Nr. 259
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Zweites Blatt.
152. Jahrgang
Dienstag 4. November 1008
GietzeimAnjeiger
General-Anzeiger w
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen
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asBBisa
Are heutige Yurnmer umfaßt 8 Seiteu.
Ktlranntmachuug.
Die Bahnhofstraße zwischen Alicestraße und Grabenstraße wird wegen Vornahme von Kanalisationsarbeiten für den Fuhrwerksverkehr bis auf Weiteres gesperrt.
Gießen, den 4. November 1902.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
Hechler.
Bekanntmachung.
Die am 2. September l. Js. angeordnete Sperre der Zufahrt der Alten-Ställen von der Neustadt aus wird hier- mit aufgehoben.
Gießen, den 3. November 1902.
Grohherzogliches Polizeramt Gießen.
Hechler.
Au den hesst/chen <^anbtagsrval-len.
Nachgerade unterliegt es kaum einem Zweifel mehr, baß die Nationalliveralen sieben Landtagsmandate einbüßen werden, und zwar Grünberg, Friedberg und Lauterbach in Oberhessen, ferner die drei Mandate in Darm stabt Stadr und Land und Waldmichelbach. In dem Wahlkreis Tarmstadt-Groß-Gerau, der seither durch den Wg. Backes vertreten war, macht sich eine große Zerfahrenheit geltend. Tie Sozialdemokraten Haden ihre Wahlmänner nur in den Orten Griesheim und Weiterstadt öurchgebracht, in den übrigen Orten machen sich die Stimmen für verschiedene Kandidaten geltend. Während sür Bürgermeister Senßfelder vom Bund der Landwirte ein Teil der Wahlmänner ist, ist dieser wieder einem Teil anderer Wahlmänner nicht recht genehm. Ta ist denn bei verschiedenen Wahlmännern der Gedanke aufgctaucht, einen völlig Neutralen als Kandidaten, Oberamtsrichter Lahr in Darmstadt, aufzustellen. Gr sei ein geborener Groß-Gerauer und vereinigte schon bei der Ersatzwahl für den verstorbenen Abg. Hechler 12 Stimmen auf sich. Lahr gehört keiner Partei an.
Aus Friedberg wird uns heute geschrieben, daß man dort beabsichtigt, gegen die Wahlmännerwahl Einspruch zu erheben, da eine Anzahl N i ch t h e s se n mitgewählt haben soll.
In Schotten wird jetzt die Wahl des Oberförsters Dr. Weber- Konradsdors als gesichert angesehen.
In Mainz erschien, wie uns von dort geschrieben wird, bei der Wahlmännerwahl auch Bischo f Dr. Brück im Wahllokal, um seine Stimme abzugebcn. Der geistliche Würdenträger konnte indes zur Wahl nicht zugelassen werden, da ihm als Mitglied der ersten hessischen Kammer nach der Verfassung k e i n W a h l r e ch t zu der zweiten Kammer zusteht.
Aus Finthen (Landkreis Mainz) wird gemeldet: Nachträglich hat sich ergeben, daß einer der gewählten fünf Zenlrums-Wahlmänner nicht wählbar ist, weil er das notwendige Steuerkapital nicht besitzt. Es rückt somit der höchstbeslimmte sozialistische Wahlmann an seine Stelle. Dieser Vorfall beweist, daß man bei der Aufstellung der Wahlmänner in der Liste nach seh en muß, ob bte Betreffenden auch als Wahlmänner wählbar sind. Tie Majorität für den Zentrnmskandidaten stellt sich einschließlich des Verlustes von Marienborn aus 25 gegen 1b freisinnig- sozialistische und drei illationalliberale.
Ueber pen Ausgang der Landtagswahl im Wahlkreise Erbach-Michelstadt läßt sich noch nichts Bestimmtes berichten. Cs werden verschiedene Kandidaten genannt. Eine Einigung der Wahlmänner ist bis jetzt nicht erfolgt. Tie Beteiligung an der Wahl war auch dort sehr gering.
In der „Worntser Ztg. lesen wir: Es ist in den letzten Tagen eine angebliche Kandidatur des Wormser Oberbürgermeisters in dein Landkreis Worms erörtert worden. Es lag und liegt hierfür keinerlei Veranlassung vor. Oberbürgermeister Köhler hätte doch selbstverständlich zu einer derartigen Kandidatur nur dann Stellung zu nehmen vermocht, wenn einerseits der seitherige nalwnalliberale Avgeoronete des Waylkreises selbst es als richtig erachtet hätte, auf ein weiteres Mandat zu verzichten, und andererseits dem Oberbürgermeister aus dem Wahlkreis heraus eine Kandidatur angetragen wor- den wäre. Weder das eine, noch das andere war und ist der Fall. Die Frage einer Kandidatur für den Landkreis Worms ist an den Oberbürgermeister überhaupt nicht herangetreten. Eine Gegentauoidalur gegen den seitherigen Abgeordneten wäre sicherlich nicht aceeptiert worden.
