IvVnnen, daß Dft englisch-japanische Vertrag in irgend einer Weise Deutschlands Ansehen geschädigt hätte. Nach meiner Ansicht richtet sich der englisch-japanische Vertrag gegen ein anderes großes Reich, gegen Rußland. Wir haben nicht nöthig, hierbei in die Front zu treten, wir können ruhig zusehen, wie weit England und Japan zusammen Rußlands Vorgehen abwehren wollen. Im Ucbrigcn hat der Herr Reichskanzler ausgeführt, daß das deutsch-englische Abkommen vom 16. Oktober 1900 in keiner Weise durch den Vertrag zwischen Japan und England berührt wird, und darauf lege ich meinerseits ein außerordentlich großes Gewicht, denn dieses Abkommen, das uns offene Thür am VJangtfc wahrt, ist nach meiner Ansicht für die Erschließung Chinas und damit für den deutschen Handel von außerordentlicher Wichtigkeit. Es ist doch anzunehmen, daß, nachdem so große Veränderungen, zuerst durch den japanischchinesischen Krieg herbeigeführt, in China angebahnt sind, nunmehr dieses Land mit annähernd 400 Millionen Einwohnern dem Handel der großen Nationen mehr und mehr eröffnet wird. Mögen unserem deutschen Export dabei gute, breite und sichere Wege gegeben sein.
Bezüglich der Besatzungen in China vereinige ich mich im Allgemeinen mit dem Wunsche der Vorredner, daß wir möglichst bald dazu gelangen sollten, sie zurückznziehen; aber ich möchte doch vor der Annahme warnen, daß wir unsere 720 Mann in Shanghai schon jetzt zurückziehen können. England hat dort über 800 Mann, Frankreich eine ähnliche Truppe, wie wir, Japan, wie ich glaube, eine Truppe von 400 Mann. Bekanntlich sind die Engländer und Franzosen- vor uns in Shanghai gewesen. Wir haben die Noth- toenbigleit, Shanghai auch mit einer Besatzung zu versehen, erkannt, besonders nachdem das englisch-deutsche Abkommen von 1900 getroffen worden ist, und es sind nicht allein die Interessen einer Rhederei, der Rickmcrslinie, die dort für Deutschland von Bedeutung sein werden, sondern es kommen noch viel größere Unternehmungen in Betracht. Es sind schon eine Reihe von Schiffen fertiggestellt von deutschen Firmen in China — ich nenne nur die Firma C. Melchers u. Comp. in Bremen und den Norddeutschen Lloyd —, um mit diesen — es sind moderne, flachgehende Boote —- den Dangtse zu befahren. Mit diesen Unternehmungen Hand in Hand geht das Streben der Negierung, dort an mehreren Plätzen konsularische Vertretungen zu schaffen, und c5 sind auch bereits am Dangtse aufwärts von deutschen Firmen Vorkehrungen getroffen, um dort Stationen zu errichten. Einige sind schon errichtet, andere werden folgen, und so hoffe ich, daß auf diesem Gebiete wirklich etwas Bedeutendes erzielt wird für unseren deutschen Export, der — das wird mir Niemand aus dem Hause bestreiten — mit jedem Tage an Bedeutung zunimmt.
Die von der Kommission geswichenen 4,9 Millionen hat noch Niemand wiedrherzustellen beantragt und auch meine Freunde werden diesen Abstrich vornehmen. Im Uebrigen aber mache ich daraus aufmerksam, daß die in China gebliebene Besatzung schließlich doch ernährt werden muß, und daß also die Kosten Dafür zu decken sind. Nun liegt nach meiner Ansicht die Sache einfach so: Kann mit den 4,9 Millionen weniger gewirtschaftet werden, so wird es geschehen, und das wäre ja sehr erfreulich für unsere Finanzen, sollte man aber ohne diese Summe nicht auskommen, so wird eine Nachbewilligung erforderlich werden. Wie also mit diesem Abstrich etwas Großes de facto erreicht werden soll, vermag ich heute noch nicht einzusehen. Wir werden aber, wie ich schon sagte, dem Kommissionsbeschluß entsprechend in diesen Abstrich willigen. (Beifall.)
