Ausgabe 
18.2.1902 Drittes Blatt
 
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Nr. 41

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Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntag?.

DieSiehener Zomilienblötter" werden dem Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Ter hessische Landwirt" erscheint monatlich einmal.

Dienstag, 18. Februar 1902

Gießener Anzeiger

152. Jahrg.

Verantwortlich für den allgemeinen Teil: P. Witiko; für den Anzeigenteil: p. Beck.

Rotationsdruck unb Verlag der Brühl'schen Unlversiläisdruckerei (Pietsch Erben), Gießen.

General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Areir Siehe».

Parlamentarische PerhanSlnngcn.

Nachdruck ohne Vereinbarung nicht gestattet«

Deutscher Reichstag.

145. Sitzung vom 17. Februar«

1 Uhr. Das Haus ist schwach besetzt.

Am Bundesrathstisch: von Gotzler u. A.

Auf der Tagesordnung steht tue zweite Beratbung deSMili- tär-Etats. Die Berarhung beginnt beim TitelGehalt des KricgSmimsters". x

Hierzu liegt die Resolution Lenzmann und Gen. (freu. Vv) vor, durch welche die verbündeten Regierungen ersucht werden, mit allen Disziplinariscken und gcsetzlicken Mitteln dahin zu wirken, daß das, auch in den Kreisen der Offiziere des stehenden Heeres und der Reserve weiter um sich greifende, mit der Religion, der Moral und den Strafgesetzen in Widerspruch stehende Duell-Unwesen beseitigt werde.

Abg. Lcnzmann (freis. 93p.): Meine Resolution unterscheidet sich wesentlich von der Resolution Gröber und dem Antrag Schrader, da sie das Hauptgewicht auf disziplinarische Mittel legt. Eine fast gleichlautende Resolution ist vor 2 Jahren vom Reichstage ein­stimmig angenommen worden. Nun sind ja allerdings seitdem Erlasse über das Duell ergangen und es ist auch die Zahl der Duelle zurückgegangen. Aber ich behaupte: Wenn auch nur ein einziger Fall passirt. der zum Himmel schreit und das Rechtsgefühl des Volkes verletzt, so muß uns das Anlaß zum Nachdenken darüber geben, wie dem Duell weiter borgebeugt werden kann. Ein solcher Fall ist das Jnsterburger Duell, in dem keine schwere Beleidigung, ja überhaupt kein animus injuriandi vorlag. Mit Pflastern kann man solche Wunden am Volkskörper nicht heilen. Das einzige Mittel, das hier helfen kann, ist das absolute Verbot der Duelle seitens des obersten Kriegsherrn. Ein solches Verbot ist z. B. in England mit Erfolg ergangen, und wenn ich auch die Tüchtigkeit der englischen Offiziere mit der unserer Offiziere nicht auf eine Stufe stellen will, so kann man doch nicht sagen, daß das Aufhörcn der Duelle in England nachtheilige Folgen gehabt habe. Es giebt Fälle, in denen nach dem Urtheil des Beleidigten der Gegner ver­nichtet werden muß. Z. B. im Fall Bennigsen ist es menschlich wohl erklärlich, daß der Ehegatte sich selbst zum Rächer seiner Ehre macht. Aber wenn ein solcher Fall vorlieat, dann muß der Betreffende auch die Folgen tragen und die Ausschließung aus der Armee über sich ergehen lassen. In einer solchen Lage ist daS doch vcrhältnißmäßig unwichtig. Man sagt nun, wenn an das Duell diese Folgen geknüpft würden, so könne man sich durch em Duell der weiteren Militärpflicht entziehen. Aber selbstverständlich mühte dann der entlassene Offizier, wenn er seiner Militärpflicht noch nicht genügt hat, als Gemeiner weiter Dienen. Ich bitte um einmütige Annahme der Resolution.

