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4.4.1902 Erstes Blatt
 
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Nr. 78

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6em Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit dem Ktsfischev Landwirt die Siebener Kamilien- -lätter viermal in der Woche beigelegt.

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Erstes Blatt.

153. Jahrgang

Freitag 4. April 1903

GietzenerAmeiaer

General-Anzeiger v

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Eietzen

Bezugspreis: monatlich7bPs.,viertel jährlich All. 2.20; drirch Abhole- u. Zweigstellen' monatlich Pf.; durch' diePost Mk. 2. viertel» jährl. ausschl. Bestellg. Annahme von Anzeigen für die Tagesiiurniner bis vormittags 10 Uhr. Zeilenprcis: lokal 12Pf^ auswärts 20 Pfg.

Verantwortlich: für den polit. u. allgem. Teil:'P. Wittko: für Stadt und £antr und Genchtssaal":R.Ditt- lnann; für den An­zeigenteil: Hans Beck.

Getreidezölle.

Getreidebau und Viehzucht bilden das Rückgrat der Landwirtschaft. Beide sind betriebstechnisch und in Bezug auf Rentabilität abhängig von einander. Der Getreideboden umfaßt den grüßten Teil der deutschen Kulturfläche, und so ist der Preis seiner Produkte bestimmend für den der übrigen landwirtschaftlichen Erzeugnisse, zum mindesten für die Vieh­zucht. Der weitaus größte Teil der Bauernbetriebe hat direkten Vorteil von einer Erhöhung der Getreidepreise, der Rest mittelbaren Nutzen durch Hebung der Viehpreise.

Die Zahlen des Herrn Dr. König sind unbequem, sehr unbequem. Der Mantel der Volksfreundlichkeit bekommt Risse und Löcher. Die Tendenzdichtung der liberalen Preß­macht wird als solche erkannt. Das ist ein frischer, erfreu­licher Märzwind. Herr Professor Biermer ist über Königs Feststellungen erstaunt, und klarer wie zehn Bände preß­psychologischer Betrachtungen beleuchtet das die Voreinge­nommenheit, mit der die heutige Nationalökonomie fast aus­schließlich an die Agrarfrage herantritt. (Siehe Lotz, Brentano, Konrad.)Wissenschaftlich neu" erscheinen Herrn Professor Biermer diese Feststellungen. Und doch hätte ihn ein Tag statistischer Arbeit, oder die Teilnahme anKlein- ba u e r n kundgebungen längst davon überzeugen können.

Die Zahlen, die König bringt, sind vernichtend für die Brotwuchcr"-Agitation. Drum werden die Herren nervös. Der Industriestaat ist in Gefahr. Diequantite n6giigeable" im Freihandelsprogramm, die deutsche Landwirtschaft macht sich bemerkbar. Der Tritt dc§ Bundschuhs kommt näher und näher. Das Kartenhaus der Entstellungen ist umgeblasen. Zwar haben früher in Hessen (siehe Gießener Handelskammer!) nur 7 Prozent der Landwirte Vorteil an den Getreidezöllen gehabt. 9hm ist es nach König der weitaus größte Teil. Jetzt ist Hessen, das erst zur Grundlage monatelanger Agi­tation diente, auf einmal nichts mehr. Wetterfahnen!Die kleinen Bauern verkaufen überhaupt nichts. Die müssen zu­kaufen." So hieß eL früher. Wovon diese Leute ihre Steuern, ihre Zinsen, Kleider, Schuhe, Geräte, Schulgelder bezahlen, bevor schwieg des Freisinns Höflichkeit.

Doch nun kommen Dr. Königs Beweise. Zu ändern ist da nichts. Das ist nun mal so.

Jetzt gelangt man pfiffiger Weise zur Frage nach der Stellung des Getreideoerkaufs im kleinbäuerlichen Haushalt. Wenn aber in Betrieben von 7V220 Morgen, wie sie König untersucht hat, der Getreideverkauf bis zu 547 Mark beträgt, so ist seine Stellung im Kleinbetrieb doch außerordentlich und absolut bedeutend. Gewiß ist es Ge­treideoerkauf nicht allein, wovon er besteht. Es ist ja gerade die Vielseitigkeit des landwirtschaftlichen Gewerbes das Er­strebenswerte. Kein Zweig der Produktion soll ungeschützt bleiben. Und wenn man dem Kleinbauern sagt, er falle Bienen- und Geflügelzucht treiben, er solle Genossenschaften bilden, so wird er nicht auf den Rat seiner Freunde herein- fallen. Galizisches Geflügel, russische Eier, dänische Butter überschwemmen unser Land, galizischerBienenhonig" kommt massenhaft herein. Ueberall, auf allen Gebieten gedrückte Preise durch die Schleuderkonkurrenz des Auslandes!

