zollern" meldete der Tracht keine Rede; es wurde imr bemerkt, daß beide Kaiser lange Zeit hindurch eine rege Unterhaltung gepflogen haben. Der Zar ist, wie man weiß, absolut nicht redemächtig; man behauptet, selbst die wenigen Sätze bei den Begrüßungen, die nun einmal unver- meidlich sind dem verbündeten Frankreich gegenüber, seien für Nikolaus nichts weniger als ein Vergnügen. Jedenfalls ist der „Ausdruck der Empfindungen" bei solchen Gelegenheiten stets in eine möglichst knappe Form gegossen. Auffällig spät äußert sich die Pariser Presse über die Kaiser- Lusammenkunft. Aus den Urteilen der führenden Blätter schimmert doch etwas wie Mißvergnügen und Beklommenheit. Man hilft sich damit, die politische Bedeutung der Begegnung anzuzweifeln, oder die trennenden Punkte, in der Handelsvertragspolitik, hervorzuhe'ben. Jede Annäherung Rußlands an Deutschland wird begreiflicherweise in Frankreich mit Mißtrauen betrachtet. Immer lauert der Argwohn im Hintergründe, daß es vielleicht der Geschicklichkeit unserer Diplomatie oder dem persönlichen Einfluß des Kaisers auf t#en Zaren gelingen könnte, Frankreich „auszustechen" bei dem mit so gewaltigen Opfern erkämpften Verbündeten. Und man zittert wohl am meisten vor der Möglichkeit, daß der Zar, um seine Friedensideen zü krönen, eines Tages Frankreich eine feierliche Versöhnung mit dem Sieger „zumuten" könnte. Das ist gar nicht so unwahrscheinlich. Die schöne Illusion von der Herbeiführung einer langen Friedensabmachung unter den Großmächten beherrscht den Zaren wie die Erfindung den Erfinder. Alle Schwierigkeiten, alle Stimmen, daß der Traum sich nicht verwirklichen lasse, dienen nur dazu, die Ueberzeugung vom Gegenteil zu bestärken und zu immer kühneren Plänen anzuregen.
Politische Tagesschau.
Herr v. Podbielöki macht „gut Wetter".
Aus Berlin, 7. August, wird uns geschrieben:
Es kann wohl keinem Zweifel mehr unterliegen, daß die Reise des preußischen Landwirtschaftsministers in die östlichen Provinzen der Monarchie mehr noch als der Informierung über den Stand der dortigen Landwirtschaft der Bekehrung der dortigen Großgrundbesitzer zur „mittleren Zolllinie" gilt. Diese politische Kleinarbeit des Ministers vollzieht sich jetzt in aller Stille; solche Mission wickelt sich auch „unter vier Augen", beim Glase Wein, glatter ab, als bei offiziellen Akten und durch programmatische Erklärungen vor festlicher Tafelrunde. Für intime Aufgaben dieser Art ist Herr v. Podbietski ohne Frage der rechte Mann. Ihm dürfte es so am ehesten gelingen, die Verstimmung zu beseitigen, die in den Kreisen der preußischen Konservativen gegenüber dem Grafen Bülow besteht, seitdem dieser im preußischen Abgeordnetenhaus ein Eingehen auf den bekannten Getreidezoll-Erhöhungsantrag der Konservativen mit ziemlich schroffen Worten ablehnte. Vielleicht hat auch die Erkenntnis, daß Herr v. Podbielski die Mehrzahl der altpreußifchen Großgrundbesitzer „herumkriegen" werde, zur Parlaments- und Agitatronsmüdig- keit des Bündlerführers Frhrn. v. Wangenheim beigetragen. Von den leitenden Männern des „Bunds der Landwirte" ist ja der Landwirtschaftsminister schon vor geraumer Zeit merklich abgerückt. Ter Tag wird nicht mehr fern sein, da es in diesen Kreisen von ihm heißt wie s. Zt. von „Agrarliebling" v. Miquel: „Getraut haben wir ihm niemals!" Doch es dürfte Herrn v. Podbielski vermutlich wenig ansechten, daß Mißfallen der „einen" Agrarier in steigendem Maße zu erregen. Ihm ist es offenbar nur darum zu thun, unter der „oft bewährten" preußisch-konservativen Gefolgschaft der Regierung in Sachen der landwirtschaftlichen Zölle „gut Wetter" zu machen.