Abg. vr Bachem (Ctt.): Da leider die Klagen über Duelle nicht aufgebört haben, ist es angczeigt, die Resolution wieder an­zunehmen. Mit der Begründung der Resolution kann ich mich aber nicht durchaus einverstanden erklären: denn Herr Lenzmann scheint Fälle für möglich zu halten, in denen das Duell entschuldbar oder zulässig ist. Damit giebt man daS ganze Prinzip auf, auf Grund dessen man das Duell bekämpfen kann. Wenn daS Duell in einem Falle zulässig ist. dann ist es das auch in tausend anderen Fällen. Da wir aber mit dem objektiven Inhalt der Resolution einverstanden sind, werden wir dafür stimmen. Die Resolution steht mit dem Antrag Gröber nicht in Widerspruch, sondern ergänzt ihn. Beide wollen auf verschiedenen Wegen dasselbe Ziel: die völlige Aus­rottung des Duells, das nach unserer Auffassung in keinem Falle entschuldbar ist. Für uns gilt für alle Fälle das Bibelwort:Die Rache ist mein, spricht der Herr".

Den Kriegsminister bitten wir auf das allerentschiedenste, bei Epropriationen von Bauern die Bauens nicht in Geld, sondern in Land zu entschädigen. Wir sind zu dieser Bitte veranlaßt durch einen in der Budgetkommission zur Sprache gebrachten Fall, in dem zur Anlegung eines Exerzierplatzes Bauern expropriirt waren. Auch hier muß man immer bestrebt sein, die Bauern ihrer Sckolle zu erhalten. Weiter wünsche ich eine Erhöhung der Entschädigung für Einguartirungslasten. Ich bezweifle nicht, daß der Minister Alles thut, was er thun kann, um die Last gleichmäßig zu Vertheilen. Mein das läßt sich nicht immer so durchführen: es ergiebt sich eine große Ungleichmäßigkeit, und um so mehr müssen die jetzigen unzulänglichen Entschädigungen erhöht werden. Ich glaube nicht, daß irgend Jemand hier behaupten wird, daß die Entschädigungen, die die Bauern jetzt erhalten, auch nur annähernd genügen. Wie steht es mit dem aus dem Eichsseld geplanten Truppenübungsplatz? Im vorigen Sommer sind nach einer vierwöchigen Hebung die Soldaten am Frohnleichnamstage nach Hause befördert worden: ich meine, man batte da doch einen andern Tag wählen können. Aus Köln habe ich gehört, daß der Hauptmann v Marschall einen Vor­trag über die Jesuiten gehalten habe, in dem er erklärt hat: Die Jesuiten sind die größten Feinde des Vaterlandes, mit denen kein Soldat zu thun haben darf. Auf meine Beschwerde beim Minister wurde mir rnitgetheilt, der Hauptmann habe nur gesagt, so lange die Jesuiten ausgewiesen seien, dürfe kein Soldat sich an Ovationen für Jesuiten betheiligen: er sei dazu durch einen Fall in Osnabrück veranlaßt worden. Es steht hier Aussage gegen Aussage und ich kann nicht untersuchen, welche richtig ist. Da ich aber schon öfter von ähnlichen Fällen gehört habe, muß ich hier erklären, daß wir unS auf das Schärfste dagegen verwahren, daß in der preußischen Armee vor katholischen Soldaten die Jesuiten herabgesetzt werden. Es ist ja Mode, über die Jesuiten zu schimpfen; fortwährend wer­den in Broschüren Verleumdungen über diese ehrenwerthen Leute verbreitet. Es ist anzunehmen, daß die Broschüren auch in der Armee Eingang gefunden haben. Jedenfalls sollten Offiziere in dieser Beziehung besonders vorsichtig sein. Als das Gardekorps 1871 seinen Einzug in Berlin hielt, zogen zwei Jesuiten hoch zu Pferd, geschmückt mit dem Eisernen Kreuz voran. (Unruhe rechts.) Wir proteftiren dagegen, daß man jetzt die Jesuiten beleidigt und beschimpft.