Hiermit schließt die Diskussion. Die Ausgaben werden nach den Kommissionsbeschlüsien genehmigt. Die Einnahmen, die hauptsächlich aus der ersten Rate der Entschädigung von China im Betrage von 11 504 824 Mk. bestehen, werden an die Budgetkommission zurückverwiesen.
Die Resolution wird angenommen.
Hiermit ist die zweite Lesung dieses Etats erledigt.
Es folgt die zweite Beratung des Etats des Auswärtigen Amts.
Zum Titel der dauernden Ausgaben „Staatssekretär" beantragen die Abgg. Albrecht u. Gen. folgende Resolution: „Den Reichskanzler zu ersuchen, die aus Peking mitgeführten astronomischen Instrumente nach Peking zurückzuschaffen und zur Verfügung der chinesischen Regierung stellen zu wollen".
Abg. Dr. Haffe (nat.-lib.): Allgemeine politische Erwägungen werden in diesem Augenblick beherrscht sein müssen durch die Reise des Prinzen Heinrich. Wir können unserm Kaiser für die Entsendung des Prinzen nur dankbar sein; wir können auch das Auswärtige Amt zur Vorbereitung der Reise beglückwünschen. Die Reise wird zweifellos die deutsch-amerikanischen Beziehungen bessern. Sie hat ja schon die Machenschaften Englands zerstört, das uns gern mit Amerika auseinanderbringen möchte. Die Vereinigten Staaten steuern heute mit vollen Segeln dem Nationalstaat zu, ein Staat allerdings nicht mit deutschem, sondern angelsächsischem Gepräge; es wird aber kein neues England dort entstehen, sondern ein neuer Staat, mit dem wir in Frieden und Freundschaft leben wollen. Daß dabei die Deutschen ihren nationalen Charakter bewahren werden, wird wohl eine Illusion sein. Ter nordamerikanische Wettbewerb wird sich für uns als sehr wichtig Herausstellen und wir werden Alles thun müssen, um diesem Wettbewerb erfolgreich entgegenzutreten.
Von Deutschen im Auslande sind mir wieder zahlreiche Beschwerden zugegangen. Der Aufmerksamkeit des Staatssekretärs empfehle ich die Broschüre über Die Uruguayer Vorfälle. Auch aus Chile und Nikaragua liegen Beschwerden von Deutschen über unangemessene Behandlung vor. Sehr erfreulich ist es ja, daß für die zu Unrecht aus Südafrika ausgewiesenen Deutschen eine Entschädigung erftritten ist. Die Kosten des Verfahrens sollen aber nur zu 12 000 Mk. vom Reich getragen werden und zu 18 000 Mk. von der seitens der englischen Negierung zu zahlenden Entschädigung abgezogen werden. Das halte ich für unbillig; die 30 000 Mk. sollten voll von der Reichskasse getragen werden. Vermieden wissen möchte ich den häufigen Wechsel der Berufskonsuln. Man sollte sie länger an einem Orte lassen. Damit sie sich gut in die Verhältnisse des Landes, bei dem sie akkreditirt sind, einleben können. Reichsangehörige, welche ihre deutsche Reichsangehörigkeit auf gegeben haben und erst dann wieder ihr deutsches Herz entdecken, wenn sie sich um ein Wahlkonsulat bewerben, sollte man nie zu diesem Amte zulassen. Endlich möchte ich noch die Errichtung deutscher Handelskammern im Auslande befürworten.
Staatssekretär Frhr. v. Richthoscn: Es ist selbstverständlich, daß es erwünscht ist, möglichst nur solche Männer zu Wahlkonsuln zu haben, die mit den deutschen Verhältnissen durchaus vertraut, der deutschen Sprache mächtig sind und nicht nach Konsulaten anderer Mächte vorstehen; wir sind aber leider nicht überall in der Lage, solche Leute zu bekommen, und wir müssen im Notfälle an kleinen Orten auch solche nehmen, die des Deutschen nicht kundig sind. Natürlich werden wir aber auch in solchen Fällen bemüht fein, wenigstens in jeder anderen Hinsicht geeignete Personen zu gewinnen. Den Wahlkonsuln wird bei Antritt des Amtes die Verpflichtung auferlegt, ohne diesseitige Zustimmung fein Konsulat einer andern Macht mehr zu übernehmen, wir sind aber bisweilen doch in der Verlegenheit benötigt, Personen zu wählen, die andere Konsulate bereits haben. Die Zahl der Berufskonsuln ist in der Zeit von 1885 bis 1901 um 56 pCt. vermehrt worden; 1885 hatten wir 65, jetzt haben wir 102. Wir sind also mit der Vermehrung der Berufskonsuln stetig vorwärts gegangen und werden nach Maßgabe des Bedürfnisses das auch in Zukunft thun.
