Ausgabe 
9.4.1902 Zweites Blatt
 
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Krieskasten der Redaktion.

(Anonyme Anfragen bleiben unberücksichtigt.

A. F. in Gieren. Die S omrnersprosse n, die, wie Sie ja missen werden, besonders bei Menschen mir zarter Haut, blonden und rotlicl>en Haaren und sehr weißem Teint erscheinen, sind Piginentablagerungen in der Haut, die iit Winter abblassen oder

Gingrsandt.

(Für Form und Inhalt aller unter dieser Rubrik stehenden Artikel übernimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Verantwortung.)

Während unserer Osterferien hat sich jemand in einem anderen Gießener Blatte bemüßigt gesehen, sich alsgetreuen Eckhard" der Gießener Steuerzahler aufzuspielen und in jencrZeittmg über unsere Gehaltsverhältnisse eine Notiz erscheinen zu lassen, die uns in den Augen unserer Mitbürger als Leute erscheinen läßt, deren Dichten und Trachten ständig darauf gerichtet ist, den Stadtsackel in über­mäßiger Weise in Anspruch zu nehmen.

Wenn wir nun hierzu das Wortt ergreifen, so geschieht dies nicht etwa, um damit diesem Machwerke bie Ehre einer Wür­digung oder Erwiderung angedeihen zu lassen. Gott belehre l Nur der Umstand, daß diese Angelegenheit überhaupt an die Öffentlichkeit gezerrt worden ist, nötigt uns, auch unserer­seits den Gießener Steuerzahlern die Sache darzulegen und ihrem Urteil zu unterbreiten. Und in dieser Hinsicht können wir dem Herrn Einsender jener Notiz nur dankbar sein, denn er verschafft uns so die Gelegenheit, unsere Mitbürger genauer mit unseren Gehaltsverhältniffen bekannt zu machen, und sie dann selbst urteilen zu lassen, ob uns nur die Begierde, der SteuerzahlerGut an uns zu bringen", bewogen hat, eine anderweite Regulierung unsere- Gehaltsoerhältnisse anzustreben.

Für uns liegt die Sache so:

Wir erstreben nichts mehr und nichts weniger, als was unsere Kolleginnen bereits haben, nämlich Gleichstellung im Gehalte mit unseren Kollegen an den städtischen Volksschulen der vier größeren Städte Hessens (Darmstadt, Offenbach, Mainz und Worms), da die Lebenshaltung in Gießen schwerlich billiger sein dürfte als m jenen Städten. Während Gießen früher mit seinen Lehrerbesoldungen in Hessen mit in erster Linie stand, ist es in dieser Beziehung im Laufe der Zeit nicht nur von den bereits angeführten Städten,

Vermischtes.

* Dresden, 8. April. Die Kriminalpolizei hat auf Grund eingehender Untersuchungen fcstgestellt, daß ber neunjährige Sohn eines Straßenl'ehrers in Pieschen innerhalb der letzten zwei Jahre zwei Knaben und ein Miädch en in die Elbe gestoßen und dadurch Deren Tod herbeigeführt hat. Auch in anderen Füllen, in denen Kinder ertrunken sind, dürfte der Knabe nicht ohne Schuld sein.

* Stockholm, 9. April. Gestern abend brannte

.in ?.cr Ttadt gelegene Hefenfabrik der Stockholmer Bäcrerm erster nieder. Eine cinftürzende Fabrikmauer totetevPersoncn aus der herbeigeströmten Menschen­menge. Acht Personen wurden verletzt.

