— Der Oberhessrsche Verein für innere Mission wird sein JahreSfest Montag den 10. und Dienstag den 11. November dahier halten. Neben allerlei praktischen und geschäftlichen Dingen wird er sich hauptsächlich mit der für unsere Zeit so brennenden Frage des „modernen Aberglaubens" befassen. Vor allem in unseren Großstädten, aber auch weit durch daS Land hin haben Erscheinungen, wie die sogenannte ,christliche Wissenschaft" mit ihrem geschäftsmäßig betriebenen „Gesundbeten", eine lebhafte Erregung hervorgerufen. Daneben üben Spiritismus und Occultismus auf dafür empfängliche Menschen einen unheimlichen Eindruck und sie werden von betörten Leuten geradezu als das einzige Rettungsmittel gegen den Materialismus gepriesen. Der Vorstand hat geglaubt, dafür einen Referenten berufen zu müssen, der dies Treiben aus eigener Anschauung in der Großstadt kennt, und es ist ihm gelungen, Herrn Hofprediger Stöcker dafür zu gewinnen. Es werden daher interessante Verhandlungen zu erwarten fein.
** Der „Evangelische Kirchengesangverein", dessen Proben am Dienstag Abend wieder ihren Anfang nehmen, bereitet, wie unS mitgeteilt wird, die Aufführung des Weih nachts oratoriums von Heinrich Schütz vor. Die Aufführung soll Mittwoch, den 17. Dezember stattfinden. Eine Verstärkung des Chores wird zu diesem Zweck sehr erwünscht sein. Wir verweisen in dieser Beziehung auf die ini Anzeigenteil enthaltene Bekanntmachung. Auch solche musikalische Kräfte, die nicht imstande sind, dem Verein ganz als Mitglieder beizutreten, aber sich für diese Gelegenheit zur Verfügung zu stellen, sind willkommen. Besonders gilt dies von sen hochgeschätzten und vielumworbenen Tenören.
- Männerturnverein. In der am SamStag statt- zehabten Hauptversammlung erstattete der 1. Sprecher Bericht über die Vereinsthätigkeit im Sommerhalbjahre 1902. ES ist daraus zu entnehmen, daß die Veranstaltungen des Vereins seitens der Mitglieder gut besucht waren und einen sehr hübschen Verlauf nahmen. Auch die turnerischen Leistungen waren befriedigend zu nennen. Aus dem Winterprogramm, das in der Hauptversammlung festgestellt wurde, sei heroorgehoben, daß u. a. das Winterfest am 29. Noo. 1902 in Steins Garten und ein Maskenball am 31. Januar 1903 im Cafä Leib abgehalten werden sollen. DaS Abturnen am Sonntag Nachmittag hatte viele Mtt- gliedcr in der Turnhalle des Realgymnasiums versammelt. Die zum Wettturnen angetretenen Turner zeigten in ihren Leistungen eine gute Schulung und fleißige Hebung. Besonders schön turnte die Zöglingsriege. Bei dem abends in Steins Garten abgehaltenen Familienabend, der von den Mttgliedem und ihren Angehörigen recht gut besucht war, fand die Preisverteilung statt.
" Schlittschuhlauf. Der hiesige Eisverein hat heute bereits mit dem Ausschlagen der Geräte sowie Instandsetzung der Eisbahn und der elektrischen Beleuchtung beginnen lassen.
** StadttHeater. Das Adolf L'Arronge'sche Volksstück „Mein Leopold" hat sich auch gestern wieder als ein noch immer äußerst zugkräftiges Stück erwiesen. Der Saal war mit einem für die gute Darstellung sehr empfänglichen und dankbaren Publikum wohl biß auf den letzten Platz besetzt. So alt die Komödie auch Sft, so ist diese ihr innewohnende starke Zugkraft wohl der beste Beweis für ihre wackere Tüchtigkeit, und Herr Direktor Kruse hat deshalb ebenso sehr in seinem Interesse wie in dem seines gestrigen Publikums gehandelt, als er das Stück auf das Programm als Sonntagsvorstellung setzte. Die Aufführung klappte tadellos; die Künstler wurden den an sie gestellten Anforderungen durchaus gerecht, was ihnen durch die treffliche Regie des Herrn Ramseyer allerdings sehr leicht gemacht wurde. Die Musik war von der Kapelle unseres hiesigen Regiments gestellt, die sich ihrer Aufgabe ebenfalls in der anerkennenswertesten Weise erledigte. So war eß selbstverständlich, daß anhaltender Beifall jedem Akte folgte und die Künstler wiederholt vor die Lampen rief. Die gestrige Vorstellung hat auch erreicht, daß sich zwischen dem Theater und dem Publikum jene innigere Verbindung gebildet hat, die für daß künstlerische Empfinden des letzteren und für die Schaffensfreude des Künstlers gleich vorteilhaft und notwendig ist.
