Tempo vorwärts, wie Tein (tnletet Staat. Gegenüber dcr )cpigcn Krise aber ist cs zunächst Ausgabe dcö Reichs, Arbeitsgelegenheit zu schaffen. Das ist unser Bestreben, und ebenso gchcu Preußen, die anderen Bundcsstaarcn unb zahlreiche Äonununcn vor. Ich glaube, daß es bei gemeinsamer Arbeit aller, die liier in Betracht kommen, möglich sein wird, über die jetzige Krise ohne allzu schwere Schädigungen hinlvegzukommen. (Beifall.)
Auf Antrag bco Abg. Singer ISoz.) wird cinninunig die Besprechung der Interpellation beschlossen.
Abg. Dr. Hitze (Ett.): Das Verdienst, die Interpellation ein-- tzcbracht zu haben, gebührt nichr den Sozialdemokraten. Auch wir batten diese Absicht, sind aber aus Höflichkeitsgründen zurückge- treten. Die Antwort des Staatssekretärs war zu erlvarten, sie konnte nach Lage der Dinge hauptsächlich nur au5 Referaten bestehen. Doch meine ich, daß der Staatssekretär die Sache etwas zu optimistisch ansicht, in -Wirklichkeit ist die Lage ungünstiger. Ob die Krisis schon ihren Höhepunkt überschritten hat, wer mag cS wissen? Jedenfalls müssen die bctbciligten Faktoren alles thun, um zu helfen. Auf dem Wege der Armenpflege allein kann keine Abhilfe geschaffen werden. Anerkannt muß werden, daß die Arbeitgeber heute rücksichtsvoller vorgehen als früher, sie schreiten nicht gleich zu Entlassungen, sondern führen Arbcitsreduktionen und Thcilschichten ein. Ich möchte Vorschlägen, vor Allem Nothstandslommissionen zu ernennen, die die Verhältnisse untersuchen und die Hilfeleistungen regeln. Tic Einzelstaatcn, die Provinzen, die Kommunen müssen Eingreifen und Nothstandsarbcitcn in Angpiff nehmen. Wenn der Eisenbahnminister jetzt baut, kommen ihm die billigen Eisenpreise zu Gute. Der Schwerpunkt liegt in den Kommunen. Kanalisationen und Straßen müssen gebaut, Flüsse reguhrt werden. Wenn man Wohnungen baut, tritt man auch der Wohnungsnoth entgegen. Auch ist der Vorschlag gemacht, die Lüneburger Haide zu bebauen. Eine wichtige sozialpolitische Aufgabe wäre die Organisation des Arbeitsnachweises, um die Arbeitsgelegenheit nach Möglichkeit auszunutzen. Wie schön wäre es z. B., toenn auf jedem Postamt ein Vcrzcichniß aufläge, wo Arbeiter gesucht würden. Dem Arbeitsnachweis zur Seite gestellt werden müßten Natural-Verpfleguugs- stationen, deren Kosten den Kreisen zufielen. Um einem Mißbrauch -orzubeugen, könnte man den Legitimationszwang einführen. Man sagt, die Ueberproduktiou, die Anarchie der Produktion, habe die Krisis verschärft und man müsse dem cutgcgentreten. Aber- Krisen sind keine Naturereignisse, die man nach bestimmten Regeln bekämpfen kann. Die meisten sozialdemokratischen Vorschläge zur Regelung der Konsumption upd Produ Ilion erinnern an den sozial-
oemakratischen Zwangsraai oer Kasernen. Durch die Karrcllc uno Syndikate kann zwar eine Stetigkeit der Produktion, der Preise und der Löhne herbeigeführt werden, doch besteht die Gefahr, daß sie ihre A.'a^ot miß'".auchen. Das haben sic auch gcthan, ich erinnere Sic an die hohen v.ei-r.ns und Cisenpreise. Es wird daher die Frage der Syndikate und dic cv. gesetzgeberischen Maßnahmeil zu untersuchen sein. Von Nutzen sein würde eine Besserung der Produkrions- statistik, der wirthschaftliche Ausschuß könnte Sturmzeichen loslassen, wenn wieder eine Krisis droht. Bei der Krisis von 1873 schlug man im Abgeordnetcnhause eine Reduktion der Löhne vor; einen solchen Vorschlag har man jetzt zu meiner Freude von keiner Seite gemacht. Die Laudivirthschafr muß lebensfähig erhalten werden, denn was sollte wohl werden, wenn auch die 6 Millionen landwirth- schaftlichcr Arbeiter sich der Industrie zuwenden würden. Tie beste Sorge für die '.Arbeiter ist jedenfalls die Arbeitslosen-Versichcrung. In guten Jahren würde ein Fonds dafür gesammelt werden müssen. Die Versicherung müßte durch das ganze Reich gehen und angc- schlossen werden an die einzelnen Berufe. Ein Zusammenwerfen der Berufe ist unmöglich. s2(uf die Nothwendigkeit der Arbeiterkammern habe ich schon oft hingewiesen. (Beifall im Gentrum.)
