Ausgabe 
7.1.1902 Erstes Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Nr. 5

Erscheint täglich außer Sonntags.

Dem Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit dem hessischen Landwirt die Gießener ..amilien- blätte; viermal in der Woche bei legt.

Rotationsdrut u. Ver­lag der Brühl'schen Univers.-Buch-u.Stein­druckerei (Pietsch Erben) Redaktion, Expedition und Druckerei:

Schul st raße 7.

Adresse für Depeschen: Anzeiger Gießen.

Fernsprechanschluß Nr. 51.

Erstes Blatt.

153. Jahrgang

Dienstag 7. Januar 1008

GietzenerAnzeiger

General-Mzeiger ""

Amis- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen

Bezugspreis: monatlich 75 Pf., viertÄ- jährlich Mk. 2.20; durch ?lbhole- u. Zweigstellen monatlich 65 Pf.; durch diePostMk.2.Viertel­jahr!. ausschl. Bestellg. Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer ' i§ vormittags 10 Uhr. Zeilenpreis: tokal!2Pf^ auswärts 20 Pfg.

Verantwortlich: für den polit. u. uJgem. Teil: P. Wittko; für Stadt und Land" und Gerichtssaal": R. Bitt» mann; für den An­zeigenteil: Hans Beck.

Aas Ileöernachtungsgeöäude für Jahr- und LoKomotiv-Aeamte.

(OriginalLericht desGieß. Anz.")

<ß'9O

4V70Z

6 Jffei&t

F7cip

yi-$c>c

TfaflWCutÄe

Yas&rtD'n

Flitr

PT*

/Ja a esa t< z«

ZZzzz-

Im

Vfettey

iyxiistaasiabt

>Pis. $

'ejTsete

In Gießen ist ein Ueber- nachtungsgebäude für Fahr- und Lokomotiv-Beamte er­richtet worden, das am 1. Ok­tober in Betrieb genommen wurde. Es ivirb unsere Leser- gewiß interessieren, über die Einrichtung dieses Baues et­was Näheres zu erfahren. Mit Zuhilfenahme der drei nebenstehenden Skizzen wird es jedem leicht sein, sich ein Bild von dem Inneren des Gebäudes zu machen.

Beginnen wir mit dem Kellergeschoß. Wir stei­gen die Treppe hinunter, die zu diesen unteren Räumen führt, und treten durch die uns gegenüber befindliche Thür. Wir sind in dem Raum,der die Dampfheizungs­anlage enthält. Sämtliche Räume des Gebäudes werden nämlich dmch Eentralheizung erwärmt. Wir sehen den mächtigen Kessel, 2 Feuerherde, die eine fast unerträgliche Glut ausstrahlen, und betrachten den Apparat neuester Kon­struktion, der das heiße und warme Wasser für Koch- und Badezwecke vorbereitet. Rechts von diesem Raume befindet sich ein anderer, der zur Auf- /

nähme der Kohlen- und Holz- ^teurträt» Vorräte bestimmt ist. Wir verlassen diesen, gehen den Korridor entlang und besichtigen nun die am Ende desselben befindlichen Bade­räume. Wie auf dem Flur, so herrscht auch hier und überhaupt in allen Räum en die peinlichste Sauber­keit. Man glaubt sich in ein modernes Volksbad versetzt, so bequem und auch geschmackvoll und doch gleichzeitig praktisch ist hier alles eingerichtet. Zellenweise abgetrennt befinden sich hier 7 Brause- und 4 Wannenbäder. Die Zellen sind, wie schon gesagt, ganz analog denen der neuen Volks­bäder eingerichtet. Die Bäder werden den übernachtenden Beamten unent­geltlich verabreicht, und zwar steht es jedem frei, sie nach Belieben ost zu benutzen. Auch die übrigen Eisenbahn-

- AIS

fg.«yv

JtatTmef Wgtefä

JVettergejcböiftf männischen Inhalts. Auf dieser Seite liegen sodann noch die Wohnräume sowie die Küche des Hausmeisters, zu denen ein besonderer Eingang von der Nordseite des Hauses führt.