** Vandalismus. In der Nacht vom SamStag auf Sonntag wurden nicht weniger als 10 Gaßlaternen in hiesiger Stadt zertrümmert; an einer Absperrung in der oberen Bahnhofstraße wurde eine Sturmlaterne abgenommen und zertrümmert. An mehreren in der Frankfurterstraße befindlichen Lindenbäumen wurden die eisernen Schutzkörbe beschädigt, indem 16 Eisenspitzen abgebrochen und mit einer dieser Spitzen an einem Wohnhaus in der Frankfurterstraße eine Fensterscheibe eingeworfen. Die Thäter wurden ermittelt und znr Anzeige gebracht, es sind dies zwei junge Schlosser, zwei junge Installateure und ein Kommis.
** Zu den Landtagswahlen. Die Wormser Nativ nallibcralen. werden den Abg. Reinhart als Landtagskandidaten aufstellen. Oberbürgermeister Köhler hat bereits erklären lassen, er werde nicht gegen Reinhart kandidieren, falls dieser ein Mandat annehmeu werde. Ta der seitherige Abg. Reinhart nidjt daran denkt, zurückzutreten, so wird K ö h l e r, der in D a r m st a d t n i ch l m e h r aufgestellt wird, ein Mandat überhaupt nicht erhalten, wenn er nicht in einem ländlichen Wahlkreise ausgestellt. ward. Die Wahl des Abg. Reinhart ist absolut fiefjer, weil außer den Nationalliberalen das Zentrum, die Freisinnigen und auch die nationalliberalen Gegner des Frei- yerru v. Heyl für ihn eintreten werden. Die Enticyeidung fällt also in Worms zu Gunsten des direkten gleichen und geheinem Wahlrechts auö.
** Der gestrige erfte DFtoberfonntag verlief, Ä>ie nach der in voriger Woche eingetretenen kalten Witterung nicht anders zu erwarten, ohne irgend welche nennenswerte Veranstaltungen; die Vereine stehen vor den Winter- oergnügungen und benutzen die übrigens wohlthätige Pause zu den dazu notwendigen Vorbereitungen. — Wer einen frischen Luftzug nicht scheut und Freude an Wandern findet, kommt auch jetzt noch auf seine Rechnung; em Spaziergang durch unsere in herbstlichen Farben prangenden Waldungen und über staubfreie, nicht durch Sonnenstrahlen erhitzte Wege und Straßen nach einem benachbarten Orte bietet .nanche Annehnlicksteit und ist der Gesundheit zuträglich. — Die Freiwillige Gailsche Feuerwehr hiett am Nachmittag ihre Schlußübung. Nach dem Gerateexerzieren auf Oswalds
Garten fand ein Brandangriff an einem Hause der KaplanS- gasse statt. Geräteübung wie Brandangriff zeigten die gute Schulung der Wehr; der Anerkennung hierfür gab nach Schluß der Hebung Kommerzienrat Gail in einer Ansprache Ausdruck. Die Wehr versammelte sich nach der Hebung in der Sauerschen Wirtschaft zu dem wohlverdienten, mit Musikoor- trägen gewürzten Trünke. — Die Regimentsmusik gab am Nachmittag im Saale des Philosophenwaldes ein gut besuchtes Konzert. — In Atzbach hat der Obst- und Gartenbauverein für den Kreis Wetzlar eine Obstaussrellung veranstaltet, die am gestrigen Sonntag so stark besucht war, daß zeitweise starkes Gedränge entstand. Die Ausstellung ist gut und mit auserlesenen Erzeugnissen des Obst- und Gartenbaues beschickt, auch mit landwirtschaftlichen Geräten, Keltern, Obst- und Beerenwein. Daß mit Erfolg auch Wein gezogen wird, konnte man an einer stattlichen Anzahl traubengefüllter Schalen sehen; ja, wer noch keinen Weinberg gesehen, findet einen solchen am Südabhange der vor dem Ort befindlichen Anhöhe. Wertvolle Preise, gestiftet von Förderern des Obst- und Gemüsebaues, und Diplome wurden vielen Ausstellern zuerkannt. Die Veranstalter der Ausstellung können mit dem Erfolg derselben zufrieden sein. Gerade in kleinen Orten wirken derartige Ausstellungen anregend. Vermutlich finden in den kommenden Jahren ähnliche Ausstellungen statt. Es wird aber Aufgabe der Veranstalter sein, für geeignetere Räume zu sorgen. Die Atzbacher Ausstellung wenigstens hätte imposanter gewirkt, wenn sie nicht in vier kleinen, dunklen und schwer zugänglichen Räumen untergebracht gewesen wäre.
