Samstag 15. NovemberLSOL
Zwettes Blatt.
152. Jahrgang
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Nr. 269
•r|d)et«t täglich äugel SonnlagS.
Dem Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit dem Kesstschen Landwirt die Siebener Samtlienblätter viermal in der Woche beigelegt.
IRoiattonSbrucf u. Verlag der Brüh l'ichen Umveri.-Buch- u.Slem- dructsre« lBietlch Erden) Redoknon, Ervedllroa und Druckerei;
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Vdrelie tüt Depeicheni Anzeiger Gießen.
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4-y . . für den polit u. öligem.
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen DWZ
__________Aeiqenieil Han» Beck.
9ie heutige Mmmer umfaßt 18 Seiten.
Politische Tagesschau.
Der Umfall.
Aus Berlin, 14. November, wird uns geschrieben:
Tas Vorbereiten auf den „Umfall" in Sachen des Zolltarifentwurfes beginnt! Am schärfsten haben sich die Konservativen gegen die Regierungsvorlage engagiert, während das Zentrum vorsichtiger war und sich Rückzugspfade offen lieh. Nun deutet beute zum ersten Male die „K r e u z z t g." an, d aß das Einlenken der „Zollmehrheit" zu gervärtigen ist. Ter Aufsatz des konservativen Organs „Zur innerpolitischen Lage", beschäftigt sich zwar in der Hauptsache mit der Obstruktion und den Mitteln, ihrer Herr zu werden, aber die Pointe liegt im Folgenden: Ein Teil der Mitglieder der Mehrheit wolle bekanntlich nichts von seinen Forderungen preisgeben. Es sei nur folgerichtig, daß dieser Teil der Mehrheit sich über die Obstruktion nicht sonderlich ausrege und sich demgemäß auch den za ihrer B käntpfung gemachten Vorschlägen einigermaßen kühl gegenüberpehe. „Wir glauben aber nicht fehlzugehen", fährt die „Kreuzztg." fort, „wenn wir behaupten, daß die hier in Betracht kommenden Abgeordneten nicht dieüberwiegendeZahl der Re ichstagsmehrheit stellen." Tie,Lreuzztg." äußert dann noch ein Mehreres über die Grundlage einer Verständigung, über Prüfung der Sachlage durch die verbündeten Regierungen, doch alles das ist schmückendes Beiwerk. Tie Verständigung ist nicht seit heute und gestern perfekt; man hat nur Zeit gewinnen wollen innerhalb der Zollmehrheit, um sich und die Wähler mit dem Rückzugsgedanken allmählich vertraut zu machen. Und darum ließ man nur tropfenweise Meldungen über die mit der Regierung gepflogenen Verhandlungen durchsickern. In holder Abwechselung folgten Dementis, Bestätigungen, pessimistische Gerüchte — und hinter diesem Theater-Nebel vollzog sich, den Blicken der profanen Menge entrückt, der Wechsel der Dekoration. Der „Umfall" wird sich nun wohl in der Art vollziehen, daß eine Anzahl Unversöhnlicher — genug, um einigermaßen imponierend zu wirken, nicht zu viele, um die Mehrheit für den Taris zu gefährden — auf den Getreide- und Viehzoll-Beschlüsien beharren wird. Wir haben unsererseits von folgendem Plan gehört: es soll eine Resolution in Vorschlag gebracht werden mit der Aufforderung an die verb. Regierungen, die Interessen der Landwirtschaft bei den Zöllen mit größter Entschiedenheit zu berücksichtigen, also möglichst einen höheren Zoll, als den Mindestzoll, durchzusetzen. Solche Resolutionen nehmen sich als Willensausdruck des Reichstages ganz stattlich auX- die Regierung kann die Aufforve- rung als eine höchst berechtigte anerkennen — sie ist aber nicht gebunden.
