Frauen dazu nehmen, dann vorenthalten. Beifall.) Der Referent. Es
soll man ihnen auch daS Stimmrecht nicht Es ist nur eine Frage der Zeit! (Lebhafter national-soziale Herr v. Gerl ach ist zweiter folgt dann noch eine kurze Diskussion, in der das Eintreten der Frauen für die Sozialde-
den der Frauenbewegung in die Parlamente zu verhelfen. Im Uebrigen könnten sie es mit der Politik halten, wie sie wollen. Frau Minna Cauer schließt die Sitzung nach der ironischen Bemerkung, in Frankfurt scheine schon x/, 11 Uhr eine sehr „vorgerückte Stunde" zu sein.
AI. Wiesbaden, 7. Okt. Dem Bund deutscher Frauenvereine wurde am Dienstag ein Geschenk von 300 Mk. von ungenannten Freunden überwiesen. Bei der Diskussion der Dienstbotenfrage nahm die Generalversammlung, wie noch nachzutragen ist, die Resolution an, dahm zu wirken, daß den Dienstboten durch gesetzliche Bestimmung jede Woche ein freier Nachmittag und alle 14 Tage eir halber freier Sonntag zugestanden würde.
Frau Fürth mokratie empsiehlt, worauf Herr v. Gerl ach im Schlußwort betont, es dürfe den Frauen nur darauf ankommen, Freun-
Aus Stadt und Land.
Gießen, 9. Oktober 1902.
- Die Landtagswahlen rücken immer näher; nur noch drei Wochen trennen unS von der am Mittwoch, den 29. Oktober, stattfindenden Wahlmännerwahl. Stimmberechtigt für diese sind alle hessischen Staatsangehörigen, welche das 25. Lebensjahr zurückgelegt haben und seit dem 1. April dieses Jahres Steuern bezahlen. Die Zahl der zur Wahl des Abgeordneten aufzustellenden Wahlmänner ist in der hessischen Verfassung bestimmt; für je 500 Einwohner ist ein Wahlmann vorgesehen. Ihre Zahl bestimmt das Kreisamt auf Grund der letzten Volkszählung; bei der diesmaligen Wahl beläuft sie sich auf 101. Diejenigen Urwähler, welche dem Gesetz nach als Wahlmänner aufgestellt werden können, sind in der Wählerliste mit einem Sternchen gekennzeichnet. Bei der Wahlmännerwahl entscheidet die einfache Stimmenmehrheit. Am 8. November haben dieWahl- männer den Abgeordneten zu wählen. Die Wählerlisten mit den Namen aller Stimmberechtigten werden von Montag, den 13., bis Mittwoch, den 15. Oktober, zur Einsichtnahme auf der Bürgermeisterei außgelegt. Nachträgliche Eintragungen Wahlberechtigter müssen auf rechtzeitige Reklamationen hin erfolgen. — Aus Ob er-Ingelheim wird geschrieben: In einer gestern Abend in Ober-Ingelheim stattgehabten Besprechung von Wählern wurde beschlosien, den Rechtsanwalt Claß -Mainz als Kandidaten für den Wahlkreis Ingelheim-Finthen auf- zustellen. DaS Mandat soll dem Genannten zunächst ange- boten werden. Dabei ist nicht an eine Parteikandidatur gedacht, sondern man beabsichtigt, den Rechtsanwalt Claß als unabhängigen parteilosen Kandidaten aufzustellen.
Zu den Landtagswahlen. Aus Grebenhain wird uns geschrieben: Heute fand hier eine Versammlung der Vertrauensmänner und Mitglieder deS Bundes der Landwirte statt, um zu den Landtagswahlen für den Wahlbezirk Herbstein-Ulrichstein Stellung zu nehmen. Ein Beamter des Bundes der Landwirte, O. Neureuther aus Offenbach, sowie der Gutsbesitzer Schade von Altenburg bei Alsfeld leiteten die Versammlung. Ein Resultat ergab die Versammlung nicht. Es kamen unter mehreren Kandidaten nur Bürgermeister Muth in Salz, früherer Landtags- abgeordnetcr, und Bürgernieister Schmalbach tn Crainfeld, seitheriger Abgeordneter, in Frage. Keiner von diesen beiden wollte jedoch zurücklreten, sodaß die Mitglieder des Bundes bei der Wahl selbst sich für den einen oder den anderen Kandidaten entscheiden muffen.
