Ausgabe 
15.1.1902 Zweites Blatt
 
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vorher einen langen Marsch gemacht hatten, verfolgten Dotha sieben Meilen weit, bis die Pferde erschöpft waren. 32 Buren wurden gefangen genommen.

Aus Stadt und Zand.

(Der Abdruck der unter dieser Rubrik befindlichen Original-Nachrichten ist nur unter genauer Quellenangabe:,,Gieß. Anz." gestattet.) Gießen, 15. Januar 1902.

** Parlamentarisches. Wir lesen in derK. V.-Ztg.": Ob die Erhöhung der Vermögenssteuer, die im Lande aus Widerstand stößt, zur Ausführung kommt, steht dahin. In Abgeordnetenkreisen ist man vielmehr geneigt, am Etat ausreichende Abstriche vorzunehmen, um eine der Bevölkerung unliebsame Abänderung des kaum geschaffenen Reformwerks zu vermeiden.

* * In der theologischen Fakultät der hie­sigen Universität beginnen am nächsten Donnerstag die Klausurarbeiten für die Prüfung in diesem Semester. Der Prüfung unterziehen sich diesmal 13 Herren.

* * Die Prüfungen der Feldbereinigungsf- Geometer und Kulturtechniker werden zu Beginn des Sommersemesters abgehalten werden. Die Anmeld­ungen sind bis zum Samstag, 15. Februar, an den Vor­sitzenden der Prüfungskommission für Feldbereinigungs- Geometer und Kulturtechniker in Darmstadt einzu­reichen.

* * Dienstnächrichten. Der Grohh. Regierungs­assessor Haberkorn in Dieburg wurde mit Aushilfe­leistung bei dem Großherzoglichen Kreisamt Großf-Äerau beauftragt.

* *Spär -und Leihkasse Gießen. Der heutigen Nummer liegt der Verwaltungsbericht pro 1900 bei, auf den wir unsere Leser aufmerksam machen. Daraus geht hervor, daß sich dieses gemeinnützige Institut auch in dem Berichtsjahr in erfreulicher Weise gehoben hat. Die verspätete Herausgabe des Berichts hat ihren Grund in der erfolgten Neuorganisation der Verwaltung auf Grund der neuen Satzung. Nach dieser ist nunmehr das Institut auf Gemeindegarantie gegründet, indem außer der Stadt Gießen noch 32 Landgemeinden mit ihrem ganzen Vermögen und ihrer Steuerkrast für Erfüllung der Verbindlichkeiten der Kasse haften. Durch Verleihung der Rechtsfähigkeit auf Grund des Bürgerlichen Gesetzbuches ist die Kasse zur Anlegung von Mündelgeldern geeignet.

- Der Sommerfahrplau der Bieberthalbahn, der mtt dem 1. April in Kraft treten soll, zirkuliert jetzt zur Begutachtung in Interessentenkreisen. Es wird uns darüber mitgetellt, daß die in Aussicht genommenenen Zugverbindungen völlig den Verkehrsinteressen des Publikums angepaßt sind.

* * ErorternngS-Abende für feine Mitglieder will, dem Beispiele gleichartiger Vereinigungen in anderen Städten folgend, der hiesige Detail!isten-Verein einführen. In erster Linie sollen diese Zusammenkünfte dazu dienen, An­regungen zur Hebung des Detallhandels im Allgemeinen, wie im Speziellen in unserer Stadt zu geben. Ferner sollen die geplanten zwanglosen Jusammenkünfte Gelegenheit bieten zur Besprechung nützlicher und schädlicher Einflüsse im Detail­handel. Der erste Erörterungs-Abend soll am 15. Januar, abends 9 Uhr, im Cafä Ebel stattfinden.

* * Geflügelzucht. Auf der Geflügelausstellung in Heppen­heim a. d. B. vom 11.13. d. Mts. wurden den Gießener Ausstellern folgende Auszeichnungen zu Teil: Joh. Schäfer 3. Ehrenpreis und lobende Anerkennung für Hamburger Silbersprenkel; Ludw. Hanau Ehrenpreis und 1. Preis für rebhuhnf. Italiener, ferner zwei 3. Preffe für weiße und sllberhalfige Italiener, sowie lobende Anerkennung auf Höcker­gänse; Georg Schäfer 2. Preis für sllberhalsige Italiener.

