Ausgabe 
12.3.1902 Zweites Blatt
 
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Präsidenten Roosevelt von dem Prinzen Abschied. Admiral EvanS schüttelte dem Prinzen die Hand und sagte:Ich habe dem Prinzen und meinen Brüdern von der deutschen Flotte nur Folgendes zu sagen: Wir freuen uns, daß Sie gekommen sind, wir bedauern, daß Sie fortgehen und wir hoffen, daß Sie wiederkommen. Es macht mir große Freude, als Vertreter der amerikanischen Flotte die Hand der Freund­schaft zu ergreifen, welche Sie so gütig über den atlantischen Ocean herüber ausstreckten." Generalmajor Corbin sagte: Die Erinnerung an die Reise wird für immer in mir wohnen." Unterstaalssekretär Hill sagte:Die Erinnerung an Ihren Besuch wird stets in unseren Herzen und im Herzen des amerikanischen Volkes fortleben." Darauf wurde eine photographische Aufnahme gemacht, die den Prinzen, um­geben von seinem Gefolge und zusammen mit den Vertretern Roosevelts, zeigt. Um 2 Uhr sandte der Prinz ein Ab­schiedstelegramm an den Präsidenten. Von Deck derPrinzessin Viktoria Luise", die neben derDeutschland" lag, herüber tönte der Gesang, den die vereinigten Sänger von Hudson Countp anstimmten.

Die Ausfahrt derDeutschland" war sehr geräusch­voll, da alle Dampfpfeifen im Hafen ertönten. Fast alle Fahrzeuge waren schön geschmückt. Das Wetter war vor­züglich und Prinz Heinrich stand auf der Kommandobrücke, immerfort nach beiden Seiten grüßend.

DieNordd. Allg. Ztg." schreibt: Prinz Heinrich verläßt den gastlichen Boden der Vereinigten Staaten. Seine Fahrt nach Newyork, sein Besuch in Washington und vielen anderen Stätten amerikanischer Geschichte und Kultur ver­folgt darüber ist man auf beiden Seiten ohne Belehrung von dritter Stelle einig keinen bestimmten poli- tischen Zweck. In der Bekräftigung der über­lieferten Freundschaftsgesinnung zwischen zwei großen, kraftvollen und hoffnungsreichen Nationen, der Er­neuerung des alten Vertrauens, der Bezeugung des lebendigen Verständniffes, das die Eigenart der Amerikaner für die tüchtige Kulturarbeit gerade in demjenigen Lande Europas findet, welches der großen Republik so viele wackere Bürger geschenkt hat, erkennen wir die Bedeutung der Mission des Prinzen. Der glückliche Verlauf dieser Mission läßt das deutsche wie das amerikanische Volk mit reiner Befriedigung auf die nun der Geschichte angehörenden festlichen Tage zurück­blicken. Für dieses Wirken im Dienste des Völkerfriedens danken wir dem Kaiser, der die Reise veranlaßte, wie dem Prinzen, der sie mit schönem Erfolg durchgeführt hat. Nicht minder danken wir dem Präsidenten derRegierung und dem Volk - der Vereinigten Staaten für die gift­freie ritterliche und glänzende Aufnahme^ welche sie dem Bruder des Kaisers bereiteten, und neben den amtlichen Ehrungen, die dem Vertreter des Herrschers, Landes und Volkes so reichlich zuteil geworden sind, gedenken wir voller Erkennt­lichkeit auch der ungezählten Tausende amerikanischer Männer und Franen, die den deutschen Prinzen überall freudig und aus ehrlichem Herzen willkommen geheißen. Gerade aus diesen ganz fteiwilligen Freundschaftskundgebungen aller Schichten des selbstbewußten Volkes schöpfen wir die Zuver­sicht, daß der gute Geist, der durch den Besuch im Lande George Washingtons hüben wie drüben sich bethätigte, in den politisch durch nichts getrübten Beziehungen zwischen dem Deutschen Reich und den Vereinigten Staaten zum Nutzen beider Völker fortwirken wird.

