Ausgabe 
4.2.1902 Drittes Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Nr. 29

Dienstag, 4. Februar 1902

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.

DieSiebener LomilienblStter"' werden dem Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der tzesßsche Landwirt" erscheint monatlich einmal.

Lietzener Anzeiger

152. Jahrg.

Verantwortlich für den allgemeinen Teil: P. Wittko; für dc Anzeigenteil: H. Beck.

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'fchen Universitätsdruckerel (Pietsch Erben), Gießen.

General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gieß n.

Parlamentarische Verhandlungen.

Nachdruck ohne Vereinbarung nicht gestattet.

Deutscher Reichstag.

183. Sitzung vom 3. Februar, 1 Uhr.

DaS Haus ist äutzerst schwach besetzt.

Km Bundesrathstisch: Graf Posadorosky u. A.

Die zweite Berathung des Etats des Reichsamts des Innern wird bei den dauernden Ausgaben KapitelReichs­gesundheitsamt" fortgesetzt. Hierzu liegt eine Resolution Lenz- mann (sreis. Vp.) vor, die eine reichsgesetzliche Regelung des Jrrenwesens fordert.

Abg. Müller (Meiningen, freis. Vp.): Ich möchte die Haltung der Polizei gegenüber der Anpreisung von Geheimmitteln in der Presse besprechen. In Preußen giebt es nicht weniger als 40 Ver­ordnungen, die solche Anpreisungen mit Strafe belegen. Es herrscht auf diesem Gebiet ein furchtbares Wirrwarr, ein wahres Labyrinth; eS zeugt von einer gewissen Gutmüthigkeit oder Laxheit der Staats­anwälte, daß nicht noch mehr Bestrafungen Vorkommen. Niemand weiß, was Geheunmitteel finb; die Redakteure sind in gewissem Sinne thatsächlich vogelfrei. Hat man doch sogar Brandts Schweizerpillen, Ulrichs Kräuterwein und ähnliche harmlose Mittel als Geheimmittel angesehen. Was hier von der Presse verlangt wird, ist vollkommen unsinnig. Eigentlich muß nächstens jede Zeitung zwei Chemiker und diverse Aerzte anstellen, die die Zu­sammensetzung der einzelnen Mittel feststellen. Man hat einge­sehen, daß es so wie bisher nicht weiter geht und projektirt daher eine neue Geheimmittel-Verordnung, die mir in einer Broschüre vorliegt. Aber auch danach werden an den Redakteur zu große Anforderungen gestellt, selbst wenn er immer die Verordnung neben sich liegen hat. Die Presse verlangt mit Recht, daß der Redakteur nur dann bestraft wird, wenn ihn eine Schuld trifft; sonst möge man nur den Inserenten verantwortlich machen. Man kann aber ruhig annehmen, daß in 99 von 100 Fällen der Redakteur keine Schuld hat. Ich meine, zur Bekämpfung der Geheimmittel muß eine ganz andere Tattik eingeschlagen, es muß die Klinke der Reichs­gesetzgebung in die Hand genommen werden. Mit dem Staats- fefretär bin ich der Ansicht, daß die Polizei nicht die Rolle der Kinderfrau zu spielen habe. Aber es geht hier wie anderswo: die kleinen Diebe hängt man, und die großen läßt man laufen. Gegen Schwindeleien, wie die Gebetsheilungen der Miß Eddy in der Flottwellstraße 4 oder des Ueberbrettls der Heilsarmee oder das Volta-Kreuz geht man nicht vor; aber Brandts Schweizerpillen sind gefährlich. Die ganze Geheünmittel-Materie muß reichsgesetz- lich geordnet werden.

Abg. Dr. Müller Saga» (freis. Vp.): Im Sommer war ich mehrere Monate krank in einer Klinik, und es wurde an mich das Ansinnen gerichtet, ob ich mich nicht von Frl. Schön gesund beten lassen wolle. Ich war einer der ersten, der auf diesen Unfug in der Oeffentlichkeit aufmerksam machte. Als ich mich erkurrdigte,- erfuhr ich, daß für 2 Mk. die Stunde das Gesundbeten prompt er­ledigt werde und daß schon die schwersten Kranken gesund gebetet seien. Gegen diesen Unfug, der sich in das Gewand eines religi­ösen Kultus kleidet, müssen die Behörden m. E. einschreiten. Dann möchte ich die Verhältnisse des Krankenhauses in Groß- Lichterfelde zur Sprache bringen. Die Diphtheriesterblichkeit ist dort eine ganz enorme; es wird das auf die Behandlungsweise des leitenden Arztes zurückgeführt. Es soll dort grundsätzlich kein Heilserum angewandt werden. Ferner möchte ich den Wunsch aus­sprechen, daß der Bundesregierung nahe gelegt werde, die Kreis- thierärzte so zu stellen, daß sie keinerlei Privatpraxis mehr zu treiben brauchen. Nur wenn sie wirthschaftlich unabhängig gemacht werden, können sie voll und ganz chre Amtspflichten, namentlich bei Bekämpfung der Seuchen, erfüllen.

