ung großes Interesse gehabt, eine besondere wissenschaftliche Borbrldung habe er nicht genossen.
Hierauf giebt der Sachverständige Schulrat a. D. Grabow sein Gutachten ab. Er erklärt, daß er den Schriftvergleich physiologisch behandle und seine Methode s. Zt. in einem Kolleg des Professors Dubois-Reymond vorgeführt habe. Man habe sie auch als streng wissenschaftlich anerkannt. Man könne nicht aus zufälligen Ähnlichkeiten einzelner Schriftzeichen, die man mühsam aus einer Summe von als echt anerkannten Schriften heraussucht, auf die Echtheit oder Unechtheit der inkriminierten Schrift Schlüsse ziehen. Der Sachverständige zeigt nun in anschaulicher Weise, welche Gewohnheiten der Angeklagte beim Schreiben habe, an der echten Schrift, und beweist ferner, daß diese Merkmale der Lindenrstuthschen Schrift an der inkriminierten Quittung im wesentlichen nicht vorhanden sind. Er wendet dann seine Methode der Gradmessung beider echten Schrift Lindenstruths an und zeigt, daß bei der in Frage kommenden Quittung die Schriststellung mit der Lage der echten Linden- struthschen Buchstaben nicht übereinstimmt. Es ergebe sich mit Sicherheit, daß man es mit einer plumpen Fälschung zu thun habe.
Hieraus wird Stühler vorgcrufen. Der Vorsitzende dringt in ihn, seine Aussage jetzt, wo es noch Zeit sei, abzuändern. Es sei innerlich ganz unwahrscheinlich, was er und seine Familie ausgesagt hätten. An sich sei die übereinstimmende Art der Aussagen überaus verdächtig und auffallend. Stühler erklärt, er habe die Quittung nicht geschrieben. Landgerichtsrat Sandmann und Dr. Schäfer machen Stühler klar, daß es sich nicht darum handle, vielmehr darum, ob er unter Eid ausrecht erhalten wolle, daß er gesehen habe, wie Lindenstruth die Quittung und seinen Namen geschrieben habe. Stühler erklärt, seine Aussagen aufrecht erhalten zu wollen.
Ter Gerichtshof zieht sich nun zur Beratung zurück und erläßt Beschluß, daß;eir nicht umhin könne, die vier Zeugen Stühler zu vereidigen, was geschieht. Damit ist die Beweisaufnahme geschlossen. Den Geschworenen wird die Schuldfrage wegen Meineids vorgelegt.
Staatsanwalt Reuß nimmt hierauf das Wort. Er stellt den Antrag an die Geschworenen, die Schuldfrage zu verneinen. Die Ausführungen des Schulrats Grabow hätten ihn von der Unschuld des Angeklagten überzeugt. Nach dem Ergebnis der Voruntersuchung habe für die Anklagebehörde die Schuld des Angeklagten sestgestandcn. Nach der Art, wie die vier Zeugen heute in der Hauptverhandlung deponiert hätten, könne er auf schuldig nicht plädieren, um so mehr, als ja thatsächlich diese Zeugen bei der Sache nicht ganz uninteressiert seien.
Rechtsanwalt Grünewald weist daraus hin, daß es sich für seinen Klienten nicht darum handeln könne, wegen Mangels eines Beweises freigesprochen zu werden, sondern darum, daß mit dem Spruch der Geschworenen und des Gerichtshofes der Makel von ihm genommen werde, als habe er wegen einer so geringfügigen Sache falsch geschworen. Er weist auf eine Reihe von Momenten hin, die sich in der Hauptverhandlung ergeben hätten, und in Verbindung mit dem klaren Gutachten des Schulrats Grabow zu dem zwingenden Schluß führten, daß Lindenrstuth unschuldig sei. In diesem Sinne bitte er die Geschworenen ihven Wahrspruch zu sällen, der nur aus nichtschuldig lauten könne.
Nach erfolgter Nechtsbelehrung ziehen sich die Geschworenen in das Beratungszimmer zurück, in dem sie kaum fünf Minuten verweilen. Dann verkündet der Obmann, Rentner Groß-Friedberg, den Wahrspruch, der auf nicht schuldig lautet. Ter Gerichtshof spricht den Angeklagten von Strafe und- Ko st en frei; selbst die durch die Verteidigung, die geladenen und vernommenen Zeugen und den Schreibsachverßändigen Grabow-Berlin verursachten Kosten werden der Staatskasse auferlegt und der gegen den Angeklagten ergangene Haftbefehl wird aufgehoben.
Aus Wadt und Kund.
