Ausgabe 
7.8.1902 Erstes Blatt
 
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Nr. 183

erfahrt tSgNch außer Sonntags.

Dem Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit dem Hessischen Landwirt die Siebener Familien« blätter viermal in der Woche beigelegt.

Rotationsdruck u. Ver­lag der Brüh lachen Umvers.-Buch- u. Stein- druckeret (Pietsch Erben) Redaktton, Expedition und Druckerei r

Gchulstratze 7.

Adresse für Depeschm: Anzeiger Gießen.

Fernsprechanschlnß Nr. 5L

Erstes Blatt. ISS. Jahrgang Donnerstag 7.August 1908

GiehenerAnzeiger

IUF General-Anzeiger 99 **

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen

Bezugspreis, monatlich7bPf.,viertes jährlich Mk. 2.20; burcg Avhole- u. Zweigstellen monatlich 65 Pf.; durch diePostMk.2.viertA jährl. ausschl. Bestellg. Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer bis vormtttagS 10 Uhr, Zeilenpreis: lokal 12Pf* auswärts 20 Psg.

Verantwortlich, für den polst. u. allgem« Teil: P. Witiko: für .Stadt und Land* und Gerichtssaal*: Lurt Plato; für den An« zeigenteil: HanS Beck.

Greßerr, 5. August 1902.

Betr.: Maßregeln zur Alnvehr und Unterdrückung von Viehseuchen.

Das GrsMerpgliche Kreisamt Gießen <m die Großh. BürgermeLstereie« der Landgemeiuden des Kreises.

Verschiedene Falle, in welchen feitenZ der Lokalpolizei- öehörden die vorgeschriebene Anzeige wegen Ausbruchs einer übertragbaren Viehseuche entweder überhaupt nicht oder sehr verspätet an uns erstattet worden ist, geben uns Veranlassung, darauf hinzuweisen, daß uns über den Ausbruch jeder unter dem Viehftande Ihres Bezirkes austretendeu übertragbaren Seuche, sowie über alle verdächtige Erscheinungen, welche den Ausbruch einer solchen Krankheit befürchten lassen, un­verzüglich Bericht zu erstatten ist. Unabhängig hiervon ist von Ihnen sofort das zuständige Großh. Kreisveterinäramt behufs sachverständiger Ermittelung des Seuchenausbruches zu benachrichtigen.

Die vorstehend erwähnte Berichterstattung an uns hat auch dann zu erfolgen, wenn über den betreffenden Seuchen-

fall rn Gemäßheit des Gesetzes vom betr. dre ^4* luUv

Entschädignng für an Milzbrand u. s. w. gefallenen Tiere, noch ein besonderes Abschätzungsprotokoll vorzulegen ist. Keinenfalls ist die Berichterstattung über neu aufgetretene Seuchen bis zur Beendigung des Abschätzungsverfahrens hinauszuschieben.

I. V.: Dr. Wagner.

Bekanntmachung.

CS wird hiermit zur öffentlichen Kenntnis gebracht, daß bie nach § 6 des Reichsgesetzes vom 21. Juni 1887 über die Naturalleistungen für die bewaffnete Macht im Frieden ermittelten Durchschnittsmarktpreise, einschließlich eines Auf­schlags von Fünf vom Hundert pro Monat Juli 1902 für deu Lieferungsverband Gießen pro 100 Kg. betragen

Hafer Mk. 20,40, Heu Mk. 7,10, Stroh Mk. 6,30.

Gießrrr, 6. August 1902.

GroHKerzogliches Kreisamt Gießen.

____________ I. V.: Dr. Wagner.______________

Großh. Landes-Baugewerkschnle Darmstadt.

Beginn des Wintersemesters am 20. Oktober.

Schluß desselben am 21. Marz u. I.

Die Schule umfaßt 4 Klassen für Hochbau und 2 Klaffen für Tiefbau. (Im Winter Tiefbau Klaffe II, im Sommer Tiefbau Klaffe 1.)

