Ausgabe 
16.10.1902 Drittes Blatt
 
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tog. Graf Kanitz (totf.): Eine erhebliche Verschiebung deS Är- beitsmarktes ist in den letzten Monaten nicht eingetreten. Zu meinem Bedauern ist der Kollege Fischbeck nicht anwesend, der be­kanntlich in der Berliner Stadtverordnetenversanunlung Zahlen über den Umfang der Arbeitslosigkeit mitgetheilt hat, die denen der Sozialdemokraten direkt widersprachen. Der Abg. Fischbeck hat be- karmtlich für Berlin eine Arbeitslosigkeit in Abrede gestellt. Wie mir mitgetheilt wird, will ja auch die preußische Forswerwaltung mit Rücksicht auf die schlechte Finanzlage mit erheblichen Arbeits- einschrcrnkungen vorgehen. Ich wurde das lebhaft beklagen. Der Bau des Mittellandkanals wurde die Arbeitslosigkeit nicht ein­schränken, es ist ja bekannt, daß zu Kanalbauten fremde Arbeiter zugezogen werden, die sich besser dafür eignen als deutsche. Beim Dau früherer Kanäle wurden auch italienische Arbeiter verwendet. Gegen Nothstandsarbeiten habe ich gewiß nichts einzuwenden, aber der Mittellandkanal hat mit der Arbeitslosiakeit nichts zu thun. Die Vorwürfe des Kollegen Molkenbuhr gegen die ländlichen Arbeit­geber sind unberechtigt, wir beschäftigen gewöhnlich un Winter Ebenso viel Arbeiter wie im Sommer. Allerdings bringen wir da gewisse Opfer, wir suchen die Arbeiter zu halten, obwohl wir sie nicht brauchen. Von ftivolen Arbeiterentlassungen ist bei unS keine Rede. Allerdings, wenn die schwierige Lage der Landwirthschast anhält, können wir dies Opfer nicht mehr bringen. Wir sollten das Schwer­gewicht unserer Wirthschaftspolitik auf den heimischen Markt legen. Die Sicherung des heimischen Marktes wird zur Sicherung der Er­werbsfähigkeit der Industriearbeiter beitragen. Arbeiterent­lassungen sind gewiß bedauerlich. Ich hatte kürzlich ein Gespräch mit unserem früheren Kollegen Hammacher, der sich für solche Dinge sehr interessirt. Er wies darauf hin, daß die Bergarbeiter­bewegung jetzt einen ganz anderen Charakter habe wie 1889. Da­mals war eine aufsteigende Konjunktur, die Arbeiter klagten, daß sie zu viel arbeiten müßten. Heute ist es umgekehrt, heute beklagen sie sich über die vielen Feierschichten, über zu wenig Arbeit. (Ury= ruhe links.) Und das nicht mit Unreckt. Schuld daran sind die Syndikate, die sich bemühen, die Förderung einzuschränken, um möglichst hohe Kohlenpreise zu erzielen. Leider befindet sich ja auch die preußische Eiscnbahnverwaltung in völliger Abhängigkeit von dem Kohlensyndikat. Ein Bruch mit dem Syndikat ist durchaus nothwendig. Ich freue mich, daß Graf Posadowskh eine Enquete über Syndikate und Trusts in die Wege geleitet hat. Die Wieder­kehr gesunder wirthschaftlicher Zustände ist das beste Mittel zur Verhinderung der Arbeitslosigkeit. Diesem Zweck dient der neue Zolltarif (Aha! links); an höheren Zollsätzen hat auch die In­dustrie levhastcS Interesse, sie bedarf einer Revision der Zollsätze ebenso dringend wie die Landwirthschast. Ich kann Sie daher nur bitten, Herr Bachem: Thun Sie das Ihrige, damit der Zolltarif zu Stande kommt und wieder gesunde wirthschaftliche Zustände bei uns einkehren I (Beifall rechts.)