Die Uebersee-Gründung der deutschen Landwirte.
Die zwecks Erwerbung und Ausbeutung von Salpeter- -gruben in Chile erfolgte Gründung der „Deutschen Salpeterwerke in Hamburg" ist geeignet, das Verständnis der •an diesem Unternehmen beteiligten deutschen Landwirte und landwirtschaftlichen Genossenschaften für das Seewesen und die Seewirtschaft zu vertiefen. Denn eine Fahrt einiger der an der Spitze des Unternehmens stehenden Männer — u. a. sind dies die Reichstagsabgeordneten und Landbündler Dr. Roesicke und Lucke — nach Chile zur Besichtigung der in Betracht kommenden Gruben usw. wird sicy schließlich nicht umgehen lassen. Doch auch sonst bieten die Verhandlungen über die Seebeförderung des Salpeters, über die Höhe der Frachten und anderes mehr, den Vertretern der Interessen des platten Landes Gelegenheit, mit der „Welt da draußen", den nicht ganz leichten Bedingungen und Verhältnissen, mit denen die Ozeanrhederei heutigen Tages zu rechnen hat, vertraut zu werden. Vielleicht führt also die überseeische Gründung dazu, daß auch in jenen Kreisen die Notwendigkeit eines Ausgleichs zwischen den Interessen nationaler und internationaler Wirtschaftspolitik mehr und mehr erkannt wird.
Wer wird anfangen?
Kürzlich tourbe gemeldet, die französische Regierung habe sich bereit erklärt, ihre Truppen aus Shanghai zurückzuziehen, sobald die anderen Mächte dies ebenfalls thun. Jetzt erfährt die „Nat.-Ztg." von unterrichteter Stelle, daß die deutsche Regierung auf demselben Standpunkt stehe, sodaß sie die Zurück ziehung der deutschen Truppen aus Shanghai davon abhängig machen würde, daß England, Frankreich und Japan das gleiche thun.
Sehr schon! Indessen das wechselseitige Vertrauen der Kabinette ist so groß^ daß keines den Anfang machen will. Das „höfliche" England sähe am liebsten, wenn sich Deutschf- land zum Vortritt entschlösse. Nach den Darlegungen des Staatssekretärs Frhrn. v. Nichthofen in der Budgetkommission haben zwar die Engländer als die ersten, die Deutschen hingegen als die letzren in Shanghai Fuß gefaßt. Doch das geniert die „Vettern" nicht im mindesten, ebensowenig wie die Thatsache, daß Deutschland nur 700, England allrr nahezu 1000 Soldaten in Shanghai stehen hat. Tas Rkcht Deutschlands, in Shanghai eine Garnison zu halten, würde s. Zt. im Reichstag als das wesentlichste Ergebnis der ganzen China-Expedition bezeichnet, und Abg. Frese (Fr. Vereinig.), der in Sachen des HeberseeHandels erfahrene Kaufmann, wies nach, daß Deutschland aus handelspolitü- schen Gründen in Shanghai eine Garnison halten müsse, so lange irgend eine andere Macht dort Truppen habe. Die Mehrheit des Reichstages billigte deshalb die dauernde Fußfassung in dieser hervorragendsten Hafenstadt. Mittlerweile ist nun der wirtschaftliche Einfluß Deutschlands dort gestiegen, so zwar, daß Euglaird Grund zur Eifersucht haben könnte. Vielleicht ist großenteils aus diesem Gefühl heraus bei England der Wunsch entstanden, Deutfchlaiw möge seine Truppen zuerst zurückziehen, was dem Anselmen des deutschen
Namens bei den Chinesen nichts weniger als förderlich sein würde. Der Streitfall ist, so betrackstet, von nicht unerheblicher Bedeutung. ________________________
Deutsches Reich.
