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05/06/1902 Erstes Blatt
 
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Nr. 129

Erstes Blatt.

152. Jahrgang

Donnerstag 5. Inns 1ÖO®

vrs-etnt ««glich außer 6onntag8.

Dem Gießener Anzeiger werden tm Wechsel mit dem Üesstschen Landwirt die Siegener Kamillen, blätter viermal in der Woche beigelegt.

Kotattonsdruck u. Ver­lag der Brühl'schen Univers.-Buch- u.Stein- druckerei (Pietsch Erbend Redaktton. Expedition und Druckerei:

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GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger "

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen

YezvgSpretsr monatlich 76 Pi., otetiel* jährlich Mk. 2.20; durch Abhole- u. Zweigstellen' monatlich 6b Pf.; durch diePost Alk.2. viertel- lährl. ausschl. Bestellg. Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer bis vormittag- 10 Uhr. Zeilenpreis: lokal 12P^ auswärts 20 Pfg.

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KekWntmachung.

Am Fr eitag den 13. dieses Monats, nach- Lnittags 3 y, Uhr, wird eine Generalversammlung deS landwirtschaftlichen BezirksvereinS Gießen im Saale des Lass Ebel zu Gießen stattfinden mit folgender Tagesordnung:

1. Feststellung des Voranschlages für 1902/03;

2. Landwirtschaftliche Studienreise nach der Provinz Sachsen;

8. Die Bestellung von Vertrauensmännern für die land- und forstwirtschaftliche Berufsgenoffenschaft;

4. Ausführung von Düngungsversuchen;

5. Initiativantrag der Abgeordneten Haas u. Genossen wegen Errichtung einer Landwirtschastskammer.

Es wird hierzu Jedermann, der sich für Gegenstände der Tagesordnung interessiert, freundlichst eingeladen.

Gießen, den 4. Juni 1902»

Der Direktor des landwirtschaftlichen Bezirksvereins Gießen, v- Bechtold.

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LaS neue Irland. .

Nach einer Meldung aus Pretoria reisten die Buren- belegierten unter enthusiastischen Kundgebungen zu ihren Kom­mandos ab. Allenthalben an der Eisenbahn brannten Freuden­feuer und die Buren und die englischen Soldaten fraternisierten und sangen patriotische Lieder. Aus dieser Nachricht optimistische Schlüsse zu ziehen, wäre höchst übereilt und unklug. Schalk Burger und Louis Botha erließen zwar, wie heute aus Pretoria obendrein gemeldet wird, einen offenen Brief an die Buren, in dem sie den hohen Mut, den die Buren zeigten, und die tapferen Thaten im Felde würdigen, und die Buren auffordern, jetzt allgemein mitzuarbciten an der sozialen und geistigen Entwickelung des Landes und der neuen Regierung loyalen Gehorsam zu bezeigen. Trotzdem sind wir der Ansicht, daß die Buren, wenn dieser oder jener von ihnen in der ersten Friedensfreude auch mit den bis­herigen Feinden fraternisierte", wenn ihre Führer sie auch ofsizwll und in kühler Knappheit zumGehorsam" gegen die Ueberwinder auffordcrn, wenn sie sich auch darein finden müssen, daß sie nun englische Unterthemen sind, doch nie und nimmer Angehörige des englischen Volkes werden. Sie werden sich stets, ebenso wie die Bewohner dergrünen Insel", die Iren, als eine besondere Nation betrachten, und der Krieg dürste zur Genüge gezeigt haben, daß das Bewußt­sein der Stammeseigenari bei den Buren ebenso entwickelt ist als bei den Söhnen O'Patricks. Die von Lord Kitchcner in seiner Ansprache an die Burendelegierten geäußerte Hoffnung, Briten und Buren würden Freunde werden, wird sich schwer­lich erfüllen. Nicht unzutreffend bemerkte eine deutsche Zeitung:Die Geschichte des Burcnkrieges ist geschlossen, die Geschichte des Burenvolkes hat begonnen!" Traditionen lassen sich eben nicht Hinwegdekretieren, und bei der Zähigkeit, mit der die Buren an ihren Traditionen hängen, darf wohl er­wartet werden, daß je länger, je mehr die Empfindung, unter Ausnahmegesetzen zu stehen, sie beherrscht und zu engem Zusammenschluß treibt. Eine gewisse Gefahr wird also dieses neue Irland für Großbritannien stets bilden und zwar in höherem Grade als diegrüne Insel", das alte Irland, zumal im Falle kriegerischer Verwickelungen. Gerade deshalb wird England sorglich bedacht sein müssen, von der Betei­ligung an internationalen Händeln Abstand zu nehmen, min­destens solche Händel nicht selbst anzufangen. Das ist die andere Seite des Jmperialisinus; doch, wie gesagt, nur wenige von denen, die es angeht, werden sich gegenwärtig darüber klar. Nur imperialistischem Paroxismus kann beispielsweise die von einem Londoner Blatt demselben, das jetzt wieder in geradezu wüster Weise auf denNeidhammel" Deutschland schmäht aufgestellte Behauptung entsprungen sein, König Eduard werde den ehemaligen Burenrepubliken, dem neuen Irland, demnächst einen Besuch abstatten. Noch hat König Eduard den Boden des alten Irland nicht be­treten; der seit längerem geplante Besuch wurde im Hinblick auf die reichsfeindlichen Kundgebungen der Iren wiederholt hinausgeschoben. Aus ihrer Sympathie für die Buren haben die Söhne Ostafrikas ja nie ein Hehl gemacht; sie werden den der Unabhängigkeit verlustig gegangenen Freiheitskämpfern ohne Zweifel sich noch inniger verbunden fühlen und das auch im Unterhause zum Ausdruck bringen. Das alte und das neue Irland zwei schwachen Stellen im Organismus des großbritannischen Reiches! Heute predigt man damit frellich tauben Ohren, aber das normale Unterscheidungs­vermögen dürfte sich nach und nach allenthalben einstellen.

