Ausgabe 
14.1.1902 Erstes Blatt
 
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möglichst zu beschleunigen, wurden die benachbarten Kreis­veterinärärzte telegraphisch zu dem am 31. Oktober in Reinheim in verschiedenen Beständen in Aussicht genom­menen Beginn der Behandlung berufen- Die intravenösen Injektionen wurden in einem Bestände von 13 Milch­kühen, in welchem bei einzelnen Tieren erst seit kaum zwei Tagen Erkrankungen an der Seuche zur Beobachtung gekommen waren, durch den veterinärärztlichen Referenten m Anwesenheit der Kreisveterinärärzte Friedrich-Dieburg, Arnold-Erbach und Dr. Erbenich-Reichelsheim begonnen, worauf letztere die weiteren Injektionen vornahmen. Zum Schluß wurde von genanntem Referenten das Verfahren Baccellis nach der oben erwähnten Druckschrift erläutert, und dabei noch besonders darauf hingewiesen, daß stets auf das richtige Einfuhren der zu injizierenden Lösung in die Blutbahn Bedacht zu nehmen sei. In gleicher Weise wurde am 1- November in zwei verseuchten Be­ständen in Zwingenberg der Kreisveterinärarzt Dr. Günge- rich-Benshe-rM, am 3. November in Bibesheim in zwei verseuchten Beständen der Kreisvetevinärarzt Sauer-Groß- Gerau und am 7- November in Eich in einem verseuchten Bestand der Kreis Veterinärarzt Trops-Worms unterwiesen-

Hefter den diesmaligen Charakter der Seuche und den Verlauf der einzelnen Erkrankungen sei bemerkt, daß in vielen Fällen bei Beginn der Verseuchung die Erkrank­ungen als leichte erschienen, daß aber öfter plötzliche Todesfälle bei solchen Tieren eingetreteten sind, bei welchen man es am wenigsten erwarten konnte. Das Durchseuchen erfolgte in den meisten Beständen, abgesehen von den tödlich verlaufenen Fällen, int allgemeinen leichter und mit weniger Nachkrankheiten, als bei ftüheren Seuchengängen mit ganz geringer Sterblichkeit-

Einen gi'mstigen Verlauf nahm die Seuche auch in dem erwähnten Bestand von 13 Kühen in Reinheim, in welchem mit der Behandlung am 31. Oktober begonnen worden war- In anderen Beständen traten trotz der ein geleiteten Behandlung Todesfälle unter den verseuchten Tieren ein. Die eingegangenen Tiere zeigten bei der Sektion meist nur geringe Krankheitserscheinungen im Maule und au den Klauen, aber ausgebreitete Zerstörung und Ablösung der Schleimhaut fast über den ganzen Pansen und den größten Teil des Dünndarms, sowie eine gelbliche Veränderung des Herzmuskels-

Infolge des Eingehens von Tieren, welche seit zwei, drei und mehreren Tagen der Behatrdlung unterzogen waren, ging das Vertrauen der Besitzer zu dem Heil­verfahren bald verloren, und es beduiftte meist besonderer Heberredung, damit Besitzer ihre Tiere noch der für sie kostenlosen Behandlung unterziehen ließen- Auch die Tier­ärzte verloren bald das Vertrauen zu dem Verfahren und so kam es, daß dasselbe schon nicht mehr ange­wendet wurde, als die Minifterialabteilung für öffent­liche Gesundheitspflege durch Verfügung vom 18- November die Fortsetzung der Behandlung für Rechninrg der Staats­kasse einstellte.

