Ausgabe 
10.3.1902 Erstes Blatt
 
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Montag 10» März 1903

153» Jahrgang

Erstes Blatt

GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger v

Amts- und Anzeigeblati für den Kreis Gießen

Nr. 58

Erscheint täglich außer Sonntags.

Dem Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit dem Hessischen Landwirt die Gießener §arml!en- Hätlcr viermal in der Woche beigelegt.

Rotationsdruck u. Ver­lag der B h l'schen Univers.-Buch- u.Slein- druckerei (Pietsch Erben) Redaktion, Erpedition und Druckerei:

Lchulstraße 7.

Adresse für Depeschen: Anzeiger (Sieben.

ksernfprrchansck>lußNr.51.

Bezugspreis: monatlich 75 Pf., viertele jährlich Mk. 2.20; durch Avhole- u. Zweigstellen monatlich Go Pf.; durch diePost Mk. 2.viertel- jährl. ausschl. Bestellg. Annahme von Anzeigen für die Tagesnummev bis vormittags 10 Uhr. Zeilenpreis: lokal 12Pst, auswärts 20 Pfg.

Verantwortlich: für den volit. u. allgem^ Teil: P. Wittko: für (Stabt und Land" und ,,Gerichtssaal":R.Ditt« mann; für den An­zeigenteil: Hans Beck.

Bekanntmachung,

betreffend Schießübungen.

Es ivirb hiermit zur öffentlichen Kenntnis gebracht, daß das Infanterie-Regiment Kaiser Wilhelm Nr. 116 am 14., 16^ 17., 18., 19. und 20 d. M. jedesmal von 9 Uhr vor­mittags bis 3x/2 Uhr nachmittags gefechtsmäßiges Schießen mit scharfer Munition im Gelände nördlich Staufenberg- Mainzlar in der allgemeinen Richtung Fortbach-Hassenhausen abhält.

Gefährdet ist das Gelände zwischen folgenden Ortschaften: Staufenberg, Mainzlar, Ilschhausen, Fortbach, Hassenhausen, Sichertshausen, Staufenberg.

Die von den genannten Orten in das Schießgelände führenden Wege sind für den Verkehr während des Schießens gesperrt, auch dürfen Arbeiten im Walde während des Schießens nicht ausgeführt werden.

Die Straßen Lollar-Sichertshausen-Marburg und Lollar- Mainzlar-Allendorf a. Lda. werden nicht gefährdet.

Gießen, den 10. März 1902.

Großherzogliches Kreisamt Gießen-

v- Bechtold.

Gießen, den 10. März 1902.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

an

die Gr. Bürgermeistereien Staufenberg, Mainzlar, Attendors a. Lda., Treis a. Lda.

Die vorstehende Bekanntmachung wollen Sie in orts­üblicher Weise zur Kenntnis aller Einwohner bringen und dieselbe nochmals am Tage vor dem jedesmaligen Schießen wiederholen. Auch sind die Einwohner darauf hinzuweisen, daß sie den Weisungen der Posten unbedingt Folge zu leisten haben.

v- Bechtold.

Wranntmachlmg.

Zn dem Verfahren zur Anlegung des Grundbuchs und Berggrundbuchs für die Gemarkung Annerod beginnt die An- meldungsfcist mit dein 15. März 1902 und endigt mit dem 14. Juni 1902. Die Vorschriften darüber, was seitens der Betelligten während der Anmeldungsfrist zu geschehen hat, können auf der Amtsstube des Großh. Ortsgerichtsvorstehers zu Annerod und aus dem Anschlag an der dortigen Ortstafel ersehen werden.

Gießen, den 7. März 1902.

Großh. Amtsgericht.

Minz Keinrich in Amerika.

New York, 8. März.

Prinz Heinrich verbrachte den heutigen Vormittag im Hotel Waldorf-Astoria und gab den Besuch des Grant- Denkmals auf. Jedoch ließ er durch den Leutnant v. Egidy dort einen Lkranz niederlegen. Heute mittag nahm der Prinz das Lunchevn bei der Familie Ogden Mills ein und kehrte sodann nach dem Hotel zurück. Dort hörte er ein sehr interessantes Neger ko nzert. Der Sängerchor bestand aus Negern und Indianern, Männern und Frauen. Es wurden acht Lieder gesungen, die alle verschiedenen Cha­rakter besaßen, und sämtlich sehr eindrucksvoll und mit höchster Vollendung vorgetragen wurden. Als sich die Sänger nach etwa dreiviertelstündigem Aufenthalt verab­schieden wollten, sagte der Prinz zu ihnen, er wünsche, daß sie ihre ebenso eindrucksvoll gezeigten schönen Traditionen sich bewahren und die Schönheit ihrer nationalen Gesänge weiter pflegen möchten. Der Chor sang zum Dank für diese Worte noch ineWacht am Rhein" im englischen Text und das Star spangled banner". Der Prinz gab dann nochmals ferner Freude Ausdruck.

