Ausgabe 
7.10.1902 Erstes Blatt
 
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ei» Mei ku Laude nicht aewohnte Höhr getrieben, und mancher Apfelbaumbesitzer streicht Dergnügt den Erlös ein; auch mancher Gemeinderechner verzeichnet m seinen Büchern ein Plus aus ,F)bst und anderen Naturalien", das er sich bei Aufstellung deS Voranschlags nicht träumen ließ. Ge­meinden, die mehrere tausend Mark aus ihren Obstanlagen lösen, gehören nicht zu den Seltenheiten. Auch die Hohen Fleischpreise mögen eine erhöMe Nachfrage nach Obst ver­anlaßt haben; denn was an Wurst, Fleisch und der ewig teuren Butter gespart wird, wird in Objst angelegt. Eine in Äpfeln oder Birnen bestehende Zugabe zum Frühstück oder Vesper ist besonders den Kindern willkommen. Zu den Begleiterscheinungen der Aepfelernte gehört auch der allen Buben angeborene Hang ^iun Aepfelstehlen- er stellt sich alljährlich so regelmäßig ein, wie das -Drachensteigen. Co lange es Aepfel giebt, wird es auch Aepfeldiebe geben. Gute Lchren und gute Ueberwachung, sowie die unausrott­bare Furcht vor dem Stock oder was dem glücklichen Obst- baumbesitzer und Wächter gerade in die Hände fällt, halten die Liebhaber von Gratisäpfeln nur in wackelnden Schranken. Denn es kann nur derjenige die Tantalus­qualen, die ein Bubenberz beim Anblick eines früchtestrotzen­den Aepfel bäum es üoer kommen, mitempfinden, der einst selbst ein Bube war, ergoEppel strenzte". Verbotene Früchte schmecken bekanntlich am besten, besonders dann, wenn der jugendliche Dieb die Taschen voll hat und den­jenigen Körperteil ungebläut in Sicherheit weiß, der von der Natur zur Erziehungsfläche bestimmt ist. Uebri- gens wird den Herren Buben dasEppelstrenzen" gar nicht so schwer gemacht. Auch die Aepfelbäume wachsen nicht in den Himmel, und im kleinsten Dorfe ist der Turn­unterricht obligatorisch genug, um mit Erfolg Aepfeldieb- Aspiranten züchten zu können. Und wo eine wohlweise Gemeinde- oder Kreisverwaltung Aepfelbäume pflanzt, legt sie auch in Abständen von 60 Mttern Lagerplätze für Wurf­geschosse, d. h. handlich geklopfte Steine an. Wem es aber ein fallen sollte, den ersten Stein nach einem apfel­lüsternen Jungen zu werfen, der denke an jene biedere Dachs en Häuser in, die einem von jungen Aepfeldieben heim­gesuchten, mit dem Abstrafen eines solchen beschäftigten Gymnasiallehrer zurief:Losse Se den doch laafe, Sie hawe gewiß auch, wie Se noch so e Läusbub Ware, auch Eppel gestrenzt"^ Dem Herrn Dr. Phil, leuchtete dies ekU, denn er ließ den Bubenlaafe".

(-) Fri ed b e r g, 5. Okd Auf das Ausschreiben unsere? Kriegerdenkmals hatten über 100 Bewerber Zeich­nungen, bezw. Modelle eingesandt, von welchen zwei in engere Wahl kamen, nämlich Hammer st ein - Charlotten- burg und H a r t i g - Meiningen. Gestern sind die Modelle y6 natürlicher Größe eingetroffen und in aller Kürze wird die Entscheidung fallen. Ter eine Entwurf ist ein Obelisk, während der andere einen jungen Krieger dar­stellt, der das Grab eines gefallenen Kriegers schmückt. Noch in diesem Winter sollen die Arbeiten zur Aufstellung beginnen; den Grundstein gedenkt man an Kaisers Ge­burtstag zu legen und die Einweihung ist für Juli 1903 vorgesehen. Tas Denkmal wird in der Kaiserstraße gegen­über dem Amtsgericht seinen Platz finden. Die Kosten wer­den sich auf 15 bis 16 000 Mark belaufen; 12 000 Mark sind bereits gesammelt, darunter 2000 Mark, die die Stadt bewilligt hat. Die Werningschen Kriegs festspie le brachten allein einen Reingewinn von 4000 Mark, der in den Tenk- malsfonds floß. Auch der Athletenklub, der bei dem deutschen Athletenwettstreit am 16., 17. und 18. August einen namhaften Ueberschuß erzielte, beabsichtigt dem Denk­malfonds eine Summe zu überweisen.

