Ausgabe 
14.8.1902 Erstes Blatt
 
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Politische Tagesschau.

Utbtt die Schaumweiururchsteuer in den OffirirrkafinoS wird aus Stettin geschrieben:

Schaumwein, der sich am 1. Inti 1902 außerhalb einer Schaumweinfabrik oder einer Zollniederlage befindet, unter­liegt bekanntlich einer Schaumwein steuer in Form einer Nachsteuer. Schaumwein im Besitze von HauShaltungsvor- standen, die weder Ausschank noch Handel mit Getränken betreiben, bleibt nach g 31 des Sch,aumwein steuer gesetzes, sofern die Gesamtmerrge nicht mehr als 30 Flaschen be­trägt, von der Nachsteuer befreit. Hier in Stettin sind rund 48 000 ML an Nachsteuer für Schaumwein auf gekommen und Schwierigkeiten bei Ermittelung derselben haben sich kaum ergeben, zumal auch steuerlicherseits mit der erforder­lichen Kulanz verfahren wurde. Indes haben zwei hiesige Ofsizierkasinos chre Bestände an Schaumwein für die Nach­steuer nicht bereit gestellt. Sie haben vielmehr diese Be­stände den einzelnen Offizieren als Mitglieder der Kasinos bis zu je 30 Flaschen auf ihr Konto geschrieben und dafür Steuerfreiheit beansprucht, obgleich sich der Schaum­wein nach wie vor in den Kellern der Kasinos^ also in deren Verwahrsam befindet. Es erscheint kaum zweifel­haft, daß ein solches Verfahren dem Sinne des Ge­setzes, speziell der oben wörtlich angeführten Vorschrift desselben, nicht entspricht, und es sind bereits die dieserhall erwachsenden Verhandlungen der höheren Steuer­behörde zur Entscheidung vorgelegt worden. Diese beiden Fälle der Weigerung von Ofsizierkasinos zur Zahlung der Schaumweinnachsteuer stehen jedoch nicht vereinzell da. Auch andere Offiziertasinos haben sich ebenso verhalten und vor der Nächsteuerrepision bei den einzelnen Offizieren, sogar unter den Reserv eo f sizier en ihrer Regimenter Unv frage gehalten, ob bereu Konto eventuell bis zu 30 Flaschen Schaumwein aus d en Beständen des Kasinos belastet werden dürfe. _______