Die Abgangszeugnisse der Großh. Landes-Baugewerk- schule sind denjenigen der Königlich Preußischen Baugewerk-- schulen gleichgestellt.

Programme und Anmeldeformulare find durch die Direktion der Landes-Baugewerkschule, Darmstadt, Neckar­straße 3, zu erhalten.

Das Schulgeld beträgt 80 Mk. für das Halbjahr.

Schluß der Anmeldefrist am 11. Oktober d. I.

Die Direktion.

Die Zrveikaiserzusarnmeukunft.

Reval, 6. Aug.

Bald nach 81/2 Uhr morgens kam die ,^obenzo Ilern" auf der Höhe von Reval in Sicht. Ihr folgten die Kreuzer Prinz Heinrich" undNymphe", das DepeschenbootSleip- ner" und drei andere Torpedoboote. DieHohenzollern" hatte die Kaiserstandarte gehißt. Der deutsche Marine- attachs Frhr. v. Schtmmelmann meldete sich jenseits der Insel Nargen beim deutschen Kaiser. Als aus der Hohenzollern" die russische KaiseryachtStandart", welche die russische Kaiserstandarte gehißt hatte, gesichtet wurde, gab Kaiser Wilhelm Befehl zum Ehrensalut von 31 Schuß. Tie hohenzollern" und oie deutschen Begleitschiffe hatten Toppflaggen und die russische Flagge im Großtopp gesetzt. Inzwischen war der Kaiser von Rußland auf die Meldung vom: Herannahen derHohenzollern", begleitet von den PachtenSwetlana",Polarnaja-Swesda" und sechs Torpedobooten dem deutschen Kaiser entgegengefahren. Die russischen Schiffe hatten gleichfalls Toppflaggen und die deutsche Flagge im Großtopp gesetzt. Als der Salut der hohenzollern" ertönte, erwiderte derStandard" mit 31 Schuß. Hierauf gab der Kaiser von Rußland Befehl, den deutsche Kaiser mit 33 Schütz zu salutieren, worauf die hohenzollern" mit 33 Schutz dankte. Auf derHohen­zollern" wurde die russische, aus demStandard" die preu­ßische Nattonalhymne gespielt. Kaiser Nikolaus hatte in­zwischen den zum Ehrenoienst beim deutschen Kaiser be­fohlenen Fregattenkapitän Tschjagin und den zum Ehren­dienst beim Prinzen Friedrich Heinrich befohlenen Fre­gattenkapitän Paulis, bisherigen Marineattachä in Berlin nach der hohenzollern" entsanot, um den Kaiser einzu­laden, ihn auf der PachtStandard" zu besuchen. Kaiser Wilhelm begab sich nunmehr mit deu beiden russischen Offi­zieren und mit Gefolge an Bord des,-Standard", wo Kaiser Nikolaus seinen Gast am Fallreep empfing und nach herz­lichster Begrüßung und wiederholter Umarmung cur Bord gekettete.

Der Standard", der beide Kaiserstandarten gehißt hatte, nahm nunmehr, gefolgt von der deutschen KaiseryachtHohen- zollern" und den KreuzernPrin^ Heinrich" undNymphe", dem TorpedobootSleipner" und den anderen drei deut­schen Torpedobooten sowie den russischen PachtenPelar- naya-Swesda" und ,-Swetlana", in Kiellinie den Kurs aus