Abg. Goth ein (frcis. Vgg.): Ich meine, daß die Arbeitslosigkeit größer ist, als es aus dem statistischen Nachweis hervorgeht. Mir ist mitgetheilt, daß große Eisenwerke nur ein Drittel der vorjährigen Arbeiter beschäftigen, an anderen Werken hat man eine bedeute nde Lohnredukrion vorgenommcn. Nach dem Organe der Agrarier soll dic Börse an allem schuld fein, das Publikum müsse Renten laufen und keine Indnstriepapicrc, wenn es sich vor Verlusten schützen wolle. Ein solcher Rath — auch Graf Posadowsky gab ihn heute — kommt nach jeder Krisis. Aber wir haben erlebt, daß bei großem Andrang zum Rentenmarlt dic Renten stiegen und überall Konversionen und Zinsvcrluste dic Folge waren, so daß das Publikum sich doch wieder besser verzinslichen Papieren zuweirdete. Redner legt ausführlich dar, wie unsere Industrie sich im letzten Jahrzehnt entwickelt hätte und wie die Ueberproduktiou entstanden sei. Die Kartelle haben nur verschärfend gewirkt, das Rezept Bebels, die Kohlengruben zu verstaatlichen, würde nichts nützen. Wir sehen es ja an den Eisenbahnen, sic werden nur als Finanz- gucllc benutzt unb keineswegs als Institute, die dem öffentlichen Interesse dienen. Es mutz eine Konkurrenz fein, um die Wirkung der Kartelle zu brechen. Die Konkurrenz fehlt aber, wenn wir auch ein Kohlcnmouopol fchaffen. Mit dem Bankschwindel hat die Börse nichts zu thun. Der größte Schwindel wurde getrieben mit Papieren, die von der Börse zurückgewiescn wurden, z. B. den Treber-Mien. Gerade wenn die Oeffcntlichkeit
j der Börse scylt, wirken solche Verhältnisse um so schlimmer. Unsere Industrie ist gesund, wir wirthschaften jetzt weit solider, als 1873. Das Wichtige ist jetzt, Arbeit zu schaffen. Leider wird der Kanal erst „seiner Zeit" wieder kommen. Ich weiß nicht, was Graf Bülow darunter versteht, hoffentlich wird es nicht Jahre dauern. Hätten wir jetzt den Kanal, dann könnten wir Tausenden Arbeit schaffen, und die zu schaffen, das ist nicht nur Pflicht der Kommunen, sondern auch des Staates. Man muß aber nur solche Anlagen schaffen, die volkswirthschaftlich nöthig und vernünftig sind. In Schlesien sind einzelne Gemeinden nothleidend geworden, weil sie Straßen gebaut haben, die an Unterhaltungskosten und Zinsen mehr verschlingen, als sie Werth sind. Für volkswirthschaftlich vernünftige Ausgaben werden wir stets zu haben sein. Den Vorschlag eines Reichsarbeitsamtes unterstützen wir, wir haben ja sogar einen entsprechenden Antrag eingebracht. Aber man darf nicht gesetzgeberische Maßnahmen tteffen, die unsere Erporttndusttic schädigen, wie es bicSIgraricr Vorschlägen. DasElend wäre ja garnicht anS- nldenken, wenn wir unsere Exporttndnstrie nicht hätten. Was eine dauernde Besserung noch fernhält, ist die Unsicherheit unserer Handelsbeziehungen. Geld ist genug da, aber das Vertrauen fehlt. Handel unb Jnbustrie haben eine Tobesangst vor dem Zolltarif, da sie glauben, daß wir nicht mehr zu so guten Handelsverträgen kommen, als wir sie jetzt haben. Sie meinen, daß wir jetzt mit unserm autonomen Tarif weit besser fahren werden, als mit dem neuen Taris und seinem Minimaltarif für Getreide. So lange die Unsicherheit nicht aus der Welt geschafft ist, kann keine Bessertlng erfolgen. Nicht eine Vertheuernngspolitik müssen wir cinschlagen, sondern eine Politik zur Erleichterung des Verkehrs. (Beifall links.)
