153. Fahr-
Nr. 133
Lrschcnri täglich mit Ausnahme deS Sonntag».
General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den «reis Sietzen
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Rande des Ruins. Wir werden für die zweite Lesung denselben Antrag einbringen, den wir schon in der Kommission gestellt haben, nämlich den Zucker vollkommen steuerfrei zu lassen. Daß die Rechte dem Antrag vielleicht zustimmen wird, um die Konvention zu Fall zu bringen oder um eine Steuerbegünstigung für sich zu erpressen, kann uns davon nicht abhalten. Sollte dieser Antrag abgelehnt werden, so werden wir dem Anträge zustimmen, der die niedrigste Steuer vorschlägt. Die Herabsetzung der Steuer wird eine kolossale Steigerung des inneren Konsums zur Folge haben; bedenken Sie doch, daß in England der Zuckerkonsum durchschnittlich pro Kopf 40 Kg., in Deutschland nur 13% Kg. ist. Man sagt, in Deutschland würde sich der Konsum nicht so steigern, weil die Deutschen zu viel Bier tränken. Nun, in England trinkt man auch Bier, und zwar mehr als in Deutschland, wie die StatiM ermebt. Wenn die Konvention durch Ihre Anträge (nach rechts) fallen sollte, dann ruht die Verantwortung auf Ihnen. Sehen Sie sich vor, ob Sie dann eine zweite Gelegenheit finden werden, aus einer ungünstigen Lage in eine günstige zu kommen.
Abg. Graf Limburg-Stirum (kon,., schwer verständlich): Auch ich muß mich gegen die Konvention erklären, da ihr Hauptzweck, die Beseitigung der Prämien, nicht erreicht wird, weil Rußland nicht zum Beitritt zu bewegen ist. Außerdem ist zu befurchten, daß England jede Handhabe, die ihm die Konvention bietet, benutzen wird, um seinen kolonialen Zucker hoch zu bringen. Die Erklärungen, die England in dieser Beziehung bei den Brüsseler Berathungen abgab, haben mich nicht beruhigen können. Wenn wir die Konvention annehmen, dann binden wir uns England gegenüber, während England selbst sich den Markt offen hält. Ich fürchte, daß Deutschland bei den Brüsseler Berathungen nicht auf der Hohe der Situation gestanden hat, und kann nur wünschen, daß die Konvention äbgelehnt wird. (Beifall rechts.)
Staatssekretär Dr. Graf v. PosadowSkyr Der Vorredner hat den sehnlichen Wunsch, daß die Konvention abgelehnt werde; ich richte im Gegensatz zu ihm NamenS der verbündeten Regierungen das dringende Ersuchen an das Haus, die Konvention anzunehmen
Der Vorredner hat geglaubt, ausführen zu sollen, daß wir auf handelspolitischem Gebiete bei den Verhandlungen in Brüssel nicht auf der Höhe der Situation gestanden haben. (Sehr richtigI rechts.) Sie sagen: sehr richtig! Ich möchte Sie etwas fragen, meine Herren! Ist es richtig, im deutschen Parlament in dem Augenblick, wo uns noch andere Verhandlungen mit der ganzen Welt bevorstehen, um unsere handelspolitischen Verhältnisse neu zu regeln, die eigene Regierung vor dem Auslande zu diskreditiren? (Unruhe rechts; Beifall links.) Ich glaube, das ist im Interesse unserer Zukunft kein richtiges Verfahren. (Lebhafte Zustimmung links.) Handelsverträge sind immer in einem Maße der Interpretation ausgesetzt, daß sich eine Möglichkeit an die Wand malen läßt, aus der heraus etpas Ungünstiges für uns deduzirt werden kann. Sie können keinen Vertrag, keine Konvention mit irgeitb einem Staate der Welt abschließen, der nicht der Gefahr einer anders gemeinten Interpretation ausgesetzt ist. Wir haben das zu allen Zeiten erlebt. Weil aber gerade diese Zuckerkonvention der erste Versuch ist, um die einschlägigen wirthschaftlichen Verhältnisse international zu regeln und deshalb die internationale Brüsseler Kommission eingesetzt worden ist, so müssen wir annehmen, daß dieser europäische Areopag gerecht und loyal seiner Aufgabe genügt hat. Es ist so dargestellt worden, als ob der Rohrzucker ganz besonders gefährlich für uns werden könne durch die Unterstützung, die England seinen Rohrzuckerkolonien zu Theil werden lasse. Ja, meine Herren, das können wir nicht verhindern, daß