Eine eigene Initiative des Reichs zur Schaffung von Handelskammern im Auslande empfiehlt sich nicht. Wir haben ja im vorigen Jahre die Gründe eingehend bargelegt. Die den aus Südafrika ausgewiesenen Deutschen von der englischen Regierung zugebilligte EntschäDigungssumme wird den Ausgewiesenen unverkürzt und ohne jeden Abzug ausgezahlt werden. — Die weiteren Ausführungen des Staatssekretärs, die sich auf die vom Abg. Hasse berührten Fälle schlechter Behandlung von Deutschen im Auslande beziehen, bleiben auf der Tribüne unverständlich.
Abg. Münch - Ferber (nl.) tritt für die Errichtung deutscher Handelskammern im Auslande ein. Der Reichstag hat tm vorigen Jahre die Errichtung solcher Kammern dem Reichskanzler in einer
Resolution empfohlen; diese Resolution ist in weiten Kreisen mit Befriedigung begrüßt worden. Auch die Mehrheit unserer Handelskammern hat sich dafür ausgesprochen. Ich werde Die Resolution in der dritten Lesung wiederholen.
Staatssekretär Frhr. v. Richthofcn: Es ist durchaus nicht richtig, daß die Errichtung deutscher Handelskammern im Auslande allgemein gewünscht wird. Viele Stimmen haben sich dagegen ausgesprochen, daß das für uns neben der Finanzlage der Grund für unsere ablehnende Haltung ist.
Abg. Gradnauer (Sozd.): Die Reisepolitik hat in Deutschland so überhand genommen, daß dagegen Einspruch erhoben werden muß. Auch wir wünschen gute 'Beziehungen zu Amerika; aber die hängen nicht von solchen Reisen ob sondern von anderen Dingen. Keine Reise des Prinzen Heinrich kann die Schädigungen aufheben, die der neue Zolltarif für unsere internationalen Beziehungen haben muß. Diese dynastischen Freundschaftsbezeugungen haben gar feinen Werth. In den englandfeindlichen Ton, der vielfach , beliebt wird, will ich nicht einstimmen. Aber die Dinge, die in Siidafrika geschehen sind, sind nicht genügend kritisirt worden. Diese Dinge sind so schlimm, daß ich es nicht verstehen kann, wie die Regierung sich dazu ruhig verhält. Nach der Haager Konferenz sagte Graf Bülolv, Deutschland fehle niemals, wo es gilt, die Pflicht der Humanität zu erf illen. Wie stimmt das mit dem Verhalten des Reichskanzlers gegenüber den Vorgängen in Südafrika? Nach den späteren Handli igen und Reden des Reichskanzlers müssen diese früheren Worte als eine Unwahrheit erscheinen lassen. Die Bestimmungen der Haager Konferenz widersprechen vollständig den späteren Reden des Kanzlers. Auf, der Haager Konferenz ist ausdrücklich bestimmt worden, daß bei einem jeden Kriege jede Macht jederzeit ans eigenem Antriebe freundschaftlich interveniren könne. Vom rechtlichen Standpunkt aus steht also einer solchen Intervention nichts im Wege. Völkerrechtlich liegt die Sache vollkommen klar. Nun sollen gewisse politische Gründe im Wege stehen. Aber noch niemals hat uns der Reichskanzler dargelegt, welches denn nun hier die kolossalen Schwierigkeiten, die großen Gefahren sind. Die Andeutungen, die Graf Bülow hierüber gemacht hat, können mir nicht stichhaltig erscheinen. Es scheint vielmehr in gewissen Kreisen keine Neigung zu Einzelheiten zu bestehen. Unsere Dynastien und Höfe sind, wie der holländische Minister Knyper neulih bemerkte, alle englandfreimdlich. Wenn Holland England Vorstellungen machen konnte, da soll es uns
nicht möglich sein? Gewiß ist es möglich, daß die