Abg. von Elm (Soz.): Die Ursache der Krisis ist begründet in der Tendenz des Kapitalismus, die Lohne zu drücken. Um dieser Tendenz zu begegnen, müßen die Arbeiter vor Allem das unein­geschränkte Koalitionsrecht haben. Die Unterkonsumtion, die jetzt schon besteht, wird, wenn der Zolltarif Gesetzeskraft erlangt, zweifellos noch zunehmen. Es freut mich, daß Herr Bachem jetzt selbst zugiebt, daß hohe Getreidezölle die Lebenshaltung des Ar­beiters vertheuern. Der Kollege Bachem wirst uns vor, daß wir in der Kommission für jede Position Zollfreiheit beantragten. Das geschah aus taktischen Gründen, damit wenigstens die Antragsteller zu Worte kamen. Wir wollen uns nicht mundtodt machen lassen. (Lachen rechts und im Centrum.) Es ist gesagt, die Löhne der Arbeiter seien in Folge der Syndikate gestiegen. Ja, Dividenden sind in kolosialcr Höhe ausbezahlt worden, aber die Arbeiter haben keinen Vortheil gehabt. Gegen Preistreibereien muß energisch vor- gegangcn werden, aber nicht in einseitiger Weise, denn sonst wird die Krisis nur noch vermehrt. Wenn es in Deutschland keine Ge­

werkschaften gäbe, die diesen kapitalistischen Tendenzen entgegen­arbeiten, so würde eS noch viel schlimmer stehen.

Die Arbeirslofigkeit ist ein Produkt der kapitalistischen Wirth- schaftsordnung und wird wohl so lange Vorkommen, wie diese steht. Don Seiten meiner Parteisteunde wird die staatliche Versickerung gegen Arbeitslosigkeit verlangt. Der Staat schützt das todte Eigen­tum, wie viel mehr sollte er das lebendige schützen! Die Arbeits­kraft ist das lebendige und das einzige Kapital des Arbeiters. Sie muß geschützt werden gegen ihren Ruin durch Elend und Ent­kräftung, die im Gefolge der Arbeitslosigkeit auftritt. Man sagt, man hätte noch kein brauchbares Material zur Beurteilung der Arbeitslosenversicherung. Das ist nickst richtig. Die Arbeits­losenunterstützungseinrichtungen der Gewerkschaften bieten brauch­bares Material zur Genüge. Hier muh eingesetzt werden, die Ge­werkschaften müfien gefördert und für die Erfüllung ihrer Aufgaben leistungsfähiger gemacht werden. Die Frage der Arbeitslosenver­sicherung wird am besten dadurch gelöst, daß die Gewerkschaften diese völlig in die Hand nehmen und von Reichswegen ein Zuschuß ge­währt wird. Die von Herrn Dr. Bachem vorgeschlagene Vorsckuß- wirthschaft ist nicht acceptabel. Woher soll denn jemals der Arbeiter die Vorschüsse zurückzahlen? Dadurch würde ja die Noth.des ar­beitslos gewesenen Arbeiters nur verewigt werden. Derartige Vor­schläge können wir nicht als Vorschläge zur Beseitigung der Arbeits­losigkeit ansehen. Wir glauben freiltd) überhaupt nickst, daß es Ihnen mit alledem wirklich ernst ist. Die deutschen Arbeiter wißen, daß sie von einem Reichstag, der ihnen den Bißen Brod, den sie eßen, vertheuern will, eine Linderung ihrer Noth nicht zu erwarten haben. Und demgemäß werden sie handeln. Bei den Wahlen sprechen wir uns wieder. (Lebhafter Beifall bei den Soz.)

