Ausgabe 
14.3.1902 Erstes Blatt
 
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Nr. 62

Erscheint täglich außer Sonntags.

Dem Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit dem »elfischen Landwirt die Siegener Kamillen- Matter viermal in der Woche beigelegt.

Rotationsdruck u. Ver­lag der BrÜhl'schen Univers.-Buch- u.Stein- druckerei (Pietsch Erben) Redaktion, Expedition und Druckerei:

Schul st ratze 7.

Adresse für Depeschen: Anzeiger Gießen.

Ftrnsprrchanscülub Nr. 51.

Freitag 14. März 1003

152. Jahrgang

Erstes Blatt.

GtehenerÄnzelgerW

General-Anzeiger v

v für den poltt. u. allgem.

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen ZWZ

zeigenteil: Hans Beck.

KeKanntmachung.

B etr.: Verkauf von Zuchttieren aus den Zuchthöfen.

Die Lehrwerkstätten nehmen nach schriftlichem Lehr­vertrage Schüler vom 14. Lebensjahre auf. Die Lehrzeit be­trägt 3 Jahre. Nach erfolgreicher Vollendung derselben er»

Wir bringen hiermit zur Kenntnis von Interessenten, daß nach Mitteilung der Geschäftsstelle deS landwirtschaftlichen Provinzialvereins im Zuchthof Zwiefalten 2, im Zuchthof Bingmühle 6, bet Daniel Repp zu Homberg a. b. O. 1 und bei Wilhelm Kunkel zu Eschenrod 2 Bullen verkäuflich sind.

Gießen, den 12. März 1902.

Großherzogltches Kreisamt Gießen.

v- Bechtold.

Delranntmachung.

Sonntag, den 16. d. Mts., nachmittags 3 Nhr findet zu Grünberg imEnglischen Hof" ein Vortrag des Henn Landwirtschaftslehrers Schwarz über die Viehzucht im kleinen landwirtschaftlichen Betrieb, insbesondere Aufzucht von Kälbern statt. Hierzu werden alle Interessenten freundlichst eingeladen.

Gießen, den 12. März 1902.

Der Direktor des landwirtschaftl. Bezirksvereins Gießen,

v- Bechtold.

Bekanntmachung.

Betr.: Die Besetzung von Schutzmannsstellen.

Bei unterzeichneter Behörde sind die neu geschaffenen Stellen eines Schutzmanns und zweier Hilfsschutzmänner als­bald zu besetzen.

Das Gehalt des Schutzmanns beträgt 1320 Mk. mit jährlichen Zulagen von je 30 Mk. bis zum Höchstgehalt von 1800 Mk. Die Hilfsschutzleute beziehen je 600 Mk. pro Jahr. Geeignete Bewerber wollen sich unter Vorlage selbst­geschriebener Gesuche, denen die Militärpapiere, sowie Füh- rungszeugniffe anzuschließen sind, bis spätestens 31.März I. J s. melden und vormittags zwischen 10 und 12 Uhr vor­stellen.

Gießen, den 12. März 1902.

Großher-ogliches Polizeiamt Gießen.

Hechler.

Großh. Fachschule

für Elfenbeinschnitzerei und verwandte Gewerbe

Erbach i. O.

Kunstgew. Fachschule mit Lehrwerkstätten.

Beginn des Sommerhalbjahres am 7. April 1902.

Unterrichtet wird von 4 Fachlehrern und 2 Hilfslehrern.

Gründliche fachmännische, praktische und theoretische Aus­bildung in den gesamten Zeichen- und Modellierfächern, so­wie in Werkstätten für Elfenbeinschnitzer, Ciseleure, Holzbildhauer und Drechsler.

Die Anstalt enthält für eine abgeschloffene kunstgewerb­liche Ausbildung einen 3jährigen Lehrplan mit 6 Semestern.

halten die Schüler einen Lehrbrief ausgestellt. (Gew.- Ordnung § 129.)

Der Unterricht wird durch eine reiche Modell- und Vor- bildersammlung sowie gut ausgestattete Werkstätten unterstützt.

Das Schulgeld beträgt 15 Mk. im Halbjahr.

Unbemittelten begabten und fleißigen Schülern kann die Entrichtung des Schulgeldes nachgelassen oder der Besuch der Schule durch einen Uuterstützungsbeitrag erleichtert werden. Solche Gesuche sind mit den nötigen Nachweisen bei der An­meldung an den unterzeichneten Leiter der Anstalt zu richten, welcher weitere Auskunft erteilt.

Schulprogramm kostenlos.

Erbach, den 10. März 1902.

Der Vorsitzende Der Dirigent

des Aufsichtsrats: der Anstalt:

St eg müll er, Klein,

Bürgermeister. Großh. Hauptlehrer.

