Ausgabe 
10.1.1902 Erstes Blatt
 
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weit auseinander. Man wußte, daß die Krankheit außer­ordentlich ansteckend ist und durch den Verkehr weiterge- schleppt werden kann, man machte auch die unangenehme Erfahrung, daß sie aus dem Herzen Rußlands, Ungarns, Serbiens, Rumäniens mit der Eisenbahn nach den großen deutschen Schlachtviehmärkten ein geschleppt würde und sah sie sich über große, bisher seuchenfreie Länderstriche aus- breiten: aber bis auf den heutigen Tag steht man ihr fast ohnmächtig gegenüber.

Die Regierungen und andere berufene Körperschaften haben denn auch eingesehen, daß zur Erforschung der peuche große Mittel erforderlich, zweckentsprechende große Räumlichkeiten herzurichten sind und daß ihre Ergründung nicht in den Kräften eines einzelnen Forschers liegen kann. So hat vor einigen Jahren der Reichstag große Mittel dafür bewilligt, und auch der preußische Landtag hat große Summen in den Etat gesetzt. Das hygienische Institut in Greifswald, das Reichsgesundheitsamt und das von der Landwirtschaftskammer der Provinz Sachsen dazu gegründete Institut sind mit aller Energie an die Er­forschung der Seuche gegangen, und man darf erwarten, daß mit der Zeit ein brauchbares Schutzimpfverfahren ge­funden wird.

Alle Bemühungen, den Erreger der Seuche zu finden, waren bisher vergeblich. Auch die Ver­suche, ihn auf künstlichen Nährmedien zu züchten, waren fruchtlos. Man hat die Forschung nach dieser Richtung des­halb aufgegeben. Darüber aber, daß es sich um einen lebenden Mikroben und nicht etwa um einen chemischen Stoff handelt, ist kein Zweifel. Das geht aus seiner großen Ver­mehrungsfähigkeit innerhalb des Tierkörpers und daraus hervor, daß man Material, das den Ansteckungsstoff be­herbergt, durch antiseptische Mittel, 5. B. Karbolsäure, un­schädlich machen kann.

Vor Weihnachten ist es nun einem Optiker in Jena durch Einleitung ultravioletter Strahlen in das Mikroskop ge­lungen, Feinheiten zu erkennen, die bei gewöhnlichem Licht unerkennbar blieben. Vielleicht gelingt es, damit endlich auch den Erreger der Maul- und Klauenseuche zu ent­decken. Wenn man ihn auch noch nicht kennt, so hat man doch festgestellt, daß er in dem Inhalt der 24 Stunden nach Eintritt des Fiebers entstehenden Blasen stets vor­handen ist, im Blut auch während des Fiebers kreist und fixer, nicht flüchtiger Natur ist sowie durch die verschsie- densten Dinge als Zwischenträger verbreitet werden kann. Da der Erreger ferner die sonst keimdichten Filter passiert, muß er winzig klein sein. Im Gegensatz zu anderen Fil­traten, nämlich die ungünstig werden, weil der Jnfektions- erzeuger im Filter zurückbleibt, büßt dieses Filtrat nichts von seiner Giftigkeit ein. Geheimrat Löffler hat ferner festgestellt, daß die winzige Menge, ein fünftausendstel Cem. Lymphe oder, das Cem. zu 15 Tropfen gerechnet, der 330. Teil eines Tropfens genügt, um ein Rind seuchenkrank zu machen. Da eine Blase bis zu 10 Ccm. und mehr Lymphe enthalten kann, können mit dem Inhalt einer einzigen Blase 60 000 Stück Rindvieh infiziert werden. Da die Virnlcur der Lymphe durch Verdünnung mit Wasser nicht aufgehoben wird, begreift man, wie leicht durch eine seuchenkranke Kuh die Milch einer ganzen Sammelmolkerei infiziert und durch ihre Verfütterung die Viehbestände weiter Kreise verseucht werden können. Harn und Kot dagegen enthalten den Er­reger nicht. Als Infektionsträger kommt also allein bie Blasenlymphe in Betracht.