ein Staat durch allgemeine Unterstützung die Landeskultur einer Kolonie hebt. Wollten wir das thun, dann müßten wir geradezu die Verwaltung sämmtlicher Zuckerländer in eigene Hand nehmen. Die Konvention kann sich daher nur auf diejenigen direkten und indirekten Prämien beziehen, die als Zuckerprämien anzusehen sind; und in dieser Hinsicht werden die Rohrzuckerländer durch die Konvention nicht begünstigt. Ich wiederhole die Thatsache, daß seiner Zeit das Haus darin einstimmig war, einschließlich der Partei des Vorredners, daß der beste Zustand für die deutsche Zuckerindustrie de Abschaffung aller direkten und indirekten Zuckerprämien fei (sehr richtig! links) und heute hören wir etwas ganz Anderes! (Sehr richtig! links; Zuruf: Gott bewahre! rechts.) Heute wird eine derartige Kasuistik in die Sache eingeführt (lebhafte Zustimmung links), daß es sehr zweifelhaft ist, ob wir auf diese Art überhaupt zu einer Konvention kommen. Dann aber müssen wir damit rechnen, daß diePrämien perennirend bleiben. Wir werden nie zu einer Konvention kommen, die in dieser Weise in die Details eingeht und alle die Kautelen bietet, die die Herren wollen. (Sehr richtig! links.)
Ich möchte nun noch kurz auf die finanzielle Seite der Sache eingehen. Sie Alle wissen, in welcher außerordentlich schwierigen Finanzlage wir uns im Reich befinden und Sie Alle wissen auch, daß die Regierungen aus allgemein-politischen und aus wirthschaftlichen Gründen auf die Annahme der Brüsseler Zuckerkonvention den höchsten Werth legen. Ist es nun richtig, daß Sie uns bei dieser Sachlage Bedingungen auferlegen auf finanziellem Gebiete, die nach der Auffasiung einer ganzen Anzahl von Bundesstaaten äußerst perniciös für uns fein müssen, ja, die nach der Auffassung mancher Bundesstaaten geradezu unannehmbar sind? Unsere Finanzlage wird dadurch weiter erschwert. Bei der Auswahl neuer Steuern haben wir stets das Unglück gehabt, solche Steuern vorzu- schlagen, die der Mehrheit des Reichstages nicht gefielen. (Heiterkeit.) Ich finde augenblicklich keine Steuer, die den finanziellen Nöthen des Reichs abhilft und gleichzeitig der Genehmigung deS Reichstages sicher ist. Sie haben überdies die bewegten Klagen der Einzelstaaten, namentlich der kleineren Staaten, über die jetzigen finanziellen Verhältnisse gehört, und in demselben Augenblick wollen Sie gegenüber den Vorschlägen der Regierung die Zuckersteuer in einem Maße herabsetzen, die ganz unzweifelhaft unsere Finanzlage noch schwieriger gestalten muß. Ich kann Sie nur dringend bitten, daß Sie die Regierungsvorlage unverändert annehmen, oder wenigstens die Zuckersteuer auf 14 Mk. festsetzen. Sollten sich unsere finanziellen Verhältnisse günstiger in der Zukunft gestalten, bann ist es ja nicht ausgeschlossen, daß wir aus freien Stücken zu einer weiteren Ermäßigung kommen. Eine Reichseinkommenstcuer würde nicht nur steuerlich, sondern auch allgemein staatsrechtlich so tief in die berechtigte Selbstverwaltung der Einzelstaaten eingreifen, daß sie mit einem föderativen Staatswesen kaum vereinbar ist, und ich glaube nicht, daß sich in absehbarer Zeit in diesem Hause oder im Bundesrath eine Mehrheit dafür finden wird. Man klagt immer über die Militär- und Marine-Ausgaben. Es mag eine politische Partei an diesem Tische vertreten sein, welche es fein wolle, — wenn sie einmal hier die Verantwortung hat, die wir für die Sicherheit des deutschen Reiches tragen, dann wird sie gerade fo handeln wie wir (Widerspruch lnrks); keine Partei tinrb aus theoretischen Erwägungen heraus über die Ungunst der geographischen Lage hinwegkommen, in der wir uns in Deutschland seit Erschaffung der Welt befinden. (Heiterkeit.) Gewiß, meine Herren, daraus folgt eben die Konsequenz, daß wir ein starkes Heer und eine starke Marine haben müssen, die uns für alle Zeiten die Sicherung unseres Landbesitzes, unseres Handels und unserer Kultur gewährleisten. Die schnell
Parlamentarische Verhandlungen.