Gehen wir nun zu dem Waschraum zurück und wandern wir von dort weiter nach der entgegengesetzten Seite, so stoßen wir zunächst aus ein Zimmer, das zur Aufbewahrung der Wäsche dient. Und nun kommen wir zu einem Teil des eigentlichen Uebernachtungshauses. Wir besichtigen drei Stuben, in denen sechs, vezw. vier und zwer Betten auf­gestellt sind. In Bezug auf die Größe der Zimmer ist den hygienischen Anforderungen sorgfältig Rechnung getragen. Für jeden Bewohner sind mindestens 16 Cbm. Lust bemessen. Die Betten sind in vorzüglicher Verfassung, sogar mit doppelten Matratzen versehen. Um eine gewisse Ordnung zu erzielen, sind an den Bettladen der größeren Zimmer Zettel befestigt, die darauf Hinweisen, daß die betr. Betten für Lokomotivführer, Heizer re. bestimmt sind. Dabei ist darauf geachtet, daß das Dienstpersonal eines Zuges auf einer Stube schläft. Um ferner die Beamten zur Schonung des Bettzeuges anzuhalten, ist die Bestimmung getroffen, daß dieses nach vierjährigem Gebrauch in den Besitz des Be­nutzenden übergeht.

Nun sehen wir uns die Räume auf der anderen Seite des Korridors an. An das rechts von der Treppe liegende Kloset, das ebenfalls durchaus den hygienischen Anforder­ungen entspricht, schließt sich ein Trockenraum für nasse Kleider. Es war bisher ein großer Uebelstand, der häufig genug für die Beamten die schlimmsten Folgen gehabt hat, daß sie, nachdem sie den einen Tag Wind und Wetter aus­gesetzt waren, am nächsten Tage wiederum in ihren durch­näßten Kleidern ihr schweres Tagewerk beginnen mußten. Dem wird durch die Einrichtung dieser Trockenkammer, die man als Schnelltrockenraum bezeichnen könnte, ab geholfen. Ein Heizschlangensystem sorgt nämlich ständig für heiße Luft, ein elektrisch betriebener Ventilator führt andererseits ständig kalte Luft ein; und so findet eine fortwährende Luft­strömung statt, die bewirkt, daß nasse Kleidungsstücke in der denkbar kürzesten Zeit trocknen. Hieran schließen sich drei Uebernachtungszimmer mit 6 hezw. 4 und 2 Betten. Links

beamten haben das Recht, die Bäder zu benutzen, doch müssen diese ekn kleines Entgelt zahlen. Selbst eine Rollkammer fehlt nicht, die linker Hand von der Treppe liegt. Rechts von der letzteren befindet sich die Waschküche. An 'diese schließen sich eine Trockenkammer, sowie Holz- und Geräte­räume. Schließlich sind im unteren Geschoß noch die Keller des Hausmeisters zu erwähnen, die links von der Roll­kammer liegen. *