Im kaiserlichen Gesundheitsamt wurden mit der Lymphe Versuche an gestellt, bie ergaben, daß 24stündiges Austrocknen derselben bei gewöhnlicher Zimmertemperatur auf Holz, Leder, Stein, Ersen, Leinwand usw. den Ansteckungsstoff aufhebt, daß aber mit Lymphe, die eine halbe Stunde bei 50 Grad gehalten war, Tiere noch krank gemacht werden konnten; bei halbstündigem Erhitzen auf 60 Grad, 10 Minuten aus 70 Grad, 12 Minuten auf 100 Grab aber blieb sie unwirksam. Praktische Bedeutung hat das insofern, als da­durch festgestellt würde, wie hoch die Milch in einer Mol­kerei erhitzt werden muß, damit durch die zurückgegebene Magermilch die Seuche nicht weiter verschleppt wird. Ver­suche im kaiserlichen Gesundheitsamt haben ergeben, daß eine 12 Minuten anhaltende Erhitzung der Milch auf 85 Grad mit sofortiger Abkühlung auf 20 Grad zur Zer­st ö r u n g der .Kr an kh eit s keime genügt. Unter diese Temperatur sollte nicht heruntergegangen werden. Denn Versuche mit Milch, die auf 81,5 Grad erhitzt war, haben noch eine gelinde Infektion ergeben. In roher Milch ver­liert die Lymphe im allgemeinen am dritten Tage die An­steckungsfähigkeit. Das Sauerwerden spielt dabei keine Rolle.

In geschichtetem Düüger kann sich der Ansteckungsstoff wegen der darin enthaltenen Wärme, 6070 Grad, nicht lange halten. In zugeschmolzene Glasröhrchen einge- schlossenc virulente Lymphe wurde zusammen mit Maximalthermometern in 2040 und 60 Ctm. tiefen Dünger gesteckt und dort drei Tage gelassen. Die 20 Ctm. tief ge­legene Lymphe besaß ihre Virulenz noch. In mit Lymphe getränkten und in einem Stall aufbewahrten Strohhalmen hielt sich der Ansteckungsstoff zwei Monate wirksam. Tauben, die man Fruchtkörner aus infizierter Streu fressen ließ, rupfte man nach 12 Stunden die mit der Streu in Berühr­ung gekommenen Federn, mischte diese dem Futter von Versuchsrindern bei und erzielte in allen Fällen eine An­steckung. Dasselbe ergab sich bei Wildenten. Daraus er­klärt sich die weite Verschleppung der Seuche. Weiter ist bekannt, daß sich in den bei der Seuche entstehenden Hohl- räumen der Klauen der Ansteckungsstoff noch nach dem Durchseuchen sich monatelang lebensfähig zu erhalten ver­mag. So wurde 1898 durch durchseuchte Rinder nach meh­reren Monaten die Seuche aus Holland nach Schweden ver­schleppt. Die Seuche kam hier erst zum Durchbruch, als nach Monaten den Kühen die Klauen beschnitten und defekte, mit altem Kot behaftete Klauenteile freigelegt wurden. Des­halb ist Vorsicht beim Ankauf von Rindern, Reinigen der Klauen usw. geboten. Der Krankheitserreger be­wahrt seine Giftigkeit monatelang, wenn er, vor Zersetzung geschützt, bei niedriger Temperatur aufbewahrt wurde. Unter Null liegende Temperaturgrade üben über­haupt keinen Einfluß auf ihn. Daraus kann man sich das Aufflackern der Seuche trotz eingeschränkten Viehverkehrs im Herbst und Winter erklären.

Was nun die Heilmittel betrifft, so haben sich alle seit Zähren angepr^esenen Mittel, selbst der Lhdingsche Aft ent Heer nicht bewährt. Der Holzt Heer, der seit vielen Jahren bei Klauenteiden zu Verbänden benutzt wird, ist senem vorzuziehen. Bei Blasenbildungen an den Klauen ist zur Verhinderung von Komplikationen eine örtliche Be­handlung sehr vorteilhaft, die sich besonders auf Abträgen von Horn, das an wunden Stellen reibt, Reinhalten der Wunden durch tägliches Ausspülen, Bestreuen derselben mit zusammenziehenden nicht ätzenden Mitteln, Bestreichen dar tzußwunden mit Holztheer, epentl. Anlage von Vhrer-

verbänden zu erstrecken hat. Wunden im' Maule heilen bei entsprechender diätetischer Pflege von selbst ab- Es genügt da, den Tieren öfters frisches Wasser zum Ausspülen und weiches Futter zu geben- Auf die im Innern des Tieres entstehenden giftigen Stoffe hat die örtliche Behandlung keinen Einfluß-

