„Die verdammetten sMesffchen (Stiftner sprech enlhr M- dauern unb ihre Enrruflun g ifDer Die Beschlüsse der Zolltarifko-nmissivn des Reichstages aus, da dieselbe die ebenso bescheidenen als berechtigten Forderungen des deutschen Gartenbaues, betreffend Verzollung aus- lündischer Gartenprodukte unberücksichtigt gelassen hat. Wir erwarten indessen vom Gerechtigkeitssinn der Kommission, daß dieselbe ihre Fürsorge so wie allen anderen Berufen auch dem deutschen Gartenbau angedeihen lassen wird. Insbesondere erwarten wir, daß Schnittblumen, Blätter, Bindegrün und Treibgemüse mit einem mäßigen Holl belastet werden, da gerade durch die Masseneinfuhr dieser Artikel der Lebensnerv des deutschen Gartenbaues unterbunden wird." Tiefe Resolution soll sowohl an die Zölttariskom- mission als auch an die schlesischen Reichstagsabaeordneten, mit Ausnahme der sozialdemokratischen, gesanvt werden.
München, 15. Seht. Tas Ministerium des Innern hat die Verfügung erlassen, daß die bisherige dreitägige Schlach kung ssri-ir für österreichisches V'ieh aus fünf Tage verlängert wird, sodaß nunmehr leichtere Cinjugr ermöglicht ist.
— He Beratungen ves sozial -'friichen Parteitages wurden heute morgen kurz vor 9 Uhr durch den Reichstagsabg. Singer-Berlin eröffnet, welcher seiner Freude über den so zahlreichen Besuch des Parteitages durch auswärtige Genossen Ausdruck gab. Genosse S e l i g e r - Teplitz überbringt die Grüße der österreichischen Genossen, NemeoPrag die der tschechischen. Askow- London spricht für die englische Arbeiterpartei, Vander- v e ld e-Brüssel versichert die deutschen Genossen der herzlichsten Sympathien seitens aller Genossen französischer Zunge und hob besonders hervor, daß die in der deutschen Presse verbreiteten Gerüchte über eine Spaltung der sozial- ■ lemokratischen Partei in Belgien stark übertrieben worden eien. Eine gleiche Erklärung gab namens der italieni- chen Arbeiterpartei Genosse Lerda-Genua ab. Schließlich sprach noch namens der Schweiz Genosse Müller- Zürich. Hierauf wird eine Reihe von Begrüßungs-Telegrammen verlesen und dann in die Tagesordnung eilige« treten, deren erster Gegenstand die Erstattung des Geschästs- berichtes durch die Genossen Auer und Ger isch bildet. — Zn der Nachmittagssitzung erstattete G e r i s ch den Kassen bericht. Er schilderte die Finanzlage als u n g ü n st i g. Nachdem Meister den Bericht der Kontrolleure erstattet hatte, begannen die Erörterungen. Bei Besprechung der Preßverhältnisse wird namentlich über den Fehlbetrag der „Neuen Zeit" Klage geführt. Eine große Erörterung entsteht über die Monatshefte. Tie einzelnen Redner werden häufig durch Beifall und Widerspruch ja selbst Zischen unterbrochen. Tie Erörterung wird schließlich bis Dienstag vertagt.
Kirche und Schule.
Ein General als Erzbischof. Die „Post" hat den Generaloberst v. Loe als Kandidaten für den Kölner Erzbischofsstuhl proklamiert. Die „Nationall. Korresp." äußert dazu: „So weit sind wir in Preußen, wo die Regierung die zartesten Rücksichten auf die Wünsche des Zentrums nimmt, doch wirklich nicht gekommen, daß ein General zur Besetzung eines Bischosssluhls abkommandiett wird. Aber die „Post" scheint fest daran zu glauben, denn sie hat ihre heitere Nachricht, so viel wir sehen, noch nicht widerrufen."
Ausland.
London, 15. Sept- Die Entwaffnung der Eingeborenen in Transvaal vollzieht sich nach einer Meldung der „Morning Post" ohne Schwierigkeiten.