Wir steigen nunmehr die Treppe wieder empor und sehen uns die Räume des Erdgeschosses an. Gegenüber der Treppe befindet sich der gemeinsame Waschraum. Auch hier bewundern wir die pra ktisch e Einrich tun g. Es sind 8 Waschständer vorgesehen, Sie für die Zuführung heißen und kalten Wassers eingerichtet sind. Nach Benutzung werden die Waschbecken, die an beiden Seiten mechanisch befestigt sind, einfach umgestülpt. Das Wasser fließt in eine darunter befindliche Rinne und aus dieser durch ein Entwässerungsrohr ab. An den Waschraum schließt sich auf der linken Seite die Kafieeküche. Ein Gasherd mit acht Kochern lädt den von der Arbeit Ermatteten ein, sich ein Schälchen stärkenden Kaffees zu bereiten. Das Wasser dazu liefert ihm ein an der Wand befindlicher Apparat, der aus verschiedenen Krähnen heißes, warmes und kaltes Wasser giebt Infolge dieser äußerst praktischen Einrichtung ist es den Beamten möglich, jederzeit die von Hause mitge­brachten kälten Speisen aufzuwärmen, sich schnell eine warme Suppe zu kochen usw. Am äußersten Ende des Korridors liegt auf der linken Seite der große Speisesaal. An sechs blank gescheuerten Tischen, die für je 6 Personen berechnet sind, tonnen die Beamten ihren selbst gekochten Kaffee oder ihr sonstiges selbst bereitetes Mahl einnehmen. Aber sie sind darauf nicht etwa angewiesen. Denn mit dem Speise­saal in Verbindung steht eine Speiseausgabe, die vom Haus­meister bedient wird. Hier kann der Hungernde und Dürstende alles haben, was sein Herz begehrt, warme und kalte Spci,en, Getränke, Tabak usw. Und Samit er, wenn er auch einmal Lust hat, etwas geistige Nahrung zu sich zu nehmen, auch dieses Bedürfnis befriedigen kann, hängen an den Wänden mehrere Zeitschriften allgemeinen und fach-

ia B 3

#. VI >

" «46ÄO

IWM]

|

WtTjZcAS1

von der Treppe liegen auf dieser Seite wieder einige Räum­lichkeiten des Pförtners.

Wir begeben uns jetzt ins Obergeschoß. Es er­übrigt sich hier, eine ins Einzelne gehende Beschreibung der Räumlichkeiten zu geben, da die Einrichtung des Ober­geschosses der des Erdgeschosses entspricht. Nur sind an Stelle des Speisesaals, der Wäsche- und Kleidertrocken­räume des Erdgeschosses hier weitere Zimmer zur Auf­stellung von Betten vorgesehen. Auf der der Treppe gegen­über liegenden Seite befinden sich ein Zimmer für 4 und 2 für je 6 Betten. Die andere Seite enthält 2 Räume für 6, 4 und 2 und einen für 4 Betten.

Auch im Dachgeschoß können, falls sich das Bedürfnis dafür Herausstellen, ollte, Iiäume zur Aufstellung von Betten geschaffen werden. Hier befindet sich übrigens auch das Wasserreservoir, dessen Wasserstand durch einen im Pförtner­zimmer oes Erdgeschosses angebrachten Meßapparat jederzeit sestgestellt werden kann. Im ganzen ist für die Ausstellung von ungefähr 100 Betten Vorsorge getroffen.

Nicht unerwähnt darf bleiben, daß auch für genügende Vorsichtsmaßregeln im Falle einer Feuersgefahr gesorgt ist. Sowohl im Erdgeschoß wie im oberen Geschoß ist ein leicht und jederzeit zu handhabender Löschapparat angebracht.

Es ist schon früher gesagt worden, Sah in allen Räumen die peinlichste Sauberkeit herrscht. Um zu vermeiden, daß die Dielen im Laufe der Zeit Risse bekommen, sinS die Fußböden in den Zimmern aus besonders trockenen Bretter­stücken in Asphalt hergestellt, während in den Korridoren Cementbeton verwendet ist. Selbst bei den Berührungs­stellen der Fußböden und oer Seitenwände hat man darauf geachtet, daß kein Zwischenraum bleibt, in dem sich etwa Staub festsetzen oder der einer etwaigen Verbreitung von Ungeziefer förderlich sein könnte. Der ganze Bau ist durch die Firma Schuckert in Nürnberg mit elektrischem Licht versehen, während die Heizungs-, Koch- und BaSeanlagen durch die aus diesem Gebiete in erster Linie stehende hiesige Firma Schassstaedt ausgeführt sind.

Es ist überflüssig, dem Gesagten noch ein Wort über die Zweckmäßigkeit der ganzen Anlage hinzuzufugen. Jeden­falls Haven die Beamten selbst in einem guten und dann natürlich auch teuren Hotel nicht alle Bequemlichkeiten in solchem Maße, wie sie hier geboten sind.