(Der Abdruck der unter dieser Rubrik befindlichen Original-Nachrichten ist nur unter genauer Quellenangabe: „Gieß. Auz." gestattet.) Gießen, 5. März 1902.
** Stiftungsfest. Ueber das 60jährige Stiftungsfest, das das Korps „Hassia" am 1. und 2. März feierte, geht uns folgender Bericht zu: Wenn auch — mit Rücksicht auf die 300jährige Jubelfeier unserer Universität im Jahre 1907, mit der eine umso glänzendere Feier des 65. Stiftungsfestes des Korps verbunden werden soll — die diesjährige Feier nur im engeren Kreise begangen wurde, so hatte sich doch bereits zu dem Samstag in der „Stadt Mainz" stattfindenden Musikfrühschoppen eine stattliche Anzahl Alter Herren, zum Teil aus weiter Ferne, eingefunden, Den Glanzpunkt der Feier bildete der große Kommers am Abend in den Räumen des Korpshauses, der gegen 70 Teilnehmer zählte. Zahlreiche Depeschen und Glückwünsche, worunter auch solche aus dem Auslande, bewiesen, daß auch viele nicht anwesende Alte Herren des Gründungstages der schwarz-weiß-roten Farben gedachten und ihn im Geiste mitfeierten. Obwohl die meisten Teilnehmer sich erst früh trennten, waren doch alle zu dec photographischen Aufnahme um 11 Uhr bereits auf dem Korpshause wieder versammelt. Hieran schloß sich ein solennes Frühstück, das die meisten Teilnehmer bis gegen Abend vereinigte. Ein großer Teil besonders der auswärtigen Korpsmitglieder ließ es sich jedoch nicht nehmen, nach einer Wagenfahrt durch die Stadt unserem Gleiberg einen Besuch abzustatten, der die Gäste mit aufgezogener Fahne und donnernden Böllerschüssen zu fröhlichem Gelage empfing. Unter Fackelbeleuchtung wurde die Heimfahrt angetceten und der offizielle Teil des Stiftungsfestes im „Perkeo" zu allseitiger Befriedigung und mit dem Wunsche „Auf Wiedersehen in fünf Jahren" beschlossen.
** Nationalsozialer Verein- Ueber „Politik und Kunst" sprach am Diontag Dr. Strecker im nationalsozialen Verein vor etwa 30 bis 40 Zuhörern, unter denen sich ziemlich viele Damen befanden. Der Referent suchte das Wesen der Kunst, deren Aufgabe Erziehung zum Leben ist und die Gefühlen Ausdruck zu geben hat, sowie das der Politik, die die Thätig- keit des Menschen im Staat umfaßt und Ausfluß des menschlichen Willens ist, genauer zu bestimmen, und erörterte die ethischen Gesichtspunkte bei der Beurteilung beider. Ihr Verhältnis dürfe nicht das einer Unterordnung sein, bei gegenseitiger Beeinflussung müsse doch ihre Selbständigkeit erhalten bleiben. Konflikte zwischen Staat und Kunst könnten freilich so wenig endgiltig aus der Welt geschafft werden, wie die zwischen Staat und Religion oder Wissenschaft. An einer Fülle von Beispielen, in denen zt bte Hörer von den Kunstleistungen unter den Pharaonen bis zu dem warm gepriesenen Darmstädter Maecenatenturn führte, roieS er nach, m rote
mannigfacher Weise die politischen Verhältniffe einwirkten auf Gegenstand und Form, Blüte und Verfall der einzelnen Kunstgattungen, und wie die Kunst den größten Fragen, die die Menschheit beschäftigen, als Echo nachhalle, aber auch Volksstimmung und -Meinung und damit oft genug auch den Gang der politischen Ereignisse zu beeinflussen verntochte. In der Diskussion, die sich an den Vortrag anschloß, gab insbesondere Prof. Sauer einige wertvolle Ergänzungen.
** Nationalliberaler Verein. In einer am Montag Abend abgehaltenen Sitzung des nationalliberalen Vercinsvor- stand es trat der langjährige Leiter des Vereins, Herr Prof. Dr. Wirnrnenauer, von seinem Amte als Vorsitzender zurück. Die Leitung eines fachwissenschaftlichen Blattes, die nach dem Ableben des Herrn Prof. Lorey auf ihn übergegangen ist, macht es ihm leider unmöglich, fernerhin auch noch die Vereinsleitung beizubehalten. Dem lebhaften Bedauern des Vorstandes gab Herr Kirch gebührenden Ausdruck, dem scheidenden, verdienstvollen Vorsitzenden warme Worte des Dankes und der Anerkennung widmend. Die Neuwahl des engeren Vorstandes ergab die Herren Em melius, Kirch, Heyligenstaedt, Jann, Erb und Rackö, die mit der Leitung der Vereinsgeschäfte betraut wurden,
* * Eisenbahn-Personalnachricht. Lokomotivführer Krauße wurde von Gießen nach Hungen versetzt.
