Nr. 269
Samstag, 15. November 1902
l52. Jahrg.
Erscheint tögllch mit Ausnahme des Sonntags.
Die „Eichener Zarnilienblätter" werden dem Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der ..hessische Landwirt" erscheint monatlich einmal.
Giehener Anzeiger
Verantwortlich für den allgemeinen Teilt P. Wittko; für den Anzeigenteil: H. Beck.
Rotationsdruck und Verlag der Brü hl'schen UniversiiätSdruckerei (Pietsch Erben), wiesten.
General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Giehen.
Präsident Graf Lallestrem bleibt bei seiner Auffassung.
Abg. Dr. SüLckum (Soz.) verlangt, daß das Haus befragt werde.
Präsident Graf Ballcstrem kommt diesem Verlangen nach.
In einfacher Abstimmung beschlicht das Haus, allein gegen die Stimmen der Sozialdemokraten, Len Antrag für unzulässig zu erklären.
Es folgt die namentliche Abstimmung über den Antrag Aichbichler. (Zurufe rechts: Na endlich!) Es ist dies die letzte namentliche Abstimmung nach dem bisherigen System. Der Namensaufruf beginnt merkwürdiger Weise gerade mit dem letzten Buchstaben des Alphabets, mit Z.
Die Abstimmung ergiebt die Annahme des Antrags Aichbichler mit 197 gegen 78 Stimmen und 2 Stimmenthaltungen. Gegen ihn stimmen nur die Sozialdemokraten und die Freisinnigen. (Zurufe von den Soz.: Beschlußunfähige Mehrheit!)
Damit ist der erste Gegenstand der Tagesordnung erledigt.
Das für die namentlichen Abstimmungen gebrauchte Pult wird abgcschraubt und auf Nimmerwiedersehen entfernt. Auf den Tisch des Hauses werden 4 kleine grüne Urnen hingestellt, mit denen die Schriftführer künftig die Stimmzettel einsammeln sollen. Die Diener verthcilen an die Abgeordneten Couverts, in denen sich die neuen Stimmzettel befinden.
Darauf wird die zweite Berathung deS Zolltarifgesetzes fortgesetzt bei § 9 (Einfuhrscheine und Transitlager).
Hierzu liegen u. A. vor: Anträge v. Wangenheim (kons.) auf gänzliche Beseitigung der gemischten Transitlager mit Ausnahme derselben in Königsberg und Danzig, sowie Fortfall der Giltigkeitsfrist der Einfuhrscheine innerhalb 6 Monaten, ferner ein Antrag Herold, die von der Kommission hinzugefügten Produkte „Samen und Sämereien" wieder zu st r e i ch e n. Tie Abgg. Albrecht u. Gen. (Soz.) beantragen, die Errichtung von ge- wissey Transitlagern nicht von dem nachgewiesenen „dringenden Bedürfniß" abhängig zu machen, eventuell das Wort „dringend" zu streichen.
Beantragt sind zu diesem Paragraphen, über den die Diskussion geschlossen ist, zwei namentliche Abstimmun- g e n, nämlich über die beiden sozialdemokratischen Anträge.
Zur Geschäftsordnung bemerkt
Abg. Brömel (freis. 93g.): Auf Grund deS § 52 Abs. 2 beantrage ich, über die Anträge Wangenheim und Herold zur einfachen Tagesordnung überzugehen. (Großer Lärm rechts. Beifall links.)
Präsident Graf Lallestrem: Dieser Antrag ist nach dem gestrigen Beschluß des Hauses auch nach Schluß der Diskussion zulässig. (Große Unruhe rechtS.)
Das Wort für den Antrag erhält
Abg. Brömel (freis. Vergg.): Ich habe den Antrag eingebracht als Warnung für die Mehrheit des Hauses, auf dem gestern beschrittenen Wege der Auslegung der Geschäftsordnung fortzufahren. Gleichzeitig beantrage ich über diesen Antrag namentliche Abstimmung.
Abg. Dr. Spahn (Ccntr.) bittet, den Antrag Brömel abzulehnen. Er halte es nicht für richtig, die Geschäftsordnung so auszulegen. (Schallende Heiterkeit links.)
Es folgt die namentliche Abstimmung über den Antrag Brömel, die erste nach dem neuen System.
