Zweites Blatt.
15L. Jahrgang
Donnerstag 9. Oktober 1003
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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen MDZ
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nach ihrem Absteige-Quartier in der Prinz Mbrechistraße sich begeben, wo der Empfangs-Ausschuß zur feierlichen Begrüßung sie erwartet. Tie Versammlung in der Philharmonie erfährt keine Aenderung. Dagegen wird das Fest des BurenhilfsbunLes bereits am Abend des Ankunfttages stattfinden. Das frühstück des Alldeutschen Verbandes ist auf Samstagvormittag im Kaiser Hof festgesetzt. Freitage Nachmittag gedenken die Generale einer Einladung des IrauenhilsskomiteeS zum Kaffee zu folgen. Am Schluß der großen Versammlung in der Philharmonie werden den Generalen durch junge Dttidchen Lorbeerkränze überreicht werden.
In Brüssel empfingen die Burengenerale am Dienstagabend eine Llbovdrmng der belgischen Presse und unterhielten sich längere Zeit mit den Mitgliedern derselben. Tie Gaben für das Burenhilfskomitee laufen reichlich ein. Tas Komitee hielt unter Anwesenheit der Generale eine Sitzung ab, um über Mittel und Wege zur Sammlung von Hilfsgeldern zu beraten. Wahrscheinlich wird seitens des Komitees bei den zuständigen Behörden die Erlaubnis nachgesucht werden, im Lande eine öffentliche Kollekte abhalten zu dürfen. Am Montag werden die Generale sich nach Paris begeben und dort wichtige Besuche machen, welche, wie es heißt, in politischen Kreisen Aufsehen erregen werden. Nach Beendigung der Reise in Deutschland kehren zwei der Generale nach Frankreich zurück, um dort eine Reihe von Vorträgen zu halten. Am 26. treffen sie in Nantes ein, um der Einweihung des Denkmals für den BurenLämPfer Oberst Villebois beizuwohnen. Die Burengenerale beabsichtigen alsdann, nach den Vereinigten Staaten zu reifen, wo sie den Abschluß der in der Schwebe befindlichen Verhandlungen herbeiführen wollen.
Als am Mittwoch die Burengenerale Tr. Leyds in seiner Wohnung besuchten, trafen sie dort Constantin Me u- nieur, den großen belgischen Bildhauer und Maler, der gerade gekommen war, um durch Vermittelung Leyds die Generale zu ersuchen, ihm eine Porträtsitzung zu gewähren. Tie Generale erklärten aber, daß sie prinzipiell weder Künstler noch Photographen posieren wollten.
Ten Generalen wurde am Mittwochnachmittag in Gent ein enthusiastischer Empfang zu teil.
In französischen Negierungskreisen wird versichert, man werde dort den Sammlungen der Burengenerale keinerlei Schwierigkeiten bereiten. Man vertraut ihrem Takt, daß sie alles unterlassen, was den englischen Botschafter zu Vorstellungen veranlassen könnte. Wie verlautet, werden die Generale auch vom Präsidenten Loubet und dem Vorsitzenden des Gemeinüerats empfangen werden. Tie von den Buren in Brüssel veranstaltete Kollekte hat nur den Betrag von 5000 Francs ergeben. Die belgischen Blätter fordern deshalb die Brüsseler Bevölkerung auf, etwas tiefer in die Taschen zu greifen. Das Komitee der in Belgien lebenden Holländer spendete gleichfalls 5000 Francs.
Volitische Tagesschau.
Der Fall Siam.
Eine Einwirkung des soeben abgeschlossenen französisch-siamesischen Vertrages auf die deutschen Interessen in jenem hinterindischen Königreich ist nicht zu erwarten, weil Deutschland dort keinerlei politische Interessen verfolgt. Vom Standpunkte seiner wirtschaftlichen Bethätigung aber kann es den ziemlich weitgehenden Konzessionen, welche den Franzosen vertragsgemäß eingeräumt find, mit größerem Gleichmut gegenüberstehen, als wenn es sich um England handelte. Ueberall in fremden Landen und besonders auch in Siam sind Deutsche und Franzosen besser miteinander ausgekommen, als Deutsche und Briten. Daß England den gelungenen Schachzug Frankreichs ohne weiteres hinnehmen wird, ist unwahrscheinlich. Allenfalls die Rücksicht auf den japanischen Bundesgenossen könnte es zurückhalten. Japan wünscht nämlich nicht, daß das ihm durch Rasse und Tradition nahestehende Siam drangsaliert werde. Doch es erscheint, abgesehen davon, daß zarte Rücksicht niemals die Schwäche englischer Staatsmänner war, der Vertrag Frankreichs mit Siam in der That geeignet, dem Prestige Englands in Hinterindien Abbruch zu thun. Das wird man in London nicht hingehen lassen.