Reval. Als derStarrdard" mtt den beiden Kaisern sich der auf der Rhede liegenden russischen Flotte, bestehend aus 14 Kriegsschiffen und 15 Torpedobooten, näherte, feuerte diese einen Ehrensalut von 21 Schuß. Die russi­schen Mannschjaften brachten Hurras aus. Der Kaiser be­grüßte jedes einzelne russische Schiff durch Zuruf, der von den Mannschaften erwidert wurde.Standard", hohen- wllern" sowie die Begleitschiffe ankerten darauf zwischen der russischen Flotte. Kaiser Wilhelm hatte russische Ad­miralsuniform mit dem Bande des Andreasordens, Kaiser Nikolaus deutsche Admiralsuniform mit dem Schwarzen Adlerorden angelegt. Als Kaiser Wilhelm den,-Standard betrat, meldete sich ferner der bei ihm zum Ehrendienst kommandierte Generaladjutcmt Admiral Krämer. Die auf der Rhede liegende russische Flotte steht unter dem Kom­mando des Admirals Rchedestwenski, der seine Flagge auf dem PanzerkreuzerMinin" gehißt hat. Schon am frühen Morgen waren zahlreiche geschmückte Dampfer mit der deut­schen Kolonie und Tausenden von anderen Zuschauern Kaiser Wilhelm entgegengesahren. Die Musikkapellen an Bord spielten die preußische und russische Nationalhymne, sowie andere Weisen. Die Passagiere der Vergnügrmgsdampfer brachten Hurras aus. Die wette, leicht bewegte Meeres­fläche bot mit den zahlreichen Kriegs- und Privatschiffew in Flaggengala und grünem Laubschmuck ein anziehenoes- farbenreiches Bild. An Bord desStandard" stellte Kaiser Nikolaus seinem Gaste die Kommandanten der russischen Kriegsschiffe vor, sodann verabschiedete sich Kaiser Wilhelm- vom Kaiser Nikolaus und begab sich, nach der ,^Hohentzjolleim" wo alsbald der Geaenbesuch des Kaisers Nikolaus, den der Großfürst Alexis und sein Gefolge begletteten, erfolgte. Kaiser Wilhelm empfing den Kaiser von Rußland am Fallreep und begrüßte ihn herzlich Nach der Vorstellung der Kom­mandanten der deutschen Kriegsschiffe, der Herren des Ge­folges, die den Kaiser nicht an Bord desStandard" be­gleitet hatten, verließen die Monarchen die hohenzollern" und besichtigten sodann einzelne Schaffe des russischen Artillerie-Lehrgeschwaders.

Als Kaiser Wilhelm sich auf Einladung des Kaisers Nikolaus von derHohenzollern" an Bord desStandard" begab, befanden sich in seiner Begleitung Prinz Friedrich, Heinrich, der Reichskanzler Graf von Bülow, der Kom­mandant des Hauptquartiers General v. Plessen mid der Chef des Marinekabiuetts Vizeadmiral v. Senden-Bibran. Bei dem heutigen Frühstück an Bord desStandard" tranken der deutsche Kaiser dem Grafen Lambsdorff und Kaiser Nikolaus dem Reichskanzler Grafen Bülow und dem Oberhof- und Hausmarschall Grafen zu Eulenburg zu. Am Nachmittag wohnten die beiden Majestäten aus dem Flagg­schiffMinin" Schießübungen bei. Es fanden Passier-Schieß­übungen aus 37 MMimeter-Einsatzrohren aus großen und mtttleren Kalibern gegen Scheiben statt, die von Torpedo­booten geschleppt wurden. Hieran schlossen sich Evolutionen des Geschwaders, verbunden mit Schießübungen gegen schwimmende Scheiben, sowie gegen Scheiben im ScAepp- tau von Torpedobooten. Kaiser Wilhelm war von General