Woher also das Kapital, um rationeller wirtschaften zu können, wie die Linke sachverständig orakelt?

Und in Berlin gründen die Landwirte eine Milchverkaufs­genossenschaft, um gute und um weniges teurere Milch zu

liefern als die bisher in den Handel gebrachte Halbmilch. Und vom Tage ihrer Entstehung an wird sie vom Berliner Freisinn unablässig bekämpft!

Hüte sich die Landwirtschaft vor solchenFreunden"! Ihr Grundsatz ist:Teile und herrsche!" Haben sie Getreide­bauer und Viehzüchter entzweit, so werden sie leichter mit der Landwirtschaft fertig. Was sie aber für den kleinsten Land­wirt übrig haben, den Schweinezüchter, das haben sie beim Fleischbeschaugesetz bewiesen, werden sie bei den Viehzöllen des neuen Zolltarifs beweisen.

In seinemEingesandt" redet Herr F. 8. von den Millionen, die gewisse Landwirte durch den Zolltarif ver­dienen würden. Das beweist gar nichts! Der landwirt­schaftliche Betrieb, der mehrere Millinen abwirft, liegt auch nach dem Eintreten des Tarifs nicht in Deutschland, über­haupt nirgends. Vielleicht auf irgend einem Planeten. Wer weiß? Aber wenn der Körnerbau so rentabel ist, weshalb gründet man darin keine Aktiengesellschaften? Ich bin überzeugt, die Herren vom Handelsvertragsverein, die in Geld­sachen eine so feine Witterung haben, würden keinen Augen­blick zögern, die Waffen gegen denJunker" zu begraben und selbst einmal denRaubzug auf die Taschen des ar­beitenden Volkes" mitzumachen. Sie wissen aber, daß in der Landwirtschaft goldene Berge nicht zu holen sind. Auch durch den neuen Tarif nicht.

Die Getreidezölle sind ein unvollkommenes Mittel, ge­wiß. Aber sie helfen doch rasch. Bodenreform nützt erst den Enkeln der heutigen Generation. Gleichmäßige, mittlere Preise, wie sie der Antrag Kanitz wollte, den die meisten bekämpfen ohne ihn zu kennen, sind weder im Reichstage noch im Bundesrat durchzubringen. Vorläufig wenigstens. In der Zukunft wird man doch zu Kanitz kommen müssen. Bleiben also nur die Zölle. Vier Fünftel der industriellen Produktion werden im Inlands abgesetzt. Die Exportindustrie hält sich kaum über Wasser. Amerika droht auf der ganzen Linie. Wer der Industrie helfen will, muß d'ie Landwirt­schaft stützen.

Fallende Preise landwirtschaftlicher Produkte aber be­deuten Rückgang des Bauernlandes, Wachsen der großen Güter. Beweis: Rom und England! Niedergang des Bauernstandes heißt aber Vernichtung der gewerk­schaftlichen Errungenschaften der Arbeiter durch lohndrückenden Zustrom'aus den Dörfern, heißt Ueberproduk- tion, Krisis, Verelendung, Erschütterung des Staatskörpers. Das sind einfache, klare Thatsachen, die sich dem vorurteils­freien Denken von selbst ergeben.

Zu ihnen gibt uns Herr Dr. König unumstößliche, wissenschaftliche Zeugnisse. Die Gegner der Landwirtschaft, die Unduftrieslaatsphantasten fallen aus sieben Himmeln und helfen sich wie die Sozialdemokraten gegen Bernstein mit dem reservatum ecclesiasucuiu derRelativität". Wir begnügen uns mit Ooid: Quam vis eint sub aqua ......

F. Fr. Werner, Lauterbach.

Volilische Tagesschau.