Intervention erfolglos bleibt, aber eine Erfolglosigkeit in
solcher Sache würde das deutsche Volk dem Kanzler verleihen. Der Kanzler hat größere Mißerfolge zu verzeichnen. Ich erinnere nur daran, daß die englische Regierung die Rede des Kanzlers gegen Chamberlain dadurch beantwortet hat, daß sie sich mit dem Angegriffenen solidarisch erklärte. Graf Bülow sagt, 1896 habe sich gezeigt, daß Deutschland bei einer Intervention allein dastehen würde. Aber seitdem haben sich die Verhältnisse speziell auch in Frankreich geändert. Wir wünschen mit England die besten Beziehungen. Wir wollen nur, daß Deutschland den Versuch einer freundschaftlichen Vermittelung mache. Den Parteien, die uns darin nicht unterstützen, kann es mit dem Eintreten für das Völkerrecht nicht ernst sein. Wenn hier einfach alle Regierungen mit verbundenen Augen zusehen, dann muß sich überall der Eindruck geltend machen, daß die Haager Akte null und nichtig ist. Redner verbreitet sich über die einzelnen Verstöße der Engländer gegen dasVölkerrecht, speziell gegen die Bestimmung der Haager Konferenz. Man kann nicht einfach Staaten anneftiren, die noch zum großen Theil unerobert sind. Diese unberechtigte Annektion hat aber den Vorwand und die Entschuldigung für die späteren Völkerrechtswidrigkeiten geliefert, speziell die Kitchenersche Proklamativn, geliefert. Wir haben keinen Eng- länderhaß, wir theilen keine einseitige, blinde Sympathie für die Boeren. Aber wo Völkerrechtswiedrigkeiten vorkommen, treten wir dagegen auf, mögen sie im eigenen Lande passiren ober im fremden. Die deutsche Regierung ist allerdings mitschuldig; auch sie hat sich in China Ungehörigkeiten zu Schulden kommen lassen. Jedenfalls aber kann sie sich nicht damit entschuldigen, daß sie die Thatsachen nicht könnte.
Dann möchte ich Sie nach einem andern Welttheil führen und Ihre Aufmerksamkeit aus die armenischen Vorgänge lenken. Von einer Besserung der Verhältnisse ist noch immer nicht die Rede, Niedermetzelungen der Armenier und Verwüstungen ganzer Dörfer sind an der Tagesordnung. Selbst Weiber und Kinder werden nicht geschont. Die Türkei thut nichts, um den Greueln vorzubeugen. Da wäre es die Pflicht Deutschlands, bei der hohen Pforte Vorstellungen zu erheben und Remedur zu schaffen. Der deutsche Kaiser hat doch bei seiner Orientreise das' türkische Volk seiner besonderen Freundschaft gewürdigt. Zum Schluß empfehle ich Ihnen unsere , Resolution zur Annahme. Der Thatbestand ist bekannt, die chinesische Regierung hat auf die Instrumente verzichtet. Aber berechtigt das uns, die Instrumente zu behalten? Die chinesische Regierung hat geradezu gesagt: Behaltet nur die Jnstrmente als ein Denkmal Eurer Schande 1
Graf Bllllcstrem ruft den Redner wegen dieser Aeußerung zur Ordnung.
Abg. Dr. Gradmmer (fortfahrend): Wenn auch ein Bestohlener zum Diebe sagt: behalte das gestohlene Gut, so läßt das der Staatsanwalt nicht gelten. Aus Selbstachtung schon müßten wir das Unrecht wieder gut machen, sonst konnte ein Historiker ein ähnliches ungünstiges Urtheil über die Deutschen fällen, wie Treitschke über Napoleon I. Wie kommt es denn, daß die Instrumente nach Sanssouci gekommen sind, also gewissermaßen in den Besitz einer Privatperson. Wo sind die Instrumente Denn im Etat verrechnet worden? Es wäre eine Ehrenpflicht des deutschen Reichstags, den Fehler wieder gut zu machen.
