Ausgabe 
6.9.1902 Erstes Blatt
 
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angesichts des gestrigen Vorkommnisses ihr Wrgefühl sie verpflichtet, aus dem Verbände auszufcheideu. Sdf bin auch der Meinung, daß wir keine Doppelstellung einnehmen können. Schon mit Rücksicht auf die doppelten Kosten können wir den xu uns gehörenden Konsumvereinen nicht raten, im alten Verbände zu bleiben.

Arbeitersekretär Katzen st ein (Mannheim): Wir müssen alle Konsumvereine Deutschlands zu einem Protest auffordern.

Frau Helene Steinba ch (Hamburgs: Ich schließe mich dem Vorredner an. Wir müssen gegen die uns gestern angethane Schmach den suror teutonicus entfachen und die Frauen zur kräftigen Mitarbeit auffordern.

Frau Dr. David (Mainz): Ich erachte es für not­wendig, da wir noch Delegierte sind, daß wir morgen in die allgemeine Versammlung der Konsumvereine gehen und dort einen Protest gegen den gestrigen Beschluß bean­tragen. Wir müssen aber entweder in corpore in diese Ver­sammlung gehen oder in corpore der Versammlung fern­bleiben. Beteiligen wir uns aber an dieser Versammlung, dann müssen wir unseren Standpunkt rücksichtslos geltend machen. (Lebhafter Beifall.)

Es wurde schließlich beschlossen: die morgige allgemeine Konsumvereinsversammlung in corpore zu besuchen und dort einen Protest zu beantragen. Im weiteren wurde in namentlicher Abstimmung einstimmig die Begründung eines neuen Verbandes der Konsumvereine und Vroduktivgenossens chaften Deutschlands beschlossen und mit den sofort in Angriff zu nehmen­den Vorarbeiten eine Kommission beauftragt. Es wurden in die Kommission gewählt: Radestock-Tresden, Schmidt chen-Harburg, Peus-Dessau, Aßmann-Braunschweig, Brink­mann-Elberfeld, Barth-München, und Katzenstein-Mann- heim.

Abg. v- Elm: Wir haben sämtlich je 10 Mark für die Beteiligung an den Festlichkeiten gezahlt. Wir können aber unmöglich mit Leuten, die uns hinausgeworfen haben, noch gemeinsame Feste feiern. Ich schlage vor, das Lokal­komitee auszufordern, uns entweder für das morgen abend stattsindende Festessen einen besonderen Raum zur Ver- süguny zu stellen oder uns unsere 10 Mark zurückzugeben.

Dreiem Vorschlag wurde zugestimmt und danach die Versammlung geschlossen. Die Kommission trat sofort zu einer Beratung zusammen.

Eine allgemeine Versammlun g des Genossen­schaftstages fand heute nicht statt. Heute vormit­tag hatten nur die Verbandsrevisoren und der Verband der Baugenossenschaften Deutschlands Sitzungen, in denen lediglich geschäftliche und Dinge von sachlichem Interesse zur Erledigung kamen.