recht stattsinden. Der darf unS nicht unvorbereitet finden. Wir fordern zunächst daS Kommunalwahlrecht. Schul- und Wohnungsinspektion warten nicht minder auf die Mitarbeit der Frau. Meine Damen! Haben wir nicht Frauen, die große Geschäfte leiten oder einen GutSbesitz rc.? Wenn die taugen und große Verpflichtungen auf sich
• * Die Eröffnung deS Menagerie-Zirk^ Charles findet erst am SamStag Abend 81/, Uhr statt.
* * Gegen die Ar beitslosigkeit. Im Laufe der nächsten Tage findet in Frankfurt a. M. eine Versammlung von Vertretern hessischer und preußischer Städte statt, um über die Beschaffung von Arbeitsgelegenheit für Arbeitslose zu beraten. Tie Versammlung wurde einberufen, weit die Bedingungen, unter denen Arbeitslose beschäftigt worden waren, in verschiedenen Städten auch verschieden waren. Dies hat dazu geführt, daß in der Preffe und m Versammlungen gelegenttich die eine Stadt gegen die andere auSgespielt wurde, und daß diese vielfach berechtigten Erörterungen zur Verbreitung der Vorstellung gefühtt hätten, die Verwaltung einer Stadt übe geringere Fürsorge als die andere. In diesem Winter trete voraussichtlich die Notwendigkeit der ArbeitSlosenbeschäftigung aufs neue an die einzelnen Städte heran, und eS erscheine daher nützlich, wenn wenigstens die benachbarten Städte dieser Angelegenhell näher treten. Der Konferenz in Frankfurt werden auch die Vertreter Her Städte Darmstadt, Mainz, Wiesbaden, WormS, Hanau, Offenbach u. a. beiwohnen. Gießen wird nicht vertreten fein, da eS hier keine Arbeitslosen giebt.
• * Darmstädter Pferdemarkt-Lotterie. Bei der gestern stattgehabten Darmstädter Pferdemarkt-Lotterie fielen drei Hauptgewinne, und zwar der 4., 9. und 16., in die Kollekte von Richard Buch acker hier.
n. Schotten, 8. Okt. Nachdem bereits am 7. Sept, dem Kriegerverein in Rainrod zur Feier seines 25- jährigen Bestehens eine Fahnenschleife überreicht worden war, wurde nun anch dem Kriegerverein Ulfa, der ebenfalls zu dem Bezirk „Vogelsberg" gehört, von dem Kaiser eine Schleife verliehen, die nächsten Sonntag den 12. Oktober durch den Kreisrat Geh. Reg.-Rat Schönfeld von hier überreicht werden soll.
— Nieder-Ofleiden, 8. Sept. Die wirtschaftliche Frauenschule und somit auch die Kleinkinderschnle hier haben, nachdem ihre Begründerin, die Frau von Schenk verstorben ist, mit dem 1. d. M. ihr Bestehen aufgegeben. Die Wiedereröffnung, die zum Frühjahr nächsten Jahres vermutet wird, ist wohl noch sehr in Frage gestellt.
Darmstadt, 8. Okt. Der Großherzog genehmigte, daß das mechano-therapeutische Institut des Dr. Lossen den Namen „Ernst Ludwigs-Heilanstalt" führe.
