische Großgrundbesitzer und der dekadente Prinz, der sich in cynischer Weise über sich selbst, seine Abstammung und seine Standesgemässen lustig macht. Sudermann hat vielleicht an Lichnowsky gedacht, jenen reaktionären Polenprinzen, der sich Anno 1848 im Frankfurter Parlament durch beißenden Witz und Geist hervorthat und später vom Pöbel so schmählich ermordet wurde. Ihn stellte Herr Schneider dar, leider nicht markant genug. Herr Woisch erfüllte seine gestrige Doppelaufgabe mit viel Geschick; als Meixner war er diskret und maßvoll, ganz charakteristisch, leicht schwärmerisch, vielleicht nur, als Reichstagskandidat der Zukunft, allzu leidend. Ganz Angemessenes leisteten auch die Herren Sandor, Kruse, Leß- mann und Hertzog, die beiden letzteren in schwierigen Repräsentationsrollen, sowie die Damen v. Aspernburg und v. Hellbronn. P. Wittko.
Paris, 17. März. Das Blatt „Patrie" hat unter den hiesigen Studenten eine Umfrage veranstaltet bezüglich des eventuellen Empfanges der zur Aufführung von Schillers „Räuber" hier eintreffenden deutschen Studenten. Die Mehrzahl der Pariser Studenten sprach sich dahin aus, daß keinerlei feindliche Kundgebungen zu befürchten seien. Nur einige Wenige verhielten sich reserviert.
Wien, 17. März. Das Kuratorium der Bauernfeld- schen Prämienstiftung erkannte dem Dichter Schoenherr für sein Drama „Sonnenwendtag" den Ehrenpreis von 4000 Kronen zu.