Am Nachmittag fand die Hauptversammlung des Ver­bandes der Baugenossenschaften Deutsch­lands unter Leitung des Verbandsvorsitzenden, Land- rats Berthold (Blumenthal) statt. Dieser sprach über die Entwickelung des deutschen Baugenossen- schaftswesens im letzten Jahrzehnt. Er führte aus: Man beginnt immer mehr einzusehen, daß die Woh- nungssrage einen Hauptbestandteil der sozi­alen Frage bildet uni) daß man aus dem Gebiete der Gesundheit, der Sittlichkeit und der Erziehung bessere Ver­hältnisse schassen will, in erster Reihe gesunde, geräumige und billige Wohnungen gebaut werden müssen. Eine ge­naue Statistik ist leider nicht vorhanden. Rian darf aber die Werte der Baugenossenschaften Ende 1901 aus etwa 60 Millionen Mark schätzen. Von 1888 bis 1901 war die Zahl der Baugenossenschaften um das lösache gewachsen, ihre Werte hatten sich aber um das ZOfache gehoben. Zwei Fünftel der deutschen Baugenossenschaften stehen außer­halb jedes Verbandes. Es fehlt der organische Zusammen­hang. Dieser Mangel einer festen Organisation ist der Ent­wickelung des Baugenossenschastswesens sehr nachteilig. Bereits beginnt das Reich und die Einzelstaaten die Bau- genossenschasten durch Gewährung von Darlehen zu unter» 1 ruhen, da diese es vorziehen, sich der Genossenschaften zur Beschaffung geeigneter Wohnungen für ihre Beamten und Arbeiter zu bedienen, als, wie es bisher geschehen, selbst Beamten- uni) Arbeiter-Wohnungen zu bauen. Dasselbe thun viele Gemeinden und Arbeitgeber. Tie Baugenossen- schasten bilden den neutralen Boden, aus dem Ar­beitgeber und Arbesiter gemeinsam für die Arbeiterwohlsahrt thätig sein können. Einer­seits wird eine staatliche Organisation der Wohnungsfür­sorge im Anschluß an die bestehenden Selbstverwclltungs- törper geplant. Die sogenannten Bodenresormer be­trachten die Baugenossenschasten als Mittel, um das Jndi- vwualeigentum cur städtischem Bauland in Kollektiveigentum überzuführen. Die städtischen Haus- und Grnnd- besitzervereiire dagegen sehen in den Baugenossen­schaften ihre ärgsten Feinde. Allerdings ist auch in dieser Feindseligkeit ein berechtigter Kern enthalten, denn bis- toeilen wird die Gründung von Baugenossenschaften ganz planlos und überstürzt betrieben und andererseits ist nicht zu leugnen, daß Baugenossenschaften auch eigennützigen Privatinteressen als Deckmantel dienen. Die Feindselig­keit der Haus- und Grundbefitzervereine hat zur Folge, daß viele Gemeindebehörden derr Baugenossenschaften jede Unter­stützung versagen. Jedenfalls sollten Baugenossenschaften nur dort errichtet werden, wo die Notwendigkeit vorliegt, das Wohnungselend zu beseitigen und wo hochgelohnte und intelligente Arbeiter vorhanden sind. Diese Elite der Ar­beiterschaft hat sich bereits vielfach auf dem Boden der Genossenschaften mit dem kleinen Beamtentum, den Klein­gewerbetreibenden uni) verwandten Elementen zu einer Art Heiner Mittelstand verschmolzen. So büdet das Bange- nossenschaftswesen das wirksamste Mittel für das Enrpor- fteigcn der besseren Lebenshaltung der Arbeiter. Von Jahr ;u Jalsr wird von den Baugenossenschaften besser gebaut. In dem raschen Steigen der Ansprüche, die bessere Arbeiter­familien an die Wohnungen stellen, prägt sich der soziale Fortschritt mit aus, den tue oberen Schichten der deutschen Arbeiterschaft im letzten Jahrzehnt gemacht haben. (Leb­hafter Beifall.)

In der Besprechung wurden von dem Anwalt Dr. Crüger Bedenken gegen die Staats- und Gemeindeunter­stützung, sowie gegen Gewährung von Privilegien an die Baugenossenschaften geltend gemacht und die Notwendigkeit betont, die Wohlthaten der Baugenossenschaften möglichst allen Arbeitern zugänglich zu machen.

Dr. v. Manegold: Die Aeußerung des Landrats Berthold, daß d«s den Hausbesitzern zustehende Privi­legium des kommunalen passiven Wahlrechts berechtigt fei könne er nicht unwidersprochen lassen. (Beifall.) '

Abg. Peus (Dessau): Er sei der Meinung, daß, so lange die Baugenossenschasten im gemeinnützigen Interesse arbeiten, sie auch Staats- und Gemellideulitersrützung er­halten müssen. Er sei allerdings der Ansicht, daß die Ge­meindebehörden nicht die geeigneten Organe seien, Arbeuer-

Wohnungen zu schaffen, da dabei die Gefahr vorliege, daß die Wohnungen ein polizeiliches Gepräge erhalten.