* * Die Ko mmission des He ssis chen H andels- karnrnertages trat kürzlich in Mainz unter dem Vor­sitz des Geh. Kommerzienrats und Vorsitzenden der Mainzer Handelskammer Michel und in Anwesenheit des Ver- rreters der Großh. Regierung Oberregierungsrats Dr. Usinger zu einer Sitzung zusammen, um über die Ver­teilung der zur Verfügung stehenden staatlichen Geld­mittel zur Förderung des kaufmännischen Fort­bildung sunterrichtes im Betrage von 12000 Mk. Be­schluß zu fassen. Nachdem die noch fehlenden statistischen Nachweise über Lehrplan, Schülerfrequenz, sachliche und per- . sönliche Ausgaben seitens der einzelnen Handelskammern beigebracht worden waren, beschäftigte man sich, wie die Darmst. Ztg." mitteilt, in eingehender Beratung mit dem der Regierung vorzuschlagenden Verteilungsmodus. Nach langen Verhandlungen Einigte man sich schließlich dahin, der Regierung den Vorschlag zu unterbreiten, daß 1) hin­sichtlich des Verteilungmodus der vorgesehenen Staats­mitteln bestimmt werden möge, daß für jede Klasse (Klassen­einteilung) ein Betrag von 200 Mk., für jede über die Zahl der sechs obligatorischen Wochenstunden erteilte Unterrichts­stunde ein Zusatzbetrag von 20 Mk. und endlich unter der Voraussetzung, daß mindestens zwei Mehrleistungen in einer Klasse über die Mindestforderungen hinaus, vorliegen, für die betreffende Klasse ein weiterer Zusatzbetrag von 30 Mx. eingesetzt werden möge. Alle Ansätze b^iehen sich auf das ganze Schuljahr. Der Bestand zu Anfang desselben ist maß­gebend. 2) Hinsichtlich der Schülerzahl soll bestimmt werden, daß diese nicht mehr als 2530 Schüler für die Klasse beträgt; größere Klassen sind im Interesse des Unterrichts thunlichst zu teilen. 3) Die Handelskammern sollen darauf bedacht sein, für die Beschaffung von weiteren Geldmitteln in ge­eigneter Weise zu formen. Hierbei sind die Handelskammern, Gemeinden, gemeinnützige Institute u. s. w., auch die kauf­männischen Vereine, selbstverständlich soweit solches noch nicht geschehen, in Berücksichtigung zu ziehen. Die Regierung soll insbesondere gebeten werden, die Gemeinden, wo dies noch nicht geschieht, zur kostenlosen Stellung von Schul­lokalen, der Heizung und Beleuchtung zu veranlassen, da die Gerne m den durch Errichtung kaufmännischer Fortbil­dungsschulen an den Kosten der allgemeinen Fortbildungs­schulen Ersparnisse machen. 4) Es soll mit allen Mitteln dahin gewirkt werden, daß die bestehenden in Frage kom­menden Schulen sich unge äumt den Forderungen oer Re­gierung anpassen, damit ie auch für das Jahr 1901/1902 staatliche Beihilfe erhalten können. 5) Tas Schulgeld soll in allen in Betracht kommenden Schulen mindestens 25 Mk. betragen. 6) Um den staatlich anerfannien kaufmännischen Fortbildungsschulen den genügenden Schutz gegenüber anderen Schulen zu gewähren, ist bie strenge Durchführung der in den Leitsätzen aufgestellten Bestimmungen hinsichtlich der allgemeinen Fortbildungsschule, des Privatunterrichts und der sich nicht den Forderungen der Regierung unter­werfenden Schulen wünschenswert.

* * Eine unangenehme Suppe haben sich am letzten Sonn­tag znn» emgchrockt, die von Bichbach nach

Vermischtes.

* Wien, 14. Jan. Unbekannte Thäter haben in der letzten Nacht in der hiesigen St. Michaels - Kirche ein Muttergottesbild seines Schmuckes im Werte von mehreren tausend Kronen beraubt.

Universitäts-Nachrichten.

