Nr. »44
•rfflctut tSgttch außer Sonntag«.
Dem Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit dem KeMschen Landwirt die Siegener Kamillen- Wörter viermal in der Woche beigelegt.
-Rotationsdruck u. Vertag der Brühl'schen «nwerf«-Buch-u. Stein- druckerei lPielsch Erben) Wedaktion, Lrpedittoa und Druckerei r
Schul ft raße T.
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ßsernsprechanschluß Nr. 6L
Zweites Blatt.
15L. Jahrgang
Freitag 17. Oktober 1902
Eichener Anzeiger
" General-Anzeiger v '**7
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen
vezngSpret-r monatlich 75
iährltch Mk. 2.20; durch Avhole» u. Zweigstellen monatlich flo Ps.; durch die Post ivlk.2.— viertel jährt. auSschl. Beslellg. Annahme von Anzeigen für bie TageSnumrner bis vormittag« 10 Uhr. ZetlenpreiS: lokal IRPf^ außroärtä 20 Pfg.
verantwortlich, für den polit. *. allgem. Teil: P. Witiko: für .Stadt und Land^ und -Gerichtssaal': Lari Plato; für den Ar»- zeigenteil: $>an6 Beck.
Ale heutige Kummer umfaßt 12 Seiten.
Der Kampf um die ZSlle.
Unser Berliner parlamentarischer Mitarbeiter schreibt unterm 16. Oktober:
„Wird der Reichskanzler sprechen?" Diese Frage bewegte sämtliche heute im Reichstag Versammelten, die Mandatsinhaber, die mit gespukter Bleifeder des Kommenden harrenden Märrner der Presse und das Auditorium auf den Tribünen. Das gesamte „Kabinett Bülow" war pünktlich zur Stelle; der Chef sah gutgelaunt aus, Herr v. Podbielski, der preußische Landwirtschaftsminister, strahlte, wie stets, in Zufriedenheit und Zuversicht, und auch sonst war bei den Vertretern der Regierung kein Zeichen von Niedergeschlagenheit zu bemerken. Graf Bülow winkte wiederholt auf das freundlichste in die Reihen der Rechten hinunter. Eine kurze Geschäftsordnungsdebatte — und Graf Balle st rem verkündet erhobenen Tones: „Das Wort hat der Herr Reichskanzler!"
Unter fast feierlicher Stille beginnt Graf Bülow seinen sorgsam ausgearbeiteten Vortrag, der nochmals die Gesichtspunkte zusammen fass en soll, die für die verbündeten Regierungen bei der Aufstellung des Tarifes maßgebend gewesen sind. Graf Bülow spricht lange und eindringlich über die Getreide,zölle, ohne daß ein Zeichen des Beifalls oder des Mißfallens laut wird. Die Summe seiner Ausführungen läßt sich dahin ziehen: Die Regierung steht noch heute auf dem Standpunkt, oaß die im Entwurf enthaltenen Getreidezollsätze allein zutreffend im Sinne eines vernünftigen Interessenausgleichs seien. Deshalb bilden die Sätze des Regierungsentwurses die äußerste Grenze, bei der ein Abschluß langfristiger Handelsverträge, an denen auch die Landwirtschaft ein Interesse habe, überhaupt noch möglich ist. Eine weitere Erhöhung der Mindestzollsätze für Getreide und eine Uebertragung des Doppeltarifsystems auf andere Artikel des Tarifes müssen die verbündeten Regierungen deshalb ab lehnen. Erst diese, durch Betonung und Geste accentuierte Erklärung des Redners löst links starken Beifall aus, der aber bald ironischem Lachen weicht, .als Graf Bülow in einem warmen Schlußappell ersucht, das Zustandekommen der Tarifvorlage nicht durch Obstruktionsversuche, die das Ansehen der Parlamente stets geschädigt hätten, zu gefährden. Die Rechte büllt sich in Schweigen; sie scheint aber nicht überrascht, oaß bie Regierung zu keinem Entgegenkommen sich bereit zeigt. Graf Bülow sprach ungefähr dreiviertel Stunden, er begründete