Haag, 15. Sept. Staatssekretär Reitz äußerte einem Zournalisten gegenüber: „Ich habe nichts gegen England; ich verurteile nur Ch am b erlai ns Politik, seine Lügen und diejenigen, die ihm folgen. Ich habe die Beweise von so und s o v i e l S ch ä n d l i ch k e i t e n der englischen Politik uiid ,Kr i e g füh r u n g in Händen, inan kann nun überlegen, was besser ist: zu schweigen und hinzunehmen, oder die Wahrheit zu sagen. Die Generale und die Deputation haben das Erstere gewählt, ich das Letztere, infolgedessen bin ich von ihnen geschieden. Sie sind meine Freunde geblieben, und ich der ihre, aber sie fragen mich in nichts mehr um Rat und ich will auch nicht um Rat gefragt werden. Ich stehe heute ganz für mich allein; ich gehöre selbst meinem Lande nicht, mehr an, da ich mich nicht unterwerfe." Reitz wird in zehn Tagen nach Newyori gehen.
Brüssel, 15. Sept. Die belgische Postverwaltung, die, wie wir meldeten, dieser Tage eine Anzahl deutscher Blätter deren Abonnenten nicht zugestellt hat, weil sie deutsche Lotterie-Inserate enthielten, hat diese Maßregel bereits wieder aufgehoben.
Paris, 15. Sept- Zm ganzen Departement Finistöre begann heute in den von der Regierung gestatteten Privatschulen der geistlichen Brüder und Tonnen oer Unterricht wieder. Die Kongreganistenschulen in Saint- Meen, Le Folgoet, Ploudaniel, Ploumoguer, Plougonvelin und Landerneau bleiben geschlossen. Tie meisten Kinder- Werden zu Hause behalten. Ein Zwischenfall hat sich nicht ereignet.
Paris, 15. Sept- Ter Marineminister Pelletan hat in Asaccio am Sonntag eine Rede gehalten, in der er u. a- die Bemerkung machte, daß die Insel Eorsica Italien inS Herz ziele. Diese Worte werden hier als eine mutwillige Verletzung der Gefühle Italiens empfunden.
— Hiesige Zeitungen veröffentlichen einen vom 15. August datierten Brief des Burengenerals Cronje an feine Freunde in Europa. Cronje spricht darin mit großer Wärme seinen Tank für die mannigfachen Dienste aus, welche ihm und seiner Familie während der Gefangenschaft enviesen wurden. Den Friedensschluß streift er nur mit folgenden Worten: „Was es uns immer kosten und wie schwer es uns immer scheinen mag, wir können in dem Geschehenen mir den unerforfchlichen Willen und die leitende Hand des Allmächtigen erblicken. Uns armen Menschen kommt es nur zu, uns zu resignieren und mit in den Tod betrübter Seele und mit zitternden Lippen zu sagen: „Ter Wille des Herrn geschehe!"
Wien, 15. Sept- In Trient fand gestern eine Versammlung der italienischen Societa degli studenti tridentini statt, an der etwa 500 italienische Studenten teil» nahmen. Zunächst war die Versammlung eine Demonstration gegen den Kleritalisrnus. Ferner beschloß die Versammlung eine Resolution, worin energisch die Errichtung einer italienischen Universität in £ rieft verlangt wird. Bis dahin seien die Diplome der italienischen Universitäten in Oesterreich als gittig anzuerlcnncn. Andernfalls möchten an der Innsbrucker Universität italienische Parallelkurse für alle Fakultäten errichtet werden, dis eine
italienische Universität in Triest eröffnet sei. Alle italienischen Studenten in Oesterreich werden aufgefordert, nach Innsbruck zu kommen, um die dortige Universität zu einer doppelsprachigen zu machen.
Newyork, 15. Sept- Das amerikanische Kriegsschiff „Panther ist, dringenden Befehlen aus Washington gemäß, gestern abend mit 320 Marinesoldaten und 6 Feldgeschützen an Bord von League Island nach Colon in See gegangen.
Kolonialpost.
AuS der Schutztruppe für Kamerun scheidet der Oberleutnant Leszner, der ihr seit 6. Juli 1900 angehört hat, mit dem 28. d. M. aus. Er wird beim 118. Jnf.-Regt. in Worms eingereiht, nachdem er vor seinem Eintritt in die Schutztruppe dem 61. Jnf.-Regiment in Thorn angehöri hatte.
Jetzt, da der Herbst ins Land zieht, laden wir die Bewohner von Stadt und Land zum Abonnement auf den Gießener Anzeiger ein.
Herbst und Winter pflegen eine Zeitung ihren Lesern wesentlich näher zu bringen. Wenn die Hcrbslstürme durchs Land brausen und des Winters Machtwort jeden mehr an seine vier Pfähle bannt, dann greift man um so lieber nach „seinem" Blatt und weiß es als Berichterstatter, Unter« richtcr und Unterhalter am besten zu schätzeu.
