Ausgabe 
18.1.1902 Viertes Blatt
 
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152. Jahrg

Nr. 15

General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen

Verantwortlich für den allgemeinen Teil: P. Wittko; für den Anzeigenteil: H. Beck.

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Unioersitätsdruckerei (Pielfch Erben), Gießen.

auch bcS*

Ein Blatt

Erscheint tSglich mit Ausnahme des Sonntags.

DieSiehrner Zamtlienbtätter" werden dem Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der hessische Landwirt" erscheint monatlich einmal.

verlangen das Verbot der Arbeit von Kindern unter 14 Jahren. Auch die staarliche Regelung des Arbeitsnachweises darf nicht länger aufgeschobcn werden. Warten wir dqch schon 17 Jahre darauf! Ferner verlangen wir, daß die Frauenarbeit nach Möglichkeit ein­geschränkt wird. Es darf nicht so gehen, wie es Herr Schlumberger wünscht, mit dessen Auftreten selbst wohl nicht alle National-Libe­ralen einverstanden waren. Industrien, die so schlecht bezahlen, daß ein Mann trotz zehnstündiger Arbeit seine Familie nicht ernähren kann, dürfen nicht länger geschützt werden. An der Krisis sind die Arbeiter am schuldlosesten, deshalb hat das Reich auch die Ver­pflichtung, sich der Arbeiter anzunehmen. Man darf sie nicht auf die Unterstützung der Gemeinden anweisen, denn dadurch verlieren die Arbeiter ihre politischen Rechte. Wenn man nur vier Prozent von dem Einkommen der Millionäre nähme, würde man die Ar­beitslosen ausreichend unterstützen können, ohne die Millionäre irgendwie zu schädigen. Das Organ des Herrn Krupp freilich, der allein bei den Panzerplatten 80 Millionen verdient hat, macht den Vorschlag, die Arbeiter selbst heranzuziehen. Das ist der nackteste Vorschlag, der jemals gemacht ist, die Schuldlosen noch mehr unter der Krisis leiden zu lasten. Von anderer Seite wird eine Divi­dendensteuer vorgeschlagen. Dies beweist doch, doch selbst die Bourgeoisie den außerordentlichen Nothstand anerkennt. Deshalb sind auch schleunige Mittel nöthig. Vor Allem dürften die staat­lichenMusterbetriebe" jetzt keine Arbeiter entlassen, um die Ar­beitslosigkeit nicht noch zu vermehren. Ein Unternehmer hat die Frechheit gehabt, zum 1. Januar d. I. die Arbeitszeit von 10 auf 11 Stunden zu erhöhen und die Frühstücks- und Mittagspause zu nehmen. An der Regierung liegt es, jetzt zu zeigen, ob sie gegen­über den jetzigen Zuständen sich der Pflicht bewußt ist, helfend einzu­greifen. Wenn sie es nicht ist, so trage nicht ich die Verantwortung, sondern sie.

Staatssekretär Graf v. PosadowSky: Die Interpellation geht davon aus, daß gegenwärtig ein allgemeiner Nothstand in Deutsch­land vorhanden sei. Demgegenüber möchte ich Ihnen auf Grund des mir vorliegenden Materials die thatsächlichen Verhältnisse schildern.