wohl absichtlich die ablehnende Haltung der Regierung gegenüber den Kommissionsbeschlüssen so aus- ührlich, um nicht die Ansicht auskommen zu lassen, als ei die Hochflut der Debatten der Zolltarifkommission von >er Regierung nicht gebührend gewürdigt worden. Uebrigens ah man nach des Reichskanzlers Rede diesen mit einigen konservativen Herren, so mit dem Abg. Graf Schwerin und dem leitenden Reoakteur der „Kreuzztg.", Abg. Dr. Kropatschek, auf das freundschaftlichste konferieren. Es waren interessante Gruppen, die sich auf der Bundesratsestrade mit dem Grasen Bülow als Mittelpunkt bildeten. Der Reichskanzler versteht jeden nach seiner Art zu nehmen. Wie er jetzt mit dem würdigen Präsidenten Grafen Ballestrem in fast ehrerbietiger, respektvoller Haltung spricht, dann dem Abg. Rickert von der Freis. Vereinigung gegenüber einen munteren Ton anschlägt, und nun vor Dr. Kropatschek mit großem Eifer seine Meinung verteidigt, wobei Kropatschek sich voll Aufmerksamkeit auf das Pult des Kanzlers stützt' — diese Momentbilder fesseln die Tribünenbesucher mehr als alles andere. Das Banner der Hoffnung ist im Regierungslager nicht niedergeholt. Graf Bülows sorglose Heiterkeit dokumentiert es zur Genüge.
Tie zunächst als Referenten über den Tarif fungierenden Abgg. Speck (Zentr.) und Graf Schwerin haben sich ihrer Aufgabe in möglichster Kürze entledigt. Abg. Goth ein (fr. Ber.) vertrat in längeren, für den Reichstag fast zu wissenschaftlichen Ausführungen den Standpunkt, daß Getreidczöllc zivar dem größten Grundbesitzer nützen, aber nicht den kleinen Landwirten, nicht dem deutschen Bauernstand. Soweit die Abgeordneten im Saale weilten, erörterten sie gruppenweise die Kundgebung des Reichskanzlers. Einzelne Volksvertreter — sie trugen festlichen Frack, zum teil OrdenSschmnck — schlossen ihre Mappe und verließen den Saal: die Stunde des Eintreffens der Burengcnerale war gekommen. Auch Graf Bülow legte sein Trucksachenmaterial zusammen, doch er blieb im Saal und vertiefte sich in ein Gespräch mit dem Abg. Dr. Hermes (frei,. Volksp.). Später konferierte Graf Bülow „unter vier Augen" angelegentlich nut dem stellvertretenden Vorsitzenden der konservativon Fraktion, Abg. v. Staudy, Herr v. Staudy erhob wiederholt, wie in wilder Abwehr den Arm, doch sanft beschwichtigend legte Graf Bülow seine wohlgepslegte Rechte auf die Schulter des konservativen Führers.
Ten Abg. Gothein löste am Rednerpult der Wortführer der Reichspartei, der greise Abg. v. Kar dorff, ab. Er litt an Heiserkeit, ersetzte aber durchLebHastigkeit srinerGesten und durch temperamentvollen Vortrag, was der Stimme an Kraft gebrach. Tie Reichspartei hält an dem Zollkompvomiß der Kommission fest. (Zwischenruf des Abg. v. Volkmar (Soz.): „Wie lange?" — Heiterkeit), denn, so meinte Herr v. Kardorsf, „auch das ZollLvmpromiß stellt eine mittlere Linie dar." Bemerkenswert war immer9in, daß Herr von Kardorsf die Zollsorderungen der Landbündler (Antrag Frhr. v. W a n g e n h e i m) als eine Temonstrativn bezeichnete, die auch bei den Wahlen nicht verfangen werde. (Hort! Hört!) Tas Scheitern des Zolltarifs würde Herr b. Kardorsf für ein nationales Unglück halten, des
halb giebt er die Hoffnung auf Verständigung nicht auf.
Tas war der erste Tag des Kampfes um die Zölle. Morgen, wo die entschiedene Opposition zu Worte kommt, wird die Tonart eine mm vieles kräftigere werden.
