Donnerstag, 16 Oktober 1902
152, Jahrg.
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Giehener Anzeiger
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zum
Parlamentarische Verhandlungen.
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Deutscher Reichstag.
194. Sitzung vom 15. Oktober, 1 Uhr.
rgelegt hat, auf Vorschlag des Mg. Bassermann Abg. Frese Schriftführer gewählt.
Es folgt die Fortsetzung der am 20. Januar abgebrochenen Besprechung derJnterpellationAlbrecht (Soz.) u. Gen.: „Welche Mahregeln gedenkt der Reichskanzler zu ergreifen, um den Folgen der wirthschaftlichen Krisis, die sich in Betriebseinschränkungen, Lohnkürzungen und vornehmlich in Arbeiter- entlassungen bemerkbar machen, zu begegnen und dem dadurch hervorgerufenen Nothstand weiter Volksschichten entgegen zu wirken r"
Da- HauS ist schwach besetzt.
Am Tische des Bundesraths: Graf PosadowSkhu. A,
Zunächst wird an Stelle des Abg. Pachnicke, der sein Amt ktieder, ' ' ' -** ‘ ' *
Abg. Molkenbuhr (Soz.j: Die Regierung hat den von uns behaupteten Umfang der Arbeitslosigkeit bestritten, aber die von der Berliner Gewerkschaftskommission vorgenommene Arbeitslosenzählung hat bewiesen, daß wir mit unserer Darstellung im Rechte waren. Auch die Arbeitslosenunterstützung der Gewerkschaften hat einen großen Umfang angenommen, es sind im letzten Jahre weit größere Summen ausaezahlt worden, als in früheren Jahren. Einen Theil der Schuld an der Arbeitslosigkeit trägt der Umstand, daß die Eisenindustriellen durch Lieferung billigen Rohmaterials an das Ausland eine Konkurrenz für uns heranzogen. Noch schlim-
losenversicherung eingeführt werden kann, so kann man wenigstens das Eine verlangen, daß das Reich schon heute den Gewerkschaften Zuschüsse gewährt, damit sie diese den Arbeitslosen und deren Familien zuwenden können. Ferner müßte endlich einmal eine Arbeitslosenzählung für das ganze Reich von Reichswegen veranstaltet werden. Graf Posadowsky hat davor bisher zurückgeschreckt. Er meint, das geht nicht. Nun was den Gewerkschaften in Berlin möglich war, dürfte doch, sollte ich meinen, auch den Neichsbehördcn möglich sein. 18 482 Arbeiter haben allein in Berlin im vorigen Jahre in Folge von Arbeitslosigkeit Noth gelitten, leiden Ncth und werden auch im nächsten Winter Noth leiden müssen. Welche Maßnahmen hat denn die Regierung gegen die Arbeitslosigkeit für den nächsten Winter getroffen? Nichts hat sie gethan. Sie beschäftigt sich nur mit der Bekämpfung der Sozialdemokratie und sucht nun noch durch den Wuchertarif die Noth zu vergrößern. Die jetzige Musis wird so bald nicht vorübergehen namentlich nicht im Kohlen- und Eisenmarkt. Auch im Baugewerbe, in der Ccment- imd in der Textilindustrie schreitet der Rückgang noch immer weiter vor. Deshalb ist es unter allen Umständen Pflicht des Reiches, die Mittel zu benutzen, die wir ihm an die Hand gegeben haben. Der preußische Kriegsminister hat sich nicht gescheut, Hunderte und Aberhunderte von Arbeitern auf die Straße zu werfen, und der Eisenbahnminister hat es ebenso gemacht. Ich bitte nunmehr den Staatssekretär um eine eingehende Antwort. (Beifall bei den Sozialdemokraten.)