Dir Zivillisten der deutschen Bundesfürsten

Im allgemeinen kann man sagen, daß die Höhe der Zivilliste der einzelnen Fürsten fid) nach der Größe und dem Wohlstand des von ihnen regierten Landes richtet, und im richtigen Verhältnis zu den notwendigen Ausgaben der Hofhaltung schht. An erster Stelle fleht die des Königs von Preußen in Höhe von 15 719 296 ML Dann folgt Bayern mit 5 402 475 ML, darauf Sachsen mit 3 704 383 ML, Württemberg mit 2117 768, Baden mit 1480 269, Hessen mit 1270142, Braunschweig mit 1125323 und Sachgen- Weimar-Eisenach mit 1005 266 Mk. Die Zivillisten der übrigen Bundesfürsten erreichen sämllich noch nicht die Höhe von 1000 000 Mk. Sachsen-Meiningen zahlt seinem Herzog 822 226 ML, Oldenburg seinem Großherzog nur 665 000 Mk. (Der verstorbene Großherzog Peter von Oldenburg ver­zichtete nodf auf eine Zivilliste- erst sein Sohn Friedrich August erhalt als Großherzog eine solche.) Die Fürsten von Schwarzburg-Rudolstadt und Schwarzburg-Sonders­hausen erhalten 609 864 bez. 500 000 ML, und der Herzog von Sachsen-Coburg und Gotha bezieht eine Zivilliste von 300000 ML, also genau den siebenzigsten Teil der jährlichen Einnahme des am höchsten besteuerten deutschen Staats­bürgers, des Geheimrats Exzellenz Krupp; doch tritt hierzu noch die Hälfte der Domäneneinkünfte, deren Höhe natür­lich schwankt. Bei den übrigen deutschen Fürsten treten an Stelle der festen Zivillisten besondere Einnahmen. So wer­den beispielsweise in Mecklenburg-Schwerin die Kosten her Großh. Haus- und Hochaltung aus den Erträgnissen der sogenannten Haushaltsgüter bestritten, und in Sachsen- Altenburg erhall das herzogl. Haus zwei Drittel des ge­samten Domänenvermögens zu ausschließlicher Eigentum überwiesen. In Braunschweig hat laut Gesetz vom 28. Juni 1869 eine Auseinandersetzung des herzoglichen Hauses und des Landes bez. des Domäniums ftattgefunben, wonach ein Teil des bis dahin vom Lande verwalteten herzoglichen Stamm- und Privatgutes und Landesvermögens in den ausschließlichen Besitz des herzoglichen Hauses übergeaangen ist von letzterem dagegen auf jegliche Beihilfe des Landes zur Bestreitung der Hof- und Haushallungskoften des herzogl. Hauses, mit Einschluß aller Apanagen, Aussteuern und Wittums für die Prinzen und Prinzessinnen verzichtet ist. In Waldeck dient das Domanialvermögen feit 1853 zunächst den Bedürfnissen des Fürsten und seines Hauses. In Lippe steht dem jetzigen Regenten der Genuß der vollen Einkünfte des Domäniums mit den dazu gehörigen Rechten und darauf ruhenden Lasten zu; die Kammerkasse muß jedoch 80000 Mk. .jährlich an die Londikrsse ab führen.

In den Zivillisten sind auch die für Apanagen usw. be­stimmten Summen enthalten, die für Bayern 1171431 Mark, für Sachsen 562 083 Mark, für Württemberg 100 579, für Baden 190 286 Mark und für Schwarzburg-Rudolstadt 304 932 Mark betragen. Bei der oldenburgischen Zivllliste gellen 400 000 Mark als Beiträge zu den Gebührnissen des großherzogl. Hauses, und 255 000 Mark als radizierter Ertrag des Krongutes. Zum Schlüsse mag noch erwähnt werden, daß der deutsche Kaiser als solcher keine Zivilliste erhält _______

Entweder oder.

Was sind Hoffnungen, was sind Entwürfet in tiefer Resignation mag König Alexander von Serbien es sich zugestehen, wenn er an seine langgeplante Rußland­fahrt denkt. Die Sache gewinnt allgemach einen fast tragi­komischen Anstrich Sell einem Jahrhangt" nun diese Reise; der Zar istgrundsätzlich geneigt", dem serbischen Königspaar den Vorzug des Empfangs zu gewähren; der Wink aus Petersburg, daß der Augenblick gekommen sei, bleibt ,aber hartnäckig aus. Vielleicht hat fick König Mexander bereits mit der Möglichkeit abgefunben, baß aus der Reise überhaupt nichts wirb wenigstens nicht, solange Frau Draga auf der Beteiligung besteht. Er thäte gut, diese Möglichkeit als Thatsache hinzunehrnen. Denn es unterliegt wohl keinem Zwerfel mehr, daß die Zarin wie die Zarin-Mütter der serbischen Königin gegenüber alles andere als Syrnpathie empfinden, und der Einfluß beider Damen auf Nikolaus IL ist groß genug, um die Wagschale der Wünsche König Alexanders sinken zu machen. Wenn es also dem Serbenkönige gelingt, seine eigenwillige Gemahlin zum Verzicht auf die Beteiligung an der Ruß­landfahrt zu bewegen, dann dürste der bewußte Wink ans Petersburg nicht länger auf sich warten lassen. Ja wenn! . . .

Aus Stadl und Land.

Gießen, 14. August 1902.