Von diesen Erwägungen ausgehend haben der Vor­tragende und Prof. Winckler im letzten Sommer bei dem bösartigen Auftreten der Seuche in Wiesen ihre Auf­merksamkeit auf das Argentum colloidale Crede gelenkt, von dem ihnen bekannt war, daß es entwicklungs­hemmend und abtötcnd auf giftige Mikroben wirkte, ohne giftige Eigenschaften zu enthalten. Man ging sehr vor­sichtig zu Werke, spritzte zunächst bei 20 mcift frisch ver­seuchten Kühen die geringe Dosis von 0,5 in einprozentiger Lösung in die Jugularvene und bei 2 Mährigen Rindern 0,25. Der Erfolg war überraschend. Bei den beiden im ersten Stadium erkrankten Rindern, die bei Anwendung des Mittels nur Fieber und Verdauungsstörungen zeigten, kam es zu örtlichen Erscheinungen überhaupt nicht- Sie waren am folgenden Tage wieder völlig gesund- Auch bei den im Anfangsstadium in Behandlung genommenen Kühen gingen die örtlichen Erscheinungen auffallend rasch zurück, und sie gesundeten in wenigen Tagen- Bei anderen schon im vorge­schrittenen Seuchenstadium befindlichen trat ebenfalls bald Besserung ein- Ter Redner glaubt, das Mittel in Dosen von 1,01,5 in einprozentigen Lösungen für größere Rind­viehbestände und in Dosen von 0,250,50 für kleinere Rinder, die eventl. am nächsten Tage zu wiederholen wären, em­pfehlen zu können, und ist der Ansicht, daß bei frühzeitiger Anwendung der Seuchenverlauf günstig zu beeinflussen eventl. zu verkürzen ist.

Die B a c c c l l i s ch e S u b l i m a t b e h a n d l u n g ist in Hessen unter Leitung des Obermedizinalrats Dr- Lorenz in ausgedehntestem Maße in Anwendung gekommen. Die anfangs günstigen Erfolge schlugen schließlich in völlige Fehlschläge um, und ebenso rasch wie die Behandlungsweise gekommen ist, -.st sie wieder verschwunden. Auch der in jüngster Zeit von Frankreich empfohlenen Chrom­säure, die in konzentrierter Lösung zur Betupfung der Geschwüre in Anlvcndung gebracht.werden soll, ist keine Heilwirkung zuzuschreiben. Diese Säure ist so ätzend- daß sie die Gewebe vollständig zerstört.

Die Schutzimpfungsfrage ist nicht aussichts­los- In den erwähnten Anstalten beschäftigt man sich .schon seit Jahren mit der Frage- Nachdem man den in dem Blaseninhalt vorhandenen Jnfektionsstoff durch Ver­dünnen und Filtrieren rein dargestellt hatte, ergab sich durch Versuche, daß er, auf eine Tiergattung weiter ver- impft, schon in der 3- Generation seine Ansteckungskraft verlor. Impfte man ihn von emer Tiergattung auf eine andere und wieder zurück, dann behielt er seine virulenten '-Eigenschaften, und man erhielt anscheinend einen gleich­mäßig wirksamen Lymphstamm- Nun mußte festgestellt wer­den, ob auch im Blutserum normal durchseuchter Tiere Immunkörper vorhanden waren- Diese Frage wurde durch Einspritzen virulenter Lymphe geprüft- Es fand sich, daß die betr- Tiere nach dem Ueberstehen der Seuche immun geworden waren. Denn sie wurden nicht mehr seuchenkrank. Man versuchte nun, die natürliche Jmmunitätshöhe dieser Tiere dadurch zu erhöhen, daß man diesen Tieren von 14 zu 14 Tagen hochgiftige Lymphe in immer größeren Dosen, bis zu 20 Gramm, einspritzte. So gelangte man zu einem hochwertigen Jrnrnunserum, das, anderen Tieren ein­gespritzt, diesen für kurze Zeit positive Immunität gab- Diesir ist jedoch, da die Schutzsubstanzen alsbald aus dem Körper wieder ausgeschieden werden, nur von kurzer Dauer- Geheimrat Löffler versuchte nun, durch ein kombiniertes Verfahren die Tiere aktiv immun zu machen- Er suchte eine entsprechende Dosis hochwertigen Serums, das im stände war, die Infektionsdosis Lymphe im Zaum zu halten, gleichzeitig einzuspritzen und dadurch den Körper aktiv zur Bildung von Schutzsubstanzen zu veranlassen, also auf längere Zeit zu immunisieren- Nachdem man das richtige Verhältnis herausprob>ert hatte, spritzte man dieses Serum- Lymphgemisch 10 Ochsen in die Jugularvene, stellte die Ochsen in Seuchenstallungen immer zwischen zwei verseuchte Stücke Rindvieh, und alle Ochsen blieben gesund-

