Ausgabe 
12.12.1902 Drittes Blatt
 
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Der Antrag Aardorff führt auch staatsrechtlich -u micwieyvaren Folgen, denn ein Beschluß, der unter Bruch der Geschäftsordnung zu Stande kommt, ist überhaupt kein Beschluß im Sinne des Ar­tikels 5 der Verfassung; wir haben in Wirklichkeit nur eine Lesung des Tarifs vorgenommen, nicht aber auch die zweite und dritte, lind deshalb darf weder der Bundcsrath noch der Kaiser dem Gesetz­entwurf zuslimmen. Dazu kommt, daß durch diese Art der Ver­handlungen das Petitionsrcchl des Volkes illusorisch gemacht und der Grundsatz der Ocffcnllichkeit der Verhandlungen des Reichstags verletzt wird. Wir bekämpfen den Zolltarif aus handelspolitischen und sozialpolitischen Gründen, wir bekämpfen ihn auch, weil er eine Quelle des völligen Ruins der Geschäftsordnung des Reichstags geworden ist. Sie werden bei dieser einen Verletzung nicht stehen bleiben, denn auf dieser Bahn flieht es kein Halt und schließlich werden Sie auch vor einem Verfaffungsbruch nicht zurückschrecken. Ein Gesetz, auf welchem der Makel, ja geradezu das Brandmal der Gesetzwidrigkeit ruht, kann nie und nimmermehr zum Segen des deutschen Volkes gereichen. (Beifall links.)

Abg. Gothein (fteis. Vag.): Die Mehrheit überläßt lediglich den Gegnern das Wort, und das nennt sie Sachlichkeit. Selbst Herr Bassermann, der uns sachliche Berathung zugesagt hatte, ist seit seiner großen Rede von heute Morgen nicht mehr auf seinem Platze gewesen. Wir sehen von der Stellung von Anträgen ab, denn die Firma Stockmann-Spahn würde ja doch nur Uebergang zur Tagesordnung beantragen, und Herr Bassermann erklärt so­gar, er würde sämmtliche Anträge ablehnen. Dabei kennt er sie noch nicht mal. In der Kommission wurde uns gründliche Ve- rathung im Plenum zugesagt, und jetzt geht man ohne sachliche Beratbung über Alles hinweg. Selbst ein hervorragendes Mit­glied der national-liberalen Fraktion des Abfleordnetenhauses, ein Herr, der zweiter Vicepräsident des Hauses ist, hat gesagt, etwas Rabulistischcres wie die Begründung der Zulässigkeit des Antrages Kardorff sei ihm noch nicht vorgekommen. Er bat darüber in einer Resolution Worte niedergelegt, die so scharf sind, daß ich sie hier nicht zu wiederholen wage, weil ich fürchte, der Präsident würde die Glocke ergreifen. Er hat gesagt, daß fein Ausdruck scharf genug wäre, um das Vorgehen der Mehrheit zu brand­marken. Er ist der Meinung, daß es sich um mehr als um eine Verletzung des Rechts handelt. Ja, meine Herren, im kaufmänni­schen Leben würde man von dem, der so handelt, sagen, daß er Treu und Glauben verletzt. Sie können nicht erwarten, daß wir einer solchen Mehrheit überhaupt noch etwas glauben. (Sehr gut! links.) Herr Bassermann redet wieder von der Obstruktion der Sozialdemokratie und der mit ihr verbündeten bald wird es heißen verbrüderten freisinnigen Vereinigung. Wo haben wir denn Obstruktion getrieben? Es ist von keiner Seite mich' nur der Versuch dazu gemacht. Eine unwahre Behauptung wird doch durch Wiederholung nicht wahr. Aber Sie brauchen solche Behauptungen, um sich vor dem Unwillen Ihrer Partei im Lande ein Entschuldigungsmäntelchen umzuhängen. Derartige faule Ent- schuldigunflen, wie sie Herr Bassermann vorgebracht hat, ver­stehe ich nicht. (3uruf: Er hat feine besseren!) Das ist traurig, aber bann hätte er überhaupt feine Vorbringen sollen. Sie haben durch Ihre Aenderungen der Geschäftsordnung den Parlamentaris­mus lächerlich gemacht. Und wofür? Für diesen Tarif! Herr Bassermann ich möchte ihn den Vertreter der reaktionären Mehr­heit nennen meinte, es sei im Interesse des deutschen Wirth- schaftslebens unbedingt nothwendig, aus diesem Wirrwarr her- mlszukommen. Aber Der Wirrwarr ist doch nur verschuldet worden durch die Bestrebungen auf Einführung des Zolltarifs. Wo bleibt denn die Beruhigung? Ist die Börse ruhiger geworden? Denft irgend Jemand im Lande daran, ein neues Etablissement zu er­richten? Heber der oben Wmterlanbschaft unseres Wirtschafts­lebens kreist ber Pleitegeier. Und was hat man nicht sonst alles angeführt, nm bas ungeheuerliche Vorgehen zu rechtfertigen! Die Regierung ist in der Gerstenfrage mit Eklat umgefallen. In den Motiven der Regierungsvorlage heißt es ausdrücklich, baß eine Unterscheibung zwischen Futter- unb Braugerste technisch undurch­führbar sei. Ein bairischer Regierungsvertreter hat dies hier noch extra erklärt. Unb jetzt nimmt bic Regierung bies Unannehm­bare an! Das nennt man bann: ben Tarifentwurf ber Regierung annehmen, um Hanbelsverträge zu ermöglichen! Die Kommissions­beschlüsse sind angenommen, von benen Herr Bueck sagte, baß sie gar nicht ernst zu nehmen seien. Was soll man mit dem wahnsinnigen auJa^pcn? Was soll man von einer Negierung hal­