Minister von Gofiler: Das Eichsseld ist als Truppen- Vebungsplatz für das 12 Armeekorps nicht in Aussicht genommen. Bei seinen Ausführungen über Einquartirungslasten scheint der Vor­redner mehrereSachen zusammcngeworfen zu haben. Betreffs derEin- quartirungslasten ist eine Neuregelung im Gange ; die Flurentschädi­gungen sind aber meines Erachtens in ihrer jetzigen Höhe durchaus tolerabel; hier noch eine Steigerung eintreten zu lasten, empfiehlt sich unter keinen Umständen. Davon, daß im vorigen Jahre Trup­pen am Frohnleichnamstage nach Hause befördert worden seien, weiß ich nichts Wenn es geschehen ist, bebaute ich es und werde Remedur eintreten lasten. Der Fall des Hauptmanns v. Mar­schall liegt nach dem mir zugegangenen Bericht des Hauptmanns folgendermaßen: Am 11. Januar beim Löhnungsappell besprach der Hauptmann die Kriegsartikel. Es ist nach dem Bericht unter allen Umstanden ausgeschlossen, daß der Hauptmann die ihm zugeschriebe­nen Aeußerungen über die Jesuiten gethan hat. Er hat vielmehr scharf betont, daß der Soldat nie Politik treiben dürfe. Die Jesuitenfrage sei eine politische Frage: solange Die Jesuiten in Deutschland nicht zugelassen feien, dürsten sich Soldaten an Ehrun­

gen für sie nicht betheiligen. DaS ist der ganze Sachverhalt, der durch den Bericht eines anderen Offiziers, der dabei war, be­stätigt wird: beide Aussagen decken sich. Hiernach kann tm vor­liegenden Falle von einer Beleidigung der Jesuiten nicht die Rede fein; ich habe aber Dem Hauptmann zu verstehen gegeben, daß er auch diesen Satz über d'e Jesuiten bester weggelassen hätte. Die Broschüren, von Denen Vorredner sprach, sind mir nicht zugcgangen.

Abg. Bebel (Soz.): Die Darstellung des Abg. Backern über Die Rede des Hauptmann- v Marschall scheint durch die Rede De 5 Ministers im Wesentlichen bestätigt zu sein. Wenn Herr Backern verlangt, die Armee sollte sich nicht um Die Jesuiten kümmern. Dann sage ich: Die Jesuiten können sich mit den Sozialdemokraten trösten, die an so etwas gewöhnt sind und fortwährend svstematisch in der Armee verleumdet werden. Die einzig richtige Konsequenz wäre, daß man die Sozialdemokraten überhaupt aus der Armee ausschließt. Was die Expropriationen anlangt, so hat der Reichs­tag schon oft genehmigt.' daß ganze Bauern-Ortschaften erpropnft und einfach in Geld entschädigt wurden. Ich habe gehört, daß in der Nähe van Wreschen Baracken gebaut werden, um 2 Bataillone zu stationiren. Den Minister frage ich, ob das richtig ist, und aus welchem Fonds er die Mittel dazu nimmt.

