Ausgabe 
13.10.1902 Erstes Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Erstes Blatt.

1SL. Jahrgang

Montag 13. Oktober 1902

Nr. »40

Ovftehrt tSgttch außer Sonntag».

Dem Gießener Anzeiger werden tm Wechsel mit dem »elfischen Landwirt die Gießener Kamillen» blätter viermal in bet Woche beigelegt.

Notation»druck u. Ver­lag der Brühl'lchen tlntvers^Buch- u. Stein* drucken i (Pietsch tttben) Redaktion. Expedition und Druaereir

Vchnlstraße 7.

Adresse für Depeschent «»zetger «ietzen.

sternsprrchanschluß Nr. 5L

A Ä Bezugspreis»

® ZyrX © monalUch7LPs.,vienett

GletzenerMzelgerW

W General-Anzeiger **SS"

v ** für den polit, a. allgein.

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen KMZ

__gelgenteil: HanS Beck.

Hauptversammlung

des landtv. Vereins für die Provinz vberhefieu.

Zur diesjährigen ordentlichen Hauptversammlung beehre ich mich, die Vereinsmitglieder hierdurch auf:

Samstag, bett 25. Oktober d. tz., nachmittags 2 Uhr, inSteiuS Garte»" in Gieße»

ergebenft einzuladen.

Gegenstände der Verhandlung werden fein:

1. Erstattung des Jahresberichtes;

2. Vortrag des Herrn Prof. Dr. Albert-Gießen über das Thema:

, Welche Gesichtspunkte sind bei Auswahl des Saat­gutes im Gebiete der Provinz Oberhessen zu befolgen*. Hardt-Hof, den 11. Oktober 1902.

Der Präsident des landwirtschaftlichen Vereins für die Provinz Oberheffen:

I. V.: Schlenke.

Kie ßmpfangsfrage der Kuren-Keuerale

von der wir auch in unserer heutigenPolitischen Wochen­schau" Notiz nehmen, ist immer noch ungeklärt. Es liegen heute nur einige Privatmeldungen vor, aus denen nichts zu entnehmen ist. Wie dieBerl. Reuest. Nachr." mit­teilen, ist die Initiative betreffs einer Audienz beim Kaiser vom Reichskanzler ausgegangen. Von ihm in Verbindung mit dem Auswärtigen Amte seien auch die ein­leitenden Schritte geschehen. General Dewet gewährte dem Haager Korrespondenten derFrkf. Ztg." eine Unter­redung. Dewet zeigte sich zunächst verschlossen und erklärte, man müsse selbst Freunden gegenüber zurückhaltend sein, weil sonst leicht jedes Wort in Deutschland falsch ausgelegt weroen könnte. Schließlich äußerte sich Dewet wie folgt:Selbstverständlich sind die Auslassungen der Rordd. Allg. Ztg." nicht pure Erfindung, aber die Ueber- mittelungen wurden uns von dritter Seite gemacht, die ims nicht direkt genug dünkte. Einer einigermaßen offi­ziellen Einladung hätten wir ohne Weiteres Folge ge­leistet und ganz bestimmt hätten wir uns an den eng­lischen Gesandten gewandt, wenn dies offiziell gewünscht worden wäre. Aufforderungen, die uns nicht bestimmt und deutlich genug sind, können für uns nicht maßgebend sein".Aber", fuhr Dewet fort,im Grunde genommen, muh es uns wider st reden, zu einem Kaiser­besuch genötigt zu werden. Ich wünsche, hier nicht mißverstanden zu werden, denn die Persönlichkeit des deut­schen Kaisers ist mir und meinen Burengeneralen hoch. Wir würden es uns zur großen Ehre gerechnet haben, wenn ein illustrer Fürst uns einfachen Leute hätte sehen wollen, aber der Besuch beim Kaiser hätte no twendi ger Weise den Besuch beiden Staatsoberhäptern aller Mäch te, die wir bereisen, notwendig gemacht. Hierdurch würde unsere Reise in das politische Fahr­wasser getrieben, was wir unter allen Umständen ver- meiden wollen. Wir sind Privatleute, die Herumreisen, um für ihre unglücklichen Landsleute Geld zu sammeln; das ist ganz allein unser Zweck, nichts anderes, und diesen Zweck wollen wir tlar und reinlich festhalten."

Dr. Leyds erklärte in einer Unterredung, daß man sich bald überzeugen werde, daß es vorellig gewesen sei, das Benehmen der Burengenerale als merkwürdig zu be­zeichnen. Ucbrigens habe er den Generalen niemals Vor­schriften gemacht, da er ihnen überhaupt nichts vorzuschrei-- ben habe.