Präsident Graf Ballestrem: Ich bitte die Herren, Ihre Plätze einzunehmen. Ich bitte diejenigen Herren, welche den Antrag Brömel annehmen wollen, ihre Stimmzettel mit Ja, diejenigen, welche dies nicht wollen, ihre Stimmzettel mit Nein, diejenigen, welche sich der Abstimmung enthalten wollen, mit „Enthalte mich" abzugeben. Tie nicht ihren Willen darstellenden Bemerkungen auf dem Zettel bitte ich die Herren kräftig zu durchstreichen. Die Abstimmungszettel, welche zwei Vermerke enthalten, sind ungiltig. Die Reichstagsdiener haben sich von ihren Standorten . . . (Zunehmender Lärm bei den Sozialdeniokraten, Glocke des Präsidenten. Präsident Graf B a l l e ft r e m ruft mit erhobener Stimme: Ich bitte Sie, mich nicht zu unterbrechen! Die NeichStagsdiener haben sich von ihren Standorten zum Tisch deS Hauses begeben und begleiten mit den Urnen die die Einsammlung leitenden Herren Schriftführer.) Ich bitte nunmehr die Schriftführer, die Stimmzettel einzusammeln.
Die Schriftführer begeben sich, von den die Urnen tragenden Dienern begleitet, an die Sitze der Abgeordneten, nehmen die Zettel in Empfang und legen sie in die Urnen. Die ganze Prozedur geht unter zunehmender Heiterkeit vor sich. Die Sozialdemokraten geben ihre Zettel nur zögernd ab. .
Präsident Graf Ballestrem ersucht die Mitglieder, bte die Zettel noch nicht abgegeben haben, sich zum Präsidium zu bemühen und
bemerkt werden, daß der Cylinder deS Herrn Spahn im Vorzimmer des Reichskanzlers gesehen sei. (Heiterkeit.) Daß gestern das Licht ausging, kam Ihnen sehr gelegen. Ich wette em Zwanziginarkstuck gegen einen Hosenknopf, daß Sie um Mitternacht nicht mehr be- chlußfähig gewesen wären. (Widerspruch rechts und im Centrum. Ich kann dem Zentrum nur zurufen: Lernt, Ihr seid gewarnt! Beifall bei den Sozialdemokraten.) ,
Ta der Antrag Stadthagen gestern nur mündlich angekündigt, aber nicht schriftlich eingegangen ist, hat er keine Giltigkeit.
Es folgt daher die Abstimmung über den Antrag Normann.
Vicepräsident Graf Stolberg theilt dem Hause mit, daß die Absttmmung über den Antrag Normann eine namentliche sein werde und fordert die Schriftführer aus, mit dem Namensaufruf zu be- QinnC2bg. Thiele (Soz.) fängt darauf plötzlich an zur Fragestellung zu reden, ohne das Wort erhalten zu haben. Was er sagt, bleibt bei der großen Unruhe unverständlich.
Vicepräsident Graf Stolberg macht den Redner darauf aufmerksam, daß die Abstimmung bereits begonnen habe und daß daher Niemand mehr das Wort nehmen dürfe. (Zuruf von den Sozialdemokraten: Sie haben ihm ja das Wort gegeben. — Widerspruch rechts.) Das beruht aus einem Mihverständnitz.
Der Antrag Normann wird mit 194 gegen 76 Stimmen mit 2 Stimmenthaltungen angenommen. Die 19 sozialdemokratischen Abänderungsanträge sind damit durch Ucbergang zur einfachen Tagesordnung erledigt.
Abg. Dr. Spahn (Centr.) verzichtet auf das ihm als Antragsteller zustehende Schlußwort.
Abg. Dr. Südckum (Soz.) macht den Präsidenten darauf aufmerksam, daß er einen schriftlichen Antrag eingereicht habe, über den Antrag Aichbichler zur Tagesordnung überzugehen.
Präsident Graf Ballestrem: Der Antrag ist durchaus unzulässig, ich habe ihn daher erst gar nicht publizirt. Er verstößt direkt gegen die Geschäftsordnung.
Abg. Dr. Südekum (Soz.): Ja, wäre die Geschäftsordnung noch so intakt tote gestern, so wäre mein Antrag allerdings ge- schäftsordnungstoidrig. Nach Ihrer eigenen Auslegung ist er eS aber nicht, da er in einer anderen Diskussion gestellt ist, nämlich in der über den Anttag Normann-Spahn-Tiedemann.