Man kennt in Lberhcffen und den angrenzenden Gebieten den Gieß. 21nz. zur Genüge. Man weiß, daß er sich unausgesetzt bemüht, den Interessen und Wünschen seines Lcsepublitums nach Möglichteit eut- gcgeuzukommen.
Um rechtzeitige und ununterbrochene Zustellung zu erwirken, ist baldigste Bestellung geboten.
Lurch unsere Zeitungsbotcn und Zweigstellen wird der „Gießener Anzeiger" weiterhin ins Haus gebracht, wenn nicht ausdrückliche Abbestellung erfolgt.
Ans Stadt und Sand.
Gießen, 16. September 1902.
*' Personalien. Tie Geometer 1. Klasse Hermann Lanz zu Ober-Ramstadt, Adam Kredel zu Reichelsheim und Wilhelm Hofmann zu Bad-Nauheim sind zu Katastergeometern ernannt worden.
st. lieber die DivisionSmanöver in der Wetterau wird uns aus Friedberg, 15. September, geschrieben: Heute morgen 5.15 Uhr marschierten die hier einquärtierten Truppen ab in der Richtung Berstadt—Reichelsheim—Södel, um das am Samstag abgebrochene Gefecht wieder aufzunehmen. Die 168er stellten sich auf der Straße Melbach—Wölfersheim—Södel auf, das Gefecht zog sich dann nach der Richtung Münzenberg und Butzbach hin. Heute und morgen erhalten wir zirka 3000 Mann mit dem Divisionsstab. Mittwoch ist großer Ruhetag; Donnerstag findet Gefecht zwischen den beiden Divisionen (21. und 28.) statt. Dieses zieht sich gegen Altenstadt, wo in der Nacht vom Donnerstag zum Freitag Divisionsbiwack ist. Freitag geht das Gefecht in der Richtung nach Rothenbergen bei Gelnhausen weiter. Hier vereinigt sich voraussichtlich am Samstag das ganze Arnieekorps und geht gegen einen markirten Feind vor, der in der Gegend von Heldenbergen— Windecken Stellung nimmt. Nächsten Montag manöveriert die Festungsartillerie Nr. 3 in der Gegend von Hanau— Seligenstadt. — Dem „Darmst. Anz." wird noch mitgeteilt, daß nach Beendigung der Korpsmanöver auf einem Gelände bei Gedern—Wenings Artillerie - Scharfschießen stattfindet. Hie und da verlautet auch, daß die Kaiserinanöoer im nächsten Jahre im Bereiche des 18. Armeekorps abgehalten werden sollten.
8 Liß berg, 15. Sept. Der gestrige Tag hat in unserem Dorf die Erinnerung an schwere Zeiten der Bedrängnis geweckt. 9(m 14. September 1796 fielen abends etwa 500 Franzosen von der Armee Jourdans bei uns ein und hausten schrecklich; etwa 60 Wohngebäude wurden damals in Brand gesteckt und über 100 Bewohner, die nicht mehr flüchten konnten, erschossen. Ter greise Pfarrer Sommerlad, welcher den Franzosen entgegenging und um Gnade flehen wollte, war einer der Ersten, die fielen. Nach der Chronik von Wagner erfolgte die Zerstörung deshalb, weil die unbesonnenen Einwohner sich dem Durchmarsch und der (Einquartierung der vor den heranrückenden Truppen des Erzherzogs Karl auf dem Rückzug begriffenen Franzosen widersetzten.
n. Nidda, 15. Sept. Heute haben uns die letzten Manövertruppen verlassen. Tie verflossene Woche stellte an unsere Bevölkerung keine geringen Ansprüche; aber gern und willig werden unsere Krieger nach Kräften verpflegt und werden dieselben mit dem ihnen bereiteten Empfang mit ganz geringen Ausnahmen zufrieden sein. Einen Ersatz für ihre Mühe wurde unseren Einwohnern in den herrlichen musikalischen Genüssen der Kapellen der 117er und 118er, welche gleich vorzügliche Leistungen boten. Die Vorräte des hiesigen Proviantamts wurden heute auf zahlreichen Wagen in die Wetterau befördert.
•• Groß-Umstadt, 15. Sept. In Richen starb das 3 Jahre alte Töchterchen eines Heilgehilfen. Aus Gram über den Verlust ihres Kindes vergiftete sich die Mutter, eine noch junge Frau, neben der Leiche desselben.