§ Kirch- Göns, 6. Okt. Hnser von dem Bahnkörper der Main-Weser-Bahn nur zehn Minuten entfernt liegendes Dorf, wird in Bälde dem lÄsenbahnoerkehr dadurch näher gebracht, daß kurz vor dem Wald eine Haltestelle errichtet wird, die nach dem Fortgänge der Arbeiten zu schließen, im November fertig gestellt ist. Es soll dann die Eröffnung der neuen Station alsbald erfolgen, wodurch auch für die preußischen Nachbarorte Niederkleen und Oberkleen eine 23er» kehrßerleichterung geschaffen wird.
§ Butzbach, 6. Okt. Tas Mathilden stift hier steht zwecks Errichtung eines eigenen Kasiengebäudes mit der Gemeinde in Hnterhandlung wegen käuflicher Heberlassung des städtischen Bauplatzes am Ende der Bismarckstraße nahe bei dem Amtsgericht; die Gemeinde verlangt 8 Mk. pro Quadratmeter Land, mit welchem Preis das Stift einverstanden sein dürfte.
n. Butzbach, 5. Oktober. Die Einweihung des hiesigen Realschulgebäudes ist auf den 14. Oktober festgesetzt. An sämtliche ehemalige Schüler der Anstalt, soweit deren Adressen zu ermitteln waren, ergingen EiulcümnHen. Vormittags findet ein Festzug von dem alten Gebäude nach dem Neubau statt, hieraus Hebergabe des Schlüssels und Eröffnung des Hauses, sodann Feier in der neuen Turnhalle. Hieran schließt sich ein Festessen im „Hessischen Hof".
H. Bad-Nauheim, 5. Oktober. Gestern fand man im Wald nach Altstadt zu ein blutgetränktes Hemd, Taschentuch und Strümpfe. Man vermutet ein Verbrechen. Hntersuchung ist eingeleitet.
e. Schwalheim bei Bad-Nauheim, 4. Cft In der Scheune des Oekonomen Christian Fleischhauer entstand heute mittag auf bis jetzt noch nicht aufgeklärte Weise ein großer Brand, dem in kurzer Zeit die Scheune und 2 Stallungen zum Opfer fielen. Die Schwalheimer freiwillige Feuerwehr arbeitete sehr fleißig und auch das nahe Rödgen hatte feine Spritze gesandt. Das Wohnhaus, sowie sämlliches 23ieh wurden gerettet. Die abgebrannten Gebäulichkeiten und deren Ahalt find zum teil versichert.