Abg. Roesicke-Desiau (b. k. P): Wenn auch eine allgemeine Besserung gegen ftüher auf dem Gebiete der Arbeitslosigkeit noch nicht eingetreten ist, so ist doch eine solche schon an vielen Stellen zu verzeichnen. Immerhin ist es Pflicht der Volksvertretung sowohl wie der Regierung, nach Mitteln zu suchen, um dem Uebel zu steuern. Namentlich ist auf dem Gebiete des Arbeitsnachweises noch lange nicht genug geschehen. Einzelne Staaten haben sich ja zu
die industrielle Entwickelung ab, und dann warten Sie ab, was die industriellen Arbeiter sagen, wenn e§ Ihnen gelingt, den Zolltarif zu Fall zu bringen. (Lachen bei den Soz.) Es ist gesagt worden, man befördert die Arbeitslosigkeit, wenn man den Zolltarif durchbringt, weil der durch die Lebensmittelzöllc belastete Arbeiter dann kein Geld mehr für Jnduftrieprodutte ausgeben kann. (Sehr richtig I links.) Ja, das würde sehr richtig sein, wenn im Zolltarif nichts weiter stände, als die Getreidezölle. Diese werden von den Herren Sozialdemokraten ungebührlich in den Vordergrund geschoben. Der deutsche Arbeiter wird gut daran thun, die Frage der Jndustriezöllc um so sorgfältiger zu prüfen, je mehr die Agitation draußen im Lande die Aufmerksamkeit einseitig auf die Agrarzölle lenkt. Mit der Politik der Sozialdemokratie in der Zollfrage wird man die Arbeitslosigkeit nicht beseitigen, man wird sie damit nur fördern. Lebhafter Widerspruch bei den Soz.) Die Sozialdemokraten beantragen ja überall Zollfteiheit. (Abg. Singer ruft: Schauderhaft I) Ja, das ist in der That schauderhaft (Lachen und Lärm links), daß man sich einbildet, dem Arbeiter könne durch Zollfteiheit geholfen werden. Selbst für Austern, Hummern und Caviar beantragen die Herren Sozialdemokraten Zollfreiheit. (Heiterkeit.) Gerade die Herren von der Sozialdemokratie, die uns immer auf Luxussteuern verwiesen haben, hätten doch, wenn sie konsequent fein wollten, die Verdoppelung dieser Steuern beantragen müssen (Sehr wahr! im Centrum und rechts); sie haben aber Zollfteiheit beantragt. (Lärm bei den Soz. Rufe: Ist nicht wahr!) Ja, das ist wohl war. (Rufe bei den Soz.: Sie waren ja garnicht in der Kommission!). Allerdings war ich nicht Mitglied der Kommission, ich habe aber die Verhandlungen sehr genau verfolgt. Der Kollege Stadthagen hat doch große Reden darüber gehalten. (Heiterkeit, Widerspruch bei den Soz.) Ja, sogar für Champignons haben die Sozialdemokraten Zollfteiheit beantragt, ebenso wie für Sekt, Ball- chuhe, feine Seidenwaaren und Smhrnateppiche. Wären diese Maaren zollftei, so würden sie massenhaft aus dem Ausland einge- ührt werden und der deutsche Arbeiter, der in der Sektindustrie be- chästigt ist, der Seidenwaaren, Ballschuhe oder dergleichen fabri- zirt, würde durch die Zollfteiheit kolossal geschädigt werden. (Sehr wahr! ) Es wird immer gesagt, ich sei nicht dabei gewesen; ich bin aber wohl dabei gewesen, als die Sozialdemokraten für sämmtliche Seidenwaaren von Anfang bis zu Ende Zollfteiheit beantragten. Hört! hört!) Jeder Arbeiter wird Ihnen sagen, daß, wenn dieser Antrag durchgegangen wäre, die Seidenindustrie Deutschlands in die schwierigste Lage gekommen wäre; sie würde geradezu kaput ein, und eine ganze Reihe von Arbeitern würde nicht durch die Fabrikanten, wohl aber durch die Politik der Sozialdemokraten auf )ie Straße geworfen fein. (Sehr gut! im Centrum und rechts.) Auch bei Dem Eisen haben ja die Sozialdemokraten Zollfteiheit beantragt. Wenn dieser Antrag durchgegangen wäre, würde er eine Katastrophe herbeigeführt haben, wie sie noch nie in der Welt da war. Wir würden dann von der Konkurrenz des Auslandes, namentlich von Amerika erdrückt werden. Es würden dann massenhaft deutsche Arbeiter entlassen werden müssen. Die Industriellen