Nachdruck ohne Vereinbarung nicht gestattet,
Deutscher Reichstag.
189. Sitzung vom 9. Juni.
1' Uhr. Das Haus ist gut besetzt.
Am Bundesratystisch: Gras Posadowsky, Frhr. von Thielmann, von Köller, Frhr. von Rhernbaben u. A.
Das Andenken des verstorbenen Mg. Bayer (Ctr.) wird durch Erheben von den Sitzen geehrt. . , Q
Auf der Tagesordnung steht zunächst die dritte Berathung des Gesetzes betreffend die Aufhebung des Diktaturpara- graphen in Elsaß-Lothringen.
Das Gesetz wird ohne Debatte definitiv cinftimmtg angenommen.
Es folgt die zweite Berathung der Brüsseler Konvention und der Novelle zum Zucker st euergeseh.
Zunächst findet eine Art Generaldebatte statt.
Der Referent, Abg. Speck (Ctr.) erklärt, daß er über die einzelnen Punkte bei der Spezialdiskussion Auskunft geben werde.
Redner erklärt die Behauptung der Korrespondenz des Bundes der Landwirthe, daß in der Kommission keine eingehende Berathung über die Frage der Begünstigung der englischen Kolonien statt- aefunden habe, für unrichtig.
Abg. Graf Kanitz (kons.): Ich glaube, daß die Regierung m Drüstel bemüht war, den Export unseres Zuckers möglichst zu sichern. Wie lange dieser Export zu halten sein wird, ist allerdings Wohl nur eine Frage der Zeit. Von größerer Bedeutung scheint mir aber die Frage, ob der Ueberzoll von 4,80 Mk, genügend zum Schutze deS inneren Markts unseres Zuckers sein wird. Ich glaube, daß in Folge der Zollermäßigung eine erhebliche Vermehrung der Einfuhr russischen Zuckers zu befürchten ist. Und wir werden nach dem russischen Handelsvertrag gar nicht in der Lage sein, etwa Zuschlagszölle gegenüber Rußland zu erheben. Das ist in der bisherigen Berathung — ich verweise auf den Kommissionsbericht — außer Acht gelassen worden. In früheren Fällen ist nach dieser meiner Auffassung auch prakttsch verfahren worden. Dieser Punkt erscheint mir so wichtig, daß ich seinetwegen eine nochmalige Kommissionsberathung für nothwendig halte. Der russische Handelsvertrag bedarf in diesem Punkt einer Ergänzung, und ich hege die Zuversicht, daß die russische Regierung sich dieser Notwendigkeit nicht verschließen wird. Ich hoffe, daß, wenn unser jetziger Vertrag am 1. Januar 1904 abgelaufen ist und die Verhandlungen für den neuen Vertrag beginnen, eine Verständigung mit Rußland in diesem Punkte erzielt werden wird. Vorher kann ich die Verantwortung nicht übernehmen, der Konvention zuzu-
Abg. Wiemer (sreis. Dp.) bedauert die Aenderungen der Kommission. Die Herabsetzung der Zuckersteuer auf 12 und 10 Mk. kann nur dazu dienen, das Zustandekommen des Gesetzes zu gefährden; gegen die Wiedereinführung der Kontingentirung sind wir in, jeder Form. Den Beschlüssen über das Saccharin können wir keinesfalls zustimmen. Den Ueberzoll wünschen wir noch weiter ermäßigt zu sehen. Um den deutschen Zucker gegen die ausländische Konkurrenz zu schützen, ist ein so hoher Zoll nicht nöthig; eine Herabsetzung ist erwünscht, um die schädliche Thätigkeit des Kartells unmöglich zu machen.