Patitijche Tagesschau.
Uebergaog zur Tagesordnung.
Unser Berliner parlamentarischer Mitarbeiter schreibt unterm 3. November:
Daß mit Hülfe der Geschäftsordnung des Reichstages der Zolltarif von den Mehrheitsparteien rasch durchgebracht werden soll, geht jetzt auch aus den Ausführungen konserv. Blätter hervor. Die „Kreuzztg." kündigt heute abend in einem Artikel an leitender Stelle an, die Majorität des Reichstages werde, wo es darauf ankomme, ihren Millen zeigen. Ein Fingerzeig liege ja schon in dieser Richtung insofern vor, als über einer Reihe aussichtsloser Anträge zur Tagesordnung geschritten wurde. Die „Kreuzztg." bedauert, daß gerade die Anträge der Vertreter beS „Bunds der Landwirte" zuerst
dies Schicksal traf — aber die Rechte würde sich mit dem Widerspruch hiergegen die Möglichkeit geraubt haben, in ähnlicher Weise oppositionellen Anträgen gegenüber zu stimmen. Also einfacher Ucbergang zur Tagesordnung, die bisher kaum beachtete und äußerst selten angewandte Bestimmung der Geschäftsordnung wird demnächst in den Zolldebatten eine große Rolle spielen. Selbstverständlich nicht ohne den heftigsten Widerstand der Linken. Es läßt sich voraussehen, daß dieser Widerstand nicht die Oberhand behalten wird. Hier steht Auffassung gegen Auffassung, Auslegung gegen Auslegung — und in solchen Fällen ist von vornherein die Minderheit zur Ohnmacht verurteilt. Bereits morgen, Dienstag, dürfte als Zwischenspiel im Kamvf um die Zölle der Kampf um die „richtige" Anwendung der Geschäftsordnung anheben. Es handelt sich kurz gesagt, darum, ob Uebergang zur Tagesordnung stattfindeu kann über Anträge, die der Antragsteller noch gar nicht begründet hat — was die Linke aufs entschiedenste verneint. Rechte und Zentrum ebenso nachdrücklich bejahen. Tie „Verständigung" über den Zolltarif gilt übrigens als pe^ekt.
Deutsches Reich.
Berlin, 3. Nov. Tie Abendblätter melden: Bei der gestrigen Mnweihungsfeier der neuen Kunsthochschulen erwiderte der Kaiser, als die Majestäten den Konzert- saal der Hochschule für Musik betraten aus die Ansprache des Professors Joachim etwa folgendes: Sie wissen, welche große erziehliche Wirkung ich der Musik und ihrer Pflege zuerteile. Sie haben sie vornehmlich in ihrer Wirkung auf das Gemüt und auf das ganze Seelenleben zu erfassen. Die Musik erleuchtet, erhebt und formt die Seele. Ich halte mich für überzeugt, daß Sie und das ganze Lehrer-Kollegium ihre Thäitigkeit in solchem Sinne erfassen und ausüben werden.
— Ter Kaiser hörte heute vormittag den Vortrag des stellvertretenden Chefs oes CivilkabinettS und später den des Ministers v. Podbielski im Beisein des Kriegsministers und des Oberlandstallmeisters Grafen Lehndorsf, ferner die Vorträge des Kriegsministers und mehrerer Professoren.
— Als Nachfolger des Botschafters Fürsten Eulenburg in Wien werden der Botschafter beim Quirinal Graf Wedel und Generalleutnant Graf Hülsen-Häseler genannt.
— Wie die „Tägl. Rundschau" hört, gedenkt der kommandierende General des 3. Armee-Korps v. Li gnitz demnächst seinen Abschied zu nehmen.
— Wie der „Reichsanz^" amtlich meldet, ist der Ti- rektor im Auswärtigen Amt Hellwig, unter Verleihung des Roten Adlerordens 1. Klasse mit Eichenlaub, seinem Anträge gemäß in den Ruhestand versetzt worden.
