Nr. 87
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Zweites Blatt. 153. Jahrgang Dienstag 15. ApE LS«S
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Amts- und Anzeigeblatt für den Ureis Gießen WW
Die heutige Kummer umfaßt 8 Seiten.
Politische Tagesschau.
Ein Gradmesser.
Mau schreibt uns aus Berlin, 14. April:
Bei den Ausfallen in den Reichseinnahmen für das letzte Etatsjahr spielt auch die Geschäftsentwickelung der Reichsbank eine, wenn auch bescheidene, Rolle. Im Voranschlag war der Gewinnanteil des Reiches auf 15 Mill. Mark berechnet. Thatsächlich betrug er 2 Millirnen, gegen die Gewinnquote des Jahres 1900 sogar 10 Millionen, weniger. Dementsprechend mußten sich die Inhaber von Anteilscheinen der Reichsbank mit einer um vier und fünf Achtel Prozent geringeren Dividende begnügen. In einer Besprechung des Jahresberichtes der Reichsbank wird zutreffend darauf hingewiesen, daß der im Durchschnitt um 1 und drei Viertel Prozent niedrigere Stand des Bankdiskonts hauptsächlich den Gewinnaussall im Jahre 1901 bewirkt hat, beim Wechselgcschäft volle ?i/2 Millionen Mark. Die Diskontbewegung ist bekanntermaßen ein zuverlässiger Gradmesser für die Lage der allgemeinen wirtschaftlichen Verhältnisse. Deshalb ist es zur Beurteilung der wirtschaftlichen Entwickelung des laufenden Jahres empfehlenswert, zeitweilig einen Blick auf diesen Gradmesser zu werfen. Tie Geldflüssigkeit war bisher größer als in der gleichen Zeit des Vorjahres; soweit jetzt ein Urteil möglich ist, dürfte sich der Bankdiskont geraume Zeit hin aus mittlerer Höhe halten. Solche Stetigkeit des Diskontsatzes würde einen günstigen Rückschluß auf die Gestaltung des Wirtschaftslebens zulassen
Ein zarter Wink.
An der Flottenschau zu Spithead zu Ehren der Krönung König Eduards sollte deutscherseits ursprünglich das ganze erste Geschwader unter dem Oberbefehl des Prinzen Heinrich beteiligt sein. Auf Wunsch des Königs ist die Beteiligung später jedoch auf ein Schiff beschränkt worden, sowohl bei Deutschland wie bei den anderen Mächten Eine Ausnahme macht allein Japan, das durch zwei Kriegsschiffe vertreten sein hrirb. Es liegt nahe, hierin eine Aufmerksamkeit Englands gegen den Verbündeten zu erblicken, und dieser hat darauf insofern reagiert, als er für die Huldigungsfahrt noch England zwei Meuzer auswählte, die auf englischen Werften erbaut worden sind. Es ist dies aber zugleich ein zarter Wink für die Engländer, der sie erinnert, daß Japan stets ein guter Kunde der englischen Industrie gewesen ist, während die angemessene Gegenleistung no*ch aussteht, eine Lücke, die das politische Bündnis nicht auszufüllen vermag, aus die es im Gegentell um so eindringlicher hinweist. Daß die Engländer den Wink verstehen werden, dürfte kaum zu bezweifeln sein. Ob sie ihn befolgen, ist schon fraglicher. Die wirtschaftliche und speziell die finanzielle Kraft Englands hat durch den Burcnkrieg denn doch eine Einschränkung erfahren, die ihm eine Bethätigung zu Gunsten Japans ungemein erschwert.
Preußisches Abgeordnetenhaus.