setzen nicht ohne Noth ihre Arbeiter auf die Straße. Es ist keineswegs Bosheit von ihnen, wie die Sozialdemokraten es dar- tellen. Sie thun es erst bann, wenn sie selbst ihr Vermögen bereits )aran gesetzt haben. Der Zolltarif enthält nicht nur Agrar- sondern doch auch Jndustriezölle, und um der Jndustriezölle willen, können die Arbeiter sehr wohl die Agrarzölle in den Kauf nehmen. Nichts ist so nothwendig, wie die Annahme des Zolltarifs, wenn man wirklich der Arbeitslosigkeit steuern will. Ich hoffe, es wird zum Wohle der deutschen Arbeiter, der deutschen Industrie und Landwirthschaft, kurz des ganzen deutschen Vaterlandes gelingen, den Zolltarif zu verabschieden. (Lebhafter Beifall im Centrum; ironischer Beifall bei den Sozialdemokraten.)
meiner großen (SeAigtfiuung schon mit der Frage beschäftigt, aber das Reich müßte hier auch selbst eingreifen. Nothstandsarbeiten tönnen sehr segensreich fein, aber sic werden ohne eine gründliche Statistik darüber, wann und wo die Gelegenheit für solche Noth- tandsarbeiten gegeben ist, nicht ausführbar fein. Das wirksamste Mittel, der Arbeitslosigkeit zu steuern, wäre die schleunige Jn- angriffnahme des Mittellandkanals. (Sehr richtig! links.) Wenn die Regierung den Muth hätte, energisch aufzutreten, dann würden auch die Konservativen nachgcben. Wenn man aber die Sache so langsam unter den Tisch fallen läßt, nur um nicht viel Spektakel zu machen, ja, wie will man bann etwas erreichen? Bezüglich des Zolltarifs theilc ich die Ansicht des Abg. Molkenbuhr. Wer die hohen Zölle des Tarifs will, der will sie in seine eigene Tasche 'recken. (Sehr richtig! links.) Wer ist es denn eigentlich, der einen neuen Zolltarif will? Das sind doch die Agrarier und andere Hach- chutzMner. Alle Anderen sind mit den bestehenden Verhältnissen zufrieden. Da sollte die Regierung doch lieber den Tarif zurückziehen. Sie ist durch die von ihr mit dem Zolltarif geschaffene Unsicherheit selbst zum großen Theile schuld an der Arbeitslosigkeit. Die Handelsverträge müssen auf bas Schleunigste erneuert werden. Herr Bachem stellt es so bar, als ob man, wenn man einige Zölle ermäßigt wissen will, gleich allgemeine Zall- reiheit verlangt. Freilich, die Sozialdemokraten haben ja lieses Gespenst an die Wand gemalt, aber es war ein taktisches Manöver und sie werben mit sich reben lassen. Die Arbeitslosigkeit ist zweifellos auch für die Leistungsfähigkeit der Arbeiter von höchstem Nachtheil, weil sie sich in der Zeit der Arbeitslosigkeit sehr harte Entbehrungen auferlegen müssen. Deshalb ist ein Arbeitslosengesetz dringend geboten, und zwar sollte die Arbeitslosenversicherung im Anschluß an die Arbeitsnachweise aufgebaut werden, ebenso wie umgekehrt die Arbeitslosenversicheruna auf eine Verbesserung der Arbeitsvermittelung binar beiten sollte, durch Einführung des gesetzlichen Zwanges. Tas Kölner Shstem, das auf Freiwilligkeit beruhte, ist für eine Verallgemeinerung nicht brauchbar. Was die Arbeitslosenversicherung betrifft, so kann diese, meiner Ansicht nach, nur von Reichswegen geschehen. An die gewerkschaftliche Arbeitslosenversicherung mit Staatshilfe, wie sie von den Gewerkschaftern propagirt wird, glaube ich nicht. Oder glauben Sie (zu den Soz.) etwa daran, daß wir im Laufe der nächsten 10, 20, 50 Jahre eine Regierung bekommen, die den sozialdemokratischen Gewerkschaften solche Mittel zur Verfügung stellen wirb? (Staatssekretär Graf Posadowsky lächelt.) Was jetzt schon durchführbar n?äre, das ist ein Gesetz, das den Kommunen das Recht giebt, in ihrem Bezirk eine obligatorische Arbeitslosenversicherung einzu- siihren. Auf jeden Fall haben wir dafür zu sorgen, daß diese ganze Materie nicht mehr von der Tagesordnung verschwindet. (Beifall links.)