r. Friedberg, 5. Okt. Der Bezirkstag des Bezirks Oberhessen vom GabelSberger Stenographenverein fand am 5. Oktober von vormittags 11 Hhr ab in Friedberg im Hotel „Drei Schwerter" statt. Bickel- Gießen referierte über den Verlauf des Berliner Stenographentages. In kurzen Zügen schilderte er die Eindrücke dieser Versammlung, bedauert lebhaft die infolge der Systemvorlage enstandene Spaltung der Stenographie und spricht die Hoffnung aus, daß trotz des Zwistes nach Jahren wieder eine Einigung zustande kommen möge. Hiernach hält Professor Kramer-Friedberg einen Vortrag über „System- änberungen". Winkler-Darmstadt veranschaulicht an mehreren Beispielen, wie sich die neue Schreibweise geändert hat. Auf die Anfiage Rüppel-Friedderg, ob auch die ältere Schule die neue Schreibweise lesen könne, führt Komo- Offcnbach aus, daß dies gewiß der Fall sei. Der Verbandsvorsitzende, Gymnasiallehrer Zieprecht-Gießen, erstattete hierauf Bericht über die gegenwärtige Lage in der Steno- graphie. Er führt aus, daß infolge der Spaltung sich mehrere Vereine abgetrennt hätten, die Zahl fei jedoch in Nord- und Mitteldeutschland verschwindend — in unserem Verband nur einer — dagegen sei die Lage in Oesterreich und Bayern drohend. Trotzdem könne man hoffen, daß die Kluft sich wieder schließen würde. Es wird alsdann vom Vorsitzenden Schiffnie- Gießen mitgcteilt, daß auf der Versammlung in Griesheim ein Propaganda-Ausschuß gebildet worden sei, an dessen Spitze in Oberhessen Prof. Pitz- Alsfeld stehe. Als Versammlungsort des nächsten Bezirkstages im Frühjahr wird Butzbach bestimmt. — Der Central-Kirchenfonds unterhandelt zur Zeit wegen Ankauf eines Grundstückes, auf dem ein Doppelhaus mit zwei Pfarrwo hnun gen für die beiden evangelischen Professoren-Pfarrer erbaut werden soll.
f. Kirchbracht, 4. Okt. Pfarrer Kranepuhl hat im hiesigen Kirchspiel, das acht Dörfer umfaßt, eine sterbe- kaffe errichtet, in die nur Mitglieder des Rai ff eise n- vereins ausgenommen werden. Der Jahresbeitrag beträgt öO Psg. uni> im Todesfälle erhält der üb erleb eni>e Mann 15 Mk., die überlebende Frau 30 Mk. — Diese Woche besichtigten Geh. Regierungsrat Schönfeld, Oekonomierat Müller u.ti, . die meliorierten Hut weid en des Vogelsberges. Tie meisten Gemeinden verlangen freilich die vom Staate oorgeschossenen Meliorationsbeiträge zurück. Ter Vogelsberger Bauer ist der Ansicht, daß ihm nur dann genützt sei, wenn eine Hurweide für [ein gesamtes Vieh errichtet wird, wodurch allein die den Müßiggang grvß- ziehende Einzelhut beseitigt würde.
Darmstadt, 4. Okt. Ter Großherzog kehrte gestern abend vmi Holzhausen hierher zurück und übernachtete im Residenzschlosse. -- Gestern nachmittag wurden die sterblichen Hcberrefte deS droßh. Generalftaatsanwalts und Mi- uistenalrats L P., yeimeratS Paul Ä. Schlippe auf
dem hiesigen Friedhof zur letzten'Ruhe bestattet. Ein überaus zahlreicher Leichenzug begleitete den Toten auf feine« letzten Weg. Unter den Leidtragenden bemerkte man StaatL- minister Rothe, Justizminister Dr. Tittmar, Finanzminister Gnauth, Staatsminister a. T. Finger, Ministerialräte und andere hohe Staatsbeamte, sowie zahlreiche Vertreter des hessischen Richter- und Anwaltstandes. Am Grabe segnete Kaplan Schneider die Leiche ein, worauf junärfift die Verwandten und danach die anderen Leidtragenden dem Dahin- geschiedenen den letzten Gruß ins Grab nachsandlen, toomit die einfach-würdige Trauerfeier ihr Ende erreichte. __
Wiesbaden, 4. Okt. In Sonnenberg wurde in bet vergangenen Nacht in der katholischen Kirche ein schwerer Einbrüchdi eb stahl verübt Die Diebe drangen nach Beseitigung einer Eisenstange durch das Oberlicht in der Kirchenthür in die Kirche ein. Sie erbrachen den Opferstock und drangen weiter in die Sakristei ein, entwendeten sowohl dort als auch vom Altar die verschiedenartigsten goldenen, silbernen und kupfernen Kirchengeräte. Den Tieben ist es jedoch nicht gelungen, das Tabernakel zu erbrechen. Wohl haben sie dessen äußere Holz-Hmkleidung zerttüm- mert, die innere eiserne Wand des Tabernakel leistete aber allen Anstrengungen der Kirchenräuber Widerstand.