fen, die zuerst alle- für unannehmbar erklärt und bann die ganze unannehmbare Geschichte im Ramsch annimmt? Wir haben ja gar keine selbständige Regierung mehr. Wir haben nur eine Re­gierung in ben Händen ber konservativen Partei. Unser ganzer Verwaltungsapparat ist konservativ burchseucht. (Hol ho! rechts.) Tie Regierung muß ben Zolltarif machen, denn sie ist eine Re­gierung der Agrarier. Die Konservativen sind viel klügere Leute, als bic Industriellen ssehr richtig! rechts), die Letzteren verlasien sich immer mehr auf dieRegierung", die Konservativen verlassen sich auf ihre Energie j'Abg. Derlei ruft: Sehr richtig!) und auf die Dummheit ihrer Wähler, die so dumm sind, daß sie Sie immer wieder wählen, Herr Ocrtel! Nur auf die Dummheit können Sie sich verlaßen, denn Gründe haben Sie nicht. Daß die Agrarzölle für die Landwirthschaft nothwendig sind, ist durch England wider­legt. Tie englischen Getreidczölle sind gerade auch im Jnteresie der englischen Landwirthschaft aufgehoben worden. Tie Wirkung der Aufhebung war ein enormes Aufblühen der englischen Land­wirthschaft, wie man es nie zuvor erlebt hatte. Sie (nach rechts) haben aus der Geschichte Nichts gelernt. Sie sind schlimmer, als die Bourbonen; denn Sie haben nie etwas gewußt unb haben nie etwas gelernt. , Wir gehen schlimmen Zeiten entgegen. Ein Widerstanb ist ja, wie die Sachen liegen, nutzlos. Wollten wir ihn fortsetzen, Sie würden ja doch nur neue Aenderungen der Ge­schäftsordnung durchdrücken. (Sehr richtig! rechtsü Allerdings, Ihnen kommt es ja auf gar nichts mehr an, wenn Sie nur Ihren Wählern die Geschenke zu Weihnachten mitbringen, die Sie ihnen versprochen und Die Sie aus den Taschen der Aermsten ber Armen nehmen. (Gelächter rechts.) Wir bringen feine Anträge mehr ein, benn Sie kommen ja doch bann nur mit ber Guillotine. (Gelächter rechts.) Man sieht es ja: bie Herren freuen sich, wenn von ber Guillotine bie Rebe ist. Sie freuen sich, wenn von der Noth des Volkes die Rede ist, die Sie falt läßt, wenn Sie nur Ihren Sekt haben. Mögen Sie sich über Ihren Tarif freuen, den Sie durch- gepeitscht haben. Uns erfüllt es mit Stolz, daß sich noch im Bürger- thurn eine Partei gefunden hat, die für das Wohl der kleinen Leute, der Arbeiter und der kleinen Beamten eingetreten ist. (Beifall links.)

