Nr. 240
•vffteittt täglich außer Sonntag«.
Dem Gießener Anzeiger werden tm Wechsel mit bem Kesfischen Landwirt die Siegener Kamillen- blätter viermal In der Woche beigelegt.
Rotationsdruck u. Verlag der Brüh loschen Univers.-Buch- u. Stein- bruckerei (Pietsch Htbtn) Rebttftton. ttnxblttfm und Druckerei:
Gchulsiratze T.
Adresse für Depeschen: Anzeiger Gießen.
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Zweites Blatt. 152. Jahrgang
Montag 13. Oktober 1008
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GletzenerAnzelgerW
** General-Anzeiger S
Amts- und Anzetgeblatt für den Kreis Gießen MW
__________v M zeigenteil: Hans Beck.
3>te yeutige Kummer umfaßt 12 Seiten.
Bekanntmachung.
Am Montag dem 20. dS. Mts., rtachmittagS 8V3 Uhr, findet eine Getteralversammlttttg des land, wirtschaftliche« VezirlSvereinS Gieße« in dem Saale des LafL Ebel zu Gießen statt, zu der die Mttglieder d«S Vereins freundlichst hiermtt eingeladen werden.
Tagesordnung:
1. Wahl des Vorstandes.
2. Prüfung der Rechnung für 1901/02.
8. Mitteilung desGroßh.Herrn Bürgermeisters Krämer zu Steinbach über die Studienreise des landwirtschaftlichen Vereins für die Provinz Oberheflen nach der Provinz Sachsen.
4. Vortrag bcfl Leiters des Landwirtschaftlichen Instituts an der LandeSunioersität, Herrn UniversttätS- professorS Dr. Albert, über „bie Gewinnung und Aufbewahrung der Futterpflanzen.*
5. Referat des Vizepräsidenten über die Fleischnot.
6. Geschäftliche Mitteilungen und Verschiedenes.
Gießen, den 18. Oktober 1902.
Der landwirtschaftliche Bezirksverein Gießen. Schlenke, Oekonomierat.
Der Vorsitzende des lalldwirischaftl. Kesirksoereins Gießen
Ott die Herren Mitglieder des BereittSattSschttfies.
Unter Bezugnahme auf die vorstehende Bekanntmachlmg beehre ich mich hiermtt, die Herren AuSschußmttglieder zu der Generalversammlung, sowie zu einer dieser voraufgehenden, um 8*/i Uhr beginnenden Ausschußsitzung ganz ergebenst einzuladen.
Gießen, den 18. Oktober 1902.
Schlenke, Oekonomierat.
Gießen, den 10. Oktober 1902. Betreffend: Die Anzeige und daS Verfahren bei Polizeianzeigen.
Das Grotzherzogliche Kreisamt Gießen
an die Großh. Bürgermeistereien des KretfeS.
Diejenigen von Ihnen, welche unserer Auflage vom 23. September l. IS. (KreiSblatt Nr. 224) noch nicht entsprochen haben, werden an deren Erledigung hiermit erinnert.
Dr. ÖreiberL
Nolitische Tagesschau.
Der Koloutal-Kongreß
wurde am Samstag durch ein Festmahl im Kaiserhof zu Berlin geschlossen. Es wurden zahlreiche Trinksprüche cruS- gebracht. Staatssekretär Frhr v. Richt Hofen sagte u. a.: Zur Durchführung der kolonialen Pläne und Entwickelung bedürfen wir des nervus rerum. Dieses Geld kann die Regierung allein und können auch die kolonialen Vereine nicht beschaffen, dazu bedürfen wir der werkthätigen Mithilfe des Reichstages. Von dem gegenwärtigen Reichstage erwarten wir noch Vieles und Gewichtiges, aber der neue Reichstag steht vor der Thür, und da sorgen Sie dafür, daß der Kandidat, den jeder von Ihnen zu wählen beabsichtigt, er mag, welcher politischen Partei eS auch sei, angehören, mit dem Tropfen kolonialen OeleS bedacht sein, der erwünscht ist, damit die Reichsmaschine auch nach dieser Richtung glatf; schnell und segensreich läuft und dann-tragen Sie in die deutschen Gauen von diesem Kolonialkongreß hinaus das Gefühl der Kolonialsreudigkeit, wie es suh vorbildlich ausgeprägt in der Person des erlauchten Präsidenten des Kongresses, der sein ganzes Sein in den Dienst der loloniaeln Sache gestellt hat und dem weite Kreise des deutschen Volkes nicht vergessen werden, daß er selbst in einer Zeit, während der die Regierung seines Landes auf seinen Schultern lastete, das Präsidium der deutschen ziolonialgesellschaft beibehalten hat. Kolonial- direttor Stübel erwähnte die in gewissen Kreisen „gleich einer Krankheit grassierende" Kolonialmüdigkeit, die ein Ausfluß „von übergroßer Nervosität sei und ein Nebel, das bekämpft" werden müsse.