Der franz, regierungsfreundliche T.-putirte Teloncle zeigte dem Minister des Aeußeren cm, daß er ihn über das französisch-siamesische Uebereinkommen interpellieren werde. Tie Interpellation dürfte gelegentlich der Tebatte über die Genehmigung des Vertrages erörtert werden. Der „Temps" erklärt, durch den Vertrag werde alles beseitigt, was das Verhältnis zwischen Frankreich und Siam feindselig gestalte. Frankreich werde in Zukunft Siam gegenüber eine Politik des Einvernehmens bethätigen können. Die nationalistische „Liberts" veröffentlicht eine Unterredung mit einem Kenner der siamesischen Verhältnisse, wonach dieser erklärte, die beiden Franlreich zugestandenen Provinzen seien arm und fast vollständig öde. Gegenüber dem Vertrag von 1893 bedeute das neue Uebereinkommen einen Rückschritt.
Philippinische Greuel.
Tie amerikanische „Anti-Jinperialisten-Liga", zu deren Häuptern Karl Schurz gehört, legt von Zeit zu Zerr immer neues Teweismateriac dafür vor, daß die am e r ika nisch e Armee auf den Philippinen sich schändliche Verbrechen habe zu Schulden kommen lassen. In einem Schreiben an den Präsidenten Roosevelt erbietet sich die Liga, b.e Beweise für die Folterung eines Paters Augnpin durch amerikanische Soldaten unter Mitwi^rniig eines Sergeanten und in Gegenwart des kommanrirrenden O f s i z i e rs, und des Arztes des Mili-
tärpoftens zu erbringen. Der Zweck der „Wasserkur, nach deren dreimaliger Anwendung das Opfer starb, soll gewesen sein, dem Pater die Angabe über den Verbleib von Geldern abzupressen. An das Publikum ist eine ausführliche Darlegung der Lage auf den Philippinen gerichtet. Tie Liga stellt darin unter Beibringung amtlichen Beweismaterials die Behauptung auf, daß die Offiziere und Soldaten von Anfang an barbarisch gewirtschaftet und unzählige Verbrechen begangen hätten, daß aber der Kriegsmini st er Root jegliche Untersuchung einzelner Fälle gefiissentlich hintertreibe. Die Wahrheit müsse ans Licht gebracht werden, was aber nicht möglich sei, solange der Präsident die Ber- tuschungspolitik des Kriegsministers dulde. Tie Anklagen sind Punkt für Punkt dokumentarisch belegt und der Appell ist höchst sachlich und ernst gehalten, wie das von den Führern der Liga, welche alle hochangesehene Leute sind, nicht anders zu erwarten ist. Nichtsdestoweniger schweigt sich die Presse mit wenigen Ausnahmen darüber auS.
Deutsches Keich.
B e r l i n, 8. Ott. Aus (Sabinen wird gemeldet: Heute früh besichtigte der Kaiser die Gutswirtschaft, um 10 Uhr wurde die neue Schule in seiner Gegenwart eingeweiht. Sodann besichtigte der Kaiser eingehend die Ziegelei.
— Der „N. A. Ztg." zufolge giebt die „Libre Parole" nach dem Madrider „Heraldo" den Inhalt eines Bei- leidstelegrammes wieder, das der Kaiser an die Witwe Zolas gerichtet haben soll. Eine solche Depesche existiere nicht; es gehöre ein ungewöhnliches Maß von Dreistigkeit dazu, um eine scheinbare genaue Inhaltsangabe einer überhaupt nicht ergangenen kaiserlichen Kundgebung schlankweg zu erfinben.
— Ter „Lotalanzeiger" meldet heute abend, daß bet erste Botschaftssekretär der hiesigen amerikanischen Botschaft Jackson in Kürze Berlin verlasse, da er zugleich mit dem Botschafter White aus seinem Amte scheide; er sei für die Gesandtschaft im Haag in Aussicht genommen. Hierzu erfahren mir, daß Mr. Jackson allerdings die Absicht hatte, gleichzeitig mit Mr. White Berlin zu verlassen. Er wird aber noch bis zum Frühjahr hier bleiben, um nicht den Anschein zu erwecken, als ob er eine Animosität gegen den neuen Botschafter habe. Mr. Jackson wird atebann einen Gescuidtschiaftsposten erhalten, welchen, steht aber noch nicht fest.