Abg. Liebermann von Sonnenberg (Antis.): 159 Tage hat man über ben Zolltarif gesprochen. Die Linke hat davon den Löwenantheil gehabt. Sie kann also nicht von einem Mundtodt- machen sprechen. Der Sozialdemokratie unb ihrer Obstruktion bat man allein das Zustanbekommen des Zolltarifs zu danken. Wenn ich ben Tarif für etwas Gutes hielte, würde ich sagen: Sie hat sich als ein Theil von jener Kraft bewährt, bie stets das Böse will und stets das Gute schafft. Den Antrag Kardorff haben wir für un­zulässig erachtet; da aber die Mehrheit anders entschieden hat, so haben wir uns gefügt. Die heutige kurze Rede des Reichskanzlers hat uns aber über die Lage der Landwirthschaft keineswegs be­ruhigt. Das Gärtnereigewerbe will man direkt preisgeben. Redner verbreitet sich über Einzelheiten des Antrags Kardorff und ber bazu gestellten Abänberungsanträge. Die sozialbemokratischen Schreibmaschinenanträge kenne er nicht, aber er mißbillige sie. (Heiterkeit.)

Abg. Dr. Spahn (Eentr.) beantragt Schluß der De­batte. (Hört! hört! links.)

Heber ben Schlußantrag wird auf Antrag Singer (Soz.) namentlich abgestimmt.

Der Schluß ber Debatte wird mit 195 gegen 113 Stimmen bei 14 Stimmenthaltungen angenommen.

Zur Geschäftsordnung bemerkt

Abg. Antrick (Soz.): Ich fonftatire, daß die Mehrheit das Wort ihres Führers Basiermann gebrochen und mit das Wort abge­schnitten hat.

Abg. Roesicke-Desiau (b. k. Fr.): Durch den Schluß der De­batte bin ich verhindert worden, einen Abänderungsantrag zu stellen. Ich fonftatire das. Ich freue mich aber darüber, daß wir die Mehrheit gezwungen haben, ihr wahres Antlitz zu zeigen (Ge­lächter rechts) unb bamit bem beutschen Volke zu beweisen, baß bie Mehrheit nicht nur reaktionär bis auf bie Knomen ist, fonbern auch vor feinem noch so brutalen Verhalten zurückschreckt. (Lärm rechtsZ

Präsident Graf Ballestrem: Herr Abgeordneter, Sie dürfen der Mehrheit dieses Hauses nicht Brutalität vorwerfen. Ich rufe Sie zur Ordnung.

Abg. Molkenbuhr (Soz.): Ich stelle fest, daß mir durch die An­

nahme de? Schlußantrages das Dort abgeschnitten worden ist. De haben durch die That bewiesen, was ich durch Worte beweisen wollte, daß Sie einer sachlichen Dercnhung aus dem Wege gehen. (Große Unruhe rechts; lebhafte Zustimmung links.)

Abg. Bosiermann (nat.-lib.): Aus die Demcrkting des Aba. Antrick habe ich zu erklären, daß ich in keinem Stadium der Tis- kussion eine Bemerkung Darüber gemacht habe, wie lange bic Dis- kussion dauern würde. (Bewegung. oho! links)

Abg. Beckh (fteis. Vp.; -vird von ber Rechten mit Heiterkeit empfangen, über die er unter erneuter Heiterkeit mit mehreren tiefen Verbeugungen bankend quittirt.) Mir ist Durch Den Schluß Der Debatte bie Möglichkeit genommen worden, hier die Jnteresien der deutschen Spielwaarenindustrie und des heimischcii Hopfen­baues wahrzunehmen.

Abg. Singer (Soz.): Gegenüber Dem Abg. Basiermann stelle ich fest. Daß er zwar kein Versprechen gegeben hat, wie lange die Debatte dauern solle, daß er aber als Sprecher Der Majorilar aus­drücklich zugesichert hat, es würde über alle Einzelheiten des Zoll­tarifs gelegentlich der Debatte über Den Antrag Marborff beraihcn werben unb es würbe Dabei Jeder zu seinem Rechte kommen. (Leb­hafte Zustimmung links.)

Es folgen persönliche Bemerkungen der Abgg. Fusangel und Bebel.

Präsident Graf Dallestrem: Ich richte an bie Herren Refe­renten die Frage, ob noch Jemand von ihnen das Schlußwort wünscht. (Niemand meldet sich.) Das ist nicht der Fall.

Ich theile mit, daß ein Antrag Spahn eingegangen ist, über Die sämmtlichen Amendements zum Antrag Kardorff zur Tagesordnung überzugehen.