* * Verhafteter Fahnenflüchtiger. Ein Musketier unseres Infanterie-Regiments Nr. 116, der sich am Sonntag von seinem Truppenteil ohne Urlaub entfernte, ist Montag mittag durch einen Schutzmann in Darm stadt festgenommen und an die Infanterie-Kasernenwache abgeliefert morden.
* * Ein frecher Bubenstreich ist in der vergangenen Nacht an unseren Aushängekästen am Seltersweg, in der Bahnhofstraße und an der Ecke der Neustadt und Bahnhofstraße verübt worden. An den beiden ersten Kästen ist je eine der Verschlußscheiben, an dem letztgenannten sogar beide zerschlagen worden. Auch an dem Aushängekasten der „Franks. Ztg." in der Bahnhofstraße ist der Verschlußdraht umgebogen worden.
st. Butzbach, 4. März. Mit Ausnahme von Weilburg waren sämtliche Vereine des Lahnthal-Sängerbundes auf dem Sängertag, der am Sonntag hier stattfand, vertreten. Hatiptlehrer Schneider (Marburg) wurde zum Bundesvorfitzenden wiedergewählt. Ferner wurde bestimmt, daß bei Uebernahnte eines Festes ein Ort, wenn er auch mehrere Gesangvereine besitzt, nur eine Stimme haben darf. Endlich wurde festgesetzt, daß auf einem besonderen, vom Vorsitzenden einzubcrufenden Delegiertcntage die Lieder für das .Bundesfest ausgewählt werden sollen. An die Verhandlungen schloß sich ein Mahl, das durch treffliche Toaste gewürzt war. Nachmittags trug der hiesige Männergesangverein mehrere hübsche Lieder vor.
Nieder-Gemünden, 1. März. In der vorigen Woche sandte eine kleine Anzahl evangelischer Pfarrer folgendes Telegranim an den deutschen Kaiser ab: „Eure Majestät werden gebeten, sich für das Leben des tapferen Kruitzinger zu verwenden."
ko Darmstadt, 5. März. (Telegr. des „ Gieß. Anz.".) Im Großherzogtum Hessen besteht ein Privilegium der Schorn stetnfegermeister, das einem jeden einen festen, abgegrenzten Bezirk in Stadt und Land überweist. Den Meistern sind dadurch ganz bedeutende Einnahmen gesichert. Die Regierung beabsichtigt nun eine Umgestaltung dahin, daß die Meister von den Kreisen angestellt und mit einem Fixum bezahlt werden und daß die Einnahmen den Kreiskassen zufließen.
Wetzlar, 4. März. Gestern Abend brannte der den Gebr. Wald schmidt gehörige große Lagerschuppen, in dem ich Oekonomie-Maschinen sowie reichliche Vorräte an Stroh, Heu 2c. befanden ab. Das Feuer griff so rasch um sich, daß der große Komplex in ganz kurzer Zeit in hellen Flammen land. Auch von den Maschinen war nichts zu retten.
* * Kleine Mitteilungen aus Hessen und den Nachbarstaaten. Der früher in Freiens een wohnende Eisenbahnarbeiter Manarin aus Italien, der, wegenMajestätsbeleidigung einer Zeit verhaftet, später von der Strafkammer in Gießen jedoch freigesprochen wurde, ist aus Deutschland ausgewiesen worden. ■
Urinz KeU-rich in Amerika.
Chicago, 4. März.
Auf der Fahrt nach der eine Meile entfernten Waffen- halle des Ersten Regiments, wo die Gesangvereine ein Musikfest veranstalteten, wurde Prinz Heinrich mit ungeheurem Jubel begrüßt. Sobald der Prinz die Waffenhalle erreicht hatte, wurden die Thüren geschlossen, um die Anstürmenden zurückzuhalten. Konsul Weber war der rechte Logennachbar des Prinzen, links saßen deutsche Lehrer. Der gemischte Chor unter Gustav Ehrhorn, das Orchester unter Carl Bunge waren brillant. Nach dem Vorfrage des Liedes: „Ich kenn' einen Hellen Edelstein" hielt Thies Losens eine Ansprache.