Die Utrechter Buren-Konferenz beschloß, von einem offiziellen Protest gegen den Fricdensschluß abzu- sehen, obgleich sämtliche Delegierten denselben mißbilligen. Der Gemütszustand des Präsidenten Krüger soll zu ernsten Besorgnissen Anlaß geben. Wie es heißt, werden die in Brüssel weilenden Burendelegierten vor dem dortigen englischen Gesandten den Unterthanen-Eid leisten und dann nach Südafrika zurückkehren. Der Generalkonsul der Burenrepubliken in Amsterdam Dr. -Lnethlage behauptet, daß er aüü Südafrika die direkte "Nachricht erhalten habe, die Friedenskonferenz in Vereeniging habe den Bedingungen über d:e Bestrafung der Rebellen aus dem Kaplan de und Natal

nur zugestimmt, well Kitchener ihr schriftlich die Versicherung gegeben habe, König Eduard werde bei seiner Krönung eine allgemeine Amnestie erlassen.

Nach einer Londoner Depesche tritt das Kriegsministerium offiziell den Gerüchten entgegen, welche behaupteten, Kit- cheners Rückkehr nach England stehe unmittelbar be­vor. Vor Ablauf einiger Wochen, und vielleicht Monate werde seine Anwesenheit in Südafrika nicht entbehrlich sein. Die englischen Truppen werden aus den einzelnen Bezirken nicht zurückgezogen, bis die formelle Kapitulation der einzelnen Burenkommandos und die Auslieferung von Waffen und Munition erfolgt ist. Englische Offiziere werden die Dele­gierten zu den Kommandos geleiten.

Im Unterhause teilte am Mittwoch der Schatzkanzler mit, er habe die Absicht, die zwei in diesem Jahre einge­führten Abgaben aufrecht zu erhalten. Lord Balfour teilte eine Botschaft des Königs mit, in der empfohlen wird, Lord Kitchener in Anerkennung seiner hervorragenden Dienste eine Dotation von 5 0000 Pfund Sterling zu be­willigen. Claude Lowther stellte die Frage, ob der Artikel 9 des mit den Buren geschlossenen Abkommens, das bestimmt, daß auf den Grundbesitz in Transvaal und der Oranjefluß- Kolonie zur Bestreitung der Kriegskosten keine speziellen Steuern gelegt werden sollen, auch eine spezielle Besteuerung von Bergwerkseigentum in den beiden Kolonien zum gleichen Zwecke verbiete? Minister Chamberlain erwiderte: Nein.

Marienburger Aestrage.

i.