Abg. Stöcker (b. k. P.): Bei dem Gesundbeten kann von wahrem Christenthum nicht die Rede sein. Man hat es da zu thun mit einer aus Amerika importu^en schlechten Philosophie und noch schlechteren Theologie. Immerhin aber hat die Sache in wetten Kreisen großen Eindruck gemacht; wenn man dagegen vor­ginge, würde man den Fanatismus nur verstärken. In Amerika hat man versucht, einzuschreiten, aber man hat schlechte Er­fahrungen damit gemacht. Nothwendig in Bezug auf den Okkul- tismus ist zweierlei: Einmal muß eine Kommission prüfen, was daran ist. Dann muß die spekulative Ausbeutung des Aberglaubens des Volkes schwer bestraft werden. Zweifellos giebt es eine große Zahl von bewußten Schwindlern auf diesem Gebiet. Es giebt in Berlin Hunderte von Medien, die mit dem Spiritismus Geschäfte machen. Dagegen muß eingeschritten werden. Die Mittheilungen des Abg. Aittrick von vorgestern sind zum großen Theil wahr. Auch das, was er über das Berliner Kinderkrankenhaus gesagt hat, ist richtig; man hat lange geforscht, aber die Ursache der von ihm erzählten Thatsache nicht gefunden. Der Resolutton Lenz- mann stimme ich zu. Zwei Broschüren haben in letzter Zeit ein gewisses Aufsehen erregt; die Titel sind:Mädchenopfer" und Unter dem Deckmantel der Barmherzigkett". Der Inhalt ist durchaus sensationell, giebt aber doch zu denken. Es handelt sich um die Schwesternpflege bei Männern. Es sollen da Dinge ge­schehen, die nicht peinlich, soirdern im höchsten Grade schamlos srnd. Ich würde dem nicht ohne Weiteres geglaubt haben, habe aber von anderer Seite Aehnliches erfahren. Allerdings giebt es nicht genug Krankenpfleger. Aber da liegt eben eine Aufgabe des Nerchs um) der Staaten, für die Ausbildung von Krankenpflegern zu sorgen. So wie bisher kann es jedenfalls nicht Wetter gehen.

©anfeahWcr Bundesbevollmächtigter Dr. Klügmann: Wer die Broschüre gelesen hat, weiß, daß darin vielfach von Hamburgischen Krankenhamern die Rede ist. Ich will auf den leidenschaftlichen Trn der Broschüre nicht eingehen. Es ist da z. B. gesagt, Pro- fessoren und Aerzte seien hier nicht kompetent; in ihren Kreisen herrsche nur Gedankenlosigkeit und Vorurtheil; es ist von einer Schwestern) cuche" die Rede. Von den in der Broschüre erhobenen Anklagen gegen die Krankenhausverwattung hat sich keine als wahr erwiesen.

Abg. Antrick (Soz.): Gewiß können überall Mißstände Vor­kommen; aber es kommt darauf an, daß man die Ursache der Miß­stände ergründet und beseitigt. Die Ursache der von mir ange­führten Mißstände liegt in der schlechten Bezahlung, der langen Arbeitszeit und schlechten Behandlung der Wärter und Wärte­rinnen. Gegen Schwestern habe ich nichts; aber es scheint mir, daß es höchst bedenklich ist, wenn 1617jährige Mädchen auf Männerstationen die peinlichsten und scheußlichsten Arbeiten zu verrichten haben. Ich gebe die beiden Broschüren gerne preis; aber den Mädchen, die oft noch die reinen Kinder sind, werden oft in der That zu schwere Aufgaben gestellt. Wenn ein Arzt sich der Schwester annimmt, wie Prof. Rumpf in Hamburg-Eppendorf, so wird er weggeärgert. Ich persönlich halte das gemischte System,