** Zur Inschrift an dem Kreisamtsgebäude (f.Gieß. Anz." Ztr. 184 2. BL) wird unS aus unserem Leserkreise geschrieben:

Das jetzige KreiäMntsgebäude wurde im Anfang der 1840er

Jahre oo-n Gruud ans nrrr aB mnafttim auf gebaut; daher kann der Frechere R, K. von Senckenberg nicht in diesem Hause gewohnt haben. Schreiber dieses, der von Ostern 1842 bis Ostern 1845 das Gymnasium in Gießen besuchte und das neue Gymnasialgebäude enlsrehen sah, wohnte als Oberprimaner der Einweihung desselben im Juli 1844 nach den »Hundtagsserien" bei. In dem großen Festsaal hielt bei dieser Ernwechung der damalige. Religionslehrer des Gymnasiums, Dr. Koch eine Predigt und dann der Direktor des Gymnasiums, Tr. Geist, die eigentliche Weiherede über den Spruch des alten griechischen Philosophen: gibt

keinen Königsweg zur Mathematik". Daraus zogen die Lchrer und Schüler des Gymnasiums aus den Schiffenberg, wo die Feier mit einem einfachen Festmahl schloß. Näheres hierüber dürste das 1845er Oslerprogramm des Gymnasiums enthalten.

Dazu können wir, nach Erkundigung an authentischer Stelle, folgendes bemerken: Die Inschrift der am Kreishause angebrachten Erinnerungstafel besagt nur, daß an dieser Stätte, nicht in diesem Hause, Senckenberg gewohnt habe. Nach reiflicher Ueberlegung war das neutrale Wörtchenhier" statt einer genauen Bezeichnung gewühlt worden, da dem Verfasser der Inschrift wohl bekannt war, daß von dem alten Senckenber gischen Hause nur noch die Grundmauern vorhanden sind. Im übrigen laßt sich die Anbringung einer Tafel an dem jetzigen Hause wohl recht­fettigen. Senckenberg verdient durch die Hochherzigkeit, mit der er Stadt und Universität bedacht hat, daß sein Andenken der Nachwell bester bewahrt werde, als es nur durch einen Straßennamen geschehen kann. Ihm ein Denkmal zu setzen, war unmöglich, da man von ihm kein Bild aus seinen Mannesjahren besitzt. Soll aber die (Erinnerung an die Stätte, an der sich das Leben hervorragender Männer ab- gespiell hat, mit dem Fall ihrer Wohnhäuser schwinden? Was sollte z. B. mit der Tafel am Diezhause geschehen, wenn das Haus, was unausbleiblich ist, einmal einem Neu­bau weichen muß? Dann wird man doch gewiß die Tafel arrch dem neuen Hause einfügen. Aehnlich aber liegt der Fall bei Anbringung der Gedächtnistafel am Kreishause.

* Von der Bibliothek. Die Stelle des zwecken Affistenten an der Großh. Universitätsbibliothek ist dem ge­prüften Lehramtskandidaten Hugo Hepding aus Großen- Linden mit Wirkung vom 16. August d. Js. an übertragen worden.

** Das Großh. Regierungsblatt Nr. 51, aus­gegeben am 12. Aug. d. I., enthält: Gesetz, das Eigentum an Kirchen, Pfarrhäusern u. s. w. betreffend. Vom 6. August 1902.

:: Klein-Linden, 12. Aug. Unser Turnverein gedenkt am 21. September fein diesjähriges Stiftungsfest in derDeutschen Eiche" zu feiern. Damit werden Turn­übungen und Preisverteilung verbunden werden.

L Leihgestern, 12. Aug. Die Ar bellen an dem inneren Ausbau unseres Schulhausneubaues schrei­ten zur Zell rüstig vorwärts und gehen ihrer baldigen Vollendung entgegen. Ms Zeitpunkt der Vollendung, Än- weihuna und Bestimmungsübergabe ist der Beginn des Winterhalbjahres, also die Zell um den L Oktober fest­gesetzt. Der sehr schön ausgeführte Neubau steht am Ende des Ortes nach Großen-Linden zu; er enthält einen Schul­saal und eine Lehrerwohnung und ist so eingerichtet, daß in späteren Jahren ein gleicher Flügel an den Treppenbau angeschlossen werden kann.