Künste Generalversammlung des Bundes Deutscher Irauenvereine

in Wiesbaden vom 4. bis 7. Oktober.

(Originalbericht desGieß. Anz.")

Nach dem unerquicklichen Treiben, das sich so oft auf den sozialdemokratischen Frauenttagen absvielt, ist es für jeden vorurteilslos Denkenden eine angenehme Pflicht, den Bildern und Verhandlungen näherzutreten, welche sich aus den Kongressen der bürgerlichen Fraupnbe- strebungen zeigen. Wer jemals Zuhörer und teilneh­mender Zeuge dieser Frauentage gewesen, kommt, falls er wirklich den Wunsch nach Information mitbringt, von dem Wahne zurück, als wenn man es in der deutschen Frauenbewegung mit vorwiegend radikalen und extremen Elementen zu thun habe. 'Diese bilden im Gegentell einen verschwindend kleinen Prozentsatz und haben weder bei den Generaldebatten, noch in den Kommissionssitzungen führende Stimme. Die Regierungen und Behörden fangen denn auch seit den letzten fünf Jahren an, die Gruppen zu unter­scheiden. Die Aufnahme, deren sich derBund deutscher Frauenvereine" in Wiesbaden bereits am Vorabend zu er­freuen hatte, war eine sehr schmeichelhafte. Offiziell vom Stadtoberhaupt, Oberbürgermeister Dr. v. Jbell, in dem Festsaal des Kurhauses begrüßt, vom abwesenden Oberregie­rungsrat Bake durch ein Wlllkommstelegramm geehrt, konnte er sicher sein, daß man seinem reichen, weitver­zweigten Arbeitsprogramm an leitender Stelle das nötige Verständnis entgegen trug.

©ine geradezu großartige splendide Gastfreundschaft haben am Begrüßungsabend der Wiesbadener VereinFrauen­bildung- Frauenstudium" und der Verein Frauenklub" an den Delegierten und Gästen geübt. An der ganzen Inszenierung, den geschmackvoll ein- studierten Frauenchören, welche den Festakt ein- und aus- leiteten, den reichen Büffets, die jedem Geschmack Rechnung trugen und auch die Ylnwesenheit zahlreicher Damen der Abstinenzvereine nicht übergingen, sagten den vielen Teil­nehmern, welche von Tilsit und Zweibrücken sowohl als von Flensburg und München herbeigeeilt waren, daß sie sie sich in einer großen, eleganten Stadt befänden, in der man Gäste aufzunehmen weiß. Aus der weihevollen Be­grüßungsansprache deS Frl. Anna v. Dömming, der früheren Leiterin des großen, über ganz Deutschland ver­breiteten Vereins,^Zrauenbildung-Frauenstudium", konnten die Delegierten die Gewißheit schöpfen, daß sie hochwill­kommen seien, daß verständige propagandistische Thätigkeit ihrer Arbeit den Boden geebnet habe und die Gäste und Delegierten, die sich da am Begrüßungsabend zu gemüt­lichem geselligem Beisammensein in größeren und kleineren Gruppen vereinigten, repräsentierten so ziemlich alle Schat­tierungen und Altersstufen innerhalb der bürgerlichen Frauenbewegung. Dem entsprach beim auch die Mannig­faltigkeit der Toiletten. Der Galaton, das Fest­kleid herrschte vor. Einige Damen versuchten auch mit mehr oder minder Glück jur die Reform- kl e i d u n g Reklame zu machen Da heißt es nun aber wirklich auch Eines scknctt nicht lür alle Kurze, untersetzte Figuren nehmen m die c lose flatternden, der Empirerobe bad) vi.iuiä) deutlich nach- gebildeten Aeformtrack)t nichts weniger als vorteilhaft am