Mainz, 8. Okt. Auf dem am Sonntag, 12. Oktober, stattsindenden hessischen Katholikentag werden sprechen Reichs- und Landtagsabgeordneter Amtsgerichtsrat de Witt aus Köln über „die Wirksamkeit deS Zentrums im Interesse des Volkes", Profeffor und Gymnasiallehrer Jak. May auS Bensheim über „die Bedeutung deS katholischen Studienvereins" und Reichstags- und Landtagsabgeordneter Rechtsanwalt Dr. Schmitt aus Mainz über „die Thätigkeit bet hessischen Zentrumsfraktion und die bevorstehenden Landtagswahlen". — Ein Eisenbahn-Zusammenstoß ereignete sich gestern abend gegen 11 Uhr auf dem Bahnhofe in Kastel, indem eine Lokomotive gegen eine Kette Personenwagen, welche umrangiert werden sollten, ftiefe. Zwei Wagen wurden hierdurch auS dem Geleffe gehoben und einem derselben die Seitenwand eingedrückt. Unglücksfälle sind hierbei nicht vorgekommen. Wegen dieses Zusammenstoßes hatte der 11 Uhr 17 Min. in Kastel ankommende Rheingauer Zug dreiviertel Stunden Verspätung.
Worms, 8. Okt. Wie die „W. Ztg." hört, beabsich» tigt Albert Goetschy, Lektor an der Universität Giefeen, hier eine Reihe von französischen VortragS-Abenden zu halten. Mainzer Blätter sprechen sich sehr anerkennend über den Vortrag des Herrn Goetschy auS. Seine Worte reißen mit, schreibt das „Mzr. Tgbl.", man folgte, je länger er sprach, um so mehr mit atemloser Spannung u. s. w.
Frankfurt, 8. Okt. Versammlung des Vereins „Frauenstimmrecht" im großen Saal der neuen Börse. Frl. Dr. Anita AugSpurg eröffnet die Versammlung. Nach mehreren Ansprachen kommen die eigentlichen Referenten zu Wort. Zuerst Frl. AugSpurg. Sie führt etwa auS: Ich hoffe daß die Frankfurter Frauen bei allen wichtigen politischen Fragen ihre Stimme erheben werden. Es ist also notwendig, sie mit dem Gedanken deS Frauenstimmrechts vertraut zu machen. Wenn die deutschen Frauen nicht endlich anfangen, für dies Recht zu agitieren, werden sie eS noch in Hunderten von Jahren nicht erreichen, einen solchen Anfang aber wollen wir machen. Dabei sind wir unS bewußt, daß auch die Lösung dieser Frage nur Schritt für Schritt vor sich gehen wird. Im Jahre 1904 wird in Berlin ein internationaler Kongreß für Frauenstimme
die Kommission znr Bekämpfung deS AlkoholiS- m u S unter Vorsitz von Frl. O. Hoffmann-Bremen und mit ftxL Adelheid Tinzmann-Striegau als Referentin ihre Verhandlung.
Vermischtes.
Berlin, 8. Okt. Sonr.iag nacht kenterte auf beul Tegeler See ein Toppclskuller, dcisen Insassen, ein Techniker und ein Ingenieur, ertranken. Tie Leichen sind noch ungeborgen.
15. Gerreral-Bersammlung des Evangelischen Bundes zur Wahrung der deutsch-protestantischen Interessen.
Hagen, 8. Oktober.
Nach verschiedenen Spezialkonferenzen wurde die öfsent- liche Hauptversammlung in der dicht gefüllten Johcmnis- kirche eröffnet. Nach der Schristverlesung aus Epheser 1 übernahm an Stelle des durch Krankheit verhinderten Grafen Wintzingerode Grüber-Hagen den Vorsitz. Stellvertretender Vorsitzender war Konsisborialrat Göbel-Halberstadt. Kousistorialrat Leutschen-Wanzleben hielt die Be- grüßuirgsausprache und gedachte der verstorbenen Mitglieder. Bei der nun vorgenommenen Konstituierung der Versammlung übernahm Göbel den Vorsitz. Ferner wurden in das Präsidium gewählt: Landgerichtspräsident Lang- rock-Hagcu und Fabrikbesitzer Schul^-Hageu. Professor Witte verlas den Worllaut des an den Kaiser gerichteten Telegramms. Sodann folgten verschiedene Begrüßungen. Ramens des evang. Oberkirchenrates von Berlin und des Konsistoriums in Münster überbrachte Konsistorialpräsident Stoctmann-Münster Grüße, namens der Provinzsynode von Westfalen Pfarrer König-Witten, namens des Provinzial- ^erbandes Der „Gustav-Adols-Stistung" Niederstein-Lüden- icheid. Nach dem Tank des Vorsitzenden für die Begrüßungen und nach einem gemeinschaftlichen Gesänge sprach Pfarrer Reischle-Hall, über die Bibel und das christliche Volk.