bei dem Schwestern und Wärter beschäftigt werden, für das beste. Dies System ist auch in einer Versammlung angesehener Berliner Aerzte empfohlen worden. Diese Herren haben auch bessere Be­zahlung, Unfallversicherung und feste Anstellung für die Pfleger verlangt. Was haben denn die Wärter heute? Sie können jeder- zett entlassen werden. In der Berliner Charite hatte ein Wärter 7 Jahre gearbeitet; als er erblindete, wurde er entlassen und be­kam aus Gnade und Barmherzigkeit 7 Mk. Pension I D<. Mann wollte absolut, daß ich die Sache hier nicht vorbrächte, weil er dann die 7 Mk. zu verlieren füchtete. Ich sagte ihm:Ach nein, wenn der preußische Staat auch schäbig ist, so schäbig ist er doch nicht."

Präs. Graf Ballestrem: Herr Abgeordneter, Sie dürfen einen Bundesstaat nicht schäbig nennen. (Heiterkeit.)

Abg. Antrick (fortfahrend): Der Fall, den ich aus dem Kinderkrankenhause in Berlin vortrug, ist nicht so unerklärlich, wie Herr Stöcker meinte. Es ist nachgewiesen, daß dort vielfach Un­sauberkeit herrschte; dadurch ist die Ansteckung herbeigeführt worden.

Redner greift dieNational-Zeitung" heftig an, weil diese erklärt habe, er habe Thatsachen vorgetragen, die ihm schon vom Magisttat als falsch nachgewiesen worden seien. Der Berliner Magisttat hat über die Höhe der Wärtergehälter falsche Angaben gemacht; das steht auf Grund von Thatsachen fest. Von Alledem, was ich damals behauptet habe, hat nichts dementirt werden können. Ich selbst habe gesehen, daß ein Kranker nach dem andern in die Badewanne hineinspringt, ohne daß die Wanne gereinigt und frisches Wasser zugeführt wird. Ich selbst habe mich davon über­zeugt, daß die Desinfettions-Apparate nicht funltionirtcn. Noth- lampen in Gestalt von Stearinkerzen sind erst auf meine Veran­lassung in Moabit eingeführt worden. Herr Stadtrath Straß­mann hat erklärt, in Moabit seien keine Syphilis-Kranke. Dies ist unwahr, in der 21. Abteilung befindet sich eine Anzahl solcher Kranker. Redner führte die Anfangsbuchstaben der Namen und das Gewerbe einiger solcher Kranken cm. Die vollen Namen werde ich der Regierung auf Wunsch nennen. Trotzdem hat Herr Sttaß- mann die Stirn, mir Unwahrheiten vorzuwerfen. Und jetzt kommt das Blatt der Nationalliberalen uni) erklärt, mir seien Un­wahrheiten nachgewiesen l Ich halte Alles das, was ich über das Moabiter Krankenhaus gesagt habe, vollkommen aufrecht. Wie kann ein Dezernent so falsche Dinge behaupten und mir vorwerfen, ich hätte die Neichstagsttibüne mißbraucht? Dann hatte ich be­hauptet, es seien geschlechtskranke Wärter im Krankenhause; sie würden daraufhin nicht untersucht. Das war ein Jrrthum von mir; ich hatte einen Oberwärter mißverstanden. Die Fleischüber­reste der ganzen Woche in dem Krankenhause werden zusammen­gekocht, eine Sauce darübergegossen, und das Ganze nennt man dann Fricasse ä la Straßmann. (Heiterkeit.) Die große Masse der Wärter bekommt die von mir angegebenen Gehälter; daß ein­zelne wenige, die mit der Pflege selbst nichts zu thun haben, mehr erhalten, kann hier nicht in Bettacht kommen. Der Magisttat müßte sich schämen, solche Konttakte abzuschließen, wie sie mit den Wärtern abgeschlossen werden. Diese Kontrakte verstoßen gegen die gute Sitte. Die Wärter müssen sich da zu unbedingtem Gehorsam gegen die Vorgesetzten verpflichten, sie verpflichten sich ferner, nur mit 14tägiger Frist zu kündigen, während der Ver> waltung das Recht eingeräumt wird, den Beamten jederzeit ohne Kündigungsfrist und ohne Angabe des Grundes zu entlassen! Schließlich müssen sich die Wärter ausdrücklich der Bestimmung der preußischen Gesindeordnung unterwerfen! Ist das nicht ein Skan­dal? Hier sehen Sie, was bei der praktischen Politik der Frei­sinnigen herauskommt. Diese Konttakte sind ein Dokument der Schande für den Berliner Magisttat. Sorgen Sie dafür, daß diese Verhältnisse gebesiert werden; dann werden Sie auch ein ordent­liches Wärterpersonal bekommen, und dann können Sie sich sagen, daß Sie gethan haben, was Sie thun konnten, zum Wohle des Staates.