§ Ruppertenrod, 13. Aug. Der 10jähr. Knabe der hier ansässigen Karusselbesitzettn Herbst Ww. war mit einem achtjährigen Freund aus Ilbeshausen auf Reisen gegangen. Die beiden Jungen hatten nach Aussage des älteren von Kirchhain aus die Eisenbahn benützt und waren nach Kassel gefahren. Dort angetommen, ver­loren sie die noch übrige Hälfte ihrer Reisebarschaft, die vier Mark betragen hatte. Kurz entschlossen begaben sie sich zu Fuße weiter, um in das Hannöverische zu ge­langen, wo eine Tante des kleinen Herbst wohnt. In Landwehrhagen kehrten die beiden mittellosen ft ein en Wanderer in eine Gastwirtschaft ein. Hier fand ihre Reife ein Ende. Man fragte sie in der Gastwirtschaft au£, ein hinzugekommener Gendarm nahm sich ihrer an und be­richtete die Angelegenheit an das Landratsamt. Dieses setzte telegraphisch die betreffenden Kreisämter in Kennt­nis, und diese wieder die bezüglichen Bürgermeistereien. Der kleine Herbst wurde aus Landwehrhagen abgeholl und hierhergebracht und einstwellen der Fürsorge der Gemeinde ünterstelll.

R Ruppertsburg bei Villingen, 11. Aug. Vor un­gefähr 14 Tagen hat unser Dorf, sowie das Eisenwerk Friedrichshütte" Anschluß an den Fernsprechverkehr er­halten. Die Horloff hat wieder, nachdem'im vorigen Jahre die Fische in großer Menge abgestorben waren, ihren altbekannten Fischreichtum.

(.) Düdelsheim, 13. 9lug. Endlich hat ein Teil des Gemeinderats dem Drängen der Bevölkerung nachgegeben, und so wurde in der jüngsten Gemeinderatssitzung der Bau einer Wasserleitung beschlossen. An keiner Stelle des Dorfes war gesundes Master zu haben, welcher Kala­mität nunmehr abgeholfen wird. Die neue Quelle, eine halbe Stunde vom Dorf gelegen, hat reichliches und gutes Wasser. In einem halben Jahre Hofft man die Leitung, die nun zur Vergelnmg gelangt und einen Kostenaufwand von zitta 70 000 Mk. erfordert, fertigzustellen.

:: Wetterfeld bei Laubach, 12. Aug. Es sind nun­mehr fast zehn Jahre, seit die Bahn von Hungen nach Laubach geht und seck wir eine Haltestelle haben. Leider besindet sich aber an derselben nur eine leichte Bretter­hütte, die die Reisenden kaum vor dem Regen, geschweige denn vor Wind und Kälte schützen kann und nach einer Seite vollständig offen ift Ein so mangelhaftesStationsgebäude" dürfte weck und breit nicht zu finden sein und ein Anonymus hat seinem Unmut in folgenden Versen auf der Bretterwand Luft gemacht:

Der Bahnbehörde sehlt's an Geld, Sonst hätte sie bei Wetterfeld Einen andern Bahnhof hmgestellt; Das ist doch in aller Welt Ka Station für Wetterseld.

Wie bestimmt verlauttt, soll die Bahnbehörde mit dem Plane umgehen, eine Güt erv erla destelle zu errichten. Eine solche würde hier mit Freuden begrüßt werden, zumal sich hier mehrere größere Unternehmen befinden, wie ein Dampfsägewett ic. Außerdem grenzen der Wald und ein Basaltsteinbruch dckekt an den Bahnkörper.

-k- Ulrichstein, 13. Aug. Die zwecke Personenpost MückeUlrichstem verkehrt bereits vom 1. September ab zu den Winterfahrplanzecken: ab Mücke 6,30, an Ulrichstein 8,55.