Hierauf wird ein Vertagungsantrag angenommen.
Präsident Graf Ballcstrcnt: Ich möchte Ihnen zunächst meine Intentionen für die nächsten Tage mittbeilen. Wenn ich die reichhaltige Rednerliste ansehe, glaube ich nicht, daß wir morgen noch mit den, allerdings sehr wichtigen, Interpellationen fertig werden, wir müssen die Berathung auch Wohl noch auf Montag ansdehnen. Für Dienstag will ich mir erlauben, an erster Stelle die noch ausstehenden Wahlprüfungen auf die Tagesordnung zu setzen.
Nächste Sitzung: Sonnabend 1 Uhr (Fortsetzung der heutigen Berathung). *
Schluß 6^ Uhr.
Voiitischt Tagesschau.
Die deutsche Sozialdemokratie und der Alkohol.
Während in der Schweiz, und anderen Ländern auch fettens der sozialdemokratischen Arbeiterschaft der Kamps gegen den Alkohol ausgenommen ift, stellt sich die deutsche Parteileitung ablehnend zu diesem Kamps. Mit völliger Ossenheit schreiben die „Sozialistischen Monatshefte":
„Zur Zeit liegen die Verhältnisse so, daß es für die Sozialdemokratie gar kein größeres Unglück geben tonnte, als wenn alle Parteigenossen Abstinenzler würden. Ihre Gegnerschaft gegen Wein, Bier, Schnaps würde sie veranlassen, die Wirtschaften $u meiden, wodurch sie die Fühlung mit ihren Freunden und den Einfluß auf chre indifferenten Kollegen Der liieren würden......
Die Wirte, die Versammlungssäle besitzen, würden den mäßigen Selterwasser- und Kaffeetrinkerri bald ihre Gunst entziehen. Im Umsehen säßen wir auf der Straße, und die soziale Frage wäre gelöst — im Sinne der Scharfmacher".
Es ist traurig, daß die Sozialdemokratie die Sklaverei des Alkohols mit Fleiß erhalten will um der eigenen Parteizwecke willen. Aber haben die anderen Parteien etwa ein Recht, mit Steinen nach den Sozialdemokraten zu werfen? Welche Schritte haben sie denn gethan, um die Kettett des Mohols zu brechen, unter denen unser deutsches Volk schmach-tet?
Aus Stadt und Zand.
(Der Abdruckder uMer dieser Rubrik besindlichen Original-Nachrichten ist nur unter genauer Quellenangabe: „Gieß. Anz." gestattet.)
Gießen, 18. Januar 1902.
** Uebcr das Krankenkassenwesen im Grohherzogtnm Hessen. Einer statistischen Zusammenstellung über das Krankenkaffenwesen im Großh. Hessen vom Jahre 1899 eutnehmen wir, daß in diesem Jahre sich im Großherzogtiim 1007 Krankenkassen befanden; 609 haben mit einer Ueberschuß-Cinnahme und 398 mit einer die Einnahme übersteigenden Ausgabe gewirtschaftet. Die Gesamteinnahmc aller Krankenkassen betrug 4,269,909 Mk., darunter 3,492,999 Mk. Beiträge der Arbeitgeber und der Arbeitnehmer. Die Gesammtausgaben beliefen sich auf 3,992,745 DU. und kamen davon an Krankheits- kosten allein 3,168,193 Mk. Das Reinvermögen der Kaffen beträgt 3,269,164 Mk. Von der Gesamtzahl der Kaffen gehörten der Provinz Starkenburg 394, eben so viel der Provinz Oberhessen, 219 der Provinz Rheinhessen an, während im Jahre vorher die betreffenden Zahlen 393 bezw. 389 und 221 betrugen. Die Zahl der Mitglieder war im Durchschnitt des JahreS 1899 im Großherzogtiim 221,264, gegen 214,262 im Jahre 1898. Es kommen mithin im Berichtsjahre 1899 auf 100000 Einwohner durchschnittlich 91,8 Kassen, gegen 93,3 im Vorjahr.