Sobald sich die Krise in ihren Folgen für die Arbeiter bemerk­bar machte, habe ich mich an sämmtliche Staatsregierungen ge­wandt, um von ihnen, ebenso wie von den Reichsrestorts Auskunft über den Stand der Krise und den Umfang der Arbeitslosigkeit zu erhalten. Der Bericht der preußischen Regierung theilt mit, daß am stärksten die Eisen- und Metallindustrie durch die Konjunktur be­troffen sei, daß sich ferner in gedrückter Lage befänden die Maschi­nen-, Zement-, Holz-, Papier-Industrie, sowie auch die Zigarren­fabrikation und endlich das Baugewerbe. Arbeiterentlastungen würden nach Möglichkeit vermieden; bei Arbeitsmangel würde, so weit als möglich, nur für den regelmäßigen Abgang kein Ersatz ein­gestellt; auch suche man durch Abkürzung der Arbeitszeit Entlastun­gen entbehrlich zu machen. Im westfälischen Industriegebiet habe sich weniger die Arbeitslosigkeit als die Lohnherabsetzung fühlbar gemacht. Die Zahl der Berliner Arbeitslosen ist auf 7500 ge­schätzt, wozu aber noch die Arbeiter kommen, die keine feste sondern nur Gelegenheitsarbeit annehmen. Mit diesen Gelegenheitsarbeiterin und den Arbeitsscheuen beträgt die Zahl der Berliner Arbeitslosen vermuthlich etwa 15 000. Die Beiträge für die Invalidenversiche­rung und die Einzahlungen an die Sparkaste sind nicht erheblich zurückgegangen. Also nach dem preußischen Bericht kann in Preußen von einem allgemeinen Nothstand nicht die Rede sein.

Parlamentarische Verhandlungen.

Nachdruck ohne Vereinbarung nicht gestattet.

Deutscher Reichstag.

120. Sitzung vom 17. Januar. 1 Uhr.

DaS Haus ist schwach besetzt. .

Am Bundesrathstisch-: Graf Posadowsky u. A.

Bor Eintritt in die Tagesordnung erklärt der

bairische Generalmajor von Endres: Ich kann jetzt eine Bemer­kung, die der Abg. Dr. Heine am Schluß der gestrigen Sitzung machte, richtig stellen. Unser Kriegsminister hat auf die Anfrage des Abg Nißler in der bairischen Stammel", ob denn die Erhebung über die Lage der Invaliden von 70/71 schon im Gange sei, nicht er­widert, ihm sei von der Sache überhaupt nichts bekannt. Der Kriegs­minister sagte vielmehr nach Ausweis des stenographischen Berichtes: Ich bin nicht in der Lage, auf die Frage des Abg. Nißler Antwort zu geben, weil diese Angelegenheit zum Ressort des Ministers des Innern gehört." Der Kriegsminister hat sich also nicht auf Unkennt- niß zurückgezogen, sondern lediglich die Kompetenz betont.

Hierauf tritt das Haus in die Tagesordnung ein.

Der Gesetzentwurf über die Verlegung der d e u t s ch - d ä n i - schen Grenze in Ö er Norderau und Kjärmühlenau wird ohne Debatte in erster und zweiter Berathung genehmigt.

Die Ucbersicht derReichs-Ausgabenund Einnah- nahmen für 1899 wird debattenlos in zweiter Berathung er­ledigt. Die Etatsüberschreitungen im Betrage von 47 415 790 Mk. werden genehmigt.

Hierzu wird folgende Resolution angenommen:

Tie verbündeten Regierungen zu ersuchen, der Teckungsklau- sel für Schiffsbautcn Etat für die kaiserliche Marine, einmalige Ausgaben, ordentlicher Etat wie folgt lautend:Die für den Bau und Umbau von Schiffen bewilligten Geldmittel sind unter­einander und mit den bereits durch frühere Etats für den gleichen Zweck bewilligten Summen deckungsfähig", künftig hinzuzu- fügcn:jedoch nicht länger als drei Jahre nach Bewilligung der Schlußrate".

Es folgt die Verlesung folgender Interpellation Albrecht und Gen. (Soz.):

Welche Maßregeln gedenkt der Reichskanzler zu ergreifen, um den Folgen der wirthschaftlichen Krisis, die sich in Bctriebseinschränlungen, Lohnkürzungen und vornehmlich in Arbeiterentlastungen bemerkbar machen, zu begegnen und dem dadurch hcrvorgcrufenen Nothstand weiter Volksschichten ent­gegenzuwirken?

Staatssekretär Graf v. PosadowSky erklärt sich bereit, die Inter­pellation sofort zu beantworten.