sondern auch von kleineren, wie Bad-Nauheim, Bingen und Fried­berg, überholt worden. Eine Zusammenstellung der Gehaltsbezüge eines Lehrers, wie sie während einer vierzigjährigen Dienstzeit nach den jetzt bestehenden Normen in den einzelnen Städten ihm zu- daß ein Lehrer in Gießen in der angegebenen Zeit

allen, ergiebt, bezieht:

hat gelegentlich der Wahl eines Beigeordneten in Obbornhofen bei einem dortigen Metzger 5 Pfd. Wurst verlangt und erhalten, in­dem sie wahrhestswidrig behauptete, die Wurst, die für ihre Gäste sei, werde von dem gewählten Beigeordneten bezahlt. Da der Letz­tere einer ländlichen Unsitte folgend in der That an dem Wahltage Bier und Wurst seinen Wählern bezahlt hatte und ins­besondere, da in dem Bierausschank der Angeklagten Bier auf Kosten des Beigeordneten an die Wähler ausgeschenkt wurde, so durfte nach Ansicht des Gerichts die Angeklagte des Glaubens sein, daß die Wurstbestellung von dem Beigeordneten gebilligt und der Kaufpreis bezahlt werde was auch in der Folge geschah. Mangels Vorliegens, einer rechtswidrigen Gesinnung war unter Aushebung des schöffengerichllicheu Urteils die Angeklagte von Strafe und Kosten freizusprechen. Der Taglöhner Friedrich Klees III. von Rendel wird wegen gefährlicher.Körperver­letzung und Sachbeschädigung zu eiltet Gesamtgesängnis-- strase von o Monaten 17 Tagen verurteilt. Der Hcnideksmann Hermann Stern aus Niederwöllstadt war vom Schöffengericht Friedberg von der^ Anklage des Diebstahls sreiaesprochen worden; auf die von der Staatsanwaltschaft eingelegte Berufung wird der Angeklagte des Diebstahls schuldig erkannt und zu einer Ztägigen Gefängnisstrafe verurteilt, da festgestellt wurde, daß der Angeklagte einem Andern Stroh weggenommen hat und da der Einwand des Beklagten, er habe im guten Glauben gehandelt, durch.die Beweis­aufnahme widerlegt wird. Der Taglöhner Heinrich Sipp el von Willofs wird wegen zahlreicher Betrügereien und eines Diebstahlsversuchs zu einer dreijährigen Gefängnisstrafe, ab­züglich eines Monats Untersuchungshast verurteilt.

Leipzig, 8. April. Tas Reichsgericht verwarf die Revision des Staatsaiiivalts gegen das Urteil des Land­gerichts II zu Berlin vom 19. Dezember 1901, wodurch Graf Pückler - Klein-Tschirne von der Anklage der Aufreizung zu Ge- wglttätigkeiten gegen Juden sreigesprochen wurde.

lid) nicht nur über ganz Europa, sondern bi§ an die Küsten des Stillen Ozeans erstreckt, wird im nächsten Winter uns Gießenern einen ihrer mit schwerem Golde aufzuwiegcnden Abende schenken. Der unermüdliche Vorsitzende unseres Thcatervereins, Herr Prof. Dr. Fromme, ein Theater- enthusiast, wie wir ihn in Gießen besonders nötig haben, hat soeben, wie wir erfahren, trotz aller der vielen Enttäuschungen, die ihm das hiesige Publikum bereitet hat, wir müssen immer wieder die unbegreifliche Indifferenz gegenüber den Plänen der Deffauer Hofoper beklagen einen Vertrag mi: Agnes Sorma vollzogen. Er lautet auf ein einmaliges Gastspiel am Samstag, dem 15. November. Die Wahl des Stückes ist vorbehalten. Die berühmtesten Rollen der großen Künstlerin sind dasKäthchen von Heilbronn",Ophelia", Desdemona",Esther", die Erita in GrillparzersWeh dem, der lügt" und IbsensNora". In der ersten Hälfte des November wird die Sorma, wie kürzlich Berliner Blätter meldeten, in Karlsruhe und Mannheim gastieren und in der zweiten Hälfte in Hannover. So liegt also Gießen ihr geradezu im Wege und diese Thatfache hat Herr Prof. Fromme ausgenützt und mit dem J'up^sario Ver­handlungen angeknüpft, deren Ergebnis für uns so er­freulich ist.

