Ausgabe 
12.6.1902 Erstes Blatt
 
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der Kommission vorgeschlagene Resolution, worin die Re­gierung ersucht wird, die Behörden anzuweisen, den Kom- munen auf Erfordern die nötigen Auskünfte ^u erteilen, deren sie zur (Ämittelung der Beiträge nach diesem Gesetz bedürfen. Es folgte der Bericht der 11. Kommission über den Antrag von Bockelberg (kons.) betreffend Annahme eines Gesetzes zur Förderung de r inneren Kolo­nisation. Tie Kommission schlägt eine Resolution vor, wonach die Regierung ersucht wird, in der nächsten Tagung einen Gesetzentwurf vorzulcgen, wodurch der Staat die Ansiedelung mittlerer und kleinerer Land­wirte selbst unternimmt. Tie Resolution wurde ange­nommen. Tie 19. Kommission, welche den Antrag Douglas betreffend die Bekämpfung des übermäßigen Alkohol-Genusses vorberaten hat, empfiehlt die An­nahme einer längeren Resolution, welche 12 verschiedene Punkte über Vorschriften bei Verabreichung von Brannt­wein enthält. Sämtliche Punkte gelangten zur An n a h m e. Alsdann erledigte das Haus noch Petitionen und ge­nehmigte schließlich den Gesetzentwurf betreffend die Vor­ausleistungen zum Wegebau in dritter Lesung und in der Gesamt-Abstimmung.

Minister Frhr. von Hammerstein stellte Polizei- Verordnun gen gegen die Trunksucht in Aus­sicht:

Zur Katastrophe auf Martinique.

Der amtliche Bericht des Oberarztes der Kolonien, der nach der Insel Martinique geschickt worden war, um die geeignetsten Mittel zur Beseitigung der Leichen von Saint- Pierre zu studieren, liegt jetzt vor. Dr. Lidin konstatierte, daß die Zahl der Leichen, die beseitigt werden mußten, um die Gefahr einer Seuche, von der mein anfangs sprach, zu verhüten, gering war im Vergleich zu der Menge der Ver­unglückten. Die meisten Leute, schrieb er (am 13. Mai), die von dem vulkanischen Ausbruche betroffen wurden, liegen unter den cingestürzten Decken und Dachstühlen der Häuser. Da ist nichts zu machen und die Leichen sind durch eine genügende Trümmerschicht gedeckt. Die Straßen sind größten­teils durch die eingefallenen Mauern und die Trümmer der Häuser versperrt. Viele Leichen sind unter der Asche be­graben.

An das Wegräumen des Schuttes ist nicht zu denken. Diese Operation wäre durchaus unnütz und würde einen beträchtlichen Aufwand von Arbeit erheischen. Sie wäre kost­spielig und obendrein gefährlich, einerseits wegen des mög­lichen Einsturzes von Mauern und andererseits, weil ein neuer Ausbruch des Vulkans die Arbeiter überraschen könnte. Die freiliegenden Leichen findet man in der Umgebung der Bank, des Hospitals, in den Straßen de la Mairie, de Versailles und de Longchamp; manche von ihnen sind halb verschüttet. Ihre Wegschaffung bis nach der Küste, wo sie begraben oder eingeäschert werden sollen, ist wegen der versperrten Straßen und der vorgeschrittenen Verwesung mit großen Schwierigkeiten verbunden. Das Richtigste wäre, man würde diese menschlichen Ueberreste mit Asche des Vul­kans und Steingebröckel decken und darüber von dem Blech legen, das massenhaft vorhanden ist. Auf gewissen Punkten, im Hospital z. B., würde es genügen, die Körper mit der heißen Asche zu überschütten, die in dichten Schichten vorliegt. So würde die gänzliche Verwesung rasch erreicht.