Präsident Loubet
ist am Sonntagvvrmittag zur Grundsteinlegung der Brücke über die Rhone in Valence eingetroffen. Beim Empfange stellte der Generalvikar die Geistlichkeit vor und äußerte, der Präsident möge überall Brücken schlagen zur Unterdrückung jeglichen Haders. Loubet erwiderte, er habe die Zuversicht, die Geistlichkeit werde die Regierung unterstützen, indem sie Achtung vor dem Gesetze predige. General Grasset, der die Offiziere der Garnison vorstellte, erklärte, daß das Offizierkorps, wenn es auch mehrfach unverdient kritisiert wurde und wenn auch thatsächlich Falle von Pflichtvergessenheit vorgeLommen seien, die Truppen immerfort Treue zur Fahne und Disziplin gegen die Regierung der Republik lehre. Loubet erwiderte, er kenne keine Institution, die gegen Kritiken geschützt sei und wünsche un Interesse der Armee, daß sie, wenn sie selbst Kritik übe, nach den Grundsätzen der Gerechtigkeit verfahre.
Auf die Ansprache des Vorsitzenden des protestantischen Konsistoriums erwiderte Loubet: Ich danke für Ihre Worte. Ich kenne seit Langem die Anhänglichkeit,
welche Sie Alle der Regierung der Republik entgegenbringen. Wir wissen, daß die Republik keine festere Stütze bat alS die Angehörigen des reformierten Glaubens. ES beruht auf UcberHeferiina und Verstandesgesetzen, daß sich diese Anhänglichkeit bei Ihnen stettg fort» pflanzt. ES ist Ihr Ideal, daß mehr Gerechtigkeit und Brüderlichkeit herrsche, es ist dieS der Katechismus des wahren Republrkaners.
Zu Ehren deS Präsidenten veranstaltete die HandelK- kammer ein Festmahl. Bei demselben hielt Loubet eine Rede, die sich lediglich mit den Interessen der Industrie und des Handels der Stadt und Umgegend beschäftigte. Er sprach sein Bedauern ans, daß die Lan d w ir t s cha ft keine organisierte Vertretung besitze wie der Handel und die Industrie, um die Fragen der Produktion, deS Absatzes und der Besserung der Lage der Fabrik- und Landarbeiter zu prüfen, damit so die Harmonie zwischen Kapital unb Arbeit wiederhergestellt und allen Interessen Schutz- gesichert würde.
kinder die bösen Tanten vor. Frau v. Stahl-Bünau zeigte als Marianne ja recht viel Launenhaftigkeit und Energie, aber doch wohl etwas mehr Lautheit und Ungebundenheit, in den Bewegungen zumal, als es nötig war. Herrn Ger lach sah man gestern als naturwüchsigen „Seppi*, als batteten Bua schuhplatteln und jodeln. Unser fleißiger Spielleiter ist der Mann, der alles können muß, der, wie die letzten Neuheiten erst wieder deutlich bewiesen, auf der Stufenleiter vom Ernsten zum Komischen gleicherweise bereitwillig von oben nach unten, von unten nach oben sich zu schwingen hat. Den Seppi im Salontiroler giebt er frisch und frei und froh. Die verliebte Kammerkatze des Frl. Sieg erntete mtt ihrem ganz niedlich gesungenen Kärntner Liedei vom »himmelblauen See" lebhaften Beifall. Herr Becker war ei$ dienender Hausgeist, bem wir seine Versicherung, nicht der schlimmste zu fern, glauben wollen. Die übrigen Rollen waren im ganzen angemessen besetzt.
Aus MM und Kund.
Gießen, den 13. Oktober 1902.
• * Gedenktage. Am 14. Oktober 1806 fand die unglückliche Schlacht bei Jena und Auerstädt statt. Die Preußen, die das für sie äußerst günstige Höhenterrain nicht besetzt hielten, wurden von Napoleon I. überrascht. Auf den steilen Landgrafenberg ließ er in der Nacht die Kanonen hinaufziehen und »tragen. In dichtem Nebel wurden die Preußen, die arglos das Treiben der Franzosen bemerkt hatten, in wilder Flucht nach Weimar zurückgeschlagen. Die Stadt Jena hatte unter Brand und Plünderung arg zu leiden.
LU. Gedenkfeier für Niels Henrik Abel. An der vom 5.—7. September in Christiania abgehaltenen Feier des 100. Geburtstages des berühmten Mathematikers Niels Henrik Abel (geb. 6. August 1802, gest. 6. April 1829) beteiligte sich die Universität durch Absendung eines Glückwunschschreibens.