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Das Telegramm, das Prinz Heinrich vor seiner Abreise an den Präsidenten Roosevelt richtete, lautet in deutscher Uebersetzung etwa folgendermaßen: Am Tage meiner Abreise möchte ich sowohl Ihnen persönlich wie auch der Nation, deren Gast ich gewesen bin, danken für all' die Freundlichkeit, Aufmerksamkeit und herzliche Gesinnung, die mir während meines Besuches in Ihrem interessanten Lande ent gegen geb rächt worden sind. Ich hoffe, daß mein Besuch die Gefühle der Freundschaft Uvischen dem Lande, dessen Vertreter ich bin, und den Vereinigten Staaten gestärkt hat. Indem ich Ihnen Lebe­wohl sage, wünsche ich Ihnen jeden möglichen Erfolg. Ich bitte Sie, mich Frau Roosevelt und Fräulein Roose­velt zu empfehlen, die in so bezaubernder Weise und so herzhaft ihre Aufgabe beim Stapellauf S. M. JachtMe­teor"' erfüllten. Nochmals herzlichsten Dank. Hoffentlich sehen wir uns wieder. Prinz Heinrich von Preu­ßen. Der Präsident antwortete: Weißes Haus. An den Prinzen Heinrich von Preußen, DampferDeutsch­land", Hamburg-Dock, Hoboken. Nicht allein persönlich habe ich mich über Ihren Besuch gefreut, sondern auch für meine Landsleute. Es drängt mich. Ihnen meine Freude auszudrücken darüber, daß ich Sie gesehen habe, und über das thatsächlich Gute, das, wie ich denke, der Wunsch be­wirkt, indem er das Gefühl der Freundschaft zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten förderte. Es ist mein ernstester Wunsch, daß dieses Gefühl ständig stärker werden möge. Frau Roosevelt sendet herzliche Anpsehl- ungen. Fräulein Roosevelt würde dasselbe thun, wenn sie nicht abwesend wäre. Ich bitte Sie, meine herzlichsten Grüße dem deutschen Kaiser zu übermitteln. Nochmals danke ich Ihnen für den Besuch und wünsche Ihnen alles Gute, wo immer Sie sein mögen. Theodor Roose­velt.

Aus Stadt und Saud.

Gießen, 12. März 1902.

** Parlamentarisches. Die sozialdemokratischen Abgeord­neten haben in der 2. Kammer eine Interpellation eingereicht, die Großh. Negierung um Auskunft zu ersuchen über die Arbeitsverhältnisse Zahl der wöchentlichen Arbeitsstunden, Ruhepausen, Sonntagsruhe, freien Tage u. s. w. der im preußisch-hessischen Eisenbahndienst beschäftigen Beamten nnd Arbeiter, soweit sie auf hessischem Gebiet stationiert sind.

Extra-Konzert. Man schreibt uns: Musikdirektor Krauß e veranstaltet unter Hinzuziehung des Rezitators und Humoristen Fürst sowie der Konzertsängerin Margaretha Brand mit seiner Kapelle am Donnerstag Abend in Stein's Saalbau einen musikalisch-deklamatorischen Abend, der all­gemeines Interesse erregen wird. Die Leistungen unserer tüchtigen Kapelle sind ja allen bekannnt. Aber auch Herr Oskar Fürst ist sehr vielen kein Unbekannter mehr, hat er doch längst, ehe man anHebe rbrettl" dachte, dieses Genre gepflegt, ohne zu der wenig logischen Bezeichnung zu kommen. Unter Ueberbrettl versteht man weiter nichts, als die Darbietungen ernster und heiterer Sächelchen auf musi­

kalischem und deklamatorischen Gebiete in künstlerisch vollendeter Weise. Die Vorträge mögen noch so bescheiden sein, der Vortragende muß ein fertiger Künstler sein und sie in dieser Weise interpretieren. Unter der BezeichnungFürstlicher Hnmor" ist eine ganze Reihe von Vorträgen von Fürst in die Welt gegangen, die noch heute zn den besten ihrer Art zählen. Fräulein Brand ist eine sehr ernst zu nehmende Künstlerin, die nur nach dem Höchsten strebt.