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Von einem anderen Berliner Mitarbeiter wird uns geschrieben:
Tie Rede des Grasen Bülow zum Zolltarifentwurf führt insofern eine Klärung der Situation herbei, als bekanntlich noch bis in die neueste Zeit von agrarischer Seite geltend gemacht worden ist, erst eine Aeußerung des Reichskanzlers vor dem Plenum des Reichstags könne als der offizielle Meinungsausdruck der verbündeten Regierungen über die 'landwirtschaftlichen Zölle betrachtet werden; die vom Grasen Posadowsky in der Kommission abgegebenen Erklärungen seien nur vorläufiger Art. Unumwunden und kein Mißverständnis zu- lajsend ist nunmehr die heute erfolgte Mitteilung des Reichskanzlers, daß volles Einverständnis unter beit verbündeten Regierungen herrscht, die Mindestzölle nicht weiter zu erhöhen, als tner Tarifentwurf vor sieht, und auf keine Ausdehnung der Mindestzölle auf Vieh und Fleisch einzugehen. Nach dieser bündigen Ankündigung muß eine Sinnesänderung der Regierung für absolut ausgeschlossen gelten. Wenn heute in Fraktionssitzungen Konservative, Reichspartei und Zentrum sich dahin entschieden haben, die Kommissionsbeschlüsse in der zweiten Lesung der Vorlage aufrechtzuerhalten, also den Kompromißantrag mit den für die Regierung unannehmbaren landwirtschaftlichen Zoll- fätzen — auch die Polen sind zu dieser Einigung gelaugt —, so wird dadurch das Schicksal der Vorlage noch nicht besiegelt. Bis zur dritten Lesung wird sich gar manches geändert haben, im Zentrum zweifellos, und bei den Konservativen wahrscheinlich, wenn die von der Regierung angebahnten Verständigungsversuche sich in ungestörter Weise weiter entwickeln. Innerhalb der Regierung ist man, das steht fest, guten Mutes.
Politische Tagesschau.
Gegen Professor Arthur Böthliugk
von der Karlsruher technischen Hochschule ist wegen seines Vorgehens in Sachen der religiösen Orden, speziell wegen seines Buches „Auf der Fahrt nach Canossa" seitens des badischen Ministeriums Strafantrag erhoben worden. Aus eine Eingabe des kathol. Männer- vereins der Oststadt von Karlsruhe an das Ministerium, worin Klage übe.r Böthlingk's Auftreten geführt wird, ist eine auffallend rasche Antwort (gez. v. Dusch) erfolgt. Es heißt darin, daß dem Antrag auf Strafverfolgung! bereits stattgegeben sei.
Professor Bötslingk ist durch seine Eisenbichnresorm- gedanken nicht weniger bekannt als durch seine unversöhnliche Gegnerschaft gegen Klerikalismus. Seine Broschüre „Absage an den Vorstand des nationalliberalen Vereins in Karlsruhe" erregte im verflossenen Sommer einiges Aussehen. In Wahrheit richtete sich das Merkchen gegen die nationalliberale Partei im allgemeinen, mit der einer ihrer bedeutendsten Männer eine recht scharfe Abrechnung hielt. Es heißt darin u. a.:
„Wie sehr unsere Rechtsordnung und deren Handhabung im Argen liegt, weiß jeder, der das Unglück gehabt hat, mit ihr in nähere Berührung zu kommen. Daß eine durchgreifende Korrektur, eine weitere Entwickelung des Rechtsschutzes anzustreben sei, davon ist im nationalliberalen Lager von Parteiwegen nicht die Rede. Nicht viel besser steht es mit der Bethätigung der Partei für das Schulwesen. Wohl steht die Aufrechterhaltung der konfessionell gemischten Staatsschule aus dem Programm. Wie verträgt sich indes dieser Grundsatz mit der konfessionellen Erziehung unserer Vollsschullehrer in geschlossenen Anstalten, gar unter der Leitung römischer Priester? Auch in den wichtigsten finanzpolitischen und wirtschaftlichen Fragen kennzeichnet die nationalliberale Parteileitung seit undenllicher Zeit nichts so sehr, wie ein geradezu schrankenloses „langer faire, laisaer aller". In der Eisenbahnfrage, deren Tragweite für unsere gesamte wirtschaftliche und finanzpolitische Lage selbst die Kurzsichtigsten nachgerade zu ahnen beginnen, hat die nationaltiberale Parteileitung immer roieber gründlich versagt. Wer mitten im Volke steht, uitd die Augen und Ohren auch nur Halbwegs offen hält, weiß nur zu wohl, wie viel berechtigter Unmut sich angesammelt hat. Eine auf das Schwert ge st eilte, alles bevormundende Bureaukratie, welche jede Initiative des Volkes im Keime erstickt, kann unmöglich das Ideal einer auf die Entwickelung des konstitulionellen Staatswesens gerichteten Partei sein. Für meinen Teil will ich auch den leisesten Schein einer Verantwortung für die weitere Entwickelung der Dinge in dieser Richtung ablehnen und so ersuche ich hiermit den Vorstand des nationalliberalen Vereins, meinen Namen aus der Mitgliederliste zu streichen."