Anspruch. _ .
Die ganze Abstimmung hat 18% Minuten gedauert.
Das Resultat der Abstimmung ist folgendes: ES sttmmcn 271 Abgeordnete, und zwar 71 mit Ja, 197 mit Nein. 3 enthalten sich.
DerAntragBrömel auf Ucbergang zur Tagesordnung ist also a b g e l e h n t.
Präsident Graf Ballcstrem: Die Abstimmungsltste wird den Herren heute Abend gedruckt zugehen. Jedenfalls aber toird ein Korrekturabzug innerhalb einer Stunde auf dem Bureau zur Einsicht auSIiegcn. (Hört, hört!) Die abgegebenen Zettel werden versiegelt im ReichStagsbureau aufgehoben. (Ahl bei den Soz.)
Nunmehr beginnt die Abstimmung über den § 9 und die dazu vorliegenden Amendements. _
Der Antrag Herold (Stteichung der Worte „Samen und Sämereien") wird angenommen.
Die Anträge v. Wangenheim werden abgelehnt.
Der EventualantragAlbrechtu. Gen. (Streichung des Wortes „dringender") wird in namentlicher Abstimmung mit 196 gegen 71 Stimmen abgelehnt.
Diese Abstimmung vollzieht sich unter ähnlichen Szenen, wie eben die Abstimmung über den Antrag Brömel. Der Schriftführer Krebs, der zuerst mit dem Einsammeln fertig ist, wird, als er dem Präsidenten die Urne übergiebt, mit lautem Bravo und Hurrah begrüßt, ebenso der Abg. Hermes, der als letzter mit der Urne ankommt. Die Tauer der Abstimmung war diesmal nur 12% Minute.
Gleichfalls in namentlicher Abstimmung, und zwar mit 167 gegen 97 Stimmen wird der Prinzipalantrag Albrecht u. Gen. (Streichung der Worte „dringenden Bedürfnisses") abgelehnt.
Die Rechte, auf der der Schriftführer Dbg. Himburg die Zettel einzusammcln hat, ist mit der Abstimmung sehr schnell fertig. Als auf der Rechten Rufe des Unwillens darüber laut werden, daß die Abstimmung sich bei den Sozialdemokraten verzögert, ruft Abg. Thiele (Soz): „Da drüben sammelt ja der Diener ein, und nicht der Schriftführer." Aba. Himburg wird, als er sich mit der Urne zum Präsidenten begiebt, von der Rechten lebhaft begrüßt; er verbeugt sich mehrfach dankend vor den Konservativen. Als Abg. Gradnauer (Soz.) nachttäglich zum Schriftführer geht und seinen Zettel in die Urne wirft, ruft plötzlich em auf den hinteren Bänken des CentrumS sitzender Abgeordneter: kommt der kleine Cohn!"
Die Abstimmung hat 12 Minuten gedauert. ,
Der so gestaltete § 9 wird darauf im Ganzen in der Ge - fammtabftimmung angenommen.
Zur Geschäftsordnung bemerkt
Abg. Singer (Soz): Bei der Vornahme der namentlichen Ab- sttmmungen sind auf verschiedenen Seiten Verstöße gegen die Bestimmungen der Geschäftsordnung vorgekommen. Die Geschäftsordnung schreibt ausdrücklich vor: „Die Schriftführer haben alsdann von den einzelnen Mitgliedern die Abstimmungskarten entgegenzunehmen und in Urnen zu sammeln." Es haben aber Abstimmungen in der Weise stattgefunden, daß die Zettel von den Mitgliedern selbst in die Urne geworfen wurden. (Rufe rechts: Das ist doch ganz gleich!) Das tvwerspricht der Geschäftsordnung; ich bin überzeugt, daß der Herr Präsident oiese meine Auffassung theilt, und ich möchte ihn bitten, die Schriftführer anzuweisen, in der Folge von den Mitgliedern die Zettel selbst in Empfang zu nehmen.
Präsident Graf Dallestrem: Gewiß, nach dem Wortlaut ist das richtig, und ich bitte die Schriftführer, so zu Verfahren. Ich glaube aber, wenn in Gegenwart der Schriftführer Jemand selbst seinen Zettel in die Urne legt, so ist das ein verzeihliches Versehen.