Die inzwischen ein gezogenen detaillierten Berichte der Kreisveterinärcu^te, welche Tiere nach Baccelli'schem Hell- veisahren behandelt haben, zeigen folgendes Gesamt­ergebnis :

In 11 Gemeinden wurden in 41 Rindviehbeständen zusammen 147 Rindviehstücke behandelt- Bon diesen 147 sind 20 an der Seuche gefallen 13,6 Prozent- In den­selben Gemeinden sind bis Ende November 96 Tiere in solchen Beständen, in denen Tiere behandelt wurden, und 656 Tiere in 129 anderen verseuchten Beständen dem Baccellischen Heilverfahren nicht unterzogen worden- Von den erstgenannten 96 Tieren sind 13 13,5 Prozent, von den 656 90 13,7 Prozent gefallen. 89 behandelte Tiere waren bei Beginn der Behanolung noch frei von bemerk­baren Krankheitssymptomen- Von diesen 89 Tieren haben 57 leicht, 23 schwerer durchgeseucht, und 9 sind verendet- Die Sterblichkeit beträgt also hier 10,1 Prozent- Von den 58 Tieren, welche bei Beginn der Behandlung bereits deutliche Krankheitserscheinungen zeigten, haben 45 leicht, 18 schwerer durchgeseucht, und 11 sind eingegangen- Die Sterblichkeit beträgt hier 18,9 Prozent-

Die Behandlung hat bei 76 Tieren in drei intra­venösen Injektionen, bei 30 Tieren in zlvei und bei 41 Tieren nur in einer solchen bestanden-

Der Grund, warum nicht in allen Fällen drei Injektionen vorgenommen wurden, war in einzelnen Fällen der, daß die Tiere sich wenig krank zeigten, und die Besitzer eine zweite Injektion für überflüssig hielten und gegen deren Vornahme sich aussprachen- Von diesen Tieren ist keines eingegangen- In der Mehrzahl der Fälle, in denen die Injektionen nicht fortgesetzt wurden, hatten sich die Besitzer geweigert, ihre Tiere weiter be­handeln zu lassen, da sie inzwischen erfahren hatten, daß verschiedene Tiere trotz des eingeleiteten Heil­verfahrens an der Seuche eingegangen waren-

Was den Einfluß des Baccellischen Heilverfahrens auf den Verlauf der Erkrankungen von Rindern an Maul- und Klauenseuche betrifft, so genügen die Beobachtungen, welche hier gemacht worden sind, nicht für einen sicheren Schluß. Die Ergebnisse der verhältnismäßig wenigen Fälle, welche hier erwähnt sind, haben jedoch gezeigt, daß die Anwendung des Baccellischen Verfahrens auf die bei dem diesmaligen Auftreten der Maul- und Klauenseuche in Hessen beobachtete große Sterblichkeitsziffer einen merk­bar günstigen Einfluß nicht ausgeübt hat.

Aus Stadt und Land.

(Der Abdruck der unter dieser Rubrik befindlichenOriginal-Rachrichten ist nur unter genauer Quellenangabe:Gieß. Anz." gestattet.)

Gießen, 14. Januar 1902.

** Religionsgeschichtliche Vortrage. Am Freitag Abend sprach Professor Holtzmann gemäß dem Plane dieser Vor­träge über Jesus Christus. Einleitend hob er hervor, daß die Schwierigkeiten der Darstellung einer großen Persön­lichkeit bei seinem Thema in höchst gesteigerter Weise vor­liegen, da jeder Hörer schon ein fertiges Bild Jesu mitbringt. Von den vier biblischen Evangelien ist das des Markus das 1 älteste; bei Lukas und Matthäus sind uns Worte Jesu aus einer ältesten Sammlung seiner Reden erhalten; das Johannes- wangclium will die Größe Jesu darstellen. Wie die Pro­pheten Altisraets beginnt Jesus mit der Predigt von der Nähe des Gerichtes und Gottesreiches; aber er schöpft diesen Glauben nicht aus den Verhältnissen des Völkerlebens, son­dern aus der Gewißheit, daß seine Predigt Persönlichkeit von solchem Glück und solchem Wert schafft, wie sie nur in Gottes Reich leben sollten. Freilich ist Jesus der herrschenden Frömmigkeit nicht fromm erschienen; er erneuert den Ge­danken der Propheten, daß echte Frömmigkeit sich weniger in gottesdienstlichen Handlungen (Fasten, langen Gebeten, Opfer, Sabbatheiligung, Reinheit rm gesetzlichen Sinn, Zahlen