* * Aus dem Theaterbureau. Der Rest der Theatersaison, welche am Freitag kommender Woche, den 21. d. Mts., schließt, bringt noch einige Neueinstudierungen, z. B.:Das vierte Gebot", Volksstück von Anzengruber und eine Novität:Es lebe das Leben" von Hermann Sudermann.

* * Der Kinematograph auf Oswaldsgarten, der am Sonn­tag von dem Sturm so arg mitgenommen wurde, ist nun­mehr wieder intakt, so daß heute abend die erste Vorstellung stattfindet.

* * NcchtSanwalt Weidig feierte am Montag seinen 70. Ge­burtstag. Die frühere freiwillige Feuerwehr veranstaltete ihm zu Ehren im RestaurantGambrinus" einen Kommers, der einen schönen Verlauf nahm.

* * Gießener Fischbörse. In dem Schaufenster derGießener Fischbörse" am Marktplatz ist heute ein Riesenfisch ausgestellt. Der Fisch, ein Heilbutt, hat das ansehnliche Gewicht von etwas über 100 Pfd. Bekanntlich ist das Fleisch dieser Fisch­art vorzüglich.

** Vcrm ßt. Am 9. verschwand ein hier bediensteter Kaufmannslehrling. Nach einem von ihm zurückgelassenen Brief beabsichtigte er, seinem Leben ein Ende zu machen.

** Eine Geistesgestörte Seit einigen Tagen macht sich eine hier wohnende, anscheinend geistesgestörte Frauensperson dadurch auffallend bemerkbar, daß sie auf der Straße Passanten anstößt und belästigt. So hat sie gestern und vorgestern mehrere Herren und Damen auf der Straße belästigt, einen Herren und zwei Damen hat sie sogar ins Gesicht geschlagen. Von Seiten der Polizeibehörde sind die nötigen Schritte ein­geleitet worden.

** Kriegerkameradschast ,Hassia^. Der Abgeordnetentag der KriegertämeradschaftHassia" findet diesmal in Ober­hessen, und zwar am Sonntag, 1. Juni, in Grünberg statt. Die Gewinne der zweiten Gesellschaftslotterie der Hassia" müffen bis zum 1. April abgeholt und verloren ge­gangene Lose bis zum selben Tage angemeldet sein. Die dem Landesverband derHassia" für 1901 von der Ver­sicherungsgesellschaftProvidentia" zu zahlende Gesamt­bonifikation, wovon die Vereine, deren Mitglieder versichert sind, die Hälfte erhalten, beträgt 18 309.47 Mk. An Brand­schäden waren in 1901 7002 Mk. mehr zu zahlen wie in 1900. Es ist also im abgelaufenen Jahr ein außerordent­lich günstiges finanzielles Ergebnis erzielt worden.

** Buchb-nder-Verkmigung. Auf Einladung mehrerer Buchbindermeister Oberhessens tagte, wie man von auswärts meldet, am 9. d. M. hier eine Versammlung behufs Gründung einer Buchhinder-Vereinigung zu gemeinsamer Vertretung der Interessen des Standes. Die anwesenden Meister erklärten sich bereit, die Vereinigung sofort zu konstituieren. In einer demnächstigen Versammlung sollen die Statuten beraten werden. Die Vereinigung scheint unter Ausschluß der Oeffentlichkeit ihr Leben fristen zu wollen, da sie uns über ihre Absichten und Wunsche zu orientieren unterlassen hat.