Auch etliche extravagante Kvstümversuche fehlten nicht. Tine Dame hielt eS gewiß für einen sehr genialen Einfall, an diesem Festabend als eine Svielart derPorzia" herum- Aulaufen. Wir waren entschieden anderer Meinung und die meisten der Anwesenden. Aber bekanntlich kann man niemand daran hindern, wenn er sich lächerlich machen will und einen Frauentag mit einer Karnevalsbelustigung verwechselt. Wir möchten nur stark unterstreichen, daß der­artige outsiderS, die dekorativ abschreckend wirken, mit der ernsten Frauenarbeit nichts zu thun haben, und auch kaum bei den Sitzungen auftauchen.

Von führenden Frauen, den eigentlichen Trägerinnen der Bewegung, nahmen wir in erster Linie wahr die um­sichtige, taktvolle Leiterin des Ganzen, Frau Marie Stritt (Dresden), deren schlagfertiger Geist sich gleich in den Dankesworten kund gab, welche sie auf die Begrüßung erwiderte und die bei der Eröffnung der geschäftlichen Be­ratungen am nächsten Morgen das Gedächtnis der unver­geßlichen, im Juni verstorbenen Ehrenpräsidentin Auguste Schmidt in Leidig mtt Worten ehrte, denen man tiefe innere Bewegung anmerkte. Unmöglich zu übersehen ist die vornebm-emste Erscheinung von Helene Lange (Berlin), deren erster öffentlicher Vortrag am Samstag AbendWissen und sittliche Kultur", die harmonisch durch­gebildete und zur Höhe überschäumender philosophischer Weltanschauung herangereifte Persönlichkeit dokumentiert. Prächtige, würdige Erscheinungen sind ferner die alten Damen Henriette Goldschmidt (Leipzig), die rührige Propagandistin für das Fröbelsche Erziehungswerk, Lina Morgenstern, die den Diskussionen aus dem Schatz ihrer reichen praktischen Erfahrungen manchen guten Weg­weiser gab, Frl. Ottilie Hoffmann (Bremen-, die über­zeugte und erfolgreiche Vertreterin der Mäßigteitsbersteb- ungen, und Frau Math. Hecht (Tilsit), die auch auf den Lehrerinnentagen immer als sehr anregendes Element em­pfunden wird; die angenehmen Erscheinungen des Frl. Alice Salomon, Schriftführerin des Bundes, des Frl. Gertrud Bäumer, die mit Helene Lange dasHandbuch der Frauenbewegung" herausgegeben hat, Frau Elsbeth Krükenberg (Bonn), Herausgeberin derNeuen Bahnen". Als Vertreterin der Sittlichkettsfragen ist die mutige Frau Hanna Bieber-Böhm erschienen. Von Doktorinnen sahen wir: Frl. Anita Augspurg, Dr. jur. Frl. Marie Raschle, Dr. jur. Frl. Käthe Windscheid, Tr. Phil. Frl. v. Richthofen, Dr. Phil. Frl. v. Lengefelo, Dr. Phil. Frl. Helene Stöcker, Dr. Phil. Frl. E Mensch, Dr. Phil. Frl. Kuhnow.

Tie sächsischen Städte und das Badener Land hatten besonders viel Telegierte geschickt. Von Wiesbadener Da­men fielen angenehm auf bie ladyliken Erscheinungen deS Frl. A. v. Do emming, des Frl. v. Massen b ach, der Baronesse Ottilie v. B i st a r m, der Frau Dr. Rosen­thal, des Frl. Jenny Rochlitz, sämtlich eifrig thätig in der Frauenfrage. Tas Durchgehen der Präsenzliste nahm am nächsten Vormittag, nachdem Frau Statt die fünfte Generalversammlung als eröffnet erklärt hatte, ziemliche Zeit in Anspruch.