Deutsches Keich.
Berlin, 16. Okt- Heute früy v:3. j sich der Kaiser zu Fuß vom Schloß C ad in en . nm., der Bahnstation. Die Abfahrt erfolgte um 7 Uhr. In Marienburg traf er kurz nach 8 Uhr ein. und begab sich ngch dem Schlosse. Um 9,45 Uhr verließ der Kaiser dasselbe und besichtigte die neue Marienburger Garnison, die vor Aer Abfahrt Aufstellung genommen hatte. Der Kaiser schritt die Front der Truppen ab, und verabschiedete sich alsdann. In Danzig traf er um 11 Uhr vorm. ein- Er begab sich zunäM nach
>em Generalkommando. Nach einem Aufenthalte von etwa 10 Minuten fuhr der Kaiser in Begleitung des Generalleutnants von Braunschweig nach Langfuhr. Die Straße, die fast eine Meile lang, wurde im schlanksten Trabe in nur 20 Minuten zurückgelegt. In der Hauptstraße von Langsuhr stürzte das rechte Pferd des Kaiserlichen Wagens und riß das linke mit sich. Der Kutscher konnte jedoch seine Pferde sofort ou fr affen und weiterfahren. Der Kaiser fuhr um 11,45 Uhr zunächst bei Generalmajor v. Mackensen vor und verweilte am Krankenlager. Von der Villa hinüber zum Offizierkasino der Leibhusaren bildeten die Husaren beider Regimenter Spalier. Als der Kaiser mit General v. Mackensen hinüberging, tönten ihm Fanfarenklänge des Musiklorps der 2. Leibhusaren entgegen. Nachdem der Monarch die Offiziere begrüßt hatte, empfing er im Kommandeurzimmer den neuen Oberpräsidenten Delbrück, der auch zur Tafel gezogen wurde. Dann begann das Frühstück im Kaisersaal des Kasinos. Ter Kaiser saß zwischen dem Korpskommandeur General v. Braunschweig und dem Oberpräsidenten Delbrück- Oberstleutnant von Colomb, Kommandeur der 1. Leibhusaren, brachte das Hoch auf den Kaiser auf. Der Monarch entgegnete mit einem dreifachen Hurrah auf die Leibhusaren- Brigade, und trank mehreren Herren in seiner näheren Umgebung zu. Kurz vor 1 Uhr fuhr der Kaiser mit Generalleutnant von Braunschweig nach dem Bahnhof von Langfuhr, und traf heute abend IO1/* Uhr auf Wildpark- st a t i 0 n ein.
— Der König von Württemberg verlieh dem Staatssekretär v. R i ch t h 0 f e n das Großkreu zhes Friedensordens mit der Krone.
— Reichskanzler Graf Bülow empfing gestern den sächsischen Finanzminister R u e g e r.
— Der Direktor der Aktien-Gesellschast „Germania", Eirund und Mitbegründer der Zeitung „Germania" ist gestorben.