Abg. Franken snat.-lib.) : Nach meinem Dafürhalten trifft die Anklage des Vorredners in erster Linie den Magistrat. Es wundert mich, daß hier keiner der Kollegen, die im Berliner Ma­gisttat sitzen, antwortet. In Krankenhäusern, wo Diakonissinnen und katholische Schwestern finb, wären solche Zustände m. E. un­möglich. Bezüglich des Gesundbetens stehe ich auf dem Stand­punkt des Abg. Stöcker; allerdings schätze ich Jeden glücklich, der seine Hände noch falten kann zum Leben und zum Sterben. Die Gesundheit ist das kostbarste Gut, das wir haben; es ist daher sehr bedauerlich, daß die galizischen Arbeiter ins Kohlengebiet die Wurmttankheit importtrt haben. In Volmarstein habe ich mit mehreren Freunden hoch am Berge eine Anstalt dagegen errichtet. Auch sonst thut man alles Mögliche, um dieser Krankheit entgegen* zutteten. Es mutz dagegen aber noch mehr gethan werden. Die scheußlichste Krankheit ist die Branntweinpest. Trinken kann man, aber das Saufen soll man bleiben lassen. Das Reicbsgesund- heitsamt sollte untersuchen, ob es nicht Heilanstalten für oiese Un­glücklichen errichten kann. Jedenfalls kann es mit den Regierungen der Bundesstaaten ein ernstes Wort reden und sie zu Maßnahmen veranlassen. ' ____

Abg. Stöcker (b. k. P.): Ich habe nicht die Broschüre ver- theidigt, sie gab mir blos die Anregung. Die eigentliche Ursache für meine Rede war das, was ich im Kreise meiner Bekannten mit einer Krankenschwester und zwar nicht einer freien, sondern einer angeschlossenen, erlebte; es übertraf das Schlimmste und Schamloseste, was in der Broschüre steht. Es liegen hier all­gemeine Schäden vor, die das Gesundheitsamt wohl beachten sollte.

Abg. Singer (Soz.): Ich muß dem Gefühl tiefer Beschämung darüber Ausdruck geben, daß in der Berliner Verwaltung solche Dinge vorgekommen sind. Ich wundere mich, daß der Magisttat nichts gegen den Abg. Antrick unternommen hat, obgleich der Kol­lege Anttick in einer öffentlichen Versammlung seine Anklagen wiederholt hat. Im Einzelnen mag man ja Einiges aus der Rede des Aba. Anttick als unrichtig nachweisen; aber auf solche Einzel­heiten kommt es nicht an. Es befremdet mich auch, daß der Prä­sident des Reichsgesundheitsamts sich so vollständig in Schweigen hüllt. Die Schuld für die Mißstände trifft nicht nur den Magistrat, sondern auch die Stadtverordnetenversammlung. Es ist uns dort bisher trotz der größten Bemühungen nicht gelungen, einen Sozial­demokraten in die Krankenhauskommission zu bekommen; meine Freunde müssen daher jede Verantwortung für die Mißstände ab# lehnen. Jetzt endlich ist unser Wunsch durchgesetzt, und unser Ver- tteter wird Alles thun, um die Verhältnisse zu bessern. Das Schlimmste ist, daß hier die Schuld nicht nur einzelne Personen trifft. Auch in der besten Verwaltung können Verfehlungen vor­kommen. Die Hauptursache der Mißstände liegt im System: toir müssen in den Krankenhäusern genügenbeS Personal und gut bezahltes Personal ansteüen. Die Wärter sind auch nur Menschen;