Botha und D e l a r e y sind am Sonntag aus Utrecht wieder in Brüssel eingetroffen. Auch Dewet ist nach Brüssel abgereist, um Botha und Delarey nach Paris und Berlin zu begleiten. DemBerl- Tagebt." wird aus Brüssel berichtet: Botha weist darauf hin, daß die englische Regierung, die über die Turnee ber Burenführer eine so große Mißstimmung zeigt, bereits in Vereeniging bei Unterzeichnung des FriedensprotoLolls von den Buren über ihre Absichten unterrichtet wurde, ohne denselben zu widersprechen.

Ueber die Reise Krügers nach Men tone am 14. b. Mts. wird berichtet, daß der Präsident über Brüssel, Luxemburg, Basel, Luzern, Mailand und Genua reisen wird. Diese Abänderung der früher geplanten Route ist deshalb vorgenommen worden, um dem Präsidenten einen ermüden­den Empfang in Paris zu ersparen.

Ire Ausstände in IranLreich, Z5eLgie», Kenf und Amerika.

Im Kohlengrubenbczir: von Pas de Calais ist die letzte Nacht ruhig verlaufen, nur ein m den Gruben in Lens aufgestellter Posten wurde durch einen Sternwurs am Kopfe schwer verletzt. Auch im Kohlenbecken von Noeux war die Nacht ruhig. In den Reihen der Ausstän­digen macht sich eine gewisse Abspannung bemerkbar. Nach amtlicher Feststellung soll der Vorfall in Terre-Noire, über den in unserer heutigen Politischen Wochenschau die Rede ist, mit dem Ausstande nichts zu thun haben. In merkwürdigem Widerspruch dazu steht aber die Meldung, daß aus Anlaß gerade jener Vorgänge das Vundeskomitee der Grubenarbeiter des Loire-Departements als Mannest an die Arbeiter des Loire-Departements em Schreiben richtete, in dem entschieden gegen die Entfaltung der Poli­zei und Verwendung des Militärs gegen die Ausständigen Einspruch erhoben und die Negierung darauf hingewiesen wird, daß es ihre Pflicht sei, Neutralität zu beobachten. Der Polizeipräfett und der Bürgermeister von St. Etienne statteten der Witwe des durch einen Gendarmen er­schossenen Ausständigen Colombet einen Besuch ab und

sprachen ihr Trost und Unterstützung zu. Die Frau ist Mutter von drer unmündigen Kindern. Der Gendarm Breuil, der Colombet erschoß, wurde ebenso wie der Wächter Pouchot, der den ersten Anlaß zu diesem Drama gegeben hatte, von vier Gendarmen ins Gefängnis abgeführt. Die Menge machte wiederhott den Versuch, sich der Verhafteten zu bemächtigen. Tie Stahlwerke in Denaie und Anzin verkünden, daß sie angesichts der hohen Forderungen der belgischen Kohlengruben für Kohlen, genötigt seien, in zwä Tagen den Betrieb einzustellen.

Das in Charleroi am 12. dieses Monats zusammen getretene Nationalkomitee von vier belgischen Kohlenbecken beschloß, 15 Pwzent Lohnerhöhung äu ver­langen. Es wurde Beschluß zu Gunsten der ausständige» französischen Grubenarbeiter gefaßt, um die Lieferung bei* gisch er Kohlen nach Frankreich zu verhindern.

Der Sekretär der Vereinigung der Dockarbeiter von Frankreich und Algier, die zum internationalen Dockarbei- terverbande gehört, hat dem Sekretär des Bergarbeiter­verbandes schriftlich mitgeteilt, daß er an die Arbeiter in allen Häfen ein Rundschreiben gerichtet habe, keine aus dem Auslände eintteffende Kohle auszuladen. Er fügt hinzu, in den Häfen würden Abstimmungen vovgenommen über eine allgemeine Arbeitseinstellung.

Tie am allgemeinen Ausstand in Genf beteiligten Arbeiter beschlossen am Sonntag, unter Protest gegen die Maßnahmen der Polizei und der Truppen (2000 Mann Kantonaltruppen waren zum Schutze der Stadt aufgeboten worden) die Arbeit wieder aufzunehmen. Rach amtlicher Mitteilung wurden bei den Unruhen 50 Solda­ten leicht verletzt; 230 Verhaftungen wurden Vorge­men, 110 Ausländer ausgewiesen und über die Grenze ab­geschoben, darunter 45 Italiener, 30 Franzosen und einige Deutsche.