Ich muß noch einmal auf den Fall des Hauptmanns Luthmer zurückkommen, der 1893 in Folge Unvorsichtigkeit und Fahrlässig­keit eines Reserveleutnants einen Schuß ins Gesicht bekam und voll­kommen erblindete. Der betreffende Leutnant wurde zu 2 Mo­naten Festung vcrurtheilt. Jii dem Urtheil wurde aber ausge­sprochen. daß Luthmer selbst durch Unvorsichtigkeit das Unglück mit? verschuldet habe. Nun ist von dem Hauptmann überzeugend nach­gewiesen worden, daß der Hauptmann gar nicht anders handeln konnte, als er gethan hat. Der Unfall ist nur durch ein unquali- fizirbares Verhalten des Leutnants passirt. Ich habe schon 1898 den Fall besprochen. Inzwischen hat aber Luthmer ihn auf? Neue auf Grund Der Kriegsgerichtsakten, Die er früher noch nicht kannte, beleuchtet. In dieser Broschüre wird Der Oberst des Hauptmanns des Meineids und Der groben Fälschung, und der Generalauditor Ittenbach der Unwahrheit beschuldigt. Und ich muß sagen, für diese Behauptung scheint mir Vieles zu sprechen. Nach Beendigung der Uebung, in Der das Unglück paffirtc, gab der Oberst dem Reserve - leutnant das Zeugniß. daß er durch seinen Eifer die Anerkennung der Vorgesetzten gefunden Habel Nachher wollte Luthmer Den Leutnant er hieß Diehl fordern. Luthmer schrieb deshalb an Diehl einen einen beleidigenden Brief, um ihn zu einer Forde­rung zu provoziren. Luthmer bekam nun einen Verweis wegen Beleidigung. Die Civilgerichte, die über die Entschädigung zu ent­scheiden hatten, haben sich in dieser militärischen Sache viel ver­nünftiger gezeigt, als daS Kriegsgericht, ebenso wie es ja auch im Fall Stietenkron war. Jedenfalls geht auS Der Broschüre hervor, daß dem Hauptmann Luthmer Unrecht geschehen ist, und deshalb habe ich den Fall nochmals zur Sprache gebracht. Bei den Duellen der letzten Zeit hat der Alkohol vielfach eine sehr schlimme Rolle gespielt, in Mörckingen, in Insterburg, Straßburg und Jena. Der alte Satz:Jugend hat feine Tugend" bekundet seine Wahrheit auch hinsichtlich des Mißßbrauchs des Alkohols, wie er leider auch in Offizierskreisen sehr stark verbreitet ist. und dabei hat kürzlich ein Gericht den Offiziersstand als Den ersten Stand der Welt bezeich­net. Wenn ein Arbeiter in der Trunkenheit Ausschreitungen be­geht, bann fließt Die bürgerliche Presse über von moralischer Ent­rüstung. Bei dem gemeinen Soldaten gilt Die Trunkenheit als strafschärfend, aber bei dem Offizier, z. B. dem Leutnant Holl­mann in Flensburg wird sie als strafmildernd angesehen.