Wenn man aber auch die Dinge so ließe, wie sie sind imd die Verwesung an freier Luft erfolgte, so wäre, meines Erachtens, die Gefahr für die Kolonie nicht groß. Fast die ganze Stadt war am Fuße eines hohen Hügels, der sie ein­schloß, gebaut, auf der offenen Seite hatte sie das Meer. Die herrschenden Winde wehen nach der See hin. Die Um­gebung wird in einem weiten Uinkreife auf lange Zeit un­bewohnbar sein. Die freiliegenden Leichen sind in verhältnis- inäßig geringer Anzahl vorhanden. Ich bin daher der Ansicht: 1. daß es unnütz ist, die unter der Asche und den Trünimern liegenden Leichen aufzusuchen; 2. daß die Iso­lierung der Gegend von Saint-Pierre für den Gesundheits­zustand auf der Insel keine Gefahr bietet; 3. daß jede längere Arbeit, die von einem zahlreichen Personal verrichtet werden müßte, gefährlich sein könnte wegen der Möglichkeit neuer Ausbrüche und wegen der hohen Temperatur; 4. daß cs nicht zulässig ist, das Leben von Soldaten um unter­geordneter oder Privatinteresfen willen aufs Spiel zu setzen; 5. daß man allerhöchstens die freiliegenden Leichen durch schleunige Arbeit mit Asche bedecken sollte.

Wie man weiß, wurde dieser Rat, bei dem es dem Militärärzte darauf ankam, die Mannschaften zu schonen, denen die Arbeit im ersten Augenblicke zugedacht wurde, nicht befolgt. Man verbrennt die Leichen, wo inan sie ftndet, mittelst einer dünnen Holzschicht, die mit Petroleum übergossen ist; die Arbeiter, die sich dazu bereit finden lassen, werden gegen die Leichenausdünstungen durch eine mit Phenolsäure getränkte Maske geschützt.

Die Nachricht, daß am 7. Juni ein Ausbruch des Mont Pelöe Fort de France bedrohte, wo von 10 Uhr vormittags bis 2 Uhr nachmittags Finsternis herrschte, weckt neue Be­sorgnisse um die ganze Insel, deren Untergang schon von Gelehrten und einer alten Sage angekündigt wird.__________

17. Aeutsch-tzvangeUscher Kirchengesangvcreürstag o. Hamm i. Wests., 9. Juni.

Ter Evangelische Kirchengesangverein für Deutschland, der jetzt 21 Landes- und Provinzialvereinc mit 1822 zuge­hörigen Ortsvereinen (darunter 407 Schülerchören), 52 838 aktiven und 8131 inaktiven Mitgliedern umfaßt, hat seinen 17. Kirchengesangvereinstag in diesem Jahre hierher ein­berufen. Von einem rührigen Festkomitee, an dessen Spitze Superintendent Wilhelm Nelle mit unermüdlichen Eifer thätig war, liebevoll vorbereitet, und von der begeisterten Teilnahme der gesamten Bürgerschaft des im reichsten Fahnenschmuck prangenden Ortes getragen, hatte das Fest auch, auf die Festgäste von auswärts eine starke Anzieh­ungskraft ausgeubt, sodaß Oberkonjislorialrat Tr. theol. Flöring (Darmstadt), der in Verhinderung des Vereins­vorsitzenden, Geh. Kirchenrats Dr. theol. Köstlin (Darm­stadts dem Feste präsidierte, am Sonntagmorgen eine un­gewöhnlich zahlreich besuchte Sitzung des Zentralausschusses und Provinzialvereins in dem mit Fahnen und Tannen- grün und den Büsten ä>es Kaisers, Luthers und Bachs fest­lich geschmückten großen Saale des Lutherhauses eröffnen konnte.

Ter von dem Vereinsvorsitzenden, ObcrLonsistorialrat Tr. theol. Flöring zum Vortrag gebrachte Bericht an den Zentral-Ausschuß gedenkt zunächst in ehrenden

