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5.4.1902 Zweites Blatt
 
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Nr. 79

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Zweites Blatt.

153. Jahrgang

Samstag 5. April 1903

GietzenerNnzeiger

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Einen landwirtschaftlichen Lehrkursus für Soldaten

verlangt der Abg. Köhler-LangSdorf in einem Anträge, den er der Zweiten Kammer zu unterbreiten im Begriffe steht. Herr Köhler sendet uns das Manuskript dieses Antrages mit der Bitte um Veröffentlichung zu. Es hat folgenden Wortlaut:

Antrag des Abg. Köhler-Langsdorf, die Einrichtung eines landwirtschaftlichen Lehrkurses mit Freiwilligkeit der Teilnehmer für Soldaten des 2. Jahrgangs der in Darm­stadt garnisonierenden Regimenter betr.

Die gegenwärtige Notlage im landwirtschaftlichen Ge­werbe hat, darin gehe ich einig mit wohl allen Parteien, zu allermeist ihren Grund darin, daß die große Masse des Bauernstandes zu ihrem Berufe theoretisch nicht genügend vorgebildet ist, vielmehr träge und interesselos in altem Schlendrian den Spuren einer ver­gangenen Zeit folgt, die andre Ziele und Interessen hatte, als die gegenwärtigen Tage radikalster Umwälzung auf allen Lebensgebieten. Die vermehrte Erkenntnis in Anwendung der Naturkräfte des Dampfes, der Elektrizität usw. hat im nun abgeschloffenen 19. Jahrhundert ungeahnte Umwälzungen im öffentlichen Verkehr, in Handel und Wandel herbeigeführt. Anders sind alle Lebens-Bedingungen und -Beziehungen ge­worden. Anders mußte der einzelne Mensch, der einzelne Beruf, die gesamte kulturelle Menschheit sich einrichtcn, um den andersgearteten Verhältnissen sich anpaffen zu können. Dem öffentlichen Wesen wurden mit den aufs gründlichste umgestalteten Verhältnissen andere Bahnen gewiesen. Wie ein reißender Strom brach die neue Zeit über die alte herein. Und alles mußte stürzen, das ihr entgegen sich stellte. Am besten aber verfuhren diejenigen, die ihre Zeit begriffen hatten, die den Strom der neuen Zeit nicht allein nicht hemmen, sondern ihn sich dienstbar zu machen suchten, weise seine immensen Kräfte ausnützend.

So war es denn erstlich der Handel, der Welt­handel und dieJndustrie, die, ausgeübt von den Unter- richteteren der Nation, alle Kräfte der neuen Zeit zu Hilfe nahmen, um ihr Interesse zu fördern. Die Folge war, daß die Wiffenschaft und die gesamte Staatsmaschine alsbald fast einzig und allein in den Bann beider gestellt wurden, und zwar so sehr, daß die gesamte gebildete Welt am Ende des Jahrhunderts nur noch nach händlerischen und in­dustriellen Prinzipien zu denken vermochte, als ob sie dergestalt hypnotisiert wären.

Dabei war die Landwirtschaft, abgesehen von den Groß- thaten Einzelner, eines Thacr, Liebig, Wagner, Kühn, Märker u. s. w., auf landwirtschaftlich wissenschaftlichem und einer großen Menge hervorragender Männer auf landwirt­schaftlich praktischem Gebiete, größtenteils auf ihrem alten Geleise stehen geblieben. Weder die landwirtschaftliche Wissenschaft noch die Agrarpolitik hatten der großen Menge der staatlichen Gesamtheit irgend wertvolle Errungenschaften gebracht.

Und so stehen wir denn heute einer Welt, erfüllt von Händlergeist und Industrialismus, gegenüber, die in ihrem Wirken als Feindin und Totengräberin der deutschen Land­wirtschaft erscheint und die durch ihre Erziehung in ein­seitig händlerischem und industriellem Geiste ge­eignet ist, der Landwirtschaft endlich den Todesstoß zu ver­setzen, obgleich trotzdem dies ihr eigener Wille nicht sein mag.