Tie Versammlung gab ihrem Bedauern über die Mi- Nisterialversügung Ausdruck, durch welche die Ausstellung und Verlegung von Altären auf öffentlichen Straßen und Plätzen bei Fronleichnams- und anderen althergebrachten und neu zu g'.enefemigenben Prozessionen widerruflich gestattet und einziger Grund der Versagung die zu befürchtende Störung des Verkehrs und der öffentlichen Ordnung hingestellt wird. Eine zweite Resolution betrifft die Landesverweisung reichsdeutscher und evangelischer Geistlicher in Oesterreich im Widerspruch mit den in Oesterreich bestehenden Gesetzen der Glaubensfreiheit, insbesondere mit der Bestimmung des Paragraph 11 des kaiserl. Patents vom 8. April 1861, nach der den Evangelisch, n die Befugnis gewährt wird, für den Kirchen- und Schuldienst mit Genehmigung des Ministeriums Ausländer, insbesondere Angehörige der deutschen Bundesstaaten, zu berufen. In der dritten Resolution spricht die Generalversammlung Genuathuung aus über bie Ent- schiedeuhc't, mit der die badische Bevölkerung die aus Einführung von Männerklöstern gerichtete Forderung znrückgewiesen hat. Tie vierte Resolution erklärt, die freudige Zustimmung zu den von der preußischen Regierung zum Schutze des bedrohten Deutschtums in den Ostmarren ergriffenen Maßregeln und in der fünften Resolution endlich giebt die Generalversammlung der Hoffnung Ausdruck, daß die auf engeren Zusammenschluß der deu tsch-evangelischen Landeskirchen ge- rid)tetcn Bestrebungen von Erfolg begleitet sein mögen.
Künste KtueraL-DersirmmLuog des Kundes Deutscher Krauenvereine.
Wiesbaden, 7. Okt.
Auf dem deutschen Frauentage erwiderte auf eine Interpellation des Frl. Schnee die Lehrerin Frl. Lisch- newska, die wegen antifemitischer Gesinnung verdächttgt worden sei: 1. daß sie jede konfessionelle Scheidung der deutschen Frauen, sei es in der Frauenbewegung, fei es in den Berufsorganisationen, jederzeit verurteilt und berurteüt hat; 2. daß für sie (Frl. L.) persönlich kein Unterschied besteht nach irgend welcher Seite der Konfessionen, daß sie den Menschen nur als Menschen nach seinem Charakter achte und daß sie 3. bie Mitarbeit der jüdischen Frauen in der Bundessache jederzeit mit Tank anerkannt hat.
Namens der Kommission für Handelsangestellte berichtet Frau Biöll-Frankfurt. Auf Antrag von Frl- v. Roy wird eine Resolution gefaxt, wonach der Bundesratsbeschluß wegen Gewährung von Sitzgelegenheit für Ange- st e l l t e nch wirklich durchgeführt und nicht wie bisher von den Geschäftsinhabern vielfach hintergangen und vereitelt wird. Oberst Gall verweist auf Amerika, wo die laufenden Frauen illoyale Geschäfte boykottieren. Frl. Salomon empfiehlt weiße, nicht schwarze Listen, d. h. 'Kennung der Geschäfte, die dem Gesetz Genüge thun. Mit den Vorbereitungen für den internationalen Kongreß in Berlin 1904 wird der Bundesvorstand betraut. Tann erfolgt unter allseitigen Dankesworten Sch lu ß der Generalversammlung.