w. Reichelsheim i. d. W., 17. Jan. Eine für das untere Horloffihal sehr wichtige Arbeit geht jetzt ihrem Ende entgegen: Tie Regelung der Horloff von hier bis zur Einmündung in die Nidda. Der Beweggrund zur Anlage war der, das große Wiesenthal zwischen ihr und der Flutbach gegen un- zeitige Sommerüberflutungen zu schützen; auch wird durch Kürzung und Streckung des Laufes Gelände gewonnen. Die Länge des neuen Bettes beträgt rund 3500 Meter unb ift über 1000 Meter kürzer als das alte. Es wurden bei der Arbeit rund 100 000 Kubikmeter Erde bewegt, was einen Kostenaufwand von über 7000 Mark erforderte. Die Aus- führung der Pläne und die technische Leitung lagen in den Händen der Kultitrinspektion Friedberg; die Unternehmer waren die Herren Jockel in Steinfurth und Glaub in Gettenau, die einen großen Teil der Arbeiten durch einen italienischen Subunternehmer ausführen ließen. Es waren zeitweise 200 Arbeiter beschäftigt, und z. Z. sinden noch ca. 60 Arbeiter auf Wochen hinaus lohnenden Verdienst. Die Hälfte der Arbetter waren Italiener und Kroaten, die zum größten Teil hier wohnten und einen großen Teil ihres Lohnes hier wieder ausgaben. Die Arbeiten begannen im Juni v. I. und am 24. Dez. konnte das Wasser in den neuen Schlauch eingelassen werden. Zu den Kosten trägt der Staat ein Drittel bei, der Reit wird auf die ausführenden Gemeinden Reichelsheim,
Ober- und Nieder-Florstadt nach dem Verhältnis der Flüß- tängc in ihren Feldmarkungen ausgeschlagen. Der neue Bach bildet die Kulturgrenze zwischen Ackerland und Wiesen. Die Dämme sind systematisch so erhöht, daß mit Sicherheit das größte Hochwasser znrückgehalten wird. Die notwendigen in ihn einmündenden Schutzgräben werden am Ende in weite Rohre gefaßt, die mit Rückschlagventilen geschlossen sind, sodaß das Wasser wohl aus ihnen austreten, bei Hochwasser aber keins von der Horloff aus in sie einbringen kann. Ein großer Uebelsland ist durch die Arbeiten für den viel benutzten Fußpfad von Leidhecken her entstanden. Er führte an den sunrpfigsten Stellen auf dem alten Horloffdamme hin, der aber jetzt beseitigt ist, weil man mit der Erde davon das alte Flußbett füllte. Gegenwärtig ist hier kaum durchzukommen. Es wäre hier eine Wegverbesserung sehr am Platz.
Vermischtes.
* Berlin, 17. Jan. Nach den bisherigen Ermittelungen belaufen sich die Unterschlagungen des verhafteten Rechtsanwalts und Notars Gustav F l a t o w auf 80 000 Mart. Der Bureau-Vorsteher hat seit sieben Monaten kein Gehatt bekommen, und auf ein Vierteljahr die Bureaumiete aus seiner Tasche bezahlt. Die übrigen Angestellten haben nur ein Monatsgehalt zu bekommen. Deckung ist für den Fehlbetrag nicht vorhanden.