Nacht lang zum Abtrocknen Legen gelassen und bis zur Benutzung in Fässer gethan, aus denen sie noch dunkler und besser ausgegohren hervorkommen. Die nunmehr gleich weichem Leder schmiegsamen Blätter werden dann sorgsam entfaltet und von älteren Frauen entrippt, d. h. also ihres mittleren dicken Btattstengels beraubt. Ter ganze überwiegende Tell aller aus deutschen Fabriken hervor­gehenden Cigarren wird bekannllich seit geraumer Zeit mit Ma­schinen hergestellt, während man für die cheueren Cigarren Ha­vannas noch immer die Arbeit der Menschenhand vorzieht. Frauen und Mädchen werden zum Cigarrendrehen gar nicht ver­wendet. Es sind, untermischt mit einigen wenigen Farbigen, fast durchweg weiße Kubaner, die in großen Sälen, jeder vor seinem eigenen Tischchen, emsig der viel Geschicklichkeit und Hebung erfor­dernden Arbeit obliegen. Mit eintöniger Stimme pflegt ihnen während der mitlleren Tagesstunden ein Vorleser die neuesten Zeitungsnachrichten zu verkündigen. Zuerst wird mit scharfem Messer das Deckblatt zurechlgeschnitten, deren jedes Tabakblatt zwei liefert, dann sucht der Arbeiter aus den verschiedenen neben ihm liegenden Sorten die Einlage zusammen, giebt dem Büschel die ungefähre Form der zukünftigen Cigarre, wickell chn in das Deckblatt rmd beginnt mit einem gänzlich geruch- und geschmacklosen Tragacant ge­nannten indischen Pflanzensast das zeitraubendste Stück, nämlich die Spitze herzustellen. Sachkundige Einheimische ziehen aus guten Gründen die einfache Zigarrensorm vor, die, abgesehen von der Spitze, voll­kommen zylindrisch ist. Europäischer Diode scheinen aber chörichter- weise jene Zigarren besser zu entsprechen, die auch an dem anzu- zündenden Ende zugespitzt sind, was mehr Arbeit erfordert. Rauchen dürfen die Leute soviel als sie mögen, was denn auch in solchem Umfang ausgenutzt wird, daß wenigstens die größten Fabttkeu den Wert des von den Arbeitern gerauchten und auch wohl gestohlenen Tabaks auf jährlich 50 000 Doll, schätzen. Die Kunst des Arbeiters besteht u. a. darin, daß jede Zigarre an Größe und Form der anderen genau gleich sein muß. Die fertige Zigarre wird an einem Längenmaß gemeßen, das später anzuzündende Ende glatt ab­geschnitten und dann auch die Richtlgkeit des Durchmessers fest- aestellt. Da die Zahl der Zigarrenformate Legion ist und be­sonders für die Vereinigten Staaten solche von außergewöhnllchen Maßen angefertigt werden, läßt sich nicht ohne weiteres sagen, wie­viel Zigarren ein guter Arbeiter an einem Tage anzufertigen ver­mag. Die Zahl 'chwankt, je nachdem groß oder klein, einfach oder umständlich, zwischen 15 und 250 Stück, die Bezahlung zwischen 12 und 80 Doll, für das Tausend und der Verdienst zwischen 24 und 30 Doll, wöchentlich. Ein Mann, dem ich längere Zeit zuschaute, stellte täglich 40 Stück fertig, für die er je 9 Cts. oder 36 Pfg. be­zieht. Ta aus jeder der größten Fabriken Havannas täglich gegen 150 000 Zigarren hervorgehen, handelt es sich schon um recht be­trächtliche Lohnsummen, oie aber nicht verhindert haben, daß sich die kubanischen Arbeiter zunächst noch ziemlich harmlosensozialistischen Anwandlungen weit zugänglicher zeigten als die amerikanischen. Da aber die bisherigen Streiks oder Huelgas mit dem Sieg der Arbeitgeber geendet haben und auch die derzeitige Geschäftslage keineswegs glänzend ist, übersteigt das Angebot tut Zigarren­arbeitern die Nachfrage.

Feuilleton.