58. Sitzung vom 14. April.
Tagesordnung: Fortsetzung der Spezial-Beratung des Eisenbahnetats beim Kapitel: Vom Staate verwaltete Eisenbahnen. Abg. Göschen (nl.) spricht sein Bedauern aus über den Rückgang der Zahl der Assistentenstellen im Eisenbahnbuveaudienst. — Reg.-Kommissar Geh. Rat Wehrmann erwidert, daß diese Stellen zu einem erheblichen Teile entbehrlich seien durch die Zentralisation des Eisenbahnverwaltungsdienstes; dafür seien aber die Sekretärstellen vermehrt und die Assistenten in diese eingerückt. — Abg. Goldschmi dt (freis. Sßp.) kommt nochmals auf die unzureichende Besoldung der Arbetter zurück, wird aber vom Präsidenten von Kroch er darauf aufmerksam gemacht, daß dies in die Generaldebatte zurückgreife, die bereits geschlossen sei. Redner tritt dann für eine Besser st ellung der Lokomotivführer und Heizer ein. — Abg. Dr. Crüger- Bromberg (freis. Vp.) findet, daß die Beamten der vom Staate übernommenen Bahnen im Avancement hinter den Beamten älterer Staatsbahnen zurückbleiben. Beim Examen der Sekretäre seien die Anforderungen in den verschiedenen Direttionsbezirken ganz verschieden. — Reg.-Kommissar Geh. Rat Wehrmann erwidert, die von den Privatbahnen übernommenen Beamten rückten in die Stellen von Militäranwärtern ein und würden als solche behandelt. Tie Anforderungen beim Sekretariatsexamen seien dem Wunsche des Hauses gemäß gemildert und es hätten infolgedessen über 1000 Assistenten das Examen abgelegt. — Abg. Dr. Sattler (nl.) wendet sich gegen die bei der Beratung des Etats des Ministers des Innern vom Abg. v. Willssen vorgebrachten Klagen über die Benachteiligung der Militär- anwürter: diese Klagen seien unbegründet. — Abg. Werner (Antis.) begründet den von ihm gestellter: Antrag: entsprechend wiederholten Beschlüssen des Hauses an die Regierung das Ersuchen zu richten, den Beschwerden der aus dem Supernumerariat hervorgegangenen Beamten des Eisenbahnabfertigungsdienstes, soweit sie vom Hause als berechttgt anerkannt sind, im nächsten Etat gerecht zu wechen. — Reg.-Kommissar Geh. Rat Wehr mann erklärt diesen Anttag praktisch für schwer durchführbar, da die besser qualifizierten und examinierten Beamten durch denselben benachteiligt würden. Es würden im Sinne des Antrages Werner Billigkeitsrücksiü)ten genommen. — Abg. Oetker (fr. Vp.) tritt für eine Gehaltsauftesserung der Bahnsteig
schaffner und anderer llnterbeamten ein, deren Dienst ein schwerer sei und ungenügend bezahlt werde. — Minister v. Thielen tritt diesen Ausführungen entgegen. Eine Erhöhung des Einkommens dieser Beamten lvürde sofort die Militäranwärter zu neuen Forderungen veranlassen. — Abg. Schmidt-Warburg (Ztr.) tritt für eine Besserstellung der Eisenbahnbau- und Maschinen-Jnspektoren ein. Auch sei eine Titelerhöhung für diese Beamten zu wünschen. — Minister v. Thielen wünscht allerdings, den Beamten einen Teil ihrer diätarischen Dienstzeit anzurechnen. Wenn es auf diese Weise gelinge, die Gehaltsfrage zu regeln, könne man die Titelfrage wohl aus sich beruhen lassen.
Deutsches Reich.
Berlin, 14. April. Zu der Nordseefahrt, die der Kaiser nebst Gefolge am Mittwoch abend aus dem Schnelldampfer „Kronprinz Wilhelm" antritt, haben Einladungen erhalten Geh. Baurat Rathenau, Kommerzienrat Arnhold und Kommerzienrat Löwe.
— Der Kaiser empfing heute den Maler Fechner und hörte die Vorträge des Chefs des Zivilkabinetts von Lucanus und des Hausministers v. Wedel.
— In Gegenwart der Kaiserin hielt heute das Zentralkomitee zur Errichtung von Heilstätten für Lungenkranke im Reichstage seine Generalversammlung ab.
— Die „Köln. Ztg." meldet aus Aachen: Wie amtlich mitgeteilt wird, trifft der Kaiser am 16. Juni hier ein. Er wird die Restaurierungsarbeiten in der Krönungskirche, das Kaiser Wilhelm-Denkmal und das Rathaus besichtt- gen, woraus er einen Ehrentrunk nimmt. Der Kaiser kommt nachmittags voraussichtlich mit der Kaiserin an.
— Wie der „Frkf. Ztg." aus Darmstadt mitgeteilt wird, beträgt die Summe, zu deren Zahlung der Großherzog für den standesgemäßen Unterhalt der Großherzogin sich verpflichtet hat, 50 000 Mark jährlich.
— Reichskanzler Gras Bülow hatte gestern eine Besprechung mit dem Oberpräsidenten der Provinz Hmr- nover Grafen Stolberg-Wernigerode. Nach seiner Rückkehr aus Wien hatte Graf Bülow längere Besprechungen mit den Staatssekretären Graf Posadowsky, Frhr. v. Nichthosen und Frhr. v. Thielmaun.
— Einer Sitzung des preuß. Staatsministeri- ums, die am Samstag abgehalten wurde, wohnte Graf Bülow nicht bei. Den Vorsitz führte Minister v. Thielen.