Die Personenpost SchottenEngelrod: ab Schotten 7,30, an Ulrichstein 9,45 fährt schon um 10 Uhr weiter nach Engel­rod (nicht erst um 12,10): ab Ulrichstein 10, an Engelrod 10,45 Uhr. Die Hinfahrten auf beiden Kursen bleiben un» verändert.

*) Bad-Nauheim, 19. Aug. Eine Dame von aus­wärts, welche hier geweilt und die Reise in ihre Hei­mat antreten wollte, wurde auf dem hiesigen Bahnhofe: von einem Schlaganfall getroffen, sank zusammen und war auf der Stelle tot. Ten Blumenstrauß noch in der Hand, den man ihr zum Abschied gepflückt, trug man die so plötzlich aus dem Leben Geschiedene in die Bahnhofs­halle. Bei manchem Reisenden machte der Todesfall tiefen Eindruck.

Mainz, 12. Aug. Am Samstag Abend fand zu Ehren des aus der Dckektion der Großh. Heff. Landeslotterie schei­denden zweiten Direktors, Dr. Lehr-Darrnstadt, in dem Holländischen Hof eine von den Hauptkollektcuren der hessi- schen Landeslotterie veranstaltete Abschiedsfeier statt. Dr. Lehr tritt wieder in seine juristische Laufbahn zurück und übernimmt die Stelle eines Amtsrichters in Büdingen. Der Vorstand d er Mainzer Metzgerinnung richtet soeben an diejenigen ihrer Mitglieder, welche der letzten Jnnungsversammlung nicht beiwohnen formten, ein Schreiben mit dem Ersuchen, unter allen Umständen den Mainzer Markt hochzuhalten und nur von denjenigen Händlern Vieh zu kaufen, welche dem Mainzer Markt treu bleiben. In dem Schreiben heißt es u. A.:Auf das rigorose Vorgehen der Händler giebt es für uns nur eine Antwott: Treu dem Mainzer Markte, wenn auch vorübergehend der Einkauf sich etwas ungünstiger für uns gestaltet. An dem Erhalten unseres Marktes haben wir selbst das größte Interesse und zwar sür alle Zeiten. In diesem uns aufgezwungenen Kanipfe müffen wir, wie schon so oft, geschlossen zusammenstehen. Wir lassen uns nicht von einigen Händlern durch Zeitungsannoncen auf einen anderen Markt kommandieren." DerFttf. Ztg." wird in dieser Angelegenheit noch geschrieben:Durch die Weige­rung des hessischen Viehhändlervereins, den Mainzer Vieh­markt zu besuchen, beginnt die Fleischversorgung der Stadt empfindlich berühtt zu werden. Während beispiels­weise die Dienstagsviehmärkte hier stets mit 320350 Stück Großvieh beschickt waren, waren auf dem letzten Viehmarkte nur 8 Stück zugetrieben. Die Metzger mußten deshalb ihren Bedarf auf auswärtigen Viehhöfen decken." Wie das Blatt hört, wird diese Anglegenheck zu einer Interpellation in der Stadtverordnetenversammlung Veranlaffung geben. Der Cigarrenhändler Diot gerieth wegen eines Hundes mit zwei Taglöhnern in einen Wortwechsel. Einer der Taglöhner zog darauf ein Messer und brachte Diot einen Stich in die Bauchhöhle deck Da das Blut in die Bauchhöhle einge­drungen ist, so liegt der Mann jetzt im Sterben.