Abg. Müller-Fulda (Ctr.): Die Konvention ist durchaus kein Meisterstück; ich bebaute, daß die Regierung vor dem Abschluß nicht mehr Fühlung mit den Sachverstänoigen genommen hat. Andere Staaten haben anders gehandelt, sie haben Sachverständige als Delegirte entfanbt, und nicht nur Sureaufraten. Wir Alle wünschen das Prämienwesen zu beseitigen; darin sind wir einig; um die Frage der Nützlichkeit oder Schädlichkeit der Prämien handelt es sich also nicht. Anders steht es aber mit der Frage des Ueberzolls. Widerspricht die Herabsetzung des Ueberzolls in solchem Umfang nicht dem Bestreben, der Landwirthschaft hohe Schutzzölle zu gewahren? Man hat der Landwirthschaft doch gesteigerten Zollschutz versprochen; damit steht die Herabsetzung des Ueberzolls nicht in Einklang. In der Kommission hat sich gezeigt, wie nothwendig eine Kommissionsberathung war; ich bedauere den Leichtsinn Derer, die einer Kommissionssitzung entrathen zu können glaubten. (Lärmender Widerspruch links.) Die Frage, ob die in Frankreich üblichen Entf er nungs - Nachlass e als Prämie zu betrachten sind, ist noch nicht geklärt; wenn diese Frage klargelegt würde, so würde dadurch vielleicht Manchem die Zustimmung zur Konvention wesentlich erleichtert. Ob wir mit dem Ueberzoll von 4,80 Mk. im Stande sein werden, die ausländische Konkurrenz auszuhalten, erscheint mir noch sehr zweifelhaft. (Sehr richtig! rechts.) Der Kolonialzucker kann auf dem Wasserwege sehr billig hierher kommen. (Hört, hört! rechts.) Die Frachtfi:age ist für titele Fabriken eine Lebensfrage; von einem Ueberzoll von 4,40 oder 4,80 Mk. werden viele Fabriken keinen genügenden Nutzen mehr haben. Ob man der Konvention beitreten kann, wird von der Gestaltung des Zuckersteuergesetzes wesentlich abhängen. Die große Mehrzahl meiner Freunde wird ihr nur zustimmen können, wenn durch die Gestaltung des Zuckersteuergesetzes für die großen Schäden, die für die deutsche Landwirthschaft in der Herabsetzung des Ueberzolls liegen, ein kleiner Ausgleich geschaffen wird.
Während der Rede de§ Abg. Müller ist der Reichskanzler Graf Bülow im Saale erschienen.
Abg Bernstein (Soz.j: Wir begrüßen die Konvention mit Freuden, besonders tociF sie der Prämien- und Kartellwirthschaft ein Ende macht. Auch wir haben Bedenken gegen die Vorlage; wir bedauern die Aufrechterhaltung eines Ueberzolls von 4,80 Mark. Aber die Vortheile erscheinen uns überwiegend. Unsere Befriedigung über die Konvention ist aber durch die Kommissionsbeschlüsse so herabgestimmt worden, daß wir uns noch sehr überlegen müssen, ob wir unter diesen Umständen der Konvention zu- ftimmen können. Was die Enffernungsnachläste anlangt, so sind wir mit Tarifherabsetzungen sehr einverstanden, aber wir find gegen die Entfernungsnachlässe, weil sie eine versteckte Ausfuhrprämie be* deuten würden. Die neue Kontingentirung würde nur ein Monopol schaffen und die Macht des Kartells stärken. Die Drohung mit dem Rohrzucker schreckt uns nicht. Wenn ein Land von der Konvention Nachtheil zu befürchten hat, so ist es England. (Oh! rechts und im Centrum.) Für Deutschland bedeutet die Annahme der Konvention einen Fortschritt, für England aber einen Schritt auf einer erst feit Kurzem beschrittenen rückschrittlichen Bahn. Die Cobdeniten würden nichts dagegen haben, daß andere Länder, wenn sie wollen, Ausfuhrprämien gewähren, sie würden keine Kampfzölle dagegen erheben. Wenn ich Engländer wäre, würde ich entschieden gegen die Konvention fein. Man spricht so viel von den westindischen Kolonien, in deren Interesse England zu seinem eigenen Schaden die Konvention abgeschlossen hat. Worum handelt es sich denn da? Um eine Handvoll westindischer Pflanzer, die in England eine ähnliche Rolle spielen, .wie bei uns die ostelbischen Agrarier. Diese Pflanzer haben sich von je jedem Fortschritt widersetzt; als die Sklaverei aufgehoben werden sollte, schrien sie, sie ständen am
wachsende Verschuldung des Reiches liegt aber gar nicht darin, daß wir die Militärlasten prästirt haben, die wir prcisttren mutzten, sondern darin, daß man den kommenden Generationen in Form von Schulden Lasten auferlegt hat, welche die lebende Generation in Form von Steuern hätte aufbringen sollen. Wir legen viel zu viel Lasten auf die Schullern der Zukunft. Wären uns die verschiedenen Versuche gelungen, der lebenden Generation in Form von Verbrauchsabgaben und Steuern größere Lasten aufzuerlegen, so würden wir die Militärlasten aus laufenden Einnahmen be- stteiten können und brauchten sie nicht künftigen Generationen in Form von Schulden aufzubürden. DaS werthvollste Recht der Volksvertretung ist nicht ihr Antheil an der Gesetzgebung, sondern es liegt in dem Etatsrecht. Aus dem Recht der Bewilligung der Ausgaben und Einnahmen sind überhaupt die Parlamente entstanden, und die Parlamente hätten in einer schwierigen Zeit, tote der jetzigen, vor Allem die Verpflichtung, finanziellen Rücksichten die allergrößte Beachtung zu schenken und das Interesse des Reiches vorausgehen zu lassen demjenigen einzelner Interessenten, denn nicht nur die Gerechtigkeit, sondern auch gesunde Finanzen find die Grundlage jedes Staates. (Beifall.)