Staatssekretär Gras v. Posadowsky: Die Herren Interpellanten haben an die verbündeten Regierungen die Frage gerichtet, was das Reichsamt des Innern zu thun gedächte, um der Arbeitslosigkeit entgegenzutrctcn. Ja, wenn der Staatssekretär des Innern die Arbeitslosigkeit abschaffen könnte, wenn er em so mächtiger Mann wäre, baß er die Produktion reguliren könnte, bann wäre er ein sehr glücklicher unb erfolgreicher Mann, denn bann könnte er den größten Thcil der sozialen Frage mit einem Federstriche aus der Welt schaffen. Der Herr Vorredner verlangt vom Reich, daß cs der Arbeitslosigkeit steuern solle. Was kann das Reich aber thun? Man kann der Arbeitslosigkeit nur steuern, indem man Arbeit schafft. Und Arbeit schaffen kann man nur, wenn man die Mittel dazu hat. Diese Mittel müßten also dem Reich im Etat bewilligt werden. Ich kann dem Herrn Vorredner nur versichern, baß jcbes Mal, wenn von den berbünbeten Regierungen ber Etat aufgestellt wirb, ein heftiger Kampf sich entspinnt über eine Anzahl Posten, bie in ben Etat eingestellt werben sollen. Wir würden sehr glücklich sein, wenn wir die Posten, die eine Vermehrung ber Arbeitsgelegenheit mit sich bringen unb bie wir in ben nächsten Etat eingestellt haben, vom Reichsschahamt bewilligt erhalten könnten. Ich bitte aber bie Herren, nicht zu vergessen, daß bie einzige produktive Verwaltung, welche große Aufgaben auf dem Gebiete ber Landeskultur hat, sich nicht in Den Händen bc5 Reichs, sondern der Einzelstaaten befindet. Abgesehen von der Postvcrwaltung hat behanntlich das Reich gegenüber den Einzelstaaten nur einen ganz verschwindenden Beamtenorganismus. Es sind also vornehmlich Die Einzelstaaten, die Provinzen, bie_ Kommunen, bie hier helfen könnten. Ich habe mich schon vor längerer Zeit an bie einzelnen berbünbeten Regierungen mit der Frage gewandt, wie bei ihnen gegenwärtig die Lage auf dem Arbeitsmartte ist. Ich habe Nachrichten erhalten, daß sie, soweit es in ihren Kräften steht, bemüht sein werden, innerhalb ihrer Ressorts Ar- beitsgelegenhett zu schaffen unb baß sie namentlich in diesem : Sinne auch auf bie Kommunen hinwirken würben. Ich habe noch
kürzlich von einer Kommune, ich glaube es ist Frankfurt a. M.» erfahren, daß man sich bort eingehend mit der Frage beschäftige, in welcher Weise der Arbeitslosigkeit im nächsten Winrer zu steuern sei.