— Am 13. d. M. ist der Vortragende Rat im Reichs- Eisenbahnamt, Wirkt. Geh. Oberbaurat Streckert, im 72. Lebensjahre plötzlich verschieden. Streckert wurde 1830 in Kassel geboren, begann seine Beamtenlaufbahn 1848 als kurfürstlich hessischer Baueleve, war bis 1865 als Ingenieur beim Bau verschiedener Eisenbahnen im ehemaligen Kurfürstentum Hefsen. Nach seinem Uebertritt aus dem kurhessischen in den preußischen Staatsdienst wurde er 1868 in das technische Bureau des Handelsministeriums berufen.
— Der beabsichttgte Ausflug des Alldeutschen Verbandes nach Siebenbürgen und den Städten des Banats ist vorläufig aufgeschoben worden. Als Grund wird angegeben, daß sich nur wenig Teilnehmer gemeldet haben und unter denselben verhältnismäßig viele Damen, die man nicht eventuellen Insulten aussetzen wollte.
— Die „Nat.-Ztg." erfahrt, infolge Klagen der Bauhandwerker habe der Eisenbahnminister bezüglich der Ausschreibung und Vergebung von Kleinwohnungsbauten die Eisenbahndirektionen angewiesen, nach Möglichkeit dafür zu sorgen, daß eine hinreichende Gewähr für die Mitbeteiligung mehrere Handwerke geboten ist.
— Laut der „Nationalzeitung" werden von der sozialistischen Abteilung des Statistischen Amtes Vorbereitungen getroffen, um einen Arbeitsnachweis über das ganze Reich zu organisieren.
— In den Räumen des preuß. Abgeordnetenhauses erfolgte Mittags die konstituierende Sitzung der Berliner Handelskammer. Minister Möller eröffnete die Sitzung mit einer Rede, in der er nach einem Rückblick auf die Verhältnisse, welche die Errichtung der Handelskammer durch die Entscheidung des Ministers notwendig machten, die Versammlung zu der Feststellung eines Statuts aufforderte, das auch bezüglich der Aufnahme von Charlottenburg, Schöneberg und Rixdorf Vorsorge treffe. Der Minister erwähnte die eben im Landtage eingebrachte Gesetzesvorlage und bemerkte, solange die Handelskammer nicht eingelebt sei, solle eine Reihe von Funktionen in passender Weise zunächst dem Aeltesten-Kollegium verbleiben, so vor allem die Aufsicht über die Börse. Später müsse ein Modus vivendi über die Teilung der Arbeit beider Korporationen geschaffen werden. Die Kammer wählte den Präsidenten des Aeltesten-Kollegiums, Geheimrat Herz, einstimmig zum Vorsitzeüden, Heckmann und von Mendelssohn zu dessen zwei Stellvertretern und wählte eine Wahlprüfungskommission, sowie eine Kommission für vorbereitende Maßnahmen.
— Ter „Post" zufolge wird eine staatliche Frauen-Gewerbe schule, für die sich die Kaiserin lebhaft interessiert, voraussichtlich in der nächsten Zeit in Potsdam errichtet werden. Tie Potsdamer Stadtverordneten beschlossen, der Regierung ein städtisches Grundstück kostenlos zur Verfügung zu stellen. Tie Schule soll zur Ausbildung von Lehrerinnen für den Haushaltungsund Handelsunterri ckck dienen.
Hamburg, 14. April. Prinz Heinrich ist heute nachmittag hier eingetroffen und nahm an einem Liebesmahl des ostasiatischen Vereins teil. Morgen begiebt sich der Prinz nach Bremen und Bremerhaven.
Wiesbaden, 14. April. Tas „Wiesb. Volksblatt" schreibt heute weiter: „Wir können besttmmt versichern, daß die Dr. Lieber nach Durchdringung der Flottenvorlage gemachten Angebote von allerhöchster Stelle gekommen sind, und daß der K a i s e r Tr. Lieber, nachdem dieser alle Staatsämter abgelehnt, sein Bild mit eigenhändiger Unterschrift zum Geschenk gemacht hat."
Karlsruhe, 14. April. Ter Staatsminister von Brauer erklärte in der Kammer, die badische Regierung könne der A n r e g u n g S a ch s e n s, den T a r i f e r m ä ß i- gungen gemeinsam ein Ende zu machen, n icht folgen.
Ausland.
London, 14. April. Tie „Times" meldet aus Pekings den 13. April: Die Befehlshaber der verbündeten Truppen kamen gestern überein, die vorläufige Regierung in Tientsin aufrecht zu erhalten entweder bis.zur Schleifung der Forts, wie in der Zusammenkunft der Befehlshaber am 6. April 1901 beschlossen war, oder bis zum 1. Juli; die Regierung sott aber auf keinen Fall früher aufgelöst werden als vier Wochen nach Annahme gewisser Bedingungen durch die chinesische Regierung. Zu biejen Beomgungen gehören auch die folgenden: Tie chinesische Regierung muß sich verpflichten, die Forts nicht wieder aufzurichten, auch keine neuen Forts zwischen Peking, Taku und Schanhaikwan zu bauen. Die chinesische Poli- zettruppe in der Stadt darf nicht mehr als 2500 Döanu betragen und chinesische Truppen dürfen sich der Stadt nicht auf weniger als 30 Kilometer nähern. Die Eisenbahn Peking-Schanhaikwan soll an die chinesische Regierung erst zurückgegeben werden, wenn die Befehlshaber der verbündeten Truppen ihre Zustimmung erteilt haben.