Berlin, 7. Ang. Der Kaiser wird am 12. d. M., von Stettin kommend, auf dem Truppenübungsplatz bei Ällten-Grabow eintreffen, um dort dem großen Kavallerie- Exerzieren beizuwohnen. Wie bestimmt verlautet, wird auch der Graf von Turin als Gast des Kaisers jenen Kavallerieübungen beiwohnen. Von Alten-Grabow aus tritt der Kaiser die Weiterreise nach Homburg v. d. H. und Mainz an.
— Die „Nordd. Allg. Ztg." bringt anläßlich des morgigen 70. Geburtstages desKönigsvonSachsen einen Glückwunsch-Artikel, in dem daran erinnert wird, daß der König, wie sein verstorbener Bruder, an dem Werke der Einigung Deutschlands geholfen habe, und seitdem ein eifriger Förderer der Interessen des deutschen Reiches geblieben sei. In allen deutschen Landen werde man des Geburtstages des Königs von Sachsen gedenken. Auch der „Reichs-An z." gedenkt in einem besonderen Artikel der Verdienste, die sich der König von Sachsen als erfolgreicher Feldherr um das deutsche Vaterland erworben hat. Tas „Dresd. Journal" veröffentlicht eine Verordnung betreffend die Amnestie für Personen, gegen die wegen Ueber- tretung auf Hast oder Geldstrafe durch Strafbefehl, polizeiliche Strafverfügung oder Gerichtsurteil erkannt wurde. Militärpersonen wurden Tisziplinarstrafen oder durch Strafverfügung oder Militärgerichte erkannte Haft- oder Geldstrafen erlassen.
— Ter Verbandstag des Zentralverbandes der städtischen Haus - und Grundbesitzer-Vereine Deutschlands, der z. Zt. hier stattfindet, nahm u. a. Stellung zu der Wohnungs- und Baugenossen- s ch a f t s f c a g e. Es wurde konstatiert, daß im Lause des letzten Jahres die Behörden und die öffentliche Meinung zu einer ruhigeren und gerechteren Würdigung der Frage gekommen seien, daß man aber nach wie vor strengste Obacht geben müßte, um die Angriffe der Gegner, unter denen die Sozialdemokraten die weitaus heftigsten und gefährlichsten seien, abzuwehren. Verbandsdirektor .Hartwig erklärte die Wohnungsfrage geradezu als eine ErfindungderSozialdemokratie. Im Einzelnen verwahrte sich die Versammlung noch besonders gegen den auf dem internationalen Wohnungskongreß zu Düsseldorf erhobenen Vorwurf, daß bie Hausbesitzer die Erhöhung von Beamtengehältern oder Arbeitslöhnen kaum erwarten könnten, um die Erhöhung sofort auf die Mietpreise zu schlagen. Auch gegen alle Vergünstigungen der Baugenossenschaften — hinsichtlich der Hypothekenbeschaffung, Baur Ordnung usw. — beschloß der Verbandstag weiter energisch anzukämpfen.
München, 7. Aug. Die hiesige Presse begnügt sich damit, die Entlobung des Herzogs Siegfried ohne jeden Kommentar nur mit dem Bemerken zu bringen, daß sie im „gegenseitigen Einverständnisse" erfolgt sei. Das ist allerdings richtig, ändert aber nichts an der Thatsache, daß die Erzherzogin es war, welche den ersten Schritt that, ihren Bräutigam um die Lösung ihres Bundes bat, und daß weder der Herzog noch sonst irgend ein Mitglied der beiderseitigen Familien hierauf vorbereitet waren. Die Stimmung in der hiesigen königlichen Familie und in den Gesellschaftskreisen ist daher auch dem Herzog durchaus günstig, der nicht den geringsten Anlaß zu dem Affront gegeben hat. Es ist erinnerlich, daß am Beginn des vorigen Winters das Ausscheiden des Herzogs aus dem aktiven Dienste im 1. schweren Reiterregiment, viel von sich reden machte, es erfolgte thatsächlich, weil der lebenslustige und sportfreudige junge Herr etwas über seine Verhältnisse gewirtschaftet hatte. Auch das ewig weibliche war hieran nicht ohne Schuld. Aber all diese Angelegenheiten sind damals gründlich geregelt worden.