Offenbach, 15. Sept. Nachdein am 24. August v. I. bereits die Großschiffahrt der Rhein-Main-Wafferstraße bis Offenbach eröffnet worden war, wurde heute der Offenbacher Hafen dem Verkehr übergeben. Es ist eine Hafenanlage geschaffen, die sich sehen laffen kann. _ Die 200 000 Kubikmeter betragende Kaimauer ist in der Hauptsache aus Zementbeton hergestellt. Die hochwafferfreien Lagerplätze betragen über 40 000 Quadratmeter, wovon 18 000 Quadratmeter als Kohlenlagerplätze vorgesehen lind. Tie Lade- uud Löscheinrichtungcn entsprechen den neuesten technischen Fort- schritten; die zwei vorhandenen Ladebrücken sind in ähnlicher Ausführung nur im Mannheimer Hasen vorhanden. Die Hafenbahn ist 4 Kilometer lang und führt vom Hafen auf
dem rund 1700 Meter langen, mit Quai- und Krahnen« anlagen versehenen Mainufer entlang bis zur Bürgeler Gemarkung und von dott in einem großen Bogen zur Staatsbahnstrecke. Tie vorhandenen Kohlenlagerplätze sind für rund 20 000 Mk. Mieterträgnis jährlich bereits längst vergeben. Platz für weitere Lagerplätze und für Lagerhäuser ist ausreichend vorhanden.
Mainz, 15. Sept. Ein hiesiger Arbeiter karn^gestem Nachmittag nach seiner Wohnung und fand den Schlüssel nicht in der Thür stecken. Von seinen Wirtsleuten hörte er, daß der Schlüssel verschwunden sei. Nach gewaltsamer Oeffnung der Thüre fand der Arbeiter, daß ihm ein im Zimmer stehender Schließkorb ausgeschnitten und aus demselben eine Summe von 4 00 M k. gestohlen worden war. Ein des Diebstahls verdächtiges Mädchen, das sich durch bedeutende Ausgaben verdächtig gemacht hatte, wurde verhaftet. — Ter Sohn eines hiesigen Schneidermeisters, uer seine Lehre bei einem Gärtner kürzlich bestanden hatte, begab sich an den Niederrhein, um daselbst eine Stellung anjutreten. Statt eines Briefes, bi<", er gesund daselbst angekommen sei, erhielten aber feine Eltern die Mitteilung der Polizei, daß ihr Sohn als Leiche im Rhein geländet wäre. Ter junge Mann halte im offenen Rhein ein Bad genommen, ohne mit den Stvomverhältnissen bekannt zu sein. — Aus Kastel wird gemeldet: Im „Gasthaus zum Himmel" hat sich, ein Verein gegründet gegen den Alkoholgenu h.
Frankfurt a. M., 15. Sept. Wenige Städte haben ihre Signatur in den letzten Jahren so ausfällig verändert, wie Frankfurt, das sich nach Westen, Norden und Osten mit Riesenschritten vergrößert. Tie neueStadtimWesten, das Hellerhofviertel, besteht auM 76 freundlichen Däusern, von denen z. Zt. 50 feniggestellt und teilweise bezogen sind. In dem vornehmen Nord-Westend ist ein riesiges Terrain durch asphaltierte Straßen erschlossen worden, das nördlich durch die langgestreckte monumentale Anlage des neuen Lessinggymnasiums und die Irrenanstalt abgeschlossen wird; vor einem halben Jahre war es Wiesen- unb Ackerland. Tas nördliche Villenviertel Holz- hausastraße ist mit modernen Luxusstraßen mitten in die Felder hineingewachsen und das weite Terrain zwischen Friedhof und Stadt durchziehen jetzt breite Straßen, an denen die lebhafteste Baulhätigkeit herrscht. Zur Befriedigung des Baubcdürfnisses ui Sachsenhausen wird zwecks Schaffung von Bauland die lex Adickes zu Hilfe genommen werden müssen. — Ein raffinierter Einbruch wurde heute nacht bei dem Goldwaren- und Uhrenhändler Z i m a,. Schäfergasse 42, verübt. Tie Einbrecher drangen vom Hofe aus in den Laden ein und räumten den Erker völlig aus. Ter Kassenschtank wurde an der Rückseite angebohrt und seines Inhaltes von rund 1000 Mk. beraubt. Ter Gesamtwert der gestohlenen Sachen beläuft sich auf etwa 20000 M k.