Abg. Hilbck (natl.J: Seit Januar haben sich die Verhältniße wesentlich geändert. Im Westen ist die Arbeitslosigkeit geringer geworden, wie aus den Berichten der Arbeitsnachweise hervorgeht. Die großen Eisenwerke sind allerdings mit wenigen Ausnahmen heute nicht in Der Lage, den Aktionären auch nur einen Pfennig zu zahlen. Bester sind nur die Eisenwerke an den Wasterstraßen gestellt, ein Beweis, wie nothwendig die Errichtung neuer Wasser­straßen ist. Das preußische Abgeordnetenhaus sollte wirklich den Westen nicht länger so mißhandeln und ihm die nöthigen Waster­straßen versagen. Ein Jrrthum ist es, zu glauben, daß die Eisen­industrie nur Rohprodukte ausführt. Nein, meist werden fertige Fabrikate ausgeführt. Wir haben es verstanden, den Arbeitern ihren Verdienst zu erhalten, wenn auch in etwas verringertem Maße. Wenn die Industriellen in schlechten Zeiten cm das Aus­land billiger verkaufen, so thun sie es nur im Interesse ihrer Arbeiter, die sie sonst entlasten müßten. (Widerspruch bei den Sozialdemokraten.) Für eine Arbeitslosenversicherung sind meine Freunde im Prinzip zu haben, aber die Ansichten Darüber sind in allen Parteien noch so getheilt, daß die Frage noch nicht spruch­reif ist. Ein Reichszuschuß an die Gewerkschaften ist so lange unmöglich wie diese Kampforganisationen sind. Von anderer Seite ist die kommunale Versicherung empfohlen, wieder von anderer Zu­schläge zu den Krankenkassenbeiträgen. Sie sehen also: Soviel Köpfe, soviel Sinne! Nun zu den Syndikaten! Es giebt Leute, die nichts vergesten und nichts lernen wollen, und zu ihnen gehört in der Frage der Syndikate der Kollege Graf Kanitz. (Oho! rechts.) Seine Ansichten über die Syndikate sind durchaus falsch. Er­wünscht wäre es mir, Auskunft darüber zu erhalten, ob seitens der preußischen Eisenbahnverwaltung Llrbeiter entlassen und dadurch die Arbeitslosigkeit vermehrt ist.

Geh. Rath Koch: Daß die Eisenbahnverwaltung Arbeiter auf die Straße gesetzt und dadurch die Arbeitslosigkeit erhöht hat, ist nicht richtig. Die Eisenbahnverwaltung hat keine Arbeiter ent­lasten, sondern sogar daraus hingewiesen, daß sie auch über das Be- dürfniß hinaus weiter beschäftigt werden sollen. Wenn auch einige DieiMellenvorsteher hier und da Arbeiter entlaßen haben, so sind

doch im Ganzen etwa 1400 Arbeiter über daS Bcdürfniß hinaus ge­halten worden. Außerdem sind von der Verwaltung reichliche Sum­men für Eisenbahnbauten verwendet worden.

Hierauf vertagt sich das Haus.

Persönlich bemerkt Abg. 2tabthagen (Soz ), es sei unrichtig, daß er in der Kommission Zollfreiheir für Austern und Kaviar beantragt habe. Herr Bachem habe also keinen Vorgang aus der Kommission, sondern aus der Phantasie zur Sprache gebracht. (Heiterkeit.) Tie Sozialdemokraten hätten für die Zollerhöhung in diesen Positionen gestimmt, und zwar aus folgenden Gründen.

Präsident Graf kallcstrem: Sie dürfen nicht alle Gründe aus der Kommission anführen, das ist nicht mehr persönlich. (Heiterkeit.)

Abg. Stadthagen (sortfährend): Es sind nur ein paar Kleinig­keiten

Präsident Gras Ballestrem: Die Kleinigkeiten können aber sehr lang werden. (Große Heiterkeit.)

Avg. Bachem (Centr., persönlich) erwidert, ihm sei von drei Kommissionsmitgliedern bestätigt worden, daß seine Ausführungen, abgesehen von kleinen Differenzen bezüglich der Hummern, richtig waren. Er könne zum Beweis dafür die Berichte der(Germania"' aus der Zollkommission anführen. (Lachen bei den Sozialdemo­kraten.) Es habe also Niemand das Recht, an seiner bona licke» zu zweifeln.

Abg. Roesicke (Deßau, persönlich) erwidert dem Staats­sekretär, er habe nicht verlangt, daß das Reicksamt des Innern für die Arbeitslosen Arbeit schaffe. Der Staatssekretär sollte aber seinen Einfluß auf die preußische Regierung aufbieten, um Den Bau des Mittellandkanals zur That werden zu laßen. _

Abg. Stadthagen versucht nochmals in einer persönlichen Be­merkung, auf die Vorgänge in der Zollkommißion einzugehen, wird aber vom Präsidenten unterbrochen. Er fährt fort: Ich gebe ja zu, daß es schwer ist, im Rahmen einer persönlichen Bemerkung zu erwidern.

Präsident Graf Ballestrem: Es ist Manches schwer im Parla­ment (große Heiterkeit) und eS muß doch ertragen werden. (Erneute große Heiterkeit.)