Zur Begründung der Interpellation erhält das Wort

Abg. Zubeil (Soz.): Die jetzige wirthschaftliche Krise hat einen ungeheuren Umfang angenommen. Zunächst hat der südafrikanische Krieg unsere Industrie erheblich geschädigt; der chinesische Krieg schlug dann dem Faß den Boden aus; dazu kam der Bankkrach, der Die Krise beschleunigte, die aber auch sonst ausgebrochen wäre. Schon im Jahre 1895 während der Aufschwungsperiode, als wir unsere Nothstands-Jnterpellation einbrachten, wurde festgestellt, daß wir damals, mindestens eine halbe Million Arbeitslose hatten. Das hätte die Regierung zu einem energischen Eingreifen veranlassen sollen. Statt besten hat sie bis zur Stunde auch nicht die geringsten Maßnahmen getroffen. Vor einiger Zeit war von Erhebungen die Rede, die über die Arbeitslosigkeit veranstaltet werden sollten. Was ist daraus geworden? Man hat bei allen möglichen Leuten Er­hebungen gemacht, aber die Verbände, die am ersten in Betracht kommen müssen, die Arbeiterorganisationen, hat man nicht gefragt. Der Oberbürgermeister von Halle hat sogar in einer Besprechung mit dem Obcrpräsidenten von Bötticher und Großindustriellen die Arbeiter beschimpft, obgleich diese doch unschuldig an der Krise sind. Der Oberpräsident fühlte sich nicht bemüßigt, die Beschimpfung zu­rückzuweisen. Erst die Großindustriellen thaten das und erkannten das Bestehen des Nothstandes an. Trotzdein faßte Herr v. Bötticher das Ergebniß der Verhandlung dahin zusammen, daß in seinem Bezirk von einem außerordentlichen Nothstand nicht die Rede sein könne! In Frankfurt a. M. Ijat man für die Arbeitslosen 79 000 Mark bewilligt, und selbst von dieser winzigen Summe ist nur ein kleiner Theil verwendet worden. Die Arbeitslosenansammlungen in Frankfurt a. M. hatten durchaus nicht den Charakter von Kra- vallen; sie bekamen ihn erst durch das rücksichtslose Vorgehen der olizei, das einen Schrei der Entrüstung hervorgerufen hat. Und wie ist es in Berlin; Gehen Sie nur einmal Nachmittags in die Zimmerftraße, wo die Expeditionen der Zeitungen sind, und Sie werden sehen, daß von Tag zu Tag die Zahl der Arbeitsuchenden er­schreckend wächst. Das sind keinePennebrüder", sondern arbeit­same Leute, zum großen Theil Familienväter, die sich glücklich schätzen, toenn sie auch nur aus ein paar Tage Beschäftigung finden. Die Ansprüche, die an die Gewerkschaften gestellt werden, beweisen, wie ungeheuer die Arbeitsnoth innerhalb eines einzigen Jahres gewachsen ist. Die Summen für Arbeits- losen-Unterstützung sind außerordentlich gestiegen. Aber trotzdem nützen diese Unterstützungen nur wenig; sie schützen die Arbeiter nur vor der alleräußersten Noth. In der letzten Zeit war hier oft von dem Nothstand der Landwirthschast die Rede, und die Re­gierung hat sofort Mittel zur Abhilfe vorgeschlagen; hier, wo es sich um Hunderttausende von Arbeiterfamilien handelt, rührte weder die Negierung noch de Mehrhetspairteien die Hand. Wir verlangen ein­mal, daß das Reich selbst sofort Mittel bereit stellt und dann auch in diesem Sinne auf die Einzelstaaten einwirkt. Wir sind bereit, hier­für Hunderte von Millionen zu bewilligen. Dann verlangen wir ein Reichs-Arbeitsministerium. Ferner müssen die zweiten und dritten Raten für Bauten in allen Ressorts bewilligt werden, damit Arbeit geschaffen wird. Ferner ist ein Reichs-Arbeitsamt dringend nöthig. Bisher hat man den Arbeitern nur nothgedrungen gegeben, was man ihnen geben mußte. In der Sozialpolitik darf aber kein Still- stand eintreten. Dafür zu sorgen, muß die erste Sorge des Reichs- Arbeitsamtes fern. Man weiß ja nicht, wie lange die Krisis an- halien toirb. Es ist nothwendig, daß die Arbeiter-Organisationen Wetter ausgebaitt werden, daß sie als mit den Unternehmerverbänden gleichberechtigte Organisationen anerkannt werden. Statt besten hat man Strafen über Strafen über die Leiter der Organisationen verhängt. Es müssen auch Erhebungen über die Zahl ausländischer Arbeiter gemacht werden. Gewiß sind wir international, aber es kann uns nicht gleicfigiltig sein, wenn die Früchte unserer heißen Kämpfe dadurch illusorisch gemacht werden, daß ausländische Ar- better durch falsche Versprechungen hierher gezogen werden. (Sehr nichtig! bei den Sozialdemokraten.) Weshalb werden bei dem Teltow-Kanal in der Mehrzahl ausländische Arbeiter beschäftigt? Auch stber den verheerenden Einfluß der Kartelle und Syndikate muß das Arbeitsamt Erhebungen anstellen. Wir verlangen den : allgemeinen Maximalarbeitstag von 10 Stunden, da wir zunächst den achtstündigen Arbeitstag noch nicht erreichen können; das andere : überlasten wir den Gewerkschaften. Durch eine vernünftige Be- i schränkung der Arbeitszeit wird zugleich die große Reservearmee 1 vermindert, die den Arbeiterbestrebungen ost so schädlich ist. Wir i