Worten der mannigfachen Verdienste des früheren Vor­sitzenden, nunmehrigen Ehrenpräsidenten Wirkt. Geheim­rats Tr. theol. Hallwachs (Darmstadt). Der liebste Dank, den ihm die Vereine darbringen könnten, werde ihm das Festhalten an dem deutschen Gesamt-Verein sein, die eifrige Pflege der durch diesen geschaffenen Verbindung der ein­zelnen Landesvereine und Provinzial-Vereine zu einem lebensvollen, einheitlichen Organismus. Tiefe Zusammen­fassung bedeute keineswegs blos einen dekorativen Abschluß der Vereiusorganisation, sondern diene sehr praktischen Zwecken: der Gesamtverein vermittle nicht bloß den regen, gegenseitigen Austausch der Meinungen und Bestrebungen aus dem Gebiete der deutschen evangelischen Kirchenmusik, sondern er gewähre eben als Organ der Gesamtheit den Einzelvereinen einen moralischen Rückhalt und den von ihnen vertretenen Wünschen ein moralisches Gewicht, wie dies dem einzelnen Landes- und Provinzial-Verein nicht in diesem Maße möglich sei. Der Bericht erinnert in dieser Hinsicht an das erfolgreiche Eingreifen des Vereins in die Gestaltung desMelodienbuches zum evangelischen Mi­litär-Gesang- und Gebetbuch". Aus den Verhandlungen, die sich hieran knüpften, sei das sogen.Festbüchlein" undSchul- büchlein" hervorgegangen, das den evangelischen Gemeinden Deutschlands einen Grundstock von 30 bezw. 33 Melodien in einer Form darbiete, die es ermögliche, daß sie bei Zusammenkünften der Evangelischen aller deutschen Kirchen­gebiete wenigstens ohne erhebliche Störung durch dis­harmonisches Auseinandergeheu gesungen werden können. Ausdrücklich wird betont, daß es sich nicht um Uniformier­ung des evangelischen Kirchengesanges handle, sondern nur darum, eineneisernen Bestand von Melodien" zu sichern, deren Form so weit vereinbart ist, daß sie trotz der lokalen Varianten wenigstens harmonisch zusammengehen. Soll die Vereinbarung nicht akademisch bleiben, so müßten nun die Landes- und Provinzial-Vereine das ihrige thun und mit der Durchführung des in Straßburg 1899 gefaßten Beschlusses, der in Cassel 1901 wiederholt wurde, ernst machen. Ter Bericht geht sodann zu demKorrespondenz­blatt", dem Organ des Vereins, über. In ihm stellt sich das sichtbare Band dar, welches alle Vereine umschließt. Ter Vorsitzende beantragt: Die Landesvereine sollten das Blatt mindestens sämtlichen Chorleitern (zur Zeit 1822), eventuell sämtlichen passiven Mitgliedern (zur Zeit 8131) von Vereins wegen unentgeltlich, d. h. auf Kosten der Vereins­kasse zustellen. Einzelne Landesvereine, wie der hHsischie und pfälzische, thun dies schon lange, wahrlich nicht zu ihrem Schaden. Ueber die Thätigkeit der einzelnen Ver­eine wird Rühmliches berichtet. Zum Schluß teilt der Vor­sitzende mit, daß W Periode, für welche er sich als in den Vorstand gewählt betrachte, mit dem 1. September zu Ende gehe, und bittet, den Vorsitz zu diesem Termine in die Hände eines der drei Vorstanosmitglieder, die voriges Jahr zu Cassel gewählt worden, niederlegen zu dürfen, da ihm seine Gesundheitsverhältnisse die Führung der Vorstands­geschäfte nur in beschränktemm Maße gestatten.

An die Erstattung des Jahresberichts schloß sich eine ausgedehnte Diskussion und die Beratung der gestellten Anträge. Ter erste, vom Vorstande gestellte Antrag: Der Zentral-Ausschuß wolle in Betreff desFest­büchleins" den in Straßburg i. E. in der Sitzung vom 8. ^uli 1899 gefaßten Beschluß, der in der Sitzung vom 30. Juni 1901 zu Cassel wiederholt worden, abermals wiederholen und einschärsen"

sand nach einigen empfehlenden Worten des Prof. D. Sm end (Straßburg) debattelose Annahme. Der zweite, das nun im 16. Jahrgang stehendeKorrespondenzblatt" des Vereins betr., rief eine lauge Erörterung hervor. Schließlich sanden die folgenden beiden Resolutivnen einstim­mige Annahme:

