Ausgabe 
3.10.1902 Zweites Blatt
 
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Nr. 232

Vrfftetnt täglich außer SonnlagS.

Dem Gießener Anzeiger werden tm Wechsel mit dem Hessischen Landwirt die Siebener Zamillen- blätter viermal in der Woche beigelegt.

Rotationsdruck u. Ver­lag der v r ü h l'schen Untvers^Buch- a. Stein- drucke ret lPietsch (irben) Redaktion. Erpedttio« und Druckerei:

Gchulftraße 7.

ßbrefie für Depeschenr Anzeiger Gießen.

Kernsprechanschluß Nr. 51.

Zweites Blatt.

ISS. Jahrgang

Freitag ü. Oktober 1903

Eichener Anzeiger

General-Anzeiger v

Amts- und Anzeigeblatt für den Ureis Gießen

BezagSprei-, monatlich 7b Ps., viertel» jährlich Mk. LL0; durch Abhole- u. Zweigstellen monaUid) 65 Pf.; durch die Post Mk. 2.- vienel- jährl. aussdzl. Bcstellg. Annahine von Anzeigen für bie TageSnummer biS vormittags 10 Uhr. ZetlenprerS: lokal 12 Pf^ auSwärtö 20 Psg.

Verantwortlich: fflt den polit u. allgem. teil: P. Wtttko: für .Stadt und Land^ und -Genchtssaal*. Sari Plato, sür den An­zeigenteil: HanS Beck.

Die heutige Dummer umfaßt 10 Seite«.

Aas Deutschtum in Ungarn.

Wie aus parlamentarischen Greifen verlautet, wird die erste sich bietende Gelegenheit benutzt werden voraussicht­lich die Generaldebatte zum Etat um die unfreundliche Behandlung der Deutschen durch die ungarische Regierung, bezw. die Verwaltungs- und Gerichtsorgane, zur Sprache zu bringen. Es liegt nicht in der Absicht, dies vom »alldeut­schen" Standpunkte aus zu thun, und das wäre auch keines­wegs im Interesse der von Ungarn amtlich drangsalierten Deutschen, die bekanntlich zumeist schwäbischer Abstammung sind. Die ungarischen Behörden beschuldigen die dortigen Deutschen, in erster Reihe die Redakteure deutscher Blätter, eben zu Unrecht alldeutscher Bestrebungen. Cs ist den Deut­schen unzweifelhaft nur darum zu thun, sich ihre StammeS- art zu erhalten, sich vor Magyarisierung zu bewahren und zu dem Zweck vornehmlich die deutsche Sprache zu pflegen. Das wird ihnen kein rechtlich Denkender verübeln können, umsoweniger, als in den ungarischen Schulen der Gebrauch der deutschen Sprache verboten ist. In den Schulen der Hauptstadt Budapest ist der deutschen Sprache noch vor Kur­zem von Amtswegen die Thür gewiesen worden, ein befrem­dender Vorgang, wenn man sich gegenwärtig hält, daß es sich um einen verbündeten Staat handelt, dem überdies das deutsche Element in kultureller Hinsicht außerordentlichen Nutzen gebracht hat und noch bringt. Ungarn entfernt die deutsche Sprache aus seinen Schulen, und das innerlich mit dem Deutschtum weit loser zusammenhängende, entlegene Meriko nimmt die deutsche Sprache als obligatorischen Unterrichtsgegenstand in den Lehrphlan seiner Schulen auf!