Im Festsaal des Waldorf-Astoria-Hotels wurde heute abend das 117. Stistu ngssest derDeutschen Ge­sell , a) ast" gefeiert, an dem Prinz Heinrich mit Gefolge terlnahm. An tausend Gäste waren erschienen. Der Vor­sitzende Gustav H. Schwab hielt eine Ansprache, die eine Menge Einzelheiten aus der ruhmvollen Geschichte der Gesell­schaft enthielt, überreichte ein Gedenkblatt und schloß mit einem Hoch auf den Prinzen Heinrich. P

Karl Schurz hielt sodann eine Rede, in der er die alte Freundschaft zwischen Amerika und Deutschland be­handelte und ausführte, seit Amerika eine Großmacht sei und auf festen Füßen stehe, habe es Freunde überall. Ms jedoch die Union in 9Lot war, da sei das deutsche Volk sein bester Freund gewesen. Ebenso sei die Herstellung der deut­schen nationalen Einheit nirgends so sympathisch begrüßt worden wie von den Amerikanern. Alle Preß­hetzereien, die darauf gerichtet seien, die deutsch - amerikanische Freundschaft zu zerstören, seien nur kraftlose Giftmischerei und knabenhaftes Geschwätz gewesen. Ein Friedensbruch wäre ein Verbrechen, doch sei solches Verbrechen schlechtweg un- woglich.^ Des Kaisers herzgewinnender F r e u n d ) ch a f t s b o 1 e sei mit einem so elementaren Ausbruch von Wärme begrüßt worden, daß alle ^^it sich von der Aufrichtigkeit überjzeugen mußte. Der Erfolg sei eine Freude für jeden Freund der Menschheit. Der Redner sprach alsdann die Bitte aus, der Prinz möge in Deutschland erzählen, wie hoch die Weisheit des Karsers, des Urhebers dieses Freundschafts- und Frie- oenssestes, hrer geschätzt werde. Die deutsch-amerikanische

Freundschaft verjünge die große Garantie des Welt­friedens.

Der Präsident der Columbia Urriversity, Butler, feierte alsdann die deutschen Unterrichts- und Wissenschafts­methoden, der Fortschritt der Welt beruhe hierauf; Amerika habe sie jetzt adoptiert; beide Länder fiepen nunmehr in friedlicher geistiger Nebenbuhlerschaft. Ruvolf K e e p p l e r sprach überdas alte und neue Vaterland"; es fei sicher, daß Deutschland, ja der Kaiser selbst das hohe Ansehen der Deutschen in Amerika freudig anerkennen. Frederick W. Holls behandelte in ähnlichem Sinne das Themader Deutsche in Amerika".

In seiner Rede sagte Prinz Heinrich folgendes: Wenn die Stimmungen eines Volkes, eines Publikums, dem Ausdruck geben könne oder die Gefühle, die ein Volk hegt, ausdrücken, und ich habe keine Ursache, an der Echtheit dieser Gefühle zu zweifeln, so möchte ich glauben, daß der Wunsch Sr. Majestät des Kaisers, meines allergnädigsten Herrn, in Erfüllung gegangen ist, dem die Mission seines Vertreters zwischen zwei Nationen zu Grunde gelegen hat. (Stürmischer Beifall.)

Während des Banketts trug derLiederkranz" mehrere Chöre vor.

Prinz Heinrich telegraphierte der Columbia Uni- versity, die Lldmirale v. Dippitz und v. Eisen,- decher würden in seinem Aufträge die Universität be­suchen, um seine Wertschätzung der wohlbekannten Stätte amerikanischer Wissenschaft auszudrücken.

Das Danktelegramm, das der Präsident der Harvard- Universität Eliot an den deutschen Kaiser gerichtet hat, lautet in der Uebersetzung:Die Harivard-Universität dankt Ew. Majestät für Ihr Begeisterung weckendes Telegramm an Prinz Heinrich und für Ihre hochherzige Gabe. Mögen die Handlungen Ew. Majestät die beiden verwandten Völker einander immer näher bringen."

- Die dLumismatie and Archaeological Societh wird dem Prinzen eine goldene Erinnerungsmedaille überreichen, die 2.75 Zoll im Durchmesser zeigt; auf der einen Seite befindet sich die Büste des Prinzen, auf der Kehrseite der Merkur. Silberne Exemplare sollen später in den Handel gebracht werden

Ko'ntreadmiral Gras v. Baudis srn veröffentlicht eine Erklärung, in der es heißt, die städtische Gesundheitsbehörde Newyorks sei überzeugt, daß die sanitären Maßnahmen auf derHohenzollern" so wirksam sind, daß dem weiteren Be­stich des' Publikums auf der Aacht keinerlei Bedenken ent> gegensteht.