** Die Arbeiten für die Kanalisation wer­den in den nächsten Tagen zur öffentlichen Ausschreibung gelangen und zwar ist vorerst in Aussicht genommen die Her­stellung des Hauptsiels, welches die Bahnhofstraße, Linden­platz und die Wallthorstraße entlang führt. Weiter aber soll gleichzeitig die Rohrleitung zur Aufnahme der Meteorwässer in dem Bezirk Grünbergerstraße, Moltkestraße usw. in An­griff genommen werden. Nach Erteilung des Zuschlages wird mit der Inangriffnahme der Bauten möglichst sofort begonnen.

** Militärdienst nachricht. Durch Verfügung des Generalkommandos wurde der Zahlmeister Luether vom 2. Bat. Juf.-Regts. Kaiser Wilhelm (2. Großherzogl. Hess.) Nr. 116 zum 1. Bat.--Jnf.-Negts. Hessen-Homburg Nr. 166 versetzt.

** Von der Volksschule. Die Leitung unserer Volksschule wird insofern eine Aenderung erfahren, als an die Spitze derselben td.er seitherige Oberlehrer Hahn als Rektor berufen wird. Für die Stadtmädchen- und Stadt- knäbenschule wird dann je einer der Lehrer als Hauptlehrjer bestellt. Dem Rektor liegt es in der Hauptsache ob, die Verwaltung der gesamten Volksschulen zu besorgen, wäh­rend die Hauptlehrer int wesentlichen die Aufficht in der ihnen unterstellten Schule übertragen erhalten. In die Volksschule wurden im ganzen in diesem Jahre etwa 320 bis 330 Kinder neu ausgenommen, davon sind 170 Knaben.

** Hessische Landeölotterie. In der heutigen Ziehung kamen, wie uns aus Darmstadt gedrahtet wird, folgende Gewinne heraus: 1000 Mk. 38379 nach Mainz; 400 Mark: 28 717, 38 218, 38 988; 300 Mk.: 25 883, 51299; 200 Mk.: 5754, 20084, 26354, 29926,40597, 52 681; 150 Mk.: 26 905, 31636, 35 366, 37 224.

** Eine unerhörte Gemeinheit. In der Nacht vom 6. auf den 7. wurden die Thürdrückcr an einer Wirtschaft in der Sonnenstraße in der schamlosesten Weise besudelt, sodaß sich Gäste, die das Lokal betraten, arg beschmutzten. Es ist unserer Polizei gelungen, den Thäter in der Person eines oft bestraften hiesigen Taglöhners zu ermitteln, der nun seiner hoffentlich recht empfindlichen Bestrafung entgegensieht.

** Ein unehrlicher Gepäckträger. Ein gestern Mittag mit der Bahn hier angekommener Fremder übergab einem am Zuge Anwesenden, den er für einen Gepäckträger hielt, seinen Handkoffer zum Tragen. Der Fremde besichtigte kurze Zeit den Bahnhof. Als er sich dann nach dem vermeintlichen Gepäckträger umsah, war dieser mit dem Gepäckstück ver­schwunden. Trotz aller sofort angestellten Nachforschungen war er nicht aufzufinden. Erst einige Stunden später wurde der Unehrliche in dem Augenblick, als er mit einem nach Wetzlar abgehenden Zug verduften wollte, von dem am Bahnhof dienstthuenden Schutzmann bemerkt und verhaftet. Der Betreffende ist ein Maurer aus Münchholzhausen. Als der Schutzmnnn das Wagenabteil bestieg, entfernte sich der Verhaftete nach der anderen Seite des Zuges, um zu entfliehen.

** Weiblicher Trunkenbold. Eine Fabrikarbeiterin aus Wiescck, von der bekannt ist, daß sie gerne und oft zu tief ins Glas sieht, lag gestern Abend gegen 10 Uhr völlig be­trunken in der Löwengasse. Sie mußte mittelst Wagcii nach dem Haftlokal gebracht werden.