Dbg. Bebel (Soz.): Ich bin nunmehr genöthigt, den Namen des beh'cffcnbcn Schriftführers zu nennen. Es war der Kollege Himburg, der bei den mehrfach stattgehabten Abstimmungen nicht einen einzigen Zettel auf der Rechten in feine Hand genommen hat. (Sehr währ! bei den Sozialdernottaten.) Er hat die särnmtlichen Zettel durch die Herren in die Urne legen lassen. Die Herren konnten zwei ober drei Zettel hineiNlegen (Großer Lärm rechts). Niemand konnte sie kontroliren. (Erneuter anhaltender Lärm rechts, Beifall links.) Ich bitte dringend, daß der Herr Präsident speziell den genannten Herrn emweist, künftig nach dem Wortlaut der Geschäftsordnung zu verfahren. (Beifall links.)
Präsident Graf Ballcstrem: Das habe ich bereits gesagt. Ich habe keine Veranlassung, c5 nochmals zu sagen.
Abg. Himburg (kons.): Herr Bebel sagt, eS wäre mir nicht möglich gewesen, zu kontroliren, ob jedcrAbgeordnete nur einenZettel in die Urne gelegt hat. Ich bin stets dazu in der Lage gewesen. (Ein sozialdemokratischer Abgeordneter ruft: Ist ja nicht wahr! Großer Lärm, Pftii-Rufe rechts. Glocke de? Präsidenten.)
Präsident Graf Ballcstrem: Wer sagt da, es ist nicht wahr?
Abg. Antrick meldet sich.
Präsident Graf Ballcstrem: Ich rufe den Abg. Antrick zur Ordnung. (Beifall rechts und im Centtum und bei den National-Liberalen. Abg. Antrick ruft: Wir lassen unS die Mogeleien nicht gefallen! — Erneuter Lärm. Einige Minuten lang herrscht im Hause eine große Erregung, die sich in zahlreichen Zwischenrufen auf allen Seiten Luft macht.)
Präsident Graf Ballestrem (mit erhobener Stimme): Meine Herren, wir sind doch in einem deutschen Parlament und nicht an einem Orte . . . (Die übrigen Worte deS Präsidenten gehen in den Beifallsrufen der Rechten und dem Lärm verloren.)
Abg. Himburg (kons.): Ich gebe zu, daß ich die Mehrzahl der Zettel durch die Abgeordneten selbst habe in die Urne legen lassen. । Ich glaubte, daß dies zulässig sei.
Präsident Graf Ballestrem: Bei einem neuen Verfahren kommen ja immer einige Versehen vor, ehe die Sache einmal eingerichtet ist.
Abg. Bebel (Soz.): Wir sind uns sehr wohl bewußt gewesen, welche schlvere Anklage wir hier gegen ein Mitglied des Hauses erheben. (Lärm rechts.) Wären wir nicht fest davon überzeugt, daß unsere Anklage berechtig! war, so würden wir sie nichr erhoben haben. Wir haben mindestens zu Sechsen konttolirt und sind zu der Ueberzeugung gekommen, daß es dem Abg. Himburg in einer ganzen Reihe von Fällen unmöglich war, die Äontrole auSzuüben.
delt sich, wie wir jetzt sehen, um eine große Gefahr für den Reichstag überhaupt, auf die wiryietzt durch Herrn Bebel noch rechtzeitig aufmerksam gemacht Word sind. Die Herren sagen, daß auch die Rechte das Zustandekommen der Gesetze unmöglich macht, die sie nicht will. Jawohl, alttt nicht durch das illoyale Mittel der Obsttuktion. (Zurufe link, Kanalvorlage!) Sie rufen: Kanal- Vorlage I Ich will doch eV-rnal dieser Legende ein Ende machen. Ich habe zu den entschiede "ten Freunden der Kanalvorlage gehört; ich habe für sie gestimmt,'* und ich habe mit lebhaftem Bedauern sie scheitern sehen. Aber wie man da von Obsttuktion reden kann, ist mir unerfindlich (Lachen links), die Rechte blieb stets innerhalb der Geschäftsordnung (Zurufe links: Wir auch!); sie hat nicht im Geringsten zu obftruiren >ersucht. Jede gesetzgeberische Thätigkeit kann in Frage gestellt tot-eben, toenn das Mittel der Obstruktion um sich greift. Daher ist es die Pflicht der Mehrheit des Reichstages, sich aufzuraffen und diesem Treiben ein Ende zu machen. Sehen Sie auf England l In der Hochburg des Parlamentarismus toird ein Beschluß angenommen, wonach die Debatte nur vier Tage dauern darf! Das geschieht in dem Mutter- und Musterlande des Parlamentarismus! Da sollte auch der deutsche Reichstag den Muth finden, das rechte Mittel anzuwenden. Wollen Sie den Kampf, gut! Wir kämpfen ihn nach dem altbekannten Grundsatz: A corsaire corsaire et demi. (Lebhafter Beifall.)