,>ci ial, das Wärter Personal Die.Aerzte müs- verpflichtet werden, ihre ibmen; die lttivatpraxi- müssen ihnen dann ganz

cs ist le,n Wunder, daß sie ihren Aufgaben unter solchen Um. Uanbcn Nicht gerecht werden. Lieber der Herstellung prachtvoller Kraitt.ichamer mit allem Komfort hat in die eigentliche Ausgabe Mer vauser. die Leute gesund zu m en, etwas vernachlässigt, und zwar in Bezug auf das Aerzte-Pci' "" -

und die Verpflegung. D. ......

bolle Thätigleit dem Krankenhaus zu muß ihnen untersagt werden. Allerdü andere Gehälter gezahlt werden als jeu

Staatssekretär Dr. Graf v. PosadiwSky: Vor cm Jahre habe td) nach der Rede des Abg. Antriä über die Z . ä n d e i n Krankenhäusern mich an fämmtlidie Bund^ Regierungen 0etuanbt und sie auf die hier erörterten Vorgänge hmgetoiefen. Es haben darauf auch in Preußen eingehende Revisionen stattge# funden. _ Aus den Mittheilungcn des preußischen Kultusministers über diese Revisionen geht hervor, daß die Beschwerden, soweit sie sich auf die Berliner Charite und die Klinil tn der Zicgelsttaße beziehen, als unzutreffend befunden worden sind; daß sie sid, aber, soweit die Kliniken in Altona. Görlitz und Königsberg in Betracht kommen, zum Theil als berechtigt herausgestellt und entsprechende Maßnahmen veranlaßt haben. Die Thatsache, die Herr Antrick aus dem Berliner Kinderkrankenhause erzählte, ,st richtig. Die Untersuchung, die sofort angestellt wurde, hat zur Ermittelung der Ursache nicht geführt; vermuthet wird, daß die Ansteckung in Folge Unsauberkeit der Pflegepersonen eingetreten ist. Wir alle wissen, daß auf dem Gebiete des Krankenhauswesens nod) ungeheuer viel ZU thun ist. Es ist aber ganz unmöglich, hier im Hause auf diese zahllosen Beschwerden einzugehen, die lediglid; die Landesverwal­tung betreffen; es ist äußerst schwierig, auf solche Beschwerden auch nur zu antworten, wenn man nicht die laufende Verwaltung in Händen hat. Bedenken Sie dod) nur, daß wir in Deutschland jetzt 3524 Heilanstalten haben! Ein Fall, den der Abg. Antrick an­führte, berührt allerdings direkt das Reichsgesundheitsamt; er sprad) von einem Berliner Institut, das Versuche mit ansteckenden Krankheiten mache, und dabei mit großer Unvorsichtigkeit vorge­gangen sei. Wenn sich das so verhält, bann würde allerdings ein Einschreiten des Gesundheitsamtes geboten sein, und Sie können sich darauf verlassen: dieser Frage werde ich ernst nachgehen. Im Ucbrigen muß ich aber dringend bitten, solche Beschwerden bei den Instanzen anzubringen, die verantwortlich sind; ich habe noch nicht gehört, daß diese Instanzen in Anspruch genommen worden sind. Noch eins: Es besteht vielfach in der Bevölkerung ein gewisser Widerwille dagegen, sich in ein Krankenhaus aufnehmen zu lassen. Ick; will hier nicht untersuchen, ob das begründet ober unbegründet ist. Sicher ist jedenfalls, daß in den meisten Fällen der Kranke im Krankenhause besser aufgehoben ist als in der eigenen Wohnung. (Sehr richtig!) Es ist deshalb nicht ganz unbedenklich, diese Ab­neigung noch zu verstärken. (Sehr richtig!) Herr Anttick hat eine Reihe von Fällen angeführt, die, wenn sie richtig sind, äußerst er­schütternd wirken. Aber das müssen Sie doch alle augeben: Im Allgemeinen stehen unsere Krankenhäuser auf einem außerordent­lich hohen Standpunkt. Wer der Jubelfeier für unfern hochver­dienten Altmeister der Medizin, Virchow, beigewohnt hat, konnte aus dem Munde fremder Aerzte hören, mit welcher Hochachtung sie von den deutschen Krankenpflege-Einrichtungen sprachen, nachdem sie sie kennen gelernt hatten. Auch unser Aerztepcrsonal hat im Auslande einen ausgezeichneten Ruf. Mißgriffe kommen aud) hier vor; denn unsere Aerzte sind aud) Menschen. Aber ich glaube nicht zu viel zu behaupten, wenn ich sage, daß unsere deutsche medizinische Wissenschaft, sowohl nach der streng wissensd)aftlichen Seite wie in der Praxis, noch mit an der Spitze der ärztlichen Wissenschaft über­haupt steht. Unser Aerztepersonal verfügt im Großen und Ganzen über eine ausgezeichnete wissenschaftliche Durchbildung und es besitzt die größte persönliche Gewissenhafttgkeit.