** Sonnenfinsternis. Gestern (Dienstag) fand eine partielle Sonnenfinsternis statt, die um 2 Uhr 30 Mim 1 nachmittags (mitteleuropäische Zeit) begann und um 3 Uhr 39 Mim zu Ende war. Da hierbei der Mond nur ein ganz schmales Segment von der Somienscheibe ausschnitt in Teilen des Sonnendurchmessers ausgcdrückt rund sieben Hundertel und da die Finsternis nur in den nördlichen Polargegenden sichtbar war, entbehrte dieses Phänomen für uns jeglicher besonderen Bedeutung. Eine solche mag es höchstens für die Meteorologen Falbscher Observation besitzen, in bereit Kalender der gestrige Tag natürlich als höchstkritischer Termin" angemerkt war, der aber nach Falbmit einer Verspätung von mehreren Tagen zur Geltung kommt."

w. Frankfurt a. M., 9. April. (Orig in al-Tel. desGieß. Anz.") Der von einem Komitee unter dem Vorsitz des kommand. Generals v. Lindequist am 9. April : int Hyppodrom zu Gunsten des S a a l b u r g f o ii d s veran­staltete Vo r tr a gs'ab end, in dem der Afrikareisende Schilling und Direktor Dr. Schulz-Hamburg Vor­träge hielten und dem auch der Gr aßHerzog von « Hessen beiwohnte, hat einen Ertrag von 4u00 Mk. ergeben. ' 2er Kaiser hat diese Summe für den genannten Zweck < entgegenzunehmen geruht. <

550 " " ,', Friedberg.

Um nun gleich dem Einwurf zu begegnen, daß ja in den vier obengenannten Städten selbst noch keine Gleichheit im Gehalte be- tehe, ivollen wir gleich bemerken, daß in Mainz der Schulvorstand bereits beschlossen hat (wie auch derGießener Anzeiger" kürzlich meldete), den Stadtverordneten Vorlage zu machen dahin gehend, daß die Offenbach-Wormser Normen auch in Mainz zur Einfüh­rung kommen; m Darmstadt aber sind die Lehrer hinter ihren Kollegen in Offenbach und Worms um einen so geringen Betrag (jährlich 50 Alk.) zurück, daß es dort wohl nicht einmal einer An-

7400 Mk. weniger als in Offenbach und Worms,

5400 Darmstadt,

Bad-Nauheim, Mainz und Bingen,

quittierten Beträge ausbezahlt. Außerdem präsentierte der An­geklagte später dem Hotelier eine gefälschte quittierte Rechnung über 15 Alk. für früher gelieferte Fleischwaren, die jedoch bereits be­glichen war und daher nicht bezahlt ivurde. Wegen dieses Be- lrugsversuchs, der beiden vollendeten Betrugsdellkte in Jdeal- konkurrenz mit Urkundenfälschung und der beiden Diebstähle erhält der Angeklagte, der noch niehr vorbestraft ist, eine GesamtgesäugniS-^ strafe von 4 Monat und 2 Wochen. Die Ehesrau Margarethe Wenzel von Obbornhofen war vom Schöffengericht Hungen wegen BetrrigS zu einer Geldstrafe von 10 Alk. verurteilt worden. Sie

Gerichtssaal.

21. Gießen, 8. April. Strafkammer. Den Vorsitz führte Landgerichtsdirektor Dr. Güngerich, die Anklagebehörde vertrat Staatsanwalt Reuß. Der Spenglergeselle Ludwig Göbel aus Allendorf wird wegen eines einfachen und eines schweren Dieb- kahls unter Einbeziehung einer früher verhängten Strafe von 4 Monat 2 Wochen Gefängnis zu einer Gesamtgefängnisstrase von 9 Monat 4 Wochen Gefängnis verurteilt. Ter Dienstknecht Heinrich Lor ey ans Oberschmitten hat sich, völlig mittellos, in einer Wirtschaft in Friedberg Speisen und Getränke für zusanilnen 63Pfg. verabreichen lassen ünd sich ohne Bezahlung entfernt. Wegen Betrugs wird er mit Rücksicht auf seine Vorstrafen zu 4 Monat Gefängnis verurteilt. Der Metzgergeselle Johannes Kolb aus Hohenzell hat, während er in Gießen in einer Metzgerei bedienstet gewesen war, in zwei Fällen einem Hotelier auf vorherige Be­stellung Wurst- und Fleischwaren im Wert von ca. 30 Alk. geliefert, die er seinem Aleister entwenbet hatte. Er legte bei der Abliefe­rung zwei fälschlich angefertigte, mit der Unterschrift seines Meisters versehene Quittungen vor und erhielt auf Grund derselben die