Wie aus Newyork gemeldet wird, ist auch die unter Morgans Mitwirkung ab gehaltene Konferenz zur B e i- legung des Kohlen st reiks resultatlos verlau­fen. Die einberufeneu Milizen fraternisieren vielfach mit oen Streikenden. Die Grubenbesitzer drängen jetzt auf sofortige Heranziehung von Bundestruppen. Die Kohlen­händler haben beschlossen, 1500 Tonnen Anthraeitkohlen zu billigem Preise an Arme der Stadt abzulassen. Weitere Kohlenvorräte sollen der Arbeiterklasse demnächst zur Ver­fügung gestellt werden. An vielen Orten sind Zusammen­stöße vorgekommen. Man glaubt, daß eine Mobilisierung der' aktiven Truppen notwendig werden wird. Im Streik» gebiet befinden sich 857 Kohlengruben. Die Zechenbesitzer sind anscheinend entschlossen, keine onzessionen zu machen. Am Dienstag sollen die Grubenbesitzer eine enbgütige Antwort geben. Der President ber Organisation der Mi- nerarbeitet im Westen Amerikas, Meier, sagte den Streiken- ben in Pennsylvanien Hilfe zu, um bie allgemeine Kohlen­not zu steigern und ben Wiberstand ber Minenbesitzer zu brechen.

Deutsches Keich.

Berlin, 12. Ott. Der Kaiser hat angeordnet, daß den Angehörigen des zu Besatzungszwecken in China ver­bliebenen verminderten ExpeditionsLorps die Dienstzeit bei ber Pensionierung doppelt anzurechnen ist, so­fern sie mindstestens sechs Monate gebauert hat.

Die Kaiserin weilte zu einem längeren Besuche bei der Gräfin v. Görtz-Schlitz im hiesigen West-Sa­natorium.

Reichskanzler Graf Bülow ist hier wieder ein­getroffen.

Die gestrige Sitzung des Bundesrats war vom Reichskanzler zur Beratung über die Zolltariffrage einberufen worden. Das Zentrum scheint seine Zusttm- mung zur Regierungsvorlage noch davon abhängig zu machen, daß der Minimalzoll für Gerste erhöht und auch die Zölle für Vieh und Fleisch gestei- ge rt werden, jedoch unter Verzicht auf die in der Kommission als unerläßlich bezeichnete Bindung nach unten.

Der Senior en konv ent des Reichstags ist auf den 14. d. M. einberufen worden, um über die 2. Lesung ber Zollvorlage zu beraten.

Wie ein Lokalblatt mitteüen kann, steht die Ernenn­ung des Oberbürgermeisters von Danzig, Dr. Delbrück, zum Oberpräsidenten von West Preußen nahe bevor.

Die Ermordung eines Deutschen wird aus Venezuela berietet. Der Verwalter der Venezuela- Plantagen-Gesellschaft Adcun Rüssel ist, wieWolffs Bureau" aus Caracas meldet, auf dem Wege nach der Plantage Caracaca ermordet und beraubt aufgefunden worden. Die Regierung hat sofort einen Staatsanwalt ab hoc für die Untersuchung bestimmt. Es heißt, daß bie Thai von Revolutionären begangen fei. i

Kirche «nd Schule.

Hannover, 12. Oki. Gegen ben Pastor DörrieS wurde ein Disziplinarverfahren eingeleitet, weil er aus dem national-sozialen Parteitage einen Vottrag hielt über das Thema: .Verdirbt die Politik den Charakter?"

Die Eisenacher Konferenz hatte bekanntlich in ihrer letzten Tagung in der Ueberzeugung, daß ein engerer Zusammenschluß der deutschen eoangel. Landes­kirchen, insbesondere zur Wahrung und Förderung der gemeinsamen evangelischen kirchlichen Interessen nach außen dringend wünschenswert sei, und in der Absicht, diese An­gelegenheit in Uebereinstimmung mit den deutschen eoangel.

Kirchenregierungen thunlichst zu fördern, zur Bearbeitung der Angelegenheit einen besonderen Ausschuß bestellt. Am 10. Oktober trat der Ausschuß in Wittenberg zusammen. In den an diesem und dem folgenden Tage dott im Lutherhause abgehaltenen Sitzungen wurde über die grundlegenden Be­stimmungen eine Verständigung erzielt. Die an die Kon­ferenz zu richtenden Vorschläge werden von dem Ausschuß in der zweiten Lesung endgiltig festgestellt werden.

Ausland.

Paris, 11. Okt. eDrMatin" berichtet au3 Wien, Graf Engen Esterhazy sei ans bemJesuitenorden ausgeschieben und verlange nunmehr auf gericht­lichem Wege bie Zurücker st attung seines von ihm eingebrachten Vermögens im Betrage von einer Million Francs.

Der König von Portugal, der gestern abend hier eintraf, beabsichtigt, mit ber Regierung in Verhand­lungen cinzutreten, betreffend Vereinigung der la­teinischen Rasse. Es werden dieserhalb Konferenzen zwischen dem König und Delcasss ftattfinben.