Daß also die Deutschen in Ungarn ihre heimische Sprache und Sitte bei der Heranwachsenden Generation außerhalb der Schule nach Kräften pflegen, daß die wenigen in deutscher Sprache erscheinenden Blätter für Erhaltung der Stammes- eigenart nachdrücklich eintreten, ist nur zu billigen und nicht im Sinneantimagyarischer Agitation" auszulegen oder gar als Beweis für das Bestehen staatsfeindlicher Bestrebungen ins Feld zu führen. Wie verhalten sich denn die Magyaren und die Slaven überhaupt im Ausland? Es wäre in der That zu wünschen, daß die auf fremder Erde lebenden Deut­schen mit der gleichen Zähigkeit wie die Slaven an Mutter­sprache und heimischem Brauche festhielten. Werden aber deswegen die Magyaren von der Regierung und den Be­hörden des Landes, desien Gastrecht sie genießen, so verdäch­tigt wie die Deutschen in Ungarn? Von idealer Gesinnung, die die ungarische Nation in besonderem Maße für sich in Anspruch nimmt, zeugt solches Verhalten durchaus nicht. Es darf wohl auch bezweifelt werden, ob die Mehrheit des un­garischen Volkes das Vorgehen der Verwaltungs- und Ge­richtsbehörden billigt. Deshalb ist es zu begreifen, daß man die Angelegenheit im deutschen Reichstag zur Sprache bringen und den: Staatssekretär des Auswärtigen, vielleicht auch dem Reichskanzler Gelegenheit geben will, sich zu äußern. Eine Reise Kaiser Wilhelms oder des Kron­prinzen nach Budapest, von der von Zeit zu Zeit ge- sprachen wird, dürfte unter den obwaltenden Verhältnissen wohl ausgeschlossen sein.

Politische Tagesschau.

Die hessische Zentrumspreffe beröfsentlichte dieser Tage den Aufruf zum siebten hes­sischen Katholikentag. Derselbe trägt die Unter­schriften der Zentrumsmitglieder beider Häuser des Land­tages, der Vertreter des Domkapitels, der Psarrgcistlichkeit sowie einer großen Anzahl hervorragender Katholiken Hes­sens. Zunächst wird aus den glanzvollen Verlaus des Mannheimer Katholikentages hingewiesen und die Not­wendigkeit betont, die dort gefaßten Beschlüsse in den Einzel­staaten zur Durchführung zu bringen.

Die bevorstehenden Landtagswahlen in Hessen, so heißt es, machten es dem kathol. Volksteil zur ge­bieterischen Pflicht, gerade angesichts dieser wichtigen Entscheidung zu gemeinsamer Beratung zusammen­zutreten. Auch der täglich sich steigernde Kampf gegen die katholische Kirche und das Zentrum mahnten zur Einheit und geschlossenem Vorgehen.

Wenn irgend eine Zeit die Einheit und Einigkeit der Katholiken erheischte, dann ist es die gegenwärtige, in der wir unsere Kirche rings von Feinden umgeben sehen. Auf religiösem Gebiet bekämpst man uns durch Entstellung der katholischen Glaubens- und Sittenlehre, durch schmachvolle Verleumdung des geistlichen Standes. Man will die Katholiken trennen von dem lebendigen Felsen, auf den der Herr seine Kirche gebaut.

Der Ausruf weift ferner auf die leidenschaftlichen Kämpfe hin, die um die Zolltarisvorlage entbrannt sind. Tas Zentrum könne nur einer Politik zustimmen, die das Wohl aller Volksllassen auch in dieser Frage berücksichtige. Auch hierzu müsse der Katholikentag das Bild geschlossener Einheit geben. Eine Massenbeteiligung der katholischen Männer- und Arbeiter-Vereine sowie em starker Zuzug der ländlichen Bevölkerung, besonders aus den katholischen Teilen Rhcinhcssens wird von Zentrumsseile aus erwartet. Eine Reihe hervorragender Parlamentarier sind als Redner gewonnen.

Zolleimrahmen und Matrikularumlagen.

Tie Frage, zu welchen Zwecken die Mehrerträgnisse ver­wendet werden sollen, die man aus der Erhöhung der Zölle, falls eine solche eintreten sollte, erhofft, beginnt trotz ihrer zunächst noch rein akademischen Natur, jetzt, wo die Zolltarifarbeiten wieder im Gange sind, etwas mehr in den Vordergrund zu rücken. Die lÄwägung, daß, wenn erst einmal die geplanten Erhöhungen durch Gesetz festgelegt sind, über die Art der Verwendung am grünen Tische mög­licherweise glatt und leicht entschieden werden könnte, mag dabei bestimmend sein,' zumal die Regierung meint, daß über die Verwendung eckst später Beschluß zu fassen und zunächst der neue Tarif festzusetzen sei mit der Klausel, daß bis auf weiteres auch die erhöhten Zolleinnahmen der Franckenstein'schen Klausel aus dem Zolltarifgesetz von 1879 gemäß zu verwenden sind.