Berlin, 6. Aug. In der letzten Hauptversammlung des Stenographentages erklärte Dr. Oppell-Graz namens der Minderheit, sie werde sich an der ferneren Verhandlung nicht be­teiligen. Prof- Rueß-München erklärte, die bayerische Regierung habe die Beschlüsse des Stenographentages bisher aneckannt. So­dann erfolgen die Bundeswahlen. Zum ersten Borsitzendeu wird Prof. Medem-Danzig, zu Stellvertretern Gymnasialdirektor Frank- Prag, Eisenbahnsekretar Beulke-Braunfchweig, Direktor Gaster Äntiverpen, Seminaroberlehrer Böhme-Dresden gewählt. Als Ott des nächsten Stenographentags wird Braunschweig gewählt. Darauf wird der Stenographentag mit einer Ansprache des Vor­sitzenden geschloffen. Im Anschluß daran fand heute Mittag die erste Tagung desDeutschen Frauenbundes Gabels­berger" unter dem Vorsitze Dr. Gaster-Antwerpen statt. In Verbindung mit der Statutenderatung wurde die Einrichtung einer Centtalstelle für Stellenvermittelung beraten und einer Kommission überwiesen. Dr. Gaster wurde sodaim zum Ehrenvorsitzenden und Frau Dr. Gaster zum Vorsitzenden gewählt.

Der Fall Humbert tu neuer Beleuchtung. Die am 3L Juli ausgegebene Nummer von ,£a Medeeine Moderne" ent­halt eine psychologische Studie über den Fall Humbert, welche der Pariser Arzt Lagriffe und der Metzer Arzt Remorrd versaßt haben. DerFall" begann damit, daß eine Person, die nichts besaß, an- gab, sehr große Reichtümer zu besitzen. In allen Irrenanstalten gibt es Kranke genug, welche von vornehmer Abstammung zu sein behaupten, mit großartigen Beziehungen prahlen und enorm reich sein wollen, derartige Kranke befinden sich nicht bloß in Irren­anstalten, manche vettehren auch frei und ohne jede Hemmung in der Gesellschaft und erziehen sich sogar eine gläubige Gemeinde, Freunde, die Alles für bare Münze nehmen und im Notfälle mit Geld und Rat da sind. Das Unwahrscheinliche, ja sogar das Sinnlose der Behauptungen, welche über die Abstammung und die Vermögeiisverhämiiffe ausgestreut werden, kann in einzelnen Fällen zur Diagnose einer schweren Hysterie führen. Neben dem Wahnsinn und der Hysterie kommen auch Zustände der geistigen Degeneration vor. Derarüge Menschen sind im (Gebiete der alt­ruistischen Empfindungen erfranft. In den Gesetzen der Moral sehen sie nur einen künstlichen, unmotivierten Zwang, in der sozialen Ordnung eine polizeittche Maßregel, in den Beschränkungen und Hemmungen die sich der Einzelne auferlegen muß, Ketten für ihre individuelle Freiheit. Ihr psychisches Kennzeichen ist die lücken­hafte, defekte geistige Arbeit; sie erkennen das Unmoralische, das llnreelle, das Unehrliche nicht. Diese Kranken werden nicht wahrend ihres Lebens pathologisch, sie werden so geboren, und man kann auf sie das Wort Maudsleys anwenden, der Dieb werde geboren etwa wie der Dichter. Arn moralisch defekten Menschen bewahr­heitet sich die Theorie Lombrosos. Uni den Fall Humbert zu ver­stehen, nmß man zwei Faktoren berücksichtigen: die Kranke und die Gesellschaft. Denn wemi man letztere elüniert, so bleibt nur das defekte Gehirn. Trotz der allgemeinen Ansicht, Frau Humbett sei eine besonders schlaue Person, finden wtt an ihr als hervorstechen­