— Unterhaus. Das von Hicks Beach eingebrachte Budget schätzt das Defizit dieses Jahres auf 45y2 Millionen Psund. Es wird beantragt, das Defizit zu decken durch Suspendierung der Schuldentilgung, Erhöhung der Einkommensteuer um einen Penny pro Pfund, Erhöhung der Stempelabgaben auf Checks, Coupons und Sichtwechsel auf zwei Pence, Erhebung von Zöllen von drei Pence für den Zentner Korn, fünf Pence für den Zentner feines und grobes Mehl, Ausnahme einer Anleihe von 32 Millionen Pfund und Ausgabe von Schatzwechseln in gewisser Höhe. In seiner Budgetrede führt Schatzkanzler Höcks Beach aus, aus dem Vorjahre sei ein Saldo von vier Millionen geblieben, der Kohlenzoll und der Zuckerzoll waren erfolgreich. Letzterer erbrachte 6 390 000 Pfund, letzterer 1300 000 Pfund. — Tas Unterhaus nahm nach längerer Debatte, in der die Liberalen und Iren gegen den Korn- zoll und die Konservativen dafür sprachen, mit 254 gegen 135 Stimmen den Vorschlag des Budgets, betreffend den Korn- und Mehlzoll, an.
Haag, 14. April. Tie Königin ist wegen einer leichten Erkältung genötigt, das Zimmer zu hüten. Tie jede Woche stattfindende Audienz der Minister ist abbestellt worden.
Bern, 14. April. Die Regierung ist entschlossen, um eine Verschärfung des Zwistes mit Italien zu verhüten, alle lärmenden Kundgebungen, namentlich solche der in der Schweiz lebenden Italiener, zu unterdrücken.
Wien, 14. April. Morgen, am 70. Geburtstag von Wilh elm Busch, überreicht die alldeutsche Vereins gung im Abgeordnetenhause eine Jubiläumsanfrage, betr. das in Oesterreich bestehende Verb o t des Buches „D e r heilige Antonius von Padua", dahingehend, ob dem Justizminister der Wortlaut bekannt sei, und er der Unterdrückung solcher Tichtung zustimmt, und welche Begründung dieses Verbot gerechtfertigt erscheinen lassen soll. Es folgt nun der Wortlaut „des heiligen Antonius" und Unterschriften. Ein Exemplar dieser Jubiläumsansrage ist als Prachtband — schwarz-rot-goldener Ledereinband mit Siegelkapsel, deren Inneres die Figur des Antonius nach der Busch'schen Zeichnung zeigt — gebunden und ist als Widmung für Wilhelm Busch bestimmt. Das dem Präsidenten zu überreichende Exemplar ist ebenfalls schwarz^ rot-gold in Leder gebunden.
Belgrad, 14. April. In einer geheimen Sitzung der Skupschtina wurde heute der Bericht der Kommission verlesen, der mit der Prüfung des Tispositionsfonds aus Anlaß des bekannten Mißbrauches dieses Fonds durch einzelner Mitglieder des Kabinetts Wladan Georgewitsch beauftragt war. Der Bericht stellt fest, daß mit den Geldern des Dispositionsfonds zur Zeit des Ministeriums Wladan Georgewitsch großer Unfug getrieben wurde; es wird beantragt, die Schuldigen auf zivilrechtlichem Wege um Schadenersatz zu belangen.
Konstantinopel, 13. April. Ter deutsche Botschafter war am Samstag Abend in den Jildispalast geladen. Ter Sultan teilte dem Botschafter in der Audienz mit, daß ein Jrade erlassen worden sei für die strafrechtliche Verfolgung der orthodoxen Mönche, die katholische Mönche deutscher Staatsangehörigkeit bei der Prügelei in der Jerusalemer Grabes- kirche verletzt hatten.
Warschau, 14. April. Englische Kapitalisten beabsichtigen, hier eine große Schlächterei für die Ausfuhr von Schweines le isch nach England zu errichten.
Newyork, 14. April. Vor dem Staats-Komitee sagte der Infanterie-Sergeant Niley aus, daß auf den Philippinen im Beisein von Offizieren und Mannschaften gefangene Filipinos gefoltert worden seien.