des Zehnten und der Tempelsteuer, Hochhaltung des Tempels, Tragen breiter Gebetsriemen und langer Gesetzesquasten), als in Recht, Barmherzigkeit und Treue bewähren müsse. Da­mit verletzt Jesus Viele. Und doch müssen sie den hohen sittlichen Ernst seiner Persönlichkeit, seine kräftige Abwehr alles Bösen anerkennen. Da aber Jesus gleichzeitig sein Volk von einzelnen Teilen des Gesetzes losreißt, so sagen die Gegner, er bekämpfe das Böse im Dienste des Bösen. Jesus schärft von den Zehngeboten gerade die ein, die das Verhältnis des Menschen zum Menschen ordnen; er warnt vor jeder Schau­stellung, fordert aber eine thatkräftige Frömmigkeit; jede Unterlassung des Guten ist ihm Sünde. So tadelt er die von den Pharisäern geforderte Absonderung von den Sündern; er sieht im Sünder den Hilfsbedürftigen; Gott will sein Eigentum nicht verlieren; das Glück der Geretteten zeigt Jesu das Recht seiner Sache; es bedarf ja jeder der Vergebung, und dem Frommen bleibt der Vorzug, daß er nie von seinem Gott getrennt war. Die Selbstverleugnung, die Jesus for­dert, ist kein Sichsetbstverlieren. Er preist die Festigkeit am Täufer, an Petrus, er verheißt sie den ©einigen; er weiß, daß zuversichtlicher Glaube Berge ins Meer stürzt; auch der Schuldbeladene soll nicht grübeln, sondern handeln: Gott nimmt den Bußfertigen auf; vollends wer zum Messias gehört, geht nicht verloren. Jesus redet fast immer zu seinem Volk; aber der Inhalt seiner Predigt kennt keine Schranke des Volks­tums. Jesus predigt anfangs in der Nordwestecke des Sees Geneesaret; er hat großen Erfolg, da er gleichzeitig hilft wo Not ist; aber nun giebt er Anstoß; da beobachten ihn Schristgelehrte aus Jerusalem und finden, daß er die Vorschriften des Hohenrates hinsichtlich des Händewaschens nicht einhalten läßt. Er aber erklärt, daß diese Vorschriften ihn nicht binden: es komme nicht an auf die Reinheit der Hände, sondern des Charakters. Das ist gegen das Gesetz. Jesus muß fliehen. Er kommt nördlich bis Sidon, kehrt an den Geneesaretsee zurück, um nach einem vergeblichen Ver­such, hier wieder zu wirken, nochmals nördlich bis in die Gegend von Cäsarea Philippi zu ziehen. Hier erkennt Petrus in ihm den Messias. Damit gewinnt diese verstoßene Ge­meinde die Siegeszuversicht, daß ihr die Zukunft gehört. Und Jesus bestätigt das Wort seines Jüngers. Im Augenblick seiner Taufe durch Johannes ist ihm diese Offenbarung ge­worden, die ihn seitdem in Not und Verfolgung aufrecht er­hält, wenn er auch nicht Gottes wunderbaren Schutz für sich begehren oder nach der ihm verheißenen Weltherrschaft greifen darf. Ja, fein Messiasglaube wird ihm den Tod bringen, denn jetzt, da seine Jünger ihn kennen, will er noch einmal seinem Voll in Jerusalem predigen. Das ift für ihn und seine Jünger ein Gang zum Tode, aber ebendamit zum Gottesreiche. In "Jerusalem tritt Jesus öffentlich als Messias auf beim Einzug, bei der Tempelreinigung, in feiner Absage an den H oh erat. Damit ist fein Urteil gefällt, sosehr er durch die Klarheit und Schlagfertigkeit seines Geistes die gegnerischen Angriffe abweist. Im Abendmahl erklärt Jesus den Jüngern feinen nahen Tod: er stirbt für sie, da wird Gott sie nicht verstoßen, sondern chre Sünde vergeben und sie dereinst auf­nehmen in das Reich, da keine Sünde mehr ist. Verhaftung, Verurteilung durch den Hohenrat und Pilatus, schließlich die Kreuzigung selbst werden wegen des nahen Passah möglichst beschleunigt: Jesus ftirbt als Gotteslästerer, weil er, der Gesetzesfeind, der künftige Richter sein will; er ftirbt als Empörer: er hat sich als König der Juden bezeichnet. Aber die Erscheinungen des Auferstandenen begründen die Weiter­entwicklung der christlichen Sache. Die Hoheit Jesu liegt in feiner geistigen Eigenart^ an die Stelle der suchenden Re­ligion tritt die Religion der Gewißheit; die Gerechtigkeit wird aus einer Sache der Formen eine Sache des Charakters, und wertvoll ist Jesus nur der selbstlos thätige Charakter. Durch beides ist Jesus feinem Gläubigen der Heiland und Ver- söhner, deffen Bild mit dem Bilde Gottes selber zusammen- fließt.