Die sogenannte christliche Wissenschaft und das Gesund- beten kommt meines Erachtens aus derselben Quelle wie der Spiritismus. Beide haben psychologische Ursachen, die ich für recht bedenklich halte. Diese Bewegungen ergreifen selbst Personen, von deren Bildungsgrad man erwarten sollte, daß sie so etwas weit von sich wiesen. Ich habe von einem Manne, zu dessen Beobachtungs­gabe ich volles Vertrauen habe und der durchaus ruhig und leiben# schaftslos zu urtheilen pflegt, gehört, er hätte in einer spiritistischen Sitzung gesehen, wie Blumen von der Decke fielen. Dagegen giebt es keinen Kampf mehr. Mit dem Abg. Stöcker mödjte ich aber davor warnen, gegen Derartiges mit staatlichen Machtmitteln vor­zugehen. Das würde die schweren Jrrthümer nur nod) mehr be­festigen. Gegen Schwindler bietet ja das Strafgesetzbuch die Hand­habe und ich bin nur zweifelhaft, ob man gegen solche Manipula­tionen unter Umständen nicht auch auf Grund beä Gesetzes über den unlauteren Wettbewerb vorgehen könnte.

Gegenüber der Resolution Lenzmann kann ich nur dringend warnen, an alle die Mordgeschichten zu glauben, die in den Zeitungen über Einsperrung gesunder Personen stehen. Ein psychia- ttisches Manko ist oft bereits die Lähmung einer kleinen Memorane des Gehirns, die sich nur in einer Richtung äußert, aber äußerst gemeingefährlich ist. Der Laie kann gar nicht beurtheilen, wo der gesunde Menschenverstand aufhört und die gemeingefährliche Krank­heit anfängt. Ich habe nod) keinen Fall erlebt, in dem mit Be­wußtsein ein Gesunder eingesperrt worden wäre; falsche Diagnosen können natürlich Vorkommen, aber das wird sich dann bald Heraus­stellen. Jeder Geisteskranke hält sich für gesund, und es kommt auch nicht selten vor, daß Familien, wenn ihnen die Kosten zu groß werden, einen Kranken aus dem Jrrenhause herausholen mochten und in der Oeffentlichkeit behaupten, der Eingesperrte sei gesund. Jedenfalls, map aus der Resolution werden, was da wolle: niemals werden Sie die Diagnose der Aerzte ersetzen oder verhindern können, daß Leute eingesperrt werden, die sich für gesund halten.

Die Ausführung des Viehseuchengesetzes ist Sache der Einzelstaaten. Daß durch die Doppelthätigkeit der Kreisthier­ärzte als Beamte und in ihrer Privatpraxis Kollisionen entstehen können, glaube ich gern. Aber diese Privatpraxis ist nothwendig, damit die Thierärzte im Stande bleiben, ihre Pflicht als Beamte zu thun. Zu Geheimmitteln sollen nur diejenigen Mittel erklärt werden, die entweder absolut schädlich oder offenbar be­trügerisch sind. Es soll auch ein Verzeichniß der Geheimmittek herausgegeben werden: wenn dies Verzeichniß für alle Staaten in Kraft ist, dann werden die Klagen des Abg. Müller zum großen Theil hinfällig sein; ich bitte ihn, zunächst dies Verzeichniß abzu­warten.

Abg. Graf Oriola (nl.): Ich begrüße es, daß die Regierung endlich auf die Beschwerden des Abg. Anttick wenigstens geant­wortet hat. Schon seit einer Stunde warteten wir auf eine Antwort. Gewiß handelt es sich hier um Landessachen, aber das Reichsgesundheitsamt ist doch der Ort, bei dem wir solche Beschwerden Vorbringen können. (Sehr richtig!) Der Staatssekretär hat sich auch an die Re­gierungen gewandt, also muß er doch auch die Berech­tigung solcher Beschwerden anerkannt haben. Im Elisabeth- Kinderhospttal soll es an der nöthigen Reinlichkeit gefehlt haben,