— Zum Ableben Rickerts wird noch gemeldet: Seit Freitagabend hatte sich der Zustand des Kranken so verschlimmert, daß jede Hoffnung aufgegeben werden mußte. Er lag in völliger Agonie und erkannte die Seinen nicht mehr. Am Sterbelager waren die Gemahlin des Kranken, seine Schwester, ein Sohn und die Tochter anwesend. Tie Leiche wird am Donnerstag in Gotha verbrannt werden. Tie Blätter sämtlicher Parteirichtungen widmen dem Tahin- geischiedenen ehrende Nachrufe. Ter Neichstagspräsident Graf Ballestrem hat an die Witwe ein Beileidstelegramm gerichtet.
— In parlamentarischen Kreisen gewinnt die Auffassung Raum, daß das Zustandekommen des Zolltarifs erreichbar wäre, sobald die Mehrheit eine gewaltsame Interpretation der Geschäftsordnung in dem Sinne beschließe, daß die Zusammenfassung ganzer Gruppen von Positionen nicht nur für die Diskussion, sondern auch für die Abstimmung zulässig fei.
— Die „KönigSb. Hartungsche Ztg." veröffentlicht eine Zuschrift der Erläuterung, die Herr v. Podbielski seinem Wort vom ,Zau sekanal" gegeben hat. Tarin heißt es: „Tas Eine aber ist Thatsache, daß jenes Wort vom Lausekanal außer in jenem masurischen Oertchen noch an anderer Stelle dem Munde des jovialen LandwirtschaftS- minifters entschlüpft ist, und zwar mit nicht mißzuverstehen- der Beziehung auf den Mittellandkanal."
Rheydt, 3. Nov. Hier wurden zwei Zentrumsversammlungen über die Zollfrage wegen geringfügiger Zwischenrufe polizeilich aufgelöst.
Magdeburg, 3. 9tov. Ein außerordentlicher Ver- bandstag der Koni umvereine Mitteldeutschlands, beschickt von 154 Genossenschaften und Konsum- Vereinen, beschloß nach sehr stürmischer Debatte, den Aus- tritt des Unterverbanoes aus dem allgemeinen Verband ab zu lehnen. Die Majorität setzte sich namentlich aus ländlichen und kleinstädtischen Vereinen zusammen, während die größeren ausnahmslos für den Austritt stimmten. Letztere traten nach Schluß der Verhandlungen zwecks Gründung einer eigenen Organisation zu einer besonderen Beratung zusammen.
Ausland.
London, 3. Nov. Offiziös verlautet, daß der Besuch des deutschen Kaisers ein durchaus privater Akt sei. Ter Kaiser begebe sich sofort nach Sand- ringham, wo eine Wildenten- und Fasanenjagd vorgesehen ist, welcher sämtliche Minister als Gäste beiwohnen.
— Das Resultat der Gemeinderatswahlen in Males ist bisher folgendes: Von 268 Sitzen erhielten die Liberalen 63, die Konservativen 52, die Arbeiterpartei 27, die Sozialisten 5 und die Unabhängigen auch je 5.
— Chamberlain wird wahrscheinlich etwa eine Woche in Natal verweilen, und sich dann nach Trans
vaal begeben. Ter Minister hofft, der größte Nutzen seiner Reise werde in einer freimütigen, vertraulichen Ansprache mit den Vertretern aller Klassen, Rassen und politischen Parteien bestehen.
— Nach einer Meldung aus Kapstadt erwiderte der Attorney-General im Parlamente auf eine Anfrage, die Buschmannland-Borderer, ein Korps von Farbigen, von den zwei Mitglieder wegen Vergewaltigung holländischer Frauen verurteilt sind, seien von der englischen Regierung organisiert und bezahlt; die- Regierung der Kapkolome habe damit in keiner Weise etwas zu thun. — Sir Gordon Sprigg sagte, die Regierung hoffe, die Stadtwachen dazu bestimmt zu haben, daß sie sich zu einer dauernden freiwilligen Truppe formierten, doch lehne sie es ab, Farbigen zu erlauben, einer solchen Truppe beizutreten, oder ihre Waffen zu behalten, selbst wenn solche Farbige im Kriege Dienste gethan hätten.
— Unterhaus. Parlamentsuntersekretär Cranborne erklärt, es seien in jüngster Zeit keine Verhandlungen geführt, noch würden solche jetzt in der Absicht geführt, daß die englische Regierung sich die Verwaltung des Delagoahafens und der Eisenbahn von der De- lagoabai nach Pretoria sichere. Premierminister Balfour führt aus, daß der Kanzler der Schatzkammer Ritchie, in der Sitzung am Mittwoch abend einen Kredit zur Erfüllung der Friedensbedingungen beantragen werde.