Landrat Berthold: So lange die Privatbauspeku­lation sich mit dem Bau von gesunden und geräumigen Attretterwohnungen nicht befasse, weil dies ihr vielleicht nicht einträglich genug erscheine, müssen die Baugenossenschaften durch Privilegien usw. unterstützt werden. In anderer Weise kommt man nicht zur Beschaffung von Arbetterwohnungen. Jedenfalls freue er sich, daß die Debatte sich sehr vorteilhaft von der gestern geführten abgehoben habe. Obwohl alle politischen Parteren an der Besprechung teilgenommen haben, so habe doch im Grundgedanken volle Ueberein* sttmmung geherrscht. (Lebhafter Beifall.)

Es wurden alsdann noch Vorträge über Teilung des Verbandes der Baugenossenschaften in Bezirksver bän de,über Buchführung und Bilanz der Baugenossenschaften usw. ge­halten, die aber nur ein sachliches Interesse boten.

Aus Stadt und Land.

Gießen, 6. September 1902.

Mitteilungen aus dem Publikum werden gern enlgegengenommen und augemeffcu honoriert.

** T i e Schnakenplage in den letzten Tagen ist dermaßen arg gewesen, daß man kaum rm stände war, einen ruhigen Spaziergang zu machen. Ganz besonders schlimm war es auf dem Wiesenwege nach dem Philosophenwalde sowie in diesem selber, und ebenso auch in den Wäldern um Lollar herum. Wie wir nun Horen, hat im vergangenen Winter auf Veranlassung des Kreisrates v. Hahn-Oppen­heim der Reallehrer Dr. Weimar, damals in Oppen­heim, jetzt in Gießen, einen Vortrag überEntstehung und Vertilgung der Schnaken" in rheinhessischen Orten ge­halten. Diesem Vonrage zufolge wurden Kommissionen gebildet, die man mit der Vertilgung der Schnaken be­traute. Im Monat Februar und April wurden z. B. in Guntersblum wiederholt alle Kellerräume, wo sich im Winter am liebsten diese Insekten aufhatten, ausgebrannt, und in die Pfuhlgruben goß man ePtroleum. Dieses Ver­fahren hat so gut gewirkt, daß man dort jetzt fast voll­ständig Ruhe'vor den Plagegeistern hat. Es dürfte sich ein gleiches Vorgehen auch anderer Orte dringend empfehlen.

fr. Beuern, ö. Sept. Die Eheleute Wilhelm Otto II. hier selbst feierten heute ihre goldene Hochzeit. Der Großherzog hatte sein Bild mit eigenhändiger Namensunter­schrift gesandt. Im Namen des Kirchenvorstandes gratu­lierte Pfarrer Schulte, der in seiner Ansprache hervor­hob, daß hier nicht nur ein seltenes Fest gefeiert, sondern auch dies Fest von dem Jubelpaare m seltener Rüstigkeit begangen werde. Er überreichte dabei als Geschenk des Kirchenvorstandes die schöne Pfeilstückersche Bilderbibel. Die Glückwünsche des Gememderates überbrachte Bürgermeister Otto. Er betonte, daß Wilh. Otto II. schon über 30Jahre dem Gemeinderate angehöre und daß alle Glieder desselben ihm in Freundschaft zugethan wären. Tie Gabe des Ge- meinderates war eine hübsche Fellvorlage. Für den Schul­vorstand sprach Lehrer Musch Hierselbst..

B. Grünberg, 4. Sept. Tie Geistlichen des evangelischen Dekanais Grünberg versammelten sich heute nachmittag mit ihren Familien un Garten der Restauration Taunus" zur fugen. Familienkonferenz. Zunächst wurde ein <g emeuischaftlicher Kaffee eingenommen, dann hielt Pfarrer Dörr von Lberofleiden eilten sehr inter­essanten Vortrag über das deutsche Volkslied, der den ungeteilten Beifall der zahlreichen Zuhöver fand. (Unser Herr Korrespondent fügt dieser ddotiz den Wunsch hinzu: Vielleicht läßt der Referent sich dazu bewegen, seine tteff- lichen Ausführungen durch den Truck, etwa als Zeitungs- Feuilleton, einem größeren Kreise zugänglich zu machen. Die Red. des ,Meß. Anz." wäre nicht abgeneigt, event. der Erfüllung dieses Wunsches näher zu treten.)