Zam Gescheutwurf über die Veränderung des Rechtsstudiums in Preußen

äußert sich jetzt in derDtsch. Juristen-Zeitung" auch der Straßburger Rechtslehrer Paul Lab and. Er verwirft be­

sonders den Zwang zu praktischen Ucbungen, für die Ccnsuren erlangt werden sollen. Er schreibt:

Es i|t durch kein Mittel zu erzwingen, daß die Professoren einen übereinstimmenden Maßstab onlcgcn; eS wird nach der In­dividualität derselben immer eine große Verschiedenheit hinsichtlich der Anforderungen bestehen, und die Studenten, deren Zulassung zum Examen von der Erlangung genügender Eensuren abhängt, werden demleichteren" Dozenten den Vorzug geben. Daß dies zum unlauteren Wettbewerb, namentlich an den großen Uni­versitäten, führen kann und wird, ist klar. Um dem vorzubeugen, hat man den unglücklichen Gedanken, daß die Professoren hinsichtlich ihrer Anforderungen an die Arbeiten und hinsichtlich ihrer Art, die praktischen Hebungen zu halten, einer Kontrolle unterworfen werden sollen. Diese Einrichtung vonSchulinspektoren" für die juristischen Praktika ist der schwerste Eingriff in die akademisch e Lehr> sreihe it und seht die Universitätslehrer aus die Stufe d^er Elementarjchullehrer herunter. Wie sehr dadurch das Strebertum und Kriecherlum begünstigt und die In­dividualität dar einzelnen Lchrer in ihrer Entfaltung gehemmt, der wissenschastliche Geist durch das Cchulregiment verdrängt wird, hat Pros. v. Liszt schon dargelegt. Zur Ergänzung möge nur noch ein Gesichtspunkt hervorgehoben werden. Tie Kontrolle kann sich nur ans die preußischen Universitäten erstrecken; nur die preußi- scheu Mehrer werden also von der Prüfungsftelle auf den richtigen Weg geleitet, oder aus demselben erhalten iverden; nur sie werden approbiert sein, und die Studierenden werden nur hinsichtlich der von ihnen erworbenen Eensuren mit Sicherheit auf Anerkennung seitens der Prüfungsbehörde rechnen tonnen. Ob auch die praktischen Uebungeu an außerpreußischen Universitäten und die vo>i nicht- preußischen und daher nicht kontrollierten Dozenten erteilten Een­suren von der preußischen Prüfungskommission sür genügenb erachtet iverden, wer .kann dies voraussehen? Tie preußischen Stu­denten werden daher klug thlln, den Besuch außer- preußischer Universitäten zu vermeiden imd sich an die kontrollierten, approbierten und privilegierten preußischen Dozenten zu hallen. Tamit hört die akademische Freizügigkeit unter den deutschen Universitäten auf. Turch diese Erwägung öffnet sich der Btick auf die politischen Nachteile, welche die geplante Aenderung des Reclstsstlidiums zur Folge haben mußte."

Die flflttnenfdjtn Zölle.

In den Kreisen der deutschen Handclsgärtner haben die Erklärungen des Staatssekretärs Frhrn. v. Richthofen in den beiden letzten Sitzungen der Zolltarif-Kommission, daß Zölle auf Gemüse, Blumen u. f. w. in Rücksicht auf das Ausland, besonders Italien, für die Reichsregung unannehm­bar seien, große Erregung hervorgerufen. Von beteiligter Seite schreibt man dazu:

Taß die Neichsreglerimg über die schwierige Lage der deutschen Gärtner auch heute noch nicht genügend unterrichtet ist, hat sie durch die Begriindung zu den gärtnerischen Positionen des Zolltarifs bewiesen, trotzdem die zahlreichen gärtnerischen Vereinig­ungen an Aufklärungsarbeit das Möglichste geleistet haben. Ganz ohne Berücksichtigung sind bei dieser Frage auch die Interessen der mit der Gärtnerei und ihren Bedürfnissen in Verbindung stehenden zahlreichen industriellen Betriebe geblieben. Man will deshalb in gärtnerischen Kreisen immer noch nicht glauben, daß die Regierung uur der Interessen Italiens wegen einen zahlreichen Erwerbsstand preisgeben wird. Alan hofft auch, daß die Mehrheit des Reichs­tages ein derartiges Unrecht nicht zugeben wird, und ivill es an einer ausgedehnten Agitation nicht fehlen lassen, damit die Kom­mission in der zweiten Lesung des Tarisentwurfs zu anderen Be- chlüsien gelangt."

Die Grast. Solms'Laubach'sche Renilammer und derVorwärts".

Unsere Leser erinnern sich der Erklärung der Gräfl. Solms-Laubach'schen Rentkammer in unserer Nummer 63. In einem gewissen Zusammenhänge damit steht folgendes Vorkommnis. In Nr. 60 desVorwärts" wurde der Gräfl. Solms-Laubach scheKammerdireklor Schön angegriffen. Es wurde ihm vorgeworfen, daß. er aus seiner Stellung im Tienst des Fürsten zu Solms-Braunfels wegen ungeeigneter Llmts-

Feuilleton.