— Die Kammer der Reichsräte nahm heute in Uebereinstimmung mit dem Beschlüsse der Kammer der Abgeordneten die Vorlage an, nach der diejenigen Staatsangestellten, welche ein Gehalt bis 1020 Mark beziehen, einen Wohnungsgeldzuschuß von 45 Mark jährlich erhalten sollen. Ministerpräsident Graf Crailsheim und Finanzminister Frhr. v. Riedel traten aufs wärmste für die Annahme dieses Antrags ein.
Heer und Flotte.
Zu dem Thema „Stadt und Land im Heere" wird uns heute geschrieben: Es ist vielleicht nicht unmterressant, über den in den beiden letzten Nummern des „Gieß. Anz." besprochenen Gegensatz von „Stadt und Land im Heere" auch einmal einen ganz alten Gewährsmann zu hören. Der alte römische Taktiker Flavius Vegetius Renatus (um 400 nach Ehr.) schreibt in seinem „Leitfaden des Kriegswesens" T. 3.:
„Ist es zweckentsprechender, die Rekruteu vom Land oder aus der Stadt auszuheben? Es ist wohl unzweifelhaft, daß der Mann vom Lande sich zum Waffenhandwerk viel mehr eignet. Er wächst in freier Lust, in steter Arbeit auf, kann Sonnenhitze ertragen, ohne gleich nach Schatten zu verlangen. Den Luxus kennt er nicht, sondern er führt eine einfache Lebenshaltung, ist mit wenigem zufrieden und hat einen Körper, der abgehärtet ist und jede Anstrengung aushallen kann. Mit Eisemve, lzeugen umzugehen, Gräben zu ziehen und schwere Lasten zu tragen ist er von seiner Beschäftigung auf dem Lande her gewohnt. Natürlich erfordert es die Notwendigkeit, auch die „Stadtleute" zum Kriegsdienst heranzuziehen. Wenn diese eingetreten sind, müssen sie zuerst lernen Strapazen auszuhalten, lange Märsche zu machen, schweres Gepäck zu schleppen, Hitze und Staub zu ertragen, nut geringer bäuerlicher LI ost fich zu begnügen, bald unter freiem Himmel, bald in Zelten fich aufzuhalten. Tann erst sind sie im eigentlichen Dienst mit der Waffe auszubilden, und wenn eine besoiiders lange Expedition bevorsteht, viel auf Feldposten zu halten, fern von den Lockungen der Großstadt, damit sie auf diese Weise körperlich und geistig kräftig werden. Es ist allerdings nicht zu leugnen, daß nach Gründung der Stadt die Dünner immer von der Stadt aus zum Kriege auszogen. Ader damals wareii sie nicht im Luxus erschlafft. Kriegsrnann und Landmann in einer Person, verwechselte der Römer nur die Art der Waffe. Und dies, blieb solange Thatsache, daß, wie bekannt, noch dem Quinetius Eineinnatus beim Pfluge die Diktatur übertragen wurde. Born Lande her also ist hauptsächlich die Kratt des Heeres zu ergänzen. Tenn je weniger einer den Luxus im Leben kennen gelernt hat, desto weniger fürchtet er den 'tob.'
So ber alte Römer Vegetius.
Ausland.