DieFreie Hochschule in Berlin hat, wie wir bereits kurz berichteten, am Sonntag im Rathause ihre Er­öffnung abgehalten. Der Festredner Dr. Bruno Wille sagte u-ä Die freie Hochschule soll unabhängig fein vom politi­schen und religiösen Parteigetriebe. Sie sei eine höhere Vorbereitungsschule vor allem für die freien Berufe. Großen­teils rekrutieren sich gegenwärtig diese Berufe aus Leuten, die nicht in der Sage waren, den auf einer hohen Schule begonnenen Bildungsgang abzuschließcn. Kann dieFreie Hochschule" auch natürlich nicht schon im Moment ihrer Gründung alle dem gerecht werden, was sie sich vornimmt, so wird sie doch von Anfang an angehenden Journalisten Beamten des Verwaltungsfaches, Kaufleuten, aber auch bil­denden Künstlern, Schauspielern und Musikern Gelegenheit geben, die neben ihrer Spezialausbildung unerläßliche wissenschaftliche Ausbildung zu erwerben. Lehrern und Er­ziehern, welche die übliche Seminar-Ausbildung dürftig und unfrei geschult entläßt, wird ebenso die Möglichkeit, ein abgerundetes Wissen zu erlangen. Hervorragend berufen zu Hörern derFreien Hochschule" sind die Frauen. Sie sind als Gattinnen und Mütter heranzuziehen, am geistigen Leben des Volkes Antell zu nehmen; ihren Händen ent­wächst die folgende Generation, lind wo die Frauen einen anderen Beruf ausüben, bedürfen sie erst recht einer gründ­lichen Bildung. Für die A r b e i t e r nun gar ist dieFreie Hochschule" schon wegen ihrer niedrigen Beiträge die er­sehnte Erlösung aus der Unfreiheit der Unwissenheit." Es fragt sich nun leider nur, woher die Freie Hochschule die Mithel und Kräfte nehmen wlll, um ihr zweifellos recht schönes Ziel zu erreichen.

Mteratur, Wissenschaft und Kunst.

Während des Streites um HamerliugS Kopf und kurz nach dem Erscheinen einer vortrefflichen billigen Gesamtausgabe der Werke dieses Dichters (Verlags-Anstalt und Druckerei in Ham­burg) ist in Wien das für den Grazer Stadtpark bestimmte große Denkmal des Dichters von Professor Kundmann vollendet worden. In prachtvollem weißen Marmor ausgeführt, stellt es Hamerling überlebensgroß im Lehnstuhl sitzend dar, den Kopf mit dem lang herabwallenden Haar und der ausdrucksvollen scharf geschnittenen Nase nach links gewandt. Der Blick ist nachdenklich in die Ferne gerichtet. Die linke Hand hält ein Buch, die rechte ruht auf der Sitzlehne, lieber den Beinen, die übereinander geschlagen sind, ist ein Mantel ausgebreitet. In einem schönen Gedicht hat übrigens Robert Hamerlmg seinVermächtnis" bargelegt. Den vier 'Ele­menten wollte er sein Wesen nach dem Tooe weihen.Den Leib der Erde", sagte er selbst,Der Leib soll ruh'n". Für diejenigen, die^ in Hamnlings Werken wenig bewandert sind, setzen wir oas

Und sterb' ich, geb' ich Mein Wesen gerne Den liebgeword'nen. Den Elementen:

Den Geist der Flamme, Die Seele dem Aether, Das Herz der Welle, Den Leib der Erde.

Geist soll lodern, Seele sich dehnen, Des Herzens Woge soll weiter rauschen und klingen, Der Leib soll ruh'n.

Gerichtssaal

M. Gieße«, 14. Jan. Strafkammer. Den Vorsitz führt Landgerichtsrat Müller; die Anklagebehörde vertrat Staatsanwalt Reutz. Der Rottenführer Vhilipp Am end aus Allendorf ist der Gefährdung eines Eisenbahntransportes angeklagt. Am 5. August leitete Amend eine in der Nähe des Gießener Bahnho's auszuführende Geleisreparatur. Noch während er mit seinen Ar­beitern an der Reparaturstelle sich aufhielt, fuhr auf der fraglichen Strecke ein Eilgüterzug in der Richtung GießenFrankfurt und ent­gleiste mit drei Wagen an der Stelle, die auszubessern war. Die Dienstinstruktion schreibt vor, daß das Halt- ober Langsamsahr- Signal gestellt werden muß, wenn eine Strecke überhaupt nicht, bezrv. nicht allzu schnell befahren werden kann. Im vorliegenden Falle lag nach den bestehenden Vorschriften die Entscheidung in der Hand hei* Angeklagten. Dieser behauptet, nun einmal, daß die Re--

Jch liebe die Flamme, Das Glanzelement,

Im Wetterleuchten, Im Sterirgestimmer.