Hessischer Kandtag.

Zweite hessische Ständekammer.

Darmstadt, 12. März.

Zur Beratung steht Kapitel 123: An - und Ver­kauf von Staatsdomänen. Zu gleicher Zeit wird über die Regierungsvorlage betreffend Staatsdomäne Ba d-Nauhei m beraten.

Ministerialrat v. Biegeleben: Es bestehe kein Streit darüber, daß Wie Regierung berechtigt gewesen sei, das Schloß in Babenhausen anzukaujen; nun sei ge­wissermaßen das Land verpflichtet, diese Erwerbung zu übernehmen. Das Schloß sei 1898 dem Staate zum An­kauf angeboten worden. Die Regierung habe dieses Bau­werk aus dem 13. Jahrhundert für 60 000 Mk. erworben und mit einem Kostenaufwand von weiteren 68000 Mk. reno­vieren lassen. Im Schlosse seien Beamtenwohnungen ein­gerichtet, namentlich für den Kommandeur ,der Garnison, außerdem Räume für. toc Odenechnungsrünriuer. > Die an­gewendeten Kosten seien zwar hoch, aber gere-chtsertigt. Die neueste Schätzung der Braudversicherungskanuner ergebe für das Schloß nebst dem Bauplatz einen Wert von über 300 000 Mark, also fei der Preis von 196 000 Mk. nicht zu hoch angesetzt.

Abg. Ulrich (Soz.) findet namentliche den Mieterlös im Betrage von 3300 Mk. zu gering. Die Schätzung der Brandversichernngskammer habe nur einen bedingten Wert. Er rate, ui solchen Fällen sich doch mindestens vorher der Zustimmung der Kammer zu versichern.

Finanzminister Dr. G n a u t h : Der Ausfall in der: Miete werde dadurch vielleicht gedeckt, daß man für die Oberrechnungskammer ein Gebäude für etwa 130 000 Mk. hätte errichten müssen. Ausfälle für die Staatskasse seien nicht zu befürchten, da das Schloß stets an Offiziere zu vermieten sein werde. Aus jeden Fall würde bei Nicht­

übernahme der Domänenacquisitionsfonds geschmälert und weniger beweglich werden.

Abg. Bähr (fr. w. SS.) würde dieses letztere gerade mit Freude begrüßen. Warum das Schloß Lichtenberg nicht mehr zur Aufbewahrung der Akten der Oberrechnungs­kammer tauge, verstehe er nicht. Auf jeden Fall hätte die Regierung das schloß schon vor 10 Jahren kaufen müssen. Er bitte, die Uebernahme nicht zu bewilligen.

Der Ausschußantrag auf Streichung der in diesem Kapitel geforderten Ausgabe von 197 000 Mk. für Ueber­nahme des Schlosses zu Babenhausen und Bewilligung von 10 000 Mk. in Einnahme und Ausgabe wird angenom­men; ebenso ohne Debatte die Regierungsvorlage betr. Staatsdomäne Bad-Nauheim. Ferner werden ein­stimmig und debattelos genehmigt die Ausschußanträge zu dem Kapitel 124: Een tralbauwesen Titel 1: Neubau eines Kreisamtsgebäudes in Erbach, Titel 2: Kreisamtsgebäude, zugleich Pro vinzial- direktionsgebäude zu Gießen mit 7600 Mark für Mobilia ran schaffung, Titel 3: Neubau eines Kreisamtsgebäudes zu Bingen, Titel 4: Neubau eines Kreisamtswohngebäudes zu Lauterbach, wo jedoch nur die Ausgabe für den Bauplatz bewilligt wird, Titel 5: Regierungsgebäude zuMainz, Titel 6: Universitäts­neubauten für die medizinische Fakultät der Landesuniversität Gießen im Betrage von 2 9 3 0 0 0 M k., Titel 7:NeubaueinerUniversitäts- bibliothek zu Gießen im Betrag von 256000 Mark, Titel 8: Installation der elektrischen Beleuchtung im Betrage von 10 500 Mk., Titel 9: Erwerbung des Schu- becker'schen Hauses im Betrage von 58 000 Mki, Titel 10: Erweiterungsbauten für die Technische H o ch s chu l e i n Darmstaot, Titel 11: Botanischer Garten in Darmstadt, Titel 12: Neubau eines Gymnasiumszu Worms, Titel 13: Schullehrer^seminar mit einer Ausgabe von 20 000 Mk. Bei diesem Titel fragt

Abg. Köhler-Langsdorf (fr. w. B.) an, ob die Re­gierung eine VerlegungderPräparandenanstalt von L i ch nach! Friedberg plane, worauf

Ministerialrat Eisenhuth erwidert, daß der Gießener An zeig er diese Nachricht offiziös widerrufen habe.