Unmöglich können wir alle 15 7 Vereine, die jetzt der Bund umschließt, namhaft machen. In erster Linie erwähnen wir denÄllgem. deutschen Frauenverein", denAllgem. deuffchen Lehrerinnenverein", den Landesverband preuß. Volksschullehrerinnen, den Letteverein, den VereinFrauen-' bildung - Frauenstudium", denVerein für Fraueninter- essen", den VereinFvauenwohl", den deuffchen Abstinenten- Frauenbund, die Frauengrupven für Bodenreform, Soziäb- resorm, ethische Kultur, die Rechtsschutzvereine, evangelische Diakonievereine, der Deuffche Schwesterinnenverband in Hamburg, israelitische Frauenvereine, Berliner Hausfrauen­vereine, Vereine zur Belohnung treuer Dienstboten.

Daß die Darmstädter Alicevereine es versäumt hatten, den Tag zu beschicken erregte großes Erstaunen.

Auf der Tagesordnung standen zunächst: Reform des Krankenpflegerinnenwesens. Erfreulicher Zuwachs kam den Diakonissen dieses Kapitels durch die Mitbeteiligung vieler Schwestern vom Roten Kreuz. Sehr sicher und klar sprachen zum Thema die würdige Frau Oberin v. Walmenich (München) als Gast, eLiterin des bayer. Landeshauses vom Roten Kreuz, ferner Frau Oberin Marie Sauer vom Kaiser Friedrich-Hospital in San Remo und die junge Schwester Helene Meyer (Hamburg), deren Antrag en bloc, unterstützt von Professor Zimmermann (Zehlendorf), angenommen wurde. Rege Debatten knüpften sich an das ThemaJugendschutz". Als gewandte Red­nerinnen erwiesen sich vor allem Frau Fürth (Frankfurt a. M.), Frau v. Fo r ster (Nürnberg), Frl. Lischnewska (Spandau), Frau Sara P r o e l ß (Berlin), Frau Marie Hecht (Tilstt) u. a.

Von Herren griffen in die Diskussion ein: Oberst Galli (Berlin), Schuldirektor Harry Schmidt (Char- lottenburg). Letzterer zählt wohl nur zu den ,Halben" Freunden der Frauenbewegung. Wenigstens kann man sich dieses Eindruckes bei der Lektüre seines BuchesFrauen­frage und Mädchenschulreform" nicht erwehren. Auch bei der abendlichen Diskussion, welche sich an die beiden öffent­lichen Vorttäge knüpfte, trat das hervor.

Infolge des Referates, welches Frl. Mathilde Planck (Stuttgart) über dieReform der höheren Mädchenschule" gab, wäre es, auf Grund einer rein sachlichen Anmerkung Frh Langes, die von einem Herrn in kaum zu be­greifender Weise mißverstanden wurde, fast ku einer leichten Gereiztheit des Tons gekommen, wenn bie Ruhe und Überlegenheit Frl. Langes nicht sofort ausgleichend und beschwichtigend gewirkt hätten.

Am Vorsdandstisch fehlten leider, im letzten Augenblick am Erscheinen verhindert: Frau Anna Simson (Breslau), die stellvertretende Vorsitzende, und Frau Elisabeth Kase- lowsky (Berlin), Schatzmeisterin.

Ganz besonders schmerzlich vermißten wir bei den De­batten die anregende und konziliawrische Art der ver­dienstvollen Leiterin des MünchenerVereins für Frauen­interessen", Frl. Ika Freudenberg, die leider auch nicht anwesend sein konnte. Dr. E. Mensch.

Ten ausführlichen Berichten desRh. Cour." ent­nehmen wir noch folgendes:

Die Frage über die geschlechtlichen Verhält­nisse in Schule und Haus behandelte Frau Henriette Fürth (Frankfurt a. M.). Sie kam zu folgenden Schluß­sätzen: 1. Die Frage der Aufklärung in geschlechtlichen Dingen ist von höchster Wichtigkeit für die körperliche, geistige und sittliche Erziehung. Durch ein Verschweigen oder Bemänteln der hierher gehörigen Dinge wird die dringende Gefahr einer leiblichen und seelischen Schädigung der Heranwachsenden Jugend hervorgerufen. 2. Es wäre vor allem die Aufgabe der Mütter, ihren Kindern den schweren und äußerst wertvollen Dienst der Äusllärung zu erweisen. Tic meisten Mütter sind nicht imstande, ent­weder weil es ihnen an der Geistes- und Herzensbildung