Am Nachmittag wird in der Verhandlung der Rechts- .ommission (Frl. Tr. Raschkel die Notwendigkeit einer reichsgesetzlichen Reform der Gesindeordnungen dis- iutiert. Herr v- Gerlach führt aus: Handelte es sich nur um die süddeutschen Staaten, so könnte man die Verträge sehr wohl den Einzellandlagen anvertrauen. Aber nordwärts des Mains heißt es „Laßt alle Hoffnung fahren". In Preußen und vollends in Mecklenburg würde man die Frage einfach „lächerlich" nehmen. Schließlich wird eine Petition acceptiert, wonach für die weiblichen, durch eine Novelle der Gewerbeordnung zu unterstellenden Handarbeiterinnen" alle vierzehn Tage ein freier Sonntag und jede Oö o che minoestens ein freier 23er 11 a g 8 n a± nt i 11 c. g zu gew ..>ten ist.
Sodann eröffnet als letzten Punkt der Tages ung
griff bie Regierung aufs heftigste an, weil sie au der LossutH-Feier nicht teilgenvmmen habe. Er kündigte an, daß seine Partei das Zustandekommen des Ausgleichs um jeden Preis verhindern werde. Coloman Szell erwiderte energisch und erklärte, daß, falls die Opposition thatfächlich dem Msaleich Schwierigkeiten bereiten sollte, er sich gezwungen sehen würde, das H<ms aufzulöfen und an die Nation zu appelieren. Er sei überzeugt, daß die Nation chm Recht gebe.
Konstantinopel, 8. Okt- Bei Knitze ist eine mazedonische Bande von einer Abtellung türkischen Mllitärs gefangen genommen worden.
Washington, 8. Okt- Präsident Rooseoell ernannte den Botschaftssekretär White zum Botschafter in Rom. White wird seinen Posten jedoch erst im nächsten Frühjahr an treten. (Vgl. D. Reich)
Newyork, 8. Okt- Dem Newyorker „Herald" wird xuö Rio d e Janeiro gemeldet: Telegraphischen Nachrichten aus Para zufolge drangen bolivianischeTrup- pen in brasilianisches Gebiet ein, griffen mehrere Dörfer an und nahmen zwei brasilianische Kaufleute fest, die sie beschuldigten, an dem Aufstande im Acrebezirk beteiligt gewesen zu fein.
Pe fing, 8. Ctt Ter Teil der Mandschurei südlich deS Liad-Flusjes, wurde heute gemäß dem russisch-chinesischen Vertrag uetreffenb die Mandschurei den Chinesen zurückgegeben.
Der Kouitzer Mord vor Gericht.
Berlin, den 8. Oktober 1902.
Im Prozeß gegen die „Staatsb. Ztg." wurde heute mit der Verlesung der Aussagen der kommissarisch vernommenen Zeugen über die Vorgänge in Könitz fortgefahren. Vorerst wurde der Erste Staatsanwalt Schweigger über das Gerippe des Meineids- Prozefses Lewy vernommen. Er sagt aus, daß 31 Zeugen einen Verkehr zwischen Moritz Lewy und Winter bekundet hätten. Sechs davon habe er von vorneherein ausgeschlossen, weil sie unglaubwürdig waren. Er selbst habe von vorneherein nicht die Meinung gehabt, daß Moritz Lewy die Bekanntschaft mit Wmter aus dem Grunde verleugnete, weil er an dem Morde beteiligt sei, sondern well er Furcht Halle, daß, wenn er die Thatsache der Bekanntschaft zugebe, noch mehr Ungemach über ihn und seine Familie kommen würd' Es folgt die Vernehmung des Nebenklägers Kaufmanns Caspari aus Könitz. Derselbe sagt u. A. aus, er habe von einem Verkchr seiner Tochter mit Ernst 2Binter nichts gewußt, andern davon erst nach dem Morde bet Gelegenheit eines Be- ucbes erfahren, den ihm Frau Winter in der Mordsache abstattete. Seme Tochter habe die Bekanntschaft mit Winter nicht abgeleugnet. Ihre Ableugnung bezog sich nur darauf, daß sie Frau Winter nicht lernte. Auf wiederholtes Befragen des Angeklagten Bruhn bleibt der Zeuge Caspari dabei, daß er von einem Verkehr seiner Tochter mit Wmter nichts gewußt habe und daß ihm vor Erscheinen des ersten Artikels der „Staatsb. Ztg." auch nichts über einen gegen ihn schwebenden Verdacht zu Ohren gekommen sei. Hierauf tritt eine Pause ein.