Abg. Dr. Spahn (Eentr.) spricht für die Tagesordnung: Nach Der heutigen Debatte bitte ich bem Anträge zuzustimmen. (Lachen links.)

Das Wort gegen den Uebergang zur Tagesordnung wird nicht verlangt.

In namentlicher Abstimmung werden darauf entsprechend dem Antrag Spahn die sämmtlichen Amendements zu dem Anirag Kar­dorff mit 202 gegen 119 Stimmen bei 4 Enthaltungen durch lieber« gang zur Tagesordnung erledigt.

Präsident Graf Ballestrem: Wir kommen jetzt zunächst M Abstimmung über den Antrag Kardorff und würben, falls er an. genommen wird, zur Abstimmung über ben § 1 des Zolltarifgesetz<S im Ganzen gelangen.

Abg. Dr. Barth (fteis. Vflg.): Ich beantrage, über die ein­zelnen, im Antrag Kardorff erwähnten, die Beschlüsie der Kom­mission abänbernben Positionen gesondert abzustimmen. Ich berufe mich dabei auf § 22 ber Geschäftsordnung.

Präsident Gras Ballestrem: Hierüber hat ber Präsident nicht zu entscheiden, sondern das Haus bezw. ber Antragsteller selbst.

Abg. v. Kardorff (Rp.): Ich widerspreche ber getrennten Ab­stimmung.

Präsident Graf Ballestrem: Die Abstimmung ist also eine ein. heitliche; unb zwar wird auch sie eine namentliche fein.

Die namentliche Abstimmung ergiebt als vorläufiges Resultat die Annahme des Antrags Kardorff mit 184 gegen 136 Stimmen bei 9 Enthaltungen. (Die Verkündigung des Ergebnisses wftd aus der Linken mit ironischen Rufen begleitet: Also nicht einmal die Hälfte der Mitglieder des Reichstags!)

Zugleich war dies bie hunbertste namentliche Ab­stimmung seit Beginn dieses Sessionsabschnittes am 14. Ok­tober. Zur Feier dieses Ereignisses wird während ber Abstimmung unter großer Heiterkeit des Hauses auf dem Platz der Schriftfiil,rcr ein Strauß aus La France-Rosen mit ber Zahl 100 in Veilchen aufgestellt.

Sodann wird namentlich abgestimmt über ben § 1 de- Zolltarif-Gesetzes im Ganzen, wie er sich jetzt gestaltet hat.

§ 1 wird mit 182 gegen 136 Stimmen angenommen, bei 9 Stimmenthaltungen.

Hiermit i st die zweite Lesung des Zolltarif-Gesetzes mit dem Zolltarif beendet.

Das Haus vertagt sich auf Sonnabend 10 Uhr. (Dritte Berathung des Zolltarif-Gesetzes.)

Schluß 5 Uhr.

Zum derlttH-eriqtis'ü-ve' ezokavisiSen KorssiLt liegt beute eine Neiße weiterer Nachrichten vor, wonach Die Streitkräfte ber verbündeten Mächte schon energisch eingegriffen und die Jnteresien der deutschen und englischen Staats­angehörigen aufs nachdrücklichste gewahrt haben. Zu einem Blutvergießen scheint es indessen noch nicht gekommen zu sein. Die wichtigste Meldung kommt aus La Guayra, 10. Dezbr., vom Neutcr'schcn Bureau, und lautet:

Zehn deutsche und vier englische Kutter Tarnen gestern längsseits der venezolanischen Schiffe und forderten dieselben auf, ohne zu schießen, sich zu ergeben. Die Verbündeten nahmen alsdann die venezolanische Flotte im Namen des deutschen Kaisers und des Königs von Eng­land weg. Dqs KanonenbootPanther" dampfte während dieser Vorgänge in den Hafen hinein und machte klar zum Gefecht. Tie venezolanischen Schiffe wurden hierauf außer­halb des Hafens geschleppt und um 2 Uhr morgens wurden General Crespo",Tutumo" undMarga­rita" versenkt.Asftm" allein entging diesem Geschick, weil der französische Gescbäftsträger den Einwand erhob, daß dieses Schiff Besitzung eines Franzosen sei. Um 10 Uhr abends am 9. Dezember landeten 130 deutsche Matrosen und begaben sich nach der Dorstadt Cardonal, woselbst die Wohnung des deutschen Konsuls Lentz ist Sie geleiteten den Konsul samt seiner Familie zur Vineta". Als sie von Cardonal zurückkamen, begegneten sie einem Trupp venezolanischer Soldaten, ohne daß es zu einem Zusammenstoß kam. Um 5 Uhr morgens am 10. Dezember landete eine Abteilung von 30 englischen Matrosen und begab sich nach dem britischen Konsulat. Von hier geleiteten sie Den Konsul S^unck mit Familie nach derRetribution". Tie in La Guayra ansässigen Deut- sckum und Engländer wurden verhaftet, außer einigen, die sich in ihren Häusern verbarrikadiert hatten. 320 Seeleute der Verbündeten befreiten sie widerstandslos. Inzwischen machten die Schiffe klar zum Gefecht. Tie Verbündeten fuhren in den Hasen ein, sie liegen 310 Fuß vom Zollhause entfernt. Tie Landung von Marinesoldaten hat begonnen.