Reichskanzler Graf Bülow: Ich mutz zunächst meinem Bedauern Ausdruck geben über die Art und Weise, wie der Vorredner sich ausgesprochen hat über die Reise des Prinzen Heinrich nach Amerika, über den Empfang, welchen das amerikanische Volk dem Prinzen Heinrich bereitet hat, über unsere Beziehungen zn Amerika. Das war um so bedauerlicher im Hinblick auf die schone Aufnahme, welche der deutsche Prinz bei dem amerikanischen Volke gesunden hat. (Lebhafte Zustimmung.) Der Herr Abg . Hasse hatte kurz vorher in ganz zutreffender Weise hervorgehoben, daß die Reise des Prinzen Heinrich nach Amerika gar keinen bestimmten politischen Zweck verfolgt. Der Zweck aber, den wir verfolgen und den wir von ganzem Herzen anstreben, ist die Aufrechterhaltung der traditionellen guten Beziehungen zwischen Preutzen-Deutschland und Amerika, wie sie bestehen seit den Tagen des grotzen Friedrich und des großen Washington. (Beifall.) Beide Volker, das deutsche und das amerikanische Volk, haben allen Grund, sich gegenseitig zu achten, sie haben gar keinen Anlaß, sich über irgend eine Frage zu veruneinigen und zu streiten; sie haben beide alles Interesse daran, auf der Grundlage voller Gegenseitigkeit in Frieden und Freundschaft zu leben. Auch in der fernen, der fernsten Zukunft sehe ich keinen Punkt, wo die politischen Wege des deutschen und des amerikanischen Volkes sich zu durchkreuzen brauchten. (Beifall.) Das habe ich schon einmal an dieser Stelle ausgeführt — ich glaube es war vor drei Jahren — und ich hatte den Eindruck, daß damals die große Mehrheit des Hauses mit mir einverstanden war. Und ich bin überzeugt, daß ich nicht nur für das Inland, sondern auch für das Ausland mich in Uebereinstimmung mit der großen Mehrheit des Hauses befinde, wenn ich sage, daß das deutsche Volk mit lebhafter Befriedigung die gastfreie ritterliche und glänzende Aufnahme verfolgt, welche das amerikanische Volk dem Bruder des deutschen Kaisers bereitet. (Lebhafte Zustimmung.)
Nun, meine Herren, hat Herr Gradnauer mit sehr großem Pathos behandelt die Angelegenheit der astronomisch e n I n st r u m e n t e. Bei diesem Anlaß trat wieder so recht zu Tage, daß Herr Gradnauer und seine Freunde wirklich chinesischer
sind, als die Chinesen selbst. (Lachen bei den Soz.). Wem, die Chinesen solche Chauvinisten wären, wie Herr Gradnauer für die Chinesen chauvinistisch ist, dann würden wir den Frieden mit China noch nicht haben. (Sehr richtig! rechts; Lachen bet Den Sozialdemokraten. — Zurufe des Abg. Gradnauer.) ^>ch habe Herrn Gradiiauer nicht ein einziges Mal unterbrochen, weder durch einen Zurui, noch durch Lachen oder sonst wie. und so würde ich sehr dankbar sein, wenn er auch mich nicht unterbräche.