Nach Wiederaufnahme der Verhandlungen wird der B e - cheid deö Ersten Staatsanwalts Schweigger verlesen, den dieser an Rechtsanwalt Hahn auf die Strafanzeige gegen Lewy und Genossen erteilt hat. 1. Der Verdacht gegen irgend eine der bisher in den Akten beschuldigten Personen, sei es mosai- chen, sei es christlichen Glaubens, bat sich nicht bestätigt. 2. Die Behauptung des Blutmoroes ist in subjektiver Beziehung nicht erwiesen und in objektiver Beziehung durch den Befund der Leichenteile und der Kleider widerlegt. 3. Ernst Winter ist den Erstickungstod bei Ausübung des Geschlechtsaktes gestorben. 4. Der Halsschnitt ist nach dem Tode zum Zwecke der Leichenzerstückelung erfolgt. Sodann gelangt der Beschluß des Strafsenats des Oberlandesgerickts zu Marienwerder zur Verlesung, an den sich Rechtsanwalt Hahn mit dem Antrag auf gerichtliche Entscheidung gewandt hatte. Dieser Beschluß stellt sich im Allgemeinen auf den alten Standpunkt.
Bürgermeister D ed i t iu s: Ihm sei gemeldet worden, daß Lewy auf dem Wochenmarkt Fleisch nicht mehr ausstellen konnte. Wenn Käufer sich bei ihm einfanden, so stellten sich gleich Leute rings herum und riefen: „Leute, Ihr werdet doch nicht bei solchem Menschen kaufen? Der schlachtet ja Christen! Tas ist ja Christenfleisch!" Weiter habe er gehört, dafe Moritz Lewy, als er einem Kunden, der 12 Jahre lang ein Kunde von Lewy war, Fleisch bringen wollte, überfallen, mißhandelt und ihm bedeutet worden sei, daß Niemand mehr Fleisch von ihm kaufe. Angell. Bruhn: Weiß der Zeuge, daß Lewy jetzt in Berlin als Rentier lebt? Bürgermeister Deditius: Er roiffe nur, daß Lewy nach Berlin abgemeldet ist. Sein Haus besitze er noch in Könitz. Dem Vernehmen nach beabsichtige er, bei emgetretener Beruhigung wieder dorthin zurückzukehren. Rechtsanwalt Son- nenfeld: Lewy lebt in Berlin von Unterstützungen. Rechtsanwalt Hahn fragt den Kriminalinspektvr Braun, ob ihm bekannt ei. daß in Könitz an dem Tage, als Hoffmann verhaftet werden oute, gejagt wurde, wenn dies geschieht, dann kommen die B e r - liner Kriminalbeamten lebend nicht aus Könitz.
ZeugeBraunbestatigt dies, schonbei ihrer Ankunft seren die Berliner Kriminalbeamten zum Gegenstand spöttischerBemerkungen gemacht worden. Man habe gejagt, „die Juden hätten sich etzt Leute auS Berlin kommen lassen" und als er sich dazu umdrehte, habe man ihm entgegengerufen: „Na, kiek di man um, di meeneit roi l" In ferner 31jährigen Praxis seien ihm und einen Kollegen bei den Ermittelungen in Mordsachen niemals Hindernisse bereitet worden, aber jedesmal, wenn die antisemitische Bewegung eingreife, kommen solche Hinderniffe. Auf eine Anfrage des Rechtsanwalts S o n n e n s e 1 d bestätigt Erster Staatsanwatt^ S e t t e g a st, daß ihm wiederboll von jüdischer Seite Geldmittel zur Ermittelung des Tbäters überwiesen worden seien. Einmal eien ihm von einer Gesellschaft jüdischer Herren 6000 Mark überwiesen worden. Auch von christlicher Sette seien einige hundert Mark zu diesem Zweck gespendet worden.
Hierauf wird die Verhandlung auf morgen vertagt.
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