Preußisches Abgeordnetenhaus.

/ Fortsetzung der Beratung des Kultusetat.

Abg. Dr. Bachem (Ztr.) führt ans, seine Partei habe niemals die Berechtigung des Staates auf dem Gebiete der Volksschule bezweifelt, aber Kirche und Familie müßten in gleicher Weise berücksichtigt werden.

Min.-Dir. Schwartzkopf erwidert, über mangelndes Entgegenkommender Regierung gegenüber den katholischen Orb eit könne eine berechtigte Beschwerde nicht erhoben werden.

Abg. Graf Limburg-StirUm (kons.) glaubt, daß die Vorwürfe, die man der Regierung mache, zum Teil nicht begründet feien. Die Rechte des Staates müßten gewahrt werden, weil dies itotwendig sei, den konfessionellen Frieden zu erhalten.

Abg. Roeren (Ztr.) bemerkt, den Religions­unterricht solle man nicht zu Germanisieren gs- zwecken mißbrauchen, sondern ihn dazu benutzen, wozu er da ist, um den Kindern einen sittlichen Halt für das Leben zu geben.

Kultusminifter Dr. Studt erwidert, es handle sich bei der Frage nur um einen Deckmantel für die p o l n i s ch e Agitation.

Abg. Hakenberg (natl.) verteidigt den Gustav Adolf- Verein und den Evangelischen Bund gegen die vom Zentrum erhobenen Vorwürfe.

Abg. Dr. Bachem (Ztr.) tritt wiederum den Aussühr- ungen des Abg. Hakenberg entgegen._____

Deutsches Reich.

Berlin, 9. März. Der Kaiser wohnte gestern Reit- besichtigungen bei den hiesigen Kavallerie-Regimentern bei.

Generalfeldmarschall Graf Waldersee hat seine für Anfang April geplante Amerikareise bis zum nächsten Jahre verschoben.

Der Bundesrat hat den Antrag Hessens, be­treffend den Entwurf eines Gesetzes wegen Entschä­digung von Personen, die unverschuldet Strafe oder Untersuchungshaft erlitten haben, den zuständigen Ausschüßen überwiesen. Hebet die Resolution des Reichs­tages zu dem Etat über den Reichsinvalidenfonds für das Rechnungsjahr 1902 und die Resolution des Reichstags, betr. die Uebertragung des Postens für das Bekleidungsamt (154 000 Mk.) vom Etat für die Expedition nach Ost- asien (Kapitel 15, Titel 1) auf den Militäretat, wurde Be­schluß gefaßt. Ferner wurde beschlossen, daß das Gesetz wegen Feststellung eines zweiten Nachtrags zum Reichshaushaltsetat für das Rechnungsjahr 1901 zur Allerhöchsten Vollziehung vorgelegt werde.

Der Gesetzentwurf wegen Gewährung von Entschä- digungsgeldern an die Mitglieder der Zolltarif­kommission befindet sich bereits in Vorbereitung und dürfte die Zustimmung des Bundesrats finden. Dem Reichstag soll er möglichst noch vor den Osterferien zugehen. Er sieht für die einzelnen Mitglieder der Kommission eine Pauschal-

ocrgütung vor. Die Mitglieder der großen Justizkommission vom Jahre 1866 erhielten 2400 Mk. Dieselbe Summe dürfte auch jedes Mitglied der Zolltarif-Kommission erhalten. Zu den Nummern 3043 des Tarifs sind von agra­rischer Seite bereits 12 Abänderungsanträge eingegangen. Unter anderem soll der Hopfenzoll, der gegenwärtig 14 Mk. beträgt und im Tarifentwurf auf 40 Mk. erhöht ist,, auf 87,50 Mk., das Hopfenmehl, für das der Tarif­entwurf 60 Mk. Zoll vorschlägt, auf 120 Mk. festgesetzt werden. Zugleich sollen hier Mindestsätze von 70, bezw. 100 Mk. fefigelegt werden. Die nationalliberale Fraktion des preußischen Abgeordnetenhauses hat es ein­stimmig abgelehnt, den konservativen Antrag wegen Be­fürwortung höherer Getreidezölle zu unterstützen (Vgl. die heutigePol. Wochenschau".)

In der Reichsschuldenkommission teilte gestern Staats­sekretär Frhr. v. Thielmann mit, daß die Reichsschuld am 1. Februar 2813 Milionen beträgt und daß nach einer kürzlich aufgestellten Bilanz des Reichsinvalidenfonds dieser bis zum Jahre 1910 vollständig auf gebraucht sein wird. Alle daraus bestrittenen Ausgaben fallen also von da ab dem Etat zur Last.