fügt, daß keine Lohnkürzungen in seinen Verwaltungen gemacht werden dürfen, alle Arbeiten sollen, soweit eS möglich ist, beschleunigt werden. Ebenso ist es auf den kaiserlichen Wersten, alle Schiffs- bauten sollen nach Möglichkeit gefördert werden, selbst solche, die für dieses Jahr noch nicht fertiggestellt werden sollten. Aber wir müssen dabei bleiben, daß die Sorge an erster Stelle den Einzelstaaten und den Kommunen überlassen bleibt. Das Reich kann nur helfen, soweit die Mittel bewilligt sind. Deshalb möchte ich dringend wünschen, daß der Etat möglichst bald verabschiedet wird, damit wir wissen, worüber wir verfügen können.

Es wird mir mitgetheilt in verschiedenen der erwähnten Berichte, daß die Krise wahrscheinlich ihren tiefsten Stand erreicht hat, und daß, wenn jetzt nicht Bestellungen in größerem Umfange eingehen, dies vielleicht auf spekulativen Momenten beruhe, um billige Preise bewilligt zu bekommen. Daraus, daß viele dringende Bestellungen einlaufen, glaubt man schließen zu können, daß die Läger geräumt sind. Die Arbeitslosenzählung, die ver­langt worden ist, ist eine der schwierigsten statistischen Aufgaben. Der verstorbene Direktor des Stattstischen Amtes, Dr. Scheel, der gewiß ein außerordentlich vorurtheilsfreier Mann und ein ausgezeichneter Statistiker war, führte noch vor Kurzem in einer Denkschrift aus, daß die Arbeitslosenzählung mit fast unüberwindlichen Schwierigkeiten verbunden sei. Ich per­sönlich bin auch überzeugt, daß die letzte Arbeitslosenzählung von 1895 ein sehr anfechtbares Material darstellt. Will man sich ein Urtheil über den Umfang der Arbeitslosigkeit bilden, so geht man, glaube ich. sicherer, wenn man in den einzelnen Kom­munen den Arbeitsmarkt beobachtet und sich hier ein Urtheil bildet, nicht unter Zuziehung der Polizei der

wird bei uns in Deutschland schon so viel zugemuthet (Sehr richtig!) sondern unter Zuziehung von Arbeitgebern und