B. Hungen, 4. Sept. Gestern nachmittag sand hier im HotelSolmser Hof", wie alljährlich am ersten Mtttwoch im September, die oberhessische Hauptversammlung der alten Herren des Gießener Wingolf statt. Von allen Himmelsrichtungen waren zahlreiche Teilnehmer, alle und junge, erschienen, um den Verhandlungen, die sich um interne Angelegenheiten und um den glanzvollen, all­seitig befriedigeliden Verlauf des anfangs August zu Gießen gefeierten 50jährigen Sttftungssestes drehten und der sich daran anschließenden gemütlichen Zusammenkunft beüu» wohnen. Ein gemeinschaftliches Abendessen beschloß die Tagung.

e. Bad-Nauh eim, 5. Sept. Trotzdem die eigent­liche Hochsaison vorüber ist, kommen anhaltend zahlreiche Kurgäste hier an, z. B. in der letzten Woche 703 Per­sonen zur Nachkur. Ein Blick in die Frequenzzisser dieser Saison zeigt, daß der Besuch des Bades seit über zwei Monaten bedeutend im Wachsen begriffen ist; gestern be­trug die Frequenz 2412 Kurgäste mehr wie zur selben Zell im vorigen Jahre. Man wird nicht fehl gehen, wenn man diese bedeutende Zunahme zum Teil dem Massenversandt von Prospekten und Albums durch die Großh. Kurverwal­tung und dasVerkehrs-Bureau" zuschreibt. Im März- Aprll hat diese Versendung begonnen und schon im Juli zeigte sich der Ueberschuß in der Frequenzzisser. Wenn trotz der vorzüglichen Saison manche Logisgeber nicht ganz zufrieden sind, so ist dieses durch die geroaltige Bouthättg- teit in den letzten Jahren erklärlich, da verteilen sich die Kurgäste mehr wie srüher. Tie Gesamt-Frequenz betrug gestern 21177 Kurgäste, anwesend sind 2915 Per­sonen und Bäder wurden 269653 verabfolgt, 4810 mehr wie 1901.

ss. Homberg a. E f z e, 5. Sept. Gestern nachmlltag ging über die Gemarkungen Dittershausen und Malsfeld ein schweres Unwetter nieder. Ter Hagel bedeckte den Boden in dicken Stücken und vernichtete die Feldfrüchte und den reichen Obstsegen. In Malsseld zündete der Blitz. Auch heute morgen wüteten wieder heftige Gewitter, die in Großrozzerhausen einen Scheunenbrand verursachten. Ebenso brannte in Bischhausen ein Haus ab.

B. Alsfeld, 5. Sept. Tie Dekanatssynode des evangelifchen Dekanats Alsfeld wird am 1. Oktober ab­gehalten. Die Synode wird durch einen öffentlichen Gottesdienst in einer der hiesigen evangelischen Kirchen eröffnet; auch die Verhandlungen sind, wie immer, öffent­lich uiid werden sich unter anderem mit der Frage beschäf­tigen:Was haben die kllchlichen Organe zu thun, um das Lesebedürfnis des Volkes angemessen zu befriedigen und schädlichen Einflüssen entgegenzuwirken?"

r. Marburg, 5. Sept. In dem Privatinstitut des Geh. Med.-Rats Pros. Dr. v. Behring neben dem hiesigen Schlosse wurde letzte Nacht eingebrochen. Aus einem Schreibtisch enttiahm der Dieb eine Münzensammlung, sonst war dorl nichts zu haben. Der Diebstahl wurde erst heute nachmittag bemerkt.

Vermischtes.