LU. Schenkung. Herr Franz Büning in Borken i. W., der im Jahre 1901 auf der chirurgischen Klinik ärztlich verpflegt und behandelt wurde, hat der chirurgischen Klinik zum Zwecke der Beschaffung einer Bücherei für die Kranken der Klinik in hochherziger Weise eine Schenkung von 3000 Mk. gemacht.
* • Zu den Landtagswahlen. Aus Grünberg wird uns geschrieben: Heute, Sonntag Mittag, fand hier int Gasthaus zum Rappen eine Wahlversammlung statt. Die Versammlung war diesmal vom Gemeinderat einberufen worden zum Zweck, sich gegenseitig auszusprechen und sich womöglich für einen Kandidaten zu einigen. Carl G. Jöckel trat warm für die Kandidatur Moll ein und betonte dabei, daß W e l k e r-Allendorf erklärt habe, eine Wahl nicht annehmen zu wollen. Bürgermeister Zimmer brachte diesen Antrag zur Abstimmung und er wurde mit großer Majorität angenommen.
* • Stadttheater. Die komplizirtesteForm deS Humors ist die Parodie, von der die Weltliteratur nur wenige Musterbeispiele aufzuzählen hat. Mosers „Salontiroler" gehört jedenfalls nicht zu ihnen, denn das alte Stück leidet nicht nur an einer flachen Physiognomielosigkeit, sondern auch an recht schwerfälliger Szenenführung, wie sie bei dem schon in seinen frühesten „Dichter"-Jahren mtt Rotationsmaschinengeschwindig- kett arbeitenden Urheber des „Hypochonder" später nicht mehr so auffallend zu Xage tritt Aber es steckt doch auch ein bischen Empsindungswärme zwischen den Witzen und der harmlosen Spottlustigkeit; Anzengruber hat zudem seinem norddeutschen Kollegen von der dramatischen Feder ein paar Bubn und Dearndln ausgeliehen, ein paar Schnadahüpfln wurden einem Koschatalburn entnommen und der Rahmen für das „Lustspiel" war „geschaffen". Den Berliner Alpenfex, dessen Achenseetour in jene graue Vorzett fällt, da die berühmte „Villa Scholastica" noch einem Kuhstall vergleichbarer war als dem Frankfurter „Fürstenhof", dem sie heute gar ähnlich sieht, gab Herr Zvder und machte aus diesem Dümmlings-Gentleman ein komisches Paradestückchen von luftiger Wirkung. Der Vorzug des Herrn Z. ist eS, daß er in feinen Rollen gewöhnlich naive Natürlichkeit zu wahren weiß. Sein Striesen schien wirklich so „koloffal" geistreich zu fein, wie er auszusehen die Pflicht und das eigene Vergnügen hatte. Bei diesem Thoren läßt man sich allerhand gesellschaftliche Unmöglichketten ruhig gefallen; wozu aber Herr v. Moser auch die Leute, denen er die fünf Sinne ungekürzt hat zu teil werden lassen wollen, mit einer Heber- ftacht von Ungereimtheiten bepackt hat, wird wohl sein Geheimnis bleiben. Ein stattlicher Jüngling, der Prokura erhält zur Beaufsichtigung und Zurechtweisung einer emanzipationslustigen jungen Dame, und ein kluger Berliner Großkaufmann, der diese Prokura erteilt, sind diese echten Moser'schen Spezialitäten. Diesen seltenen Vater stellte Herr Steinert mit Takt und ungezwungener Würde bar. Dagegen war Herr v. Stahl als Hans Werner, der doch das Urbild gerader Ungezwungenheit sein soll, von wunderlicher Geziertheit in Haltung und namentlich im Ton. Dieser brave, dreiste und selbst nicht Weiberzungen fürchtende Handlungsgehilfe ist doch kein tragischer Held I Frau Jenny gab sich, wie immer, natürlich; so stellten sich schon die Haimons-
Schwurgericht.