—- Gestern fand im Hyde-Park eine Kundgebung der Reservisten statt. Man führte Beschwerde darüber, daß noch immer kein Geld ausgezahlt oder eine Nachricht eingetroffen fei, daß eine Wiedereinstellung in die, Armee erfolgen werde. Heftige Reden wurden gehalten, in welchen bte Haltung der Militär-Verwaltung kritisiert; wurde. Die Demonstrattten beabsichtigen, die Rekrutierung zu verhindern, falls ihre Forderungen keine Berücksichtigung finden sollten.
— Ter Burengeneral Ben Oiljoen hat Lord Roberts seine Dienste für eine Expedition nach dem Somali- lande angeboten.
— Ein Dampfer berichtet, die kolumbische Regierung konzentriere Truppen in Colon zum Vormarsch gegen die Rebellen. Die Verhandlungen mit der Union wegen des Kanalbaues sind suspendiert. Tie Kolumbier glauben, daß die Vereinigten Staaten eine permanente Besetzung des Isthmus beabsichtigen. In einem Kampfe zwischen amerikanischen unb ko 1 umbischen Truppen wurden letztere zurückgeschlagen. Die Regierung verlangt die Rückzieyung der amertkanischen Wache. Die Rebellen halten eine Anzahl Bahnhöfe besetzt.
— „Daily Expreß" berichtet aus Tanger, der Scheit Mohamä» Moghi ist in Amena, 30 Meilen von Fez eingetroffen, in der Absicht, den Sultan zu stürzen, angeblich wegen dessen Reform-Politik. 4000 Mann Truppen sind gegen ihn entsandt worden.
Paris, 3. Nov. Der Abg. Gerault-Richard hat gestern auf die Herausforderung des Abg. de Dijon durch ein Telegramm an die „Petite Republique" geantwortet, und zwei seiner Freunde beauftragt, mit den Zeugen seines Gegners in Unterhandlungen zu treten.
R o m, 3. Nov. Ter Besuch oesZaren am italienischen Königshofe ist für Mitte Januar in Aussicht genommen. Kaiser Nikolaus wird vier Tage in Rom als Gast des Quirinals verweilen und auch dem Papste von der russischen Gesandtschaft aus einen Besuch abstatten. Von Italien soll dann die Weiterreise nach Athen erfolgen, und zwar auf dem Seewege.
Wien, 3. Nov. Im gestrigen Kronrate wurde bc*. schlossen, die Wehrvorlage zurückzuziehen und dem Parlamente eine neue Wehrvorlage zu unterbreiten, durch die für das nächste Jahr das Rettutenkontingent um 20000 Mann erhöht wird.
Sofia, 3. Nov. Tie „Agence Telegraphique Bulgare" meldet: Die in deutschen Blättern veröffentlichte Konstantinopeler Meldung, wonach in Rustschut den macedoni- schen Komitees nahestehende Personen die türkische Bevölkerung mit dem Tode bedroht und die Behörden erklärt hätten, nicht einschreiten zu können, ist vollkommen falsch. In Rustschuk und Umgebung ereignete sich nichts, was zu einer derartigen Beschuldigung gegen die bulgarischen Behörden Anlaß geben konnte. Cs kam wohl e i n M o r d vor, doch wurde dieser von einem Türken an einem muselmanischen Arnauten wegen persönlicher Zwistigkeiten verübt und der Schuldige sofort verhaftet.
Euxinograd, 3. Nov. Ans Anlaß der Feier, die kürzlich an Bord des Dampfers „Therapia" der deutschen Levantelinie stattfand, telegraphierte Kaiser Wilhelm aus Blankenburg an den Fürsten von Bulgarien: „Turch meinen Generalkonsul habe ich von Euerer Königlichen Hoheit Besuch auf dem deutschen Levantedampfer „Therapia" gehört und von den freundlichen Worten, die Sie bei dieser Gelegenheit gesprochen haben. Für den Ausdruck der meiner Person hierbei gewidmeten Gesinnungen, sowie für das den wirtschaftlichen Wechselbeziehungen zwischen Deutschland und Bulgarien bewiesene Interesse spreche ich Euerer Königlichen Hoheit meinen aufrichtigen Tank aus." Fürst Ferdinand antwortete: „Für das liebenswürdige Telegramm Euerer Majestät aus Blankenburg spreche ich meinen aufrichtigsten Tank aus. Ich sehe darin mit Genugthuung, daß meine auf der „Therapia" gesprochenen Worte freundlichen Wider- hall gesunden haben." _______________
Aus Stadl und Kand.
Gießen, 4. November 1902.
•• Hofnachrichten. Aus Darm stabt wird gemeldet: Der Geburtstag der Großfürstin SergiuS