Hadersleben, 9. März. Reichstagsersatzwahl. Nach vorläufiger Feststellung erhielten Redakteur Jessen (Däne) 9963, Pastor Jacobsen Scherrebeck (Deutscher) 4540, Schneider-, meister Mahlte (Soz.) 480 Stimmen. Das Ergebnis üoh' der Insel Aaroe steht noch aus.

Stuttgart, 8. März. DemMerkur" zufolge wurde der kommandierende General des Württembergischen Armeekorps Frhr. v. Falkenhaus unter Verleihung des Großkreuzes des Kronenordens seiner Stellung enthoben.

Augsburg, 9. März. Der Bischof Dr. v. H ö tz l ist heute geworben.

Ausland.

London, 9. März. Lord Kitchener berichtet auA Pretoria: Tas Resultat der Operationen in der Nähe von Reitz seit dem 4. März ist folgendes: 35 Buren wurden ein gefangen, 23 Wagen, viel Vieh und Vorräte wurden er­beutet. Die Kolonne Remington entdeckte nordöstlich! von, Reitz eine Höhle, worin sich 300 000 Patronen für Maschinen-Gewehre, 10 000 Patronen für Lee Madford-Ge- wehre, mehrere hundert Granten-Gewehre, ein Maschinen^ geschütz, zwei Heliographen, zwei Instrumente für Feld- Telegraphie, 200 Pfund Pulver und andere Vorräte be­fanden, was alles erbeutet worden ist.

Devonport, 8. März. Heute sand hier der Sta­pellauf des neuen SchlachtschiffesThe Queen" statt, nachdem der König den bei der Feier anwesenden Offizieren und Mannschaften, die in China und Südafrika gedient hatten, Medaillen überreicht hatte.

Bern, 8. März. Der Staatsrat untersagte eine von mehreren hiesigen Bürgern geplante Kundgebung; die­selben wollten morgen, Sonntag, mit umflorter Fahne des Roten Kreuzes vor das Haus des Präsidenten des inter­nationalen Komitees des Roten Kreuzes, Moynier, ziehen, um gegen die Verletzung des Kriegsreeyts' durchs England in Transvaal Einspruch zu er­heben.

Petersburg, 9. März. Wie von unterrichteter' Seite versichert wird, sollen neue Verhandlungen wegen Abschlusses eines neuen Handelsvertrages mit Oe st erreich- Ungarn eingeleitet werden, um zwischen Rußland und Oesterreich-Ungarn engere Handels­beziehungen herzustellen.

Hongkong, 8. März, Die Aufständischen iw der Provinz Kwangsi haben den Ort Kaitschou, 80 Meilen von Kwongtschwan, erreicht. Tort über fielen sie die Mandarinen, überwältigten die Garnison und befreiten die Stra fgefangenen, welche sich den Aufttändischen anschlossen. Es heißt, daß die Treifaltigkeits-Gesellschaft mit den Aufständischen bei ihren Raub- und Brandzügen gegen die Dörfer zusammenwirke.

Newyork, 8. März. Tie unmittelbare Ursache, daß Frl. Roosevelt nicht zur Krönung nach Eng­land geht, war, daß auch eine Einladung des deutschen Kaiser Paares unterwegs war und daß die Engländer ihr besondere Aufmerksamkeiten zugedacht hatten. Ter Präsident als Familienvater dachte nun, daß die Auszeichnungen zuviel für ein 17 jähriges Mädchen seien und sie ihm leicht den Kopf verdrehen könnten. Mithin schickt er sie jetzt zum Besuch nach Kuba zum Generalgouverneur. _______________________________

Die Uerliner Stadtmisstoa

beging am Sonntag die Feier ihres 25jährigen Be­gehens. Sie wurde begründet von dem bekannten Missions- freunde Michern. Wie dieser in Hamburg im Jahre 1848 den ersten Stadtmissionar ans demRauhen Hause" in­stalliert hatte, so ließ er, nach seiner Berufung als vor- tragender Rat in das Ministerium des Innern, ein Jahr­zehnt später dasJohannesstift" in Plötzensee errichten. Neben Wichern schuf der damalige Propst und spätere Generalsuperintendent Brückner eine Organisation, die auch dem Missionszweck diente. Nach Einführung des Civil- st a n d g e s e tz e s erfolgte die Bereinigung der beiden In­stitute. Drei Männer übernahmen 1877 die Aufgabe: Geh Regierungsrat Dr. Bosse, der spätere preuß Kultusministers Hofprediger Adolf Stöcker und Kaufmann Johannes Gerold. Stöcker trat an die Spitze. Seit Stöcker 1891 fein Amt als Hof- und Domprediger niedergelegt hat, widmete er seine