Abg. Bachem: Mich haben die Kollegen Paasche, Müller - Fulda und Sittart autorisirt, zu erklären, daß die Sozialdemokraten in der Kommission für Zollfreiheit auf Champignons, Austern und Kaviar eingetreten sind.

Abg. Stadthagen häst seine Behauptung auftecht. Der Abg. Bachem sei einer Belehrung nicht zugänglich.

Damit sind die persönlichen Bemerkungen erledigt.

Präsident Graf Ballestrem schlägt vor, die nächste Sitzung am Donnerstag 1 Uhr abzuhalten und auf die Tagesordnung die beiden Interpellationen über die Fleischnoth und den Zo lltar i f gesehen twurf zu setzen.

Abg. Singer beantragt, am Donnerstag an zweiter Stelle nicht den Zolltarifgesetzentwurf zu bcrathen, sondern die Interpellation über die Arbeitslosigkeit weiter zu verhandeln. Es handle sich um eine wichtige Frage, die erledigt werden müsse ; eine neue längere Pause in der Besprechung dürft nicht wieder eintreten.

Präsident Gras Ballcstrem erwidert, über einen Gegenstand wie diese Interpellation könne man 14 Tage und noch länger reden. Ein Abschluß der Besprechung einer Interpellation finde überhaupt nicht statt. Eine längere Besprechung würde auf die Sache selbst keinen Einfluß haben. Er werde aber über den Antrag Singer absttmmen lassen.

Der Antrag Singer wird abgelehnt, eS bleibt beim Vor­schlag des Präsidenten.

Nächste Sitzung also : Donner st aa 1 Ubr, Fleischnoth- Interpellation und Zolltarif-Gesetz.

Schluß 7 Uhr.

Die Buren-Kenerale.

DieNordd. Allg. Ztg." schreibt: Nachdem sich die Audienz der Burengenerale beim Kaiser aus den be­kannten Gründen zerschlagen hat, werden auch die amt­lichen Kreise von der Anwesenheit der Generale in Berlin keine Notiz nehmen.

Das ist klar und deutlich und jede optimistische Hoff­nung auf eine Sinnesänderung an höchster Stelle zwecklos.

Die Vorgeschichte des Audienzgesuches, das die Buren- zenerale s. Z. mit sicherer Aussicht auf Gewährung an den Kaiser richten konnten, wenn sie den ihnen durch das Ent­gegenkommen des Monarchen vorgezeichneten Weg ohne Schwanken und Zaudern betreten hätten, wird inzwischen fortgesetzt durch vielfache, sich auch untereinander wider­sprechende Meldungen au§ dem Haag, Brüffel, Amster­dam re. verdunkelt. Niemand mag trotz aller in den Depeschen enthaltenen Berufungen auf angebliche eigene Aeußerungen Dewets, Deloreys und Bothas diese selbst für den Wust von ungenauen oder geradezu falschen Angaben verantwortlich machen. Die Thatsache aber, daß die Gene­rale von Kaiser Wilhelm nicht unter seiner, sondern unter ihrer Bedingung empfangen sein wollten, steht fest, und dies machte den Empfang unmöglich.

Die Bedingung der Generale war, daß der Kaiser den Wunsch ausdrücke, sie zu sehen. Diese Forderung ist erst nachträglich aufgestellt worden. Aus der an sie gelangten Mitteilung über die deutschen Empfangsbedingungen konnten die Generale einen solchen Wunsch des Kaisers schlechterdings nicht entnehmen und haben ihn daraus auch nicht entnommen. Gerade weil sie in der ihnen gewordenen Eröffnung jeden Hinweis auf eine Einladung durch den Kaiser vermißten, machten sie diese zur conditio sine qua non für die Ab­gabe eines Empfangsgesuches an den britischen Botschafter. »Falls der Kaiser es wünscht" diese Klausel kehrte in den von burischer Seite kommenden Preßmeldungen immer wieder.