Der Prinz erwiderte:
„Ich danke Ihnen herzlich für die freundlichen Worte, die Sie soeben gesprochen; aber die schönsten sind diejenigen über unser Vaterland und unser Volk. Sie sollten hier die besten Bürger sein, aber niemals vergessen, daß Sie alle Deutsche oder deutscher Abstammung sind, und sollten gute, loyale amerikanische Bürger sein, wie Sie im alten Vaterlande gute Bürger gewesen sind. Sie haben das alte Vaterland verlassen, aber wenn Sie noch Liebe sür dasselbe hegen, dann fordere ich Sie aus, ein dreifaches Hoch auszubringen auf den, der mich hierher gesandt hat, Ihnen diese Grüße zu überbringen, aus Seine Majestät den Deutschen Kaiser und König von Preußen." Kurz nach 10 Uhr erhob sich der Priinz, um zu dem Balle im Auditorium-Hotel zu fahren. Der Ball war das tzauptereignis und die glänzendste gesellschaftliche Veranstaltung, die Chicago je gesehen hat. Um halb 11 Uhr traf der Prinz in dem Hotel ein. Der Prinz betrat mit )em Bürgermeister den Ballsaal, wo bereits ca. 2000 Per- onen der Ankunft des Prinzen harrten und ihn mit enthusiastischen Zurufen begrüßten. Sobald die Vorstellung vorüber war, bot der Prinz der Gemahlin des Bürgermeisters den Arm, eröffnete die Promenade und geleitete die Dame zu ihrem Ehrensitz in der Loge, nahm dann selbst Platz, unterhielt sich und schaute den Hunderten von walzenden Paaren zu.
Um Mitternacht verließ der Prinz den Ballsaal, um in dem anstoßenden Gebäude der schönen Künste das Souper einzunehmen. Bei dem Festmahle brachte der Bürger
meister einen Trinkspruch aus, in welcheut er u. a. sagte:
Das heutige Chicago verdankt sein Dasein in großem Maße der Thatsache, daß seine Bevölkerung eine halbe Million Deutsche einschließt, welche allen ihnen innewohnenden Fleiß, sowie Intelligenz und Pflichtgefühl mitbrachten. 2Hir freuen uns mit Ihnen, Sir, der freundschaftlichen Beziehungen sü>: alle Zeiten. Wir bewillkommnen Sie nicht allein wegen der Hochachtung und Bewunderung, welche wir für den deutschen Kaiser empfinden (Beifall), als dessen persönlicher Vertreter Sie die Botschaft der Freundschaft von Ihrer großen Nation bringen, sondern auch weil wir Ihr demokratisches Auftreten liebe n."
Hieraus erwiderte Prinz Heinrich:
„Herr Mayor, meine Herren! Bitte empfangen Sie den herzlichsten Dank für den mir gewordenen Empfang in Chicago; die Stadt, welche fast zwei Millionen Menschen beherbergt und vor weniger als 100 Jahren nur ein Grenz? Handelsposten und von allen Seiten von feindlichen Jn- dianerbanden umringt war, hat sich seitdem zu einer Stätte der Pracht und Schönheit entwickelt, obwohl sie vor 30 Jahren durch eine entsetzliche Feuersbriunst beinahe dem Erdboden gleichaemacht wurde, bei welcher Gelegenheit die Sympathie der ganzen Welt wachgerufen wurde und gleichzeitig den Bewohnern Gelegenheit geboten wurde, zu zeigen, aus welchem Holze sie geschnitzt sind. (Beifall.) Die heutige Stadt ist wahrlich ein Denkmal unentwegten Mutes, Unternehmungsgeistes und Ausdauer. Während ich heute einige der reichsten Teile der Vereinigten Staaten durcheilte, beHagte ich, daß die Umstände mich verhindern^ der letzten Ruhestätte eines der größten Bürger der Vereinigten Staaten, des Bürgers von Illinois, Abraham Lincoln, den Tribut der Achtung zu zollen. (Beifall.) Im Jahre 1893 stand, ^Chicago im Mittelpunkt der Anziehung durch seine berühmte Weltausstellung, obwohl meiner Ansicht nach Chicago selbst eine permanente Ausstellung von amerikanischer Energie, amerikanischem Mut und amerikanischer Unternehmungslust ist. Mir ist auch gesagt worden, es bestehe eine gewisse Beziehung zwischen der Stadt und einem gewissen nützlichen Tiere (Heitere leit), welches in der kunstvollsten Weise mit Blitzesscknelle in allerhand Formen und Gestalten verwandelt wird, um die Menschheit zu erfreuen und ihr zu dienen. (Heiterkeit und Applaus.) Mir war es unbekannt, daß die Stadt morgen Geburtstag hat. Jcy wünsche, dazu herzlichst zu gratulieren! Ehe ich schließe, möchte ich Ihre Aufmerksamkeit darauf lenken, daß Ihre Flotte durch ein Geschwader von vier Schiffen vertreten war, dessen Flaggschiff „Illinois" hieß. (Beifall.) Ich möchte den Namen des Mannes, dessen Flagge auf der „Illinois" weht, und der, ich glaube, einer ihrer populärsten Männer ist, mit meinem Toast verknüpsen, des Mannes, der allgemein Bob Evans genannt wird. Nach dieser Abschweifung danke ich nochmals für die liebenswürdige Gastfreundschaft und trinke aus das Wohlergehen und das Gedeihen Chicagos." (Beifall.)