1. In Betreff desKorrespondenz-Blattes": Ter Zentralausfchuß wolle beschließen, die Vorstände der­jenigen Landes- und Provinzialvereine, bei welchen es noch nicht geschieht, zu ersuchen, daß sie im Interesse der Herstellung uni) Erhaltung engerer Verbindung und engeren Austausches der deutschen evangelischen Kirchen- chvre untereinander dasKorrespondenzblatt" den Leitern der zu ihnen gehörenden Kirchengesangvereine undSchüler- chöre von Vereins wegen unentgeltlich zustellen möchten. Tie gesamten Vereine werden ersucht, thunlichst unter ihren aktiven und inaktiven Mitgliedern dasKorrespon­denzblatt" zu verbreiten.

2. Ter Evangelische Kirchengesangverein für Deutsch­land legt den Landes- und Provinzialvereinen ans Herz, die kirchlichen Behörden oder die Synoden ihres Landes oder ihrer Provinz zu bitten, ihnen einen jährlichen B e i t r a g zu ihrer Arbeit für Hebung des Kirchengesanges zu bewilligen."

Tie nun folgende Nenw ahl des Vorstandes im Zentralausschusse ergab die einstimmige Wiederwahl der Herren Geh. Kirchenrat Prof. Tr. theol. Köstlin (Darm­stadt), Ober-Konsistorialrat Tr .theol. Flöring (Darmstadt), Superintendent Nelle (Hamm) und Professor Tr. theol. Smend (Straßburg) für die Jahre 190104. Ter 18. Kirchengesangvereinstag, der voraussichtlich im Jahre 1904 abgehakten werden wird, lud in herzlicher Weise Herrn Pastor Richter für die Provinz- Sachsen und die thüringi­schen Lande ein; Der Festort selb'st blieb noch unbestimnit. Als Verhaiidkungsgegeustand wird dafür das Thema:Tie Pflege des Kirchengesanges und der musiea saera auf den 'höheren Schulen" in Aussicht genommen.

Tie von dem Vorsitzenden hierauf vorgetragene Ver­walt u n g s r e chn u n g weift in Einnahme 595 Mk., in Ausgabe 350 Mk. aus, sodaß ein Kassenvorrat von 244 Mk. verbleibt. Der Vermögensstand des Vereins beträgt 1620 Mark. Eine Erhöhung des Jahresbeitrages von 15 Mk. auf 20 Mk. wird einstimmig angenommen. Auch über diesen Kirchengesangstag wird eineTenkschrift" herausizugeben beschlossen und ,nachdem nc.ch darauf hingewiesen worden war, daß die von dem Verein zuletzt aus dem Straßburger Tage im Jahre 1899 angeregte Erhöhung der Kantoren- und Organisten-Gehälter in verschieocnen Ländern bereits gute Früchte gezeitigt, die angeregte Sitzung des Zentral­ausschusses nach zweistündiger Tauer geschlossen.

Am Sonntagabend sand ein Festgottesdienst statt, derein einziges, einheitliches Lied von der Kirche" war. Welche Macht der kirchliche Gedanke hier besitzt, trat über­wältigend hervor. Tie Wechselgesänge zwischen dem Kirchenchore und Der Gemeinde waren von tiefer Wirkung; der treffliche Kirchenchor fang beseelter denn je. Tie Fest- Predigi hatte Pfarrer prim. Josephson aus Bremen übernommen, und zwar legte er feiner Festpredigt zu Grunde den 118. Psalm, 14.18. Vers: Der Herr ist meine Macht, mein Psalm und mein Heil.

An Den Festgottesdienst schloß sich eine Begrüßungs­rede im festlich geschmückten ^a-al des Bürgerschiitzenhoses. Superintendent Nelle sprach die Begrüßung. Er schloß mit einem Hoch auf den Grasen von der Mark, Den Herzog von Westfalen, den König von Preußen, den Kaiser von?