Die Arbeitslosigkeit schon jetzt mit dem Zolltarif zu verbinden, halte ich für total verfehlt. (Sehr richtig! rechts.) Tie Krisis, in der wir uns befinden, ist — das pfeifen die Spatzen von den Dächern — dadurch entstanden, daß man auf manchen Gebieten eine vorübergehende Konjunktur irrthümlich für eine dauernde gehalten hat. (Sehr richtig!) Wenn man zu jener Zeit, als unsere Industrie einen rcchiden Aufschwung nahm, warnend den Finger hob, bann hieß es immer gleich, man sei ein Gegner der Jnbusttie, man habe ganz rückstänbige Auffassungen. Unb boch ist es gerade diese vorübergehende Konjunktur gewesen, ber man auf einigen Gebieten viel zu schnell gefolgt ist, inbem man zu große Arbeiter- maffen in Bewegung setzte. Es ist eine alte Erfahrung, daß Arbeiter, bie sich einmal an stäbtische Verhältnisse gewöhnt haben, wenig gewillt sind, toieber auf bas Land zurückzukehren. Die Landwirthschaft hat sich damals, als so viele Arbeiter vom Lande weg- zogen, unter großen Opfern anders einrichten müßen, sie hat andere, zum Theil misländische Arbeiter heranziehen müßen, und es ist jetzt nicht so leicht, den Wechsel zwischen Stadt unb Land auf einmal wieder rückgängig zu machen. Es tritt ja jetzt eine gewiße Rückwanderung ein, sie vollzieht sich aber noch außerordentlich langsam. In Betreff des Arbeitsnachweises bin auch ich der Ansicht, baß noch unenblich viel geschaffen werben kann, unb baß mit Ernst an bie Regelung bieser Frage herangetreten werben muß. Ich habe bie entsprechenbe Resolution bes Reichstages ber arbeiterstatistischen Abtheilung bes Statistischen Amts überwiesen. Tort wird sie berathen werben, ich nehme an, unter Zuziehung be8 Arbeits- unb Sachverstänbigenbeiraths. Zu ber Frage ber Arbeitslosenversicherung werben bie Regierungen in allernächster Zeit insofern Stellung nehmen, als man prüfen wirb, ob unb welche wissenschaftlichen und praktischen Wege gegeben sinb, um der Frage näher zu treten: Ist überhaupt eine Arbeitslosenversicherung möglich unb unter welchen Voraussetzungen ist sie durchführbar? Bei unzweifelhaften Nothstänben ist man verpflichtet, die Anwendbarkeit eines solchen Mittels zu prüfen, und daß dies seitens der verbündeten Regierungen geschehen wird, dessen können Sie versichert fein. (Lebhafter Beifall.)
tner wird die Arbeitslosigkeit nach Annahme des neuen Zolltarifs zu ■ Tage treten, und das Uebel wird dann um so schwerer empfunden 1 werden, da zugleich die Lebenshaltung der breiten Massen sich dann , erheblich verschlechtern wird. Der Lohndruck, eine der Folgen ber Arbeitslosigkeit, wirb sich bann um so schwerer fühlbar machen, und es wird eine Unterlonfumption an Lebensmitteln zu Tage treten.