Weiter werden genehmigt die Ausschußanträge zu Titel 14: Errichtung eines Seminars für Lehrerinnen an Volksschulen in Darmstadt, der auf Bewilligung des geforderten Betrags von 5000 Mark abgcändert wird, Titel 15, Blindenanstaltin Friedberg, Titel 16: Landes­hospital Hosheim, Titel 17: Landesirrenanstalt Hep­pe nheim, Titel 18: Errichtung von zwei weiteren Irren­anstalten (aus Streichung des geforderten Betrags), Titel 19: Wein- und Obstbäuschule zu Oppenheim, wozu Abg. Koch (nl.) einen Antrag auf Erwerbung eines größeren Grundstücks behufs Erweiterung der Schule stellt, der ab­gelehnt wird. Ebenfalls genehmigt werden die Ausschuß­anträge zu Kapitel 12 5: Gutenberg-Museum in Mainz und 126: Heil- und Pflegeanstalt für epileptische Kinder und Kapitel 12 7: Boden- melioration und Wasserversorgungswesen. Zu diesem Kapitel machen die Äbgg. Erck, Köhler -Langs-

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Gießener Stadtchcaler.

Die große Glocke,

Lustspiel in 4 Akten von Oskar Blumenthal.

AuZ dem Zuschauerraum der Theater hat mehr als einer der Berliner Kritiker sich auf die Bühne selbst ge­schwungen, um dort das Szepter zu ergreifen. Brahm über» "ahm vor einigen Jahren das Deutsche Theater, Paul Lin­dau leitet das Berliner Theater, nachdem er jahrelang Hof- cheaterintendant in Meiningen gewesen war, Paul Schlenther ist Hofburgtheater-Direktor in Wien, und in der Hand Otto Neumann-Hofers liegt die Führung des Berliner Lessina- Theaters, dessen Begründer Oskar Blumenthal ist. Als dieser geschäftskundigste unter den Berliner Theaterdirektoren der letzten Jahrzehnte noch den grausamen und grausam undank­baren Beruf des Theaterkritikers auSübte, da pflegte er mit fernen Schnabelstößen auch in den besten und in den Harrn- Ufelten dramatischen Erzeugnissen so viel Unkraut aufzudecken

er m gewissen Kreisen den schönen Beinamender blutige Oskar" führte. Im Grunde aber mußte auch der Sanftmütigste ihm Recht geben, denn damals, als er im -Derl. Tagebl." das große kritische Wort führte, gab thatsächlich kaum em ernst zu nehmendes neueres Drama. Und als Blumenthal zu der Einsicht kam, daß ein Umschwung m der deutschen dramatischen Dichtkunst auch nicht so bald zu er­warten war, da sagte er sich: dramatische Scherze dritter Güte fnege ich auch fertig. Darum ging er von der Theater- kntck zur Theaterschriftstellerei über; und er behielt wieder Recht, denn er errang als Bühnenautor manchen großen Er­folg. Niemals aber wohl ist er selbst auf den Gedanken ge­kommen, daß etwa feinHans Huckebein" oder seine Grobe Glocke" Anspruch auf dichterischen Wert oder Bedeutung hatten, denn dazu ist er doch ein zu kluger, kritischer Kopf. Doch er macht brillante Geschäfte, mit seinemWeißen Rößl" jüngst sogar noch ein ganz besonders gutes, als man wunderlicherweise passend sand, dem Prinzen Heinrich diesen kläglichen Klepper amerikanisch dressiert zum Äschiede von der Neuen Welt vorzuführen. Was tonnte Blumenthal noch mehr wollen! Einen anderen Ehrgeiz, als ein reicher Mann zu werden, hat er ja längst nicht mehr, und das ist

ihm ja wohl auch über eigenes Erwarten gelungen. Heute sind längst die kritischen Akten über ihn abgeschlossen, und es liegt lein Grund vor, zu diesen Akten einen Nachtrag zu liefern. Kurz sei festgestellt, daß in derGroßen Glocke", wie in den meisten anderen seiner älteren Lustspiele, Blumen­thal in den beiden letzten Akten einen straffen Bau zu er­richten bestrebt war, dem jedoch das Fundament fehlt, rnie die technisch schwachen ersten Akte zeigen, und daß er das Hauptgewicht nicht auf die Entwickelung des eigentlichen Ge­dankens feines Lustfpiels, sondern in einzelne Szenen legte. Es mangelt derGroßen Glocke" auch nicht an Geist, eben­sowenig an Witz, der aber nicht aus dem Eigenwesen der Menschen stammt, die er vorführt, sondern ganz aus seinem eigenen, dem das sogenannte deutsche Gemüt ein Buch mit sieben Siegeln ist. Den guten Leitgedanken feines Lustspiels, das em schöner Hymnus auf die Uneigennützigkeit und Selbst­losigkeit des wahren Künstlers hätte werden können, ließ er hinter einer Fülle banaler Einfälle zurücktreten, und so brachte er sich auch durch diegroße Glocke" darum, in eine höhere Stufe der dramatischen Autoren eingereiht zu werden, als etwa dieDichter" der »Zwei glücklichen Tage" und des Herrn Senators", derzärtlichen Verwandten" und des Hauses Äonei".