Ich liebe den Aether, Den göttlich-freien, Wo die Winde, die Wollen, Die Adler roanbern.

Ich liebe bie Erbe, DaS heil'ge Grün, Wo's holb zu roanbei« Und noch süßer zu rufj'n ist.

Gießen reisten. Einer von ihnen hatte seinen Regenschirm an den im Abteil befindlichen Hebel der Notleine gehängt und hielt den Schirm zeitweise mit der Hand. In einem solchen Augenblicke wurde er, als der Zug bei Kleinlinben fuhr, von seinem Reisegefährten an der Hanb gezogen; hier- burch wurde zugleich bie Bremse bewegt, worauf ber Zug langsamer fuhr und ein Bahnbeamter nach ber Ursache der Störung fragte. Die Freube ber übrigen Fahrgäste war groß, als sie den harmlosen Grunb erfuhren. Den beiben Freunden aber eröffnete die Bahnoerwaltung später, daß sie in eine Ordnungsstrafe genommen werden würden.

hc. Mainz, 15. Jan. (Tel.-Meld. desGieß. Anz.") Der Bibliothekar an der königl. Landesbibliothek in Wies­baden, Dr. Zedler, hat zwei Fragmente eines bisher unbekannten GutenbergdruckeZ, Teile eines astronomischen1 Kalenders für das Jahr 1448, gefunden. Sie befanden sich unter Handschriften, die aus dem ehemaligen Kloster Schönau stammen. Der Druck rührt von Gutenberg selbst her und ist in Mainz 7 Jahre früher als die stühesten bis jetzt bekannten Drucke entstanden.

t. Marburg, 14. Jan. Die Meinig er Hofkapelle veranstaltet am nächsten Freitag, den 17., hier im Museum­saal '.ein Symphonie-Konzert, auf das wir Musikfreunde be­sonders aufmerksam machen. (Näheres s. Inserat.)

Kaffel, 14. Jan. Hier wurde am 12. Januar die Deutsche Anti-Duell-Liga gegründet. Zum Vorsitzenden wurde der Fürst Karl zu Löwenstein, zu seinem Vertreter der Gras Erbach-Fürstenau gewählt, zum Schriftführer Frhr. v. Boenigk-Halberstadt und zu dessen Stellvertreter v. Rüts- Halberstadt.

** Kleine Mitteilungen aus Hessen und den Nachbarstaaten. Ein auswärtiger, bei einem Handwerksmeister in Alsfeld beschäftigter Geselle wurde angeblich wegen Mordversuchs, begangen an seinem früheren Meister verhaftet. Das Waiblinger'sche Haus in der Wetzlarer Straße in Butzbach, in dem früher eine Metzgerei betrieben wurde, ist zum Preis von 8500 Mk. an Metzger H. Schmidt aus Münzenberg ver­kauft worden. Die Uebergabe erfolgt am 1. März.