gebricht, die die unerläßliche Vorbedingung dieses Teile- ber Erziehungsarbeit ist, oder weil sie aus anerzogener Prüderie und geleitet von falschen Vorstellungen über das Verhältnis von Kind und Eltern es für unthunlich hatten, mit ihren Kindern natürliche Tinge in natürlicher Weise zu besprechen, oder endlich, weil der Kämpf um das täg- liche Brot sie abgefrumpft und zur Erfüllung einer so sub­tilen Aufgabe untauglich gemacht hat. Dazu kommt, daß die Schüler der Volksschulen infolge unserer üblen Woh- nungszustände häufig schon früh und auf schlimme Weise Einblick in Dinge bekommen, bie ihnen nach allgemeiner Anschauung, ganz gewiß aber in dieser Form, besser un­bekannt geblieben wären. 3. Darum ist es Aufgabe ber Schule, zur gegebenen Zeit und in angemessener Weise die Jugend über das Wirken der Natur und bie Mittel, deren sie sich bedient, aufzuklären. 4. Am leichtesten ließe sich diese Unterweisung im naturwissenschaftlichen Unterricht ver­mitteln, doch ist auch gegen eine Verbindung mit dem Moralunterricht nichts einzuwenden. 5. Unerläßliche Vor­aussetzung hierzu ist der fittlid) Ernst des Erziehers und seine besondere Befähigung, d. h. sein besonderes Feingefühl in Behandlung dieser schwierigen Fragen.

In der Debatte führte die Spandauer Lehrerin Frl. Lischnewska folgendes aus: Die Damen irren, die da meinen, daß die höheren Schulen und die oberen Klassen der höheren Mädchenschulen Unschuldsgärten seien (Heiter­keit). Der Konitzer Fall zeigt, daß ein Schüler mit vielen Mädchen geschlechtlich verkehrt hat. Kürzlich hat ein Ober- sekundaner entlassen werden müssen, weil er 53ater geworden war. (Rufe: Solche Geschichten kommen natürlich überall vor!) Glauben Sie nicht, daß es in den höheren Mädchen­schulen anders ist, als in den Volksschulen! Vielleicht etwas weniger derb, aber desto raffinierter! Und in ber Raffiniert­heit in geschlechtlichen Dingen liegt das Gemeine. Unter­richtet sind da Schüler und Schülerinnen in den Volks­schulen und in den höheren Schulen in der gemeinsten Weise. Die Knaben haben schon in ber Obertertia eine Liste der saftigsten Stellen aus der Bibel und reichen sie den jüngeren weiter. Bei den Mädchen ist es ebenso. Stimmt man an noch ganz harmlose Stellen in der Bibel, bann kann man schon sehen, wie es eine Anzahl Mädchen giebt, die lachen. Das Kind ist also schon unterrichtet. Es kommt also nur darauf an, wie es unterrichtet wird. So wie es heute geschieht, kommt dem Kinde niemals der Gedanke nahe, daß die Quellen des Lebens etwas heiliges sind. Die älteren Kinder unterrichten bie jüngeren in der ab­scheulichsten Weise. Im naturwissenschaftlichen Unterricht müssen wie von allen anderen Organen auch Abbildungen der Geschlechtsorgane gegeben werden, sonst werden wtt niemals zum wissenschaftlichen Emst kommen. (Lebhafter Beifall.) Der Unterricht muß einsetzen im Augenblick bet Reife, weil da die geschlechtlichen Triebe am stärksten sind und etwas zum Schutze des Kindes gethan werden muß. (Beifall.) Sie beantrage, den Vorstand zu beauftragen, bei den Kultusministerien der Bundesstaaten für die Ein­führung der geschlechtlichen Belehrung in den oderenK lassen ber höheren Schulen und der Fortbildungsschulen zu peti­tionieren.