fy. Marburg, 5. Okt. An einem Gartengelände im Südvicrtel fand man heule früh, mit dem Kopfe zwischen den Stäben hängend, die Leiche eines etwa 50 Jahre alten Mannes Namens Fritz Stell von hier. Stell hatte weder Angehörige noch Obdach und war als fogen. Straßentype weit und breit bekannt. Infolge eines schweren Rausches war er jedenfalls gegen den Zaun ge- fallen und dann in dieser hilflosen Lage erstickt.
Kleine Mitteilungen aus Hessen und de» Nachbarstaaten. Die Nachricht der „Wiener Zett", du Darmstädter Dame, die in die Affaire Palriz Huber- Commichau verwickett ist, fei in eine Nervenheilanstalt gebracht worden, wird dahin richtig gestellt, daß sie sich auf ärztliches Anraten nach dem Sanatorium Schloß Hornegg am Neckar begeben habe.
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Der Könitz er Mord vor Gericht.
Berlin, den 4. Oktober 1902.
In der heutigen Sitzung im Prozeß gegen die,2taatSb. Ztg.' wurde der Erste Staatsanwalt Schweigger aus Komtz vev nommen. Derselbe gab ein Bild von den Zuständen, die er vor gesunden, als er nach Könitz kam, und von den Ansichten, die e auf Grund feines sorgfältigen Studiums der Akten gerooimen habe Was die Maßlossschen Beschuldigungen des Lewy betreffen, so er klärt Zeuge, daß er nach vollständigem Studiuni der Akten oo, der vollständigem Unglaubwürdigkeit des Maßloff überzeugt sei Des iveiteren bekundet Zeuge, daß er auch der schwierigen Frag des Ritualmordes naher getreten sei. Erhöbe sich gesagt wenn ein Ritualmord vorliegen sollte, so könne er nur von Jude» des allergrößten Aberglaubens und größter Rückständigkeit ba gangen fein. Wenn solche Juden koscheres Blut brauchen, würde, |ie natürlich nur Blut von lebenden Wesen, welche koscher ge schlachtet sind, erstreben, d. h. bei denen eine Erstickung nicht mt vorliegt. Aus der andern Seite mußte ein so kräftig gebauter Mensch wie Winter von vornherein als ein ganz ungeeig netes Objekt für ein solches R i t u a l-B e r b r e ch e» erscheinen. Er habe aus Allem die feste Heberzeugung gewonnen daß dem Maßloff kein Wort zu glauben sei und damit fall« j ed er B erd a ch t, der gegen hie Juden überhaup voraebracht werden konnte. Sachverständiger Gerichts' arzt Dr. Stürmer bekundet, auch nach seiner Heberzeugung sei Winter durch eine Kombination von Erstickung und Verblutung gestorben. Ein Schächtschnit liege nicht vor. ES folgt die Verlesung deS Obergutachtens bd Danziger Medizinal-KolleginmS. Es gipfelt in folgenden Sätzen 1. Der Tod des Ernst Winter ist durch Erstickung erfolgt 2. Die Annahme, daß der an der zerstückelten Leiche Winters vor gefundene Halsschnttt bei Lebzeiten WinterS ausgesuhrt wurde, entbehrt der wissenschaftlichen Begründung. 3. T>er Nachweis von Spermaflecken an der Außenseite von Hose und Weste macht ei wahrscheinlich, daß Winter kurz vor dem Tode den Beischlaf au9 führte oder anszuführen versuchte. In Uebereinftimmuna mit dem Gutachten des Gerichtsarztes sind nach Ansicht deS Medizinal- Kollegrums die an den Leichenteilen nachgewiesenen Zeichen deS Erstickungstodes als die allein werwollen und sicheren zu bezeichnen, während die Zeichen der Verblutung in vorliegendem Falle unsicher und zweideutig sind. Dies Gutachten wird von Medizinal- rat Professor Dr. Barth vertreten, der ebenso wie Dr. Mttienzweio uiid Dr. Stoermer bei seiner Ansicht verharrt. Es folgt hierauf die Verlesung des Lbergutachtens der wiffenschastlichen £eputatioi für das Medizinalwesen. Tas Gutachten, bet dem die Geh. Rätl Virchow und v. Bergmann als Referenten fungierten, geht etwi dahin: 1. An dem Emst Winter ist Erstickung verübt, die den Toi notwendig zur Folge haben mußte. 2. Der HalSschnin ist mil größter Wahrscheinlichkeit nicht bei Lebzeiten, sondern unmiltelba' nach dem Tode »ugefügt worden. 3. Den Ausführungen deS Medizinalkollegiums über die an den Kleidern deS Winter Vorgefundenen Blut- und Spermaflecke tritt die wissenschaftliche Deputation bei. Auch diesem Gutachten gegenüber verteidigen Dr. Stoermer und Medizinalrat Dr. Müller nochmals ihren Standpunkt. Hieraus wird die Verhandlung auf Montag vertagt.