paratur beendet und nach seinem Dafürhalten die Strecke fahrbar gewesen sei. Da das Gegenteil der erstlichen Behauptung nicht nachgewiesen werden konnte und die Dienstinstruktion selbst bie Frage der Fahrbarkeit der Strecke in sein subjektives Ermessen stellt, so mußte das Gericht den diesbezüglichen Angaben des An- geklagten Glauben schenken. Andererseits behauptet der Angeklagte Unkenntnis der in Frage kommenden Tienstinstruktion. Dem­gegenüber sagt zwar der vorgesetzte Bahnmeister aus, erschürfe jedem Unterbeamten strenge Befolgung der Signaloorfchriften ein mit dem Erfolge, daß nach seiner eigenen Angabe die aus­wärtigen Lokomotivführer behaupten, der Bahnhof Gießen bestehe aus nichts, als aus Halt- und Laugsamfahr-Signalen. Sollte aber auch der Angeklagte die Instruktion gekannt haben, fo war ihm doch zu gute zu halten, daß im Bahnverkehr das Hauptgewicht auf die fahrplanmäßige Zugbeförderung gelegt wird, und daß insbesondere ein untergeordneter Beamter sich im Zweifelsfalle nach bestehender Praxis lieber über eine Dienstmstruktion hinwegsetzt, als sich dem Vorwurf aussetzt, an der Verspätung eines Zuges schuld zu sein. Zu alledem kam, daß nicht festzustellen war, ob die Hauptursache der Entgleisung in der Beschaffenheit der fraglichen Geleisstelle ober in dem Umstand zu suchen war, daß die drei ent­gleisten Wagen durch einen Pferdetransport gerade auf einer eeite schwer belastet waren und daß die Entgleisungsstelle, über die der Zug mit der erhöhten GeschwindigkeU fuhr, gerade eine Kurve bildete. Bei dieser Sachlage, die durch das Gutachten des Bahnsachverständigen an Klarheit nicht gewann, gelangte das Ge­richt in Uebereinftimmung mit dem Anträge der Atcklagebehörde zu einer Freisprechung. Verteidiger Dr. Jung. Der wegen Diebstahls vielfach vorbestrafte Johann Pfeiff aus End- bach sucht durch einen Schwall von Redensarten und Ausflüchten die Anklage, im August 1901 der Stadt Gießen gehörige Dach- kandeln gestohlen zu haben, zu entkräften. Bei dem Diebstahl selbst war er zwar unbeobachtet, jedoch hat er vor dessen Begehung einen Arbeitskollegen zur gemeinsamen Ausführung des Diebstahls erfolglos aufgesowert und hat nachher unter dem seltenen Namen eines Johannes Müller die Dachkandeln zu verkaufen gesucht. Trotz dieser Belastungsmomente und trotzdem der An­geklagte fast alle, auch die ungünftigften, Zeugenaussagen mit einem Richtig" begleitet, leugnet er hartnäckig offenbar mehr aus Gewohnheit als aus Lleber^eugung. Das Gericht verurteilt chn zu einer achtmonatlichen Gefängnisstrafe und spricht ihm auf die Dauer von 3 Jahren die bürgerlichen Ehrenrechte ab. Verteidiger: Rechtsanwalt Arnold. Der Gastwirt Gilbert Koch aus Münzenberg versuchte am 28. November o. I. in einer Wirtschaft dort mit dem Gendarmen Berger aus Rockenberg einen Vertrag zu Gunsten seiner Gäste abzuschließen. Diese wurden nämlich da­durch belästigt, daß die Gendarmerie allzustteng auf Einhattung der Feierabendstunde hielt. Hierüber beschwerte sich ber Angeklagte bei Berger und wollte ihm zur Ausgleichung der gegensätzlichen Auffassungen ein Glas Bier und 1 Mark, m bar bezahlen. Seine guten Absichten, denen er durch 78maliges Angebot des Geldes Nachdruck verlieh, wurden jedoch von dem Gendarmen verkannt und als Bestechung zur Anzeige gebracht. Seine Unbestraftheit schützt ihn vor dem Gefängnis und läßt ihn mtt einer Geldstrafe von 50 NA. eventuell 8 Tage Gefängnis davonkommen. Verteidiger: Rechtsanwatt W i n ö e cf er. Die Schweizer August Götzmann und Ludwig Lauth auf Hof Tiergarten bekamen nach ihrer Ansicht nicht genug zu essen und halfen diesem Uebelstand da­durch ab, daß sie ihrem Dienstherm 5 Eervelatwürste und zwei Schwartemagen mtttest Einsteigens und Erbrechens stahlen. Dafür erhält Götzmann, der auf die Idee kam, und alles vorbereitete, 5, Lauth, der mithalf, 4 Monate Gefängnis. Götzmann, der nach seiner ersten Vernehmung bei der Rückkehr auf den Hof Tiergarten den Beleidigten gespiett und sich daselbst der Bedrohung, des Haus­friedensbruches, und der Sachbeschädigung schuldig gemacht hatte, wird in eine Gesamtgefängnisstrafe von 8 Monaten verurteilt. Der Zimmergeselle Fr. Karl Gottwalt aus Rodheim hat in einer dortigen Wirtschaft wie er angiebt so kräftig mit einer Armen­büchse gespielt, daß die als Verschluß dienende Kordel mit Plombe zerriß, oer Deckel aufsprang und der Inhalt Mk. 1.50 heraus­fiel. Nach der Beweisaufnahme steht jedoch fest, daß die Kordel von dem Angeklagten zerschnitten ober zerrissen worben ist in ber Absicht sich den Jnhatt der Büchse anzueignen. Er wird wegen schweren Diebstahls zu 4 Monaten Gefängnis unter Anrechnung einer 14tägigen Untersuchungshaft verurteilt. Verteidiger Rechts­anwalt Katz. Der Lehrer Karl Becker aus Flensungen ist der Körperverletzung im Amte angeklagt. Er hat einigen Mädchen seiner Schule Ohrfeigen gegeben, obwohl nach dem Schulgesetz bie, weibliche Jugend gegenüber der männlichen bevorrechtet nicht mehr geschlagen werden darf. Die Züchtigung war daher wider­rechtlich und strafbar, da jede Ohrfeige es an sich hat, das körper­liche Wohlbefinden zu stören wenn auch die aussagenden Schüle­rinnen darüber verschiedener Ansicht waren, mtthin eine Körper­verletzung im Sinne des Strafgesetzes barzustellen. Die Lage des Falls ließ eine milde Auffassung als angebracht und die 23er- rjängung einer Geldstrafe von Mk. 25 als ausreichend zur Sühne erscheinen. Verteidiger: Rechtsanwalt Leun.