Tas Wort gegen den Anttag Normann erhält
Abg. Dr. Südckum (Soz.): Ich bestreite, daß wir uns des illoyalen Mittels der Obstruktion bedienen; wir halten uns stteng im Rahmen der Geschäftsordnung. Illoyale Obsttuktton haben vielmehr die Konservattven getrieben, und zwar zu jener Zeit, äls sie das ganze bürgerliche Gesetzbuch zu Falle zu bringen drohten, wenn die Haftung für den durch Hasen verursachten Schaden ausgenommen würde. (Große Unruhe rechts.) Auch bei der Kanalvorlage haben die Konservattven ganz unzweifelhaft Obsttuktton gettieben. (Widerspruch rechts.) Verschieben Sie doch die Sachlage nicht. Die allermeisten namentlichen Abstimmungen fanden statt, toenn Sie uns durch Schlußanttäge das Wort abzuschnciden suchten. Sie selbst haben also diese namentlichen Abstimmungen verschuldet. (Lachen rechts.) Unrecht kann nie Recht werden durch einen Mehrheitsbeschluß. Die Herren vom Centtum und der Rechten bilden sich wahrscheinlich ein, Wunder wie schlau zu fein, wenn sie hier mit solchen Anträgen kommen; solche Schlauberger erinnern mich an die Kategorie jener Leute, die Busch so treffend in der Figur des Pater Filucius gezeichnet hat. (Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Wenn Sie den Anttag Normann annehmen, dann schaffen Sie eine Zwangslage; Sie nehmen sich selbst die Möglichkeit, dem doch sicher verbesserungsfähigen Antrag Aichbichler eine brauchbare Gestalt zu geben. Wenn der Anttag Aichbichler in seiner jetzigen Gestalt in die Geschäftsordnung ausgenommen wird, bann werden sich bei jeder namentlichen Absttmmung endlose Geschäftsordnungs- debattcn ergeben. Die ganze Geschäftsordnung würde ja dann überhaupt nur noch aus Bedenken bestehen. Die Herren Tiedemann und Bassermann haben ja weitere Aenderungen der Geschäftsordnung in Aussicht gestellt, Herr Bassermann spricht schon von der Einführung der elektrischen Abstimmung. Glauben Sie denn, wir werden uns durch Ihre Drohungen bewegen lassen, ins Mauseloch zu kriechen? Nein, die Flaumacherei der National-Liberalen macht auf uns keinen Eindruck. Als wir gestern den Antrag auf Ucbergang zur Tagesordnung als unzulässig bezeichneten, sagte die Mehrheit, ein solcher Anttag könne jeder Zeit gestellt werden. Gewiß stehen in der Geschäftsordnung die Worte „jeder Zeit", aber e§ steht auch darin, daß innerhalb derselben Diskussion ein einmal abgelehnter Anttag nicht wieder eingebracht werden könne. Nun ist gestern unser Anttag, über den Anttag Aichbichler zur Tagesordnung überzugehen, abgelehnt worden. Heute handelt es sich nicht mehr um „dieselbe Diskussion", ich bin daher berechtigt, unseren gestern abgelehnten Anttag von Neuem einzubringen, was ich hiermit thue. Sie werden noch einmal lebhafte Reue darüber empfinden, daß Sie nicht wenigstens einen Theil unserer Verbesserungs- Vorschläge angenommen haben. So hat noch keine Mehrheit die Brücken hinter sich abgebrochen, wie Sie es gethan haben. Mit einem solchen Abstimmungsverfahren, wie Sie es Vorschlägen, kann kein Präsident arbeiten; Sie untergraben ja dadurch die Autorität des Präsidenten. Unser Anttag, durch Mehrheitsbeschluß auf Anttag von 50 Mitgliedern für eine namentliche Abstimmung die alte Methode wieder einzuführcn, ist keine Verhöhung des Hauses, sondern ein Sicherheitsventil für den unzweifelhaft zu erwartenden Fall, daß das Verfahren nach dem Anttag Aichbichler sich nicht bewährt. In früheren Jahren, als das Centtum noch Oppositionspartei war, würde eS nie einen solchen Anttag emgebracht ober unterstützt haben. Denken Sie nur an die Zeiten von Windthorst und Mallinckrodt. Damals verhandelte das Centtum noch nicht so hinter den Coulissen. Tamals konnte noch nicht in den Zeitungen
die Zettel in eine Urne zu werfen. (Rufe bei den Sozialdemokraten: Hier hat ja noch Niemand eingesammelt!)