Hungen, 11. März. Auf dem gestrigen Schweine- markt konnte die Nachftage nach Ferkeln und Einleg- schweinen nicht befriedigt werden, es war eine große Menge Kau stieb hab er erschienen, aber der Auftrieb war nur ein knapper mittelmäßiger. Letzterer Umstand dürfte dem am gleichen Tage in Echzell stattgefundenen Schweinemarkt zu­zuschreiben sein. Die Preise waren denn auch bei einem vollständigen Ausverkauf des Marktes sehr hoch. Zu An­fang hielten sie sich auf der normalen Höhe, als jedoch um 9 Uhr noch eine Menge Käufer eintraf und ein weiterer Schweineauftrieb nicht mehr erfolgte, schlugen die Händler auf. In kurzer Zeit war der Markt geräumt. (Einleger kosteten das Paar 110116 Mk., stärkere Ferkel im gleichen Verhältnis. Es waren sogar ganz geringe Milchferkel zum Verkauf angeboten. Auch diese wurden sämtlich verkauft zu doppelt so hohen Preisen als in früheren Jahren.

Darmstadt, 11. März. Schon im Laufe des Vormittags wurden der Prinzessin Elisabeth zahlreiche Glückwünsche und Blumenspenden dargebracht. Mittags fand imNeuen Palais" Familientafel statt, an welcher die Erbach-Schönberg- schen Herrschaften teilnahmen. Für den Abend war im Hof­theater eine Ovation für das hohe Geburtstagskind geplant. ImBritannia-Hotel" hat Prinz Reuß XIX. nebst Gemahlin, Generalleutnant und Kommandeur der 34. Di­vision in Metz, Wohnung genommen. Wie man uns mit­teilt, befindet sich Hauptmann v. Sclasinsky, bei dem, wie wir gestern berichteten, sich plötzlich auf dem Kasernenbof Symptome geistiger Umnachtung zeigten, auf dem Wege der Besserung, sodaß seine baldige vollständige Genesung erhofft werden kann.

b Alzey, 11. März. Die für Rheinhessen projektierte Irren-Anstalt soll dem Vernehmen nach hier errichtet werden.

Gerichtssaal.

Gießen, 11. März. (S traf ka mmer.) Die Staatsanwall­schaft vertritt Oberstaatsanwalt von Hcssert. Zuerst kommt zur Verhandlung die Strafsache gegen die Armenhausbewohner, die Eheleute Kohler III aus Homberg. Dieselben sind durch Urteil- Erkenntnis des Schöffengerichts Homberg vom 10. Januar wegen Hausfriedensbruchs und Körperverletzung zu mehreren Monaten Gefängnis verurteilt worden. Sie ebenso wie die Staatsanwalt­schaft haben gegen dieses Urteil Berufung eingelegt. Die Berufung der beiden Angeklagten und die der Staatsanwaltschaft wird als unbegründet verworfen. Verbandelt w:rd darauf wegen Kuppelei gegen die Eheleute Weitzel, Oie in Bad-Nauheim eine Wirtschaft haben, welche sie zu einer Animierkneipe eingerichtet und so der Unzucht Vorschub geleistet haben. Die Verhandlung, wird wegen Gefährdung der Sittlichkeit unter Ausschluß der Oeffentlichkeit ge» führt. Nach Wiederherstellung der Oeffentlichkeit wirb Urteil dahin lautend verkündet: Beide sind schuldig des Vergehens gegen § 180 St.-G.-B. W. wird zu einer Gefängnisstrafe von einem Jahre und drei Monaten verurteilt. Frau W. in eine Gefängnisstrafe von einem Jahre verurteilt. Sechs Wochen der Untersuchungshaft kommen beiden in Anrechnung. W. werden die bürgerlichen Ehren­rechte für fünf Jahre aberkannt. Außerdem werden die Angeklagten in die Kosten verurteilt. AuS der llrieitsbcgriinbung ist indeß fol­gendes heroorzuheben: das Gericht ist um denvillen über den An­