Direllor im Auswärtigen Amt v. Körner veriheidigt die Konvention gegen eine Reihe von Bedenken, die gegen ihre einzelnen Bestimmungen erhoben worden sind, bleibt aber im Einzelnen unverständlich.
Abg. Roesicke-Kaiserslautern (B. b. L ): Wir haben stets auf dem Standpunkt gestanden, daß die Abschaffung der Zuckerpramien wünschenswerth sei; aber nur, wenn alle Staaten sie aufheben. Graf Posadowsky hat sich aus finanziellen Gründen gegen die Herabsetzung der Zuckersteuer gewandt; aber aus einer ruinirten Industrie wird auch er keine hohen Steuern ziehen können. Als der von dem Referenten erwähnte Arttkel der „Korrespondenz beS Bundes der Landwirthe" geschrieben wurde, lag ung der Kommissionsbericht noch nicht vor. Es ist da nur eine „eingehende" Debatte in Abrede gestellt, und daß keine „eingehende" Erörterung stattgefunden habe, ergiebt der Kommissionsbericht, in dem ein Punkt gar nicht erwähnt wird, nämlich die Garantie der Verzinsung des Anleihekapitals der Zuckerfabriken in Jamaika. Es ist gar kein Zweifel, oaß England seinen Kolonien in Wirklichkeit doch Begünstigungen gewähren wird. Eine „eingehende" Erörterung über diese Frage kann ja auch gar nicht stattgefunden haben; ist doch die Konvention in wenigen Tagen durchberathen worden. In dem Ver- trage ist davon die Rede, daß der König von England ohne WettereS für die Kolonien beitreten kann. Warum warten wir denn jetzt nicht, bis die engkgischen Kolonien beigetreten sind? Dann sind ja alle unsere Bedenken beseitigt. Wenn wir berücksichtigen, daß Deutschland in den letzten zehn Jahren bei internationalen Verhandlungen meist den Kürzeren gezogen hat, so kann uns das nicht ermutigen, einem Vertrage zuzustimmen, der zu so vielen Zweifeln Anlaß giebt. Der Ueberzoll ist jetzt zu niedrig normitt Wenn wir selbst die ganze englische Ausfuhr verlieren sollten, so wären wir immer noch besser daran, als wenn wir die Konvention annehmen und dann die Möglichkeit verlieren, den deutschen Zucker genügend zu schützen gegen die ausländische Konkurrenz. Gewiß wollen auch wir die Konsumsteuer herabsetzen, aber nicht um den Preis einer Konventton, die die deutsche Industrie todtschlägt. Herr Bernstein meinte, die Konventton würde Enoland Schaden bringen. Ich meine, die Engländer haben auch in letzter Zeit gezeigt, daß fte kluge Unterhändler sind. England hat ein sehr erhebliches Internste an der Konvention. Wir dürfen uns bei internationalen Verhandlungen nicht immer Alles gefallen lasten, nicht immer daran denken, was das Ausland uns bringt, sondern auch daran, was wir ihm bringen. England kann seinen Kolonialzucker nur fördern, wenn die Prämien verschwinden und das Kartell unmöglich gemacht wird; deshalb sttmmt es der Konvention zu.