** Das Großh. Ministerium der Finanzen Hai unter Be­zugnahme auf Artikel 21 des Gesetzes vom 14. Juni 1879, die Verwaltung der Einnahmen und Ausgaben des Staats betreffend, bezw. auf Artikel 2 des Gesetzes vom 27. Juni 1900, die Festsetzung der Staatshaushaltsperioden betr.., den Ständen des Großherzogtums, zunächst der Zweiten Kammer, eine vorläufige Uebersicht sämtlicher Rechnungs-Ein­nahmen und Ausgaben aus der Finanzperiode 1897/1900 überreicht.

** Kirchliche Dienstnachrichten. Der Großherzog hat dem zweiten Pfarrer Weber zu Beerfelden, Dek. Erbach, die erste eräuget Pfarrstelle daselbst, mit welcher der Titel Oberpfarrer verbunden ist, übertragen und den von sämtlichen Riedesel Frhrn. zu Eifenbach auf die zweite evangelische Pfarrstelle zu Lauterbach, präsentierten Pfarrverwalter Müller daselbst für diese Stelle bestätigt.

el. Schotten, 12. Jan. Dieser Tage hielt hier Professor Chelius aus Darmstadt einen Vortrag, verbunden mit einer Mineralienausstellung, über die kosmologische Ent­stehung des Vogelsberges, seine Gesteinsarten und deren Verwendung. Die Aufklärungen, die er gab, sind nicht fruchtlos geblieben, denn allenthalben regt man sich, die Schätze des Vogelsberges zu heben. Neuerdings hat Maurer­meister Spam er hier wieder auf der Götzener Höhe, an der Landstraße, einen prächtigen Basaltbruch angelegt. Die schönsten Pflastersteine und nicht minder wertvolle Mauersteine werden gebrochen. Ein angrenzendes Grundstück erwarb er als Lagerplatz. In der nächsten Zeit wird hier wieder eine Anzahl Jagden neu verpachtet. Der Fiskus hatte die Ab­sicht, seine Jagd selbst zu übernehmen. Da aber bis jetzt schon sehr respektable Gebote eingelaufen sind, so kommen auch diese Jagden wieder zur öffentlichen Verpachtung.

x Wingershausen, 13. Jan. Die hiesige Lehrerstelle wurde dem Lehrer Kraußmüller aus Ibersheim desinitiv übertragen. Schulverwalter Trautmann erhielt ein Ver- setzungsdekret nach Betzenrod bei Schotten.

Frankfurt, 13. Jan. Nach Mitteilung des statistischen Amtes ist die Volkszahl für den Stadtkreis Frankfurt a. M. unter Berücksichtigung der feit der letzten Volkszählung polizeilich gemeldeten Zu- und Abwanderungen, sowie des entsprechenden Ucberschusses der Geburten über die Sterbe­fälle am 1. Januar mit rund 292 900 anzunehmen. Be­kanntlich hat während der Weihnachtsfciertage ein Unter­suchungsgefangener in einer Zelle im Gerichtsgebäude 66 Stunden ohne Nahrung zugebracht. Wir erfahren nun, daß.

der Gerichtsdiener und Kastellan Lange, dem die Schuld an diesem Vorfall beigemeffen wird, vorläufig seines Dienstes als Kastellan enthoben ist und am 1. Februar feine Dienst­wohnung verlassen muß.