Gerüchte von einer bevorstehenden Verlobung des Kronprinzen sind in der letzten Zeit sehr häufig ausgetaucht und haben die schtvierigsten Verknüpfungen zustande gebracht; als älu- riosum sei envähnt, daß die Welfen in Hannover fest überzeugt sind, der Kronprinz könne gar keine andere freien, als die zweite Tochter des Herzogs von Cumberland, die übrigens ein recht hübsches Mädchen sei. Neuerdings knüpft sich der Verlobungstlatsch mehr auf» dringlich als taktvoll an die Englandreise des Kaisers, und zwar sind es die Engländer selbst, die hier ihre Phantasie spielen lassen . Aus London wird uns darüber berichtet: Ter „Daily Expreß" läßt sich von Berlin ein Telegramm senden, dessen Inhalt wie übliche aus der besten verbürgten Quelle stammt und natürlich in jedem Worte auf striktester Wahrheit beruht und wonach Kaiser Wilhelm nichts Geringeres im Sinne habe, als mit Eduard VH. und Königin Alexandra die eventuelle Verheiratung einer englischen Prinzessin an den deutschen Kronprinzen eingehend zu besprechen; es sei Thatsache, daß eine Verbindung von diesem Charakter von jeher bei der verstorbenen Königin Viktoria hoch in Gunst gestanden habe und von ihr des öfteren erörtert worden (et
Wenn der deutsche Kronprinz eine der englischen Enkelinnen der Königin Viktoria heiraten soll, die sämtlich direkte Cousinen seines kaiserlichen Vaters sind, so müßte er eine seiner eigenen Tanten freien, eine Verbindung, die schwerlich empfehlenswert sein könnte. Tie Mutter der Prinzessinnen von Counaught ist bekanntlich eine Tochter des verstorbenen Prinzen Friedrich Karl von Preußen, ist also eine Cousine des Kaisers und als solche Tante des Kronprinzen, der in ihren Töchtern also einerseits Cousinen, andererseits in ihnen als Tochter ihres Vaters, des Herzogs, seine Tanten sieht
Aus dem österreichischen Parlament.
Tas österreichische Abgeordnetenhaus begann am 14. dieses Monats die Verhandlung über die Dringlich keits- anträgc betreffend die Vorfälle bei der Landtags st ich- wähl in Favoriten. Abg. G e ß rn a n n wirft den Sozialdemokraten vor, bei der Agitation in terroristischer Weise vorgegangen zu sein, die christlichsozialen Wähler nicht nur an der Stimmabgabe verhindert, sondern auch auf offener Straße Straßenraub und Tieb- st a h l verübt zu haben. Tie Sozialdemokraten' unterbrechen nur hin und wieder die Ausführungen Geßmanns durch ironischen Beifall.
Nach Geßmann ergreift Abg. Pernerstörfer das Wort zur Begründung des sozialdemokratischen Antrags. Tie Christlich,ozialen verlassen den Saal. Pernerstorfer führt aus: Schuld an den Vorgängen in Favoriten sei die pflichtvergessene Polizei und der pflichtvergessene Ministerpräsident. O e st e r r e i ch sei kein Rechtsstaat, sondern ein Saustaat. Lueger habe sich in der Mittwochsitzung wie ein Irrsinniger oder Gassenjunge benommen. Wer sich wie Lueger Frauen gegenüber benimmt, sei der ärgste Schandbube in Oesterreich. Eldersch ruft: Lueger ist ein Schuft! Pernerstorfer (fortfahrenb): Lueger sei ordinär Dom Scheitel bis zur Sohle. Tie christlich-soziale Partei, welche die korrupteste auf der Welt sei, nenne sich katholisch und kaisertreu. Ist bei uns katholisch und kaiserrreu der Inbegriff aller Gemeinheit? Tiefe Partei ist nicht nur jeder Gemeinheit, sondern auch jedes Verbrechens fähig. (Beifall bei den Sozialdemokraten.)
Ter Präsident erteilt Pernerstorfer einen Ordnungsruf.
Ter Ministerpräsident erklärt, die Regierung habe bei den Wahlen alle Vorkehrungen zur Sicherung der Wahlfreiheit getroffen und werde dies pflichtgemäß auch bei den künftigen Wahlen thun. Er, der Ministerpräsident, werde nach Abschluß der Untersuchung aus deren Ergebnis die Konsequenzen ziehen, welche den Gesetzen und dem allgemeinen Rechtsgefühl entsprächen. Redner weist in scharfer Weise die gegen die Polizei erhobenen Beschimpfungen zurück und glaubt über die Vorwürfe des Vorredners gegen seine Person um so eher sich Hinwegsetzen zu können, als die Regierung gewohnt sei, nicht als unbefangen, sondern als parteiisch behandelt zu werden.
Axmann weist die Vorwürfe Pernerstorsers zurück und beklagt sich über den Terrorismus der Sozialdemokraten. Tie Rede des Abg. Axmann wurde wiederholt von ironischen Beifalls- und Protestrusen der Sozialdemokraten unter- brochen. Hierauf wird die Tebatte geschlossen und nach der Wahl von Generalrednern die Verhandlung abgebrochen.
Deutsches Reich.
B e r t i n, 14. Nov. Aus KingsLynn wird gemeldet: Ter Kaiser und König Eduard jagten auch heute in den Wäldern von Sandringham. Das Frühstück wurde im Schlosse Sandringham eingenommen.