trag der Staatsanwaltschaft weit hinausgegangen, da die Angeklag­ten, trotzdem wegen ganz desselben Vergehens m Bad-Nauhenn vor nicht langer Zeit eine Verurteilung erfolgt ist, doch chren -betrieb forme etzt haben und da durch die Angeklagten Mädchen dem Ver­derben zugeführt worden sind,dieponHaus ausinkemerWeisenpradesti- niert waren. Da die Angeklagten geständig sind, wird die erlittene Urüev- suchungshaft aufgerechnet. Hierauf ergehen die Urteile auf Em- uehuna gefälschter Ein- und Zweimarkstücke. Die Verhandlung gegen Oie Katharina Balser aus Gießen wegen Diebstahls wird, da die Angekagle nicht erschienen ist, aus den 25. März 1902 ver­tagt. Gegen die Angeklagte ergeht Haftbefehl. In der Straf­sache gegen Karl Eppler aus Eupen und Heinrich Schmi bt aus Dossenheim wegen Betrugs- und Urkundenfälschung wird nach mündlicher Verhandlung Termin zur Verkündung der Entscheidung auf Freitag den 14. Marz anberaumt. Der Berufung des Tag­löhners Geisel ans Hesfeld wird in der Weise stattgegeben, daß derselbe unter Aushebung der Verurteilung wegen Betrugs des Vergehens der Unterschlagung im Sinne des § 246 St.-G.-B. für schuldig erklärt, zu 2 Wochen Gefängnis und in die Kosten des Verfahrens verurteilt wird. Der in Untersuchungshaft befind­liche Andreas Theodor Held von Offenbach wird des einfachen Diebstahls im strafrechtlichen Rückfalle und des Vergehens wider die Sittlichkeit aus § 183 St.-G.-B. schuldig erkannt und in eine Gesamtgesangnisslrase von einem Monat und vierzehn Tagen so­wie in die Kosten des Verfahrens verurteilt. Ein Monat der erlittenen Untersuchungshaft wird auf die erkannte Strafe an­gerechnet.

Born Burenkrieg.

Es ist in der That nicht gerade viel, was die englische Regierung dem Bnrenhilfsbnnd zugestanden hat bei dessen Bemühungen, den in den Konzentrationslagern Einge­schlossenen Beistand zu leihen. Insbesondere ist der Wunsch unerfüllt geblieben, durch Entsendung von Ambulanzen den Verwundeten zn Hilfe zu kommen. Die Buren halten den Weg offen für deutsche Ambulanzen, die englischie Regierung aber kann über iHv Mißtrauen, daß dadurch militärische Pläne vorzeitig bekannt werden möchten, nicht hinweg- rommen. Zu zwei Konzessionen hat sich aber England doch verstanden: zur Beförderung der Liebesgaben direkt in die Buren lager, anstatt über Prätoria, und zur Gewährung von Zoll- und Frachtfreiheit für solche Sendungen. Be­züglich der Bildung von Lokalkomitees in den Lagern wird als eine gewisse Garantie für ordnungsmäßige und zweck­entsprechende Verteilung anzusehen sein, daß Geistliche der holländischen reformierten Kirche als Sekretäre der Lager­komitees wirken sollen. Nach Lage der Dinge scheint füp jetzt nicht mehr erreichbar zu sein. Die deutsche Regierung hat es offenbar an Eifer nicht fehlen lassen, und sie darf den Dank und die Anerkennung aller beanspruchen, die an dem humanen Werke der Burenhilfe teilnehmen. Der Staatssekretär des Auswärtigen, Frhr. v. Richthofen, der gestern im preußischen Abgeordnetenhause von der And wort der englischen Negierung Mitteilung machte, knüpfte jedoch noch einigeallgemeine Bemerkungen" an, und diese werden nicht ohne Widersprach bleiben.