Die alte westpreußische Ordensstadt rüstet sich zum Feste. Am Mittwoch Vormittag war zunächst große Probe für die Ehrenkompagnie und dieOrdensritter", für den Domchor und den Bläserbund; alles klappte aufs beste. Die ganze Stadt, bis in die entlegensten Winkelchen prangt in vollem Festschmuck; überall Fahnenmasten, Guirlanden, Tannengrün, patriotische Dekorationen. 'Einen imposanten Anblick gewährt der Empfangsplatz unmittelbar hinter der neuen Nogatbrücke. Hochragende, mit Grün umwundene und mit Wappenschil­dern geschmückte Masten zieren den riesigen gelbgeschütteten und sauber geebneten Platz. Ein prachtvolles Blumenpar­terre von hochstämmigen Palmen, Lorbeer- und Lebens­bäumen und schönen Blattpflanzen zeigt die Stelle, wo der Kaiser zunächst die offizielle Begrüßung der Vertreter der Stadt und der sonstigen Behörden entgegennimmt, um bann die Front der Ehrenkompagnie abzuschrellen. Die eigentliche Feststraße wird durch einen Triumphbogen eröffnet und geht durch lauter Ordensfahnen geschmückt, am Denkmal des alten Fritz und der Zuschauertribüne vorbei, bis zum Schloß, an dessen Hauptthor zwei moderne Schilderhäuser eigentümlich anmuten. Auf der Brücke lehnen in historischen Trachten zahlreiche Ordensknappen, unter der Sturmhaube vergnügt hervorblickend. Auf dem Schloßhof selbst, der in seinen blühenden Fsiedersträuchen den besten Schmuck besitzt, sind besondere Dekorationen nicht angebracht, ebensowenig in den Hauptsälen. Den Boden des Kaiserzimmers bedecken kost­bare indische und marokkanische Teppiche.

Der Kaiser und die Kaiserin sind am Mittwochabend nach Marienburg abgereist. Eingetroffen sind hier bereits Oberhof-Marschall Graf zu Eulenburg, Hausmarschall Frhr. von Lyncker und Vize-Oberzeremonienmeister Graf v. Kanitz, ferner der österreichisch-ungarische Botschafter v. Szögyeny- Marich, Oberpräsident von Goßler, Negierungspräsident von Holwede sowie der größte Teil der Johanniter-Ritter, unter letzteren der Kriegsminister von Goßler, der Minister des königl. Hauses v. Wedel und der Ordenskanzler Wirkt. Geh. Rat von Levetzow. Abordnungen aus Oesterreich und Eng­land sind hierher unterwegs.

Deutsches Reich.

Berlin, 4. Juni. Der Kaiser empfing heute den Chef des Zivilkabinetts, v. Lucanus, zum Vortrag.

Der Schah von Persien hat dem Potsdamer Magistrat 5000 Mark für d ie Arn:en der Stadt über­geben.

Der General der Infanterie, William vonVoigts- Rhetz, ist im Alter von 90 Jahren am Montag in Mon- treuse gestorb en.

Der Bundesrat soll, nach Meldung einer Parka- mentskorrespondenz, die Absicht hegen, erst dann sich über die vom Reichstage angenommenen 3)täten für die Mit­glieder derZolltarifkom Mission schlüssig zu machen, sobald der Reichstag sich vertagt haben wird, lieber die Dauer der Bertagung des Reichstages sind seitens der verbündeten Regierungen noch nicht Entschlüße ins Ange ge­faßt. Es wird eine Verständigung mit dem Präsidenten des Reichstages angebahnt werden. Mit Rücksicht auf die Ver­handlungen der Zolltarifkommission wird vielleicht der End­termin offen gelassen und den verbündeten Regierungen die BestiniNllmg des Tages für den Wiederzusammentritt an« heimgestellt.

Wie eine parlamentarische Korrespondenz, die mit konservativen Abgeordneten Fühlung hat, berichtet, ivird das "Auftreten des Grafen Bülow im preußischen Abgeord­netenhause von der Komproniißmehrheit der Zolltarif- kommission des Reichstages sehr ungünstig beurteilt.

Man sei in gewaltiger Erregung darüber, daß der erste Beamte des Reichs und des preußischen Staates diese herbe Art gewählt und so der Mehrheit vor den Kopf ge» stoßen hat. Es herrscht Neigung, bei passender Gelegenheit mit einer Kritik der Haltung des Grafen Bülow in der Kom* Mission hervorzutreten.

Nach der amtlichen Uebersicht über die int Rech­nungsjahr erfolgten Einnahmen an Zöllen und 93er* brauchs steuern haben sich bei der endgültigen Feststellung etwas höhere Beträge ergeben, als bei der vorläufigen Mitte April erfolgten Schätzung. Die Zolleinnahmen sind in der Anschreibung um 1,7 und in der Jsteinnahrne um 1,3 Mill. Mark höher, als im April angenommen worden war. Auch die Tabaksteiler, die Zuckersteuer, die Salzsteuer und die Brausteuer haben eine Mehreinnahme von einigen hunderttausend Mark gebracht.