Die Konservativen haben in einer früheren Sitzung behauptet, daß ■ auf dem Lande von einer Arbeitslosigkeit nicht bie Rede ist. Das stimmt nicht, die Statisttk der Jnvalidttätsmarken beweist das Gegen- theil. Oder will Graf Kanitz behaupten, daß die Gutsbesitzer zu wenig Marken kleben? Die Landarbeit wird immer mehr zu einer kurzen Saisonarbeit. Deshalb sollten die Agrarier die Arbetts- kosigkett nicht so von oben herab behandeln unb sich nicht einreden, daß, wenn bei ihnen einmal Mangel an Arbeitskräften herrscht, es auf dem Lande überhaupt keine Arbeitslosigkeit giebt. Die Arbeitslosigkeit ist eine Folge des Raubbaues, der mit Der menschlichen Arbeitskraft getrieben wird. Mit den Summen, die heute für bie durch bie Krisen vermehrten Armenlasten verausgabt werden, ließe sich schon eine Arbeitslosenversicherung durchführen. Man wendet ein, die Arbeitslosen-Versicherung sei eine Prämie auf die Faulheit. Ja, ist denn die Feuerversicherung eine Prämie auf die Brandstiftungen? (Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Ich bin der Meinung, daß eine allgemeine Arbeitslosenversicherung sehr gut durchführbar wäre. Es würden an Arbeftslosenrenten etwa 219 Millionen Mark pro Jahr zu zahlen fein, wenn man für jeden arbeitslosen Tag pro Person 2 Mk. rechnet. Das ist ja keine direkt kleine Summe. Immerhin, wenn man bedenkt, welche Summen der Reichstag für andere Forderungen anstandslos bewilligt, so läßt sich das ertragen. Und ein Mißbrauch ist hier weniger zu fürchten, als in anderen Versicherungszweigen. Denn nirgends kann man bessere Kautelen verlangen, als hier. Allerdings, das müßte man von vornherein verlangen, daß die Versicherung die gesammte Arbeiterschaft umfaßt. Eine Beschränkung auf die Industriearbeiter würde zur Entvölkerung des platten Lärmes beitragen. Und diese wünschen ja unsere Agrarier nicht. Uebrigens würde die Arbeitslosenversicherung noch allerhand wohl- thättge psychologische Wirkungen zeittgen. Freilich schafft man mit der Versicherung noch nicht das Uebel selbst aus der Welt, so wenig wie man durch Korrekttonshäuser ba§ Verbrechen beseitigt. Wenn man systematisch Kulturarbeiten vornehmen wollte, so würbe man bet Arbeitslosigkeit zu einem großen Theile vorbeugen. Die sogenannten Nothstandsarbeiten, mit denen man bei uns manchmal beginnt, sind nicht mir ungenügend, sind sind in ben meisten Fällen auch unprobukttv. So etwas läßt sich eben nicht überstürzt unb ohne weitausschauenden Plan durchführen. Die Beseitigung der Arbeitslosigkeit ist aber von größter Bedeutung für unsere gesammte Volkswirthschaft, nicht nur für die Arbeiterklasse. Man muß den Arbeiter konsumfähig erhalten, sonst nützt nachher die vermehrte Produttion gar nichts, da der Jnlandsabsatz dann nicht genügt. Wir sind der Ansicht, daß unsere Gesellschaft sich selber den besten Dienst erweist, wenn sie energisch der Arbeitslosigkett vorbeugt. (Beifall bei den Sozialdemokraten.)
Abg. Dr. Bachem (Ctr.): Es ist zweifellos eine der beklagens- werthesten Erscheinungen unseres sozialen Lebens, daß wir zur Zett nicht genügend Vorkehrungen haben, um dem arbeitsfähigen und arbeitswilligen Arbeiter Gelegenheit zur Arbeit au geben. Herr Kollege Hitze hat schon im Januar ausgeführt, daß bas vornehmste Präventivmittel in ber Ausbildung der Arbeitsnachweise gesucht Werden muß. Der Ausbau der Arbeitsnachweise allein kann die Grundlage für alle weiteren Versuche auf Diesem Gebiete bilden. Es ist allerdings in dieser Beziehung schon Manches geschehen. Sehr wichtig wäre die Organisation des Arbeitsnachweises auf dem Lande. Dieser