Der Schriftführer Abg. Hermes begiebt sich nochmals 311 den Sozialdemokraten, um deren Zettel abzunehmen.
Präsident Graf Ballcstrem fordert die Abgeordneten, die noch keine Zettel abgegeben haben, unter Berufung auf die Geschäftsordnung nochmals auf, dieselben in die Urne zu werfen. (Rufe bei bch Sozialdemokraten: Wo steht denn das?)
Nach 9 Minuten erklärt der Präsident die Absttmmung fh* geschlossen und ersucht die Schriftführer, das Resultat zu ermitteln. Die Ermittelung des Resultats nimmt 9% Minuten in
Parlamentarische Perhandlangen.
Nachdruck ohne Vereinbarung nicht gestattet.
Deutscher Reichstag.
216. Sitzung vom 14. November«
12 Uhc. Das Haus ist gut besetzt.
Am Bundesrathsttsch: Kommissare.
Die Berathung des Anttages Aichbichler (Aenderung deS rmnentlichen Abstimmungsmodus) wird fortgesetzt.
Hierzu liegt der Antrag v. Normann —Spahn — Tiedemann vor, über die hierzu gestellten 19 sozialdemo- ttattschen Anträge zur einfachen Kagedor bnung überzugehen, ferner der Antrag Stadthagen, über den Anttag Normann—Spahn zur einfachen Tagesordnung über- uigehen.
Das Wort für den Anttag Normann—Spahn—Tiedemann erhält
Abg. Frhr. v. Tiedemann (ReichLp.): Die 22 Abänderungsanträge zum Anttag Aichbichler sind nichts Anderes, als eine offenbare Verhöhung dcsielben. Sie verdienen eine entschiedene und energische Zurückweisung, und daher bitte ich Sie, über sie zur einfachen Tagesordnung überzugehen. Ich will mich auf die einzelnen Anträge gar nicht einlassen. Der Zweck war offenbar zunächst, einem Dauerredner Gelegenheit zu geben, uns hier — ich darf nicht sagen, zu arnüstten — c^fzuhalten. Wir haben alle Ursache, den Antragstellern dankbar ztt sein. Die Vorgänge des gesttigen Tages haben zur Evidenz gtjeigt, daß es so nicht weiter gehen kann (Sehr richtig!), und wir müssen ernsthaft überlegen, ob es nicht nothwendig ist, die Geschäftsordnung in einer ganz anderen und gründlicheren Weise zu rcvidiren. (Zuruf bei den Sozialdemokraten : Los damit! Immer izu!) Es handelt sich um das Schicksal des ganzen Reichstages höhnende Zurufe bei den Sozialdemokraten), es handelt sich darum, ob wir zulassen sollen, daß der deutsche Reichstag zum Gcspütt aller Welt wird. Mit der reizenden Offenherzigkeit, die wir an t>em Herrn Abg. Bebel zu schätzen gewohnt sind, hat er in seiner Hamburger Rede uns erzählt, was wir von dieser Seite zu gewärtigen haben. Mit nicht zu viel Grazie, aber offen, hat uns auch ^err Singer dasselbe mitgetheilt. Was wir von dieser Seite zu erhärten haben, wissen wir jetzt. Es Han-