* * Kleine Mitteilungen aus Hessen und den Nachbarstaaten. Zwischen Hainstadt a. M. und Klein-Krotzenburg wurde am rechten Mainufer eine Mannesleiche gelänget, deren Identität bis jetzt noch nicht ermittelt werden konnte. Der Unbekannte scheint schon vor längerer Zeit ertrunken zu sein. In seinem Besitze fand man cm leeres Portemonnaie, in einer Tasche den Betrag von etwas über 9 Mk. in lauter Nickelmünzen. Der Jagdaufseher Nikolaus Stein aus Groß-Welzheim begab sich in der Dämmerung auf den Anstand und lauerte hinter Gebüsch auf Beute. Plötzlich entlud sich das zweiläufige Jagdgewehr und die beiden Lad­ungen trafen den unglücklichen Aufseher, der schwere Ver­letzungen am Kopfe und am rechten Arme erlitt. Das eine Auge ist vollständig verloren. Am Samstag abend ließ sich am Wiesbadenerthor bei Kastel ein Ochse mitten auf das Schienengeleise fallen und war durch nichts zu bewegen, diese Lagerstätte zu verlassen. Heckel wurde die Situation als von einer Seite ein Güterzug, und von der anderen ein Schnellzug passieren mußten. Man gab Haltsignale, und nachdem die nötige Anzahl Leute anwesend roareir, zog man den Ochsen mit Stricken gewaltsam von dem Geleise. Der Lehrer einer Mainzer höheren Lehranstalt hatte kürzlich den Kindern seiner Klasse den deutschen Aufsatz als Arbeit gegeben, in dem sich die Mädchen über Feuer, Brände :c. verbreiten sollten. Eine der Schülerinnen begann ihren Auf­satz wörtlich wie folgt:Die Brände werden zumeist durch Kinder erzeugt und diese aus Bosheck, Spielerei oder Leicht­sinn". Der Lehrer soll indessen nicht ganz der Ansicht feiner begabten Schülerin gewesen fein. Von dem Herzog von Anhalt sind die Ritterinsignien zwecker Klaffe des anhaltifchen Hausordens dem Eifenbahnstationsvorsteher zweiter Klasse Flügel in Bad-Nauheim verliehen worden. Der Lazareth-Oberinspektor Christ in Darmstadt erhielt den königl. preuß. Kronenorden 4. Klaffe.

Vermischtes.

Breslau, 13. Jan. Der Postagent und Stattons- vorsteher Nisse in Niederullersdorf bei Hausdorf ist, wie dieSchlesische Zeitung" meldet, sei dem 9. Januar abends nach Verübung von Unterschlagungen flüchtig. Bis­her ist ein Fehlbetrag von 1216 Mk. bet den Postkaffen- geldern und ein solcher von 5348 Mk. bei den Bahnkaffen­geldern festgestellt worden. Auf die Ergreifung des Thäters ist eine Belohnung von 100 Mk. ausgesetzt worden.

* Hamburg, 13. Jan. Wie derH. Korr." meldet, wird von den drei geretteten Personen des gestrandeten Fisch - dampfersSekundant" voraussichtlich nur der Kapitän am Leben erhalten bleiben. Die aus 10 Personen bestehende Besatzung des Schiffes hatte sich von Dienstag bis Samstag ohne Nahrung in den Masten geh alten. Sieben Personen wurden, einer nach dem anderen, von den Wogen weggespült.