Arbeitern, also der Leute, die hier wirklich Bescheid wissen. Ich habe bedauert, daß der Abg. Bebel abfällige Worte gefunden hat über die Schaffung der Abtheilung für Arbcitsstattstik. Ich meine, auch die Sozialdemokraten müßten zugeben, daß diese Einrichtung eine Verbesserung des bisherigen Zuftandes i-bcutet Diese Ab­theilung wird sehr wohl dazu beitragen können, uns über den Arbeitsmarkt und die wirthschaftliche Sagu au, dem Laufenden zu halten.

Woher kommt die jetzige Absatzkrise? Ich glaube, wesent­lich daher, daß in Zeiten steigender Konjunktur kolossale Kapitalien in Neuanlagen investtrt werden, au5 Speku- lattonszwecken, die dann selbstverständlich nicht ausgenutzt werden können, sobald die Konjunktur zurückgcht. Dann bleiben diese Arbeiter als menschliches Plankton auf dem Arbeitsmarkt. Die Krise hängt aber auch mit einer anderen Erscheinung zusammen, mit dem Zug in oie Großstadt. Es besteht ja leider auch in sehr viel höheren Gesellschaftskreisen die Anschauung, daß, wer einmal das Bild der Großstadt in sich aufgenommen hat, es als eine Deklassinina betrachtet, wenn er auf das Land ober in bie Kleinstabt gehen soll. Außerbem sind viele Arbeiter, wenn sie einmal länger in ber Fabrik waren, körperlich gar nicht mehr im Stanbe, in Wind unfr

Samstag, 18. Januar 1902

Eichener Anzeiger

; Wetter draußen auf dem Lande zu arbeiten; halb gehen sie nicht mehr aufs Land zurück.

hat kürzlich von meineragrarischen Weltanschauung" gesprochen, aus ber meine Stellung zum Zolltarif hervorgegangen sei. Nein, nicht aus einer agrarischen, fonbern aus einer sozialpolitischen Weltanschauung ist sie hervorgegangen. Man kann stcb nichts Drasttscheres beulen, als die graphische Darstellung des Wachslhurns der deutschen Großstädte, die auf der Pariser Ausstellung au finden war. Es ist kein ersteulicher Zustand, daß in unseren Groß­städten in Folge eines Aufschwungs, der in diesem Temvo gar nicht anhalten konnte, sich die Bevölkerung immer mehr massirt, anstatt sich gleichmäßig zu Vertheilen. Eine solche Vertheilung kann durch Polizeimaßregeln nicht erreicht werden. Ich sage ganz offen: ich halte jeden Versuch, die Freizügigkeit mittelbar ober unmittelbar zu beschränken, für vollkommen utopisch (Hört! aört I); in unserer Zeit mit ihren billigen Verkehrsmitteln läßt sich bas gar nicht burchführen. Wenn man bas platte Laud zu bem machen will, was es sein soll, zu bem großen Reservoir für unsere Bevölkerung überhaupt, bann geht bas nur badurch, haß man für bie Land- wirthschaft erträgliche Verhältnisse schoßl. Deshalb halte ich eS, wie ich schon bei ber Zollberathung anbeutete, für bringend er­wünscht, daß wir mit Ansiedelungen o.ich in anderen Landestheileu, in denen es bisher nicht geschieht, vergehen.