Angesichts so bedeutender Gefahren, die der Landwirt­schaft und damit was wohl kein Vernünftiger zu leugnen vermag dem gesamten deutschen Volke drohen, und im Gefühl der durch das eben Geschilderte veranlaßten bereits eingetretenen Not beginnt cs nunmehr auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens sich zu regen. Heftig platzen die Geister aufeinander. Mißverstand und Unverstand, Wissen­schaft und Aftcrwiffenschaft, Ehrlichkeit und Unehrlichkeit, eng­herziger Krämergeist und Idealismus kämpfen die unseligsten Kämpfe gegeneinander, und nirgends erscheint der Retter aus dieserNot. Insbesondere aber stehen die deutschen Regierungen durchaus mehr auf Seiten des Händlertums, des sog. Welthandels und der Industrie, als auf Seiten der Bauern, und die die öffentliche Meinungmachende" Presse ist zum größten Teile in den Händen des schachernden Judenvolkes, das am Bauernstände kein anderes Interesse nimmt, als das des Aus­beuters au seinem Opfer.

Aber doch können die Regierungen nicht gänzlich sich aller Fürsorge für den nun endlich durch seine Not aufge­weckten Bauernstand entschlagen. Unfähig, agrarpolitisch zu denken, in händlerisch-industriellem Geiste erwachsen, stehen die führenden Mächte mißgestimmt der immer mehr wachsenden agrarischen Bewegung gegenüber, ihr entgegen, und suchen nun, durch allerlei kleine und Pallatiomittelchen Oel auf die empörten Wogen gießend, den furchtbaren Sturm, der immer mehr anschwiüt, zu dämpfen.

Aber es ist alles vergebliche Mühe, denn die Hilfe, die sie bieten, kommt nicht von Herzen und verfehlt darum ihren Beruf. Herz und Sinn der deutschen Mächte ge­hören vielmehr dem Handelsgeist, dem Welt­handel (personificirt in dem Juden Ballin) an und alles,

was diese für die Landwirtschaft zu thun scheinen, ge­schieht nicht aus Liebe zu ihr, sondern aus den Beweg­gründen der Furcht und der Diplomatie.

So steht der Bauernstand von den Regierenden ver- laffen, und gänzlich auf sich selbst angewiesen da. Zuerst seine Schuld, daß er sich nicht regte, als es galt, der neuen Zeit gerecht zu werden, nunmehr durch Schuld derjenigen, die seine berufenen Schützer sein sollten. Und die Zeiten sind längst vorüber, da ein Kaiser Joseph II., ihm und dem Bauernstand zur Ehre, den Pflug durch's Feld hrte.

Läng st hat der Bauern st and cs aufgegeben, darauf zu hoffen, daß ihm aus den Reihen Derer, die an die Spitze der Nation berufen sind, die nachhaltige Hilfe kommen wird, solange Die­jenigen noch im Leben sind, die einst zu Füßen jener nationalökonomischen Irrlehren an den Universäten des 19. Jahrhunderts, eines Bren­tano, Lotz u. a. gesessen sind.

Drum muß der Bauernstand sich selber ermannen, und muß selber Hand anlegen, muß aufbaucn von unten, Stein für Stein! Das Fundament aber alles dessen muß sein die Förderung der landwirtschaftlichen Berufsbil­dung. Glicht Viehprämiierungen sind vonnöten, sondern Prämiierungen des landwirtschaftlichen Wissens und Könnens. Kem Preis sollte zu hoch sein, keine Arbeit zu schwer, um dies Ziel zu erreichen: Allgemeinste Ausbildung des Landwirts in seinem B erufe, des Herrn und des Knechts, der Hausfrau und der Magd, des ade­ligen Gutsbesitzers und des Bauern.

Kein Mittel aber auch sollte zu gering erscheinen, um dies hohe Ziel zu erreichen. Schon wurde ein guter Schritt hierzu gethan, indem in der Fortbildungsschule zu Langsdorf während dieses Winters der Beweis geliefert wurde, daß es möglich sei, allen Kreisen der Bauernbevölke­rung auf die einfachste Art und Weise die Grundbegriffe aus der Kulturlehre (so wie dies schon Liebig vor mehr als 50 Jahren als erreichbar bezeichnete) zur Kenntnis bringen. Aber alles dies genügt noch nicht. Weitere Wege müssen gesucht werden, auf denen die Landwirtschafts-Wissenschaft, die einzig und allein dem Bauernstand die Hilfe bringen und ihn frei­machen kann, ihm zugeführt wird.