* H a n n o v e r, 17. Jan. Das Duell zwischen Landrat v- Bennigsen und Domänenpächter Falkenhagen fand gestern vormittag im Gehölz, unweit des kaiserlichen Jagdschlosses Saupark bei Springe statt, v. Bennigsen ist seit ca. acht Jahren Landrat des Kreises Springe. Da er als solcher Chef der Gendarmerie des Kreises ist, so waren die Gendarmen nicht zur Stelle, zumal die Angelegenheit sehr geheim gehalten wurde, v. Bennigsen, ist verheiratet mit der Tochter des früheren Domänen-' Pächters v. Schnehen. Diese soll die Ursache zu dem Duell gegeben haben. Landrat v. Bennigsen stellte Falkenhagen m einer Angelegenheit, in der Frau v. Bennigsen ver- wickelt sein soll, zur Rede. Dieser Auseinandersetzung folgte die Forderung. Dem Duell wohnte der Bruder des Herrn v. Bennigsen und ein Arzt bei. v. Bennigsen erhiä bei dem ersten Kugelwechsel einen Schuß in den Unterleib, der ihn kampfunfähig machte. Man schaffte den Verletzten in einem Tragkorbe zur Station Springe, von wo er mit dem Mittagzug in Begleitung des Bruders und des Arztes nach Hannover, überführt wurde. Auf der Station nahm der Vater des Landrats, Oberpräsident Dr. Rudolf v. Bennigsen, in dem Wagen Platz und begleitete seinen Sohn nach Hannover. — Eine andere Akeld- ung teilt noch folgendes mit: Oberförster Zimmer aus Saupark fungierte als Kartellträger für Bennigsen. Die Forderung lautete auf dreimaligen Kugelwechsel auf zehn Schritte Distance. Der Sekundant Bennigsens war Assessor von Langwerth-Simmern, während für Falkenhagen dessen Schwager fungierte. Frau Landrat v. Bennigsen hatte bereits am Dienstag vor dem Duell das Haus verlassen, um zu ihrer Schwester nach Leipzig zu fahren. Die fünf Kinder des Landrates wurden auf das Gut des Großvaters nach Bennigsen gebracht-
* Triest, 18. Jan. Prinz Adalbert von Preußen uahm gestern abend an einem Diner teil, das der Seebezirkskommandant Kontreadmiral Kneißler v- Maixdorf ihm zu Ehren gab-
* Marburg (Steiermark), 17. Jan. Das hiesige Stadttheater ist niedergebrannt. Sämtliche korationeu und Kostüme wurden vernichtet-
* Eine hübsche Kleinbahn geschichte spielt- ich dieser Tage auf dem Bahnhof von Schönhausen in der Altmark ab- Zn einem Schneidermeister kam ein Herr von außerhalb, um sich Maß zu einem Beinkleid nehmen zu lassen. Der Meister war indes nicht zu Hause; er hatte sich entfernt, um nach des Tages Last und Mühen Erholung bei einem Glase Bier zu suchen- Damit nun das Geschäft nicht verloren ginge, erbot sich die Frau des Meisters, chren Mann schleunigst herbeizuholen. Bevor ie ihn antraf, mußte sie mehrere Schanklokale auf- uchen, und als der Meister in seine Behausung zurückehrte, hatte der Kunde, des Martens müde, sich bereits entfernt, um mit dem nächsten Zuge abzufahren Trotzdem gab der Meister die Sache nicht auf; er lief geschwind Aiim Bahnhof, wo der Zlia zur Abfahrt bereit
stand- Aus sein inständiges Bitten ließ der Zugführer den Eisenbahnzug indes noch so lange halten, vis der Schneider seinem Kunden Maß genommen hatte; Beide waren zu diesem Zweck in den Packwagen gestiegen