Die Generale können nicht ex post in Abrede stellen, daß sie durch den lediglich auf Bezeichnung des richtigen Weges für die Audienz gerichteten deutschen Jnitiativschritt sehr befriedigt waren und sich bereit erklärten, diesen Weg zu betreten. Die amtlichen deutschen Stellen waren hiernach zu der Erwartung berechtigt, daß ihnen die Abgabe des burischen Gesuches an den britischen Botschafter angezeigt werden würde. Statt deßen wurden sie durch eine Mitteilung über­rascht, welche die Erftillung der durch den Kaiser vorge­schriebenen und durch die Burcnführer schon angenommenen Empfangsbedingungen von einer weiteren kaiserlichen Willens­äußerung abhängig machte, d. h. die Generale suchten England gegenüber Deckung hinter dem Kaiser und wollten an die britische Vermittelungsstelle nicht ohne gleichsam entschuldigenden Hinweis auf einen von deutscher Seite ausgeübten Druck herantreten. Ein solches Drängen aber lag von vornherein außerhalb der deutschen Absichten. Der Kaiser und seine Regierung haben sich in dieser Sache von Anfang an auf den Standpunkt des beneficia non ob- truduntur gestellt.

In der am Dienstagabend im neuen Theater zu Paris abgehaltenen Versammlung hielt der Vorsitzende des Pariser Burenkomitees eine glänzende Rede auf nie Buren-Gene­rale, worin er speziell Temet als einen Helden ersten Ranges feierte. In seiner Antwort sagte Dewet:,,Denken Sie nur nicht, ich sei ein Napoleon L; ich bin ein einfacher Butt', worauf aus dem Saale der Ruf erscholl:Sie sind ein Riese." Dewet entgegenete, er habe nur seine Pflicht gethan. Telarey schilderte die Not des Burenvolkes und sagte, die Franzosen haben wegen ihrer Verwandtschaft mit den aus Frankreich nach Südafrika ausgewanderten Hugenotten die moralische Pflicht, das Fleisch ihres Flei­sches und das Blut ihres Blutes zu retten. Eine am Schluß der Versammlung abgehaltene Kollekte ergab 5000 Francs. Am Mittw och mittag trafen die Burengenerale auf dem Pariser Nordbahnhvse ein, in dessen Innern nur mit Fahrkarten versehene Reisende Zutritt gefönten hatten, und bestiegen sofort den für sie reservierten. Abteil. Sie stellten sich dann an die Thür des Wagens. Botha dankte nochmals in einer Ansprache für den ihnen zu Teil gewordenen Empfang und "betonte, die Mission der Gene­rale sei rein philanthropisch gewesen. Sie habe keinerlei politischen Charakter haben können und dürfe einen solchen auch nicht haben. Tie Generale seien durch ihr Wort ge- bunben und wollten es nicht brechen. Sie seien entschlossen, alle Bestimmungen des Friedensverttages auf das gcwiffen- hafteste zu erfüllen; was sie in Paris gesucht hätten, sei lediglich eine materielle Unterstützung gewesen. Nach Botha nahm auch noch Dewet das Wort und erklärte, er stimme allem, was Botha gesagt habe, zu und habe nichts hinzuzufügen. Um 1 Uhr 50 Min. setzte sich der Zug in Bewegung, während die Anwesenden wiederholt Hochrufe auf die Buren ausbrachten.

Kurz nach 11 Uhr trafen die Burengenerale auf ihrer Reise nach Berlin in Köln ein, empfangen von der Ortsgruppe des Alldeutschen Verbandes, vor allem aber von einer vieltausendköpfigen Menge, die allerdings auf dem Bahnhofe zum feierlichen Einholen infolge eines starken Polizeiaufgebotes keine Gelegenheit fand, draußen aber durch unaufhaltsames Heil, Hell! den tapferen Generalen die Ge­wißheit gab, daß sie, wie zur Zell des Krügerempfanges, in der gleichen Liebe den bewundernswerten Männern zu- gethan sind. Herrlich begrüßende Worte sprach Oberleutnant der Landwehr, Braumann, in deren Entgegnung Dewet der Freude Ausdruck gab, zu später Abendstunde noch so zahlreiche treue Freunde anzutreffen. Blitzenden Auges sprach der Redner zu den anwesenden Freunden, daß er mit Freude deutschen Boden betrete, und versicherte, daß sie die Europareise nur aus philanthropischen Gründen unternahmen.Dankbar erinnern wir uns der Unterstützung, die uns Deutschland für die Konzentrationslager angedeihen ließ. Politik treibe n wir nicht- Polllik zu treiben, liegt außerhalb unserer Sendung. Das, was wir ver­sprachen, werden wll halten, indessen hoffen wir, daß unsere neue Regierung mehr geben wird, als was sie in Aussicht gestellt hat. Warum wir den Kamps ausgehalten? Tre Freiheit war uns lieber als das Leben."