könnte einen Rückfluß der in die Industrie hinein- gelommenen ländlichen ungelernten Arbeiter bewirken und damit beiden Kategorien nützen. Auch die Naturalverpflegungsanstalten müßten wieder mehr beachtet werden. Wir muffen auf jeden Fall danach ftreben, daß der arbeitsfähige Arbeiter der Armenunter- ftützunq nicht anheimfällt. Wenn er Unterstützung erhalten muß, bann nicht in der Form von Almosen sondern in der von Vorschüßen, wie sie jeder Geschäftsmann erhalt und in besseren Zetten zurückerstattet. Was die Arbeitslosenversicherung anlangt, so ist diese eine der wichtigsten, aber auch eine der schwierigsten Fragen. Gerade in den Kreisen der Sozialdemokratie gehen ja die Meinungen durchaus auseinander. Besonders in ben Kreisen Der Gewerkschaften steht man ben Molkenbuhrschen Vorschlägen keineswegs zustimmend gegenüber. Auf dem Münchener Parteitag hat sich gleA- falls gezeigt, baß über bie Ansichten, to t e bie Arbettstosenversiche- rung ourchgcführt werben soll, noch vollständige Unklarheit herrscht. Versuche sind ja gemacht worden, so in Bern und m Köln Doch hat es sich da gezeigt, daß ber reine Versichernngsgebanke nicht durchgeführt werden konnte. Also muß man ba noch ruhig abwarten. Im Uebrigen aber mochte ich bas Eine betonen: ber Arbeitslosigkeit steuert man nicht burch eine Versicherung, sonbem am bejtc daburch, daß man der Industrie hilft, wodurch der Arbeiterschaf ständige Arbeitsgelegenheit gesichert wird. Und totr stehen za. letzt gerade vor einer wichtigen Entscheidung, die für das Schicksal unserer Jndusttie von der größten Bedeutung ist, vor der Entscheidung über den Zolltarif. (Lachen links und Lärm bei den Soz.) Ja, den Herren von der Sozialdemokratte scheint das, was ich sage, sehr unangenehm zu fein. (Erneutes Lachen links.) Mer Herr Molkenbuhr hat doch auch vom Zolltarif gesprochen. Also warten Sie nunmehr doch auch ab, was ich sage, dann warten Sie
Mg. Zubeil (Soz.): Die Argumentation des Abgeordneten Bachern steht auf sehr schwachen Füßen. In England giebt es viele von unseren Jndusttiezöllen nicht; insbesondere keine Textilzölle, und doch werden dort die Arbeiter ganz unvergleichlich besser bezahlt, als bei uns. Die Arbeitslosigkeit hat bei uns ganz unerhört zugenommen. Auch in den Staatsbetrieben werden zahlreiche Arbeiter entlaßen. Die Behauptung des sächsischen Bundesrathsbevollmächtigten, baß in ber sächsischen Eisenbahn- verwaltung keine Entlassungen vorgekommen sind, widerspricht dirett der Wahrheit. Wie Graf Kanitz die Ursache der Arbeitslosigkeit lediglich in der Gewissenlosigkeit von Agenten suchen kann, verstehe ich nicht. Gewissenlos handeln vielmehr die ostpreußischen Großgrundbesitzer, die galizische und Russische Arbeiter annehmen und dadurch tue Zahl der Deutschen Arbeitslosen vermehren. Bei den geringen Löhnen ist es ganz unmöglich, daß ber Arbeiter währenb seiner Thättgkeit für bie Zeit ber Arbeitslosigkeit etwas sparen kann. Angesichts bieser Thatsachen ist es ganz selbstver- ständlich, baß ber Arbeiter die Hilfe des States in Anspruch nehmen muß, denn er selbst hat die Arbeitslosigkeit nicht verschulbet, und es wäre Pflicht und Schuldigkett des Reiches, endlich die Klinke ber Gesetzgebung in bie Hand zu nehmen, um ein brauchbares Arbeitslosengesetz zu schassen. Wenn enblich ber achtstünbige Arbeitstag eingeführt würde, bann könnte die Jndusttie erheblich mehr Arbetter beschäftigen; heute aber giebt es Fabriken, wo 14, 16 und 17 Stunden lang gearbeitet wird auf Kosten der Gesundheit der Arbetter! Wenn auch nicht von heute auf morgen eine Arbeits-