Gerichtssaal.
Der Heilbronner Gewerbcbankkrach vor dem Schwur gcricht. Revisor Schöpfer schildert die Art seiner Revisionsthätig- teit, die sich im Wesentlichen nur auf die Nachprüfung der Bücher in buchhalterischer Hinsicht beschränkt. Ter Zeuge giebt zu, daß dabei Schiebungen ihm verborgen bleiben konnten^ Auch die Zeugen Sihler und Bauer, die der Prüfungstommiffion angehörten, lagen aus, eine eingehende Revision ser nicht zugelassen worden. Ter Sachverständige, Bücherrevisor Sachs, trägt die einzelnen Fälschungen rn der Reihensolge der Jahre von 1865 an auswärts vor. Tie Buchführung habe einen Heberblick über den Status der Gesellschaft unmöglich gestattet. Auch der Sachverständige Lorch bezeichnet eine Reihe von Büchern und Konten als miserabel gcsührt. Die beiden früheren Direktoren Fuchs und Reefer sind beschuldigt, sich dadurch verfehlt zu haben, daß sie Aktien der Gewerbebank, die notorisch angesichts der großen Speku- lationsverluste fast wertlos waren, an solche Kunden, die nach Aktieii der Bank fragten, als verfügliche Kapitalanlage empfahlen da sie die wertlosen Aktien vorher ausgekauft hatten. Die Angeklagten haben ferner der Presse über den Vermögensstand der Go- sellschaft wahrheitswidrig als günstig angegeben und Zirkular« verbreitet, in denen sie die Aktien der Bank als sichere Kapitalsanlage zu hohem Kurse anboten unter Angabe eines ReservesondS von Mk. 385 000. Die Käufer bestehen zumeist auS lauter kleinen Leuten, Angestellten und Arbeitern, die größtenteils durch diese bis kurz vor Zusammenbinch der Bank gemachten Anlagen ihre ganzen Ansprüche verloren. Es wird eine Reihe dieser Hnglücklichen vernommen, die ihren guten Glauben an die Bank und das Hnglück, daS ihnen die Verluste brachten, recht drastisch schilderten.
Leipzig, 4. Okt. Heute vormittag fand vor dem Strafienax des Reichsgerichts die RevisionS-Verhandlung gegen den früheren Direktor der Leipziger Bank, Exner, und den früheren Vorsitzenden des Aufstchtsrates Dodel statt. Der Reichsanwalt beantragte im Falle Exner wegen formellen 23er- stoßes die Aufhebung des Urteils und Zurückverweisung an das Schwurgericht. Ter formelle ^Verstoß wird vom Reichsanwalt erblickt in einer Korrektur des Stimmenverhältnisses bei Abgabe des HLahrspruches der Geschworenen. Im Falle Todei, dessen Revi- swn sich gegen ein Versehen des Schwurgerichts-Vorsitzenden richtet, welcher oertäumt hatte, Dodel von der Anklage der U»treue frei ivrechen, obgleich dieser Anklagepunkt von den Geschworenen