* Eine Zigarrenfabrik in We st faken ver­sendet, wie wir in der katholischen ZeitschriftDas 20. Jahrhundert" lesen, eine Reklame für ihre Zigarren, in der folgende Stellen zu finden sind:Dem Andenken großer Männer gewidmet. Raschlebend, wie unsere Zell nun ein­mal ist, gehen oft die größten und wichttgsten Ereignisse nur allzubald im Trubel des Alltagslebens unter. Große Männer, auf deren Reden ganze Völker lauschten, werden ost leider nur zu bald vergessen. Nicht so mit unseren Vor­kämpfern fürWahrheit, Freiheit und Recht": Ludwig Windthorst Dr. Ernst Maria Lieber- Sie Haden sich Tenkinäler gesetzt, dauernder, als wären sie aus Marmor gemeißelt. Uns aber liegt es ob, das Andenken an wahrhaft große Männer in Wort und Bild festzuhalten. Auch die unterzeichnete Firma will das ihrige dazu beitragen. Ob­wohl das Sortenverzeichnis ihrer Zigarrensadriken bereits weit über hundert Nummern aufweist, hat sie keinen An­stand genommen, jetzt noch die Marken Ludwig Windt­horst" undDr. Ernst Maria Lieber" einzusügeu- Ebenso hat sie aus Anlaß des päpstlichen Jubiläums-Jahres eine neue MarkeLeo XIII." eingelegt. Tie Qualitäten dieser drei neuen Marken im allgemeinen kann ich kurz bezeichnen: Was Dr. Ernst Lieber und Ludwig Windthorst unter ihren Mitmenschen waren, das sind die beiden ihren Namen tragenden Marken unter den Zigarren, wie Leo XIII. dasteht, turnen in coeloein Licht am Himmel", so glänzt die ganz vorzügliche gleichnamige neue Marke als allerseinste Qualitätszigarre."

* Ans Sch re d g e ft o r b c n. In Kleinrückerswalde (Sachsen kehrte in einer der letzten sehr dunklen und regne­rischen 'Nächte die Frau des Fleischermeisters Pollmer mit ihrem Manu von einem Vergnügen zurück. In dem Augen­blick, als dieser das Hausthor ausschließen wollte, tauchte, rasch um die Straßenecke kommend, eine vermummte Gestalt neben der nichtsahnenden Frau auf, die heftig erschrak und laut schreiend davon eilte. Tie Erregung legte sich auch am nächsten Tage nicht und endete mll dem Tode der Bedauernswerten. Sie hatte geglaubt, die weiße Frau vor sich zu sehen, die in Rückerswalde, wie dort die Rede war, nächtlicherweile umgehen füllte. In Wirklich, feit war es ein in demselben Hause wohnendes Arbells. Mädchen gewesen, das den Hausfchlüssel nicht bei sich hatte und eiligst versuchen wollte, mit den Pollmer scheu Eheleuten ins Haus zu kommen. Tabei hatte sie, well es regnete, das Ob er kleid über den Kops gezogen, sodaß das lveiße Unterzeug sichtbar wurde.