-—In der heutigen Sitzung des Bund esrats wurden der Antrag des Königreichs Sachsen, betreffend Erweiterung der Leistungen der Landesversicherungsanstalt im Königreich Sachten, gemäß § 45 des Jnvalidenversicher- ungsgesetzes, sowie die Vorlagen betreffend ein am 4. Juni 1902 zwischen dem Reiche und Italien geschlossenes Abkommen zur Abänderung des Ueberein kommens vom 18. Januar 1901 über gegenseitigen Patent-Muster- und Markenschutz und ein am 26. Mai 1902 zwischen dem Reiche und der Schweiz geschlossenes Abkommen zur Abänderung des Uebereinkommens vom 13. April 1892 über gegenseitigen Patent-Muster- und Markenschutz, sowie der Entwurf einer Bekanntmachung über die Bestimmungen für den Kleinhandel mit Garn, den zuständigen Ausschüssen überwiesen. Ferner wurde die Zustimmung erteilt, Den Anträgen der Ausschüsse über die Vorlage vom 1. Juli d- I. betreffend Erlaß von Salz st euer für zur Viehfütterung verwendetes Steinsalz, sowie über die Vorlage vom 19. Sept- d. I. betreffend Erstattung des Zolles auf Kalbfleisch. Ferner dem Berichte über die Vorlage betreffend Beaufsichtigung schaumburg-lippd- scher privater Versicherunosunterneymungen und über den Antrag Badens betreffend Bezug von Unfallrenten durch Hinterbliebene eines Ausländers in ausländischen GrenH- bezirken, sowie den Berichten über die Vorlage vom 18. Sept. d. I. betreffend Aenderungen der Satzungen der Preußischen Hypotheken-Aktien-Bank, über die Vorlage betreffend Ergebnisse der Volkszählung von 1900, die Außerkurssetzung der Zwanzigpfennigstücke aus Nickel, sowie über den Bericht Der Reichsschuldenkommisfion betreffend Verwaltung des Schuldenwesens und der chrer Beaufsichtigung unterstellten Fonds usw.
— Nicht ohne Befremden, so wird dem „Berl. Tgbl." geschrieben, las man in weiten Kreisen den Bericht über Die gestrige erste Sitzung des deutschen Reichstages., Unter den offiziellen Mitteilungen, die Der Präsident Graf Balle st rem dem Hause machte, fand sich keine, in der er davon Notiz nahm, daß der deutsche Reichstag zwei frühere Mitglieder verloren habe, welche während ihrer parlamentarischen Thätigkeit für Den Reichstag eine ganz besondere Zierde gewesen sind. Es sind dies Rudolf Virchow und Rudolf v. Bennigsen. Wenn es im Reichstag Brauch ist, Männern, welche in ber laufenden Sitzungsperiode nicht mehr Mitglieder gewesen sind, Zeinen Nachruf vorzuenthalren, so kann man nur sagen, daß dies ein schlechter Brauch ist. Tenn jede Körperichast, wie sie sich auch immer nennen mag, pflegt früheren Mitgliedern von Bedeutung, die man in gewissem Sinne als ihre „alten Herren" bezeichnen könnte, em Zeichen der Kollegialität und Tantbarkeit nach dem Tode zu gewähren. Aber selbst wenn dieser Brauch im allgemeinen im deutschen Reichstag nicht herrscht, so hätte hier auch wohl der enragierteste Geschäftsordnungsmensch dem Reichstags-Präsidenten feinen Vorwurf gemacht, wenn dieser zu Gunsten zweier so großer Toten eine Ausnahme gemacht hätte. Bennigsen unb Virchow gehörten dem deutschen Volke, gehörten ber deutschen Volksvertretung, und es wäre nur Pflicht gewesen, dies bei Beginn einer neuen Tagung in gebührender Weise zu betonen.
— Zu Versuchen, ob Die Prager Schinken nicht auch in Deutschland hergestellt werden könnten, hatte die „Allg. Fleischerztg." Drei Schweine aus Oesterreich aufgekauft. Dieselben wurden heute zusammen mit drei inländischen geschlachtet und das Fleisch ber sechs Tiere, abgesehen von pien Schinken, an Arme verteilt.
— Nach einer Meldung eines Berichterstatters soll infolge der Verstaatlichung verschiedener Privatbahn e n ber preußische Landtag bereits in allernächster Zeit einberufen roeroen. Einige dieser Bahnen müssen nach, den bestehenden Verträgen vom Staate schon am 1.