Mas besagt die Franckenstein'sche Klausel? Nach ihr sollen die Nettoeinnahmen des Reiches aus den Zöllen, der Tabaksteuer, der Branntweinverbrauchsabgabe, den sog. Börsensteuern einschließlich des Lotteriestempels, nach Ab­zug von 130 Millionen Mark, welche der Reichskasse ver­bleiben, unter die Einzelstaaten nach dem Maßstab der Be­völkerung verteilt werden. Aber was das Reich derart mit der rechten Hand überweist, das kann es mit der linken Hand mehr oder weniger wieder von den Einzel- staaten einziehen in Form der Matrikular- b eiträge, welche gleichfalls nach dem Maßstab der Be- völlemng umgelegt werden.

Tie Franckenstein'sche Klausel ist bald ein Vierteljahr­hundert in Kraft. Das Reich erhielt 1879 durch den neuen Zolltarif und die Tabaksteuer mehr Einnahmen zugewiesen, als es für seine eigenen Zwecke gebrauchen konnte. Der Wgeordnete Windthorst wollte sich indessen darauf nur einlassen, wenn die Gelder, soweit sie den bisherigen Betrag von 130 Millionen übersteigen, den Einzelstaaten sür Kultur­zwecke zugeführt würden. Ein Reichstagsbeschluß sollte erst erforderlich sein, wenn ein Teil der Ueberweisungen in Form der Matrikularbeiträge dem Reiche Angeführt werden sollte. Aus diese Weise sollte das Recht einer jähr­lichen Bewilligung von Einnahmen, wie es in den Matri- lularbeiträgen gegeben war, dem Reichstag erhalten werden.

Tie Finanzminister der Einzel st aaten klagen über das Anwachsen der Matrikularumlagen und den Rückgang der Ueberweisungen. Eine Reform der Matrikularbeiträge ohne Schädigung ihres Zwecks könnte dadurch, herbergeführt werden, daß man sie dem ursprünglichen Gedanken entsprechend aus einen geringeren Kreis von Reichseinnahmen beschränkt und da­mit die Schwankungen in den Erträgen derselben nicht in dem bisherigen Umfan gedenEinzel st aaten zur Last legt. Auch lassen sich die Matrikularbeiträge reformieren, indem man, wie eS in den ersten Jahren des Reiches der Fall war, den ärmeren Staaten gewisse Nach­lässe bewillig!, während andererseits die Hansastädte stärker herangezogen werden, als es ihrer Kopfzahl entspricht.

Durchsteckereien bei einer juristischen Staatsprüfung.

Die Zeitschrift der Anwaltskammer im Oberlandesgerichts- bczirk Breslau veröffentlicht folgendes Schreiben, das der Justizminister Schönstedt über Durchsteckereien bei der Assessorprüfung an den Vorstand der Anwaltskammer in Naumburg a. S. gerichtet hat:

Im Jahre 1862 hat mein Herr Amtsoorgänger Veranlassung gehabt, dem beklagenswerten Mißbrauch entgegenzutreten, daß mehr- fad) Referendare bei Anfertigung der ihnen für die große Staats­prüfung aufgetragenen Proberelationen das den Akten entheftete Erkenntnis sich anderweitig zu verschaffen gewußt und behufs Täuschung der Justizprüiungskomrnrffion benutzt hatten. Ter Inhalt der damals an die Oberlandesgerichtspräsidenten erlassenen Verfügung ist, jvie ich annchme, zur Kenntnis der Anwaltschaft gebracht 'worden. Neuerdings ist bekannt geworden, daß ein R e ch t s a n w a l t eine Abschrift des Urteils, welches in der einem Referendar zum mündlichen Vortrag in der großen Staatsprüfung zugeteilten Tad)e ergangen war, von einem in der Sache thätig gewesenen Rechtsanwalt erbeten und dem ihm bekannten Referendar zum Zweck der Benutzung übergeben hat. Mitteilungen aus dem Kreis geprüfter Referendare legen die Vermutung nahe, daß dieses Vorkommnis nicht vereinzelt dasteht. Es bedarf nicht der Aus­führung, daß derartige bedauerliche Vorgänge das Ansehen und die Interessen der JustizverwalUmg und der Rechtspflege eriistlich ge­fährden. Bei dem Bestreben, ihrer Wiederkehr mit allem Nach­druck vorzubeugen, glaube ich, die Unterstützung der berufenen Organe des Anwaltslandes in Anspruck) nehmen zu dürfen. An den Vorstand richte ick) daher das ergebene Ersuchen, thimlichst da­hin zu wirken, daß seitens der Rechtsanwälte Gesuchen von Re- fereiidaren und anderen unbeteiligten Personen um Einsichtnahme oder Mitteilung von den Akren und Urteilen in erledigten Sachen nur nad) sorgfältiger Prüfung des Sachverhalts und des Zweckes entsprochen wird." _____