Mg. Dr. Paafche (nat.-lib.): Meine Freunde treten ebenfalls für die Zucker-Industrie ein (sehr richtigI links); ttohdem werde ich und ein großer Theil meiner Freunde der Konvention zu- sttmmen. Wir befinden uns gegenwärtig in einer Zuckerkrisis, wie fte nie dagewesen ist; die Frage ist also sehr ernst. Die Einwendungen gegen die Konventton erfcheinen mir aber nicht maßgebend. Gewiß ist es gut, daß die Kommission alle diese Bedenken gründlich erörtert hat, aber alle diese Bedenken sind doch nur gegen Kleinigkeiten gerichtet, nicht gegen das große Prinzip. • Man hat die Thätigkeit unserer Unterhändler getadelt. Aber hat denn nur Deutschland mit England unterhandelt? Haben cs nicht auch Frankreich, Belgien, Oesterreich-Ungarn, Italien, Holland gethan, die zum großen Theil dieselben Interessen hatten wie wir? 28erat man den anderen Unterhändlern keine solche Vorwürfe macht, warum machen wir sie denn den unseren? Belgien hat die Konvention einstimmig angenommen, und Belgien hat genau dieselben Interessen wie wir. Es ist von der vom russischen Zucker drohenden Gefahr gesprochen worden. Aber Rußland kann 'feinen Zucker im Inland viel preiswerther absetzcn als im Ausland. (Graf Kanitz ruft: Dort wird der Konsum beschräntt!) Aber Herr Graf, das ist mir ganz etwas Neues. (Graf Kanitz ruft: Jawohl!)^ (Vizepräsident Büsing bittet, die Zwischenrufe zu Unterlasten.)^ Sie irren, Herr Graf, aber selbst wenn Sie recht hätten, würde das nichts ändern. Die Konventionsverhandlungen haben gang unerwarteten Erfolg gehabt. Die jetzige Prämienwirthschast wird zu einer stetigen Steigerung der Ueberproduktion führen; bei der freien Konkurrenz kann die Stellung Deutschlands nur günstiger werden. Wenn es zum Konkurrenzkampf kommt, so wird sich zeigen, daß unsere Zuckerindustrie bisher mit Recht angenommen hat, daß sie mit an erster Stelle steht, daß sic^ fremde Konkurrenz nicht zu fürchten habe. In Frankreich ist der Rubenpreis noch heute 1,20 Mk.; wie soll Frankreich da mit unserem Rübenzucker kon- furriren? Nicht wir werden beim Kampf zurücktreten müssen, sondern diejenigen, die unter ungünstigen Bedingungen produziren. Auch mit dem Kolonialzucker können wir konkurriren. Die englischen Kolonien, die Zucker produziren, sind nicht in der Lage, ihre Zuckerproduktton wesentlich zu steigern. In Austtalien will man sogar vom Rohr- zum Rübenzucker übergehen. Bis 1895 hatten wir nur 65 Pfg. Prämie für den Gentner Zucker. Und diese 65 Pfg. sollen die englischen Kolonien an der Entwickelung gehindert haben? Redner geht auf die einzelnen englischen Kolonien ein, um zu belegen, daß eine Steigerung der Zuckerproduktton in diesen Kolonien nicht zu erwarten sei, sowie daß diese Kolonien theurer produzirten als die dcuffche Zuckerindusttie.
Ich sehe die drohende Gefahr nicht annähernd so schwarz an, wie Sie (nach rechts). Die Kolonien können uns mit ihrem Zucker nicht verdrängen. Wir haben unftreitbar einen Kampf bis aufs Messer vor uns; aber Deutschland wird darin in der Lage fein, feine Industrie zu erhalten. (Beifall.)
Abg. Gauch (Rp.): Ich wundere mich über die Naivetät deS Abg. Bernstein; England würde doch sicherlich der Konvention nicht zustimmen, wenn eS nicht Vortheil davon hätte. Meine politischen Freunde werden in ihrer großen Mehrheit der Konventton zu- sttmmen. Wir sind nach ernsten Erwägungen zu diesem Entschluß gekommen, nicht weil wir sie für einen Segen hielten, sondern weil wir glauben, daß sie das kleinere Uebel ist (Im Saal herrscht große Unruhe. Präsident Graf B a l l e st r e m ersucht um Ruhe.) Eine
Dienstag, 10. Juni 1903
Giehener Anzeiger