Frhr. v. Richthofen plädierte, kurz gesagt, für die Schonung der Empfindlichkeit der englischen Nation. Man solle diese Empfindlichkeit möglichst nicht herausfordern. Frhr. v. Richthofen erwähnte die letzte schwere Niederlage der Engländer und meinte, es entspräche der Würde der Nation, menschlich mehr Anteil zu zeigen bei der Verwun­dung des Lord Methuen, der als einstiger Militär- Attachee in Berlin das freundlichste Andenken hinterlassen habe. Wir bezweifeln, ob es sehr glücklich war, gerade bei diesem Ereignissefreundlichen Zuspruch" anzuregen. Man kann Lord Methuen bedauern, aber dies Bedauern wird ,toeit überwogen von der großen, fast alle Schichten der Bevölkerung erfüllenden Befriedigung, daß es dem Buren- Helden Delarey und seinen Mitstreitern gelungen ist, diesen glänzenden, folgenschweren Sieg zu erringen. Per­sönlich mag Lord Methuen ganz vortreffliche und mit Recht geschätzte Eigenschaften besitzen; über seine strategischen Fähigkeiten jedoch hat man keine hohe Meinung. Und das mit ebensoviel Recht, nach der Reihe von Mißerfolgen dieses Befehlshabers. Nur für den Augenblick wird in London mit herber Kritik an Methuen zurückgehalten, indessen doch zugegeben, daß seit Colenso und Maggerssontein den briti­schen Waffen kein so ernster Schlag zugefügt wurde. Da nun einmal die deutschen Sympathien auf der Seite der Buren sind, so ist es nur natürlich, daß dieser Sieg den Buren von Herzen gegönnt wird. Noch mehr als der Erfolg an sich gereicht zur Befriedigung, daß die Energie der Buren ungeschwächt ist, daß sich noch manche ähnliche That von ihnen erwarten läßt.

Wird denn aber wirklich von Deutschland aus die englische Empfindlichkeit" gar so sehr herausgefordert, wie dies Frhr. v. Richthofen annimmt? Es sind die harten Thatsachen, nicht die harten Worte, welche die englische Nation verletzen. Dem Wollenden geschieht kein Unrecht, lautet der alte Rechtssatz. England hat diesen ungerechten Krieg heraufbeschworen, dafür muß es eben auch die Kon­sequenzen in vollem.Umfang auf sich nehmen. Frhr. von Richthofen führte ein Beispiel an, zum Beweis, daß ge­wisse haarsträubende Beschreibungen über die Behandlung der Gefangenen durch die Engländer unzutreffend find. Tie gefangenen Buren in Ceylon genießen nach dem Zeugnis eines deutschen Generals eine erstklassige Ver­pflegung. Daß Uebertreibungen, ja Unwahrheiten Vor­kommen in Kriegsschilderungen, ist seit alten Zeiten be­kannt. Aber wieviel absolut einwandfreies, beglaubigtes, von den Engländern selbst nicht geleugnetes Thatsachen- material ließe sich entgegenstellen denjenigen Fällen, in denen die Pflichten einer zivilisierten Nation erfüllt wor­den sind!

Frhr. v. Richthofen drückte zum Schluß seiner Rede die Hoffnung aus, bei freundschaftlicher Gesinnung könne Deutschland vielleicht dochein gutes Wort einlegen für unsere gemeinsamen Vettern in Südafrika." Ob den Buren nach solchen stärkenden Erfolgen darum zu thun ist? Nach­gerade hat England das größere Interesse an der Be­endigung des unglücklichen Krieges. Was es nun thun wird? Wir werden's ja sehen!

Aus Amsterdam wird gemeldet: Aus der Um­gebung Krügers kommende verläßliche Nachrichten ver­sichern, daß laut telegraphischen Meldungen die Verlust­ziffern auf englischer Seite bedeutend höher seien, als sie im Unterhause angegeben wurden. Angeb­lich hat noch ein zweites Treffen stattgefunden, über dessen Verlauf Einzelheiten noch nicht eingetroffen sind, das aber gleichfalls zu Gunsten der Buren ent­schieden wurde. Die Burendelegation erklärte, diese neueren Meldungen seien treffliche Illustrationen zu den regelmäßig auftauchenden englischen Versicherungen, als, wenn die kämpfenden Dnrengenerale dringend um Frieden nach­suchten. Für die nächsten Tage würden weitere Treffen signalisiert.

Inzwischen hat bereits die deutsche Dnren-Z en- träte in München vom Deutschen General-Konsulat in Kapstadt und von den Deutschen Konsulaten in East-