regung seitens der Lehrer bedarf, um aiich bei ihnen die be­stehende Differenz auszugleichen.

Es kommt für uns aber noch etwas anderes in Betracht. Vor etwa zehn Jahren war man hier in Gießen offenbar der Ansicht, daß in den beiden Städten Worms und Gießen die Verhällnisse, was Lebensführung und dgl. anlangt, etwa dieselben seien; denn damals wurde die alte Gießener Gehaltsskala abge­löst durch eine neue von Worms übernommen nicht zur Freude der hiesigen Lehrer. Worms hat nun in* zwischen mehrfach und besonders im Jahre 1901 feine Lehrer der­art aufgebessert, daß es, wie aus obiger Zusammenstellung ersicht­lich, mit Offenbach an erster Stelle steht; Gießen aber ist diesmal dem Beispiel seiner Schwesterstadt, mit der es sich früher auf eine Stufe stellte, nicht gefolgt, sondern hat sich wie ebenfalls aus der Zusammenstellung ersichtlich auf den letzten Platz zurück- drängen lassen. Wir hoffen aber zuversichtlich, daß es in nicht all- zuferner Zeit sich wieder an die Seite von Worms stellen wird, denn, ivas vor zehn Jahren recht war, sollte unseres Erachtens heute noch billig sein. In dieser Hoffnung sind wir angesichts der oben angeführten Thatsachen allerdings um anderiveitige Re­gulierung unserer Gehaltsverhältnisse eingekommen, da wir nicht vorausseßen können, daß die Provinzialhaupt- und Universitäts­tadt Gießen gewillt sei, ihre Lehrer schlechter zu bezahlen, als die Städte Darmstadt, Offenbach, Mainz und Worms, geschweige denn als Bingen, Nauheim und Friedberg.

Zur Beruhigung der Gießener Steuerzahler und ihresgetreuen Eckhard" erlauben wir uns aber noch folgen­des anzufügen:

1. Die durch etwaige Einführung der Worms-Offenbacher Ge­haltsnormen ^bedingte auf etwa 6000 Mark berechnete Mehrbe­lastung der Stadt würde sich nach Lage der Verhältnisse wohl unmittelbar nach der Einführung auf die Hälfte, ja sogar auf ein Drittel des angegebenen Betrags reduzieren.

2. Schon vor Ostern haben wir, bezw. hat die von uns mit Erledigung dieser Angelegenheit beauftragte Kommission nach ein­gehenden Erörterungen mit maßgebenden Persönlichkeiten, denen wir mehr Vertrauen entgegenbrmgen als dem Herrn Korrespon­denten, beschlossen, unser Gesuch den Mitgliedern des Stadlvor- tandes zwar zugehen zu lassen, zugleich aber angesichts der gegen­wärtigen ungünstigen wirtschaftlichen Verhältnisse den Herrn Bürgermeister zu bitten, es für dieses Jahr nicht zur Beratung ge­langen zu lassen, hoffend, daß es verehrlichem Stadtvorstand später unter günstigeren Verhältnissen doch noch gelingen wird, die Er­füllung unseres Wunsches mit dem städtischen Haushaltsplan in Einklang zu bringen.

Gi eßen, den 8. April 1902.

Die Lehrer an den städtischen Volks schulen zu G ießen.