Pferdepreise und Pferdezölle.

Ter Magdeburger Verein für Landwirt­schaft beriet in einer kürzlich abgehaltenen Sitzung über Mittel uni) Wege zur Verbilligung der aus dem Auslande einzuführenden Pferde". Als Referent fungierte der Ritt­meister a T v Plötz, Leiter der in Berlin bestehenden Zentralstelle für Pferdezucht uird Fahrkunde. Er erklärte, es wäre dringend notwendig, daß das Pferdematerial, das besonders aus -Belgien bezogen würde, für Deutschland billiger würde, da die deutsche Landwirtschaft zum großen Teile noch auf ausländisches Material angeiviesen ser. Auch der Mitberichterstatter, Rittergutsbesitzer v. Nathusrus zu Hundisburg, ein Angehöriger der Famrlre, bie sich auf dem Gebiete der Pferdezucht viele Verdienste erworben har, stimmte den Ausführungen des Herrn von Plötz un all­gemeinen bei. Nach längerer Verhandlung nahm der Verein folgende Resolution an:In Anbetracht, daß die Preise,

die jetzt für Ackerpferde kaltblütigen Schlages gezahlt werden, eine unnatürliche Höhe erreicht haben, wir aber, bevor die Zucht des kaltblütigen Pferdes bei uns nicht einen ganz anderen Aufschwung genommen hat, immer noch auf das Ausland angewiesen sind, ist dahin zu streben, daß eine Verbilligung des Pferdes erzielt wird."

Die diese Resolution beschlossen haben, praktische Land­wirte, erkennen an, daß sie auf das Ausland angewiesen sind, und das größte Interesse daran haben, die Pferde, die sie kaufen müssen, billiger zu beziehen. Wie sie dies zu erreichen hoffen, geht aus dem Berichte derMagdeb. Ztg." nicht hervor.

Jetzt wird von jedem mehr als zwei Jahre alten Pferde bei der Einfuhr ein Zoll von 20 Mark erhoben. Nach dem Tarifentwurse sollen Pferde im Werte von 3001000 Mark mit einem Zolle von 75 Mk., im Werte von 100025 000 Mk. mit einem Zolle von 150 Mk. belegt werden, und die Zoll­tarifkommission hat beschlossen, diese Sätze auf 90 und 180 Mark zu erhöhen. Tie Negierung und die Agrarier der Tarifkommission wollen mit der Erhöhung der Zollsätze einen höheren Schutz der einheimischen Pferdezucht, also eine Erhöhung der Preise herbeisühren. Wenn die Preise bei einem Zolle von 25 Mk. schonunnatürlich hoch" sind, so werden sie bei einer Mehrbelastung von 70 oder gar 160 Mark pro Stück noch höher werden.

Eine englische Stimme über die deutsche Flotlenvermehrung.

Nach vielfach einseitigen Erörterungen, die in der eng­lischen Presse über das Ziel der deutschen Flottenvermehrung stattgefunden haben, ist es doppelt zu begrüßen, wenn hoch- angesehene englische Fachleute, wie Sir William Laird Clowes sich der Aufgabe unterziehen, aufklärend in dieser Beziehung zu wirken. Er sagt wörtlich:

Ich beanspruche nicht, über die Ziele, welchen die deutsch» Flotte dienen soll, irgendwelche besondere Informationen zu be- sitzen, auch darüber md)t, wodurch ihre enorme Vermehrung seit 1871 zu stände gekommen ist; aber ick) habe sehr aufmerksam seit vielen Jahren die deutsche Marinepolitik verfolgt; ich 6in mit deutschen Seeoffizieren aller Grade, ebenso wie mit hervorragenden deutschen Armeeoffizieren und Politikern bekannt geworden; und ich habe studiert und zu verstehen versucht, welcheStrategie", wenn ick) so sagen darf, das deutsche Kaiserreich verfolgt. Alles dies hat mich zu der Uederzeugung gebracht, daß das Ziel der deutschen Flotte nicht der Angriff, sondern die Verteidigung ist; und daß des Kaisers Flotte, weit davon entfernt, gegen uns gerichtet zu sein, vielmehr dazu bestimmt ist, wenn Deutschland von einem oder seinen beiden be­drohlichsten Nachbarn Frankreich und Rußland am gegriffen wird, als einberechtigtes Instrument zur Abwehr" nicht nur die deutschen Küsten zu schützen, sondern auck) die Seeherr­schaft zu erringen und den Krieg von See aus in Feindesland zu tragen, um ihn zu schnellem, glücklichem Ausgang zu bringen."

Hierzu wäre nur berichtigend zu bemerken, daß unsere Flotte ebenso wenig wie gegen England gegen unsere un­mittelbaren Nachbarn tm Osten und Westen gerichtet ist. Sie dient gleich dem deutschen Heer lediglich der Aufrechterhaltung unserer Machtstellung und der Wahrung des allgemeinen Weltfriedens.

Aum Konitzer Mord.

In Könitz hatte sich eine Frau, der gewisse Leute, die niealle" werden, nachrühmen, daß sie sich auf allerhand geheimnisvolle Künste verstehe, mit des abgeschiedenen Ernst WinterSeele in Verbindung gesetzt" und von ihrerfahren", daß fünfundv ierzig Juden ihre irdische Hülle ermoroet hätten! Es wurde auch allerlei gemunkelt, daß die Synagoge fürchterliche Keller und ver st eckte Iallthüren besitze. Die Behörde kam, grub, klopfte uni) erklärte, bei ihrer peinlich gewissenhaften Untersuchung nichts Verdächtiges ge­funden zu haben. Schließlich erflärte sich die öffentliche Meinung von Könitz dafür, daß der Kopf des Ermor­deten mit anderen Schädeln unter dem Altar vergraben sein müsse. Die Behörde aber hat nach dieser Richtung Nachforschungen anzustellen für überflHfig erachtet, und jetzt war es der öffentlichen Meinung klar, daß die ganze Untersuchung nur eine Komödie sei, und daß nichts herauskommen sollte . . . Das ritualmordgläubige Könitz triumphierte.

Wer im Gerichtssaale den Aussagen jener Beamten, die die Untersuchung geführt haben, mit einiger Aufmersam- feit folgte, der mußte sich allerdings darüber klar io erben, daß in Könitz nur schwer etwasheraustommen" könne. Ter Bürgermeister Deditius und der Berliner Kriminal­kommissar Wehn, die anfangs die Nachforschungen lei­teten, haben sich obwohl sie an die Möglichkeit eines Ritualmordes kaum glauben dürften mehr von der Konitzer Volksstimme als von einem eigenen Plane leiten lassen. Was sie leisteten, mußte darum Stückwerk bleiben. Hätten sie an den Ritualmord geglaubt, so hätten sie ganz gewiß erdrückendes Beweismaterial gegen die Juden sam­meln können, wie ja auch zur Zeit der Hexenprozesse für alle Hexengläubigen der Beweis heimlicher Buhlschaften mit dem Teufel unzähligemal erbracht worden ist. Offenbar glaubten aber die beiden Herren, durch die Verfolgung aller Gerüchte die Bevölkerung beruhigen zu tonnen. Mir diesen angeblichen Bemühungsversuchen haben sie viel schöne Zeit verloren, und dieser Zeitverlust ist dem Mörder offenbar sehr angenehm gewesen. Hatte er doch leichtsinnig genug gewirtschaftet; durch die Art, wie er den, Leichnam behan­delt hatte, durch Schnitte und 'Mhte, durch Hinterlassung von Packleinwand, Packpapier und Zeitungsfetzen verschie- dener Sorten hatte er so weitreichende Spuren seiner Per­sönlichkeit hinterlassen, dar) geraoe nur noch die^ Visiten­karte fehlte. Die allerdings hat man in der Synagoge, I nicht vergraben gefunden.