Wie Dr- Sigl Bayern 1886 bei Ein setzung der Regentschaft vor einer Revolution rettete, das wird in der „Pfälz. Rsch." wie folgt erzählt: „In der damaligen gefährlichen Bedrängnis war thatsächlich guter Rat selbst da teuer, wo man gemeiniglich mit Lächeln und glatten Redensarten über brennende Fragen hiuwegzuhuschen weiß- Es mußte eines Tages wirklich kein Ausweg anders mehr gefunden worden sein, so daß man sich zu dem letzten Mittel entschloß und — den Herausgeber, Verleger und verantwortlichen Redakteur des „Bayerischen Vaterlands", Dr- jur. Joh. Sigl dringend bat, all seinen Einfluß aufzuwenden, um drohendes Unheil zu verhüten! Thatsache ist, daß an jenem Tage ein königlicher Hofwagen vor dem Hause an der Dammstiftstraße hielt, in dessen Erdgeschoß die Gerbersche Druckerei und Setzerei des „Bayer- Vaterlandes", in dessen drittem Stock Dr. Sigl wohnte, und daß diesem Wagen, der damalige Flügeladjutant des Prinzregenten, Frhr. Freyschlag v. Freyenstein in voller Uniform entstieg, um sich zu Dr. Sigl zu begeben, den er mit den Worten um seine Hilfe bat: „Jetzt müssen Sie uns helfen, Herr Dr. Sigl, sonst —" 2c. rc. Und Dr. Sigl half! Von da an kamen die Beschwichtigungsartikel nach der Reihe, und nach und nach war wieder Friede im Lande. Der genannte Flügel- ad jutant hatte den chm gewordenen Auftrag allzu wörtlich genommen und, in der Hof- und Diplomatensprache noch ein vollkommener Neuling (der er auch bis zu seinem Tode „in den Sielen" mehr oder weniger geblieben ist) und eine gerade ehrliche Natur, hatte er gar nicht weiter darüber nachgedacht, ob es wohl im Interesse seines Auftraggebers sein könne, daß er mit allem Glanz seiner Würde diesen Kanossa-Gang that. Man hat Dr. Sigl niemals Bestechlichkeit vorwerfen können; aber er müßte kein Mensch gewesen sein, wenn er nicht die Schjwäche gehabt hätte, einem dringenden Bitten und Flehen gegenüber seinem Prinzips untreu zu werden. Allerdings hat sich Dr. Sigl „entsagungsvoll" der neuen Ordnung der Dinge angeschlossen. Aus seinem eigenen Munde tarnen die Morte: „Da nennen mich die Patrioten immer „regierungstreu"! Was heißt regierungstreu? Soll ich mir den Gipsköpfen zu Liebe wieder das Maul verbrennen? Gelt, damals, 1886, wie der Regierung der Karren im 2 . . . gesteckt ist, da haben sie mich finden können, damtt ich ihnen Helf', ihn wieder herauszuziehen — aber heute, wenn sich wieder eine Gelegenheit fände, thäten sie mich sofort wieder auf sechs Monat ins Zellengesängnis! Vkir ist meine Haut doch lieber als die Anerkennung bet Herren Patrioten — meinetwegen, so bin ich halt „regierungstreu"!" Von da an waren auch Regentschaft und Ministerium ein nott me tangere für Dr. Sigl, und die staatsgefährlichen, für den Staatsanwalt interessanten Es- kurse sind für die Zukunft aus dem Inhalte des „Bayerischen Vaterlandes" ausgeschieden.
* Unwetter. Seit dem 12. d. M. wütet in einem großen Teile Ungarns ein heftiges Unwetter. Der Sturm richtet an Gebäuden großen Schaden an. Zahlreiche Unglücksfälle werden gemeldet- In ganz Galizien herrscht kolossaler Schneefall- Die Bahnverbindungen sind stellenweise gestört, die Verbindungen mit Rußland voll- ständig unterbrochen-
Neucfte Meldungen.
Originaldrahtmeldungen des Gießener Anzeigers.
Hannover, 18. Jan. Landrat v. Bennigsen ist gestern abend infolge der im Duell erhaltenen Wunden bier gestorben.
Berlin, 17. Jan. Die Zolltarifkommission des Reichstags beriet heute den § 5 (Aufzählung der vom Zoll befreiten Gegenstände) und nahm die ersten sechs Ziffern desselben nach der Vorlage mit unwesentlichen Aenderungen, unter Ablehnung einer Anzahl Abänderungs- an träge, an.
Kopenhagen, 18. Jan. Die norwegische Bark Arad Speed, von London nach Ehristiania unterwegs, ist mit der ganzen aus 12 Mann bestehenden Besatzung in der Nordsee untergegangen.
Eisleben, 18. Jan. In der Volkstetter Gemarkung haben mehrere heftige Erdstöße stattgefunden.