— Zur Endell-Angelegenheit erfahren die „Pos. N. N.": Dem Major a. D. Endell ist mitgeteilt worden, daß das mit der Untersuchung seiner Affaire betraute militärische Ehrengericht ihn von jeder Verfehlung freigesprochen und daß infolge dieser Ent
scheidung der Kaiser chm die Uniform in Gnaden belassen hat.
— Heute abend fand beim Reichst« gs-Präfix denken ein Abendessen statt, an dem auch der Reichskanzler teilnahm.
— Tie Kommission zur Beratung des Gesetzentwurfes betreffend die Regelung der gewerblichen Kinderarbeit hat heute die erste Lesung zu Ende geführt.
— Tie Einberufung der 17. Kommission des Reichstags für die kaufmännischen Schiedsgerichte ist erfolgt, um eine Erklärung darüber zu hören, daß die Vorlegung eines bezüglichen Gesetzentwurfs nahe be- vorsteht.
— Ter Burenoberst Schiel ist heute nach herzlicher Verabschiedung von seinen Freunden, unter denen sich zwei ehemalige Burenoffiziere befanden, abgereist. Tie gestrige Versammlung in den Konkordia-Festsälen war zahlreich besucht.
Danzig, 14. Nov. Die Sozialdemokraten stellten als Kandidaten für die durch Rickerts Tod notwendig gewordene Reichstagsersatzwahl den Kassenführer Adolf Bartel auf, der feit mehreren Jahren die unbestrittene Leitung der Tanziger Sozraldemokratie hat.
Posen, 14. Nov. Heute nachmittag fand hier die feierliche Einweihung der Kaiser Wilhelm- Bibliothek statt in Anwesenheit des Fincmzmcnisters v. Rheinbaben, des Kultusministers Studt, der Spitzen der Militär-, Zivil- und Kommunalbehörden und zahlreicher Vertreter der Wissenschaft aus dem gesamten Vaterlande. Minister Studt übergab mit einer Ansprache die Bibliothek an die Provinzialverwaltung. Landeshauptmann v. Tziem- bowski übernahm die Bibliothek Namens der Provinz unter Worten des Dankes und schloß mit einem begeistert aufgenommenen Hoch auf den Kaiser. Tie Festrede hielt der Tirettor der Bibliothek, Focke. Tarauf folgte ein Rund- gang durch alle Räume der Bibliothek. Abends fand ein Festessen statt.
Karlsruhe, 14. Nov. Ter Großherzog verlieh dem preußischen Staatsminister und Minister der öffentlichen Arbeiten, Budde, das Großkreuz mit Eichenlaub des Ordens vom Zähringer Löwen.
Heer und Flotte.
v. Wachter, Oberst, beauftragt mit Wahrnehmung der Geschäfte des Gen. Adjutanten S. K. H. des Großherzogs wurde unter Ernennung zum Gen. AdManten S K. H. oes Großherzogs, zum Gen. Major, vorläufig ohne Patent, befördert; Frhr. v. Massenbach, Dberlt im 2. Großh. Hess. Trag. Regt. (Leib-Gard. Regt.) Nr. 24, wurde vom 15. Nov. d. I. bis zum 15. April k. I. zur Dienstleistung bei des Großherzogs von Hessen und bei Rhein K. H. kommandiert.
Anstand.
Kopenhagen, 14. Nov. In Hofkreisen wird dem Besuch des deutschen Kronprinzen für Mitte Tezember entgegengesehen. Der Besuch des deutschen Kaisers am hresigen Hofe soll im nächsten Sommer stattfinden. (?)
Paris, 14. Nov. Eine Abordnung der Marseiller Kaufleute und Rheder wird morgen vom Kabinettschef und vom Präsidenten Loubet empfangen werden. Der Zweck dieser Besprechungen ist die Lösung der Freihafen-, Frage.
— Im heutigen Ministerrate teilte Marine-Minister Pelletan mit, daß er sich mit der Dudgetkommission in Verbindung setzen werde, um Mittel und Wege zu finden für die Sicherung der völligen Ausführung des Programms für Schiffsbauten. Man glaubt, daß hierzu ein Nachtragskredit von 12 Millionen Francs notwendig sein wird.
Petersburg, 14. Nov. Wie die Russische Telegra- phen-Agentur meloet, ist die auswärts verbreitete Nachricht, daß der Psychiater Mersch ejewski in Liva- dia gewesen sei, unrichtig.
Sarah Bernhardt als Kameliendame.
Mainz, 14. Nov.
(Originalbericht des „Gieß. Anz.")