Nun glaubte man, das Universalmittel gegen die Seuche gefunden zu haben; aber es folgte eine gründlicheEnt- täuschung- Die Höchster Farbwerke brachten den Impf­stoff unter der BezeichnungSeraphthin" in den Handel.

Der Vortragende war der erste Tierarzt in Deutsch­land, der diese Schutzimpfungen in großem Stil in der Praxis ausführte. Gegen 600 L>tück Großvieh wurden von ihm in den Kreisen Büdingen, Gelnhausen und Hanau geimpft- Auf den ersten, vier Gütern ging die Sache glatt ab- Diese Tiere waren aber, da die Gehöfte bei früheren Seuchengängen nie verschont blieben, sicher im­mun- Aber auf den vier zuletzt geimpften Gütern hatte die Impfung nicht nur keinen Erfolg, sondern die Seuche brach infolge der Impfung nach 81428 Tagen aus- Danach wurde die Ausgabe der Lymphe sistiert-,

Geheimrat Löffler klärte das bald auf- Von den Höchster Farbwerken war von einem frischen Seuchen­ausbruch in der Nähe neue Lymphe eingestellt worden- Diese besah aber eine so hochgradige Viruleur, daß sie von dem zur Verfügung stehenden .^mmunferum nicht neutralisiert werden konnte. So besaß das Lymphe-Serum­gemisch keine immunisierende Eigenschaften, sondern be­wirkte im Gegenteil den Seuchenausbruch. Man hat den Fehler begangen, daß das später fertiggestellteSeraph­thin" nicht vor der Abgabe geprüft wurde- Leider ist das Rezept der zuerst hergestellten, sehr brauchbaren Lymphe verloren gegangen.

Um Mißerfolge zu vermeiden, galt es nun, einen Gradmesser für die zur Verwendung kommende viru­lente Lymphe zu finden. Diesen glaubte Löffler in dem vier Wochen alten Ferkel entdeckt zu haben- Bei mehr als 100 Versuchen glückte es ihm, die für Ferkel tätliche Dosis zu finden. Nun schien jede Schwierigkeit gehoben. Denn nun hatte man eine Immun 1 tötseinh eit, auf deren Grundlage man die Menge des Serums und der Lymphe bestimmen konnte, die nötig ist, um äin Rind immun zu machen- Aber die Plage ist noch nicht aus der Welt geschafft, und neue Schwierigkeiten haben sich gezeigt.

Von den Höchster Farbwerken wird jetzt ein hoch immunisierendes Serum verkauft, das durch wiederholte Einspritzungen von in der Virulenz gesteigerter Lymphe hergestellt ist- Doch verleihr das nur eine Immunität von etwa 14 Tagen und ist sehr teuer-

Der Redner schloß seinen mit dem größten Beifall aufgenommenen Vortrag mit dem Hinweis, daß wir des­halb nach wie vor auf eine polizeiliche Bekämpfung der Seuche angewiesen feien; di-- besten Mittel zur Bekämpfung seien dementsprechend das Verbot der Dieheinfuhr aus verseuchten auherdeutschen Ländern und die Anordnung

strengster Maßregeln bei dem Auftreten der Seuche dry In lande-

Kunst und Wissenschaft.