Die Frage der Rücksendung der astronomischen Instrumente ist auch von uns erwogen worden, nachdem die Ankunft der Instrumente bekannt geworden war. Nach eingehenden Erwägungen haben wir aber von dieser Rücksendung Abstand genommen, und ich will auch gleich sagen, warum: Einmal weil die chinesische Regierung ihrerseits uns gegenüber auf den Fortbesitz dieser Instrumente gar keinen Werth gelegt, sondern sie uns bet der ersten Gelegenheit zur Verfügung gestellt hat. Volenti non fit injuria. (Lachen bei den'Soz.) Dann auch deshalb, weil nach den Anschauungen des chinesischen Volkes, wenn wir die Instrumente zurückschickten, bei Den Chinesen die Meinung erweckt würde, das geschehe auf Befehl der chinesischen Negierung, was natürlich unserer Stellung ix Ostasien Abbruch thun würde. Wenn wir jetzt die Instrumente zurückschickten, so mutz man bei richtiger Einsicht in die Verhältnisse zugeben, daß die Kaiserin Mutter von China, die eine sehr intelligente Dame ist, sich höchst verletzt fühlen würde (Grotzer Lärm und Lachen links), während die chinesische Bevölkerung denken würde, datz wir Damit eine Niederlage eingestehen. Nunmehr sind diese Instrumente unter voller Zustimmung der chinesischen Negierung in unseren rechtmäßigen Besitz übergegangen. (Lachen links.) Damit fallen sie in die Kategorie von Geschenken zu Geschenken, wie sie zwischen den Staaten und zwischen der chinesischen Regierung und uns seit Langem üblich sind. (Lachen und Zurufe bei den Soz.) , v
Präsident Graf Ballcstrcm: Ich bitte, den Herrn Reichskanzler nicht zu unterbrechen; er hat selbst schon darum gebeten.
Reichskanzler Graf v. Bülow (fortsahrend): Nun hat Herr Gradnauer uns weiter vorgeworfen unsere passive, d. h. neu* trale H altung gegenüber dem südafrikanischen Kriege. Wenn er bei der Gelegenheit Herrn Hasse beschuldigt hat, daß er ein zu lauer Freund der Boeren sei, so muß ich es Herrn Haffe überlassen, sich zu vertheidigen. Mir persönlich scheint der Vorwurf nicht gerechtfertigt. Nun wurde eine solche Einmischung in den südafrikanischen Krr« rein akademisch gesprochen, auf dreierlei Weise möglich fein: Entweder durch Anrufung des Schiedsgerichtshofes im Haag oder durch Mediatton oder durch Intervention. Eine Anrufung des Haager Tribunals ist von Seiten der Boeren bereits erfolgt, sie hatte aber, wie dies bei der Konstruktion des Haager Friedenswerks, an der ich nichts zu ändern vermag, auch gar nicht anders möglich war, leinen Erfolg. Was Die Frage der Mediation anlangt, so habe ich mich schon vor einem Jahre — und ich denke heute daüber gerade so wie vor einem Jahre — über die Voraussetzungen und die voraussichtlichen Folgen einer solchen Mediatton ausgelassen. Eine Mediatton würde heute ebensowenig Erfolg haben, wie vor einem Jahre. Ich brauche nur zu erinnern an die Antwort, welche die englische Re- gierung auf Den aus ähnlichen Motiven hervorgegangenen Antrag der Holländer ertheilt hat. Eine Intervention aber würde voraussetzen die eventuelle Anwendung von Zwangsmitteln. Daß eine solche Dem deutschen Interesse nicht entspricht, das habe ich gleichfalls schon vor einem Jahre auseinandergesetzt und das ist auch von Den meisten Seiten anerkannt worden. Ich mochte aber noch eins betonen, ich mochte darauf Hinweisen, daß von keiner anderen Macht gegen den südafrikanischen Krieg oder gegen die Art und Weise der englischen Kriegführung in Afrika irgend welcher Einspruch erhoben worden ist. Wir haben aber gar keine Veranlassung, in dieser Beziehung eine führende Rolle zu übernehmen. Bei solchen internationalen Aktionen die Tete zu nehmen, das mag ja momentaner persönlicher Eitelkeit schmeicheln, praktisch pflegt aber dabei nicht viel herauszukommen. In dieser Beziehung verweise ich auf die Geschichte des zweiten französischen Kaiserreichs, die sehr lehrreiche Beispiele dafür bietet. Was Herr Gradnauer in dieser Sache ausgeführt hat, war gerade jene Weltpolitük ä outrance, die ihren Finger in jede Ritze steckt, die gegen Windmühlen losgeht, die ihr nicht gefallen. (Lachen bei den Soz.) Wenn es nach Herrn Gradnauer ginge, dann würden wir nicht blos wegen Südafrika zu interveniren haben, sondern auch wegen Armenien, und sogar wegen der Philippinen und wegen Finland. (Lachen bei den Soz.) Nun habe ich aber gesagt: Es entspricht nicht dem Interesse des deutschen Volkes, den Hans Dampf in allen Gassen zu spielen. (Lachen bei den Soz.) Eine solche Politik werden wir nicht machen, und, auch die große Mehrheit dieses Hauses nicht; und endlich hoffe ich auf die Zustimmung der Mehrheit des hohen Hauses, wenn ich es ablehne, nochmals einzugehen auf die Provokationen des Herrn Gradnauer, die sich beziehen auf das, was ich neulich gesagt habe über eine Rede des englischen Kolonialministers. Ich habe bewiesen, daß ich mich nicht scheute, dem Vorfall näher zu treten, aber ein Breittreten dieses Vorfalls halte ich nicht für nützlich, dem Staatsinteresse wäre dadurch nicht gedient. Von dem, was ich damals gesagt habe, brauche ich nicht ein Wort zurückzunehmen, ich habe aber auch nichts hinzuzufügen, (Beifall.)