Madrid, 11. Okt- Der Gouverneur der Bank .. if Sp anien und Vertreter der Tabakmonopol-Ge­sellschaft und mehrerer Eifenbahngesellschaf- t e n traten heute abend im Finanzministerium zu einer Besprechung über die Bildung eines Syndikats zum Ankauf von Gold zusammen. Die Stimmung zeigte sich dem Plane durchaus günstig. Es wurde fein enbgiltiger Beschluß gefaßt, da die Teilnehmer an der Besprechung erst mit ihren Auftraggebern beraten wollen. Die nächste Ver­sammlung wird nächsten Samstag ftattfinben.

Wien, 11. Okt- Die griechische Gesandtschaft erklärt die Gerüchte von dem Verschwinden der Gemahlin des Prinzen Nikolaus, der Großfürstin Helene, für erfunden. Die Großfürstin befinde sich in Begleitung ihres Gemahls in Kopenhagen zum Besuch.

St. lten, 12. Okt. Bei dem heutigen chr ist l ich * sozialen Parteitag kam es zu heftigen Zusammen­stößen zwischen Klerikalen und Freisinnigen. Die Christ­lich-Sozialen unternahmen eine förmliche Attacke gegen die St. Pöltener, worauf diese mit einzelnen Steinwürsen antworteten. Die Gendarmerie war machtlos. Vier Kom­pagnien Infanterie stellten mit gefälltem Bajonnet bie Ruhe toieber her. Die Christlich-Sozialen fuhren alsbann nach Wien zurück, während die Freisinnigen eine Kund­gebung für Bürgermeister Bölkl und gegen Dr. Lueger ver­anstalteten.

Sofia, 12. Okt. In einer Sonderausgabe derRi- formi" wird behauptet, daß die Aufständischen vorgestern Dschumaja Hofierten und dreitürkiscye Kanonen wegnahmen. Die Aufständischen hätten Dörfer mit türkischen Einwohnern zerstört.

Konstantinopel, 12. Ott. Zwischen einer großen bulgarischen Bande und türkischen Truppen soll bei Petrie oberhalb Serres ein Zusammenstoß ftattgefunben haben. Die bulgarische Bande soll hierbei 100 Mann an Toten, Verwundeten und Gefangenen verloren haben. Auch die Türken sollen Verluste gehabt haben.

Aus Stadt und Land.

Gießen, 18. Ottober 1902.

* Hofnachrichten, lieber eine Reise deS Groß­herzog s nach Indien wird aus Sim la gemeldet, daß der Großherzog dem Krönungsdurbar in Delhi bei­wohnen wird. Es bleibt abzuwatten, ob sich diese Mit­teilung bestätigt. (Simla ist Sommerresidenz des VizekönigS von Indien.)

* Provinz ialauSsch. In der öffentlichen Sitzung des Provinzialausschusses, welche am Samstag Vormittag Vs9 Uhr begann und nach einer Unterbrechung bis nach­mittags 5 Uhr fortgesetzt wurde, wurden folgende Beschlüsse gefaßt: 1. Bett, die Kanäle in der Ortsdurchfahrt von Eifa. Beschloffen wurde, den Rekurs der Gemeinde Eifa abzuweisen und die Gemeinde in die Kosten deS Verfahrens zu ver- utteilen. 2. Bett, die Dienstführung der Hebamme Jffly in Udenhausen. Die Entscheidung wurde ausgesetzt und soll am 22. Oktober 1902 verkündet werden. 3. Betr. die Rekla­mation des Heinrich Karl Geisel gegen den Voranschlag in Reibertenrod von 1902/03. Es wurde beschlossen, den Re­kurs abzuweifen und den Rekurrenten in die Kosten deS Ver­fahrens, sowie zur Zahlung einer Verhandlungsgebühr von 40 Mk. an die Provinzialkaffe zu verutteilen. 4. Bett, die Nutzung von Obstbäumen in der Gemarkung Nidda. Die Entscheidung wurde ausgesetzt. Es soll vorher eine Augen- scheinseinnahme ftattfinben. 5. Bett, den Ersatz von Baum­pflanzungskosten in der Gemarkung Bergheim. Die Be­schwerde ber ©emeinbe Bergheim wirb als unbegrünbet zurück- geroiefen unb bie ©emeinbe in bie Kosten bes Verfahrens verurteilt. 6. Bett, bie Bürgern: ei sterwa hl zu Bers- rob. Es würbe beschloffen, die Wahl zu kassieren und die Gemeinde in die Kosten des Verfahrens zu oerurteilen.

Zum nation alliberalen Parteitag, der z. Zt« in Eisenach tagt, waren von hier aus delegiett die Herren Kommerzienrat Em melius, Kommerzienrat Heyligen- staedt, Hoflieferant Kirch und Amtsrichter Dr. Fuhr- Ottenberg.

* Der dies jährige hessische Notarstag findet am 15. Oktober in Mainz statt.