Lond on.,8. Aug. Ter K öuig erließ eine Botschaft an sein.Volk, in der er am Vorabend der Krönung, des wichtigsten Ereignisses seines Lebens, »einem Volk, den Kolonien und Indien herzliche Genugchuung über ihre Teilnahme während der Lebensgefahr, in der er geschwebt
halle, ausdrückt, und die bewunderungswürdige Geduld her- vorhebt, mit der dieselben die Widerwärtigkeiten und Täuschung ertrugen, welche durch die Verschiebung der Krönung hervorgerufen wurden. Ter König spricht seinen Dank gegen die Vorsehung aus, welche sein Leben verlängert und ihm die Kraft gegeben habe, seine wichtigsten Pflichten als Monarch des großen englischen Reiches zu erfüllen.
— Heute wurde folgendes Bulletin ausgegeben: Ter König ertrug die gestrige Reise nach London ohne die geringste Ermüdung. Er hatte eine gute Nacht und ist bei ausgezeichneter Gesundheit. Die Wunde ist so gut wie vernarbt. Tas nächste Bulletin wird am Sonntag ausgegellen.
Bisherigen Arrangements zufolge wird der König während feines Aufenthalts in London an öffentlichen Funktionen außer der Krönung nur die Revue über die kolonialen Truppen am kommenden Tienstag Nachmittag und über die indischen Truppen am Mittwoch Nachmittag im Hof des Buckingham-Palastes abhalten. Morgen gedenkt er der jetzt täglich stattfindenden Krönungsprobe in der Westminster-Abtei beizuwohnen. Ter Tag der Rückkehr König Eduards nach Cowes ist noch nicht desinitiv bestimmt.
Scheveningen, 7. Aug. Präsident Krüger wurde in der Proburenausstellung von de Rillder begrüßt, nachdem junge Mädchen Blumen vor seinem Sessel gestreut: hatten. Krüger antwortele stehend mit starker Stimme. Er sagte, nicht Gewinnsucht, sondern nur Gerechtigkeitsgefühl sei die Triebfeder des Krieges gewesen, und die großen Sammlungen in Deutschland, Holland, Frankreich und anderen Ländern bewiesen, daß man dieses Gerechtigkeitsgefühl in Europa verstanden habe. Tie Ausstellung sei ein neuer Beweis hierfür. Tarauf sprach er von den Burenhelden und rühmte das ehrliche und starke Wirken des Staatsprokureurs. Krüger, der eine halbe Stunde in der Ausstellung blieb, ließ sich namentlich die amerikanischen Karrikaturen eingehend erklären und lachte herzlich- als er sich selbst farrifiert sah. — Zu dem gestrigen Besuche Krügers bei Steijn in der Villa „Norma" wird noch gemeldet: Krüger trat mit ausgestreckter Hand an das Lager Steijns. Letzterer erhob sich mühsam und legte seine zitternde Rechte in die Hand Krügers. Dieser spendete bent Kranken unter Thränen Worte des Trostes und der Ermutigung.
ZOjähr. Stiftungsfest des tSietzener Wingolf
Was bringt doch ein solches Fest für eine Summe von schönen, herrlichen Stunden, was bedeutet es eine Masse von gemeinsamer Erhebung, von echter, frischer, ftöhlicher Begeisterung, von wohlthueuder Erinnerung und hoffnungsvoller Zuversicht für die Zukunft. Wer das gefühlt hat, der kann nicht einstimmen in die Unkenrufe ängstlicher Gemüter, die in dem Feiern solcher Feste einen Rückgang erblicken zu müssen glauben oder den Aufwand für absolut unberechtigt halten.
Ein herrliches Fest war es. Der Stadt Gießen sah mans auch äußerlich an mit den zahlreichen Fahnen. Schon am Montag trafen Festgäste ein, aber am Dienstag war kaum durchzukommen. Tas Festbureau im Hotel Viktoria war ständig überfüllt. Um 81/2 Uhr begann in Steins Garten die Begrüßungskneipe.