Rüdesheim, 13. Aug. Eine schwere Betriebs­störung, die leicht ernstere Folgen hätte hoben können, aber einen verhältnismäßig guten Ausgang nahm, tarn gestern nachmittag an der Niederwald-Zahitrad- bahn vor. Als ein Zug, bestehend aus der Lokomotive und zwei besetzten Personenwagen, vom Denkmal abwärts fuhr, sprang plötzlich an einer sehr (teilen Stelle die Klappe des Verschlußventils mit einem starken Knalle los, sodaß der Dampf, mittels welchem die Zuggeschwindigkell regu­liert wird, zischend entwich und der Zug mit rasender Schnelligkeit einige hundert Meter abwärts fuhr. Nur der großen Geistesgegenwart des Zugführers ist es zu danken, daß der Zug, der mll etwa 60 Personen besetzt war, durch Aufwendung feiner ganzen Kraft von ihm an der einzig dazu geeigneten Stelle einer Kreuzung, von wo aus es nachher kein Halten mehr gegeben hätte zum Stehen gebrad/t werden konnte. Unter den Passagieren war eine Panik auHgebrochen. Einige Damen fielen in Ohnmacht, einige andere riefen laut um Hilfe. Ein Herr war während der Fahrt aus dem Wagen ge­sprungen und wurde später schwer verletzt auf ge­funden und in das hiesige Krankenhaus verbracht.

Kassel, 12. Aug. Die deutsche geologische Ge­sellschaft hat in ihrer heutigen Sitzung zu Vorsitzenden Geheimrat Brauns-Berlin und Geheimrat v. Können-Göttingen gewählt. Darauf wurden zunächst die neuen Satzungen an­genommen, sodann fünf wissenschaftliche Vorträge, denen auch Staatsminister Oberpräsident Graf Zedtttz-Trützschler beiwohnte, gehalten. Tie Vortragenden waren: Geheimrat Wahnscheffe- Berlin, Geologe Treoermann-Marburg, Profeffor Jäckel- Berlin, Geologe von Reinach-Frantfutt, Konsul Ochsenius- Marburg. Die Gesellschaft wählte Wien zum nächstjährigen Tagungsort. Unterhalb der großen Baunabrücke im Zuge der Landstraße KasselFrankfurt wurde die Leiche des Einjäh rig-Fr etwilligen Reitze vom 6. Westfälischen Jnf.-Regt., das in Düsseldorf garnisoniert, aufgefunden. Ob em Verbrechen oder ein Unglücksfall vorliegt, ist noch nicht aufgeklärt.

Vermischtes.

* Bayreuth, 13. Aug. Zu Ehren des Grafen und der Gräfin Bülow fand gestern abeno bei Frau Cosima Wagner eine Soiree statt, zu der eine ganze Anzahl hier weilender Gäste eingeladen war. Heute kehrt der Reichskanzler über Berlin nach Norderney zurück.

* Stockholm, 13. Aug. Tie Reich sb a n k bezahlte drei von der Staatskasse ausgestellte Schecks von 3000, 5000 und 9000 Kronen aus, welche auf 30 000, 50 000 und 90 000 Kronen gefälscht waren, und erlitt hierdurch einen empfindlichen Verlust. Tie Untersuchung ist im Gange.

* Rittmeister z. T. Freiherr v. Stietencron auf Niederweller bei Saarburg, welcher durch die Erschießung eines italienischen Arbeiters auf seinem Gute im ver­gangenen Jahre vor ein Kriegsgericht gestellt, von diesem aber freigesprochen wurde, gedenkt seine bisherige Heimat zu verlassen. Sein Gut, aus Schloß und äßalbungen be­stehend, wird nächster Tage für den Preis von 450000 Mk. in andere Hände übergehen.

* Es wintert! Seit Montag erfolgen, wie aus Graz gemeldet wird, in Ober steter mark ftarfe Schnee­fälle bis tief herab. Auch aus weniger gebirgigen Gegen­den wird Winterwetter gemeldet. Auch in Hildesheim ist Schneegestöber beobachtet worden.

* Dreifacher Giftmord. In Breslau starb vor einiger Zell ein Kind des bei der Provinzial-Steuerdirektion beschäftigten Kanzleidieners Leichfeld. Vier Wochen später schied Frau Leichfeld aus dem Leben und vier Monate darauf wieder ein Kind. Nunmehr schöpften die Aerzte Verdacht und veranlaßten die Beschlagnahme der Leiche des zuletzt