* Das Feigenblatt in der Münchener Glyp­tothek. Die lex Heinze-Bewegung seligen Angedenkens ist vielleicht nirgendwo in Deutschland auf so entschlossenen Widerstand gestoßen wie in Münchener Künstlerkreisen. Um so auffälliger erscheint es, daß eine unschöne Neuerung, die wenigstens zeitlich mit der allgemeinen Erregung über die geplante Beschränkung des künstlerischen Schaffens zusammen- fiel, heute noch in Isar-Athen weiterlebt. Besucher der Münchener Glyptothek waren nicht wenig erstaunt, deren Bedienstete eines Tages bei einer seltsamen Beschäftigung zu finden. Aus braunem und grauem Packpapier wurden mit der Papierscheere so gut es ging und jedenfalls nicht besser, als irgend ein Schulkind es besorgen würde, Feigenblätter ausgeschnitten und teilweise mit Leim, größtenteils aber mit rotem Siegellack auf den ehrwürdigen Marmor- und Bronze- Denkmälern des griechisch-römischen Altertums befestigt. Nicht einmal die wertvollsten aller Münchener Skulpturwerke, die aus der Zeit der Perserkriege stammenden Helden von Aegina, blieben von dieser Auszeichnung verschont, die um so eigen­tümlicher erscheint, als die Glyptothek ohnehin nur von er­wachsenen Personen besucht werden darf. Einige der jeden­falls unschön und, wie wenigstens viele Künstler meinen, fast unanständig wirkenden Feigenblätter tragen, um den Eindruck des Häßlichen noch zu steigern, einen Ueberzug von Leim und Kleister, dessen Zweck, wenn man nicht annimmt, daß auf diese Weise Fliegen gefangen werden sollen, nicht leicht auszudenken ist.

Sande! und Verkehr. Volkswirtschaft.

Verstaatlichung toon Kohlenbergwerken. LautF. Z." beschränkt sich der Erwerb von Berawetts-Eigentum durch den Staat vorerst auf das Objekt: Zeche Vereinigte Glasbeck, Zeche Waltrop und Lohwinkelsche Berggerechtsame. Das bedeutendste dieser Objekte ist das erstgenannte, deren Gesamt-Berechtsame 26.20 Mill, qm umfaßt.

Große Kasseler Straßenbahn At.-Ges. Laut Geschäfts­bericht beträgt der Reingewinn Mk. 169920 (Dorj Alk. 212537). Die Dividende ist mit 3% festgesetzt, gegen 33/<°/o im Vorjahr.

Zahlungseinstellung. Die Frankfurter Kleiderfabrck von Herzu. Hofmann ist in Zahlungsstockung geraten. Die Ver­bindlichkeiten betragen Ack. 320 000. Ein Vergleich mit 40% ist angeboten, aber noch nicht zu Stande gekommen. Bei einem Kon­kurs stehen nur etwa 25% in Aussicht.

Elektrizitäts-Industrie. Von dem angekündigten neuen Aufschwung unseres industriellen Wirkens ist bis jetzt noch sehr wenig zu merken. Wir bleiben bei unserer Ansicht, daß es erst dann wirklich besser wird, wenn der unglückselige Transvaalkrieg definitiv beseitigt ist. Ganz besonders verniissen wir jede Besserung in der elektrischen Industrie. Dieselbe befindet sich nun schon seit zwei Jahren im Rückgänge. Die großen Werke zeigen sich äußerst zurückhaltend mit der Uebernahme neuer Geschäfte. Die Aktien- aesellschaft Siemens & Halske in Berlin hat den Bau der Elektrizckäts-Centrale in Lodz sowie die Anlegung eines Netzes elektrischer Trambahnen in Warschau abgelehnt. Desgleichen hat die El ek triz i t ä ts- Ak.-G e s. vo rm. L a h m s y e r & E o. in Frankfurt a. M. die Uebernahme des elektrischen Umbaues der Trambahn in Lublin abgelehnt. Die Generalversammlung der Allgemein en Elektrizitäts-Gesellschafr in St. Petersburg hat beschlossen, die im Januar 1898 von der All- gemeinen Elektrizitäts-Gesellschaft in Berlin mit 1 Mill. Mk. Aktien­kapital errichtete Gesellschaft aufzulösen.