Deutschland. Nach dem Gesänge des Kaiserliebes von JuliuS Sturm und nachdem der Kirchenchor sich hatte hören lassen^ trat Generalsuperintendent Tr .theol. N ebe an das Redner­pult, der die Teilnehmer an dem 17. Teutschssn Evangeli­schen Kirchengesangvereinstag im Namen des Konsistoriums auf dem Boden der roten Erde herzlich begrüßte. Er ver­breitete sich sodann über die Notwendigkeit des Kirchen- gesanges, denn der Gottesdienst dürfe kein Vivnolog an die Gemeinde fein, sondern er müsse sich äußern im Leben in der Gemeinde.

Im Namen des Vorstandes des Deutschen Evangelischen Kirchengesangvereins und des Hessischen Kirchengesang-- vereins sprach Oberkonsistorialrat Dr. theol. Flöring aus Darmstadt. Bisher habe man in Hamm nur einen einzigen Mann gekannt: Superintendent Nelle, dessen Name aller­dings weithin den besten Klang habe. Jetzt kenne man Hamm uni) er sage, die kühnsten Erwartungen seien über- trossen; eine Begeisterung töne entgegen, wie selten wo. Man habe das Gefühl, daß hier etwas gefunden sei, was über den Streit des Tages erhaben sei: Der Kirchengesang, die Musik. Gern wäre man aus allen Teilen TeutsckMnds nach Hamm gekommen, weil man wisse, wie tief.dort die Sache Wurzeln geschlagen. Vor 20 Jahren wäre Der Verein entstanden und manche Tagung hätte ffattgehabt, aber der Tag von Hamm würde im Gedächtnis hasten bleiben. General-Superintendent Tr. theol. Werner aus Cassek schilderte Die Einwirkungen des kirchlichen Westsalens auf Das benachbarte Hessen-Cassel. Professor D Jul. Smend aus Straßburg sprach über das neue und alte Straßburg. Tas erstere mit jeinen neuen herrlichen Anlagen und kaiser­lichen Palästen sei schön, das letztere dagegen, wenn mau­ern seines Auge habe und die alten Erker und Straßen sprechen lassen könne, wunderschön. Das alte Straßburg sei einst ganz evangelisch gewesen, bis es sich französierte. Erst die neue Zeit habe einen Wandel gebracht; jetzt besitze Straßburg 10 evangelische Pfarrkirchen und eine Garnison­kirche. Ähade, daß durch verschiedene unrichtige Regier- ungsmaßnahmen und dadurch daß manchmal zu den höchsten Beamtenstellen Aiänner berufen wurden, die weder christ­lich noch sittlich waren, die Fortschritte des Deutschtums gehemmt würden. Von der Aushebung des Diktaturpara­graphen solle man sich nicht zu viel versprechen. Der kleine Mann kannte ihn gar nicht, und er erwarte nun, daß das Kleben für die Alters- und Jnvalidenve^icherung aushvren würde u. a. m. Zum Schluß äußerte Redner ein West­sale die Hofsnung,!daß, wenn Straßburg eine katho­lische theologische Fakultät erhalten sollte, M ü n ft e r eine evangelische bekommen werde .

Ans Sladl und Knud.

Gießen, 12. Juni 1902.