Abg. Frese spricht sich gegen die Handelskammern im Auslände aus. Herr Münch-Ferber werde nicht viele große Firmen in großen Auslandsstädten nennen können, die sie wünschten.
Abg. Ledebour (Soz.): Graf Bülow hat Die Rede meines Freundes Gradnauer mißverstanden. Uns liegt nichts ferner, als zur Verschlechterung des Verhältniffes mit Amerika beizutragen. Herr Gradnauer hat sich nur dagegen gewandt, daß die Prinzen- reife vom Standpunkt eines Zeremonienmeisters aufgefatzt werde. Die Rücksendung der chinesischen Instrumente wollen wir nur im Interesse Deutschlands. Wir sind also deutscher als Die Regierung. (Lachen rechts.) Wenn Der Reichskanzler meint, Daß Die Kaiserin von China sich verletzt fühlen konnte, so ist Das Der Standpunkt eines chinesischen Zeremonienmeisters, aber nicht der eines deutschen Staatsmannes. Im Park von'Sanssouci steht bekanntlich auch Die Mühle, Die ein Denkmal Der Gerechtigkeit der preußischen Könige sein soll. Wie passen zu dieser Mühle Die chinesischen Instrumente? Ich hoffe, datz Der Reichstag mit Ausnahme Der Lacher auf der rechten Seite unsere Resolutton annehmen wird. Herr Gradnauer hat auch England gegenüber keine kriegerischeJnter- bention, sondern nur freundschaftliche Rathschläge befürwortet. Wenn der Reichskanzler damals die Chambcrlainschen Traktlosig- leiten ignorirt hätte, würde er es heute leichter haben, kulturelle Forderungen durchzusetzen. Man Darf Die Imponderabilien in der Politik nicht unterschätzen. Die Zustände in den Koncentrations- lagern sind fo gräßlich, daß man sich über Die hohe Sterblichkeit nicht zu wundern braucht. Im Interesse der Menschlichkeit hätte man bei Der englischen Negierung vorstellig werden und ihr die Sorge für Die Frauen und Kinder abnehmen sollen. Damit wäre selbst Lord Kitchener einverstanden gewesen. Die Weltpolitik des Hammers führt zu ebensolchen Greueln wie in Südafrika. Denken Sie nur an die unglaublich rohen Polizeimaßregeln Kollers in Schleswig. Wir Sozialdemokraten werden nicht müde, dieser Politik entgegenzutreten. Wir internationalen Sozialdemokraten betreiben in allen Ländern dieselbe Politik. Darin liegt unsere Stärke gegenüber den alldeutschen Allfanzereien.
Hierauf vertagt sich das Haus.
Persönlich bemerkt Abg. Dr Hasse: Ich bin kein Englandhasser, wie mir es die Sozialdemokraten vorwerfen, und habe erst heute einen Brief aus England erhalten, in dem mir eine Zustimmung zu meiner letzten Rede ausgesprochen wird.
Nächste Sitzung: Dienstag, 1 Uhr. Veteranen- Nachtr agsetat und » Fortsetzung der heutigen Berathuna, außerdem Kolonial-Etat.
Schluß 6 Uhr.