Von Den Soldatenmißhandlungen behauptete ich im vorigen Jahre, sie hätten abgenommen; damals trat mir mein Fraktions- genoste Kunert entgegen. Er glaubt feststellen zu können, daß sie in der Zunahme begriffen seien. Ich habe auch leider in der Zwischenzeit mich überzeugen müsten, daß ich damals Unrecht und mein Freund Kunert Recht hatte. Die Militärverwaltung müßte Alles aufbieten, um solche barbarische Mißhandlungen, wie sie noch immer vorkommen, nun endlich zu Beginn des zwanzigsten Jahr­hunderts aus unserem Militärlcden zu beseitigen. Redner geht auf einige Fälle ausführlich ein. Ein Unteroffizier in Oldenburg befahl seinen Leuten sich auf die Erde zu werfen und wie eine Kuh Gras zu stesten. Jeder Mann sollteeine Schnauze voll GraS" nehmen. (Heitereit.) In Mörchingen maltraitirtc ein Unter­offizier einen Gemeinen dadurch, daß er ihm, weil er sich nicht rafirt hatte. Die Haare absengte. Ein bairischer Hauptmann hat eine Broschüre veröffentlicht, worin er nachweist, daß die Mißhand­lungen seit 1871 erheblich zugenommen haben. Kein Wunder, daß sich angesichts dieser Thatsache auch die Zahl der Selbstmorde im Heere fortdauernd steigert. Die Zahl der Deserteure, die von 18711897 aus dem deutschen Heer entfloh, um in Der franzö­sischen Fremdenlegion Dienst zu nehmen, macht ein ganzes Armee­korps aus; es handelt sich um nicht weniger als 17 000 Leute. Im Dezember vorigen Jahres meldeten sich in Paris allein 320 Deutsche zur Fremdenlegion. Diese Thatsachen hätten es doch der Militär­verwaltung längst zur Pflicht machen müsten, auf eine Beseitigung Der Ursachen dieses Uebelstandes hinzuwirken. Neben den Miß­handlungen sind es die zahlreichen vollständig überflüssigen An- forderungcn, die heute noch an Die Soldaten gestellt werden: der langsame Schritt, Der Parademarsch, kurz alle Institutionen des sogenannten Gamaschendienstes. Warum hat man noch immer nicht die schweren Helme abgeschafst? Sie sind eine drückende Last für den Soldaten und im Kriege absolut unbrauchbar. Die blanke Spitze und der blanke Adler giebt auf große Entfernungen hin ein sicheres Ziel. Auch die Engländer haben im 93oerenfnege gerade in Folge der großen Khakihelme, die ein vorzügliches Ziel boten, laut Urtheil eines deutschen Offiziers im Militärwochenblatt oft sehr schwere Verluste gehabt. Aus einer Broschüre eines deutschen Offiziers habe ich ersehen, daß die Sozialdemokratie im Heere schon so weit verbreitet ist, daß er sie direkt schon für eine Gefahr für das Heer hält. Auch dieser Offizier tritt für die Beseitigung des Parademarsches ein, der nur eine komische Wirkung habe, aber ohne praktischen Werth fei. Denken Sie: der Parademarsch, in dem noch jetzt das höchste Wesen der preußischen Armee infarnirt ist. (Heiterkeit links.) Nach Zeitungsmeldunaen hat auch der Parade­marsch in China vor dem Grafen Waldersee auf die Zuschauer nur einen erheiternden Eindruck gemacht. Allerdings sagt der Offi­zier in elegischem Tone, die preußische Armee halte fest an alten Überlieferungen, aber mit solchen Überlieferungen muß man eben brechen, wenn das ganze Kriegswesen sich verändert hat. Dieser Offizier meint, unsere Armee stehe für den Kriegsfall nicht mehr auf der Höhe. Der Offizier, der den besten Parademarsch komman- dirt, wird befördert, auf Die Leistungen im FeldDienst wird kein Gewicht gelegt. Tie ganze FelddienstausbilDung dauert kaum Drei Monate. (Hört, hört! links.) Wir verlangen von Dem Minister, daß er Diese Behauptungen Der Broschüre genau untersucht und im Falle ihrer Bewahrheitung für geeignete Remedur sorgt. Die Franzosen, das behaupte ich, sind uns in der Armeeorganisation auf weiten Gebieten überlegen, und ein zweites Siebzig wird uns nicht mehr gelingen. Von unseren Deutschen Truppen in China waren sehr viele. Die kaum neun Monate gedient und noch kein einziges Manöver mitgemacht hatten. Diesen Leuten stellte Graf Waldersee ein glänzendes Zeugniß aus. Tas ist Der beste Beweis, Daß wir eine zweijährige Dienstzeit nicht brauchen, und Daß Das

Milizsystem mit seinen kurzen Übungen vollständig auSreichen würde Das Mil'zsvstem ringt sich von selbst Durch; die ganze Ent­wickelung muß Dahm führen Aus dielen Standpunkt hat sich auch her Kommandeur De? achten franzonsckcn Armeekorps gestellt. Sr führte in einer Rede vorn September v I. aus, daß eine sechs- monatliche gut angewandte Ausbildungszeit zum Unteroffizier wie zum Leutnant hinreichend befähigen würde, und daß Industrie, Handel und Ackerbau von einer wichen Verkürzung der Dienstzeit die größten yorthede haben wurden. Unsere Reichsfinanzen zwingen und geradezu, das Milizsnstem einzuführen. Hundert« von Millionen wurden lahrlich dadurch gespart werden. Wenn Sie wollen, daß noch jemals auf kulturellem Gebiete in Deutschlank» etwas Bedeutsames geschehen soll, dann müssen Sie zunächst ein­mal die Lasten, hie uns der Militarismus auferlegt, herabinindern. Anders werden wir niemals einen allgemeinen wirthsckasttichen Wohlstand erreichen (Beifall bet Den Sozialdemokraten.)