* Ein Säbelduell hat in Breslau zwischen den ; Reserveleutnants der Artillerie Max Roth und Walter , Hoffmann aus.Reichenbach stattgefunden. Beide Gegner wurden leicht verletzt.

* Brände. Ein in Zanzdowitz (Herzegowina) ausge- brochener Brand blieb auf das Holzlager der Firma Gott­lieb & Eisle beschränkt. Das Sägewerk blieb intakt. Der Schaden beläuft sich auf eine Million Kronen. In Pri- miero (Südtirol) brannten 22 Wohnhäuser nieder. Der Schaden wird auf eine halbe Million geschätzt.

Händel und Verkehr. VolkLwülschast.

Berlin, 8. April. Die Verhandlungen gegen die früheren Leiter derSpielhagen-Banken werden dem Vernehmen nach die zuständige Strafkammer wochenlang beschäftigen, ohne daß jedoch ein großer Zeugenapparat erforderlich wäre.

Berlin, 8. April. Die vom Landwirtschaftsminister v. Pod- bielski einberufene Versammlung der Aufsichtsratsvertreter sämt­licher preußischen Hypothekenbanken sprach sich für Bestellung eines staatlichen Kommiffars im Hauptamt bei jeder Hypothekenbank, im Uebrigen für völlige Gleichstellung mit den süddeutschen Hypothekenbanken aus. Minister Podbielski äußerte, die Bestellung je eines Kommissars für einen bestimmten Kreis von Hypothekenbanken und im Nebenamte werde genügen.

Stettin, 8. April. Die P u r e O i l E o m p a n y hat von der Stadt Stettin ein größeres Terrain auf vorläufig 25 Jahre gepachtet, um daselbst einen Lagerplatz für Petroleum einzurichten. Man hofft, nach derOstseeztg.", mit einer Nieder­lassung der genannten Gesellschaft den M o n o p o l b e st r e b un g e n der Standard Oil Company beziehentlich ihrer deutschen Zweiggesellschaft wirklich entgegenzuarbeiten. Die vorbereitenden Verhandlungen mit den in Betracht kommenden Behörden sind ab­geschlossen und die Genehmigung zum Ausbau des Lagerplatzes und die Errichtung von Tanks ist erteilt. Die Ausführung der Arbeiten ist an einen hiesigen Unternehmer bereits vergeben. Die Arbeiten auf dem Lagerplatz der Pure Oil Eo. sollen derart ge­fördert werden, daß der Betrieb noch bestimmt zum Beginn der diesjährigen Petroleum-Eampagne eröffnet werden kann.

Hamburg, 8. April. Im Fallissement der Kaffeeim­portfirma Neb en, Schultz u. Komp, betragen die Passiva 1 800 000 Mark. Voraussichtlich erhalten die Gläubiger 20 bis 25 Prozent.

Nene Ultimopnpiere. Die Börse benutzt jede Gelegen­heit, Favoritspapiere in den freien Verkehr zu ziehen. Neuerdings sind an der Berliner Börse sogar die Aktien der Deutsch-Luxem­burgischen Bergwerksgesellschaft in den Ultimoverkehr gezogen worden, obwohl das Papier noch nicht einmal zur Börse zugelaffen worden ist. Ferner hat man dort in den Akten der Neuen Boden- Akü-Ges. ein großes Geschäft außerhalb der Schranken der ver­eideten Makler etabliert und schließlich werden auch eine Anzahl von Eassapapieren aus der Eisenbranche im freien Verkehr rege unigesetzt. Es geschieht dies einmal deshalb, weil dies die einzige Möglichkeit bietet, daß das Börsengeschäft nicht völlig eiiischlaft, dann aber auch, weil ein wirkliches Bedürfnis nach Ultimopapieren vorliegt, zumal da die Liste der Ultimopapiere nach Einrichtung der Northern Preferrerd-Aktien und nach der Verstaallichung der ver­schiedenen Schweizerbahnen nenerbing§ zusammengeschmolzen ist. Zum offiziellen Ultimohandel sind in neuerer Zeit nur die Aktien der Gr. Berliner Straßenbahn zugelassen worden

Hörder Bergwerks- und Hüttenverein. Aus den Kreisen der Verwaltung hört man, daß es für das laufende Ge- chästsjahr keine Dividende giebt. Jin Vorjahre wurden 5 Prozent verteilt.