So sei es mir denn vergönnt, hiermit auf ein Mittel aufmerksam zu machen, das wenn hüben und drüben ihm Wohlgefallen angedeiht und die rechten Männer mit Verstand, Herz und Sinn es richtig ergreifen von wohl- thätigster Wirkung sein würde. Es gilt die Nutzbar­machung der landwirtschaftlichen Lehrkräfte des Staates für diejenigen Angehörigen der Garni­sonen, die aus dem Bauern st and hervorgegangen sind und zu ihm wieder zurück kehren werden. Es ist insofern dies keine neue Idee, als bereits ein Kursus für angehende Dominialförster im 1. Großh. Hess. Leibgarde-Regiment zu Darmstadt besteht (oder wenigstens bestanden hat). Auch finden fast alle Handwerke heute schon beim Militär die weitgehendste Förderung und Hebung. Ich erinnere nur an die Beschäftigung der Soldaten als Waffen- schloffer, Schreiner, Schneider, Schuster, Weißbinder, Gärtner, Verkäufer in den Kantinen u. s. w. in den Garnisonen. Ebensowohl aber nehme ich an, daß es möglich sei, aus sämtlichen zu Darmstadt garnisonierenden Regimentern einen Kreis freiwilliger Teilnehmer allwöchentlich ein- oder zweimal um vom Staat zu gestcllende Landwirtschaftliche zu versammeln, um während des zweiten Jahres der mili- tärischen Dienstzeit gründlichen und unentgeltlichen Unterricht in dem Berufe zu genießen, in den die jungen Leute nach Ableistung ihrer Dienstzeit wieder zurückkehren werden.

Ich hege keinen Augenblick irgend einen Zweifel, daß seitens des Offizierkorps, das zum größten Teil schon von Haus den agrarischen Kreisen angehört, aus dem die trefflichsten praktischen Landwirte, und darunter als einer der hervorragendsten in praktischer Ausübung des landwirtschaftlichen Betriebes der preußische Landwirtschaftsminister General v. Podbielski hervorgegangen sind, Alles gethan werden würde, um diese Lehrstunden zu ermöglichen und die­selben segensreich zu gestalten. Dabei mache ist auf den wertvollen Umstand aufmerksam, welche reichen Unterrichts­mittel ingesialt der landwirtschaftlichen Versuchsstation unter der Leitung des zur Zeit wohl popiilärsten und bedeutendsten Agrarkulturchemikers der Welt, des Herrn Prof. Dr. Wagner, den landwirtschaftlichen Winterschulen, der Hochschule, den Museumssammlungen in Darmstadt usw. zur Verfügung stehen. Ich mache weiter aufmerksam auf die zu Ver­suchen im großen einladenden, schlecht bebauten, ja öd liegenden Sandflächen bei Arheiligen, Weiterstadt usw. Die Verhältnisse sind, wohin man schaut, die günstigsten, um hier in Darmstadt einen ernsten Ver­such zu unternehmen.

Ich beantrage deshalb:

Die verehrt. Zweite Kammer wolle beschließen, Großh. Regierung zu ersuchen, alsbald mit dem Herrn Kommandeur der Hessischen (25.) Division in Verhandlung einzutreten zwecks Einrichtung eines ständigen landwirtschaftlichen Lehrkursus für frei­

willige Teilnehmer aus den Regimentern zu Darm­stadt.

Langsdorf, den 3. April 1902.

Köhler (Langsdorf).

*

Ter Kern dieses Antrages hat u. E. wieder, wie bei Köhlers Vorschlägen zumeist, etwas Berechtigtes. Aller­dings dürfte der hessische Landtag in dieser Beziehung nichts Erhebliches ausrichten tönnen. Zuständig ist hier allein daS preußische Kriegs Ministerium, und ob dieses sich da­zu bereit finden lassen wird, einen landwirtschaftlichen Sol- datenkursus in Darmstadt cinzurichtcn, ist zum mindesten zweifelhaft. Man weiß, wie sehr man in Berlin der zwei­jährigen Militärdienstzeit s. Z. abhold war und die Ansicht vertritt, daß die zwei Jahre bei äußerster dienstlicher An­spannung zur militärischen Ausbildung kaum genügen. Darum scheint uns wenig Aussicht für eine Opferung der Milüärdienstzeit zu landwirtschaftlichen Zwecken. Immerhin ist es ja aber möglich, daß unsere Regierung, wenn sie den Antrag Köhler zu dem ihren inacht, in Berlin etwas aus­zurichten vermag.

Im einzelnen dehnt sich der Antrag Köhler nach seiner Art in wunderliche Breite, geht nahezu bis auf die Urgeschichte zurück, um etwas zu begründen, was sich in tnappcn, sachlichen Worten sagen läßt, ohne alle überflüssigen Ausfälle nach links und rechts. Es verlohnt sich nicht, auf Einzelheiten sich einzu­lassen, die Behauptung aber, daß die Regierungen und nun gar noch ausFurcht", sich an das Gängelband des Handels und der Industrie festklammern, muß aufs sck>ärfste gerade ,von der Presse zurückgewiesen werden, die von denHänden des schachernden Judenvolkes", wie Herr K. in seiner be­kannten, wenig geschmackvollen Art sich auszudrückcn beliebt, sich ebenso frei weiß, wie von jeglicher anderen Beeinflussung irgend einer Seite! Angesichts der Regierungs-Zolltarif- vorlage von einemVerlassensein" der Landwirtschaft zu reden, klingt gerade aus bäuerlichem Munde eigentlich recht scherzhaft.