Abg. v Tiedemann (frcikons.): Ich will hier nicht auf Dal Duell eingehen, über das wir uns ja noch genugsam unterhalten werden. Bisher haben wir, je mehr Reden hier gegen das Duell gehalten wurden, umsomehr Duelle gehabt. Das Duell wird nicht eher aufhörcn, als bis der germanische Ehrbegriff auSgerottet ist.

Herr Backern beklagte sich über dieVerleumdung" der Jesu­iten. Ich möchte hier Daran erinnern, daß blödsinnigere Ser* IcuDungcn nicht ausgetischt worden sind, als gegen den Freimaurer- Orden. Die Meldung, daß in die kleineren Städte des Osten- mehr Garnisonen gelegt werden sollen, hat im Osten große Be­friedigung heroorgerufcn.

Abg. Gras Roon (kons.): Unser Fraktionsgenoste v. Levctzow hat unsere Stellung zu dem Duell klargelegt. Wir erklären, daß das Duell gegen göttliche und menschliche Gebote verstößt. So lange aber die Sünde nicht aus der Welt geschafft ist. wird das Duell nicht aufhörcn, (Lachen links ) namentlich, wo wir für Ehrab­schneidungen viel zu geringe Strafen haben. Wir vermissen in der Resolution Lenzniann eine Andeutung darüber, daß ein solches Korrelar, die Verschärfung der BeleidigimgSstrafen, mit der schär­feren Verfolgung deS Duells Hand in Hand gehen soll; deshalb können wir der Resolution nicht zustimmen. Der Duellant will nicht Rache üben, sondern beweisen, daß ihm die Ehre über das Leben geht. Das ist der Sinn des Duells. Ich verthcidige durch­aus nicht daS Duell, aber scharfe Strafen können das Duell nicht ausrotten, selbst die Todesstrafe hat das ja nicht vermocht. Wir wünschen, daß zu (Expropriationen von Bauern nur in den allcrseltenstcn Fällen geschritten werde. Dem Hauptmann v. Mar­schall kann meines Erachtens kein so schwerer Vorwurf gemacht werden. Mit der Sozialdemokratie, Die Herr Bebel in dieser Be­ziehung mit den Jesuiten in Parallele setzte, liegt die Sache doch anbcrS. Daß hie Soldaten vor den Sozialdemokraten gewarnt 'werden, wird, so Gott will, immer so bleiben. Weshalb Herr Bebel seine Freude daran hat, die schmutzige Wäsche der Arme« vor ganz Deutschland und Europa zu waschen, begreife ich nicht. Ich kann cs mir nur so erklären, daß er Alles thun will, waS der Armee nicht nützlich ist. Ich glaube, Herr Bebel verwendete seinen großen Fleiß und seine bewundernswürdige Beredtsamkeit besser auf eine andere Sache. Herr Bebel hat sich als Neorgani-- fator der Armee aufgcspielt. Wenn der selige Scharnhorst ihn gehört hätte, würde er sich im Grabe herumdrehen. Ich bc» greife auch nicht, weshalb Herr Bebel so großen Respekt vor ctloafl Gedrucktem und vor einfcitigen Darstellungen hat. Herr Bebel hat auch die Aeußerungen französischer Offiziere citirt. Ja, was inter- effirt Denn uns das? Die Miliz toürDc unser SanD wehrlos machen und außerdem ungeheure Kosten verursachen. Drei glorreiche Kriege haben gezeigt, daß die Grundlage unsere- Militärwesens Die richtige ist. (Beifall rechts.)

Preussischer Kriegsminister von Göhler: Nach der ruhigen Art und Weise, wie der Abg. Bebel heute seinen Vortrag hielt, war ich zuerst im Zweifel, ob ich antworten sollte. Nachdem ich mir aber meine Notizen durchgesehen habe, halte ich mich doch zu einigen Berichtigungen für verpflichtet.