Allgemeine Elektrizitäts-Gesellschaft. Wieder ein Be­weis für die noch immer gedrückte wirtschaftliche Lage ist es, daß in der jüngsten Sitzung des Auffichtsrats der genannten Gesellschaft konstatiert wurde, daß die Preise m der Elektrizitätsindustrie immer noch sehr ungünstig sind; das Jahreserträgnis der Gesellschaft wird dadiirch beeinträd)tigt werden. Ferner wurde mitgeteilt, daß die Aufträge für den Bau von Straßenbahnen nur in beschränkterem Maße vorliegen.

Badische Anilin- und Sodafabrik Ludwigshafen. Der in der Aufsichtsratssitzung vorgelegte Abschluß für 1901 weist einen Bruttogewinn von Mk. 10119 722 aus, gegen Mk. 9 828 712 im Vorjahre. Der Aufsichtsrat beschloß, nach Verwendung von rund Mk. 4 Millionen (i. V. 3*/, Millionen) für Amortisationen die Ver­teilung einer Dividende von 24 Proz., wie i. Vorj., in Vorschlag zu bringen.

Die ungarische Conversiorr» Jnr österreichischen Ab­geordnetenhause ist jüngst die Aeusteruiig gefallen, als ob die Aus- iiahme der Barzahlungen seitens Oesterreich - Ungarns noch in weiter Ferne liegen würde. Dagegen hat sich der Finanzminister Lukacs ausgesprochen, der sagte, daß die Valutaregulierung soweit gediehen ist, daß Oesterreich dieselbe nicht behindern kann. Auch iii dem Motivenbericht zum Gesetze über die Conversiou wird Aehn- liches gesagt. In Budapester finanziellen Kreisen wird der Eon- version ein voller Erfolg prognostiziert. Bei der letzten Eonversion im Jahre 1893, als die Kronenrente zum Kurse von 92', Prozent angeboten wurde, hatten 98,2 Proz. der 5proz. Titres-Inhaber in den Umtausch gewilligt. Schon im Frühjahre desselben Jahres notierte die Rente 3 Prozent höher. Wie man einem Fachblatt mitteilt, werden diesmal vorerst provisorische Titres emittiert, welche mit drei HaldjahreS-Eoupons versehen sein werden. Die Ursache hierzu ist auf rein technische Gründe zurückzuführen.

** Deutscher Feuerversicherungs-Schtttzverbarrd. Nachdem die Großh. Handelskanimer für die Kreise Friedberg, Büdmgen und Schotten dem Deutschen Feueroersicherungs-Schutzverbande als Mitglied beigetreten ist, hat dieser Tage auch die Haiidelskammer zu Wiesbaden beschloßen, diesen Verband durch ihren Beitritt zu unterftiiljcn, teils um seine gemeinnützigen, auf die Wahrung der Interessen der Feuerversicherungsnehmer gerichteten Be- trebungen anzuerkennen, teils auch um den Wählern der Handels­kammer den für solche Fälle vorgesehenen Rabatt von 33Vs Proz. auf denjenigen Beitrag zu verschaffeii, den Einzelmitglieder dem Verbände zu entrichten haben. Außer den genannten Handelskam­mern gehören dem seit etwa acht Slonaten bestehenden Schutzver- banbe noch 7 andere Handelskammern, sowie 48 wirtschastliche und industrielle Vereine an. Diesen 57 Korporationen dursten etwa 12 000 Interessenten angeschlossen sein. Auch hat der Schutzver- band, wie wir erfahren, in hiesiger Gegend bereits zahlreiche Einzelnutglieder gewonnen.