. Ucber Zwecke unb Ziele der Zahuhhgieue hielt in

m i r e i n 5 e H i f cb e r 5 a b n d r 31 e in Darmstadt Zahnarzt v ~r. Rose einen Vortrag. Prost Röse erläuterte zunächst öte Entwicklung des menschlichen Gebisses von frühester Jugend an, um sodann auf die krankhaften Erscheinungen der Zähne zu sprechen zu kommen. Von diesen sind es hauptsächlich zwei, die dem Kultur­menschen zu schaffen machen, die Zahnfäule, Earies, und die o Q r,1 Bc 11 c n e 11 e r u n g. Die Earies, die bei weitem häufigere Rranrbeit, wird erzeugt durch Spaltpilze, die aus den an den ^zaynen zurückgebliebenen Speiseresten organische Säuren bilden kLms tC 11 eine Entkalkung der Zähne und da-

durch deren Zeriall herbeiführen. Sie setzen sich zuerst an schad- hasten Stellen des Schmelzes fest, durchdringen diesen allmählich, nehmen alsdann das Zahnbein in Angriff und nach dessen Durch­bohrung da^ Zahnmark. In diesem entsteht durch den fort­währenden Reiz eme außerordentliche Erweiterung der hier liegenden Blutgefäße, wodurch die befannten Schmerzen hervor- gerusen werden. Häufig tritt eine eiternde Entzündung der Wurzel­haut hinzu, sowie Eiterungen der Kieferhöhle, wodurch, ganz ab­gesehen von den Schmerzen, die Gefahr einer Blutvergiftung, ja selbst Todesgefahr, hervorgerusen wird. Diese Zahnkrankheit ist also durchaus nicht so harmlos, wie man gemeiniglich annimmt. 3m allgemeinen ist es die verfeinerte Lebensweise der heutigen Kulturmenschen, die die Ausbreitung der Earies unterstützt, und Redner findet em Hauptmoment in dem Genuß des weichen, weißen Brodes. Er hat festgeftellt, daß in kalkreichen, fruchtbaren Gegenden, wo noch das selbstgebackene harte Brod gegessen wird die Zahne noch wesentlich gesünder sind. Indessen ist dies z. B. m der Gegend von Worms, Bechtheim der Fall, während in den kalkarmen Gegenden z. B. des Odenwaldes die Earies in er­schreckendem Maße verbreitet ist. So fanden sich in Höchst i. O. unter 300 Schulkindern nur 5 mit gesunden Zähnen, und mich dieser Prozentsatz wird nach Ansicht des Redners noch verloren gehen, sobald die Kinder in die Stadt kommen und dort weiches Brod essen werden. Von weiterer Bedeutung ist die Stittunqs- srage, sowie die Kopf- und Gesichtsbildung. Bei schwach entwickelter Kaumuskulatur entwickeln sich auch die Kiefer erfahrungsgemäß nur schmal, die Zähne finden keinen Raum zum Wachstum und drangen sich gegenseitig aus der Reche, es entstehen tote Winkel,

die das Ansetzen von Speiseresten begünstigen, ivodurch wiederum der Entwicklm^g der Earies Vorschub geteilte! wird. Die zweite der meist verbreiteten Zahnkrankheiten besteht in einer Eiterung der Zahnzellen und des Zahnfleisches; die Zähne fallen in ihrem Verlaufe, da sie nicht mehr gebraucht werden, allmählig aus. Auch diese Krankheit läßt sich hauptsächlich in Weißbrodgegenden fest­stellen. Bei der in Darmstadt vorgenommenen Untersuchung von 50 Schulkindern sanden sich nur2oder3mit aesundem, straffem Zahnfleisch. Was nun die Pflege der Zähne und oie Aussicht auf eine Besse­rung der herrschenden Zustande anlangt, so nimmt Prof. Tr. Röse einen wenig optimistischen Standpunkt ein, indem er auf Grund eingehender Untersuchungen in den verschiedensten Teilen Deutsch­lands der Ansicht ist, daß inan zufrieden sein müsse, wenn es nur gelänge, die rapid zunehmende Verschlechterung aufzuhalten und den jetzigen Zustand zu erhalten. Peinliche Reinlichkeit ist hierzu vor allem erforderlich, und zwar ist bei der mechanischen Reinigung darauf zu achten, daß die Bürste nicht, wie üblich, horizontal vor den Zähnen her, sondern in senkrechter Richtung auf und ab geführt wird, ferner, daß die Mahlzähne nicht nur von der Seite, sondern auch an der Kaufläche bestrichen werden. Tie Innenseite des Gebisses darf hierbei nicht vergessen werden, auch empfiehlt sich eine gleichzeitige Reinigung der Zunge. Aus dem Gesagten ergiebt sich für die Behörden die doppelte Pflicht, einmal für eine allgemeine Belehrung über den Wert der Zahnpflege in Schule und Heer zu sorgen und dann zu bewirken, daß auch der ärmeren Bevölkerung die Möglichkeit guter zahnärztlicher Behand­lung geboten wird. Ter Vorsitzende brachte im Namen des Vereins und der Erschienenen dem Vortragenden den Tank der Versammlung zum Ausdruck und machte sodann die Mstteilung, daß der Verein hessischer Zahnärzte den Beschluß gefaßt habe, in Darmstadt eine Poliklinik für arme Schulkinder zu schaffen, wozu ein Wokstthäter die Einrichtung gestiftet habe, während die hiesigen Zahnärzte unentgeltlich ihre Dienste zur Ver- sügung gestellt hätten.