Sitzung des KeMchen Larrdnürtschastsrats.

ch. Darmstadt, 6. Januar.

Am 3. Januar fand hier eine Sitzung des Hessischen Landwirtschaftsrates im Landtagsgebäude statt- Die Sitzung dauerte mit kurzer Unterbrechung von morgens 10 Uhr bis nachmittags 4 Uhr- Vom Provinzialverein Starkenburg war ein Antrag auf Abänderung des § 12 der Statuten des Hess. Landwirtschaftsrates gestellt, die ermöglichen soll, daß der Hess. Bauernbund und der Bauernverein Vertreter in den Hessischen Landwirtschaftsrat entsenden kann- Nach kurzer Debatte wurde die Abänderung des betreffenden Paragraphen in dem angegebenen Sinne beschlossen-

Der § 12b bestimmt weiter, daß hervorragende S a ch v e r st än d i g e auf dem Gebiete der Landwirtschaft, Volkswirtschaft und der Wissenschaften zu außerordentlichen Mitgliedern mit beratender Stimme ernennt werden tonnen- Als solcher wurde auf.Vorschlag Professor Dr- Albert in Gießen erwählt-

Von einem Mitgliede der Kommission für Volkswirt­schaft wurde Bericht erstattet über die Pferde- und Wagen must er un gen für den Kriegsbedarf- Es war Beschwerde darüber geführt, daß diese Musterungen in der Regel in der dringendsten Arbeitszeit vorgenommen würden, und daß die Bezirke, in denen die Musterungen stattsänden, viel zu groß seien, so daß den Besitzern durch diese Musterungen die Leute, Pferde und Wagen in der Regel für einen halben oder ganzen Tag entzogen würden- Die bei der Armeeverwaltung gemachten Vorstellungen haben entsprechendes Entgegenkommen gefunden- In Rhein­hessen sind die Einrichtungen in der Art getroffen, daß man kleine Bezirke gebildet hat, die Musterungen in den Monat Januar verlegte, so däß sich die Mitglieder aus jenen Landesteilen mit der heutigen Einrichtung der Muster­ungen für vollständig befriedigt erklärten- Für Ober­hessen werden diese Erleichterungen erst durchweg int kommenden Jahre in Kraft treten können, da aus technischen Gründen die Durchführung all' der Aenderungen für dieses Jahr nicht überall erreicht werden konnte- Einmal als unbrauchbar ausgemusterte Pferde brauchen nicht wieder vorgeführt zu werden-

Im vergangenen Sommer hatte der Hessische Land­wirtschaftsrat sogen- Studienreisen für Hessische Land­wirte ins Leben gerufen- Eine größere Anzahl von kleineren Landwirten hatte sich daran beteiligt- Die Studienreise ging damals nach Oberbaden in die Bezirke, in denen die Zucht des Simmenthaler Viehes in Blüte steht- Dort geht ein großer Teil des Zuchtviehes, jedenfalls alles Jung­vieh den ganzen Sommer auf gute Weiden- Die au der Reise Beteiligten haben so viel Mues und Anregendes ge­sehen und von den dortigen Bauern gehört, die Reise ging so gut, so billig Dank des Reiseplanes, den der Hess. Land­wirtschaftsrat in umsichtigster Weise vorbereitet hatte, von statten, daß die Wiederholung einer Studienreise dringend gewünscht wird- Daher soll im kommenden Sommer Ende Juni bis anfangs Juli dem Hess- Landwirtschaftsrat ist die Bestimmung hierüber überlassen wieder eine Studien­reise, diesmal in die Provinz Sachsen, stattfinden, um be­sonders Saatgutwirtschaften und andere zu besichtigen- Da gerade der Ackerbait in der Provinz Sachsen hoch entwickelt ist und in den 'Wirtschaften meist sehr erhebliches Betriebs­kapital steckt Dank der goldenen Zeiten, die der Zucker­rübenbau vor 20 Jahren den dortigen Landwirten noch brachte so werden unsere Stu dien reis enden dort ausge-