Berlin, 8. Jan. Dem Staatssekretär de§ Innern ist von dem: Generalkonsul in Sidney die telegraphische Anzeige zugeganaen, daß der für die deutsche Südpol a r-Exp editio n gecharterte Dampfer des Norddeutschen LloydTanglin" die Kerguelen am 21. Dezember verlassen hat, nachdem er alle Ladung gelöscht und die Station irr der Obseroationsbai Royalsund errichtet ist. Alle Stationsmit- glieder sind gesund. Tie Nachricht ist nach Sidney von einem: englischen Tampfer überbracht worden, welcher denTanglin" am. 21. Dezember unter dem 44. Grad südlicher Breite und 73. Grab Länge gesprochen hat. An Bord desTanglin" alles wohl.

Vom Shakespeare Denkmal in Weimar. Zur Errichtung eines Shakespeare-Denkmals in Weimar hatte sich, wie uns auS Weimar geschrieben wird, im vergangenen Jahre ein Komitee ge* bildet. Für die Durchführung des Unternehmens sind 50 000 UJIL' in Aussicht genommen. Die Errichtung dieses Denkmals wirb einen Vorgang ohnegleichen in der KulMrgeschichte aller Völker bilden; dem Tichterheros einer fremden Nation wird von einem anderen Volk das geistige Ehrenbürgerrecht erteilt und sein Kultus unlöslich und neidlos mit dem der eigenen Geistesheroen verknüpft; Die geistige Zusammengehörigkeit des Treigestirns Göthe-Schillev^ Shakespeare durch Errichtung eines Sheakespeare-Denkmals auf) deutschem Boden in Erz zu verewigen, ist Weimar unzweifelhaft! besonders berechtigt und berufen.

Arn 6. Januar ist m Warschau der russische Staatsrat Johann v- D l 0 ch , der vorn Kaiser Nikolaus zur Provagier^ ung seiner Friedensidee her an gezogen wurde, im 65- Le» bensjahre gestorben- Herr v. Bloch war Ches dess Warschauer Bankhauses I- G. Bloch und Präses der War^ schauer Kaufmannschaft, sowie mehrerer russischer Bahnck gesellschasten- Er ist am meisten bekannt geworden burdi sein großes vierbändiges Derk gegen den Krieg, das auch in deutscher Übersetzung erschienen ist- Dieses Werk solb den Zaren zur Berufung der Haager Konferenz veranlaßt; haben- Herr v. Bloch war auch nach der Haager Konq ferenz unermüdlich für die Sache des Friedens thätig- *

W 0 ist Büchners A r e f 1 n 0 ? Gelegentlich der Aust sührung von Georg Büchners, des genialen hessischen Poeten, DramaDantons Tod" durch die Freie Volksbühne in Berlin sei daran erinnert, daß des jung verstorbenen Dichters letztes und vielleicht sein bedeutendstes Werk, das Drama! Pietro Aretino", verschollen ist. Büchner hatte es int Sommer 1836 vollendet. Mit wieviel Eifer und Liebe ec an diesem Drama aus dem Cinquecento gearbeitet undj welche Hoffnungen er auf dieses Werk gesetzt hatte, dass er selbst für fein bestes hielt, geht aus feinem Briest wechsel hervor. Er wollte es nicht so rasch an die Oeffenb, lichkeit geben.Ich bin noch mit manchem unzufrieden"^ so schreibt er,und will nicht, daß es mir geht wie baäf erste Mal. Das sind Arbeiten, mit denen man nicht M einer bestimmten Zeit fertig werden kann, wie der Schneider mit seinem Kleid." Endlich aber war die Arbeit doch vollendet und, wohl zur Prüfung und Beratung darüber, versandte er es, wahrscheinlich im September 1836 an je* mand, der ihm gewiß eine besonbers teure Persönlichkeit war. Am 2. Februar 1837 erkrankte der Dichter; die Er* fr an hing nahm schnell eine sehr traurige Wendung. ArH 13. Februar starb er. In seinen letzten Lebensaugenblicken stammelte er etwas von dem genannten Drama; sichtlich wollte er eine Anordnung darüber treffen. Er rang nach Worten, aber die Zunge wollte ihm nicht mehr gehorchen; er suchte sich durch Zeichen verständlich zu machen, aßen die Hand sank kraftlos zurück auf das Bett des Sterbendem, Es ist nie bekannt geworden, wo sich das letzte Werks des Dichters befindet, trotz eifrigster und mühevollster 2üw ftrengungen der Familie Büchner und der Freunde beä-l verstorbenen Dichters.