* Käufliche Orden. In derZolltarifkom« mission wurde unlängst, nachdem der Abg. Stadt­hagen einen hohen Zoll |ür ausländische Orden beantragt hatte, in längeren Debatten über das Ordenswesen im all­gemeinen gesprochen, und im Anschluß daran wurde in der Presse ein Preisverzeichnis für ausländische Orden be­kannt gegeben. Man sah daraus, daß es mit Geld möglich ist, ohne erst aus Schlachtfeldern oder in umständlicher und mühevoller Arbeit Verdienste erworben zu haben, jein, in öder Leere starrendes Knopfloch mit einem Ordenszeichen zu schmücken. Mit einem Opser von 60 000 ML kannst Du, lieber Leser, Ritter der österreichiischen Krone werden, und wenn Du Dir an der fraglichen Stelle für einen Obolus von 18 000 bis 60 000 Mk. noch den Adelstitel gekauft haft, so kannst Du sogar das Dlariannertteuz des deutschen Ritter­ordens in Wien für lumpige 1200 Mk. erwerben. Preis­werter und nicht minder geschmackvoll ist der Orden der Befreiung Afrikas, der nur 1600 Mk. kostet- Was man sich unter Befreiung Afrikas vorzustellen hat, geht freilich aus den Ordensstatuten nicht klar hervor ;man wende sich da nur um Ausklärung an Chamberlain und Konsorten. Sehr schön, für jedes Gesicht, jebe Figur und jedes Knopfloch passend, sind ferner die Ritterorden von San Marino, dec tunesische Orden Nisch.a-nel Jstikhar, der türttsche Medjidjie- und der persische Sonnen- und Löwenorden. Sticht zu ver­achten ist auch der Orden der Büste Bolivars von Vene­zuela, durch den man für 2000 Mk. Ritter und für 4000 Mark sogar Großoffizier werden kann, ohne auch nur als Einjährig-Freiwilliger in der berühmten venezolanischen Armee' gedient zu haben. Bessere europäische Sachen in sehr geschmackvoller und gediegener Ausführung sind schließlich die spanischen und portugiesischen Orden; ein Kommandeur­kreuz 1. Klasse mit dem Stern des spanischen Ordens Isa­bella catholica und ein solches der portugiesischen Orden Christus und Villa Vicosa, tadellose Kreuze, kosten 7500 bezw. 6000 Mk- Wer sich für Titel interessiert, kann durch Agenten auch solche erhalten, und für wenige Tausend Mark kann jedermann beispielsweise portugiesischer Kommerzien­rat, serbischer Sanitätsrat und spanischer Ordenskomman- beur werden, ohne erst ein thatenreiches Leben hinter sich haben zu müssen.

* Dieschlagfertige^ Vankeeladh. In. einem eleganten Gartenrestaurant zu Paris spielte sich dieser Tage eine merkwürdige Szene ab. Allein an einem der gedeckten Tische saß eine sehr hübsche und etwas aus­fallend kostümierte Dame, der man auf zwanzig Schritte die reiche, resolute Amerikanerin ansah. Mrs. Margaret Sydney' aus Minneapolis erwartete ihren Galten, mit dem sie in dem Restaurant zusammentreffen wollte, um das Tiner einzunehmen. Ter Gemahl mußte aber irgend eine Abhaltung haben, denn Minute auf Minute verrann, und Madame wurde offenbar schon recht ungeduldig. Ein Herr, der an einem Nebentisch speiste, beobachtete die Schöne mit augenscheinlichem Interesse. Auf alle mögliche Weise suchte er ihre Aufmerksamkeit aus sich zu lenken, und als sie einmal flüchtig nach ihm hinsah, hab er sein GlaS und trank chr mit einem vertraulichen Lächeln zu. Die Dame antwortete mit einem entrüsteten Blick und rief bann einen Kellner herbei, bem sie mit lauter Stimme auftrug, denGecken^ zu ersuchen, seine Unverschämtheiten einzustellen. Ter Zu­rechtgewiesene fuhr den sich ihm verlegen nähernden Kellner grob an, erhob sich dann, trat an den Tisch der Lady und sagte ebenfalls ganz laut:Nun, Liebchen, sei doch nicht närrisch!" Ehe er noch Zeit hatte, etwas hinzuzufügen, war die Tarne von ihrem Sitz ausgeschnellt. Mll einem einzigenkunstgerecht" ausgeführten Stoß, den die elegant behandschuhte Rechte der athletischen Schönen gegen den Mund des unvorsichtigen Sprechers führte, streckte Mrs. Sydney den Beleidiger zu Boden. Lautes Bravorufen und Lachen ertönte ringsum. Zu einigen zu ihrem Schutz herbeieilenden Herren bemerkte Mrs. Syd­ney lächelnd:Ich danke Ihnen, meine Herren, eine Ameri­kanerin weiß sich selbst zu schützen." Inzwischen hatte sich der am Boden liegende Dtonsieur aufgerafft, mehrere Kellner umringten ihn, gaben ihm Hut und Stock und schoben ihn ziemlich energisch dem Ausgange zu Bald daraus erschien der Gatte aus der Blldsläche. Seine Frau teilte ihm kurz mll, was geschehen, woraus Mr. Sydney sosort einen Wagen heranholte, der das Paar nach einem andern Restaurant brachte. _