Der Abg. Arendt warf uns vor, daß wir nichts gethan hätten, um bie Ueberprobnktton zu mindern. Wie hätte die Regierung daS wohl anfangen sollen? In unserer Zeit kann man durch Polizei­maßregeln auf diesem Gebiet die persönliche Freiheit nicht ein- schränken. Auch in unserer Zeit ber sozialpolitischen Fürsorge muß seder bis zu einem gewissen Grabe bie Folgen feiner Hanblungen tragen unb man kann an bie In­dustrie nur bas dringende Ersuchen richten, auf Grund der gesammelten Erfahrungen recht vorsichttg zu sein, ehe sie mit Neuanlagen dem Strom der Absatzmöglichkeit folgt. Aber wenn Sie für die Arbeiter sorgen wollen, dann verbreiten Sie auch die Erkenntniß unter ihnen, daß es sehr gefährlich ist, den bisherigen sicheren, wenn auch vielleicht bescheidenen Arbeitsplatz zu verlassen, um, gelockt durch hohe Löhne in Zeiten der Hochkonjunktur, in die großen Städte zu sttömen. Der Arbeiter, der das macht, handell genau so wie der kleine Kapitalist, der sich durch hohe Zinsen ver­führen läßt, gewinnbringende aber unsichere Papiere zu kaufen.

Der Herr Interpellant verlangte eine staatliche ArbeitS- losenunter st ützung. Soweit man bisher mit ber Arbeits- lofenunterftüfcung Erfahrungen gemacht hat, auf sehr kleinem be­schranktem Gebiet, sind diese Erfahrungen nicht besonders gut. Und c§ giebt sogar Männer der Wissenschaft, die behaupten, die Arbeits­losigkeit könne überhaupt nicht Gegenstand einer Versicherung sein, weil der Eintritt des Versicherungsfalles in zu hohem Maße vom Willen des Versicherten abhänge. Immerhin muß man anerkennen, daß , cs außerordentlich wohlthätig wäre, wenn ein Mittel gefunden werden könnte, um in solchen Krisen Öen Arbeitslosen zu helfen. Die wissenschaftlichen Spezialisten für diese Fragen gehen in ihren Ansichten aber zur Ze» noch wett auseinander. Jede Arbeitslosenversicherung hat zu- Elst eine Voraussetzung: daß es gelingt, absolut korrekt die wirk­lich Arbeitslosen zu ermitteln; ich weiß nicht, ob uns dies gelingen ftnrb. Die Auffassung ber verbündeten Regierungen über biefe tfrage kenne ich nicht; jebenfalls können wir hier keine Erperimente machen, bevor wir nicht eine ganz anbere Grundlage haben. Bei den vielen wichtigen sozialpolitischen Aufgaben, bie uns bevor- ftepen, ist es mir sehr zweifelhaft, ob nicht Aufgaben ber Ver­sicherungsgesetzgebung vorhanden sind, die viel wichtiger unb tief­greifender sind, als die Arbeitslosenversicherung, weil sie permanent wirken. So lange hier bie Ansichten nicht mehr geklärt sind, wird es hier im Wesentlichen Sache ber Arbeiterverbände, der Gewerk­schaften sein, Fonds für bie Arbeitslosen zu sammeln. Die Samm­lung solcher Fonbs ist eine nützliche unb nothwenbige Aufgabe. (Hort! Hört!) Von einem Stillstand unserer Sozialgesetzgebung kann jedenfalls keine Rede sein; wir gehen in einem jo schnelle^