Marburg, 15. Sept. Der „O.-H. Z." wird geschrieben: Vor Errichtung des Schlachthauses in Marburg habe ich mehrere Jahre hindurch die fetten Ochsen mit 3 6 M k. pr. 100 Pfd. lebend Gewicht verkauft, und ist damals weder von Theuerung beS Fleisches und noch weniger von Fleischnot im Publikum die Rede gewesen. In den letzten Jahren dagegen habe ich nur 84 Mk. pr. 100 Pfund gelöst und noch gegen Pfingsten dieses Jahres wollten mir Marburger Metzger nicht mehr als 34 bezahlen. Die Metzger sind freilich mit schweren Abgaben belastet und können deshalb das Fleisch heute nicht billiger verkaufen, als sie thun, wenn sie einen Nutzen für ihre Mühe haben wollen. Eine Verbilligung des Fleisches könnte nur für die Konsumenten eintreten, wenn die Stadt den Metzgern wenigstens zeitweilig die Schlachthausabgabe erließe."
Die Tragödie von Bologna.
Man schreibt der „Ttsch. Ztg." aus Rom:
Vor ein paar Wochen ward in Bologna ein reicher Lebemann, der Gras Bonmartini, ermordet aufgefunden. Ta man im Bett Unterkleider von der Art sand, wie sie saft nur in den oberen Schichten der Halbwelt getragen werden, außerdem zwei halbgefüllte Ehampagiierkelche sowie in der Brieftasche eine auf die Liebschaften des Grasen hindeuteride Korrespondenz, während das Geld daraus verschwunden war, so lag die Annahme nahe, es handle sich auch in diesem Fall um eines jener schauerlichen Kokotten- und Zuhälterdramen, wie sie sich atkch anderswo nicht selten ereignen. Tie plötzliche Enthüllung über die Person des Mörders gießt dem Bolognesischen Vorgang indes ein so sensationelles Gepräge, daß man nicht wohl^ darüber Hinweggleiten kann. Ter Name des Mörders ist durch dessen eigenen Vater bekannt geworden; eS ist eine int Vordergrund des öffentlichen Lebens der Stadt Bologna stehende Persönlichkeit, der Provinzialrat und Führer der intransigenten sozialistischen Gruppe, Direktor des Sozialistenblattes „Squilla" Rechtsanwalt Tr. Tullio Mirri, Sohn des Universitätsprofessors, der als einer der ersten Kliniker Italiens gilt. Jetzt, wo die kaum faßbare Enthüllung erfolgt ist, behauptet die Polizei, ihre Untersuchungen seien^ auf jene Spur gelenkt worden, doch habe man sie aus Furcht vor einem möglichen Irrtum nicht weiter zu verfolgen gewagt. Andererseits treten aber jetzt Einzelheiten über das Leben in den beiden Familien Mirri und Bonmartini zu tage, die doch ganz danach angethan sind, wenigstens den Verdacht eines Verbrechens zu rechtfertigen Gras Bonmartini lebte von seiner Frau, Linda, einer Tochter des Prof. Mirri, getrennt, unterhielt aber doch feit einiger Zeit wieder Beziehungen zu ihr. Linda unterhielt ihrerseits ein Verhältnis mit einem Handlungsreisenden, Sohn des Universttäts- professors Secchi, der ihr im nämlichen Hause, unterhalb der Wohnung des Gatten, ein kleines Appartements gemietet hatte, dessen Zins aber die Gräfin bezahlte. Diese liejj vor einiger Zeil aus Asti 60 Flaschen Eancia-Cham- pagner kommen, und es ist soeben festgestellt worden, daß die bei der Leiche vorgefundene Flasche mit jenen überein- ftimmt. Wenn in Bologna von einer bevorstehenden sensationellen Verhaftung gesprochen wird, so dürste sich das auf die Witwe des ermordeten Grafen Bonmartini, Tochter der Universitätsprofessors Mirri, beziehen. Ich erinnere daran, daß in Italien nur Trennung, aber nicht Scheidung einer Ehe möglich ist, was häufig Anlaß zu Gattenmord gewesen ist als einzigem Ausweg, um eine neue gesetzliche Verbindung einzugehen. Ter Provinzialrat Mirri besaß nun eine zärtliche Neigung für seine Schwester und sie für ihn, derart, daß gelegentlich Linda die Vermittlerin bei ihrem Vater machte, als dieser dem Sohn wegen seiner fast anarchistischen Gesinnung und arideren Dingen das Storr eten der Schwelle seines HauseH verboten hatte. Aber Tullio hatte feine eigene Wohnung, die er abwechselnd mit unzähligen Kokotten teilte, zuletzt mit einer angeblichen Schneiderin Ro-snra Sottetti, ine wagen Verdacht der TeU-