Aber das wackere und unermüdliche EintretenKöhlers für die eigenen Berufsinteressen verdient doch Anerkennung auch bei denen, die seiner politischen, sowie seiner gesamten Lebens­anschauung sonst fern stehen. Es steckt eine gesunde, kernige Frische in diesem immerhin ideenreichen Mann, und oft trifft er den Raget auf den Kopf. Es ist nicht zu leugnen, daß der obige Antrag vieles für sich hat, daß seine Klagen über den in bäuer­lichen Kreisen herrschenden alten Schlendrian, über deren kurzsich­tige Interesselosigkeit an allem, was nicht mit dem bäuerlichen Beruf zusammenhängt, berechtigt sind, und daß der Staat mit dazu berufen ist, das Seine zu thun, um allem Dem nach Möglichkeit abzuhelfen. Wir wollen also hoffen, daß trotz der u. E. nicht großen Aussichten, dieser Antrag dcs Herrn Köhler den von ihm gewünschten Erfolg hat.

Deutliche Gagesschau.

DieDeutsche Tageszeitung" sucht so wird der badisch-osjiziösenSüdd. Reichs- korresp." aus Berlin geschrieben, und wir geben im nach­stehenden den sehr bemerkenswerten Artikel wortgetreu wieder bei ihren Lesern die Vorstellung zu erwecken, daß handelspolitische Unterhandlungen zwischen der deutschen und der italienischen Regierung schon begonnen haben, ja daß unsererseits an Italien bereits vor Fertigstellung des Reichszolltarifs in der Vorberatung bestimmte Konzessionen gemacht worden sind". Auf solche Abmachungen, erklärt das Blatt, könne und dürfe der Reichstag keine Rücksicht nehmen. Der Reichstag wird in diese Verlegenheit gar nicht kommen; denn die vom agrarischen Standpunkt aus angefochtenen Abmachungen oder Konzessionen existieren nicht. Keiner ausländischen Regierung ist ein Versprechen über Zugeständnisse gemacht worden, die sie von Deutsch­land bei den künftigen Handelsvertragsverhandlungen zu erwarten hat. Das Mas; dieser Zugeständnisse ergiebt sich erst beim Unterhandeln selbst aus dem dabei erforderlichen wechselseitigen Entgegenkommen, dessen Grenzen für uns >urch die im Tarifentwurf ihren Ausdruck findenden dcut- chen Bedürfnisse gezogen werden. Allerdings ist aber der Tarif so eingerichtet und wird auch so bleiben, daß er Unterhandlungen nicht unmöglich macht, ja, ) er, was insbesondere unsere Beziehungen zu Italien angeht, einen vertragsmäßigen Ausgleich der beider- eitigen Handelsinteressen verhältnismäßig 'eicht und einfach erscheinen läßt. Dies und nichts, was die Rechte unserer Volksvertretung beeinträchtigen könnte, hat der Reichskanzler in Venedig ausgesprochen. Graf v. Bülow wäre dafür giebt es Beweise genug der Letzte, der nm der schönen Augen des Auslandes willen nationale Interessen preisgäbe.

Nicht die Neigung zu .Konzessionen an fremde Mächte, andern die Pflicht, unsere Schutzzollpolitik den Bedürf­nissen der Gesamtheit des erwerbenden deutschen Volkes anzupassen, läßt den Kanzler und die verbündeten Regierungen bei dem Entschluß verharren, sich An­träge nauiZollerhöhungenüberdenEntwurs hinaus zu widersetzen. Tie Rundrefi'e Les Staats­ekretärs Grafen v. Posadowsky gilt sicherlich nicht einer Erschütterung dieses Entschlusses, und auf die Haltung der Bundesstaaten läßt sich das beliebte Schlagwort von der Unsicherheit der Lage" nicht anwenden. Neuerdings will der Rundschauer derAllg. ev. luth. Kirchenztg." die Un- icherheit am schärfsten darin ausgeprägt finden, daßdas berede umgeht", nicht nur der Reichstag, sondern auch das Abgeordnetenhaus würden zu P f i n g st e u a u f,