Es ist durchaus richtig, daß in die Städte Wreschen unb Schlimmen 2 Bataillone gelegt werden sollen; sobald Unterkunft für sie geschaffen" ist, sollen sie dorthin transportirt werden. Wir haben uns dazu entschlossen, weil Die ganze Bevölkerung der Pro­vinz Posen Garnisonen für die kleineren Städte wünscht, weil die preußische Regierung, das preußische Abgeordnetenhaus, weil über­haupt sämmtliche Stellen denselben dringenden Wunsch haben. Unb zwar wird gewünscht, daß wir möglichst bald vorgehen. Die Unter« fünft in Wreschen und Schrimm soll zunächst provisorisch feing es ist richtig, daß dort Baracken gebaut werden. Im Etat findet sich eine Position hierüber nicht. Die Kosten wollen wir, wenn eS irgend geht, aus den laufenden Mitteln beftreiten. ES fragt sich ferner, ob nicht Preußen, in dessen Interesse die Verlegung wesent­lich gcscksieht, einen Beitrag zu den Kosten giebt. Ich habe durch­aus feine Veranlassung, in der Sache irgend etwas zu verheim­lichen, aber eine bestimmte Antwort auf die Kosten kann ich noch nicht geben. Ob ein Nachttagsetat eingebracht werden muh, hat Dal Rcichsschatzamt zu entscheiden; ich hoffe, daß wir die Kosten auS den laufenden Ausgaben decken können; eventuell werden wir eine Etatsüberschreitung anmelden.

Der Leutnant v. Hollmann hat in Sonderburg allerdings einen E^zeß verübt. Es ist festgestellt worden, daß er dabei momentan geistig gestört war. Im Falle Stietenkron haben Militär- und Civil- gericht übereinstimmend angenommen, daß der Fall der Noth wehr vorlag. Nun hat Stietenkron nach der Meinung des CivilgerichtS das Nothwehrrecht überschritten. Auf den Fall Luthmer will ich mich auch nicht weiter einlassen. Die Broschüre habe ich eingehend ge­lesen. DaS Kriegsgericht hatte in seinem Urtheil Unvorsichtigkeit des Hauptmanns Luthmer festgestellt. Das Urtheil deS CivilgerichtS Hal das nicht ausgesprochen; aus der Begründung deS UrtheilS geht aber hervor, daß auch das Cwilgericht zum Mindesten Unvocsichtig- feit angenommen hat.

Die Zahl der Mißhandlungen ist nicht gestiegen. Den Anstrengungen der Vorgesetzten und dem ernsten Willen deS Kriegs­herrn ist es zuzuschreiben, daß die Mißhandlungen immer mehr abnehmen UevrigenS konnten früher leichtere Fälle von Miß­handlungen disziplinarisch beftraft werden ; heute wird jeder Schlag und Stoß, auch der leichteste, kriegsgerichtlich bestraft DaS ist ein außerordentliches Hemmniß für die Handhabung der Disziplin. Wenn Jemand in solchen Fällen auf der Stelle disziplinarisch beftraft wird, so macht das vielmehr Eindruck, als wenn erst noch lange Schreibereien kommen. Ich glaube, hier wäre es besser bei der früheren Bestimmung geblieben. Die Zahl der Bestrafungen ent­spricht jetzt ungefähr der Zahl der Bataillone in Der Armee; ich glaube das ist feine hohe Zahl. Der ernste Wille, die Miß­handlungen zu befeitigen, den sogar die Sozialdemokraten anerkannt haben, ist an allen Stellen vorhanden. Es wird kein Fall fonftatirt werden können, in dem nicht streng nach dem Gesetz gehandelt und beftraft worden wäre. Ich will noch hinzufügen, daß die Ausbildung der Truppen sehr erschwert wird durch die große Zahl der Vorbestraften Es ist leicht, den auSzu- bilden, für den der Dienst eine ehrenvolle Sache ist. Wo diese