Frau Bieber-Bohm (Berlin) berichtete über die Thätigkeit ber Sittlichkeitskommission bes Bun­des. Ta die Bemühungen auf Anstellung von Po­lizeimatronen ergebnislos geblieben, hcttien wir den Weg der persönlichen Anknüpfung mtt den Behörden be­schritten und große Erfolge erzielt. Trotz aller Anfein­dungen haben wir den Mut nicht sinken lassen, und auf ber ganzen Linie ber Sittlichkeitsreform Fortschritte zur Lösung ber uns gestellten Aufgaben gemacht. Wenn wir zurückblicken auf bie Schwierigkeiten, auf bie wir zu Beginn unserer Thätigkeit stießen, und toenn wir sehen, wie das Interesse wettester Kreise für bie Stttlichkeitsfragen ge­wachsen sind, so können wir mit unserer Arbett zufrieden sein. Tie Versammlung billigt das Vorgehen ber Sitt- lichkeitskommission.

Es gelangte bann ein Antrag bes Frauenfürforgever- eins Tüsselborf zur Verhandlung, welcher verlangt, an die deutschen Regierungen eine Petition zu senden, welche verlangt:' 1. Landwirtschaftlich e Frau en schule auf dem Lande zu errichten und die beretts bestehenden zu unterstützen; 2. bie Ausbildung ber Volksschullehrer und Lehrerinnen im Gartenbau mehr als bisher zu fördern und überall an den ländlichen Volksschulen Schulgärten einzurichten. Der Antrag wurde von M arie Wegner (Tüsselborf) begründet. Sie führt ausi Tie Mehrzahl der erwerbsthätigen Frauen in T^utsch- lanb ist allerdings schon heute in landwirffchattlichen Be­trieben thatia. 2i/i Millionen im Hauptberuf, iy« im Nebenberuf, Darunter ungefähr 18000 Wirtschaftsbeam­tinnen und 352 200 Selbständige. Infolge der mangelhaften AuSbildungsmoglichkeiten sind aber Inder die Aussichten für den Frauenerwerb auf dem Lande zur Zeit noch recht ungünstig. Tie Arbeiterin z. B verdient durchschnittlich die Hälfte des, dem besser ausgebildeten Manne gezahlten Lohnes. Letzterer beträgt für den Mann 1,18 Mark als niedrigster, 1,44 Mk. als höchster Durchschnittslohn, für die Frau 0,43 Mk. als niedrigster, 0,73 Mk. als höchster Turchschnittslohn. Eine Schonung vor und nach dem Wochenbett ist unbekannt, worauf es vielfach zurückzu­führen ist, daß Unterleibserkrankungen und Wochenbette mit tödlichem Ausgang auf dem Lande verhältnismäßig häufig Vorkommen. Tie zunehmende Landflucht der Ar­beiter ist zunächst durch den landwirtschaftlich-gärtner­ischen Unterricht in den ländlichen Volksschulen zu bekämpfen. Tie Nachkommenschaft des kleinen Bauern und des Tagelöhners muß auch durch den Unterricht im Schul­garten auf die Vorteile der gärtnerischen Ausnutzung des Bodens bingewiefen werden. Für die gebildete Frau auf dem Lande find irgend welche Aussichten für einen aus­kömmlichen Verdienst ohne Vorbildung erst recht nicht vor­handen. Tie beteiligten Kreise muß man darauf Hinweisen, daß die Einkünfte der Landwirtschaft überall dort zufriedenstellend sind, wo Wert auf den Klein­betrieb, Gartenbau, Geflügelzucht und Bienenzucht gelegt wird. Tie gründliche Ausbildung in diesen Zweigen, die Erlernung ber Buchführung und die 'Anleitung zur Ver- Wertung der Produkte ist für die gebildete Frau auf dem Lande bei den heutigen Verhältnifsen unentbehrlich. Es erscheint wünschenswert, daß ber Staat, welcher burch bie Erhöhung ber Lebensmittelzölle bie Landwirtschaft kräf­tigen will, auch für die verbesserte Kultur und bie ergie­bigere Produktion eines Teils der notwendigsten Nahrungs­mittel ein tritt.

Zu einer längeren lebhaften Debatte führte ein Antrag des Zweigvereins Tresden ber Internationalen Föderation: Ter Bund wolle beschließen, den Kampf gegen bie staat­lich reglementierte Prostitution als Programmpunkt nach- brücklicher als bisher zu betonen, unb sowohl der Ocffent- lichkeit als den gesetzgebenden und ausführenden Gewaltei gegenüber Stellung zu dieser Frone zu nehmen." Es wurde

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