Prinz Heinrich gönnte sich heute früh Ruhe. Um 10 Uhr vormittags empfing er den Gouverneur von Minnesota^ van Saut, sowie» tiine Abordnung des deutschen Zentralbundes von St. Paul, welche eine Adresse überreichte. Hierauf .trat der Prinz die Fahrt nach dem Lincolnpark an, um einen Kranz am Grab Abraham Lincolns niederzulegen. Darauf folgte eine Fahrt nach dem Germania- Klub zum Lunch. Gleichzeitig fand hier ein Empfang in wundervoll dekorierten Räumen statt, in denen die besten Musikkapellen, die im ganzen Westen zu erlangen sind, konzertierten. Der Prinz schritt im Klubhause durch Reihar weißgekleideter Kinder. Beim Imbiß waren nur wenige Gäste. Die Trinksprüche waren dem Präsidenten, dem Kaiser und dem Prinzen Heinrich gewidmet. Der Prinz erklärte in seiner Ansprache, die Deutschen in Amerika hätten sehr zur Förderung von Wissenschaft und Litteratur beigetragen, und er hoffe, sie würden in diesem Werke fortfahren. Nach seiner Rede brachten die Anwesenden begeisterte Hochs aus und ein Männerchor sang mehrere deutsche Lieder, sowie „My old Kentucky Home". Letzteres gefiel dem Prinzen besonders und wurde da capo gegeben.
Um 1 Uhr mittags trat Prinz Heinrich die Weiter- reise nach Milwaukee an. Dort langte er um vier Uhr an, wurde mit unbeschreiblichem Jubel empfangen und alsbald zu Wagen durch die hauptsächlichen Geschaftsdistrikte geführt. An beiden Seiten der Straßen standen ungeheure Menschenmassen. Die Stadt ist sehr schön dekoriert; namentlich sah man viele deutsche Fahnen, und zum erstenmale in Amerika sah der Prinz eine solche von einem öffentlichen Gebäude wehen, nämlich vom Rathause.
New York, 4. März. Die Musikkapelle der „Hohenzollern" spielte gestern in einem Wohl- thätigkeitskonzert in der Camegiehall. Die Einnahme belief sich auf 2500 Dollars.
Tie heutigen letzten Telegramme lauten:
Milwaukee, 5. Vtärz. Hier versammelten sich gegen 2 Uhr mittags die deutschen Gesangvereine im Ausstellungs-Gebäude. Eine halbe Stunde später begann der Massen-Andrang des Publikums. Tas Konzert dauerte bis um 5 Uhr. Darnach wohnte der Prinz einer großen Hebung der Feuerwehr bei.
Eine große Anzahl Polen hielt am Montag in Chicago eine Protest-Versammlung gegen die Bewillkommnung des Prinzen ab. In allen polnischen Kirchen wurden Trauer-Gottesdienste mit patriotischen Predigten abgehalten.
Vermischtes.
Wien, 4. März. Der ehemalige Marine-Offizier und derzeitige Redakteur der Reichswehr, Paul Hubatka, hat heute rüh seine Frau und dann sich selbst erschossen, angeblich wegen finanzieller Calamitäten. Die Frau ist die Tochter eines reichen Hamburger Rheders.__________________
Kunst und Wissenschaft
Paris, 4. März. Im hiesigen Telephonamte wurden beute Nacht aus der Paris - Lyoner Linie Versuche mit einem Apparat vorgenommen, welcher die Schrift genau wiedergibt. Die Versuche ergaben ein sehr günstiges Resultat.
Gerichtssaal.
v Gießen, 4. März. (Strafkammer.) Die Staatsanwall- chaft vertritt Ober-Staats-Änwalt von Hessert. Rob. Husberg aus Neuenrode ist angeklagt. Er hat em Bartwuchsmittel „Korn- mclin" m den Handel gebracht und durch Annoncen zum Kaufe desselben das Publikum zu verlocken gesucht. Durch Urteil des Schöffengerichts Gießen vom 10. Januar war er von der Anklage