Auch ein großer Theil der nicht preußischen Regierungen spricht sich dahin aus, daß erhebliche Arbeiter-Entlassungen nicht stattge­funden haben und nicht zu erwarten feien. Braunschweig und Sachsen-Koburg-Gotha glauben zwar mit weiteren Entlassungen rechnen zu müssen; andere Berichte, wie der des Königreichs Sachsen und Waldecks, nehmen aber an, daß die Krisis den tiefsten Stand erreicht hat. In der Landwirthschast wird nach wie vor Arbeiter- mangcl festgestellt, worauf u. A. Baden hinweist. Von einem all­gemeinen Nothstand kann auch nach den Berichten der anderen Ne­gierungen, z. B. von Sachsen, Vaden, Hamburg, Bremen, Lübeck, Würtemberg, nicht gesprochen werden, sondern nur von einem Noth- ftanb einzelner Jndustrieen der Eisen-, Maschinen-, Holz- und elek- ttischen Jndusttie. Andere Jndusttiecn haben, wie aus dem König- reich Sachsen, Baden, Lübeck berichtet wird, zum Theil einen so guten Geschäftsgang, daß Ueberftunben gemacht werden müssen. In Hamburg waren sogar Ende Dezember 1901 etwa 2000 Arbeiter mehr beschäftigt als im Vorjahr. In Baiern haben allerdings in einigen Bezirken, wie Pfalz unb Mittelfranken, erhebliche Entlassun­gen ftattgefunben, im Allgemeinen kann aber auch in Baiern von größeren Entlassungen nicht die Rebe sein. In Baben haben bie Entlassungen zum größten Theil Auslänber, besonbers Italiener iiiib Polen getroffen, bie sofort in bie Heimath geschafft würben. Es bars übrigens nicht vergessen werben, baß im Baugewerbe alljährlich im Winter eine erhebliche Arbeitslosigkeit eintritt; daß sie biesmal größer sei als sonst, ist nicht beobachtet worben. Das ist auch in einem Artikel besVorwärts" anerkannt, in bem es heißt, bie Krisis habe bas Baugewerbe nur sehr wenig berührt. Auch aus Elsaß-Lothringen wirb 'berichtet, baß erhebliche Entlassungen trotz bes Arbeitsmangels nicht ftattgefunben haben.

Immerhin ist bie Krise ernst genug; sie erforbert unsere vollste Aufmerksamkeit; man sollte sich aber vor Ucbertreibungen hüten. In einer Mannheimer Zeitung war bie Zahl ber bärtigen Arbeits- Men auf 5000 geschätzt; als aber Listen zur Einzeichnung von Arbeitslosen ausgelegt wurden, meldeten sich nur 524. Der Vor­steher ber Centtale für soziale Fürsorge in Frankfurt a. M. erklärte, es fei bisher noch in allen Fällen, wo man bie Centtale in Anspruch genommen habe, gelungen, für Arbeitsgelegenheit zu sorgen. Tie stäbtischen Werkstätten für Ar­beitslose seien nicht benutzt worben; aus biesem.Grunbe haben wir bavon Abstanb genommen, Nothstanbsarbeiten vorzunehmen. Ich nehme auch Bezug auf bie eingehenben Verhandlungen der Stadt­verordneten - Versammlung von Berlin, bei denen Herr Fischbeck mittheilte, bei den weiblichen Arbeitern könne von Arbeitslosigkeit keine Rebe sein; auch sonst seien bie . Verhältnisse in zahlreichen Branchen normal. Die nothigen Arbeiter zur Straßenreinigung habe man nur mit Mühe zusammenbekommen. (Abg. Singer (Szb.) macht wieberholt Zwischenrufe; SBicepräfibent Büsing ersucht, bie Zwischenrufe zu unterlassen.) Gewiß sinb feitbem Anzeichen vorhanden auch Herr Fischbeck erkennt bas an bie auf eine Verschärfung ber Situation schließen lassen. Die Arbeitslosigkeit wirb sich auch vor­aussichtlich bis Mitte Februar noch steigern; in welchem Umfange, hangt wesentlich von ber Witterung ab.

. Ich habe mm an bie einzelnen Reichsressorts Anfragen ge­richtet, in welchem Umfang sie in ber Lage sinb, Arbeitsgelegenheit zu schaffen. Darauf kommt es jetzt zunächst allein an; wir haben uns hier jetzt nicht über große Gesetze zu unterhalten, wnbern möglichst schnell Arbeit zu schaffen. (Sehr richtig!) Ich habe mich an bas Reichspostamt gewanbt, unb es ist verfugt baß an allen Bauten ben ganzen Winter hindurch gearbeitet werben soll. Entlassungen unb Lohnkürzungen sinb Weber bei der Post noch in der Reichsbruckerei vorgekommen. Auch der Eisenbahnminister hat ver-