La Guahra, 11. Tez. Alle in La Ewayra verhafteten deutschen und Engländer sind freigelassen. Die Antwort der venezolanischen Negierung an England und Deutsch­land mürbe gestern durch den amerikanischen Konsul über­mittelt; dcr Inhalt d rselben ist noch unbekannt. Hier werden große Militärische Vorbereitungen getroffen; 2100 Mann unter dem Befehl des Generals Ferrer werden aus Caracas erwartet.

La Guayra, 11. Dez. Der deutsche Geschäftsträger und der englische Gesandte sind nach Trinidad abgereist.

Newyork, 11. Dez. Eine Depesche desNewvork Herald" aus La Guayra meldet: Präsident Castro erließ einen Ausr u f, in welch n er die Wegnahme der K r i e g s- schiffe als ein von zwei der mächtigsten Nationen be­gangene unerhörte, ungerechtfertigte und anedle Handlung bezeichnet und erklärt das Recht sei auf Seite von Vene »uela. Heute früh trafen 2000 Mann unter dem Befehl des Kriegsministers ein. Im Hafen befindet sich das eng­lische KriegsschiffJndefatigable".

Washington, 10. Dez. Der amerikanische Ge­sandte in Eiracas. Bowe',, der den Schutz der dentschen und englischen Interessen übernommen hat. berid'i te bem Staatsdepartement, daß gestern eine Anzahl Deutsche und Engländer verhaftet w-orden sei. Er habe sich unver­züglich an Castro gewnndt, um Freilassung der Verhaf­teten zu erlangen, und Castro daarauf hingewiesen, daß er, Bowen, mit dem Schutze der deutschen und englischen Nnterthanen betraut worden sei. Castro wollte zuerst seine Berechtigung hierzu nicht anerkennen. Bowen über­zeugte ihn dann, daß er in seinem Rechte sei. Castro gab aber schließlich mit Widerstreben seine Einwilligung zur Freilassung der hauptsächlichsten befangenen. Bowen fügte hinzu, er werde auf die Freilassung der übrigen Gefangenen dringen. Bow"us Bericht läßt keinerlei brtinbe für bie Verhaftungen ersehm, außer ber Nationalität der Verhafteten. Bowen wünscht als Friedensvermittler zu dienen, das Staatsdepartement beschloß aber, daß er eine solche Nolle nur auf Ansuchen Venezuelas und unter der Voraussetzung übernehmen soll, daß der deutsche und englische Vertreter dem Gedanken zustimmen.

Caracas, 10. Dez. Das britische KriegsschiffQuail" ist heute nachmittag in La buahra eingefroren. Ter deutsche KreuzerPanther"" verließ h-mte morgen den Hafen in der Richtung auf Carupano.Falke" fuhr nach Puerto Cabello, um die Ueberrefte der venezolanischen Flotte auf­zusuchen. Es wird geglaubt,Indcfatigable" sei unterwegs nach Guanta, wos'lbst das venezolanische Kriegsschiff SReftaurabor" sich befindet.

Curacao , 10. Tez. In Caracas fanden gestern abend nach 8 Hhr große Kundgebungen statt, nach­dem die Nachricht von der Wegnahme der venez-olan^.chen Kriegsschiffe in La Guayra durch di" deutsche und englische Flotte bekannt geworden war. Eine große Menge ver­anstaltete Auszüge mit Fahnen in den Straßen der Stadt, An verschiedenen St"llen wurden erregte Reden gehalten Vosikshaufen versuchten die Eingänge zur deutschen Gesandtschaft und znm Konsulat zu erbrechen. Tie Polizei bemühte sich nicht, die Teiln hmer an den Kundgebungen zu zerstreuen. Im Laufe des Abends wur­den englische und deutsche Fahnen verbrannt.