Landwirtschaft.

Die von der Posener Landwirtschattskammer angeregtero Fortbildungskurse für Landwirte haben wegen mangelnder Beteiligung ausfallen müssen.

Handel und Verkehr. Volkswirtschaft.

Krauksnrt a. M., 14. Kan. Der Magistrat der Stadt Frank­furt a. M. hat die jetzt zur Ausgabe gelangende 31Ajpro5entige Anleihe im Nominalbeträge von 10 Millionen Mark an das Bankhaus Mendelsohn u. Co., die Berliner Handelsgesellschaft inl Berlin und an das Bankhaus Lazared Speyer-Ellissen in Frank­furt a. M. begeben.

Die Höchster Farbwerke erwarben, wie verlautet, ehr neues Patent zur Herstellung künstlichen Indigos nach dem billigeren Verfahren.

Kasseler Trebertrockuuugs Gesellschaft. Dem Konkurs­verwalter Justizrat Fries wurde für seine Mühewaltung für bie Zett vom 4. Juni bis 31. Dezember vor. Js. ein Honorar von 75 000 Mk. bewilligt. Den vier übrigen Mitgliedern des Gläubiger-- ausschusses (zwei Rechtsanwälte und zwei Kaufleute) werden je 40 000 Mk. gezahlt. Das Honorar für den Bücherrevisor ist noch nicht festgestellt; jedenfalls aber wird es höher als 40 000Mk. sein.

Meteorologische Beobachtungen

der Station Gießen.

Januar

Barometer auf 0° reduziert

1

der Luft

Absolute Feuchtigkeit

Relative Feuchttgkeit

Windrichtung

Windstärke

Wetter

14. 2ib

759,5

+

1,9

3,5

65

N.

2

Bed. Himmel

14. 935

762,5

1,8

3,7

92

WNW.

2

Sternh.

15. 72S

766,0

3,6

3,4

98

8W.

2

Bew.

Höchste Temperatur am 13. Jan. bis 14. Jan. + 2,7° C.

Niedrigste 13. 14. 1,9» C.

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Neueste Meldungen.

Originaldrahtmeldungen des Gießener Anzeigers.

Darmstadt, 15. Jan. Der Großherzog verlieh der früher in Frankfurt und jetzt hier wohnhaften Pianistin Frieda Hodapp den Charakter als Kammervirtuosin.

London, 15. Jan. Das amtliche Blatt veröffentlicht eine Petition, welche von einer großen Anzahl hervorragender Männer der Wissenschaft Philologen, Professoren der Jurisprudenz,