Frl. v.Hellbronu undHerrHertzog hatten zu ihrem gemeinsamen Benesizabenddie große Glocke" gewählt. Ob sie damit gleichzeitig eine Art Feier zu Ehren Blumen­thals beabsichtigten, der just am gestrigen Tage seinen 50. Geburtstag, fern von seiner Vaterstadt Berlin im schönen Land Tirol, beging, weiß ich nicht. Unserem Theaterpublikum wenigstens war diese Thatsache anscheinend nicht bekannt, denn sonst hätten sich die Freunde Blumenthalscher Muse jedenfalls zahlreicher eingefunden, wenn man schon den beiden pflichttreuenBenesizianten freundlichere Aufmerksamkeit zu schenken leider unterließ. Frl. v. Hellbronn stellte mit bekannter Ge­schicklichkeit die unermüdliche Bünbamdame dar, die Gattin des unmöglichen Konsuls Gundermann, eine lächerlich eitle, bei allem Intrigieren geistlose, maßlos ehrgeizige Gesellschaftspflanze, deren Vornehmheit nichts als äußerer Firnis, deren Protek­tionsbedürfnis so unecht ist, wie die vom Frhrn. von Richt- Hosen gerühmten freundschaftlichen Beziehungen zwischen den beiden Nationen südlich und westlich der Nordsee. Herr

H e r tz o g gab dem Satiricus Martin Murner etwas gut­mütig Spitzes und charakterisierte ihn so ganz wirkungsvoll.

Herr Schneider als Eberhard Wilfried bot wieder eine im ganzen genommen anerkennenswerte Leistung. Sein Spiel war, wie gewöhnlich, äußerlich nicht besonders bewegt, sein Ton, wie gewöhnlich, herzlich und innig. Seinem stummen Spiel dürfte Herr Schn, wohl mehr Sorgfalt zuwenden. Um nur auf eine Szene Hinzuwersen: bei der Erzählung beS guten Gundermann von seiner geflüchteten Tochter Ottilie im letzten Akte muß Eberhard starke Teilnahme, Bestürzung zeigen; das ganz plötzliche Aussichherausgehen mit dem Einsatz feine c ersten Worte nach langer gemütlicher Apathie wirkt geradezu komisch. Falsche Betonungen waren wieder an der Tages­ordnung. So z. B. klagte der brave Eberhard in gerechtem Zorn :Ich wollte den Ruhm aus eigener Kraft erringen, nicht durch andere", statt dieerg e ne" Kraft hervorzuheben. Frau Jenny gab, lebenswahr und sympathisch, eine nur für ihren Sohn lebende zärtliche Mutter. Die Herren Ver­lach, Woisch und Leßmann boten viel Gutes. Der erstere zeigte einen fröhlichen, leichten Humor, der ihm ganz brillant, stand, in größter Ungezwungenheit, manchmal freilich gar zu eans gene Herr Woisch offenbarte wieder seine bekannte eckige Komik. Beide Herren haben die Angewohn­heit, die Bühne fast fortwährend eilenden Schrittes zu durch­messen; auch wenn sie in ruhiger Unterhaltung in vor­nehmen Salons sich befinden, kommt es ihnen nicht darauf an, denen, an die sie ihr Geplauder richten, beim flotten Mar­schieren den Rücken zu kehren. Herr Leßmann hat eine andere Eigentümlichkeit: er heftet bei etwas längerer Rede eine Augen zumeist unverwandt zu Boden, statt auf den, mit dem er feine Unterhaltung führt. Das sind fortwährend zu beobachtende Eigenheiten, die eine aufmerksame Regie nicht- dulden dürste. Tie Damen v Aspernburg und Brandau thaten ihre Schuldigkeit, und Frl. Feige zeigte als Baronin v. Sölden eine angenehme Harmonie im Spiel; das Zu- ammenspiel war ganz besonders in ihrer hübschen großen Szene mit Herrn Gerlach im 3. Akte wohlgelungen. Frl. Feige zeichnet sich übrigens immer durch besonderen Fleiß auS;_ sie beherrscht ihren Part textlich stets vollkommen. Sonst gabS natürlich auch wieder im Lause des Abends manche störende Angstpause. P. Wittko.