Hamburg, 8. Okd Wie ber „H. Korr." aus unanfechtbarer Quelle erfährt, hat Reichskanzler Graf Bülow neuerdings wiederholt der .Ueberzeugung Ausdruck gegeben, daß sowohl die Erhöhung der Minimalzölle auf Getreide, wie die Erweiterung des Minimaltarifes auf Bieh ein Ding der Unmöglichkeit sei.
Halle a. S., 8. Ott. Beim gestrigen Empfange der Vertreter ber hiesigen städtischen Behörden, welche eine Eingabe wegen Fleischnot überreichten, gab ber Lan d- wirtschaftsminister von neuem seiner Meinung dahin Ausdruck, daß die Fleischpreise bald von selbst auf den normalen Stand zurückgehen würden. Für Maßnahmen der Staatsregierung würden die Ergebnisse ber eingeleiteten Enquete bestimmend sein.
Heer unb Flotte.
Zu ber Begnadigung des Leutnants Thieme, der den Apotheker Held in Jena im Duell erschossen, wird neuerdings gemeldet, daß Thieme zum 1. Bataillon des Thür. Infanterie-Regiments 9cr. 94 versetzt worden ist, und bei der 2. Kompagnie seinen Dienst angetreten hat. Tas Urteil gegen Thieme lautete auf zwei Jahre zwei Monate Festung, nicht auf 2y4 Jahre, wie viele Zeitungen berichteten. Tie Verhandlung des Kriegsgerichts, in welcher Thieme verurteilt wurde, fand am 12. Januar d. I. statt, die Begnadigung soll bereits Anfang September (anläßlich der Sedanfeier) erfolgt sein. Somit hätte Thieme nicht ganz acht Monate ber ihm auferlegten Strafe verbüßt.
Ausland. ,
London, 8. Okt- Ten Abendblättern wird aus Tceto* York telegraphiert, Mitchell lehnte den Vorschlag deS Präsidenten Roosevelt mit der Begründung ab, daß er keine ausreichende Bürgschaft biete.
Liverpool, 8. Okt. John K e n s i t, der Führer der antiritualistischen Bewegung, ist in der anglikanischen Kirche gestorben.
Haag, 8. Okt- In hiesigen unterrichteten Kreisen ist nichts davon bekannt, daß der deutsche Kaiser ber Königin Wilhelmina gelegentlich seiner Reise nach England einen Besuch abstatten werde.
Kopenhagen, 8. Okt- Ter Minister des Auswärtigen Teuntzer brachte heute im Landsthina eine Vorlage betreffend Abtretung der dänisch-westindischen Inseln an die Vereinigten Staaten ein und empfahl schleunige Erledigung der Angelegenheit. Ter Präsident setzte die erste Lesung der Vorlage auf den 15., die zweite auf den 22. d- M. fest.
Wien, 8. Okt- Ter Reichs rat ist auf den 16. Okt. einberufen.
— Wie die „N. Fr. Pr." von informierter Seite erfährt, entsprechen die Gerüchte von dem unmittelbar bevorstehenden Rücktritt des deutschen Botschafters Fürsten Eulenburg nicht den Thatsachen.
Budapest, 8. Okt- Tie heutige Eröffnung der neuen Session des Abgeordnetenhauses gestaltete sich äußerst tumultuarisch, sodaß ber Präsident wiederholt mit ber Suspension der Sitzung drohen mußte. Der Abgeordnete der Unabhängigkeitspartei, Barabas,.
3>ie heutige Kummer umsaßt 8 Seiten.
Kie Audieu- der Auren-Keuerale öeim Kaiser.
Gestern nachmittag ging uns folgendes Telegramm tmS Be rlin zu, daS wir sofort durch Aushang bekannt gaben:
Die „Nordd. Allg. Ztg." schreibt: In einer Reihe von Blättern wurde behauptet, daß die Audienz der Burengenerale bei S. M. dem Kaiser nunmehr endgültig fest- stehe. Demgegenüber sind wir in der Lage, folgendes mit- zuteilen: Nachdem eS zur Kenntnis Se. Maj. gelangt war, daß die Führer der ehemaligen Burenarmee, Botha, Dewet und Telarey nach. Berlin kommen würden, erging am 18. September der Allerhöchste Befehl, die Generale dahin zu verständigen, Se Majestät sei bereit, sie zu empfangen, vorausgesetzt, daß sie sich, in Deutschland von jeder antienglischen Opposition sernhalten und bei Sr. Majestät durch die Vermittelung des englischen Botschafters sich melden lassen würden. Hierauf erklärte General Dewet für sich und seine Kameraden, daß sie mit den Bedingungen, unter denen ein Empfang bei Sr. Majestät dem Deutschen Kaiser ftattfinben könnte, einverstanden wären. Nach einer am 6. Oktober aus dem Haag eingegangenen amtlichen Meldung sind die G e n e - rate jedoch inzwischen anderen Sinnes geworden. Sie erhoben jetzt Bedenken dagegen, eine Audienz nachf- zusuchen, erwarten vielmehr eine Berufung durch Se. Majestät dem Kaiser. Demnach ist die Angelegenheit in negativem Sinne entschieden und erledigt."