Handel und Verkehr. Volkswirtschaft.

Darmstadt, 8. Jan. Die Süddeutsche Eisenbahn-Gesellfchast ruft auf den 1. März dre Resteinzahlung von 50 Prozent cnif 3 600 000 Mk. Aktien Lit. B. ein. '

Berlin, 8. Jan. Wie dieNat.-Ztg." hört, hat ein großes schlesisches Werk einen Auftrag auf Eisenbahnmaterial von Indien erhalten.

Vermischtes.

*DieErziehung der linken Hand- Eine höchst bemerkenswerte Anregung, welche in Amerika ihren Anfang genommen hat, beschäftigt gegenwärtig die europäischen Pädagogen und Künstler- Einer Anregung von Benjamin Franklin folgend, ist man in Philadelphia auf Grund zahl» reicher Versuche zur Ueber&eugung gelangt, daß die all­gemeine Vernachlässigung oer linken Hand nicht auf eine angeborene Schwäche und Unbrauchbarkeit derselben, son­dern auf eine Erziehungsgewohnheit der Menschheit zurück- zuführen sei- Die Erziehungskommission von Philadelphia hat sich an die Spitze der Bewegung gestellt, und nachdem sie zuerst mehrere tüchtigeambidextre" Professoren heran­gebildet, eine Schule für Schreiben, Zeichnen und Mo« dellieren mit beiden Händen, eröffnet- Die Befürchtungen mehrere Aerzte, daß die volle Ausbildung und der Gs-> brauch der linken Hand neben der rechten zu gefährlicheys Herzstörungen führen könnte haben Jidj als unbegründet erwiesen, u>nd dank zahlreichen Vorträgen und Broschüren der Anhänger derBeidhändigkeit" finden sich immer mehr? Eltern, die ihre Kinder nach dem neuen System erziehen lassen- Neuerliche Beobachtungen haben zu dem Ergebnis geführt, daß kleine Kinder keineswegs eine natürliche oder ererbte Neigung zur vorwiegenden Benutzung der rechten Hand aufweisen, ja daß sie im Gegenteil alles lieber mit der linken Hand angreifen. An unserer Einhändigkeit ist also nur die Mahnung schuld, welche Kindermädchen, Lehrer! und Eltern stets tm Munde führen:Thue alles mit dev rechten Hand!" Mehrere Pariser Künstler haben nun bie Sache an sich selbst erproben wollen; die Revue La Contem» poraine veröffentlicht eben die Reproduktionen mehrerer gelungener Zeichnungen, welche die Maler Mstinet und Goss, die bis jetzt nur mit der rechten Hand gezeichnet, mit der linken Hand entworfen haben- Man darf also hoffen, daß binnen kurzem ein vollkommeneres Geschlecht, das derBeidhänder" erwachsen wird- (Man scheint in Amerika nicht zu wissen, daß bereits der deutsche Dichte- Wilh- Jordan die Erziehung der linken Hand in außer» ordentlicher Weise gepflegt hat- Bei der Niederschrift der 33000 Verse seines gewaltigen Nibelungenepos kam es wohl vor, daß feine rechte Hand ermüdete- Mit eisernem Fleiße erzog» >er darum feine linke Hand so weit, daß er mit ihr bald fast ebenso deutlich und fast ebenso schnell schreiben konnte, wie mit der rechten- Er plaudert darüber aus» führlich in einem AufsätzeAmbidexter", bet in seinen schönenEpisteln und Vorträgen" enthalten ist. D. Sieb, des Gieß Mz.)