Die Mainzer sind sehr stolz daraus, sich einen Theaterabend und ein Gastspiel geleistet zu haben, auf das die Nachbarstädte aus sinanziellen Gründen verzichtet haben. Zu dem Publikum, das heute das Haus bis auf die entlegensten Plätze hin füllte, stellte natürlich auch Frankfurt, Wiesbaden und Darmstadt ein erhebliches Kontingent.
Pünktlich 7 Uhr nimmt die Vorstellung, bei geräumtem Orchester, ihren Anfang. Es vergehen einige Minuten, ausgeführt durch ein gleichgültiges Gespräch, dann erscheint sie im Rahmen der Thür. Das Entree ist durchaus diskret, das Tempo, das sie für die Konversation anschlägt, ist Andante. Das hohe silberne Organ ist von wunderbarer Biegsamkeit und berührt wie Gesang. Blond ist die Kameliendame der SarahBernhardt, sie wirkt auch blond. Aus dem Ganzen liegt etwas wie der zarte Hauch eines Frühlingsabends, dessen Schönheit sehr bald dahin sein wird. Das Weiche, Müde, stellenweise Träumerische, das die Künstlerin in die oft banalen Worte des Textes zu legen weiß, teilt sich auf ihrer ganzen Erscheinung nut.
Es ist in den letzten Tagen viel vom Alter der französischen Diva die Rede gewesen, aber kaum eine andere Schau
spielerin rechtfertigt so wie die Sarah die französische Redensart: on a l’äge qu’on parut. Auch das mit dem Opernglase bewaffnete Auge entdeckt auf dem feinen, rosig angehauchten Rassegesicht nur ganz unmerkliche Spuren des Alters. Aber Niemand, der nicht mit Vorurteilen zu dem Gastspiel kommt, möchte behaupten, daß irgend ein Mißverhältnis zwischen dem jugendlichen Charakter der Rolle und ihrer Interpretin bestünde. Süß, charmant ist das Lächeln der Bernhardt. Gewiß, die Beweglichkeit der Düse zeigt das Minnespiel der Bernhardt heute nicht mehr; absichtlich sagen wir „heute". Auch'' bei der Verausgabung der Affekte, in den erregten Situationen, legt sich die Bernhardt eine gewisse Reserve auf. Eins aber hat keine Zeit antasten können — das ist der Rhythmus der Bewegungen, das Linienspiel des Körpers, der wie aus einem präraffaelitischen Gemälde herausgestiegen erscheint. Die Gewänder, man muß diesen Ausdruck statt des nüchternen Wortes „Kleider" brauchen, schmiegen sich leicht und lose um die Figur, deren tadellosen Wuchs in keiner Weise beeinträchtigend. Jede große Künstlerin erkennt man am Spiel der Hände. Wie diese sich dem jeweiligen Leben der Situation anpassen, wie Glück und Schmerz in dem nervösen Zittern zum Ausdruck kommt, das zu beachten, ist der Mühe wert! Fächer, Blumen, Briefe u. bergt, gewinnen unter der Berührung der Bernhardt eine eigene beredte Sprache.
Mit der Aufnahme in Mainz kann der Gast zufrieden sein: Heroorgerufen nach jedem Akt und des öfteren Applaus bei offener Szene, vor allem nach dem 3. Akt.
Das Personal, das die Bernhardt mit sich führt, ist für klassische Sachen jedenfalls nicht ausreichend; für den Kon- versationsstiel Duma's genügt es. Der 4. Akt mit der tumul- trarischen Szene im Spielsalon zeichnete sich im Ensemble durch Verve aus.
Die Bernhardt weiß in „Schönheit zu sterben". Nichts von den abschreckend realistischen Krampfzuckungen und Husten- anfätten, mit welchen so viele Heldinnen das Finale sensationeller zu gestalten suchen.
Es ist möglich, ja es dünkt uns sogar, daß die Technik, welche sich Sarah Bernhardt an ihrem sich in ganz bestimmten Bahnen bewegenden französischen Repertoire erworben hat, für Rollen klassischen Stils nicht ganz mehr ausreicht. Aber daraus die Annahme zu schöpfen, als habe man es bei der Französin mit einer äußerlich-pathetischen Kunst zu thun, dünkt uns verkehrt. Innerhalb ihrer Sphäre ist sie nicht nur groß, sondern auch unerreicht und letzteres in erster Linie durch die Verinnerlichung der Gestalten. Dr. M.
Im Gießener Kun st verein wurde das Aquarell von HanS K o berstein-Berlin „Uebermut" angekauft und ging in hiesigen Privatbesitz über.