des Merkmal eine hochgradige Naivetät. Diese Naivetät war ihre Macht, ihre AnziehungÄrast. Sie war naiv und migeschickt aber die Naivetät und Ungeschicklichkeit ihres Milieus war noch größer. Man glaubte ihr. Statt die Gesellschaft vor Frau Hum- bett zu schützen, haben die Behörden Frau Humbett vor der Ge­sellschaft geschützt. Wäre sie an einen kleinen Beamten verheiratet gewesen ober gar bäuerlicher Abstammung, so säße sie seit zwanzig Jahren in einem Gefängnisse ober in einer Irrenanstalt. Sie be­sitzt eine ungenügenbe, rubimentäre Bilbung unb kann noch heute feinen korrekten Brief schreiben. Sie hat auch einen Sprachfehler, welcher bei Geisteskranken in zehn Prozent der Fälle vorkommt. Als junges Mädchen war sie stets in Liebesabenteuer verwickelt und galt als Thunichtgut. Auch ihre Mutter führte einen schlechten Lebenswandel. Sehr auffallend ist die Höhe der Summen, mit welchen Frau Humbett manipuliert und ihre Gläubiger getäuscht hat. Eine geistig normale Frau hätte zum Zwecke eines Betruges nie mit so hohen Summen manövriert imo ihre Umgebung be­trogen. Sie mußte sehr viele Menschen an sich heran-, und bei ihren mysteriösen Geldgeschäften ins Vertrauen ziehen, um nicht plötzlich Schiffbruch zu erleiden. Unb ber Zweck aller biefer Be­trügereien ? Frau Humbett scheint ihn selbst nicht gekannt und beshalb keine sorgenvolle Sttmbe gehabt zu Haden. Em normaler Mensch in ihrer Lage wäre den furchtbaren und unausgesetzten Aufregungen überhaupt nicht gewachsen geivesen. Sie besitzt eine totale Gefühllosigkeit (Anaesthesie) in moralischen und juridischen Fragen. Die Frau, dieür ihre eigene Mutter nur Beschimpfungen hatte, hätte an das Schicksal ihres Kindes, der Tochter, denken müssen; aber sie war auch jedes mütterlichen Gefühles bar. Wenn Frau Humbert vernünftig gewesen wäre, so hätte sie sich vorsich­tigerweise mit der Erfindung kleinerer Summen begnügt und mit dem Vertrauten besser gewirtschaftet. Es kommt ja nicht fetten vor, daß ein routinierter Kopf aus dem Snobismus der Anderen große Vorteile zieht. Die Gesellschaft hat in diesem Falle den Fchler be­gangen, sich von Vorurteilen und vom Scheine täuschen zu laffen. Leute, die sich nur vor dem Mel des Wissens unb bes Herzens beugen, werben den Fall Humbert mit Gleichmut aufnehmen. Vor unseren Augen hat sich ein Vaudeville abgespielt, in welchem Schwindler unb gläubige Gläubiger agieren. Die Helbin bes Stuckes ist eine kranke, eine geborene Verbrecherin. Die franzö­sischen Aerzte bemühen sich, das Bild ber moralisch unempfinblichen (anästhetischen) Frau Humbert durch Hervorhebung zahtteicher Details plausibel zu machen. Für die Lösung ber Frage, ob btefe Verbrecherin geistig gesunb ober krank sei, wäre es freilich wichtig, vorerst chren Aufenthattsort zu ermitteln.

Die Fabrikation der Havanna-Cigarren. In berKöln. Ztg.* erzählt ein Reisebettchterstatter von den Cigarrenfabttken auf Cuba: Beim Besuch einer Cigarrenfabrik empfängt uns neben Tabakstaub das eigenartige und Jedem, der einmal während längerer Zeit Havanna-Cigarren geraucht hat, wohlbekannte Aroma des kubamschen Tabaks. Zur Zett meines Aufenthalts auf Kuba wurde, da die neue Ernte kaum vor Anfang Jtili in den Fabriken zu erscheinen pflegt, ausschließlich vorjähriger Tabak verarbeitet. Sobald ein Ballen geöffnet ist. werden die einzelnen Blätterbündel durch schnelles Echrtarrchen in Wasser leicht angefeuchlet, dann eüie