Neue Romane.

Sveu Lauge, Hertha Juncker. Roman. Einzig berech­tigte Uebersetzung aus dem Dänischen von Mathilde Mann. München, Albert Langen. Tie dänische Litteratur ist uns Deut­schen nahezu gänzlich unbekannt. Wer von uns kennt die Werke eines Baggesen, Gründung, Oehlenschläger (dieser ist den meisten von uns nur aus Dem Leben Hebbels her bekannt), Bredahl,

Sötost, Paludan-Müller, Oersted, Sibbern, Hauch, Heiberg, Kirke- garnd, wer Trachrnann, Schandorph, Jacobsen, Skrarn re. Und doch verdiente mancher von ihnen auch in Deutschland gelesen zu werden, namentlich Jacobsen. Sven Lange ist einer der Jüngsten unter den dänischen Poeten, aber zweifellos einer der talentvollsten. Seine RomanHertha Juncker" ist ja durchaus undeutsch. Von dem Einflüsse Goethe's, der nach Brandes in Dänemark so bedeu­tend feilt soll, nimmt man nichts wahr. Eher ist eine Ein- wirkuna Guy de Mcuipassants bemerkbar. Lange spürt mit beson­derer Vorliebe menschlichen Perversitäten nach, in jeglicher Art. Tie meisten Menschen, die er in seinem glänzend getriebenen, außerordentlich spannendcen Roman schildert, sind nicht ganz nor­mal, haben einen geistigen oder körperlichen, einen moralischen oder sexuellen Defekt. Ter Tichter führt uns dieGef'ellschaft" von Kopenhagen vor; ist sie, wie er sie uns darstettt, dann ist diese Stadt dem Rom der alten Kafferzeit vergleichbar, verlottert und bis zum Grunde verdorben. Diese Leute schwelgen förmlich in Lastern. Daß die injier Menge verschwindenden Einzelnen, denen noch gesundes Blut, Thatkrast und Frische in den Adern rollt, in diesem Pfnl des Verderbens schmählich untergehen, versteht sich von selbst. Man wird dem scharf beobachtenden, aber doch wohl allzu sehr zur Karrikatur neigenden Dichter nachrühmen müssen, bag er nicht nur Humor, sondern auch Geist und umfassende Bildung besitzt. Aber wehe dem Lande, in dem eine solche Kunst hoch kommt. Es muß gar Vieles faul sein im Staats Dänemark!

Jonas Lie, Böse Mächte. Roman. Geheftet 2 Mark. Verlag Albert Langen, München. In diesem Roman gibt uns der große norwegische Romancier ein psychologisches Sittenbild von großer Feinheit und bestrickendem Reiz. Er stellt den Ver­tretern alter ererbter Familienkultur den Emporkömmling entgegen, der es fühlt, daß er den anderen gegenüber innerlich in einem Nachteil ist und den deshalb ein Neidgestihl plagt, trotz aller Be­wunderung, die er für die große Vornehmheit emvnndet. Wie dieser Emporkömmling seinen innerlich mehr als empfindlichen Freund ans diesem Neidgefühl heraus quält unb peinigt, wie er ihm das Leben verdirbt und nach außen hin doch immer nur sich selbst, nicht dem anderen schadet und dabei fast das Glück seiner eigenen Tollster zerstört, das tft meisterhaft geschildert. Dabei ist dieser Emporkömml-.ng durchaus kein schlechrer Mensch, er ist nur schwach gegen die bösen Mächte, die ihn umstehen und ihn lenken gegen seinen Willen. Erst am Totenbett seines Freundes scheinen