London, 11. Tez. Nach einem Telegramm ans La Guayra wurden am Mittwoch drei Engländer Namens Prince, Fieldwick und Lepage, die Tirektoren der La Guayra-^afen-Gesllsckwft, die sich in ihren Häusern ver­barrikadiert hatten, von einem gemeinsamen englisch­deutschen Eorps von 320 Matrosen, non denen 130 Deutsche waren gerettet unb an Dorb des britischen Kriegsschiffes Retribution" genommen. Die verbündeten Schiffe haben zum Gefecht klar gemacht, sind in den Hafen von La Guayra gedampft und liegen 3'0 Fusi vor dem Zollhause

vermischtes.

* Neunkirchen b. Siegen, 10. Dez. Heute früh gegen 7 Uhr stürzte hier das zweistöckige Wohnhaus des Berg­manns Tlsielmann ein, seine Frau, Mutter unb 2 Kinder, die noch in ben (aaen, wurden unter de-***nern

begraben Der sofort alarmierten Feuerwehr gelang c8, bie Verschütteten sämtlich unverletzt ans Tageslicht zu bringen. Die glückliche Rettung ist bem Umftanb zuzuschreiben, Daß bie Decken beim Zusammenbrechen eine Wölbung bildeten. Der Einsturz des Gebäudes ist seiner Baufälligkeit zuzuschreiben.

* Dynamit-Explosion auf der Zeche Gnei­sen au. Wie aus Dortmund von gestern abend ßemrfM wird, hat daselbst auf Zerbe Gneisenau eine furdübarr Erplosion stattgefunden. Tic Explosion erfolgte beim ?lb- laden des Tynamits. Die Folgen find entsetzlich. Vier Pferde sind zerrissen und zahlreiche Gebäude zerstört. Fast sämtlick)e Gebäude des Ortes Derne sind zerstört. Bis sitzt sind drei Tote gezählt; drei Personen merken vermißt, sieben sind schwer und viele leicht verletzt. Der Schaden ist sehr groß. Zu der Explosion wird von ber Zechen­verwaltung mitg^teilt: Heute nachmittag 3^2 Ubr sand auf ber Zeche Gneisenau beim Transport von Dynamit auf bem Zechenplatze eine Explosion statt, durch welche mehrere Arbeiter getötet und viele verletzt wurd"n. Einige Gebäude erlitten große Beschädigungen. Der Betrieb ist nicht gestört.

Aus Stad! und Laird.

Hofnachrichten. 9hi9 Marseille wirb ge« melbet: S. K. H. der Groß Herzog haben Sich am 11. Dezember vormittags nach glücklicher Ankunft bicrfelbft an Bord de? im Hafen lieaenden Dampfers .Arabia* be- neben, welcher mittags zur Reife nach Bombay über Port Said, Suez und Aden auslaufen wird.

Auszeichnungen. S. K. H. der Großh erzog haben Atlcranädigst geruht, am 12. November der Hebamme Christine Pfeiffer in Großen-Bnfeck die Silberne Medaille des Lubewigs-Ordens zu verleihen.

Hrnrltr Itirlinnnrn.

Lriginaldrabtmeldungen des Gießener Anzeiger.

Berlin, 12. Dez. Die .Vosi. Ztg/ meldet aus Bres­lau: Der Vorichmicb Elammt, der Führer der Arbeiter- Deputation beim Kasier, erhielt als Geschenk deS Kaisers oom Cbcrpräfibentcn eine golbene Busennadel Der. Lok.- Anz." melbet au5 FlenSburg: Der Dampftr Cccibent rettete bei schwerem Wetter im biskamschcn Meerbusen zehn Mann deS im Sinken begriffenen russischen SchoonerS Linda- Morgenronden. Tic .Rat. Gon/ bezeichnet es als mög­lich, daß der Zolltarif noch vor Weihnachten erledigt werde; die Ges Novelle werbe dann nach Neujahr folgen. Der .Vonv/ melbet aus Liegnitz: Bei der Reichs­tagswahl im Wahlkreise Hapnau-Goldberg-Lieg- niß erhielten Pohl (fteis. Volksp.) 6218, Buches (soz.) 5810 unb Roehricht (kons.) 4522 Stimmen. AuS 51 länd­lichen Orten fehlen noch die Stimmen.

Forma« vorzügliches Lchuupfevmfttel!