War das ein farbenprächtiges Bild, weit über 300 Wingolfiten in der Pracht der Farben. War das ein Begrüßen, ein Wiedersehen! Alte Männer fielen sich um den Hals vor Freude, und eine Stimmung, wie man sich sie schöner nicht wünschen kann, gab bald, dem Ganzen den Grundakkord. Zunächst begrüßte der erste Chargierte der Gießener Verbindung, Stud. theol. Grein, die Erschienenen mit Worten des Dankes und der Hoffnung Ausdruck gebend, daß das Fest dazu beitragen werde, die Begeisterung für die gemeinsamen Wingolfsideale hoch entflammen zu lassen. Im Namen der Philister der Verbindung sprach Professor Dr. Stamm-Gießen. Nachdem das dritte Lied durch den schön geschmückten Saal gebraust war, öffnete sich der Vorhang der Bühne und es zog in Gestalt eines von Philister Wahl-Langen gedichteten Fe st s Piels die Geschichte des Gießener Wingolf im Bilde an den Festteilnehmer vorüber. Tiefer Ernst verbunden mit oft übermütigem Humor, ein Schöpfen aus dem tiefsten Wesen des Wingolf wehte durch dieses Spiel und jubelnder Beifall lohnte Darsteller und den Verfasser, dem Phllister Pfarrer Vogt-Mainz in begeisterten Worten den Dank aller aussprach. Im Namen des Wingolfsbundes brachte Stud. Meyer-Bonn die herzlichsten Glückwünsche der feiernden Verbindung, die z. Zt. der Vorort des Bundes ist. Dann trat bald die Fidulität in ihre Rechte, die manchen ihrer Ritter noch lange an der Tafelrunde festhielt. Am anderen Morgen um 7 Uhr brach man zur
Gleibergfeier
auf. Zwar machte der Himmel ein trübes Gesicht und sandte Regen in Menge. Das vermochte aber all den Feiernden, die zu Wagen, zu Pferd und zu Fuß dem altehrwürdigen Gründungsort Gleiberg zustrebten, nicht die Feststimmung zu zerstören. Von der Burg grüßten die Fahnen ins Thal und die Böller entboten den Nahenden unausgesetzt ihr donnerndes Willkommen. Um 9 Uhr nahm in der Burgruine die er n st e Fe ier ihren Anfang. Wieder wie seit 50 Jahren an diesem Tag brausten die Klänge des Lutherliedes durch die altehrwürdigen Mauern. Ernste Worte richtete bann Philister Schlosser- Gießen an alte und junge Wingolfiten. Dank war es gegen den treuen Gott, unter dessen Schutz der Wingolf 50 Jahre seinen Weg gegangen ist in schönen, aber auch in schweren Zeiten, er warnte vor Ueberhebung und mahnte zu innerer Einkehr, aber auch zu freudigem hoffnungsvollem Ausblick in die Zukunft. Es waren ergreifende Augenblicke in dieser Morgenstunde. Auch die Sonne schien das zu fühlen, siegreich brach sie durch die Wolken, und ermöglichte dadurch die photographische Ausnahme im Burghof. Im großen Saale begann dann der Festkonvent. Der erste Chargierte gedaa)te zunächst der Toten und gab bann be- tannt, daß die Verbindung dem Pfarrer S e r i b a - Wetterfeld, Präceptor Lu eins-Echzell, Pfarrer H o 11-Nieder- Roßbach und Rentamtmann Balser-Neustadt ihr Band verliehen habe. Nach einer kurzen Begrüßung sprach bann ber einzige anwesende Stifter der Verbindung Probst P a 1 m e r - Neu-Erkerrode. Jubelnd brach sich die Begeisterung Bahn, als ber Philister im Silberhaar dem Wingolf von ; einer Gründung erzählte, ihn auf seine Geschichte hinwies und der Treue gegen den Wingolf und feine Ideale Ausdruck gab. An die anderen drei noch lebenden Stifter sandte man Telegramme. Es flieg dann nach mancherei Reden ein kurzer Frühschoppen. Um zwölf Uhr machte man sich auf den Heimweg. Wieder donnerten die Böller ins Thal. In Steins Garten erholte man sich dann bei dem
Festessen
von den Anstrengungen des Morgens. Herr Stein, | unterstützt von der Frankfurter Kellnergev^ü^schast leistet-