Hadersleben, 4. Juni. Vom hiesigen königl. Gymna­sium wurden nach eiiistiniNiigen Beschluß des Lehrerkolle­giums zwei Primaner wegen fortgesetzter Bekundung deutschfeindlicher Gesinnung von der Schule ver­wiesen. Die Verweisung ist im Einverständnis mit dem Provinzialschulkollegium erfolgt.

Ausland.

Madrid, 2. Juni. Heute versuchte eine Volksmenge, während die Prozession sich durch die Straßen bewegte, unter Schmährufen auf die Geistlichkeit sich der Mon­stranz zu bemächtigen, wurde aber durch eine Abteilung Militär daran gehindert.

Wien, 4. Juni. (Abgeordnetenhaus.) Abgeordn. Breiter begründet den Antrag, den Statthalter von Galizien, Grafen Pininski, sowie alle mitschuldigen Poli­zei beamten und Militärpersonen wegen der Lem­berger Vorfälle zur Verantwortung zu ziehen und die Familien der ($rmerbeten zu unterstützen. Er ergeht sich in Ausfällen gegen Pininski, der ein indolenter Faul­lenzer, ein nichtnutz iger unfähiger Mensch sei und angeblich Zeitungsdepeschen einer strengen Zensur unter­worfen und gefälscht habe. Der Präsident ruft Breiter zur Ordnung. Pernerstorfer begründet einen zweiten Antrag in dieser Angelegenheit, alle roegen leichtfertiger An­wendung der Waffen Schuldtragenden ohne Ansehung der Person zur Verantwortung zu ziehen. Ministerpräsident v. Ko erber beruft sich auf seine gestrige Darstellung, nimmt den Statthalter in Schutz und sagt schließlich, er glaube, daß Oesterreich sich ungescheut vor allen anderen Staaten sehen lassen könne, nur sollte man sich nicht selbst herab­setzen. Im weiteren Verlaufe der Debatte, welche ruhig ver­lief, sprach v. Koerber nochmals, um auf Grund einer ein­gelangten Depesche mitzuteilen, daß die Verhandlungen mit den streikenden Maurern zu einer gütlichen Vereinbarung ge­führt haben. Die Dringlichkeit beider Anträge wurde ab­gelehnt.

Hm Polenklub beantragte Grek eine Resolution» wonach die Polen in der Delegation für die weitere Sicherung der Wehrkraft der Monarchie eintreten, jedoch mit der Ein­schränkung, daß die Stärkung der Wehrkraft dahin gerichtet sein sollte, daß die vollständige Selbständigkeit der Monarchie und eine größere Unabhängigkeit derselben von dem vom preußischen Einflüsse beherrschten Deutschen Reiche gesichert bleibe. Jaworski beantragte die Abänderung der Resolution Grek dahin:Um die Gleichwertigkeit der Monarchie und ihre vollständige Freiheit zur Wahrung ihrer Großmacht­stellung zu sichern."

Petersburg, 4.Juni. Der Zustand des erkrankten Groß« fürsten Constantin Constantino witsch flößt große Besorgnis ein. Allem Anschein nach ist ein Gehirnleiben ernstester Natur vorhanden. Die ersten Anzeichen des Leidens traten vor kurzen: an der Newa nach einem Zusammensein mit dem Zaren zu tage, wobei seitens des Kaisers die Be­merkung gefallen war, daß in den Militär-Lehr­anstalten nicht die nötige Disziplin vorhanden fei. Großfürst Constantin, der Chef genannter Anstalten fiel, als er nach Hause zurückgetehrt war, plötzlich in Ohnmacht und hatte darauf einen furchtbaren Nervenanfall durchzumachen.

Der Finanzminister hat eine Verfügung an die Grenz- fammern erlassen, wonach von jetzt ab zum Ueberschreiten der Grenze der preuß. Staalsangehörien im dreimeiligen Grenz­bezirk dort, wo sich eine Zollkammer befindet, keine Grenz- legitim ationssch eine mehr erforderlich sind. Die im dreimeiligen Grenz bezirk wohnenden Preußen dürfen ohne jeden Ausweis die russische Grenze überschreiten, eine Be­rechtigung, die für die Grenzbewohner von großer Be- beutung ist.

Simin, 4. Juni. Das Mitglied des gesetzgebenden Rates, Turner, wird am Freitag einen Antrag zum Zuckergesetz einbringen, wodurch die Regierung ermächtigt wird, den vor- geschlagenen Zoll für eingeführten Zucker zu ver­doppeln.

DchwiNMicht.

Gießen, -1. Juni.

Vor dem Schwurgericht hatten sich gestern und heute die Philipp Henrich Eheleute von Altenstadt wegen