Diese hochofsiziöse Mitteilung bringt Licht in eine Angelegenheit, die durch Meldungen und Gegenmeldungen mehr oder weniger sensationeller Art allmählich geradezu mysteriös geworden war. Wurde doch noch in den letzten Tagen verbreitet, die kaiserliche Einwilligung zum Empfang sei noch nicht ergangen, während jetzt feststeht, daß bereits am 18. September die Generale von der Bereitwilligkeit, sie zu empfangen, in Kenntnis gesetzt wurden. Noch interessanter ist, daß unmittelbar an diese Einladung dieBedingung geknüpft worden ist: Vermeidung jeder antienglischen Agitation und Einführung durch den englischen Botschafter. Man wird sich erinnern, welche lärmende und umgeziemende Sprache die englische Presse führte, als die Nachricht von der Audienz in die Öffentlichkeit gelangte. Londoner Blätter, wie „Standard" und „Times", verstiegen sich zu kategorischen Forderungen, die Audienz müsse, bei der Möglichkeit der Auffassung einer antibritischen Demonstration, unterbleiben, mindestens aber unter Vermittlung des englischen Botschafters vor sich gehen. TaS sei auch, der Standpunkt ber englischen Regierung. Mit diesem heftigen Gerede hat also die englische Presse offene Thür en eingestvßen. Ter Kaiser selbst machte Bedingungen für die Audienz, die den englischen Interessen vollauf gerecht wurden. Noch mehr: es war geradezu ein Akt des Wohlwollens und der Freundlichkeit England gegenüber, daß der Kaiser den Empfang der Burengenerale herbeizuführen gedachte, denn dadurch wurde ja jede anti- englische Agitation beim Berliner Besuch der Burengenerale auf die einfachste Weise verhindert. Daß die Audienz nun unterbleibt, weil die Burengenerale, „inzwischen anderen Sinnes geworden", wie die offiziöse Erklärung sich ausdrückt, eine Berufung durch den Kaiser erwarten, mithin eine Einführung durch den englischen Botschafter ablehnen — das ist' für die Engländer unzweifelhaft ein Nachteil. Denn jetzt besteht allerdings die Gefahr für England nicht sympathischster Kundgebungen insofern, als die Burengenerale fich vermutlich nicht das Maß von Zurückhaltung auferlegen werden, wie sie nach einem Empfang beim Kaiser verpflichtet waren. Am 16. Oktober nachmittags treffen bie Burenführer, unter Abänderung des ursprünglichen Termins, in Berlin ein. Eine Fahrt durch die Stadt ist vorgesehen, feierliche Begrüßung durch den Empfangsausschuß, große Versammlung in ber Philharmonie, die bereits vollständig ausverkauft ist, Frühstück des Alldeutschen Verbandes — kurzum, die Burenführer erhalten vielfach Gelegenheit, sich an die Öffentlichkeit zu wenden. Es unterliegt keinem Zweifel, daß hierbei all die Sympathieen, die inan während des südafrikanischen Krieges den tapferen Kämpfern um die Unabhängigieit entgegenbrachte, in elementarer Weise zum Ausdruck gelangen. Ten Behörden wird da eine außerordentlich schwierige Aufgabe gestellt. Vian kann einerseits verstehen, daß unsere Regierung eine h.rausfordernde Kränkung Englands unter allen llmstän- d'n fernhalten will; auf der anderen Seite aber verlangt eine sehr populäre Stimmung auch, ihr Recht. In England sind die Burenführer gefeiert worden, und warum sollten sie in Teutschlanb nicht gefeiert werden? Von den Personen, welche die Vorbereitungen für den Besuch getroffen haben, ist anzunehmen, daß sie sich, der Verantwortlichkeit ihrer Aufgabe bewußt find. Und nur an die von dieser, gewissermaßen offiziellen Seite kommenden Veranstaltungen unb Aeußerungen wirb man.sich in England halten tonnen. Tie Burengenerale sind für sich selbst verantwortlich. Ter Don, den das Publikum anschlägt, entzieht sich der Einwirkung. Es würde leicht das Gegenteil des Gewollten Hervorrufen, würde man etwa um eine Dämpfung dieses Tones sich bemühen.
Tas genaue Programm des Berliner Aufenthaltes lautet: Tie Burengenerale werden nach, ihrer Ankunft sofort
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