Wie eine dänische Zeitung mllteilt, hat Dewet einem in Kopenhagen lebenden ftüheren Mitkämpfer auf Seiten der Buren mitgeteilt, daß er und die übrigen Buren sichrer beabsichtigen, nach Dänemark zu kommen, sofern ihnen eine Audienz beim zlönig Christian im voraus zugesagt werde. Wie indes aus London berichtet wird, meldet ter Brüsseler Berichterstatter desStandard", es

sei mehr als wahrscheinlich, daß die Burengenerale die weitere Rundreise gänzlich aufgeben und nach lurzem Aufenthalt in London nach Südafrika zurück« kehren werden.

Aus Stadt un- Kan-.

Gießen, 16. Oktober 1902.

* Personalien. Der Großherzog hat den pro­visorischen Lehrer an dem Realgymnasium und der Realschule zu Gießen Franz Bender zum Oberlehrer an dieser Anstalt ernannt.

H* Lollar, 15. DFL Unter dem Verdacht, den Brand in Staufenberg angezündet zu haben, wurde am Mon­tag ein junger Mann von dort oerhasteü Im Ucbermut soll derselbe mit mehreren anderen jungen Leuten dem Schmiedemeister Schwalb zuerst den Wagen auseinander ge­nommen, die Räder in den Teich geworfen und schließlich ba8 Feuer angelegt haben. Weitere Verhaftungen stehen noch bevor.

Darmstadt, 15. Okt. Prinz Heinrich von Preußen traf heute nachmittag gegen 4 Uhr mit Automobil hier ein und nahm im Residenzschloß Wohnung.

Aßmann8Hausen, 15. Okt. Gestern abend 10 Uhr traf Prinz Heinrich von Preußen auf seiner Auto- mobllsahrt KielDarmstadt auf Schloß Rheinstein, das er bekanntlich von dem verstorbenen Prinzen Georg von Preußen geerbt hat, ein. Der Prinz kam unerwartet und trommelte einen Schiffer am Fuße des Rheinstein auS dem Schlaf, der sehr unwirsch über die Störung war, sich aber doch bereit erklärte, das Gepäck nach der Burg zu tragen. Auch auf der Burg war der Empfang kein fteundlicher. Erst als der Prinz auf die Frage, wer da sei, seinen Namen nannte, wurde das Thor geöffnet. Prinz Heinrich soll sich über den Empfang sehr amüfiert haben.

Ilcucjtc Meldungen.

Lriginaldrahtmeldungen des Gießener Anzeigers.

Berlin, IG. Okt- Tie hiesige Turnerschaft ver- anftaltete gestern abend vor dem Zahndenkmal in der Hasenheide einen Fackelzug zum Gedächtnis des fünf­zigjährigen Todestages Jahns. Am Denkmal wurden Kränze niedergelegt. Später fand ein Feftkom - mers statt.

Hamburg, 16. LkL Bon 250 nach Druhnshausen gefahrenen Feuerwehrleuten kehrten nur 20 zurück, die anderen waren schwer an Vergiftungs­erscheinungen erkrankt, die man auf den Genuß von verdorbenem Fleisch zurückführt.

Sofia, 16. Okt- Tas Wiener Korr.-Bureau meldet: Eine von Zo n ts ch e w am Sonntag nach Sofia einberufene Versammlung diskutierte bie Ereignisse in Mace­do n i e n. Es wurde beschlossen, bei den Vertretern der Mächte in Sofia vorstellig zu werden, daß sie sich Maze­doniens annehmen. Erne Rundreise bei den euro­päischen Mächten ist geplant.

Washington, 16. Ott Präsident Roosevelt lud den Vorsitzenden des Grubenarbelterverbandes Mitchell zu sich, der der Aufforderung folgte und gestern zwe' längere Unterredungen mit dem Präsidenten hatte.