P. Gießen, 18. Ott.
Am Samstag fand unter Vorsitz des Landgerichtsrat Schmidt die letzte Verhandlung des diesmaligen Schwurgerichts statt. Angettagt war der Bergmann Heinrich Lang von Hungen wegen des Verbrechens der Notzucht. Als Vertreter der Staatsanwaltschaft fungierte Staatsanwalt Reuß, als Verteidiger Rechtsanwalt Kraft. 16 Zeugen waren zur Verhandlung erschienen. Der Angeklagte ist 20 Jahre alt Er war zuletzt in der Grube „Friedrich" bet Hungen tijätig. Lang wurde zuerst als 18jähriger Mensch und zusammen in den letzten beiden Jahren fünfmal wegen Gewaltthätigkeiten und einmal wegen Diebstahls bestraft und verbüßt zurzeit eine ihm am 8. Oktober d. I. wegen Körperverletzung Anerkannte Gefängnisstrafe von drei Monaten. Er wird beschuldigt, im April und im September dieses Jahres zu Trais-Horloff und zu Hungen den Versuch und das vollendete Verbrechen der Notzucht begangen zu haben. Tie Verhandlung findet unter Ausschluß der Öffentlichkeit statt. Tas öffentlich verkündete Urteil lautet auf 12 Jahre zwei Monate Zuchthaus, in welche Strafe Die noch zu verbüßende Gefängnisstrafe mit einbezogen wurde.
Gerichtssaal.
Gießen, 10. Ott. (Strafkammer.) Den Vorsitz führte Landgerichtsdirettor Dr. Güngerich, die Staars- anwaltschast wurde durch Gerichtsassessor Dr. Hetzel vertreten. — Es stehen sieben Sachen zur Verhandlung: Zunächst hat sich der Landwirt Wilhelm Josef $ raub von Herbstein wegen Körperverletzung, verübt in drei selbständigen Fällen, zu verantworten. Tie Hauptverhandlung eraiebt, daß Traud am 31. August d. I., dem Tage der Nachkirchweihe zu Herbstein, bei einer Tcmzbelusttgung in sehr ausgelassener Stimmung zunächst mit einem anderen Burschen, Kübel, eine scherzhafte Auseinandersetzung hatte, die aber bald in einen ernsthaften Zwist ausartete, in dessen Verlauf Traud mit der Faust und mit seinem Hut auf den Kübel einhieb, während Kübel ebenfalls mit Faustschlägen abwehrte. Josef Brähler trennte die Streitenden, wobei ihm der Angettagte eine erhebliche Bißwunde am Daumen der rechten Hand beibrachte. Ter Streit schien hierauf zunächst beendigt, und Traud stand ruhig mit mehreren Burschen, darunter dem Kübel/ in der Mitte des Tanzsaales. Plötzlich und scheinbar ohne jede Veranlassung zog Traud blitzschnell sein Messer aus der Tasche und versetzte dem Kübel einen tiefen Stich in den rechten Oberarm. Nachdem der Verwundete aus dem Saale entfernt war, kam der Landwirt Lorenz Zimmermann zu dem Angeklagten und bat ihn, sich ruhig zu verhalten und fein weiteres Unheil anzustellen. Statt jeglicher Antwort versetzte Traud auch dem Zimmermann einen Messerstich in die linke Schulter unmittelbar neben den Hals. Alsdann wurde er durch andere Personen aus dem Saale geschafft. Der Angettagte entschuldigt sich heute mit sinnloser Trunkenheit; er will von allen Vorfällen nichts wissen. Es wird jedoch durch zahlreiche Zeugen bekundet, daß von sinnloser Betrunkenheit des Traud kerne Rede sein könne. Tas Gericht verurteilt den Angettagten zu einer Gefängnisstrafe von ein em Jahre und zwei Wochen. Zwei Wochen der erlittenen Untersuchungshaft werden auf die Strafe in Anrechnung gebracht. — Der Landwirt Philipp Spaar III. zu Reis- kirchen hatte gegen ein Urteil des Großh. Schöffengerichts Gießen Berufung eingelegt. Durch dieses Urteil war er wegen einer an seinem Nachbar Jünger verübten Körperverletzung zu einer Geldstrafe von 20 Mark verurteilt worden. Er soll am 12. Juni d. I. dem Jünger mit einem Stocke einen Stoß in die Sette verabfolgt haben. Ter Angeklagte stellt die That beharrlich in Abrede und behauptet, daß Jünger ihn aus Rache' denunziert habe. Tas Gericht gelangt jedoch zu Der Ueberzeugung von der Schuld des Angettagten und erkennt demgemäß auf kostenpflichtige Verwerfung der Berufung. — Ter Dienstknecht Karl Hrch. Kräh von Ober-Florstadt erhält wegen Sittlichkeitsoergehens eine Gefängnisstrafe von dreiMonaten. — Der Taglöhner Peter Ruppen thal und die Landwirtin Karoline Seim, beide zu Groß-Felda wohnhaft, werden der gemeinschaftlich verübten Mißhandlung des Dienstknechtes Nahrgang zu Nymrod beschuldigt. Der Anklage liegt der folgende Thatbestand zu Grunde: Nahrgang begab sich am Abend des 17. Juli d- I. von feinem Wohnort Romrod nach Groß-Felda, um der bei Der Seim wohnhaften Karoline Kauß einen Brief, den