g. Vortrag. Wie schon mitgeteilt (siehe auch den In­seratenteil) wird am Freitag den 13. d. M., abends 81/, Uhr, unter Empfehlung der hiesigen eoangelischen Geistlichen der Waldens erpastör H. Th. Gay aus Mailand im großen Saal von Steins Garten einen Vortrag halten über: Die Waldenser in Vergangenheit und Gegen­wart." Der Eintritt ist frei. Unterstützt soll der Vortrag werden durch eine große Anzahl farbenprächtiger Lichtbilder aus Oberitalien, den piemontesifchen Thälern. Es interessiert wohl, etwas Näheres über die Waldenserbewegung zu er­fahren. Es sind die Protestanten Italiens, überhaupt die ersten Protestanten; denn sie verkündigten Die evangelischen Glaubenssätze schon 400 Jahre vor Luther, angeregt durch Petrus Waldus, einem Kaufmann von Lyon, der feine Güter den Armen gab, die Bibel in der Landessprache verteilte zum Zweck religiöser Aufklärung gegen die Irrlehren mittelalter­licher Tradition. Natürlich wurde er, wie seine Gemeinde schwer verfolgt. Den päpstlichen Kreuzzügen und Inquisitionen fielen viele Märtyrer zum Opfer. Aber die Gemeinde rettete heldenmütig den Kern ihrer Existenz in den Waldenserthälern von Piemont, und von dort aus hat sie heute eine evange­lische Propaganda über ganz Italien verbreitet (heutiger Stand: 49 ordinierte Pastoren, 9 Evangelisten, 6180 Ge­meindeglieder, ea. 9000 regelmäßige Zuhörer, ca. 80000 gelegentliche Zuhörer, ca. 4500 Sonntagsschüler, ca. 50 Kirchen und Betsäle). Die Bewegung blüht besonders auf feit dem Toleranzedikt König Carlo Alberto 1848 und unter der Gunst Königs Humbert und Viktor Emanuel UL, so­wie auch unter der Gönnerschaft auswärtiger Fürsten z. B. des Großen Kurfürsten, Friedrich Wilhelm III. und Kaiser Wilhelm II., der Die Waldenser auch mit zur Einweihung der Erlöserkirche in Jerusalem einlud. Dort vertrat sie Pastor Gay, der Vater des Vortragenden. Wenn auch nicht un­mittelbar veranstaltet von dem Ev. Bund, der bekanntlich am nächsten Sonntag und Montag hier in unserer Stadt seine Hess. Hauptversammlung abhält, ist doch die ganze Be­wegung mit den Interessen des Ev. Bundes nahe verwandt. Wenn wir in erster Linie wünschen, daß sich die Evangelischen unserer Stadt, sehr zahlreich an der Festfeier des Ev. Bundes (Sonntag den 15. d. M., 3 Uhr: Gottesdienst in der Stadt­kirche, 8^/2 Uhr: Festversammlung in Steins Garten) beteiligen möchten, so hoffen wir doch, daß auch dem Waldenser-Vortrag am Freitagabend ein reges Interesse entgegengebracht wird.

** Aus d e r Z w e i t c n Kammer. Bei Der Kammer­verhandlung über die Regierungsvorlage betr. Den Staatsvertrag zwischen Hessen, Preußen und Baden über die Vereinfachung der Verwaltung Der Main-Neckar- Bahn stimmten f ü r den Antrag Die Abgg. Backes, Breu- mer, Mehl, Erk, Euler, Guntrum, Gutfleisch, Häusel, Heiden­reich, Jockel, Koch, Köhler-DarmstaDt, Korett, Lang, Leun, Möllinger, Morneweg, Noack, Graf Oriola, Pilthan, Ripper, Schill, Schönberger, Schönfeld, Scelinger, Weidner, Weith, Zinser, Brauer^ Reinhardt und Haas-Tarmstadt; dagegen stimmten die Abgg. Bähr, Berthold, Cramer, David, Fre- nay, Haas-Mainz, Horn, Joutz, Köhler-Langsdorf, Molthan, Ohl, Pennrich, Schlenger, Ulrich, Wolff und Schmidt.

** E i n Querulant. Ein Odenwälder, Lconyard Mei- finger, hat eine Beschwerdeschrist, 12 Bogen stark, an die 2. Kammer eingereicht wegenungesetzlicher Be­handlung, Aktenänderung, Verweigerungen der Protokollierung von Aussagen beeidigter Zeugen; wie un­genügender Protokollierung von Aussagen derselben und sonstigen Vorkommnissen in einem Prozeß wegen Servitut und sonstigen ungesetzlichen Behandlungen in einem zweiten Prozeß rc." Tas Justizministerium äußert sich dazu in einem längeren Schreiben, aus dem nament­lich folgendes hervorgeht: Schon während des Prozeßver­fahrens machte Leonhard Meisingcr allerlei Versuche, dem Prozesse eine andere Wendung zu geben. So lehnte er den prozeßleitenden Richter des Amtsgerichts Höchst wegen Besorgnis der Befangenheit ab. Dieses Ablehnungs--